Samstag, 10. Juni 2017

Dem Himmel ganz nah - in Bayern

1. Die Hinfahrt
Vor zwei Tagen war es mal wieder so weit: Baden-Württemberg mit seiner Bevölkerungsdichte, seiner Fixiertheit aufs Heiligs Blechle und der Rücksichtslosigkeit vieler seiner Bewohner hing uns zum Hals heraus. Was für entspannte Tage hatten wir bis vor wenigen Jahren in Bayern verbracht! Also suchten wir uns einen Landstrich, der nicht so dicht an den Bergen und Seen des Allgäus liegt: den Pfaffenwinkel. Er umfasst das Gebiet zwischen Memmingen, Bad Wörrishofen und Schongau. Wir waren gespannt darauf, ob wir ohne Frust und seelische Blessuren dorthin gelangen würden. Bis zum Kloster Ochsenhausen, über die schwäbische Alb, ging es noch gerade so. Viel zu viele Laster, viel mehr Autos als am Wochendende. Aber nur einmal beschleunigte ein VW-Dickschiff, als wir mit unserem Golf überholen wollten, und drängte uns fast von der Straße. Hupte auch noch unverschämt hinter uns her. In Ochsenhausen gab es einen schrecklichen Imbiss, serviert von einer schusseligen Bedienung, umrahmt von einem höllischen Verkehrs-und Laubbläserlärm. Ich weiß nicht mehr, wie wir aus den Umleitungen in Memmingen, die uns ständig im Kreise führten und uns eine Stunde Zeit kosteten, plötzlich hinausgelangten unter die Weiten des bayerischen Himmels.

2. Unter dem weißblauen Himmel
Nach etwa zwanzig Minuten Fahrt durch grünes Allgäuland tauchten die kollossalen Türme des Klosters Ottobeuren auf. Wir rieben uns die Augen, denn es war eine Abtei mit einem Münster, das wir auf unseren Kloster - und Kirchenfahrten bisher noch nicht entdeckt hatten. Mit einmaliger Wucht steht dieses Barockkleinod auf einen Hügel über dem kleinen Flecken gerammt. Innen vier Schiffe mit Illusionsmalerei und kunstvollem Stuck, alles in einer einmaligen Art aufeinander abgestimmt..
Ottobeuren
https://www.holidaycheck.de/m/inneres-der-basilika/2cf52f83-c951-31b5-81fa-a83c36f06124
Sebastian Kneipp, der Wasserexperte, wurde hier geboren und wirkte in Ottobeuren wie in Bad Wörrishofen. Unten eine Festtagsgalerie mit Biergärten, Hotels, Pensionen und Hunderten von lustigen Kirchentouristen. Es war noch früh am Tag, deshalb fuhren wir weiter in diesen bezaubernden Landstrich des Pfaffenwinkels hinein. In jedem kleinen Dorf steht eine Barockkirche, manche groß wie eine Basilika, die man nur in Wallfahrtsorten vermuten würde. So kamen wir zum Auerberg, nach Bernbeuren, wo aber keine vernünftige Übernachtung mehr zu haben war. Umso schöner das Ensemble von Kirchen und Kapellen.

