Ja, es liegt eine recht harte Woche hinter mir. Am Montag früh eine Irrfahrt durch den kalten, nassen Schwarzwald, um den Ort eines Familientreffens zu finden, der einfach nicht zu finden war. Kalte Füße, Niesen, Gliederschmerzen. Eine relativ anstrengende Arbeitswoche, mit Neuaufnahme, Krisenintervention, noch einmal einer Fahrt durch den kalten, nassen Schwarzwald, um in der Landesklinik ein anstrengendes Gespräch zu führen. Supervision am Morgen, dabei gekrächzte Botschaften meinerseits. Immerhin gab es eine Botschaft, nämlich die eines Mantras, das jeder mit sich rumschleppt: Ich muss schnell sein, ich muss erfolgreich sein, ich darf keine eigenen Bedürfnisse äußern ...dagegen kann man eigene Mantras setzen, wie: Ich darf selbst bestimmen, wie schnell ich etwas erledige. Das wirkte schon mal ganz positiv nach. Freitag, 15.00, endlich Feierabend, endlich Pfingsten! Das Autothermometer zeigt 11°. Nichts wie weg!

Aber selbst das Auswandern war keine Alterenative mehr, denn auch in Spanien ist es kalt und nass. In Norditalien hat es ihnen die Brücken und Fahrzeuge weggerissen. Wir gehen zu unserem Lieblingsitaliener in Herrenberg, schenken ihm das Foto vom letzten Jahr. Mamma mia, höre ich es von drinnen rufen. Dann kommen sie beide heraus. Der Italiener ist für mich immer eine Wärmequelle, weil er so sonnig und mit sich und der Welt zufrieden aussieht und als sei er gutem Essen nicht abgeneigt. Ja, er kennt das Vitello Tonnato, mit dem ich unvergessliche Momente in Verona verbinde. Dann muss er weg, hart arbeiten und Möbel schleppen. Wir landen in einem riesigen Antiquariat in einer Seitengasse, an dem wir schon seit zwanzig Jahren vorbeigestiefelt sind. Ich staune: Da stehen nicht nur die Klassiker, die ich aus meines Großvaters Bibliothek kenne, sondern auch alles, was ich an Krimis mag. Gleich vier habe ich davon eingesackt. Zuhause sinke ich auf die Couch, mit einer Decke und einem Becher heißen Zitronensaft mit Honig. Im Fernsehen läuft eine Sendung über Oberitalien (ohne Überschwemmung). Erinnerungen an einen Tag am Comer See steigen auf, das kleine Hotel am Ufer. Oder am Luganer See, die Wanderung von Hesses Casa Camuzzi durch den Wald. Inzwischen ist mir warm geworden. Vor mir liegt der angefangene Krimi von P.D.James. Viele wunderbare, manchmal auch etwas langatmige Beschreibungen, skurille Typen (zum Beispiel Adam Dalgliesh, der Kommissar mit seinen Dichtungen), eine düstere Kulisse mit Abteiruine, Meer und AKW). (P.D. James:
Vorsatz und Begierde). Da merke ich, dass ich allmählich zur Ruhe komme und ausdampfe. Ich werde es Krimi-Couch-Therapie nennen und es immer dann anwenden, wenn ich eine anstrengende, düstere, kalte, nasse Woche hinter mir habe, ob mit oder ohne Schnupfen und Husten.