Samstag, 3. Dezember 2016

Ein Wohlfühlhaus am Heiligen Abend-voll hygge!

Die dänische Küste bei Wassersleben
Ein strahlend schöner Wintertag ist heute Morgen aufgezogen, Elstern und Rabenkrähen machen sich im Garten zu schaffen. Schräg gegenüber zittert -schon lange - das rotweiße Absperrband in der Brise. Dieses Band erinnert an die Taten, die da draußen immer häufiger und mit immer größerer Heftigkeit geschehen. Die Zeitung bringt es noch einmal an den Tag: In Hechingen erschießt jemand aus einem fahrenden Auto heraus einen jungen Mann, der nicht einmal gemeint zu sein scheint, wie in einem alten Mafia-Film, in Nagold ertrinkt ein 18jähriger einfach so, nach Besuch eines Lichterfestes, in Freiburg und Endingen wird jetzt größere Polizeipräsenz gezeigt, nachdem jahrzehntelang kein Geld dafür da war. In der großen Welt zimmert man ein Cowboy - und Hardlynerkabinett zusammen, und die Europäische Union scheint allmählich zusammenzubrechen, wie auch die Tunnels von Stuttgart 21. Staatliche und individuelle Gewalt nehmen zu, auch wenn das anscheinend schon immer so war. Was tun die Einzelnen in einer solchen Welt, in der Sicherheit und Wohlstand für viele in immer weitere Ferne rücken? Meine Zeitung hat eine Antwort darauf gefunden: Die Menschen machen es sich "hygge". Die Dänen seien schon lange die glücklichste Nation der Welt, weil sie diese "Hygge=Wohlfühlmentalität" praktizieren. Näher betrachtet bedeutet das aber nichts weiter als Privatisierung. Man sitzt in seinem Wohlfühlhaus am Fenster, mit grauen Kuschelsocken an den Füßen, überblickt das Ikea-designte Interieur, hält eine Tasse Tee in der Hand und plaudert mit seinen Nächsten und Liebsten. Aber bitte hinter geschlossener Tür, von dem Bösen da draußen wollen wir nichts hereinlassen. Beim Anblick des Schönen werde das Hormon Seratonin ausgelöst, haben Wissenschaftler herausgefunden. So lese ich auch das Schild schräg gegenüber: Hier entsteht ein Wohlfühlhaus, für eine junge Familie, großes Grundstück zur Abgrenzung, und wahrscheinlich ist der Baubeginn am Heligen Abend wie schon einmal vor fünfzehn Jahren gleich nebenan. Und schon beginnt ein Motor zu brummen und zu rattern!

Eigentlich kann ich das ganz gut nachvollziehen. Seit ein paar Wochen habe ich, mausarmbedingt, viel Zeit zu Hause verbracht. Und bin dabei -gezwungenermaßen -vollkommen zu Ruhe gekommen. Habe mich eingerichtet zwischen Wolldecken, Kerzen und aufgeräumter, sauberer Wohnung. Ein gutes Buch, schöne Farben und Schleichwege zu Geheimplätzen. Selbst die 260 Normseiten meines neuen Romans konnte ich in aller Ruhe überarbeiten. Sollen sie doch verzweifeln in ihren weihnachtlichen Autokolonnen! Was brauchten denn unsere Vorfahren, die Neandertaler und Homo sapiens sapiens? Eine Höhle, ein Feuer, einen Braten, Gemeinschaft, Feste, Götter, eine rudimentäre Sprache und Kunst in Form von Höhlenmalereien. Aber vielleicht hat ihnen das irgendwann nicht mehr ausgereicht, und sie mussten sich weiterentwickeln? Wahrscheinlich haben sie es sich nicht ausmalen können, was einmal aus ihnen werden würde. Und die Keule war schon immer da, Waffen zum Jagen und zum Töten.