Kapelle in Bernbeuren

Zum Abschluss des Tages dann noch die gezackte Alpenkulisse mit dem Forggensee und den Königsschlössern Hohenschwangau und Neuschwanstein im Hintergrund. Ludwig II. hat wohl gewusst, warum er seine Traumschlösser in diese Gegend hinein baute, und die Touristen von heute wissen wohl, warum sie zu Tausenden jedes Jahr in diese Traumlandschaft kommen. goo.gl/dV5mSI Zur Übernachtung kam es dann in Ottobeuren, nach einigen wesentlichen Hindernissen. Während des Essens irritierte uns eine Bedienung mit herzhaft rot geschminktem Mund und gestelzt kesser Pose.  Ich bestellte erstmal einen sauren Sprudel, der Tag war heiß und schweißtreibend gewesen.
"Mit Wein oder mit Bier?", fragte die Bedienung.
"Nein, Wasser mit Kohlensäure", antwortete ich.
"Mit süßem oder sauremSprudel?"
"Nein, einfach Wasser mit Kohlensäure."
"Stilles Wasser?"
"Nein, mit Kohlensäure!"
Bei meinem Freund das Gleiche. Er wollte ein kleines Bier.
"Dunkles oder helles Bier?"
"Ein Bier, kein Dunkles."
"Kristallweizen oder Hefeweizen?"
"Ein kleines Bier, verdammt!"
Mein Freund ist dafür bekannt, dass er schnell aus der Haut fährt. Um wegen des Essens keine weiteren Indolenzen mehr hervorzurufen, zeigte ich auf eine Tafel und bestellte: Paniertes Schnitzel mit Kartoffelsalat. Die Bedienung rauschte ab, den rot geschminkten Mund zu einer starr lächelnden Maske verzogen. Ein junger Typ, der uns vorher schon angesprochen hatte, setzte sich zu uns und berichtete, dass er in einer anderen Wirtschaft  weggejagt worden wäre, weil der Tisch reserviert sei, obwohl kein Schildchen darauf stand. Er war übrigens mit dem Fahrrad ebenfalls eine Stunde in Memmingen herumgeirrt. Nun, wie gesagt kam es trotzdem zur Übernachtung in diesem ansonsten gesegneten Ort. Der junge Mann hatte per Handy zwei Zimmer für uns in einer Pension besorgt, in der er auch selber wohnte. Die Umgebung von Ottobeuren ist wunderschön, es gibt sogar einen sauberen Weiher mit Badewiese. Dort liefen uns zwei Angler mit Bierflaschen und zwei gefangenen Barschen über den Weg. Und in der Pension saßen wir die halbe Nacht auf dem Balkon, tranken Büble und Andechser Bier und redeten über Musik, über Kunst, das Leben, Gott und die Welt. Leider verschwand die Pensionswirtin am nächsten Tag, so dass wir nicht länger bleiben konnten. Und so tasteten wir uns, weil das Wetter immer schlechter wurde, langsam zurück an die Grenze von Baden-Württemberg. Ein Highlight war noch das Städtchen Mindelheim. Schon am Morgen stehen hier die Halben auf den Tischen, alle sind freundlich und aufgeschlossen. In einer Bäckerei lachten ein Kunde und die Bäckerin um die Wette. Gelassenheit und Lebensfreude unter bayrischem Himmel, was ich so liebe!

3. Die Rückfahrt
Die letzte Sonne beschien die barocken Kirchen und Biergärten, die es hier in jedem Dorf gibt. In Günzburg an der Donau hatten wir mal einen tollen Schweinebraten gegessen, von einem ausnehmend netten Kerl in Lederhose auf dem Marktplatz serviert. Aber wir hatten die Nähe zur Autobahn vergessen. Riesige Laster verbarrikadierten den Zugang zur Stadt. Und so gerieten wir zurück in den unwirtlichen baden-württembergischen Sog. Baden-Württemberg, ein Wirtschafts- und Egoistenland, Bayern, mehr eine Agrar- und Bierwirtschaftsgegend. Zum Trost noch ein Besuch der alten St. Galluskirche in Brenz an der Brenz goo.gl/lO49P5, ein gutes Essen mit aufmerksamer Bedienung in Giengen. Dann durch das Brenztal mit seinem Industrieanlagen-Inferno, dazu Staus und Regen, ein Höllenritt zurück über die schwäbische Alb, aber angefüllt mit guten Erlebnissen. Wir werden jederzeit gern dorthin zurückkehren, und jetzt wissen wir auch, wie wir besser dorthin gelangen und wo wir länger bleiben können.





Montag, 29. Mai 2017

Lebensbaustellen: Schreiben und Natur

Heute kommt der zweite Teil der Lebensbaustellen.

