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Dienstag, 30. April 2024

Wie lebt man in einer Welt, in der plötzlich alles anders wurde?




 In der Welt wurde seit Anbeginn immer wieder alles anders, in allen Zeiten und für alle Menschen. Sie mussten sich mit Kriegen und Hungersnöten herumschlagen, mit Naturkatastrophen, Revolutionen, mit Tod und Verderben. Aber auch immer wieder mit Fortschritten der Kultur und der Menschlichkeit. Wir haben in den letzten Jahren eine weltweite Seuche erlebt, die alles zum Erliegen brachte. In der viele Fehler gemacht wurden, und in der ich keinen Roman und in keinem Blog mehr etwas schreiben konnte. 

Wir haben uns daran gewöhnt, in Nischen zu leben: Bei mir war und ist es das Schreiben, bei meinem Partner die Musik und für uns beide die Welt der Bücher, der Bilder und der sonstigen Künste. Dazu die kleinen Rückzugsorte in der Natur und in Städten. Das Kloster Alpirsbach war es kürzlich wieder, wo Mönche seit dem Mittelalter lebten, lehrten und Bier gebraut haben.




Andere Nischen finden wir in Pforzheim, in Nagold, in Horb, in Tübingen (letztes Wochenende war es dort allerdings so überfüllt mit Fahrrädern, dass an kein Fortkommen mehr zu denken war), in Reutlingen, Trochtelfingen wäre auch zu nennen, und vor allem in Horb. In den italienischen Eiscafés, im "Gleis Süd" in Horb und seit Jahrzehnten auch im Mössinger "Krokodil".


Freitag, 17. November 2023

Der endgültige Niedergang der Gastronomie

Früher war alles besser -zumindest in der Gastronomie! Vor Corona konnte man an vielen Orten noch passabel speisen, die Highlights von früher fand man da schon kaum noch mehr. Wenn ich an Restaurants und Biergärten denke, kommen mir immer die bayerischen Lokale in Erinnerung, die Schweinsbraten mit Knödeln und Kutschergulasch-zum Reinlegen-servierten. In meiner Stadt gab es verschiedene sehr gute Restaurants, deutsche, chinesische, italienische, die hervorragend jahrelang ihre Süppchen, Braten, Schnitzel, Spieße, Salate ihren Reis, die Pasta, Pizza und so weiter mundgerecht auf den Gästetisch brachten. Damit ist es nun anscheinend endgültig aus. Nur ein paar Beispiele aus den letzten Wochen, in denen wir im Kreis Calw unterwegs waren. Bei einem Griechen mit schöner Außenterrasse gab es Gummigyros, im Kurcafé Bad Liebenzell Gulaschsuppe aus der Dose. Ein Restaurant in Calw bot schwedische Woche an: Die Entenbrust konnte man mit der Lupe suchen, zudem war sie zäh, und das panierte Schnitzel war hart mit herabfallender Panade, die Pommes halb kalt und geschmacklos. Nur einer der Beilagensalate hat geschmeckt. Dazu ohrenbetäubender Lärm von zwei Feiergruppen, die merkwürdiger weise immer neue Platten mit Salat bestellten. Nicht ohne Grund!

 Selbst die Chinarestaurants haben nachgelassen. Verbrannte Ente, Maultäschchen nicht mehr mit Hack, sondern mit Kunstzeugs gefüllt, rüde Behandlung und auch hier oft lärmende Gruppen. Nur die Italiener backen ihre Pizze noch nach altem Rezept, die Bolognese schmeckt mir jedoch zuhause besser. Selbst die berühmte Mühle im Kreis bekommt jetzt nur noch das Zertifikat: Der gute alte Ruf ist dahin! Ich weiß, dass durch Corona viele gute Köche und Angestellte abgewandert sind und kaum Nachwuchs da ist. Die nicht ausgebildeten Kräfte erkennt man leider an ihrer Unhöflichkeit. Ganz sicher sind auch die schlimmen Kriege dafür mitverantwortlich, die unser Leben allgemein sehr belasten und teurer machen.