Als Kind habe ich im Vorschulalter in Dänemark gewohnt, direkt an der Flensburger Förde. Eine alte Dame hatte uns ihr Haus zur Verfügung gestellt, bis das eigene Haus in Wassersleben fertig war, und war selbst in einen Anbau gezogen. Viele Jahre später kamen wir einmal im Schneesturm mit dem Flugzeug in Dänemark an, nach einem Weihnachtstaufenthalt in Teneriffa. Der Weiterweg war abgeschnitten. Und so nahmen dänische Familien deutsche und ausländische Touristen auf. Ich habe noch nie eine solche Gastfreundschaft erlebt, alles wurde geteilt. Und auch damals gab es schon dieses Ikea-Hygge-Ambiente. Ich bin mir nicht sicher, wie es heute wäre, dort in einer Sturmnacht anzukommen. Wahrscheinlich würden wir in einer beheizten Turnhalle übernachten, mit Matratzen auf dem Boden und einem großen Topf heißer Suppe.

Donnerstag, 24. November 2016

Autsch! Das Schmerzgedächtnis beim Schreiben

Es ist mal wieder soweit. Seit drei, vier Wochen, gleich im Anschluss an einen länger dauernden grippalen Infekt, schmerzen meine beiden Oberarme und merkwürdigerweise auch das rechte Bein ganz intensiv. Mein Gedächtnis signalisierte mir, dass ich das mal nach intensivem Hacken im Garten und nach Belastung durch Computerarbeit gehabt hatte. Nach längerem Sitzen oder Liegen wurde es manchmal so unerträglich, dass ich dachte, ich könnte nicht mal mehr Auto fahren. Durch viel Wechsel zwischen Sitzen, Stehen, Liegen, Laufen und Schreiben im Stehen ist es jetzt auf ein Mindestmaß runtergefahren. Zum Handschriftlichen hat es nicht gereicht, denn meine Schrift ist nachgeradezu unleserlich geworden. Und wer weiß, ob unsere altvorderen Dichter und Schriftsteller nicht auch Armweh durch die ständig gleiche Handbewegung bekommen haben? Wenige, gut dosierte Iboflam halfen mir manchmal durch den Tag, die Schmerzgels brachten allesamt nichts. Ursache ist nach meiner Forschung das lange Aufstützen der Arme nicht nur am Computer. Und dass ich einmal dreizehn, einmal zehn Seiten am Stück geschrieben habe.

Heute nun wollte ich einen kleinen Beitrag dazu schreiben und googelte den vorgesehenen Titel Der verdammte Mausarm. Nanu, genau unter diesem Stichwort hatte ich ja schon mal einen Artikel dazu geschrieben, im September 2013! Da hatte ich von meinen Blogkolleginnen einige sehr gute Tipps bekommen, die ich auch ganz unbewusst jetzt umgesetzt habe. Nur das mit der Kortisonspritze (Tipp von Annette Weber) hatte ich vergessen. Das ist nun auch nicht mehr nötig. Damals war der Grund für das Malheur ein Lektorat gewesen, das ich an einem Wochenende durchziehen sollte. Petra van Cronenburg hatte mir gezeigt, dass es auch ganz anders geht bei solchen Anforderungen und dass sie oft auch nur aus Gedankenlosigkeit entstehen. Diesmal war es aber anders. Es gab und gibt keinen Druck von außen. Ich wollte nur meinem Roman Dampf geben, damit er irgendwann endlich fertig wird. Und die kurzen dunklen Rentnertage und die langen dunklen Rentnernächte verschönern. Dass das auch anders geht, habe ich in den letzten Tagen und Wochen erfahren. Der Schmerz zwingt einen ja dazu, mit dem schädlichen Verhalten aufzuhören und etwas anderes zu probieren. Das heißt zum Einen, rauszugehen und die Welt mal wieder unter anderen Blickwinkeln zu betrachten, zum Anderen, die Haltung immer wieder zu überprüfen, sowohl anderen als auch sich selbst gegenüber und sowohl in körperlicher als auch in mentaler Hinsicht. Auf jeden Fall noch einmal Dank an diejenigen, die mir vor drei Jahren Tipps gegeben haben! Von Anni Bürkl stammte der Hinweis auf den Bewegungswechsel. Und vielleicht gibt es ja noch einen Rat, wie man das Schmerzgedächtnis wachhalten kann, nicht immer mal wieder vergisst, wie weh das tun kann und nie wieder über die Stränge schlägt?