2. Das Schreiben und die Natur
Beides hat die letzten siebzehn Jahre meines Lebens stark bestimmt. Zehn Romane sind dabei herausgekommen, acht davon veröffentlicht, dazu eine Anthologie und ein schwäbischer Alb-Kalender. Aber immer, wenn man denkt, da kommt jetzt nichts mehr, kommt dann doch noch was. Wie erwähnt, kam mein zweiter Kleinverlagsroman auf mich zurück und ist seither in Bearbeitung. Erst ein Crash durch falsches Speichern zeigte mir, dass der Roman noch mal ganz neu konzipiert werden muss. In dieser Sache beschäftige ich mich gerade mit den Hexenprozessen in Wasserburg, die dort zwischen 1589 und 1675 fast ununterbrochen stattgefunden haben. Auch vor Kindern machten die Denunziationen keinen Halt. Es erinnert manchmal an das Treiben in den sozialen Medien - nämlich fake news und Hasskommentare entsprechend dem Nachbarschaftsgeklatsch und Anhängen übler Verdächtigungen. Eine Hexenjagd sondergleichen! Vielleicht ist das jetzt dann mein letzter Roman. Aber man soll ja nie nie sagen. Vorstellen könnte ich mir noch ein Ratgeberbüchlein, Rentner und kein bisschen weise oder so und ein (virtuelles?) Büchlein über die Natur und die Poesie. Mein ursprünglicher Antreiber in Sachen Schreiben. Übrigens steigen die Besucherzahlen dieses Blogs ins Immense, sobald ein poetisches Thema auftaucht, allen voran die Franzosen tummeln sich dann hier en masse. Besonders beliebt sind Themen wie "romantische Wege", "Die blaue Blume", "Rainer Maria Rilke", überhaupt Gedichte, dann "Im Oktober", "Altweibersommer" aber auch "Lebensbaustellen" und "Ostern". Da kommen schon mal 13 000 Klicks auf einen Beitrag. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles Roboter sind.

Abtrieb für die Schreiblust gibt es durch den Abbau der Midlist und durch Überfüllung im Self Publishing-Sektor, auch wenn das nicht alles Neuerscheinungen sein müssen. Auftrieb gab mir die Ankündigung des Verlages, im November 2017 noch einmal ein E-Book-Bundle zweier meiner Romane aufzulegen (siehe oben rechts). Wenn ich es hinkriege, ist dann auch mein derzeitiges Projekt "Hexenkinder" verwirklicht und kommt rechtzeitig mit dem historischen Schwarzwaldbuch "Die Köchin und der Kardinal" und "Die Pilgerin von Montserrat" heraus. Anregungen und Erholung aus der Natur holen wir uns nach wie vor - sofern die extremen Wetterverhältnisse es zulassen - bei Orchideenspaziergängen und Albwanderungen.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Lebensbaustellen

Der Demo-Ort
Wenn der Beruf hinter einem liegt und dem "Werk" eigentlich nichts mehr hinzuzufügen ist, tun sich neue Baustellen auf. Einiges hat man auch mitgenommen aus der brot-aktiven Zeit. Meine neuen Baustellen könnte ich mal folgendermaßen umschreiben:

