Mittwoch, 30. Dezember 2015

Wie war das noch mit den guten Vorsätzen?

Gerade habe ich mir die Zeit genommen, die Blogs meiner freundschaftlich verbundenen NachbarInnen durchzuschauen. Und dabei ist mir eines aufgefallen (vielleicht habe ich dies und das auch einfach nur übersehen): In der ganzen Zeit, die wir hier jetzt schon so unverdrossen bloggen, gab es an jedem Jahresende, manchmal schon Mitte Dezember, einen Jahresrückblick. Auch ich hatte diesmal einen solchen Rückblick schreiben wollen, und zwar nicht so einen "Meinefünfbestenbilder-Rückblick", den Facebook seinen Nutzern offeriert. Jetzt merke ich, dass ich es nicht kann. So wie ich auch bei den Schreckensszenarien der weltweiten terroristischen Bedrohung und den täglichen Berichten über die Flüchtlingskrise oft keine Worte fand. Und doch war das Jahr 2015 auch im privaten Sektor eine Zeit der großen Umbrüche. Es gab Abschiede und deren Folgen, die bis heute nachwirken. Im Juni hatte ich eine Veröffentlichung im Self Publishing und schreibe seitdem als freie Autorin weiter, nachdem ich meinen Beruf mit Ehren an den berühmten Nagel hängen konnte. Es gab Wetterextreme bis in den Dezember hinein und neue Impulse für das Urheberrecht. Im Sommer lernte ich eine seidig glänzende weiße Katze kennen, die unaufgefordert in meine Wohnung spazierte und die ich inzwischen wieder zur "Besucherkatze" erzogen habe, die ich gar nicht mehr missen will. Statt das wachsende Angebot der digitalen Medien für mich auszuweiten, habe ich wieder angefangen, täglich die Zeitung zu lesen. An Weihnachten fing ich an - erstmalig nach mindestens fünfzehn Jahren - Vanillekipferl und Kokosmakronen zu backen, die mir auch gelungen sind. Unter anderem bekam ich ein Kästchen mit "literarischen Momenten" nebst Zettelkasten geschenkt, dazu Kalender und ein mediterran-orientalisches Kochbuch. Wie immer, habe ich mir für das neue Jahr keine guten Vorsätze ausgedacht. Oder doch?

In der heutigen Ausgabe des Blättles wird ein Psychologe namens Walter Mischel von der Columbia Universtity in New York zu eben diesem Thema interviewt. Die Frage ist, warum viele Menschen das, was sie sich vorgenommen haben, nicht auf die Dauer umsetzen können. Er begründet das mit dem "heißen" und dem "kalten" System im Gehirn. Das heiße ist das limbische System, das schon früh in der Evolution entstand. Es ist der primitive Teil mit der mandelförmigen Amygdala, die starke Emotionen, Angst und Freude hervorruft. Das kalte System befindet sich im "präfrontalen Kortex", also direkt hinter der Stirn. Damit können wir analysieren und die Folgen unseres Tuns abschätzen.  Steht man nun unter Stress, fährt dieses limbische, heiße Sytem hoch und schaltet das kalte sozusagen aus. Wenn man es schafft, sich runterzukühlen, kann das kalte System wieder greifen. Selbstkontrolle ist das Wiedereingreifen des kalten Systems. Das macht Mischel an einem ganz einfachen Beispiel deutlich: Wenn man zum Beispiel den Hunger auf Süßes kontrollieren wolle, reiche es nicht, sich zu sagen, das mache dick und man werde keinen Nachtisch im Restaurant bestellen. In dem Moment, wo das Mousse au Chocolat vom Kellner vorbeigetragen werde, sei es um einen geschehen. Nachhaltiger wäre ein konkreter "Wenn-dann-Plan". "Wenn die Frage nach dem Dessert kommt, werde ich Fruchtsalat bestellen. Oder man treibt jeden Tag zu einer bestimmten Zeit Sport, bis es "sitzt" wie das Zähneputzen. Mit solchen Strategien könne man das heiße System kontrollieren, ohne es außer Kraft zu setzen, denn es ist ja ein Kernpunkt unseres Lebens, ohne den Genuss, Freude, Liebe und Schmerz nicht möglich wären. Das Einzige, was ich mir vorgenommen habe, ist der Wunsch, wieder mehr zu kochen. Es war früher eine Leidenschaft und hat sich durch das extensive Schreiben arg reduziert. Andere Vorlieben wie Wandern, Fotografieren, Schwimmen, Lesen sind noch in genügendem Maße da, könnten aber weiter ausgebaut werden.




Donnerstag, 24. Dezember 2015

Schöne Feiertage

Vor Jahren waren wir in Gönningen/schwäbische Alb in diesem speziellen Weihnachtsgarten - und wie man sieht, gab es sogar Schnee. Hiermit wünsche ich allen meinen Lesern nah und fern entspannte Feiertage und eine gute Zeit zwischen den Jahren! Eine wie immer hektische, aber auch irgendwie entrückte Zeit.

Montag, 21. Dezember 2015

Die Wertschätzung der Verlage

Unlängst erhielt ich die erste Weihnachtskarte dieses Jahres. Und ratet mal, von wem sie kam? Von dem Lahrer Verlag, bei dem ich vor elf Jahren meinen ersten Roman veröffentlicht habe! Seit elf Jahren erhalte ich diese Weihnachtspost, und ich muss sagen, dass ich diese Geste außerordentlich schätze. Weil mir damit Wertschätzung für die einstige Zusammenarbeit gezeigt wird, auch wenn die Rechte längst wieder bei mir angekommen sind. Es gab auch keinerlei Schwierigkeit, diese Rechte zurückzuerhalten. Kurze schriftliche Bestätigung nach ein paar Jahren, E-Book war damals noch kein Thema. Eigentlich kein Wunder, dass wir an jenem Tag einen Ausflug in den Schwarzwald machten und in der festlich glänzenden Stadt Lahr landeten. Es war der gleiche Weg wie damals, durchs Kinzigtal und dann vorbei an der Ruine Geroldseck, durch tiefe Täler, über Gebirgsrücken mit rotem Fels hinunter nach Lahr. Einen ganzen Tag hatten wir dort verbracht, inklusiv Mittagessen mit der Lektorin. Und im Rückblick muss ich sagen: Es war das intensivste und nachhaltigste Veröffentlichungserlebnis meiner Laufbahn. Diese Wertschätzung habe ich bei späteren Verlagen vermisst, abgesehen vielleicht von meinem damaligen Agenten. Bei diesen Verlagen hatte ich immer das Gefühl, wenn sich die Bücher nicht so toll verkaufen wie das erste, bist du nichts mehr wert für den Verlag. Und die Ebookrechte für die am besten verkäuflichen wurden natürlich einbehalten. Vielleicht ändert sich das ja in Zukunft. Wie viele Autoren bestimmt schon mitbekommen haben, wurde am 5. Oktober 2015 eine Novelle in den Bundestag eingebracht, mit der die Rechte der Autoren verstärkt werden sollen. Zum Beispiel gäbe es dann die Möglichkeit, nach 5 Jahren (statt nach weit über 70 Jahren über den Tod des Autors hinaus) seine Rechte zurückzufordern, um sie einem anderen Verwerter anbieten zu können. Das hat jetzt zu einer heftigen Diskussion zwischen Autoren und Verlagen geführt - eine Autoreninitiative rief sogar zu einem Protestbrief an die Regierung auf, nachzulesen im öffentlichen Bereich des Autorenforums Montsegur. Ich verfolge das weiter, weil ich die Initiative des Justizministeriums für einen Schritt in die richtige Richtung halte. Und ich hoffe, dass es eine Einigung geben wird, denn Krieg haben wir schon genug auf der Welt.

Samstag, 12. Dezember 2015

Oasen

Gestern Abend wollte ich einen neuen Artikel verfassen. Er sollte von den Veränderungen handeln, die sich bei einem Individuum aufgrund der allgemeinen Schieflage der Welt und des einzenen Lebens ergeben können. Vorher schaute ich noch auf einem meiner Lieblingsblogs vorbei und sah: Da hatte jemand schon genau über dieses Thema geschrieben! Petra van Cronenburg schreibt eine Vorweihnachtsserie über Mehr Licht - "Reset" für die Welt. Anlässlich eines Computercrashs und Ausfall fast sämtlicher digitaler und analoger Kommunikatiosmöglichkeiten kommt sie zu dem Schluss, dass es der gesamten Welt gut tun würde, ab und zu mal auf einen solchen Resetknopf zu drücken. Und auch zu anderen bemerkenswerten Schlüssen, die es wert sind, nicht nur einmal gelesen zu werden. Jetzt frage ich mich, worüber ich selbst eigentlich schreiben wollte. Ja, über Veränderungen bei sich selbst, wenn man den höchst besorgniserregenden Zustand der Welt schon nicht ändern kann.Unlängst sah ich - nicht zum ersten Mal - einen Film über eine Stadt aus tausendundeiner Nacht: Marrakesch. Die Bilder dieser Landschaft und der Oase drum herum haben mich so in den Bann geschlagen, dass sie mich nicht mehr losließen. Es begann auf dem Suk, wo die Berichterstatterin Gewürze probierte, rote, gelbe, braune, ockerfarbene, Ingwer und Kardamom, Kreuzkümmel, Kurkuma und Chili, Anis und Gewürznelken, Muskatnuss, Safran und Zimt, um nur einige zu nennen. Sie fuhren mit einem Ballon über die Landschaft, hinter dem Atlasgebirge erstreckte sich die unendliche Wüste, sie besuchten prächtige Paläste, ahlten sich in luxuriösen Bädern und ruhten sich in schattigen Innenhöfen zwischen Palmen, Oleander und  Orangenbäumen aus. Dann ging es natürlich ans Essen, und das war der Hammer für mich. Ein simpler Hühnerschenkel wurde in eine Tajine gesteckt, dann immer wieder mit Arganöl beträufelt (das ist eine Nuss, die nur in Marokko vorkommt), Zitrone dazu, Zwiebeln, Knoblauch und verschiedenste Gewürze, darunter frische Kräuter wie Koriander Petersilie und Rosmarin. Was nachher herauskam, war eine duftende Köstlichkeit, die mich auf der Stelle dazu verführte, das auch probieren zu wollen. Schon am nächsten Tag machte ich es wahr, und tatsächlich, es schmeckte auch so, wie es ausgesehen hatte! Und schon war der Wunsch geboren, dort einmal hinfahren zu wollen, sofern die Reisewege es zulassen würden. Wie kann man mit Nationen, die solche Kunstwerke vollbringen, die unsere Kultur über Jahrhunderte hindurch so sehr bereichert haben, verfeindet sein und Kriege mit ihnen führen?

Es ist etwas hängen geblieben von diesen sensorischen Erlebnissen.  Die digitale Vernetzung ist auch aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken, aber ich habe jetzt meinen keinen Resetknopf, auf den ich immer drücken kann, wenn mich die Ereignisse fortzuschwemmen drohen. Ich kann Zeitung lesen, anstatt immer nur in die viereckigen Kästen zu starren. Ich kann einen kleinen Markt in der Nähe besuchen, mit einem Gemüsestand, einem Käsewagen, eine Wursttheke und einer Bäckerei, kann etwas kaufen, das es in den Supermärkten so gar nicht mehr gibt wie Grünkohl, Steckrüben, einen riesigen Bund Karotten und Kartoffeln, an denen noch die Erde klebt. Ich kann mich fernhalten von den Massenströmen, kann in Sonne und Nebel spazierengehen auf den Höhen und in den Tälern, kann mit Menschen sprechen, habe ein halbes Dutzend Weihnachtskarten gekauft, die ich auch noch beschriften werde, ganz ungewohnt nach den digitalen Klicks der letzten Jahre, und ich kann
vor allem eins: mit allen Sinnen in der Welt sein. Den Titel habe ich jetzt in "Oasen" geändert.
                                           
                                                                

Samstag, 5. Dezember 2015

Kann man Geduld lernen?

Wer kennt das nicht: In der Schlange an der Supermarktkasse stehen, gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit, hinter einem träge dahinschleichenden Auto herfahren, das man nicht überholen kann, warten, bis das Eierwasser kocht? Ich selbst war schon immer ein extrem ungeduldiger Mensch. Ständig ging mir immer alles viel zu langsam. Du bist zu ungeduldig, wurde mir oft gesagt. Wenn mir als Kind eine Bastelei nicht sofort gelang, habe ich sie hingeschmissen. Später, als ich regelmäßig mit dem Computer arbeitete, zeigte sich das ganze Ausmaß meiner Ungeduld. Auch hier ging alles viel zu langsam, dann stürzte er auch noch ab, oder ein Text verschwand auf Nimmerwiedersehen in der Datenhölle. Da hätte ich manchmal schon am liebsten ins Sofa gebissen oder Rumpelstilzchen gespielt! Dann brauchten meine Mitmenschen, unter anderem die Verlagsmitarbeiter, immer eine Ewigkeit für Entscheidungen. Nur deswegen war ich manchmal versucht, alles hinzuschmeißen.