Samstag, 12. November 2016

An Weihnachten wirst du wieder zum Kind

Ein jeder von uns wird sich an die Weihnachten seiner Kinder - und Jugendzeit erinnern. Damals, als die Zeit noch viel langsamer voranging als heute. Als es geheimnisvoll raschelte in der Wohnung, wochenlang Adventskalendertürchen geöffnet wurden, der Duft nach Vanillekipferln aus allen Häusern drang und ein als Nikolaus verkleideter Vater an den Schuhen erkannt wurde. Die Glocke, die zur Bescherung ertönte, der Weihnachsbaum mit seinen knisternden Kerzen, die Weihnachtsgedichte, die Pute und der Karpfen, der immer so schleimig schmeckte, dass man nach Protest statt dessen ein Beefsteak erhielt. Diese Kinderweihnachten scheinen sich ganz tief ins Bewusstsein vieler Menschen eingegraben zu haben. Und ich glaube nicht, dass es heute so viel anders sein wird - würden sonst schon Mitte November Advenskränze und Weihnachtsbäume auftauchen mitsamt allem Flitter, Tand und Süßigkeiten? Nur die Auswahl der Geschenke wird eine andere sein, sie wird sich eher auf elektronische Geräte, Parfüm und Bücher beschränken.

Ich selbst hatte dieses Weihnachtsmodell auf die eigene Familie übertragen. Nur musste alles noch einen Tick interessanter, intensiver, schöner und duftender sein. Da waren es Bienenwachskerzen und selbstgebastelte Sterne an der Edeltanne, ein Rehbraten statt des Karpfens und mindestens sieben verschiedene Plätzchen, die gebacken werden mussten. Irgendwie merkte ich irgendwann, unter welchem Stress meine Eltern gestanden haben mussten, auch wenn sie nur halb so viel Weihnachtsaufwand betrieben. Und auch dann, als statt der Familie eine Patchwork-Familie entstand, ging es so weiter und so fort. Weihnachten wurde man wieder zum Kind, die Rollen wurden unweigerlich wieder die alten. Was so weit führte, dass mein Vater die Pute, die ich selber stundenlang in der eigenen Küche gebraten hatte, ohne Widerrede am Tisch zerteilte und jeder nur ein kleines Stück bekam. Das war die Initialzündung.

Etwa zwanzig Jahre später schrieb ich meine erste Kurzgeschichte - ein Weihnachtsmelodram und eine Humoreske, die sich über viele Jahre erstreckte. Das brachte ein wenig Distanz hinein, und doch war die Angelegenheit noch lange nicht zuende. Alljährlich zur Weihnachtszeit wälzen sich die Gedanken im Kopf herum: Wer, wo, mit wem und wie? Der eine will eine Fichte, der andere die Edeltanne. Rituale ja oder nein, Vatermutterkind und andere Vätermütterkinder, und was wird gegessen, und warum fährt man nicht endlich mal auf eine Berghütte oder in ein warmes Land, um all dem Trubel, dem Stress und Lärm, den kilometerlangen Staus zu entgehen? Alles nur dazu gedacht, die Menschen bis zur Entschöpfung anzutreiben, bis sie sich schließlich unter dem Tannenbaum anschreien oder versehentlich ein Feuer entfachen. Was ist der Grund dafür, dass sie sich derartig unter einen Zwang begeben, ohne dass sie jemand dazu gezwungen hätte?