1. Die öffentliche Schiene.
Letzte Woche sind für mich aufschlussreiche Dinge geschehen. Am Dienstag fand in unserer kleinen Stadt, die bekannt ist für ihre gewerbsmäßige Geschäftigkeit, eine Demonstration gegen die AfD statt. Es war ein ganz anderes Gefühl, mit 100 Leuten nahe des Ortes der Veranstaltung zu stehen als seinerzeit mit 500 000 Demonstranten im Bonner Hofgarten. Auf jeden Fall war es eine ominöse Verammlung, die da abgehalten wurde. Der Fraktionschef im Landtag Meuthen sprach zu den Bürgern, die sich durch die Angstthemen dieser populistischen Partei angezogen fühlen. Ich hatte schon vor einigen Wochen beschlossen, wieder mehr in die (reale) Öffentlichkeit zu gehen und freiheitlich-demokratische Bewegungen zu unterstützen. Die Auseinandersetzung muss inhaltlich erfolgen, nicht mit Buh-Rufen und Niederschreien. Das wurde wohl befürchtet, denn Polizei war aufgefahren, und vor der Turnhalle standen blauhhaaige Antifaschisten, die von zwei schwarzgekleideten Bodygards am Eindringen gehindert wurden. Am Tag danach kamen wir mit zwei Aktivisten einer Haiterbacher  Bürgerinitiative ins Gespräch. Es geht um einen Absprungplatz der Bundeswehr auf einem Segelflugplatz in einem Naherholungsgebiet, mit weitreichenden Eingriffen in die Natur, Lärmbelästigung, Absperrungen usw. Dazu findet heute Abend ein Infoabend statt angedacht ist eine Bürgerbefragung. Alles überflüssig und im Endeffekt erfolglos? Man muss ab und zu Zeichen setzen, und außerdem ist es ganz schön erfrischend, nach langen Jahren im Schreibexil wieder ans Licht hervorzukriechen. Besonder aktuell nach dem furchtbaren Terrroanschlag in Manchester: sich nicht einschüchtern lassen. Ich denke an die Opfer und deren Angehörige. Die Lebensbaustellen werden ein andernmal fortgesetzt.
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Montag, 8. Mai 2017

Kleine und große Fluchten-das stille Tal

Heute war ein Tag, an dem man am liebsten die Wände hätte hoch - und runtergehen mögen. Einzig postitiv war das französischen Wahlergebnis gestern um 20 Uhr. Gott sei Dank haben die Franzosen sich darauf besonnen, dass sie einmal eine Revolution gehabt haben und immer als eine freiheitliche und lebensfreudige Nation galten. Ihr Ja zur Europäischen Gemeinschaft ist ein Fanal für andere Länder, es den Briten nicht gleich zu tun. Weniger erfreulich der Wahlausgang in Schleswig-Holstein, meinem Geburtsland. Schade, dass die Kanzlerin dadurch wieder Auftrieb erhält. In der Zeitung las ich, dass ein Grund der SPD-Abwahl der gewesen sei, dass sich viele Schleswig-Holsteiner nicht mehr mit der vehementen Zunahme der Windspargel abfinden wollen.

Heute war der dritte graue, kalte und nasse Tag. Die Winter werden immer nasser, hat der Wetterfrosch gestern in der Sendung über Naturkatastrophen in Baden-Württemberg gesagt. Und die Winter dauern bis in den Mai hinein, fügte ich im Stillen hinzu. Dagegen erweisen sich die Sommer als zunehmend heisser, und es gibt keine drei Tage, in denen Wetter oder Temperatur konstant bleiben. Konstant allenfalls im Miesen. Man wird allmählich ganz rammdösig vom ewigen Stubenhocken. Auch wenn man sich fest vorgenommen hat, jeden Tag eine große Runde zu laufen, kehrt man gleich an der Haustür wieder um. Es ist so boooaring, die Engländer haben dieses überaus passende Wort dafür erfunden. Gerade hatte ich mich aufgerappelt, um eine Tour ins Nördlinger Ries zu planen (es soll drei Tage lang etwas mehr Licht geben), da bekam ich einen Anruf, der Wagen hätte einen Platten und stehe in der Werkstatt. Stress und Gerenne. Aber bei jedem Unglück gibt es ja auch eine Kehrseite. Als Ersatzwagen bekamen wir einen schwarzen Mercedes der B-Klasse, in dem es sich wunderbar gleiten lässt. Erinnert mich an den Tag, als uns bei Pfullendorf einmal das Auto verreckte. Es war ein schöner, klarer, warmer Tag. Der wildfremde Autohändler übergab uns vertrauenvoll einen Eos Cabrio, und wir sausten mit wehenden Haaren hinunter zum Bodensee. Alle Leute blieben stehen und guckten. Morgen bekommen wir den alten schon wieder, da wird es also nichts mit Bodensee, Nördlingen oder Wemding.