Die härteste Geduldsprobe war eine Kopfoperation, der ich mich vor dreißig Jahren in der Mainzer Uniklinik unterziehen musste. Da wurde ich drei Mal wieder nach Hause in den Schwarzwald geschickt und musste auch nachher noch ewige Wartezeiten über mich ergehen lassen. Damals hatte ich mmer mein Strickzeug dabei, selbst in der Intensivstation.

Auf der anderen Seite wird mir immer wieder extreme Geduld bescheinigt, besonders, was meine Arbeit mit Menschen betraf und eigentlich auch mein Schreiben betrifft. Ich möchte da einmal die Begriffe trennen. Das eine ist Langmut, das andere die kurzfristige Geduld, würde ich sagen. Dazu habe ich einen Artikel gefunden, der ein Experiment beschreibt. Alles kommt zu dem von selbst, der warten kann.  Kindergartenkinder bekamen einen Marshmallow vorgesetzt, und es wurde ihnen gesagt, dass sie ihn gleich essen könnten oder aber später, wenn der Versuchsleiter wiederkommt, dann bekämen sie noch einen. Es ist rührend zu sehen, wie die Kinder mit der Geduldsprobe umgingen. Und natürlich entwickelten sich die geduldigeren Kinder später als erfolgreicher und gesünder. Man könne als Erwachsener die Fähigkeit zur Geduld nicht grundsätzlich neu lernen, jedoch könne man sie nachbessern. Auf der anderen Seite habe die Ungeduld auch kreative und fortschrittliche Funktionen. Wäre ich nicht so ungeduldig gewesen, hätte ich nicht so viel an Geschriebenem produzieren können. Und hätte ich keinen Langmut besessen, hätte ich weder auf Verlage noch auf Agenten warten noch selber publizieren können. Und hätte meinen schönen, aber nicht leichten Job hingeschmissen. Vielleicht ist es doch die richtige Mischung?

Ach ja, es gibt ein paar Tätigkeiten, bei denen ich große Geduld zeige. Beim Zuhören. Beim Lesen. Beim Schreiben und sogar beim Kreuzworträtsellösen, womit ich meine Geduld sogar trainieren kann.

Donnerstag, 12. November 2015

Inspirierende Martinsgans

Gestern Abend war es endlich so weit: Das lang verschobene Abschiedsessen, das der Vorstand meines Verein für mich geplant hatte, fand in einem renommierten Gasthaus statt. Der 11. 11., Martinstag und Martinsgans, und Beginn der närrischen Zeit. Die Atmosphäre war sehr locker und aufgeräumt, es wurden keine Reden gehalten und keine Geschenkkörbe vergeben (das war alles schon mehrmals geschehen). Meine Funktion als Pressesprecherin bzw.-schreiberin wurde noch einmal hervorgehoben. Und so kann ich jetzt auch in dieser Sache einen Artikel für die Presse schreiben. Neben einer angeregten Diskussion des Zeitgeschehens wollten die KolleInnen natürlich auch wissen, wie es denn jetzt so sei - frei von allen Verpflichtungen. Ich sagte es so, wie es ist: dass ich eine glückliche Rentnerin sei und nichts vermisse. Dass es absolut schön ist, an Tagen wie diesen einfach oben auf der Höhe spazieren zu gehen, ohne auf die Uhr schauen zu müssen. Und zu schreiben, ergänzte eine Kollegin. Denn natürlich wussten immer alle, was ich nebenbei so trieb. Die Themen der historischen Romane, wie Kirche und Missbrauch oder die Einrichtung eines Gottesstaates haben ja durchaus einen aktuellen Bezug, wie in der Runde bemerkt wurde. Meine Schilderung der aktuellen Situation auf dem Buchmarkt rief Erstaunen hervor. Und mein so schlecht verkäuflicher Mörike wurde einerseits gelobt, andererseits hätte man ihn gern als Printausgabe von mir gekauft. Das bringt mich allerdings ins Grübeln, denn ich besitze nur noch zwei Exemplare. Auf die Frage, was ich gerade schreibe und wie es weitergeht, sprach ich nur vage von meinen Plänen, weil die noch nicht ausgereift sind. Thriller oder Krimi, Wanderbuch, auch ein Buch über die Psychiatrie im Besonderen, zusammen mit meinem Kollegen, wären möglich. Ach ja, erinnert sich jemand daran, dass es auch noch einen fertigen Krimi gibt mit dem Titel "Martinsmorde"? Da kommen auch diese Martinshörnle vor, die es an diesem Tag überall zu kaufen gibt.
Zur Situation der Autoren und der Verlage noch ein Interview mit dem Autorenberater Stefan Wendel



Sonntag, 8. November 2015

Kleine Freuden

Stromberger Weinberg im Winter
Nun haben wir den Altweibersommer doch noch einmal zurückbekommen. Und gestern juckte es uns in den Reiseschuhen, endlich mal wieder einen Ausflug in unsere Umgebung zu machen. Alles, was lange wohlbekannt war, erschien in einem völlig neuen Licht - das Nagoldtal mit seinen endlosen Windungen und den schönen alten Städten wie Wildberg, Calw und dem Badeort Liebenzell mit seinem reizollen Kurpark. Im "Kupferhammer" am Rand der Stadt Pforzheim hielten wir spontan an und genehmigten uns eine Latte Machiato im Biergarten. Dazu einen Teller mit Apfelküchle, Vanilleeis und einer Art Blaubeerkompott. Mir fiel ein, wie ich diese Küchle früher für meinenSohn hergestellt habe. Die Kerngehäuse ausstechen, die Äpfel in Scheiben schneiden und durch einen Bierteig ziehen. So werden sie richtig knusprig! Auf dem Weg nach Bauschlott stand - wetten dass! - wieder der Bauer mit seinen Kartoffeln und Gemüsen. Diesmal ging es jedoch nicht nach Maulbronn, sondern Richtung Ötisheim. Dort fanden wir einen Wanderweg, der zunächst als staatlicher Forstweg durch einen bunten Buchenwald führte. Späte Stockschwämmchen wucherten an Baumstümpfen, ein Tintling zerfloss am Wegesrand. Viele Menschen wuselten im Wald herum, nicht umsonst hieß die Gegend "Reisig", das heißt, die Leute holen sich ihre Tannenzweige und ihr Holz für daheim und für die kommenden Advents - und Weihnachtsmärkte. Der Rückweg führte durch eine Art Allee von Eichen, die zum Feld hin gebogen waren. Ich frage mich immer, warum sie zum Feld hin gebogen sind und nicht zum Wald, denn der Wind kommt doch von vorn. Dasselbe Phänomen beobachte ich am Trauf der schwäbischen Alb, wo die glattstämmigen, kleingewachsenen Buchen alle zum Abgrund hin wachsen. Auf jeden Fall ist der Stromberg eine relativ unverbaute Gegend, mit vielen Weinbergen, Feldern, Wäldern, Bächen und schönen alten Weinorten. Von so einem Ausflug komme ich immer völlig aufgetankt zurück. Ich kann mich dann in meine Bude setzen und mich über das neue Ambiente freuen, das ich geschaffen habe. Apricotfarbene Wand, neue Bilder in Rahmen. Und nach dem Wechsel nach draußen geht das Schreiben auf einmal wieder viel zügiger!

Sonntag, 18. Oktober 2015

Warum sich viele nicht abgrenzen können

Die Besucherkatze, inzwischen wohlgenährter
Aus gegebenem Anlass hatte ich den Kurs "Abgrenzen", der an diesem Wochenende im Kloster Heiligkreuztal stattfand, abgesagt. Dabei ist das Thema natürlich nach wie vor hochaktuell für mich. Auf Anhieb habe ich dazu den Artikel einer Psychologin und Psychotherapeutin gefunden, die den Komplex kurz, prägnant und übersichtlich darstellt. Abgrenzen Es lässt sich auf eine ganz einfache Formel bringen: Wer in seiner Kindheit und Jugend immer wieder Grenzüberschreitungen ausgesetzt war, wird sich auch später im Erwachsenenalter schwer abgrenzen können. Er wird auch die Grenzen anderer verletzen, weil er kein Gespür für die eigenen hat. Selbst das früher übliche "Teller aufessen" ist eine solche Grenzverletzung und alles, was einem Menschen gegen seinen Willen aufgedrückt wird. Woran merke ich, dass meine Grenzen verletzt wurden? Ich spüre Ärger, habe ein Ziehen im Bauch, fühle mich unwohl und über den Tisch gezerrt. Was hindert mich daran, mich dagegen zu wehren? In erster Linie sind es Schuldgefühle. Viele Menschen auf der Welt müssten hungern, und du isst nicht mal das, was auf deinem Teller liegt. Was, ihr feiert grundsätzlich kein Weihnachten? Dann bringe ich dir aber ein Tannenbäumchen mit, sonst ist das doch so traurig. Woran merke ich, dass ich die Grenzen anderer verletze? Wenn sie ein Gespür dafür haben, werden sie sich dagegen verwahren. Wenn nicht, werden sie alles tun, was andere von ihnen verlangen. Während meiner beruflichen Tätigkeit als Sozialtherapeutin habe ich gelernt, mich abzugrenzen. Manchmal genügt es schon, wenn man mehr Nachdruck in seine Stimme legt. Dadurch werden die wahren Gefühle sichtbar, die man in einer bestimmten Situation hat.

Zur Zeit erlebe ich eine ziemlich skurrile Art der Grenzverletzungen. Seit Wochen bekomme ich täglich Besuch von einer streunenden Katze. Anfangs wusste ich nicht, was sie eigentlich von mir wollte. Sie miaute vor der Tür, und wenn ich sie öffnete, kam sie herein geschossen und lief gleich wieder hinaus. Es dauerte eine Zeit, bis ich begriff, dass ich ihr oben auf der Terrasse meiner Nachbarin etwas in die Schüssel tun sollte. Da saßen schon zwei Katzen da, diese weiße, dünne und eine dickere schwarze. In den nächsten Tagen sprach ich mit meinen Nachbarn und erfuhr, dass sie eine Nummer im Ohr hätte und und zu einem Haus in der Nähe gehören würde. Ich solle die Katze wegjagen, wenn sie aufdringlich wird. Die Besuche wurden fortgesetzt. Die Katze miaute so herzzereißend, dass ich weich wurde, sie hereinließ und ihr draußen Reste zum Essen hinstellte. Nach dem Futtern verschwand sie sofort wieder. Jetzt war also klar, was sie wollte. Ausschlaggebend war dann der Umstand, dass ich sie morgens zusammengerollt in einem Busch fand. Jetzt war mein Mitleid vollends geweckt. Sie wurde zutraulicher, schlief auch einmal in der Wohnung, als es draußen bitter kalt war. Aber ihr Verhalten gefiel mir nicht. Sie schnurrte nicht, schleckte sich die ganze Zeit nur ab und zerkratzte mein Sofa. Ich habe ihr dann das, was ich an Katzenverträglichem da hatte, rausgestellt. Einmal kaufte ich sogar Katzenfutter. Kein gutes Arrangement, ich weiß. Ich hätte versuchen sollen, den Besitzer ausfindig zu machen. Meine Nachbarn gaben ihr nichts mehr, deshalb wurde die Belagerung meiner Tür immer stärker. Sie trappelte mit den Füßen, um den Milchfluss anzuregen. Einmal lag eine tote Spitzmaus im Garten, und einmal ohrfeigte sie die schwarze Katze barbarisch, weil die auch in meine Küche wollte. Wann immer ich eine Tür zum  Lüften öffnete, kam sie schon herein wie ein weißer Blitz, selbst spät in der Nacht. Ich glaube, dass sie es mit ihrem Verhalten in der ganzen Nachbarschaft versaut hatte, denn die Belagerungszeiten bei mir wurden immer länger. Sie sprang auf den Stuhl, miaute, sie haute mit den Pfoten gegen die Scheibe und riß mit den Zähnen an der Türfassung. Als das nichts fruchtete, sprang sie auf Fensterbrett und miaute in die Wohnung rein. Heute hatte ich die Schnauze gestrichen voll. Ich habe die Tür aufgemacht und sie angeherrscht, dass sie jezt endlich mal verschwinden solle. Das habe ich noch mal wiederholt, und erst dann hat es gewirkt. Sie trollte sich dann zur Nachbarin hinauf.

Dienstag, 13. Oktober 2015

Das Weißkittel-Drama

Es gibt auch noch ganz andere Gründe für Schreibblockaden als die Unstimmigkeit des Plots, die Angst vor Misserfolg oder der Zeitmangel wegen des Ebook-Marketings. So können es, und das bestätigen Schreiberfahrene, auch Widrigkeiten im persönlichen Umfeld sein, die einen vor dem leeren Monitor hocken lassen. Vor einiger Zeit hatte ich über die Zustände der medizinischen Versorgung vor allem auf dem Land berichtet. Da ging es um die fehlenden Praxen und die totale Überlastung der Hautärzte. Es endete damit, dass dem Patienten in der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses die doppelte Dosis Cortison verabreicht wurde, und schon ein paar Tage später war der ganze Spuk vorbei. Zur Nachuntersuchung hatten wir noch einen Versuch frei, in der benachbarten Bischofsstadt. Der Schuss ging ebenfalls daneben.