In diesem Zusammenhang stieß ich auf einen Blog, der persönliche Dinge ausführlich, nicht nur in 140 Zeichen erklärt und nicht verspricht, dass es schnelle Lösungen gibt. Auf diesen Artikel: Weihnachten können Sie feststellen, wie erwachsen Sie sind. Da geht es um Erwartungen, Wünsche und Forderungen anderer, mit denen man sich entweder kindlich oder erwachsen auseinandersetzen kann. Kindlich sind Strategien wie Anpassung oder Rebellion, weil der Betreffende darin stecken bleibt wie in einem zu klein gewordenen Anzug. Man sollte sich einmal fragen, wie man selbst eigentlich am liebsten Weihnachten feiern (oder auch nicht feiern) würde. Und wie man das mit den (kindlichen?) Wünschen der anderen unter einen Hut bringen kann. Ich selbst bin noch am Überlegen. Wie immer mit reduzierten Edeltannenzweigen, Kerzen, Fondue Bourgignonne und Schneewanderung? Kinderbesuch, Weihnachtstrompetenblasen auf dem Kirchplatz oder Fackelfeuer? Und wenn es gar keinen Schnee gibt, wie meist? Wenn man im Regen und im Matsch stehen muss, um Rituale durchzuziehen? Oder Essen gehen? Sollte man einfach mal gar nichts tun, ohne Rituale? (Gerade wird im Radio von Weihnachten geredet, Weihnachtslieder werden gespielt! Das ist die Suggestion, mitmachen zu müssen.) Eines ist für mich auf jeden Fall sicher: Auf Tannenzweige und Kerzen werde ich nie verzichten, denn das Licht symbolisiert die Wintersonnenwende und damit das Näherrücken des Frühlings.

Dienstag, 8. November 2016

Das geheime Leben der Bücher

Anfang Oktober hatte ich das Glück, während eines Autorentreffens eine Live-Lesung des Bestsellerautors Peter Wohlleben zu hören. Er sprach über sein zweites Buch, Das Seelenleben der Tiere, das ebenfalls ganz hoch oben auf der Bestsellerliste landete. Es war spannend zu hören, wie einen so ein Ereignis treffen und das ganze Leben verändern kann. Ich habe das erste, signierte Buch Das geheime Leben der Bäume dann gelesen und war total begeistert. Über die Bäume habe ich viel gelernt, wie sie sich gegenseitig unterstützen, ihren Nachwuchs "stillen" oder wie die Buchen sich durchsetzen und niemand unter ihnen hochkommt. Tiere haben viel mehr Seelenleben, als man sich das bisher vorgestellt hat. Seitdem gehe ich mit anderen Augen durch den Wald und durch die Welt. Damit haben sich endlich einmal zwei Bücher durchgesetzt, die unsere Umwelt dem Menschen wirklich nahebringen. Aber ich habe mich auch an bestimmte Worte Wohllebens erinnert. Aller Erfolg, den man sich einmal erträumt hat, weltweite Bekanntheit und Reisen durch die Fernseh- und Radiostudios wiegen nicht die wirklich wichtigen Dinge im Leben auf: Die Beziehungen zur Familie und zu Freunden. Im Einklang zu sein mit sich selbst und seiner Umwelt.

Erfolg macht nur glücklich, das habe ich erfahren, wenn er in diesem Einklang mit sich selber und der Umwelt steht. Und wenn diese Ziele im Umfeld des Erreichbaren angesiedelt sind und die Messlatte nicht ständig zu hoch angelegt wird. In meinem neuen, arbeitsfreien und selbstbestimmten Leben hat sich der Fokus verschoben. Bücher zählen dabei zum größten gemeinsamen Nenner, daneben Museen, Musik, gutes Essen, die Natur und alle kulturellen Dinge. Menschen, die noch zuhören und sich zuwenden können. Das gilt auch für die Beziehungen in den sozialen Netzwerken, die durchaus zum Wohlbefinden beitragen können.
Was ich gerade schreibe, hat alle Zeit der Welt. Es führt mich an ferne und bekannte Orte und hilft mir, die graue, kalte Novemberzeit bis Ende Februar mit ihrem Bluespotential zu überbrücken.