Ich möchte aber die Gelegenheit nutzen, hier in kürzeren Abständen über "kleine und große Fluchten" zu berichten, die uns kurzzeitig wegbringen vom Alltag, vom Verkehrsgedrängel, üblen Zeitgenossen, schlechten Nachrichten, Computergedöns und Buchmarktkatastrophe. Fangen wir an mit dem Schwarzwald, den wir vor ein paar Tagen besuchten. Er ist eines der Gebiete, die mit am frühesten für den Tourismus erschlossen und dadurch auch bald mehr oder weniger verdorben waren. Die Kuckucksclocks, Bollenhutpüppchen und Rennbahnen, sich immer weiter ausdehnende Städte und Supermärkte und leider auch die energienotwendigen Windspargel haben der reizvollen Gegend ihren hässlichen Stempel aufgesetzt.  Aber es gibt sie noch, die stillen Winkel. Fährt man einfach mal in ein unscheinbares Seitental hinein, kann man den Schwarzwald erleben, wie er ursprünglich vielleicht einmal gewesen sein mag. Falls jemand die Tour nachfahren und -laufen will, bitte eine Mail an mich schicken. Wir haben es nämlich kürzlich erlebt, dass wir eine Wanderung aus der Zeitung nachgegangen sind (im Eyachtal), und als wir dort ankamen, waren doch viele dem Ruf gefolgt. Nicht, dass einmal Heerscharen dort einfallen und das noch Unberührte zerstören.

In einem Dorf in diesem Tal steht an einem Bach eine alte Mühle. Der Schwarzwaldverein hat sie restauriert und im ganzen Tal bis hinauf bis zu den Höhen einen wunderschönen Wanderweg angelegt, mal am Bach mit dem glasklaren Wasser entlang, mal durch den Wald, dann wieder über Wiesen.



Im Dorf stand eine alte Bäuerin in einem etwas erhöhten Garten und hackte Unkraut. Mein Begleiter sprach sie auf den schönen Garten an, was sie zu einem Dauergrinsen verleitete. So etwas bekommt sie sicher nicht jeden Tag zu hören. In dem Tal ist es so warm, dass der Ginster schon anfängt zu blühen.

Nach einer kleinen Wanderung auf dem wunderbaren Weg ging es hinauf bis auf 900 Meter Höhe. Hier sanken die Temperaturen dann von 21° auf etwa 15°. Aber es gibt einen super Ausblick auf den Schwarzwald, wie wir ihn aus Hochglanzprospekten teilweise noch kennen, aber kaum mehr wiederfinden.
Zum Abschluss landeten wir in einem Kurort nahe Schramberg, wo ich eine sonnige Ecke mit einem Italiener entdeckte. Schwarzgekleidete, fröhliche Handwerksburschen saßen davor, tranken Bier und aßen Pizza. Also ließen wir uns ebenfalls Spagetti Bolognese und Piccata alla Milanese bringen. Dieses Auftanken musste drei Tage reichen. Als nächstes plane ich kleine Berichte über den Besuch des Taubertals bei Rothenburg und über einen Nachmittag in der Schillerstadt Marbach.