 Wenn wir jetzt auswärts essen, bleiben und nur die großen, schön eingerichteten Backstuben allerdorten mit Fleischkäsweckle, Zwiebelkuchen, Schwarzwälder Kirschtorte, Brezel und Brötchen, wenn sie mal frisch aus dem Ofen kommen. Sonst sind sie immer hart. Auch den Kebab, vornehmlich Yufka, kann man überall noch essen, bei mir kommen aber nur Zwiebel, Salat, Tomate und das rote Gewürz darauf-die Soßen machen leicht eine tropfende Angelegenheit daraus. 

 Immer zahlt man für ein Essen im Restaurant zwischen 30 und 50 Euro. Die Regierung hat vor, zum Jahreswechsel wieder 19% Mehrwertsteuer draufzuschlagen. Ob sich dann noch etwas "lohnt" außer Kebab, der jetzt 7,50 Euro kostet? Vielleicht noch die chinesischen/Thai-Woks in Tübingen und Sigmaringen und -ein Geheimtipp für das "gute alte deutsche Restaurant"-nämlich die Gaststätte Luginsland in Stuttgart, die wir auf unseren Reisen und Ausflügen immer wieder besucht haben. Bis aufs Mobiliar ist alles wie früher, der große Salatteller und der Fleischkäse schmeckten wunderbar. Und die Umgebung, Weinberge, Wälder und großartige Aussichten auf Stuttgart umrahmen das auf Schönste.

Montag, 11. Juli 2016

Vom profanen Glück des Speisens

Wenn man jemanden fragt, an welche Bücher oder sonstige Dinge er sich am besten erinnert, könnte man auch wissen wollen, an welche persönlichen oder öffentlichen Ereignisse, welche Menschen, denen er begegnet ist, welche Landschaften, Speisen oder Restaurants seines Lebens in seinem Gedächtnis am meisten verankert sind. Und noch vieles mehr. Meine Kinder-Lieblingsspeisen waren übrigens Spagetti, Kotelett und Grießbrei. Zwei dieser Speisen esse ich heute noch gern. Das früheste Hotel-Restaurant, das mir in den Sinn kommt, war eins auf Alsen/ Dänemark. Ich war zehn Jahre alt und mit der Familie im Urlaub. Da konnte man durch ein Wäldchen zu einem Kap gelangen und mit einem Sprung vom Steg in die klare Ostsee tauchen. In dem Hotel waren alle Speisen, die es gab, mit Sahne verfeinert Also es gab zuerst zum Beispiel eine Gemüse-Sahnesuppe, dann Schweinebraten mit Sahnesoße und schließlich Sahnepudding mit Sahne. Gottseidank war ich ein dünnes Kind, an dem das spurlos vorüberging. Mit Schaudern sah ich dann die Sahnereste im Schweinstall, wo sie von den grunzenden Widerborstern schmatzend vertilgt wurden. Das ist ein fetter Kreislauf, musste ich denken, denn schon damals haben mich Zusammenhänge interessiert.

Ob das ein Grundstein für meine spätere Ess-, Koch- und Restaurantbegeisterung gewesen ist? Geblieben sind die Bilder von den Weihnachtsessen im Wasserslebener Haus, die Aal-, Nordseekrabben- und Sildplatten, die bei uns Geschwistern heiß umstritten waren. Von der Weihnachtspute gibt es sogar eine Kurzgeschichte. Während des Studiums verfeinerte ich meine Künste, war regelmäßige Leserin der Kolumne des Zeit-Schmeckers Wolfram Siebeck, der ja zu meinem großen Bedauern gerade verstorben ist. Von ihm lernte ich, dass "der deutsche Salat eine nasskalte Beleidung heißen Fleisches" sei, und wie man aus Rehkeule zartes Ragout zaubert. Von ihm hatte ich auch das Rezept des 5-Stunden-Lamms, von dem einer der geladenen Freunde sagte, nachdem ihm das Fleisch von der Gabel gefallen war: "So gut habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gegessen!" Kaum ein Gericht dieser Welt war vor meinen Experimentierversuchen sicher, am liebsten aber waren mir immer die französischen Speisen. Und so wurden die Coq au Vins, die Bouef Bourgignons, Zwiebelsuppen, Muscheln in Weißwein, Pot au Feus, selbstgemachte Fleischfondues und Bäckeoffe lange Zeit zelebriert. Zur Fleichfondue gab es die Sauce mit Olivenöl, Knoblauch, Zitronensaft und Pepperoni, die ich den Gauchos in Argentininen abgeguckt hatte. Nach der (allerdings ungarischen) Gulaschsuppe für hundert Personen wurde ich am nächsten Tag von einer Journalistin angerufen und nach dem Rezept gefragt. Es war einmal und es war eine herrliche Zeit. Einzig die Bouillabaisse habe ich nie in Angriff genommen. Geblieben ist, dass ich mich heute noch echauffiere, wenn jemand sagt, zum Bäckeoffe hätte ich doch auch grüne Bohnen servieren können. In den besseren Restaurants konnte man damals immer gut essen, und in jeder Wirtschaft auf dem Land kriegte man zumindest eins von diesen Schnitzeln, dessen Panade sich in einer dunkelbraunen Soße wellte. Das und der obligatorische Schweinbraten sind heute nur noch in bayerischen Biergärten zu finden.