Samstag, 22. Oktober 2016

Einfach leben! Ein Potpourri des Herbstes

In den langen Tagen und Nächten, die ich ungewohnterweise krank zuhause verbringen musste, dachte ich manchmal an die Matratzengruft von Heinrich Heine. Was wäre, wenn man gar nicht mehr auf die Beine kommt? So was Dummes, schalt ich mich, du bist in deinem Leben immer wieder auf die Beine gekommen. Und überhaupt, so ein Selbstmitleid. Ich ging durch die Welt wie von Schleiern umgeben. Merkte, dass sie sich allmählich von Tag zu Tag mehr hoben, und dass dahinter eine ganz neue Welt zum Vorschein kam. Bekannt und vertraut und doch vollkommen neu. Jetzt ist wieder die Zeit der langen Nächte angebrochen, die Tage bis zum nächsten Frühling sind unendlich lang und kaum zu zählen. You have had it, brother, alle Wärme, alles Schöne, alles Blühende, alle Städte und Landschaften, alle Genüsse und Begegnungen hast du wieder enmal gehabt. Es gibt doch noch etwas anderes als das Streben nach irgendetwas? Da mitten hinein kam die Nachricht vom Reichsbürger, der einen Polizisten getötet hatte, nachdem der mit seinen Kameraden ihm seine Waffensammung abnehmen wollte. Die Reichsbürgerbewegung war bisher ein völlig unbekanntes Phänomen. War die deutsche Justiz mal wieder auf dem rechten Auge blind? Diese Gewalttat eines Waffenbürgers der Nazizeit hat mir die Augen geöffnet über das, worüber ich gerade schreibe: Der Sumpf ist nicht trockenzulegen, war es damals nicht und ist es heute nicht. In Belgrano im Gran Chaco/Argentinien feiern sie heute noch das Oktoberfest, auf übertrieben deutsche und altmodische Art. Dort sollen die Überlebenden der Graf Spee sich nach 1939 angesiedelt haben.Wie die Nazis Argentinien anzapften. Das hat meine Arbeit ein Stück weitergebracht.

Aber nun zum Leben an sich. Wir sind seit jeher Landpomeranzen gewesen, haben immer gestaunt über die glitzernden Welten der großen Städte, ihre Aufgeschlossenheit, ihre trotz allem dichtere Präsenz in vielen Dingen. Warum nicht mal wieder nach Pforzheim fahren, in die Stadt, die im letzten Krieg bis auf die Grundmauern niedergebombt und so hässlich wieder aufgebaut wurde? Vom Geheimparkplatz, auf dem sich immer ein freies Plätzchen findet, sind es ein paar hundert Meter in die Innenstadt. Mein Partner, der sich oft als Grantler und Misanthrop entpuppt, kann genauso schnell zum humorvollen Straßenhüpfer werden. Und ich weiß, wie ich sein Musikerherz begeistern kann: Per Google hatte ich den Standort eines Musikladens herausgefunden, der versteckt in der Barfüßergasse gegenüber der Galeria Kaufhof liegt. Nachdem ich ihn dort geparkt hatte, konnte ich meine Streifzüge durch die Klamottenläden und die Buchhandlung Thalia machen. Gekauft habe ich allerdings nur ein Buch. Wieder vereint, ließen wir uns einfach nur treiben, mal hier in einen Glaspalast zum Kaffeetrinken, Scherzchenmachen mit dem Barkeeper, Lauschen auf die Sprache der alten Spanier, gegenüber Banken, Apotheken, eine Gemüsehandlung, ein Brezelladen und eine Handyanlaufstelle. Dann Hotdogs in einem weiteren Palast, ein Hin und her und Ein und Aus. Spaziergang an den dunklen Wassern der Enz, noch tiefgrüne Weiden lassen ihre Zweige in den Fluss hängen. Wanderungen in der Großstadt. So einfach ist das. Oder haben wir irgendwo den Ruf der Zugvögel gehört?


Turgenjew, [Turgenjev] Iwan S. (1818-1883)

Ich lieb den Herbst

Ich lieb den Herbst, im Blicke Trauer.
In stillen Nebeltagen geh
Ich oft durch Fichtenwald und seh
Vor einem Himmel, bleich wie Schnee,
Durch Wipfel wehen dunkle Schauer.

Ich lieb, ein herbes Blatt zu Brei
Zu kauen, lächelnd zu zerstören
Den Traum, dem wir so gern gehören.
Fern des Spechtes scharfer Schrei!
Das Gras schon welk...schon starr vor Kühle,
Von hellen Schleiern überhaucht.
In mir das Weben der Gefühle,
Das Herz in Bitternis getaucht...