Nun, neue Krankheit, neue Weißkittel-Erfahrungen. In einer Universitätsstadt wie Tübingen mit ihren berühmten Unikliniken würden wir bestimmt auf der sicheren Seite sein. Wenn ich mich auch vage daran erinnerte, dass die Zahn- und Kieferklinik, zu der uns ein Not-Zahnarzt einmal schickte, abends einfach geschlossen war. Nun, die Öffnungszeit wurde auf der Homepage "bis 17.00" angegeben, so dass wir uns um Punkt drei dort einfanden. Überall mürrische Gesichter, ein ausgestreckter Zeigefinger zur Uhr: "Wir haben bloß bis 15.00 Sprechstunde!" Eine kleine Chinesin im blauen Kittel hatte dann ein Erbarmen. "Müssen hier warten, ich kläre das." Wir sollten zur BG, der berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik auf dem Berg, dort würden wir erwartet. Wurden wir aber nicht, sondern mussten zur Anmeldung. Sehr freundlich, man hörte sich die Sorgen des Patienten an. Dann mit dem Fahrstuhl, der schwer zu finden war, auf die Station. Dort hatte man von Tuten und Blasen keine Ahnung. Warten vor dem Arztzimmer. Nach zwei Stunden wollten wir gehen, aber dann wurde der Arzt angerufen (zu Notfällen unterwegs). Nochmal warten. Um 17.00 kam der Wagen mit dem Essen, genau derselbe wie anno dazual, als die Autorin noch ihr freiwilliges soziales Jahr in derTübinger Orthopädie machte. "Heute Currysuppe" stand da drauf. Jetzt ging gar nichts mehr. Als wir zum Ausgang strebten, kam der Stationsarzt plötzlich um die Ecke. Sehr freundlich, sehr kompetent, auch der Ober- und der Chefarzt. Untersuchung, diagnostische Verdachtsäußerungen. Wenn der Patient am nächsten Morgen um Punkt 8 da sei, käme er sofort dran (in der Zahnklinik), sonst müsse er bis zu 5 Stunden warten. Wegen überlanger Staus wurde es dann doch 8.15, woraufhin der Modus "Warten" wieder angesagt war. Der diensthabende Arzt hatte keine Ahnung, was er tun sollte, obwohl auf der Überweisung alles drauf stand-Computertomografie usw. Im Gegenteil, er überschüttete den Patienten mit Vorwürfen, dass er erst jetzt gekommen sei. Dabei hatten alle Ärzte das Ding nicht für etwas Ernsthaftes gehalten und zum Abwarten geraten. Horrorvorstellungen! Wie halten andere, noch viel schlimmer Kranke denn so etwas aus? Neues Spiel über Krankenhaus-Notdienst und Hausarzt. Nein, leider führt kein Weg an Tübingen vorbei. Diesmal die HNO auf dem Schnarrenberg. Und welch ein Wunder, der Patient musste eine Nummer ziehen, kam fast sofort dran, und schwupp!, hatte er einen Termin für Donnerstag zur Operation. Und die Moral von der Geschicht: Überleg dir genau, welche Krankheiten du bekommen willst! Frauen - und Zahnärzte gibt es zuhauf. Alles andere kann dir den Besuch eines Horrorfilms ersparen, in dem ein Patient stunden- und tagelang durch aseptische Flure torkelt, von abwechselnd netten und bösen Gesichtern angestarrt und belehrt wird, zusammenbricht und schließlich im Parkhaus aufwacht, aus dem er dann nicht mehr herausfindet.

Sonntag, 11. Oktober 2015

"Der eilige Gral der Ebookwelt"

In den letzten Tagen habe ich mir wiederholt überlegt, warum in letzter Zeit alles zu stagnieren scheint. Und kam zu dem Schluss, dass es nicht die Umstände sind wie der Herbst, der jetzt mit Macht und Hochnebeln angedampft kommt. Es scheint alles zu stagnieren, weil sich bei mir zu viel um die Sichtbarkeit (und damit die Vermarktung) der E-Books dreht. Das und die Veröffentlichungsprozesse haben seit Monaten meinen Schreibfluss, in dem ich eigentlich so dreizehn, vierzehn Jahre lang drin war, paralysiert. Dazu fand ich noch einen erhellenden Artikel der Plattform Sobooks vom Januar dieses Jahres. Ein Blogger namens Sascha Lobo beschreibt das Problem, wie Bücher, insbesondere Ebooks, vom Leser eigentlich gefunden werden sollen. Man kann sie ja nicht hochhalten oder sehen, wie andere Leute es lesen. Es liegt in keiner Buchhandlung oder wenn, dann nur in den digialen Regalen dieser Buchhandlungen via Tolino und anderer Distributoren. Und auch dort sind sie schwer zu entdecken, weil es keinen Stapel gibt. In den Buchhandlungen entdecke ich Bücher, wenn ich mir sehr viel Zeit nehme beim Stöbern. Wenn ich wenig Zeit habe, nehme ich die Bücher, die mir ins Auge fallen. Und darum dreht sich der Großteil des Problems, nachdem alle anderen Hürden erfolgreich genommen sind: Das Schreiben eines Buches, das Finden eines Verlages oder einer Agentur, das Lektorat, das Cover, der Klappentext. Und dann eben die Vermarktung. Das Gleiche gilt für die selbst publizierten Ebooks. Schreiben, Lektorat, Korrektorat, Cover, Klappentext. Und dann eben wieder die Vermarktung. In dem Blogartikel kommt der Autor zum Schluss, dass folgende Kriterien wichtig wären, um Bücher/ Ebooks sichtbarer zu machen:

. soziale Medien und E-Books müssen viel näher zusammenrücken: Bücher in den Newsfeed!
• die (digitale, soziale) Beziehung zwischen Autoren und Publikum ist einer der wichtigsten Schlüssel
• die Empfehlungsmöglichkeiten zwischen Lesern müssen technisch vereinfacht und qualitativ verbessert werden
• die essentiellen Diskussionen um Bücher brauchen einen organischen, nachvollziehbaren Ort
• und das E-Book braucht eine neue, zusätzliche Form des Leseerlebnisses, weil bisher Abgeschiedenheit Trumpf ist.

Das klingt plausibel. Und ich meine, so etwas schon vor Jahren bei einer meiner werten Blognachbarinnen gelesen zu haben. In den zahlreichen Kommentaren zu dem Artikel die ich quergelesen habe, kommt der Einwand: Ich lese aber im Zug und sonstwo nicht, um das Erlebnis mit anderen zu teilen! Ich will meine Ruhe haben beim Lesen. Nehmen wir einmal an, ich nehme mit meinem Buch an verschiedenen Leseforen teil und teile auch meine Erfahrungen als Leserin in solchen Foren. Dazu unternehme ich andere Aktivitäten, um mein Buch unter die Leute zu bringen. Das Ergebnis wäre eindeutig: Ich hätte noch viel weniger Zeit und Energie, neue Bücher zu schreiben. Es sei denn, ich würde das mit anderen zusammen machen. Ich will aber auch beim Schreiben meine Ruhe haben, denn sonst wäre ich ziemlich total in der digitalen Welt gefangen, was ich nicht will. Habe ich nicht immer gesagt, es gebe eine Realwelt neben der digitalen?

Ich weiß noch nicht so richtig, was ich machen werde. Ein Satz haftet mir im Gedächtnis, den ich einst bei unserer Kollegin Sabine Schäfers las: Autoren, die aufs Ranking starren. Und ich meine, Matthias Matting habe kürzlich erwähnt, dass er jemanden kenne, der nicht mehr schreiben könne vor lauter Rankinggucken. Vielleicht sollte ich alle Favoriten löschen, die sich damit befassen. Und mich in Zukunft nur noch mit den Dientleistern verbinden, die meinen Büchern die für sie maximale Sichtbarkeit verschaffen können, egal ob digital oder gedruckt.

Demnächst in den Onlineshops von Thalia, Weltbild, Hugendubel und vielen mehr:

Montag, 31. August 2015

Was wir können

In der Diskussion über meinen Blogartikel der letzten Woche Das Ende der Ungeduld kam noch einmal die Frage nach Sinn und Zweck von Pseudonymen auf. Dass sie in bestimmten Fällen sicher gerechtfertigt sind, zum Beispiel bei erotischer Literatur oder bei Thrillern, die völlig aus der bisherigen "Marke" des Autors herausfallen. Vielleicht gibt es auch Namen, die von vornherein ein bisschen aufgepeppt werden können-und dabei kann man dann auch bleiben. Wenn ich Lieschen Müller heißen würde, wäre mir "Christa S. Lotz" dann doch einen Tick lieber. Novalis ist als Novalis klangvoller in die Literaturgeschichte eingegangen als mit dem Namen Friedrich von Hardenberg. Die andere Frage war die nach der Bekanntheit eines Autors, und dass er sich mühsam mit einem fremden Namen neu aufbauen muss, wenn er ein Pseudonym annimmt. Ich kenne zwar einen, der erst mit dem Pseudonym zum Bestsellerautor avancierte, aber auch nur, weil sich Agent und Verlag stark für ihn eingesetzt hatten. Bei Normalautoren sehe ich eher eine Art Zerstückelung des Namens. Ich als Leserin kann mir auf Teufel komm raus nicht merken, welcher mir bekannte Autor hinter einem Pseudonym steckt. Es sei denn, er ist mir so bekannt, dass ich einfach alles über ihn weiß, vor allem das, was er kann. Dabei kam für mich die Frage auf, was ich eigentlich kann.

Es gab Zeiten, da war ich so überkandidelt, dass ich glaubte, alles schreiben zu können, was ich wollte. Das stimmt aber nicht, wie ich im Lauf der Zeit merkte, und es ist auch dem leichten Größenwahn ensprungen, den viele Autoren zu entwickeln pflegen. Ich selbst wollte immer etwas bewegen mit meinem Schreiben, innerlich und äußerlich. Mit meinen Zeitungsartikeln habe ich viel bewegt, es gab sogar Offiziere und Bürgermeister, die öffentlich mit uns in den Medien diskutierten. Bei einer Kurzgeschichte gab es einen Leser, dem während des Lesens der Griffel aus der Hand gefallen sei. Und selbst Trauerreden kann ich schreiben, wie sich jetzt in Hamburg zeigte. Von einem professionellen Redner vorgetragen, wirkte sie so nachhaltig, wie ich es noch nie vorher erlebt hatte. Vor allem auch emotional. Dass ich Romane schreiben kann, brauche ich wohl niemandem mehr zu beweisen. Was ich nicht kann: das schreiben, was andere von mir erwarten. Genreliteraur schon, aber nicht in deren engen Grenzen. Ich möchte nicht Liebesszenen einbauen, wo keine hingehören, keine Toten und kein überflüssiges Blut oder verwesende Körpereile nur des Effektes willen hinzufügen. Es gibt also eine ganze Menge, was ich nicht kann. Am liebsten schreibe ich eh so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Als nächstes lasse ich mich hier im Blog über das Eventleben und seine Schattenseiten aus, inspiriert durch die Reise nach Hamburg, von der ich gestern nacht spät zurückkam, nachdem die Deutsche Bahn mir mal wieder ein paar mehr oder wenige lustige Streiche gespielt hat.

Dienstag, 25. August 2015

Das Ende der Ungeduld

Gerade wollte ich schauen, ob ich den Titel "Das Ende der Ungeduld" nicht schon einmal verwendet hatte. Dabei stieß ich auf einen meiner Blogartikel aus dem Jahr 2010, in dem zwar von der Ungeduld des Autors die Rede, der Titel aber ein anderer war. Es ging um Genrewechsel und Pseudonym. Zwei Mitautoren rieten mir zum Pseudonym, Petra van Cronenburg ermunterte mich zum eigenen Namen, zur eigenen Marke. Und eine eigene Marke ist sie auch geblieben, wie man ihrem neuesten Beitrag entnehmen kann! Diesen Kreativitätsrausch kenne ich ebenfalls, und mein Phänomen der "glühenden Ohren" hatte ich in dem Artikel beschrieben; "Grenzen der Geduld" hätte ich es auch nennen können. Ich persönlich bin eigentlich ein grenzenlos geduldiger Mensch, und in diesem Sinne wurde meine Arbeit der vegangenen mehr als dreißig Jahre auch gebührend gewürdigt. Gleichzeitig bin ich aber ein wahnsinnig ungeduldiger Zeitgenosse. Schon als Kind habe ich Bastelarbeiten, die mir nicht gleich gelangen, an die Wand geschmissen. Das änderte sich schlagartig, als ich zu schreiben und zu veröffentlichen begann. Es gehört schon eine gewaltige Portion an Geduld - oder sagen wir lieber Ausdauer und "langer Atem"- dazu, Tausende von Seiten zu füllen, dafür Verlage und Agenturen zu suchen und das über einen Zeitraum von fast fünfzehn Jahren durchzuhalten. Das noch länger zu tun grenzt vordergründig schon an grenzenlose Selbstmarter, wenn man sich die heutigen Bedingungen der Veröffentlichung näher besieht. Die großen Buchhandlungen ordern offensichtlich nur noch Taschenbücher, die von den Verlagen massiv beworben werden. Am Self Publishing ist momantan wohl nur die Tatsache motivierend, dass Amazon pünktlich zahlt und dass man jeden Tag gucken kann, wie viele hundert Seiten heute denn wieder gelesen wurden. Manch ein Autor hat die Gelegenheit ergriffen und einen eigenen Verlag gegründet. Das Ende der Fahnenstange und das der Geduld scheint erreicht. Man könnte es auch als das Erreichen einer Belastungsgenze bezeichnen. Für mich ist es aber auch das Ende der Ungeduld, denn ich kann nicht mehr bekommen, als ich schon erhalten habe. Es gibt keinen Fortschritt mehr außer dem, den ich selber mache.