Donnerstag, 27. April 2017

Das Kind in dir muss Heimat finden



Tübingen, Neckaransicht
 Am letzten Samstag stand ich in einer großen Buchhandlung in Reutlingen, Abteilung Psychologie. Und da fiel es mir wieder ins Auge. Das Buch der Psychotherapeutin Stefanie Stahl, das zum absoluten Bestseller avanciert ist. Und ich weiß auch warum: Weil jeder versteht oder zumindest ahnt, was damit gemeint sein könnte. Und weil es so tröstlich klingt, denn ich glaube zutiefst, dass die Menschen heute trotz aller Vernetzung unbehauster sind als jemals zuvor. Es ist das. was ich in meinem persönlichen Leben erlebt, was ich studiert und womit ich mich beruflich beschäfigt habe. Da ich zu Hause noch einen ganzen Berg von Lektüre hatte, kaufte ich es vorerst nicht. Vor ein paar Tagen in Tübingen suchte ich es dann doch noch einmal, zusammen mit dem Krimi eines Kollegen, der inzwischen auf Platz 5 der Bestsellerliste gelandet war (Lost in Fuseta). Letzteres spricht mich deswegen so an, weil ich früher mal einen abenteuerlichen, unvergesslichen Urlaub in Fuseta (Portugal) gemacht habe, zusammen mit einem jungen Freund. Da gab es den Galaos, Galaosch gesprochen, einen Milchkaffee im Glas, es gab eine Riesenmeeresschildkröte am Strand, hohe Wellen, Einsamkeit, Fischrestaurants, den Geruch nach Macchia, herzliche Menschen und eine alte Vermieterin, die auf dem Dach ihres Hauses glucksend davon sprach, dass in Deutschland bald die Mauer fallen würde. Aber beide Bücher waren nicht zu finden. So machte ich mich zuhause daran, den Lektüreberg abzubauen.

Allein die Beschäftigung mit dem Thema "inneres Kind" ließ ein "Heimatgefühl" bei mir entstehen. Mir wurde klar, dass es nicht von außen kommen kann, denn die Defizite aus der Kindheit, das Gefühl, nicht gut oder liebenswert genug zu sein, kann auch durch äußere Erfolge nicht ausgebügelt werden und wenn, dann nur kurzfristig. In Kollegenkeisen wurde früher von "Selbst-Beelterung gesprochen, also die Fähigkeit, so für sich zu sorgen, dass eine innere Zufriedenheit entsteht. Für das Wohlsein müsse der Mensch selber sorgen, sagte schon Schopenhauer. So nutzten wir das sommerliche Wetter in Tübingen, um eine Art Urlaubstag zu verbringen. Das gelang weit besser als am Bodensee tags zuvor. Dort waren die Massen auf den Promenaden versammelt, es war nicht möglich, auch nr einen Augenblick zu sich selber zu kommen. Den Wintereinbruch seitdem nutze ich zur Überarbeitung meines Kleinverlagromans, den ich jetzt einfach umbenannt habe (A.T. Maikäfer flieg). Und als hätte das eine Signalwirkung gehabt, kam gestern - endlich nach mehr als vier Wochen - ein netter Brief von der früheren Verlegerin, sie gebe mir die Rechte an dem Titel zurück und wünsche mir alles Gute damit. Seitdem arbeite ich mit großem Vergnügen daran.

Am Strand von Bodman


    


 

Samstag, 22. April 2017

Es geschah beim Zahnarzt

Vor zwei Tagen hatte ich einen Termin. So einen Termin von der Art, bei der man froh ist, wenn er endlich hinter einem liegt. Meinen Zahnarzt kenne ich seit Jahren, ebenso die Fachkraft für die professionelle Zahnreinigung. Seitdem ich diesen Zahnarzt und diese Fachkraft für Zahnreinigung habe, war nichts Bemerkenswertes mehr mit den Zähnen. Die beiden wissen, dass ich Romane schreibe bzw. geschrieben habe. Mein Zahnarzt hat auch eine ganze Bücherwand mit Klassikern zu Hause stehen. Diesmal war die Behandlung nur eine mehr kosmetische Korrektur, die es aber in sich hatte. Da wurde sehr viel Wasser eingesetzt, viel mehr als früher, als es nur den langsamen, elend knirschenden und den schnelleren, in hohen Tönen kreischenden Bohrer gab. Natürlich hat es auch diesmal wieder nicht weh getan. Dafür machte mir das Wasser im Mund zunehmend zu schaffen, obwohl es ständig abgesaugt wurde. Da kam der Schluckreflex zum Einsatz. Nachdem ich gebeten worden war, die Augen zu schließen, ertönte mit einem Mal ein unterirdisches Grollen, als wenn ein Vulkan kurz vor dem Ausbrechen stünde. Lachend mussten wir feststellen, dass meinem Zahnarzt der Magen knurrte. Zwischendurch plauderten wir über das Schreiben, wenn mein Mund gerade mal frei zum Sprechen war. Wie es damit ginge? Ach, es wird immer schwieriger, gerade habe ich ein Manuskript an eine Agentur geschickt und keine Antwort erhalten. Da fiel ihm ein, dass man es ja auch ganz anders machen könne. Eine Studentin, zum Beispiel, sitze immer im Café und beobachte die Leute. Über das, was sie aufschnappt, schreibe sie Geschichten und habe ein Buch daraus gemacht. Ich habe auch schon im Café geschrieben, aber ganze Romane, fällt mir ein. Dann gäbe es ja auch noch diese Zahnarztgeschichten und ähnliche Events, meinte er, über die man berichten könne. Während ich so auf dem Schragen liege, denke ich an den Kleinverlagsroman, dessen Rechte ich zurückerbeten hatte, um es nochmal selbst aufzulegen. Ebenfalls keine Antwort. Die Welt ist so arm an Antworten geworden!