Dann kam 2002 der Euro, und bald darauf musste ein Drittel aller Restaurants schließen, weil der Euro immer mehr 1:1 mit der DM ging und die Leute sich das Essengehen nicht mehr leisten konnten. Die Expansion des Fastfood tat ein Übriges, und wenn wir heute auf der Suche nach etwas Essbarem über die schwäbische Alb fahren, haben alle Lokale, in denen wir jemals waren, geschlossen. Die wenigen, die blieben, sind hoffnungslos überfüllt. Danach sind wir dann wieder auf belegte Brote, Eier und Tomaten ausgewichen. Bei mir persönlich nahm die Kochbegeisterung mit der Begeisterung zum Schreiben ab. In den letzten sechzehn Jahren fehlte es immer mehr an Zeit und Muße zum Kochen. Zu meinem Erstaunen tauchte vieles wieder in den Büchern auf, zuletzt die Küche Ludwig des Dreizehnten in meinem letzten Verlagsroman. Wenn ich es so richtig bedenke, hat mich die Frage danach, was man hier eigentlich früher zum Frühstück aß und das Buch von Peter Lahnstein "Wie man einst in Schwaben lebte" dazu gebracht, historische Romane zu schreiben. Es ist aber nun nicht so, dass ich heute noch Kochbücher lesen oder mir pausenlos Rezepte runterladen würde. Vor Ewigkeiten, nachdem mir eine angeblich verzweifelte junge Frau ein Hör-Zu-Abo aufgeschwatzt hatte, kaufte ich mir einen Computer, weil in der Hör-Zu stand, man könne mit dem PC Emails in alle Welt schreiben und 235 Rezepte für Sauerbraten finden. Von der Möglichkeit, ganze Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen, hatte ich zu der Zeit keine Ahnung.

Die kulinarische Welt ist sehr geschrumpft und heute vor allem in den Küchenschlachten des Mittagsfernsehens zu bewundern. Es ist gut, wenn man ein paar Stammlokale in der näheren und weiteren Umgebung hat, meist Familienbetriebe, die über Jahrzehnte gleich gute Qualität und inzwischen auch Mittagstische zwischen 6 und 10 Euro haben. Die sind aber mehr in den Städten zu finden. Die Landküche ist zu unserem großen Bedauern oft hoffnungslos verödet, die Wirtschaften tot mit verstaubten oder gebrochenen Fensterscheiben. Wie war das noch mit dem "Lecker aufs Land"? Da fuhr immer so ein lustiger Bus irgendwohin, vielleicht zu irgendwelchen Land-Wirtschaften, aber ich habe immer gleich ausgemacht. Jetzt sehe ich, worum es geht: Das sind Bäuerinnen, die sich gegenseitig einladen und bekochen, wahrscheinlich auch mit Stimmabgabe, wer am besten ....Lecker aufs Land. Die Masse der Fernsehköche kenne ich gar nicht, wie ich gestehen muss. Aber Johann Lafer, Vincent Klink, Tim Mälzer und die schon verstorbenen Werner O`Faist und Katrin Ruegg sind mir ein Begriff. Für meinen Teil bin ich froh, dass ich die Glanzzeiten der Kochkultur noch erleben durfte und freue mich, wenn ich in Altensteig, in Nagold, in Sulz am Neckar, in Imnau, in Frankreichs Provinz oder einem kleinen Ort der Toskana noch einen Zipfel davon abbekomme.