Das Ganze ist aber völlig zweitrangig, wenn man die Kulturschaffenden, die Autoren betrachtet. Ich höre nichts davon, dass sie massenweise aufgeben oder sich mit dem Gedanken tragen, aufzuhören. Nein, mit jedem neuen Buch brechen sie wieder auf in die von ihnen selbst geschaffene Welt. Und es wird immer Leser geben, die ihnen dorthin folgen. Auch ich habe ein Projekt, dessen Anfänge fast zehn Jahre zurückreichen. Vor einiger Zeit hat es mich gebissen, dann war ich wieder abgelenkt. Wunderte mich, dass es mich nicht mehr zum Schreibtisch gezogen hat. Bis ich (nach einigen Fragen meines Testlesers) darauf kam, dass das Vorhaben nicht schlüssig war und deshalb nicht funktionierte. Ich habe dann zwei Figuren und einen überflüssigen Mord rausgeworfen, die hatten den Handlungsfluss gestört. So richtig reinstürzen kann ich mich zwar immer noch nicht, weil ich für ein paar Tage in einer familiären Angelegenheit nach Hamburg muss. Aber vielleicht lässt mich die Zugfahrt auch ein wenig kreativ sein. In Hamburg kann ich einige Schauplätze meines Romans in Augenschein nehmen. Und dann gibt es noch den Krimi, der von einem kleineren Publikusverlag nicht veröffentlicht wurde, weil er an einigen Stellen nicht spannend genug gewesen sei. Ob sie damit meinten, die Polizeiarbeit hätte zu wenig im Vordergrund gestanden? Waren es zu wenig Dialoge, die ich beim Lesen gar nicht schätze, wenn das ganze Buch nur daraus besteht?

Ich hatte mir vorgenommen, nicht nur weiterzuschreiben, sondern auch an "meinen Themen" Achtsamkeit, Resilienz (Belastbarkeit), Burnout, Grenzen und soiale Medien dranzubleiben. Und so werde ich mich für Mitte Oktober wieder im Kloster Heiligkreuztal anmelden. Da geht es um die Grenzen gegenüber anderen, aber auch um Belastbarkeitsgrenzen. Durchgeführt wird das Seminar von einer Psychotherapeutin mit einem Lehrauftrag in Innsbruck, die sich ebenfalls mit Burnout, Trauma und ähnlichen Themen beschäftigt. Ich erwarte mir davon Abstand und die Erfahrung von Grenzen, meinen Grenzen und denen der anderen.



Sonntag, 16. August 2015

Der Flatrate-Autor

Mit einem Paukenschlag ist der Glutofensommer nun zu Ende gegangen. Zeit, um durchzuatmen und sich wieder auf alles zu besinnen, was vorher da gewesen war. In den letzten Tagen haben wir unseren traditionellen Zug durch die Buchhandlungen wieder aufgenommen. Ach was, Buchhandlungen, dazu zählen ja auch Antiquariate und die so genannten Bücherbäume. Bücherbäume sind das, was im Internet "Tausch-Gnom", "Tausch-Ticket" und so weiter genannt wird. In Städten wie Rottenburg, Bräunlingen, Obersontheim und Reutlingen gibt es Bücherregale, -stände und -bäume, in die man seine gebrauchten Bücher stellen und wieder welche mitnehmen kann Auch wenn da viel Verstaubtes von teils schon verstorbenen Unterhatungsliteraten steht, kann man doch immer mal wieder eine kleine Perle entdecken. Und ab und zu stelle ich dort eins meiner Autorenexemplare ein, zwecks diskreter Werbung. In den Buchhandlungen und sogar in den größeren Supermärkten nun ist mir aufgefallen, dass es dort inzwischen, wie bei Amazon, eine Flatrate zu geben scheint. Bücher, vor allem Hardcover, werden von 12,99 auf 3,99 Euro runtergesetzt. Bei Osiander in Reutlingen gibt es eine Riesenfläche, auf der Suhrkamp-Titel für einen Euro angeboten werden. In dem Zusammenhang muss ich noch sagen, dass die nächste kleinere unabhängige Buchhandlung in meiner Nähe vor allem Papierwaren verkauft und die Buchtitel relativ ungeordnet sind. Manchmal stoßen wir während unserer Touren noch auf diese kleinen, schönen Läden, zuletzt in Ehingen an der Donau. Die Buchhänderin erinnerte sich sogar an meinen letzten Aufbau-Roman.

Wenn ich also das nächste Mal wieder in einem Verlag veröffentlichen würde, hätte ich auf jeden Fall die Chance, nach ein paar Monaten oder Jahren unter diese Flatrate zu fallen, wie auch bei der Verramschung. *Edit: Das ist natürlich keine Flatrate, sondern ein Preisrabatt, wenn der Ladenpreis aufgehoben wurde. Nur habe ich nichts davon, denn selbst wenn ich vertraglich daran beteiligt würde, übersteigen die Verwaltungskosten meist das Resultat. Nicht so bei Amazon, sollte man denken. Seit Einführung der Flatrate im letzten Oktober sind die Einnahmen der Self Publisher kontinuierlich gesunken, bei mir seit Januar. Auch der, der nicht aufs Geld schauen will oder muss, ist darauf angewiesen, zumal er die Investitionskosten für das E-Book wieder reinkriegen muss. Jetzt ist die mit großer Spannung erwartete Juli-Abrechnung von Amazon gekommen. Die große Frage war für alle, mit wieviel Prozent aus dem Millionentopf die Autoren pro gelesener Seite vergütet werden. Es sind 0,06%. Und da kommt dann bei mehr als 10 000 gelesenen Seiten soviel raus wie vorher, also im Jahr 2015, für die Verkäufe. Gerecht, weil jetzt die Autoren mit mehr Seitenumfang mehr bekommen als die mit Kurzgeschichten? Gerecht, weil die lektorierten, korrektorierten, mit einem professionellen Cover versehenen und "spannenden" Bücher weniger verkauft, dafür mehr ausgeliehen und gelesen werden? Die meisten Verlage und deren Autoren haben sich bisher gegen das Flatratemodell gesperrt. Bei den Printbüchern kann man ja auch gar nicht erfassen, wieviele Seiten der Leser liest. Ob jemand, außer in einem Science-Fiction-Roman, wohl jemals daran gedacht hat, das Leserverhalten "auszuspähen"? Ich selbst lese übrigens immer noch am liebsten gedruckte Bücher, und wie ich hörte, soll es den meisten anderen Lesern auch so gehen. Mein persönliches Fazit aus der Situation ist folgendes: Ich werde meine drei E-Books weiter in diesem Programm laufen lassen und die wenn auch gesunkenen Tantiemen mitnehmen. Aber es hat sich definitiv etwas verschlechtert: Vor einem Jahr hatte ich die Kosten für das Buch in sechs Wochen wieder drin, diesmal wird es vorraussichtlich 8-9 Monate dauern, weil vierfache Kosten dazugekommen sind. Und wer weiß, wie schnell der Topf immer kleiner wird, weil immer mehr Autoren auf den Markt wollen! Für mich persönlich ist auch die Frage der Sichtbarkeit existentiell. So wie die Bücher in den Buchhandlungen gesehen werden müssen, um gekauft zu werden, müssen die Amazon-Kunden das Buch ebenfalls im Shop sehen, um es zu kaufen oder auszuleihen. Mit den Verkäufen war die Sichtbarkeit immer wieder gegeben, mit den Ausleihen kaum noch. Selbst wenn mir der Support versicherte, auch die gelesenen Seiten hätten einen Einfuss auf das Ranking. Für andere mag dieses Modell noch seinen Reiz haben, bei mir war es jetzt mit dem dritten Buch ein Auslaufmodell.

Samstag, 8. August 2015

Heißes Leben und Schreiben

Kann sich einer überhaupt noch vorstellen, dass es um den 11. Juni herum eine Schafskälte gab und man sogar nachts die Heizung anwerfen musste? Außer im Jahr 2003 habe ich nie so einen Sommer erlebt! Und meine Zeitung berichtet heute, dass der Hitzerekord in Baden-Württemberg mit über 40° zwei Mal in Bad Kitzingen im Fränkischen geknackt wurde. Ja, es hat auch seine Nachteile, verminderte Ernten und Weinlesen, verbranntes Gras, Algenblüte in den Seen, Waldbrände, Kreislaufbeschwerden. Das ewige Warten auf das Gewitter, wenn sich die Wolken tintenschwarz am Himmel ballen. Und wieder ist das örtliche Ereignis anderswo niedergegangen. Aber es wird noch kommen, vielleicht schon morgen! Die Vorteile überwiegen: Wann zuletzt hatten wir so viel Sonne satt, solche tropischen Nächte, die man im Freien verbringen konnte, solche Blütenpracht und solchen Wuchs? Im Winter hatte ich mir noch vorgestellt, ich würde quer durch Europa reisen, wenn ich mit der Arbeit aufhöre. Aber das ist ja nun gar nicht mehr nötig gewesen. Alle Orte, an denen wir waren (u.a. Ellwangen, Staufen, Hindelang, schwäbische Alb, Schwarzwald) hatten heuer dieses Flair des Südens. Die letzten Tage der Sonnenglut habe ich dann nur noch an unbekannten Seen verbracht, an denen sich ausschließlich ein paar Einheimische tummelten. Früher habe ich Kurzgeschichten und Teile von Romanen an Seen und am Meer geschrieben. Oder auch im Café. Das habe ich jetzt zwei Mal versucht, aber nach ein paar Seiten fiel mir der Griffel aus der Hand. Viel leichter ist es mit dem Lesen. Dabei ist mir jetzt via Buchhandlung in Calw ein Krimi von Elisabeth Herrmann in die Hand gefallen "Zeugin der Toten". Ihr Stil läuft mir sehr gut rein, das Thema ist dem meines Jetztzeit-Krimis nicht unähnlich. Alles in allem, auch wenn man den "Verlust des Arbeitsplatzes", den ich gar nicht vermisse, und andere Verluste bedenkt, war die erste Zeit des Nichts - und - Allestuns bisher eine ungeheuer produktive und entspannte Zeit. Selbst das Einkaufen und Essengehen wird immer mehr zum Genuss. Petra van Cronenburgs Beitrag "Tomatensalat: ein Geschäft" hat mir dazu mal wieder einen Anreiz gegeben. Und so schmeckten die Antipasti beim Italiener heute, als wären die Zutaten ganz und gar nicht aus dem Supermarkt gekommen: der Parmaschinken wie vom italienischen Metzger, hauchdünn geschnitten, das eingelegte Mittelmeergemüse wie aus Italien, und die Melonen hatten einen Reifegrad, den sie im Discounter niemals erreichen können, weil sie unreif geerntet werden.

Dienstag, 4. August 2015

Bücher veröffentlichen heute

So, die Rabattaktion ist beendet. Und sie hat mir den Effekt gebracht, den ich damit verfolgte: Das Ebook ist jetzt in seiner Kategorie sichtbar geworden, hat dabei das vorige Buch ein wenig mitgezogen. Neuerdings können wir als Autoren ja direkt mitverfolgen, wieviele Seiten der Bücher gelesen werden. Dabei entsteht lustigerweise ein Konkurrenzspielchen zwischen "Nacht des Wolfes" und "Teufelswerk". Im letzten Monat lief der Teufel dem Wolf davon, jetzt sammelt Letzterer doppelt so viel gelesene Seiten! Amazon kümmert sich sehr um seine Autoren, das muss man ihm lassen. Wahrscheinlich hat es auch allen Grund dazu, denn wie ich gerade wieder einmal in der Selfpulisherbibel gesehen habe, eröffnete kürzlich sogar die Mayersche Buchhandlung eine Self Publishing-Plattform, nach Tolino und diversen anderen. Die Mayersche kannte ich, seit dort ein Buch von mir erhältlich und auf der Plattform "Lies mich" gelistet war. Welche Ziele diese Verlage und die Buchhandlungen damit wohl verfolgen? Erst einmal dem Monopolisten etwas entgegensetzen, das erscheint absolut logisch, und dabei den Autoren mit den Konditonen entgegenzukommen. Außerdem werden sie versuchen, neue, für die Verlagslandschaft hoffnungsvolle Talente zu entdecken. Das Prinzip ist immer dasselbe: Für wen am meisten gevoted wird, wer am meisten Bücher verkauft, dem wird gegeben. So kann man bei der Mayerschen auch ein Buchcover gewinnen, wenn man viel verkauft. Ich schätze aber mal, dass die Leistungen durch Lektorat, Korrektorat, Covergestaltung und Vermarktung dabei in Anspruch genommen werden sollten-und das sicher nicht bei allen umsonst! Es war also für einen Autor nie so einfach wie heute, seine Werke an die Leser zu bringen. Aber der Weg zur nachhaltigen Etablierung hat sich wenig geändert. Außer einem handwerklich einwandfreien Manuskript muss der Autor eine zündende Idee rüberbringen, bereit sein, an seinem Text zu arbeiten. Das Ganze scheint mir ein wenig wie diese Wandlung beim Einkaufen innerhalb der letzten Jahrzehnte: Während früher der Kunde vor der Theke stand und aus den Regalen auswählte, was er brauchte, fährt er jetzt mit einem überdimensionierten Einkaufswagen durch endlose Reihen von Regalen. Auf diesem Weg, der mittlerweile zu einer Fußreise von einer halben Stunde ausarten kann, hat der Kunde (wie auch im übertragenen Sinn der Autor) eine unendliche Menge von Möglichkeiten. Aber seine Ware musste schon immer so gut sein, dass sie Leser überzeugte, und sie muss auch heute noch so gut sein.

Nach Versorgung meines E-Books, die sich einige Zeit hinzog, habe ich mich endlich wieder an meinen neuen Roman gemacht. Ein erstes Kapitel ist entstanden, das Exposé ist im Werden. Für meine bisherigen Bücher hatte ich nie "professionelle" Exposés verfasst, eher Klappentexte. Erst kurz vorm Lektorat bekam der Lektor das gesamte Exposé. Da ich den neuen Roman aber nicht mehr im SP veröffentlichen, sondern eine Agentur oder einen Verlag suchen möchte, komme ich wohl nicht drum herum. Dabei habe ich gelernt, dass ein Exposé kein Handlungsabriss ist, sondern eine Vorstellung der Idee, der Charaktere und des dramatischen Aufbaus. Manche Agenturen und Verlage wollen bis zu drei Seiten, manche nur eine, aber alle wünschen bis zu dreißig Seiten Probetext. Ich finde diese Situation sehr reizvoll. Muss keine Markterwartungen bedienen, kann das Buch schreiben, das ich schon immer mal schreiben wollte. Und mich dann im Supermarkt der Möglichkeiten umschauen, wer den Zuschlag erhalten soll.

Donnerstag, 30. Juli 2015

Rabattaktion für die "Nacht des Wolfes"

Jetzt ist es soweit! Ab sofort bis Sonntag 24 Uhr gibt es das E-Book "Nacht des Wolfes" für 99 Cent statt für 3,99 Euro. Süddeutschland im Jahr 1787. Ein Despot regiert das Land, zwei grausame Morde geschehen in Tübingen, ein weißer Wolf taucht auf. Intrigen, Gewalt und ein tödliches Geheimnis.
Hier ist die URL: goo.gl/8SANXk


Klappentext: Württemberg im Jahr 1787. In der kleinen Universitätsstadt Tübingen geschehen grausame Morde. Wer ist das unbekannte Mädchen mit dem weißen Wolf, das immer in der Nähe des Tatortes gesehen wird? Ist es eine Geistererscheinung oder ein Mensch aus Fleisch und Blut? Die Tübinger Studenten Andreas und Claudius, vom despotischen Herzog Carl Eugen von Württemberg verfolgt, versuchen das Rätsel zu lösen. Doch irgend jemand versucht mit allen Mitteln, das zu verhindern. Zusammen mit ihren Freunden Laura und deren Vater Professor Pfeiffer geraten sie in ein Netz aus Intrigen und Gewalt, und die Suche nach dem Mädchen wird für alle zu einer tödlichen Gefahr.


Mittwoch, 29. Juli 2015

Oliver Sacks bewegender Abschied von der Welt

Heute Morgen bei Petra van Cronenburg gelesen: Texte fürs Leben.Ganz verstehen konnte ich den Artikel mit Hilfe meines Langenscheid. Ich wusste bisher nichts über diesen großen Wissenschaftler und Autor. Es gab ein großes Medienecho, unter anderem fand ich noch diesen Beitrag aus der Welt vom 20. 2. 2015: Oliver-Sacks-bewegender-Abschied-vom-Leben. 
Da ich gerade selbst Abschied von einem nahestehenden Menschen nehmen muss und einen Lebenslauf für ihn geschrieben habe, der mich in die eigene Kindheit und Jugend zurückgebracht hat, war ich besonders berührt. Ein Zitat, das für mich wesentlich und sinngebend ist:
"Ich kann nicht behaupten, ohne Furcht zu sein", schreibt Sacks. "Aber mein vorherrschendes Gefühl ist das der Dankbarkeit. Ich habe geliebt und bin geliebt worden; mir wurde viel gegeben und ich habe etwas zurückgegeben; ich habe gelesen und bin gereist und habe gedacht und geschrieben."
Ein solcher Rückblick ist für mich wie eine Vollendung.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Sichtbarkeit der Titel bei Amazon

Kleine Bemerkung am Rande:
Gestern hat Amazon an seine Autoren eine Umfragemail geschickt, wie zufrieden man mit den Diensten des Internetbuchhändlers sei. Ich habe daran teilgenommen und u.a. die mangelnde Sichtbarkeit der Bücher moniert. Insgesamt bin ich nicht mehr zufrieden, vor allem deswegen nicht, weil die Vekäufe seit Januar 2015 zurückgegangen sind. Die Einführung von Kindle unlimited war im Oktober 2014. Seit Juli werden die gelesenen Seiten angezeigt statt der Zahl der Ausleihen. Um in den Genuss eines Bonus von 500,- Euro zu kommen, müssteman monatlich 220 000 gelesene Seiten vorweisen. Zudem scheinen die gelesenen Seiten auch das Ranking nicht zu beeinflussen. Ab heute sehe ich nun bei meinen Ebooks 3 Kategorien. Das sieht dann zum Beispiel beim "Teufelswerk" so aus:
 Auch die anderen E-Books sind jetzt sichtbarer (wenn sich ein Leser die Mühe macht, weit über die Topp 100 hinaus zu suchen). Selbst mein MörikeE-Book ist wieder aus der Versenkung aufgetaucht und wurde verkauft. Eins muss man Amazon lassen: Sie reagieren schnell auf Autorenwünsche und haben somit also ein Interesse daran, sie sich zu erhalten und zufrieden zu stellen. Wahrscheinlich sind viele SP-Autorn nach Einführung der Seitenlösung abgewandert, weil sich mit kurzen Texten die Teilname an Kindle Unlimited nicht mehr lohnte. Wahrscheinlich sind sie zu anderen Anbietern gegangen, denn darauf lag der Fokus der Umfrage. Am 15. August sollen die Abrechnungen kommen, dann kann jeder sehen, was für ihn dabei herauskommt.

Freitag, 17. Juli 2015

Nacht des Wolfes-im neuen Gewand




Auf Anraten eines Self Publishing-Fachmanns haben meine Illustratorin und ich das Cover des Ebooks "Nacht des Wolfes" inzwischen umgestaltet. Anderer Hintergrund, größere Schrift.Vom 31.7. bis 2.8. gibt es dann eine Rabattaktion - 99 Cent statt 3.99. Ich werde noch mal an den Termin erinnern  bis dahin kann man das Ebook aber auch gern kaufen oder ausleihen!
http://tinyurl.com/pkvv8ew

Klappentext: Württemberg im Jahr 1787. Wer ist das unbekannte Mädchen mit dem weißen Wolf, das immer dann auftaucht, wenn in der Stadt ein grausamer Mord geschieht? Ist es eine Geistererscheinung oder ein Mensch aus Fleisch und Blut? Die Tübinger Studenten Andreas und Claudius, vom despotischen Herzog Carl Eugen von Württemberg verfolgt, versuchen das Rätsel zu lösen. Doch eine unsichtbare Kraft versucht mit allen Mitteln, das zu verhindern. Zusammen mit ihren Freunden Laura und deren Vater Professor Pfeiffer kommen sie einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur. Sie wissen nicht, dass sie sich damit in eine tödliche Gefahr begeben.

Dienstag, 14. Juli 2015

Fünf Tage im Abseits

Jetzt ist es schon zehn Tage her, dass ich zuletzt einen Beitrag geschrieben habe. Das war nicht freiwillig und hing auch nicht mit Überlastung irgendeiner Art zusammen. In meinem alten Acer-Laptop, einem jahrelang hilfreichen Erbstück, war nämlich seit Monaten der Wurm drin. Vorne links war so ein blaues Licht, ein Strich und ein Kreis, die den Betrieb des PCs anzeigten. Das hatte mit der Zeit einen immer stärkeren Wackelkontakt. Die nötigen Konsequenzen habe ich so lange wie möglich rausgeschoben, denn ich wusste, was mir geblüht hätte. Tagelang hätte ich ohne meine Arbeitsinstrumente auskommen müssen. Am Schluss hatte ich das Kabel mit Tesafilm festgeklebt. Als er dann wieder abstürzte, war es soweit. Ich rief meinen Spezialisten an, einen Computerfachmann aus den Jugendtagen meines Sohnes, der mir schon oft weitergeholfen hatte. Ja, ich soll ihn vorbeibringen. Bis zum Zeitpunt der Übergabe ließ ich auch noch den Servicemann vom Media-Markt draufgucken. Nein, es sei nicht das Kabel, sondern drinnen die Buchse sei kaputt, womöglich über das ganze Board, das könne teuer werden. Beim Herumstochern mit dem Schraubenzieher ging dann der Rest auch noch kaputt. Auf jeden Fall, langer Rede kurzer Sinn, der Computer blieb zur Begutachtung bei meinem PC-Fachmann. Obwohl ich mitten in einer Rabattaktion für mein Ebook stand und dafür gerade das Cover zusammen mit meiner Designerin neu gestaltete. Passen tut es sowieso nie! Nach zwei Tagen stand fest: Der alte Laptop war eigentlich nicht mehr zu gebrauchen, ein neuer musste her. Ich hatte schon Entzugserscheinungen und manchmal schlechte Laune. Glücklicherweise fand am Freitag ein wunderbares Fest des Vereins statt, bei dem ich fünfzehn Jahre lang beschäftigt war, ganz romantisch auf einer Burg mit blauem Himmel, blühenden Winterlinden, Musik und dem Duft nach gegrilltem Fleisch und Würsten. Ich hatte einmal angeboten, dem Verein auch weiterhin behilflich zu sein mit Zeitungsartikeln und so, und schon war ich schwuppdiwupp zur Pressefrau ernannt worden. Aber wie sollte ich diesen Artikel schreiben bzw. an die richtigen Stellen und zur Redaktion befördern? Ich schrieb ihn mit der Hand, immer mit der Option vor Augen, ihn per Auto in die Stadt befördern und dort abgeben zu müssen, in der Hoffnung dass jemand meine Klaue lesen könnte, zu der meine Handschrift verkommen ist. Derweil dauerte die Übertragung der alten Dateien auf den neuen Computer und dauerte. Mein Spezialist musste sich das ganze Wochenende damit herumschlagen. Allmählich begann ich mich an den Zustand zu gewöhnen. Ich schrieb sogar die ersten Seiten meines neuen Romans per Hand in einen DIN A4-Block mit kariertem Papier, wohl darauf achtend, dass ich es später selber noch lesen konnte. Ja, man könnte ohne Computer leben. Man muss nur längere Wege in Kauf nehmen. Nicht mal geschwind nach etwas gucken, wonach einem gerade ist, eine Recherche, wie das Wetter wird, wer eine Mail geschrieben hat oder was in dem und dem Forum gepostet wurde. Wie sich denn die Bücher verkaufen und ausleihen. Man müsste sein Leben komplett wieder umstellen und auf das Niveau der sechziger bis achtziger Jahre zurückschrauben. Als dann gestern der neue Laptop kam, etwas kleiner, leistungsstark und schnuckelig, war ich überglücklich. Schrieb den Artikel und schickte ihn per Mail ab, schaute in alle Foren und Blogs. Und ich muss sagen: Eigentlich hatte sich nicht viel getan in den fünf Tagen. Eine Mail wegen des Covers, eine Einladung zu einem Treffen. Fazit: Als Arbeitsinstrument ist der PC unentbehrlich, auch für Recherchen. Auch für die Kommunikation, aber mit Abstrichen. Ich habe festgestellt, dass ich am Samstag die Zeitung (ich habe sie nur am Samstag) ganz gelesen habe, dass mein Garten viel besser gestaltet aussieht und dass ich offline einiges gelernt, mehr mit Realmenschen gesprochen habe. Und trotzdem ist es ein beruhigendes Gefühl, dass der Neue jetzt da steht, wo er steht. Denn man kann, wann immer man will, etwas mit ihm anfangen.