Warum tue ich mir das an, warum schreibe ich immer weiter, wenn die Welt doch immer weniger zu lesen und immer mehr draufzuhauen scheint? Warum haue ich nicht einfach ab wie neulich ins herrliche Taubertal, wo die Dörfer noch unverändert auf den Höhen stehen und keiner den anderen von der Straße drängeln will? Oder wie bei der Wanderung abseits vom Eyachtal, wo der Wald verwunschen und einsam dasteht, die Wegränder mit Wiesenschaumkraut, Anemonen und Veilchen gesäumt sind. Die Bücher, die mir in der letzten Zeit am besten gefallen haben, waren vom kleinen Verlag Klöpfer&Meyer in Tübingen, auch das von dem "Liebesgedächtnis".

Das unterirdische Grollen wiederholte sich noch ein zweites, ein drittes Mal. Auf meine Frage, ob er nichts zu Mittag gegessen hätte, antwortete er, im Gegenteil, er war beim Chinesen, und es sei fast zu viel gewesen. Ich kenne die chinesischen Restaurants gut, auch wenn ich nicht der absolute Fan davon bin. Meistens gehe ich aus Solidarität mit dorthin, esse eine Suppe mit Gemüse und Hühnerfleisch, eine mit köstlichen kleinen Maultaschen und/oder knusprig gebratene Ente. Jedesmal, wenn wir vom Chinesen zurückkommen, müssen wir sofort auf die Toilette. Bei einem der letzten chinesischen Essen hörten wir die Leute am Nebentisch darüber reden. Habt ihr auch wieder Durchfall davon bekommen?, wurde da gefragt. Sie glaubten und ich glaube, es ist das Glutamat, und deshalb schmeckt das auch so würzig.

Ja, ich könnte in Zukunft kleine Anektdoten des Alltags erzählen, anstatt über das Leben, das Schreiben und die Läufte der Welt zu berichten.

Donnerstag, 13. April 2017

Bücher, nicht Boote

Letztes Jahr habe ich mich in eine Liste eintragen lassen und mich bereit erklärt, Autorenexemplare von meinen Büchern an die Initiative "Autoren helfen" zu schicken. Die Paten genannten Unterstützer spenden Geld für die nachhaltige Flüchtlingshilfe, geben dann ihre Lieblingsgenres an und erhalten von Autoren gespendete und signierte Bücher. Hinter diesen vielseitigen Aktionen steht das fünfköpfige Kernteam bestehend aus Kathrin Lange und ihren Kolleg*innen Lisa-Marie Dickreiter, Antje Wagner, Ursula Poznanski und Andreas Wilhelm. Gestern war es dann soweit. Es war wie ein innerer Vorbeimarsch, neun Bücher zu signieren, zu verpacken und von der Landpost an Leserinnen aus Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg, Stuttgart, Berlin usw. zu verschicken! Diese hier waren die Favoriten: