Samstag, 4. Juli 2015

Vernetzt, gefangen, ausgespäht


Einen Vorteil hat diese Sommergluthitze ja: Man kann zuhause im abgedunkelten Zimmer sitzen und sich auf das Wesentliche konzentieren. So bin ich auf eine Diskussion bei Facebook gestoßen, die den Finger auf genau die Wunde legt, die Amazon seinen Autoren (und Lesern!) mit seinem neuen Abrechnungsmodus beschert hat. In einem Interview weist Nina George auch noch auf andere Dinge hin, die im Zusammenhang damit aufgeworfen werden können. Literatur-wird-eine-andere
Worum geht es? Vielleicht kann ich es mal aus ganz naiv-persönlicher Sicht schildern: Als ich gestern von einem erfrischenden dreitätigen Ausflug ins Allgäu zurückkam, erwartete mich eine herbe Überraschung. Die Ausleihanzeigen meiner Ebooks waren vollkommen verschwunden, da war nur ein langer Strich, wie diese Lethal-Anzeigen im Krankenhaus, ein langgezogenes Piiiiiiiep und aus. Für den 1., 2. und 3. Juli gab es die gewohnten blauen Kurven, aber nicht mit der Anzahl der Ausleihen, sondern mit der Zahl der Seiten, die von den Lesern gelesen wurden. Hat da einer tatsächlich 515 Seiten gelesen, in einem Rutsch? Oder haben 10 Leser jeweils 51,5 Seiten gelesen? Aber so viele Ausleihen auf einmal gab es doch früher nicht? Wenn Amazon wirklich mehr Gerechtigkeit ins SP-System bringen wollte, dann hätte der Konzern das für alle durchsichtiger machen müssen. So, wie es bis jetzt aussieht, fühlt es sich an wie wachsende Kontrolle (und damit Macht) des Konzerns, Ausspähen von Lesegewohnheiten und weniger Kontrolle und Übersicht für den Autor. Liest der Leser weniger als 10%, erscheint das Buch gar nicht in der Ausleihe und wird auch nicht vergütet. Angeblich sollte es für die Autoren mit längeren Texten einen Ausgleich schaffen, weil solche mit 99-Cent-Büchern das Gleiche an Tantiemen bekamen. Kontrolle, Macht, Ausspähen, Eigenkonrolle - das führt mich unweigerlich zum Nächsten.

Ein Interview mit dem Informatiker, Komponisten,  bildendenden Künstler, Autor und Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels Jaron Lanier im FAZ-Feuilleton: Warum wollt ihr unseren Quatsch? Da geht es um die sozialen Netzwerke und Konzerne wie Facebook, Amazon und Google. Ursprünglich einmal von jungen, begeisterten Technikfreaks erfunden, um den Leuten das Leben zu erleichtern und vielleicht sogar die Welt zu verändern. Während du früher umständlich auf den Nachbarn zugehen musstest, kannst du dich heute mit der ganzen Welt verbrüdern, dir deine Ware ins Haus bestellen (mich stört es übrigens eher, wenn die Briefträgerin dauernd klingelt!) und an Selbst-und Globalbewusstsein gewinnen. Dich selbst schneller, besser, intensiver verwirklichen. Für dich und deine Produkte problemlos werben. Der Nachteil ist schon jetzt, dass du ausgespäht, selber als Werbeobjekt und Geldspeier ausgepresst wirst. Oder woher kommen diese Tausende von Spammails, warum haben die Anrufe obskurer Umfragen so rasant zugenommen? Über den guten alten Briefkasten lohnt es sich ja schon nicht mehr, da guckt wohl kaum noch jemand rein. Es ist ein super stimmiges Bild vom "Silicon Valley", von dem aus die Menschen und sogar Politiker gesteuert werden. Hätte es diese Netzwerke im dritten Reich schon gegeben, hätten die Macht und die Tötungsmaschinerie noch viel effektiver ausgebaut werden können. Selbst Terroristen mussten früher ans Telefon gehen, um sich zu verabreden. Da fällt mir gerade auf, wie rasant schnell sich die Welt verändert hat: Ich schreibe gerade an einem Exposé, dass in den Jahren 1969 und 1934 spielt, in Hamburg, Buenos Aires und im Urwald von Misiones. Völlig unbedacht haben sich da eine "Kita" und eine Kommunikation per Facebook eingeschlichen! Dabei war ich doch 1969 selbst in Argentinien und habe gesehen, dass der Strom von einem brummenden Gerät im Garten geliefert wurde. Und die Grüße an die Lieben daheim wurden per Telegramm übermittelt. Ob ein heutiger Jugendlicher das Wort überhaupt noch kennt?

Ich habe ja schon viel über Social Media geschrieben und es nie grundsätzlich verteufelt. Das mache ich auch jetzt nicht. Es wird immer das bleiben, was die Einzelnen daraus machen. Die Informationsübertragung hat sich für mich eindeutig verbessert, als Autorin sind mir Emails eh lieber als ständige Telefonate. Aber man sollte sich überlegen, wem man sich jeweils ausliefert und was man von sich preisgibt. Und was einem wirklich bei der Weiterentwicklung hilft. Deshalb ist auch dieser ein Lieblingssatz für mich: Wenn du dich selbst kennenlernen willst, solltest du Facebook verlassen, für eine ausreichende Zeit. Nicht aus dem Glauben heraus, dass es falsch oder böse ist. Sondern einfach als ein Experiment. Um herauszufinden, was Facebook wirklich ist. Und wer du wirklich bist." In den letzten drei Tagen im Allgäu habe ich zwar ein Handy dabeigehabt, es wurde aber nur einmal wegen eines Treffens benutzt. Drei Tage lang war ich mit keinem Netz verbunden. Statt uns weiter dem Touristenzirkus auszuliefern, haben wir eine Nische gefunden. Ich habe den Vögeln und Schmetterlingen an einem grün schäumenden Gebirgsfluss zugeschaut und die erhitzten Glieder im eiskalten Wasser gekühlt. Abends saßen wir auf dem Balkon unserer Ferienwohnung und schauten dem Mond zu, der als ein riesiger Ball über die Bergspitze stieg. Es geschah nichts und doch so viel, dass es keinen Moment langweilig wurde, bis die Kälte vom Gebirge herabkroch und uns in die Betten trieb. Die Grillen zirpten unermüdlich, zerfetzte Wolken zogen vorüber, der Mond stieg höher und verschwand hinter dem Dachgiebel. Drei Kühe standen unbeweglich in der Wiese, ich wusste gar nicht mehr, dass sie im Stehen schlafen. Ihre Glocken hatten aufgehört zu bimmeln. Und über allen Gipfeln war Ruh.
                                                                      

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