Samstag, 4. Juli 2015

Vernetzt, gefangen, ausgespäht


Einen Vorteil hat diese Sommergluthitze ja: Man kann zuhause im abgedunkelten Zimmer sitzen und sich auf das Wesentliche konzentieren. So bin ich auf eine Diskussion bei Facebook gestoßen, die den Finger auf genau die Wunde legt, die Amazon seinen Autoren (und Lesern!) mit seinem neuen Abrechnungsmodus beschert hat. In einem Interview weist Nina George auch noch auf andere Dinge hin, die im Zusammenhang damit aufgeworfen werden können. Literatur-wird-eine-andere
Worum geht es? Vielleicht kann ich es mal aus ganz naiv-persönlicher Sicht schildern: Als ich gestern von einem erfrischenden dreitätigen Ausflug ins Allgäu zurückkam, erwartete mich eine herbe Überraschung. Die Ausleihanzeigen meiner Ebooks waren vollkommen verschwunden, da war nur ein langer Strich, wie diese Lethal-Anzeigen im Krankenhaus, ein langgezogenes Piiiiiiiep und aus. Für den 1., 2. und 3. Juli gab es die gewohnten blauen Kurven, aber nicht mit der Anzahl der Ausleihen, sondern mit der Zahl der Seiten, die von den Lesern gelesen wurden. Hat da einer tatsächlich 515 Seiten gelesen, in einem Rutsch? Oder haben 10 Leser jeweils 51,5 Seiten gelesen? Aber so viele Ausleihen auf einmal gab es doch früher nicht? Wenn Amazon wirklich mehr Gerechtigkeit ins SP-System bringen wollte, dann hätte der Konzern das für alle durchsichtiger machen müssen. So, wie es bis jetzt aussieht, fühlt es sich an wie wachsende Kontrolle (und damit Macht) des Konzerns, Ausspähen von Lesegewohnheiten und weniger Kontrolle und Übersicht für den Autor. Liest der Leser weniger als 10%, erscheint das Buch gar nicht in der Ausleihe und wird auch nicht vergütet. Angeblich sollte es für die Autoren mit längeren Texten einen Ausgleich schaffen, weil solche mit 99-Cent-Büchern das Gleiche an Tantiemen bekamen. Kontrolle, Macht, Ausspähen, Eigenkonrolle - das führt mich unweigerlich zum Nächsten.

Ein Interview mit dem Informatiker, Komponisten,  bildendenden Künstler, Autor und Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels Jaron Lanier im FAZ-Feuilleton: Warum wollt ihr unseren Quatsch? Da geht es um die sozialen Netzwerke und Konzerne wie Facebook, Amazon und Google. Ursprünglich einmal von jungen, begeisterten Technikfreaks erfunden, um den Leuten das Leben zu erleichtern und vielleicht sogar die Welt zu verändern. Während du früher umständlich auf den Nachbarn zugehen musstest, kannst du dich heute mit der ganzen Welt verbrüdern, dir deine Ware ins Haus bestellen (mich stört es übrigens eher, wenn die Briefträgerin dauernd klingelt!) und an Selbst-und Globalbewusstsein gewinnen. Dich selbst schneller, besser, intensiver verwirklichen. Für dich und deine Produkte problemlos werben. Der Nachteil ist schon jetzt, dass du ausgespäht, selber als Werbeobjekt und Geldspeier ausgepresst wirst. Oder woher kommen diese Tausende von Spammails, warum haben die Anrufe obskurer Umfragen so rasant zugenommen? Über den guten alten Briefkasten lohnt es sich ja schon nicht mehr, da guckt wohl kaum noch jemand rein. Es ist ein super stimmiges Bild vom "Silicon Valley", von dem aus die Menschen und sogar Politiker gesteuert werden. Hätte es diese Netzwerke im dritten Reich schon gegeben, hätten die Macht und die Tötungsmaschinerie noch viel effektiver ausgebaut werden können. Selbst Terroristen mussten früher ans Telefon gehen, um sich zu verabreden. Da fällt mir gerade auf, wie rasant schnell sich die Welt verändert hat: Ich schreibe gerade an einem Exposé, dass in den Jahren 1969 und 1934 spielt, in Hamburg, Buenos Aires und im Urwald von Misiones. Völlig unbedacht haben sich da eine "Kita" und eine Kommunikation per Facebook eingeschlichen! Dabei war ich doch 1969 selbst in Argentinien und habe gesehen, dass der Strom von einem brummenden Gerät im Garten geliefert wurde. Und die Grüße an die Lieben daheim wurden per Telegramm übermittelt. Ob ein heutiger Jugendlicher das Wort überhaupt noch kennt?

Ich habe ja schon viel über Social Media geschrieben und es nie grundsätzlich verteufelt. Das mache ich auch jetzt nicht. Es wird immer das bleiben, was die Einzelnen daraus machen. Die Informationsübertragung hat sich für mich eindeutig verbessert, als Autorin sind mir Emails eh lieber als ständige Telefonate. Aber man sollte sich überlegen, wem man sich jeweils ausliefert und was man von sich preisgibt. Und was einem wirklich bei der Weiterentwicklung hilft. Deshalb ist auch dieser ein Lieblingssatz für mich: Wenn du dich selbst kennenlernen willst, solltest du Facebook verlassen, für eine ausreichende Zeit. Nicht aus dem Glauben heraus, dass es falsch oder böse ist. Sondern einfach als ein Experiment. Um herauszufinden, was Facebook wirklich ist. Und wer du wirklich bist." In den letzten drei Tagen im Allgäu habe ich zwar ein Handy dabeigehabt, es wurde aber nur einmal wegen eines Treffens benutzt. Drei Tage lang war ich mit keinem Netz verbunden. Statt uns weiter dem Touristenzirkus auszuliefern, haben wir eine Nische gefunden. Ich habe den Vögeln und Schmetterlingen an einem grün schäumenden Gebirgsfluss zugeschaut und die erhitzten Glieder im eiskalten Wasser gekühlt. Abends saßen wir auf dem Balkon unserer Ferienwohnung und schauten dem Mond zu, der als ein riesiger Ball über die Bergspitze stieg. Es geschah nichts und doch so viel, dass es keinen Moment langweilig wurde, bis die Kälte vom Gebirge herabkroch und uns in die Betten trieb. Die Grillen zirpten unermüdlich, zerfetzte Wolken zogen vorüber, der Mond stieg höher und verschwand hinter dem Dachgiebel. Drei Kühe standen unbeweglich in der Wiese, ich wusste gar nicht mehr, dass sie im Stehen schlafen. Ihre Glocken hatten aufgehört zu bimmeln. Und über allen Gipfeln war Ruh.
                                                                      

Montag, 29. Juni 2015

Titelschwemme von Sp-Büchern bis 2017?

Im Buchreport erschien dieser Tage ein Interview mit zwei Insidern über die Entwicklung des Self Publishermarktes: http://www.buchreport.de/nachrichten/verlage/verlage_nachricht/datum/2015/06/18/250000-selfpublishing-novitaeten-im-jahr-2017.htm Die Verhältnisse im Self Publishingmarkt haben sich seit 2014 verändert. Gerd Roberts, der Sprecher der Geschäftsführung bei BoD und Sönke Schulz, Geschäftsführer bei Tredition, sprechen über die Zuwächse am Self Publishing-Markt. Es gebe einen Zuwachs von 54% SP -Titeln pro Jahr, 2017 sollen es 250 000 sein, mehr Neuerscheinungen als Verlagsbücher, vor allem auch durch selbst verlegte Printbücher. Gehen wir einmal davon aus, dass die beiden, trotz eines gewissen Eigeninteresses, diese Einschätzungen realistisch abgegeben haben. Dann bedeutet es natürlich, dass die Gewichtung des SP immer größer wird. Für die Autoren bedeutet es aber gleichzeitig, dass es immer schwieriger wird, überhaupt gesehen zu werden. Aber das entspricht der Lage im Buchhandel, wie ich es in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren erlebte. Lag das erste Buch noch neun Monate in den Buchhandlungen, waren es beim letzten nur noch ein bis zwei Monate. Mit dem Sichtbarwerden und Abverkauf vom Stapel war seine Lebensdauer auch schon abgeschlossen und konnte sich vielelicht noch durch E-Books und Ausleihen in öffentlichen und Onleihe-Bibliotheken fortsetzen. Vor einem Jahr ging ich noch mit einer naiven Selbstverständlichkeit an die Veröffentlichung meines Verlags-Ebooks, machte eine Rabattaktion, postete öfter mal was im Blog oder auf Facebook und Twitter, machte Interviews und musste mich nicht mehr viel darum kümmern. Die Lage ist jetzt eine ganz andere. Wie ich von Johannes zum Winkel von xtme und Matthias Matting erfuhr, sind die Rabattaktionen schwieriger geworden. Um einen Platz in den Topp 100 zu bekommen, musste man früher 100 Ebooks verkaufen, heute sind es schon 300. Es stimmt also nicht, dass sich 99-Cent -Aktionen totgelaufen hätten, weil es zu viele 99-Cent-Bücher gibt, sondern es gibt zu viele Konkurrenten. Mein Ziel war es auch nicht, in die Topp 100 zu kommen, sondern in den einzelnen Kategorien gesehen zu werden. Heute sollte das Cover eines Romans möglichst einen "Wiedererkennungseffekt" haben, also aussehen wie der und der Bestseller. Waren diese Einheitscover für manche von uns nicht mit ein Grund, es einmal selbst im SP zu versuchen?

Ich habe die Entwicklung eines Kollegen ein wenig mitverfolgt, der offensichtlich ohne jedes Lektorat und Korrektorat vorging und in dessen Leseprobe es vor Fehlern strotzte. Er bekam ein paar deutliche Hinweise darauf und sank im Ranking ab. Ich glaube, das wir davon ausgehen können, dass Leser aufmerksam und unbestechlich sind. Nur wird es für sie auch immer schwieriger werden, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Freitag, 26. Juni 2015

Warum können wir nicht mehr lesen?

Heute gab es zwei Ereignisse, die mich beeindruckt haben, einmal auf der persönlichen Ebene, dann auf einer allgemeineren. Gemeint ist ein Artikel, den ich bei Nikola Hotel und anderen auf Facebook verlinkt fand: Warum können  wir nicht mehr lesen?  Um meine potentiellen Blogleser nicht mit ellenlangen Worten und Sätzen anzustrengen, möchte ich mich dabei möglichst kurz halten. In dem Beitrag auf dem Verlagsblog wird ein Hugh McGuire zitiert, der sein eigenes Verhalten und seinen Umgang mit der Welt kritisch beleuchtet. Da ist die Rede von seiner Tochter, die in reizendem Kostüm auf einer Bühne herummarschiert. Und statt ihr in diesem wichtigen Moment die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken, twittert er nebenbei und checkt seine Emails. Da ist die Rede von Dopaminen, die entstehen, wenn man kurze Adrenalinausstöße wie beim Öffnen einer Email oder bei der schnellen medialen Kommunikation hat. Und dass er in diesem Jahr nur vier Bücher gelesen hätte. Beim Lesen tauche man ganz in die Welt des Autors ein; das sei intensiver und mehr entschleunigend als alles sonstige Mediale. Ich lasse diesen Artikel einfach mal für sich sprechen, er bringt das Dilemma des modernen Menschen pefekt auf den Punkt.

Ich selbst kann von mir nicht behaupten, dass ich nicht mehr lesen könne. Ich tue es jeden Abend, als Übergang zum Schlafengehen. Aber bis dann bin ich ebenfalls ein Opfer der schenllen Kommunikation. Auch ich kann es mir nicht verkneifen, immer wieder reinzugucken, was so los ist in den Foren und auf den Plattformen. Allerdings kann ich das nuir, wenn ich zu Hause bei meinem PC bin, ich habe kein Smartphone und benutze das Handy nur für Absprachen. Heute Vormittag sah ich nach langer Zeit mal wieder eine von diesen Serien mit systemischer Therapeutin: "Hilf mir doch", das jeden Morgen um 9.50 auf Vox ausgestrahlt wird. Da ging es um eine junge Frau, die nicht nein sagen konnte und sich selbst und ihre Familie in die allergrößten Schwierigkeiten brachte. Dahinter stecke der Wunsch, nicht abgelehnt zu werden, sich Zuneigung zu erhalten. Die Therapeutin riet dazu, sich die Zuneigung an den Stellen zu holen, wo sie auch zuverlässig zu bekommen sei (zum Beispiel beim eigenen Mann) und nicht bei Leuten, die sie letztendlich nur für ihre Zwecke eingespannt und ausgenutzt haben. Meine Frage: Könnte das moderne Dilemma etwas mit diesem "Nicht-Nein-Sagen-Können" zu tun haben? Muss man immer gleich ansHandy rangehen oder Emails öffnen und beantworten? Sucht man Bestätigung in diesen Kontakten? Denkt man, nicht mehr dazuzugehören, wenn man sich partiell ausschließt? Dabei spreche ich nicht über Informationsaustausch und wirkliche Kommunikation, sondern über dieses Doping-Verhalten.