Soll ich Vergangenes nicht beschwören?
Soll, was da war, nie wieder sein?
Die Fichten nicken dunkel, hören
Gelassen zu und flüstern Nein.
Und da: ein ungeheures Lärmen,
Ein Ineinanderwehn von Zweigen,
Ein Rauschen wie von Vogelschwärmen,
Die, einem Ruf gehorchend, steigen.


Samstag, 8. Oktober 2016

Im Oktober

Der Oktober war in diesem Jahr ein Einschnitt. Nicht nur, was den Abschied vom Sommer und den Hinauswurf ins Kalte, Trübe betrifft. Am letzten Wochenende besuchte ich das Autorentreffen in Oberursel und war so angetan und inspiriert wie lange nicht mehr. Aber es war nicht nur ein Kokon, der alle eingehüllt hätte, sondern öffnete auch manches Auge für die Situation der Autoren in dieser Zeit. In Frankfurt Hauptbahnhof kehrte die Realität mit aller Macht zurück: Die Live-Festnahme zweier Männer in einem Zug mitsamt Koffer, ein Terroralarm mit schwerbewaffneten Polizisten. Und die Kälte wurde immer unerbittlicher. Jetzt liege ich seit Tagen mit einer schweren Erkältung darnieder, umgeben von Tees, Unmengen von Papiertaschentüchern, Büchern und Kreuzworträtseln. Auf der Suche nach Oktobergedichten habe ich eins von Erich Kästner gefunden, den ich bisher mehr mit "Emil und die Detektive", "Pünktchen und Anton" usw. identifiziert habe. Spricht für diese Stimmung und gefällt mir sehr gut!


Der Oktober 

Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Was vorüber schien, beginnt.
Chrysanthemen blühn und frieren.
Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Und du folgst ihr wie ein Kind.

Geh nur weiter, bleib nicht stehen.
Kehr nicht um, als sei's zuviel.
Bis ans Ende musst du gehen,
hadre nicht in den Alleen.
Ist der Weg denn schuld am Ziel?

Geh nicht wie mit fremden Füßen
und als hättst du dich verirrt.
Willst du nicht die Rosen grüßen?
Lass den Herbst nicht dafür büßen,
dass es Winter werden wird.

Auf den Wegen, in den Wiesen
leuchten, wie auf grünen Fliesen,
Bäume bunt und blumenschön.
Sind's Buketts für sanfte Riesen?
Geh nur weiter, bleib nicht stehn.

Blätter tanzen sterbensheiter
ihre letzten Menuetts.
Folge folgsam dem Begleiter.
Bleib nicht stehen. Geh nur weiter,
denn das Jahr ist dein Gesetz.

Nebel zaubern in der Lichtung
eine Welt des Ungefährs.
Raum wird Traum. Und Rausch wird Dichtung.
Folg der Zeit. Sie weiß die Richtung.
"Stirb und werde!" nannte Er's.

Erich Kästner, 1899-1974





Dienstag, 27. September 2016

Monopoly für die Seele

Seit einem Jahr und drei Monaten bin ich nun Mitglied einer allmählich erstarkenden Gruppe: der RentnerInnen in Deutschland. Was für Vorstellungen hatte ich gehabt, was davon hat sich erfüllt und was hat sich als völlig andersartig erwiesen? Ich denke noch an die Geschichte von dem Mann, der ein Vogelhäuschen baute, dann noch eins und so viele, dass sich am Schluss die Vögel über seine Verschwendungssucht beschwerten. Der allmählich vertrottelt im Morgenmantel herumlief und die Mitglieder von esoterischen Gruppen brüskierte. Vorsicht, warnten die Ratgeber, mit ihrem Lebensgefährten werden Sie jetzt viel mehr Zeit verbringen als zuvor. Und der wird Ihnen auch mehr reinschwätzen als zuvor. Dem wollte ich entgegenwirken. Tätig sollte der Tag zu Ende gehen, sozial und kreativ wirksam, selbstverständlich. Dazu würde ich große Reisen machen und weitere Bücher schreiben. Doch wie so oft im Leben kam es ganz anders. Im Juli 2015 gab es einen Todesfall, der mir mit erschreckender Klarheit vor Augen hielt, dass ich das letzte lebende Mitglied dieser Familie sein würde. Auf der anderen Seite waren die neue Freiheit von jeglicher Arbeit und von allen Terminen, die monatelangen Sonnentage wie ein Rausch, dem ich mich voll und ganz hingegeben hatte. Der Winter aber ist ein harter Mann. Der Lebensgefährte hat mir nicht reingeschwätzt, sondern hat mich ständig mit Fluchtgedanken - Deutschland sei unbewohnbar geworden - und Auswanderungsgedanken aus demRuder geworfen. Du entkommst dir nicht, und anderswo kochen sie auch nur mit Wasser! Nicht nur einmal habe ich, die friedfertigste Person der Umgebung, mit der Faust auf alles mögliche eingehauen.