Sonntag, 21. Juni 2015

"Nacht des Wolfes" - jetzt veröffentlicht!



Heute war endlich der Tag gekommen, an dem ich mein neues E-Book bei Amazon runterladenkonnte. Um 15.30 habe ich auf "abschicken und veröffentlichen" gedrückt, nachdem ich alles einschließlich des Klappentextes noch einmal kontrolliert hatte. Die Kategorien sind bei Amazon meist nicht passend, so schrieb ich den Support an, der mir zwei gute Vorschläge machte. Außerdem setzten sie das Buch noch einmal auf Entwurf, weil ich meinen Realnamen reingeschrieben hatte und das "Pseudonym" doch bekannter und passender ist. Selbst der "Blick ins Buch" ist schon da,und das alles innerhalb von drei Stunden! Hier ist der Link zu Amazon: Nacht des Wolfes., ab sofort für 3,99,-Euro zu bestellen.





 Württemberg im Jahr 1787. Andreas und Claudius, Studenten am Tübinger Stift, erleben den Schrecken ihres Lebens: Der Schlossvogt, den sie am Abend zuvor während eines Unwetters besuchen wollten, wird tot im Burggraben aufgefunden, kurz darauf stirbt auch dessen Frau eines gewaltsamen Todes. Alles deutet darauf hin, dass sie von einem wilden Tier in den Nacken gebissen wurden. Die beiden Studenten sind davon überzeugt, einen weißen Wolf und eine junge Frau gesehen zu haben, die ihnen das Schlosstor vor der Nase zugeschlagen hatte. Waren das nur Spukerscheinungen, wie der städtische Inspektor Bertold zu glauben scheint? Zusammen mit ihren Freunden Professor Pfeiffer und dessen Tochter Laura versuchen die beiden, der Sache auf den Grund zu gehen. Dabei geraten sie in Lebensgefahr. Ein dritter Mord geschieht, und wieder werden das geheimnisvolle Mädchen und der Wolf in der Nähe gesehen.



Donnerstag, 18. Juni 2015

Dem Tag mehr Leben geben

Ergänzend zum letzten Beitrag Wie die Zeit vergeht und Sie sie verlangsamen können noch ein paar Episoden, die unsere Zeit mehr erfüllt und von solchen, die ihren Besitzern eher einen Schlag in die Magengrube versetzt haben, von denen sie sich nicht mehr so schnell erholen sollten. Jeder, der meinen Blog regelmäßig verfolgt, weiß, wie sehr wir jedes Jahr unter der Qual der Wahl des Urlaubs leiden. Es wird nicht geflogen, es wird nicht mit der Bahn und schon gar nicht mit dem Bus gefahren (ich allein dagegen fahre öfter mit der Bahn durch die ganze Republik). Ein Fahrrad kann ich bei mir nicht unterstellen, und zu Fuß kommt man nur bis zur nächsten und übernächsten Baustelle. Doch das Autofahren, von vielen verpönt, aber von der Mehrheit mit Begeisterung und dem Verteidigungswillen von Hirschbullen betrieben, hat wie alles seine Vor - und seine Nachteile. Man kommt fast überall hin und kann anhalten, wo man will. Ein Ort kam uns in den Sinn, an dem wir uns schon im letzten Jahr sehr wohl gefühlt hatten: Das Ellwanger Seenland. Die Anfahrt war allerdings, wie alle An - und Abfahrten seit Jahren, ein schweres Stück Arbeit: wegen der Umleitungen und Baustellen. Umleitungen führen dazu, dass man ums Ziel herumgeleitet oder davon weggelockt wird. Aber irgendwann ist das Ziel erreicht, und tatsächlich ist das schöne Appartment mit Garten für eine Nacht frei. In der Stadt blühen und duften die Linden wie im letzten Jahr, die Kirchen sind offen und die sonnendurchfluteten Straßen voller Leben und kulinarischer Verlockungen. Für den Abend fand sich sogar noch ein See, um den man herumwandern konnte, ein Naturschutzgebiet mit gelben Lilien und Seerosen und ein Biergarten, von hohen Kastanien und Weißbuchen überschattet. Und so ging es am nächsten Tag grad weiter: Unter der Woche ist Rothenburg ob der Tauber nicht ganz so überlaufen. Neben viel Kitsch kann man auch schöne Dinge kaufen, doch für die Toilette im Café und für die Kirchenbesuche muss man extra zahlen. Auch hier blühen und duften die Linden, das Ganze ist von einem fast provenzalischen Licht überstrahlt.


Umwege und Baustellen können allerdings auch dazu führen, dass man Neues entdeckt und erlebt, wie die Geschichte mit dem Sauerbraten in der kleinen Wirtschaft auf den Höhen. Zu dem Braten kamen wir, weil die Straße nach Creglingen im Taubertal (mit dem berühmten Altar von Tilman Riemenschneider) gesperrt war. Die Themen der drei anderen Gäste kreisten ebenfalls um den Verkehr. Ein Ungar wollte von einem amerikanisch sprechenden Münsteraner wissen, wo es hier - in der Pampa - zur Autobahn gehe. Ich glaube nicht, dass er hingefunden hat. Man merkt hier schon allmählich, was uns ständig daran hindert, unseren Tagen mehr Leben und weniger Verdruss zu geben!

Denn neben der Hin - droht auch jedes Mal die Rückfahrt. Das Hohenloher Land ist leider nicht mehr die ruhige paradiesische Oase zum Entfalten der Sinne, auch wenn es das Hallesche Landschwein immer noch gibt. An der Autobahn staubt es kilometerlang aus den Baustellen, in Schwäbisch Gmünd, von mir als mittelalterlicher gewaltiger Schöpfungsakt beschrieben, bricht viertelstundenweise der gesamte Verkahr zusammen. Eine Apokalypse! Und das nur, weil man seit der Landesgartenschau verkehrsmäßig viel verbessert, extra einen Tunnel gebaut hat, in dem es einen Unfall gab, zu dem der ADAC nicht mehr durchkam. Auf einem anderen Tripp, bei dem wir uns durch Umleitungen immer weiter entfernten, sahen wir die Auswirkungen von Stuttgart 21. Eine Schneise der Verwüstung, glücklicherweise nur auf einem ca. 300m breiten Streifen hoch oben auf der Schwäbischen Alb. Alles Leben, was man sich eingesaugt hatte, wurde wieder ausgepresst wie aus einer Zitrone. So sind wir jetzt zufrieden, dass es den ganzen Tag regnet und wir nicht wieder überlegen müssen, wohin wir denn in den Urlaub fahren könnten. Und auch nicht streiten, wer denn nun wieder schuld war, du oder ich oder die Regierung oder das Wetter oder die anderen Autofahrer, die nicht autofahren können und sich benehmen wie die röhrenden Hirsche.

Donnerstag, 11. Juni 2015

Wie die Zeit vergeht und Sie sie verlangsamen können

In der einen Woche ohne die Routine der Arbeit habe ich eine erstaunliche Erfahrung gemacht: Die Zeit verging viel langsamer, ohne dass dadurch Langeweile aufgekommen wäre. Ich hatte plötzlich für alles Zeit, selbst zum Wäscheaufhängen, so richtig mit Wäscheklammern, zum Einkaufen und zum Relaxen. Termine sind die größten Zeitfresser. Die kann ich mir jetzt selber setzen. Wann ich das Haus verlasse, wann ich zum Schwimmen gehe, wann ich mein Ebook noch einmal überarbeite und wann ich es herausgebe. Wann ich in den Urlaub gehe. Alle Lebensbereiche waren um diese paar Stunden Arbeit aufgebaut gewesen, ständig war ein Druck zu spüren, der andere wichtige Dinge an sich gesogen und beschleunigt hat. Vielleicht ist doch etwas dran den Worten eines"positiven Psychologen", der die These aufstellt, dass Routine die Zeit beschleunigt, das Ausfüllen ihrer einzelnen Momente dagegen verlangsamt. Er führt als Beispiel einen Forscher an, der sich zwei Monate lang in einer Höhle einschließen ließ, Routinearbeiten verrichtete und hinterher angab, die gefühlte Zeit sei e i n Monat gewesen. Viele Menschen empfinden die Beschleunigung auch zunehmend mit dem Älterwerden. Liegt es daran, dass die Restzeit des Lebens sich zunehmend verkürzt? Nein, sollte man denken, für ein Kind müsste die Zeit doch rasen, bei allem, was es neu lernt und erlebt. Aber nichts in meinem Leben kommt mir länger vor als die ersten zwanzig Jahre. Ob es Kinder und Jugendliche heute auch noch so erleben? Oder hat sich die Welt an sich nicht beschleunigt und reißt alle, jung und alt, in ihrem Strudel mit? In dem Artikel schlägt der Autor vor, sich etwas für die Restzeit seines Lebens vorzunehmen, egal auf welcher Stufe man sich befindet. Etwas zu ändern, etwas zu machen,was man noch nie gemacht und was man noch nie gewagt hat. Es muss ja nicht endgültig sein, man kann es zunächst mal für dreißig Tage ausprobieren.
Wie die Zeit vergeht und Sie sie verlangsamen können.

Donnerstag, 4. Juni 2015

Der letzte Arbeitstag

Am Dienstag war es dann so weit: Nach dem Team saßen wir alle, Kollegen und Vorgesetzte, beisammen und feierten meinen Abschied aus dem Berufsleben. Ein duftender Blumenstrauß, Geschenkgutscheine für Bücher und Restaurantessen, leckere Blaubeertörtchen und Lachsspinatrollen, ein buntes, warmes Programm. Die großen Geschenkkörbe hatte ich ja in den Monaten vorher schon erhalten. Super, wenn man so gehen kann und mit allem im Reinen ist! Natürlich wurde ich auch gefragt, was ich denn so für die Zukunft plane. Und dass ich glücklich zu preisen sei. Erstmal an die neuen Strukturen gewöhnen, das Auto zur Inspektion bringen, ein Arztbesuch meines Partners, dann Urlaub wer weiß wohin. Weimar wäre mal wieder eine gute Adresse, unvergesslich das Goethehaus im Park an der Ilm und die lockere, "geistreiche" Atmosphäre der Stadt. Viele schöne und hochinteressante Orte in der Nähe. Und natürlich kann unter der Woche gefahren werden, wenn das Wetter stimmt. Die Vereine weit und breit hatte ich schon alle gecheckt, aber nur einen gefunden, für den ich vielleicht auch weiter tätig sein könnte: der, in dem ich nun schon seit vielen Jahren bin und für den ich fast sechzehn Jahre lang gearbeitet habe. Alle wollten wissen, wie es mit dem Schreiben weitergeht. Und staunten nicht schlecht, dass ich demnächst ein eigenes Ebook herausgeben will. Manche waren noch nicht so mit dem Reader vertraut, andere nehmen ihn schon lange auf Reisen oder zum Zelten mit. Wie geht das mit dem Loslassen, wenn man bis zum Schluss voll drin war in der Arbeit? Ich habe mich in den letzten Wochen, die noch sehr dicht und ereignisreich waren, an vielen Stellen gefragt, ob ich das noch weiter haben will. Und kam zu einem eindeutigen "nein"! Bei der Rückfahrt wollte ich gerade ein Plätzchen auf der Höhe suchen, um die Arme in den sommerlichen Himmel zu werfen, als mit einem Pling das Display aufleuchtete. Reifen hinten rechts verliert an Druck! Auweia, nicht auch das noch, bitte. Der Reifenhändler zog einen Nagel aus dem Reifen. Wir hatten mal ein Auto, in dessen Reifen fast jede Woche ein Nagel oder eine Schraube steckte. Wie kommen die Leute eigentlich dazu, solche Dinge auf die Straße zu werfen? Bei denen ist wohl eine Schraube locker!

Mittwoch, letzter Arbeitstag, natürlich mit vollem Programm, mit therapeutischem Team und Gruppe. Es war wie immer und doch wie von einem glänzenden Schleier überzogen. Helfen ist jetzt kein berufliches Werkzeug mehr, sondern ein humaner Wert. Die Gruppe hatte sich eine Auswahl meiner Bücher zum Abschied gewünscht. Da lagen sie nun, und ich erklärte kurz den Inhalt, die Bedeutung und auch ihr Schicksal in der Verlags- und Bücherwelt. Ja, Mörike, von dem hatte man mal Gedichte auswendig lernen müssen. Alle Augen glänzten. Ein letztes Zusammensitzen im Garten, bei einem bombastischen Renteneinstiegswetter, der Garten, in dem man so viele Grillfeste gefeiert, so viele Spiele gespielt und so viele Konflikte hat lösen helfen. Und dann Tür zu, Schlüssel in den Briefkasten, die eigene Tasse muss noch mit. Herzliche Umarmungen, kein Blick zurück. Ein total glückliches, freies Gefühl. Wie im Traum die Wanderung über den abendlich warmen Kapf. Heerscharen von Riemenzungen und Hummelragwurz stehen dort aufgereiht, dazu der weite Blick über die Kuppen des nördlichen Schwarzwaldes. Und die Sicherheit, dass Erfahren, Erwandern und Erschreiben weiterhin
die Eckpfeiler meiner Landkarte sein werden.
Vom Glück, eine Glückshaut zu haben

Freitag, 29. Mai 2015

Vom Glück, eine "Glückshaut" zu haben

Heute aufgelesen am therapeutischen Wegesrand: Es gibt Menschen, die als Säuglinge einen Rest der mütterlichen Eihaut auf dem Kopf haben. Schon im Mittelalter wurde dieses Phänomen "Glückshaut" genannt. Den Inhabern dieser Glückshaut wurde vorausgesagt, dass sie es im Leben einmal besonders leicht haben würden und dass ihnen alles gelingen würde, was sie sich vorgenommen haben. Im Märchen "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren", aufgezeichnet von den Brüdern Grimm, wird der junge Hans mit so einer Glückshaut geboren. Ihm wird weisgesagt, dass er mit vierzehn Jahren die Tochter des Königs heiraten würde. Bis es dazu kommt, muss er aber etliche Abenteuer bestehen, die für ihn tödlich hätten enden können. Wie in einem Traum gelingt es ihm, eigene Kräfte zu mobilisieren, die Gefahren mit Humor und Mut zu meistern und die für ihn nötigen Hilfen zu mobilisieren. Und so erreicht er all seine Ziele, ohne ernsthaften Schaden dabei zu nehmen.

In moderne Sprache und Psychologie übersetzt bedeutet dieser Prozess, dass Hans ein überaus resilientes Kerlchen ist, denn seine Glückshaut schützt ihn vor negativen Gedanken und Gefühlen. Er hat nicht einfach nur Glück, sondern er zelebriert diese Fähigkeit zum Glück zu seinem eigenen und dem Nutzen anderer. Die Krisen werden nicht als unüberwindbare Berge empfunden, die man niemals bewältigen wird, sondern als Herausforderung und als Chance, daran zu wachsen. Schauen wir uns noch einmal die "sieben Säulen der Resilienz", der psychischen Widerstandsfähigkeit, an.
1. Säule: Optimismus
2. Säule: Akzeptanz
3. Säule: Lösungsorientierung
4. Säule: Die Opferrolle verlassen
5. Säule: Verantwortung übernehmen
6. Säule: Netzwerkorientierung
7. Säule: Zukunftsplanung
(Entnommen dem Beitrag "Einführung in die Resilienz" von Klaus Eitel).

Während der Beschäftigung mit diesem Thema kam mir der Gedanke, dass wir Autoren vielleicht auch versuchen, diese Widerstandsfähigkeit schreiberisch zu erarbeiten. Die Geschichte von Hans mit der Glückshaut erinnert an die Heldenreise des Odysseus, die vielen Geschichten und Filmen dramaturgisch zugrunde liegt und auch therapeutisch, zum Beispiel in der Gestalttherapie, genutzt wird. Die Elemente "Opferrolle verlassen" und "Verantwortung übernehmen" scheinen mir dabei überragend zu sein.

Samstag, 23. Mai 2015

Endlich Rente!

Vor Kurzem habe ich eine Glosse gefunden, über die ich mich gekugelt habe: Endlich Rente! Da ist von einem Mann die Rede, der die Rente herbeigesehnt hat und dann durch alle Höhen und Tiefen dieser finalen Aus-Zeit von der Arbeit stolpert. Er baut ein Vogelhäuschen, dann noch eins und noch eins, bis die Vögel sich darüber beschweren und dann ...aber lest selbst. Auf äußerst witzige Weise führt der Autor vor, wie man es besser nicht machen sollte, um nicht bei Vorabendserien, schlapprigem Jogginganzug und Mammut-Kreuzworträtseln zu landen. Kürzlich fragte mich ein alter Freund, ob ich denn, wenn ich in Rente bin, einen Roman nach dem anderen schreiben wolle. Mein alter Kumpel Mörike fällt mir dazu ein: Der war am produktivsten, als er noch eine ganze Menge um die Ohren hatte, nämlich als Pfarrer und später, als er mit 39 Jahren in Rente ging und als Literaturprofessor am Stuttgarter Katharinenstift tätig war. Danach machte er nur noch Gelegenheitsgedichte zu Geburtstagen, Hochzeiten usw. Ich selbst werde sicher auch keine Weltreise machen, keine neue Karriere starten oder die Welt neu erfinden. Werde weiter meine Natur- und Kulturserien gucken, Haus und Garten beackern, meine Ausflüge und Touren machen.Und meinen nächsten Roman veröffentlichen und auch den nächsten Roman schreiben und den nächsten oder auch mal ein Sachbuch. Und werde nicht erwarten, dass sich alles ändert, sondern dass alles etwas anders wird. Ich sehe jetzt, wenn ich durch die sonnenbeschienene Stadt gehe, die mir bekannten Rentner zufrieden beim Kaffee sitzen, während andere malochen müssen. Wie ich auch jetzt, kurz vor Ultimo, noch eine ganze Menge zu bewältigen hatte.
Es kommen die Pfingstfeiertage, danach wird es ruhiger. In diesem Stand werde ich noch 38 Tage lang sein, etwa die Hälfte davon urlaubsweise. Der Rentenbescheid ist auch schon gekommen, Mütterrente, Zusatzversorgungen und anderes ermöglichen mir ein finanziell unbeschwertes Leben. Und deshalb gehe ich auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Die spannenden Prozesse meines Arbeitslebens werden mir fehlen. Und es war sehr vorausschauend von mir gewesen, mir schon vor fünfzehn Jahren ein zweites Standbein aufzubauen. Es ist ebenso spannend, Bücher zu schreiben und zu sehen, wie sie sich auf der öffentlichen Bühne bewegen. Und damit auch noch ein Zubrot zu verdienen, wie mein Vater mir augenzwinkernd sagte. Es müssen ja nicht Vogelhäuschen sein - Marienkäferhäuschen habe ich schon als Kind sehr gern gebaut, aus Moos und Stöcken und trockenen Zweigen. Und Igelnester, Höhlen, Flöße. Ich brauche keine Joga-Kurse und Rentnerbusreisen, ich habe meinen Computer, meine Menschen, meinen Verein, meine Liebe zur Natur und zur Kultur, meine Bücher, die ich weiterhin lese, mein Kloster Heiligkreuztal und meine Mitautoren und -Autorinnen. Das Cover für meinen neuen Roman "Nacht des Wolfes" ist fertig, es basiert auf einem eigenen Foto von mir, durch eine Grafikerin stimmungsvoll in Szene gesetzt. Jetzt wird das Ebook noch konvertiert, und etwa Anfang Juni kann ich es dann bei Amazon hochladen. Am 8. Juni wird auch mein "Teufelswerk" ein Jahr alt. Es folgen, ohne zeitliche oder inhaltliche Garantie, ein Roman aus der Nazizeit, der fertige Krimi, nochmal überarbeitet. Und dann schaue ich mal, was noch in den Tiefen der Dateien schlummert und was mich sonst noch anfliegen könnte.

Dienstag, 19. Mai 2015

Mit 250 Km/h durch Deutschland

Am letzten Freitag war es wieder einmal soweit: Der traditionelle Spurt nach Frankfurt und Hamburg stand vor der Tür. Es ist kein Tripp, der dem Urwunsch mancher Menschen nach Entschleunigung gerecht wird, auch scheint die Achtsamkeit bei solchen Unternehmen manchmal außer Kontrolle zu geraten. Die Bahn hatte gerade einmal Streikpause. Der Stuttgarter Bahnhof ist nicht mehr wiederzuerkennen. Wenn man von ganz hinten zur wunderschönen alten Halle mit den vielen Imbissständen, Läden und dem Presse-und Bücherladen laufen will, trifft man statt dessen auf einen hässlichen Bauzaun und Berge von schmutzigem Aushub. Bei 250Km/h, auf der Höhe von Darmstadt, ist es dann geschehen. Vielleicht sollte man den Leitsatz aufstellen, dass man um so mehr Halt braucht, je mehr sich der Untergrund, auf dem man sich bewegt, beschleunigt. Auf jeden Fall gab es keinen Halt, als ich vom Tisch aufstand und der Zug sich ruckelnd in eine Kurve legte. Der Tisch gegenüber kam mir rasend schnell entgegen, ein Schmerz und besorgte Gesichter, die mir wieder aufhalfen. Das rüttelte mich schlagartig wach. In Frankfurt und auch später in Hamburg sah ich in jeder U- und S-Bahn, in jeder Straßenbahn Leute, die umhertorkelten und durchgerüttelt wurden, sich oft erst im letzten Augenblick vor dem Fall an einer Haltestange oder auch mal an unserem Rollkoffergriff festhielten. Während der rasenden Fahrt schaute außer mir niemand aus dem Fenster, alle blickten wie gebannt auf ihre Smartphones. Auch Reader konnte ich keine entdecken, ein junger Typ saß auf dem Boden und las ein Buch.

Später am Abend, in einer warmen Sommernacht, hatten sich die Frankfurter auf dem Friedberger Platz zu Hunderten versammelt. Jeder hielt eine Bier- oder Weinflasche in der Hand, ein Gewirr von Lachen und Stimmen drang herüber und verfolgte uns eine Straße weiter. Ähnlich zeigte es sich in Hamburg: Die schönen alten Kneipen des Schanzenviertels waren überfüllt, keiner hatte sein Smartphone in Betrieb, alle redeten miteinander und strömten zu Tausenden durch die Straßen. Lebenslust pur! Das sauge ich immer mal wieder gierig ein, denn bei uns auf dem Land sagen sich eher Rasenmäher, Kreischsägen und Elstern gute Nacht. Doch zurück zur Bahn: Bei den verantwortungsvollen Posten steht den Lokführern selbstverständlich ein angemessenes Gehalt zu! Doch der Service hat sich für mich, die ich seit Jahrzehnten treue Kundin bin, in keiner Weise verbessert. Nach wie vor Verspätungen, für Zugwechsel muss man beim Sparpreis tief in die Tasche greifen, und was früher die harten Ränder der Spagetti im Speisewagen waren, ist heute die Currywurst im Bistro, die in einer warmen roten Soße schwimmt. Das wiederum wird in der Großstadt mit köstlichem Saltimbocca und mehrgängigen Fischmenues beim Italiener ausgebügelt.

Das Hotel in Hamburg stammt aus dser Gründerzeit der Arbeiterwohlfahrt. Die Preise schießen immer wieder aus Gründen in die Höhe, die mit den Messen oder auch den Musicals zusammenhängen müssen. Auf jeden Fall war es genau das Haus, das meinem künftigen Roman (Schauplatz: Hamburg/ Buenos Aires) entsprungen sein könnte.



Eine ältere Frau mit Baskenmütze erzählte mir unaufgefordert, dass im Viertel gerade ein Priester namens Fernando Je gefeiert werde, einer, der unzähligen Menschen im dritten Reich zur Flucht nach Frankreich verholfen hätte. Ob sie geahnt hat, dass mein Roman in dieser Zeit spielen soll? Am Hafen war kein Durchkommen mehr. Massenweise wurden die Touristen auf Schiffe verfrachtet, die sie zur Konzerthalle des Musicals "Das Wunder von Bern" bringen sollten. Für ein reichhaltiges Krabbenbrötchen an der Brücke 10 standen sie Schlange und kämpften sich, wie wir, mit umgeklappten Schirmen und verkniffenen Gesichtern durch Sturmböen und Regen. Das lohnt sich allerdings auch.


Einfallsreich sind sie ohne Ende, die Großstädter! Einer kam mit einem Musikapparat statt eines Kopfes daher und beschallte die Umgebung, ein anderer angelte von einem Dach herab mit einem Pappbecher nach Almosen. Das waren barock gefüllte, aufregende Tage. Blieb am Ende der Rückweg, mit traditionell quäkenden Kind in der Zugnachbarschaft und einer traditionellen Verspätung. Aber die Bahn lässt sich dazu manchmal ewas einfallen, indem sie Überaschungen austeilt, allerdings nicht in Form von Leckereien oder einem Pott Kaffee, sondern einer Leseprobe (von was, weiß ich schon nicht mehr). In Stuttgart ging es diesmal durch einen endlosen Tunnel zur S-Bahn. Und da muss man sehr fix sein, um nicht von der Fahrstuhltür eingeklemmt zu werden. Ja, sie sind schnell und stressig und wundervoll, diese Fahrten quer durch Deutschland. Aber ich bin doch jedes Mal ganz froh, wenn ich wieder in meinem Rasenmäher- und Kreischsägenland bin und zu Fuß, ganz gemächlich, über die schwäbische Alb wandern und alles, was da blüht, fleucht und tschilpt, aus nächster Nähe anschauen, hören und riechen kann. Und jetzt streikt die Bahn ja wieder, länger noch als das letzte Mal.