Eines Tages, oder innerhalb von Wochen, dachte ich mir: Wie wäre es, wenn ich wie beim Monopoly sagen würde: Gehe zurück auf Los. Ziehe keine 4000,- DM ein. Vergiss alles, was du bisher erlebt, was du studiert, gearbeitet und geschrieben hast. Erinnere dich an die selbstwirksamen Elemente dieser Zeiten, denke an den roten Faden, der dieses Webtagebuch seit den fast zehn Jahren durchzieht, die es jetzt existiert. Resilienz und Achtsamkeit, das waren meine Stichworte, und die hat uns unsere Supervisorin auch in einer der letzen Stunden ans Herz gelegt. Man kann niemandem helfen, wenn man sich nicht selber helfen kann. Die Likes, die ich in mehr als vier Jahren bei Facebook vergeben habe, waren der vergebliche Versuch, anderen etwas zu geben, was ich selbst gut hätte brauchen können. Wohlgemerkt, die Likes, an Informationen und echtem Austausch habe ich vieles mitbekommen. Aber es hat so müde gemacht auf die Dauer. Ebenso die Versuche, gegen Buchmarktmühlen anzurennen.

Jetzt bin ich eine neue Rentnerin. Oder zumindest im Begriff, eine zu werden. Ein Vogelhäuschen gibt es schon seit zwei Wintern, das stammt von irgendeinem Bauernmarkt. Der Morgenmantel wird gar nicht erst angezogen, die esoterischen Gruppen gar nicht erst besucht. Geholfen wird dort, wo die Hilfe nicht in einem Fass ohne Boden versinkt. Die vielgelobten Tiere als Aufgabe für RentnerInnen brauche ich nicht, denn sie sind ständig anwesend. Nach der geliebten Katze, die mich monatelang besuchte, ist gegenüber wieder ein neues Kätzchen da, das an meinem Walnussbaum hochspringt, wieder runterfällt und noch etwas scheu meinen Wohnraum erkundet. Dompfaffen und Rotkehlchen machen es sich auf den Gartenstühlen gemütlich, Eichhörnchen sammeln Nüsse und vergraben sie im Beet, Amseln und Elstern zetern im Verbund oder singen des Abends Melodien. Und nachts schreit in der Ferne immer wieder ein Esel. Der Nachbarsjunge donnert jetzt nicht mehr so oft seinen Ball an die Garage, er pfeift nicht mehr aus Angst, das verboten zu kriegen, denn wir haben uns über seiner kleinen Katze versöhnt. Was mir gut tut, weiß ich und weiß ein jeder, der diesen Blog regelmäßig verfolgt. Kleine und große Wanderungen, Ausflüge abseits der Autoströme und Baustellen, gutes Essen, gute Bücher, empathische und authentische Menschen, Kultur und Abwechslung und das Schreiben ohne Gedanken an das, was daraus werden könnte. Am Wochenende fahre ich zu einem Autorentreffen in Oberursel, das ist eine schöne Abwechslung und Bereicherung meines digitalen Alltags. Und einige von diesen Gedanken fand ich bei meiner sehr geschätzten Kollegin Petra van Cronenburg wieder. Ist das Müll oder kann das weg?