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Dienstag, 27. September 2016

Monopoly für die Seele

Seit einem Jahr und drei Monaten bin ich nun Mitglied einer allmählich erstarkenden Gruppe: der RentnerInnen in Deutschland. Was für Vorstellungen hatte ich gehabt, was davon hat sich erfüllt und was hat sich als völlig andersartig erwiesen? Ich denke noch an die Geschichte von dem Mann, der ein Vogelhäuschen baute, dann noch eins und so viele, dass sich am Schluss die Vögel über seine Verschwendungssucht beschwerten. Der allmählich vertrottelt im Morgenmantel herumlief und die Mitglieder von esoterischen Gruppen brüskierte. Vorsicht, warnten die Ratgeber, mit ihrem Lebensgefährten werden Sie jetzt viel mehr Zeit verbringen als zuvor. Und der wird Ihnen auch mehr reinschwätzen als zuvor. Dem wollte ich entgegenwirken. Tätig sollte der Tag zu Ende gehen, sozial und kreativ wirksam, selbstverständlich. Dazu würde ich große Reisen machen und weitere Bücher schreiben. Doch wie so oft im Leben kam es ganz anders. Im Juli 2015 gab es einen Todesfall, der mir mit erschreckender Klarheit vor Augen hielt, dass ich das letzte lebende Mitglied dieser Familie sein würde. Auf der anderen Seite waren die neue Freiheit von jeglicher Arbeit und von allen Terminen, die monatelangen Sonnentage wie ein Rausch, dem ich mich voll und ganz hingegeben hatte. Der Winter aber ist ein harter Mann. Der Lebensgefährte hat mir nicht reingeschwätzt, sondern hat mich ständig mit Fluchtgedanken - Deutschland sei unbewohnbar geworden - und Auswanderungsgedanken aus demRuder geworfen. Du entkommst dir nicht, und anderswo kochen sie auch nur mit Wasser! Nicht nur einmal habe ich, die friedfertigste Person der Umgebung, mit der Faust auf alles mögliche eingehauen.

Eines Tages, oder innerhalb von Wochen, dachte ich mir: Wie wäre es, wenn ich wie beim Monopoly sagen würde: Gehe zurück auf Los. Ziehe keine 4000,- DM ein. Vergiss alles, was du bisher erlebt, was du studiert, gearbeitet und geschrieben hast. Erinnere dich an die selbstwirksamen Elemente dieser Zeiten, denke an den roten Faden, der dieses Webtagebuch seit den fast zehn Jahren durchzieht, die es jetzt existiert. Resilienz und Achtsamkeit, das waren meine Stichworte, und die hat uns unsere Supervisorin auch in einer der letzen Stunden ans Herz gelegt. Man kann niemandem helfen, wenn man sich nicht selber helfen kann. Die Likes, die ich in mehr als vier Jahren bei Facebook vergeben habe, waren der vergebliche Versuch, anderen etwas zu geben, was ich selbst gut hätte brauchen können. Wohlgemerkt, die Likes, an Informationen und echtem Austausch habe ich vieles mitbekommen. Aber es hat so müde gemacht auf die Dauer. Ebenso die Versuche, gegen Buchmarktmühlen anzurennen.

Jetzt bin ich eine neue Rentnerin. Oder zumindest im Begriff, eine zu werden. Ein Vogelhäuschen gibt es schon seit zwei Wintern, das stammt von irgendeinem Bauernmarkt. Der Morgenmantel wird gar nicht erst angezogen, die esoterischen Gruppen gar nicht erst besucht. Geholfen wird dort, wo die Hilfe nicht in einem Fass ohne Boden versinkt. Die vielgelobten Tiere als Aufgabe für RentnerInnen brauche ich nicht, denn sie sind ständig anwesend. Nach der geliebten Katze, die mich monatelang besuchte, ist gegenüber wieder ein neues Kätzchen da, das an meinem Walnussbaum hochspringt, wieder runterfällt und noch etwas scheu meinen Wohnraum erkundet. Dompfaffen und Rotkehlchen machen es sich auf den Gartenstühlen gemütlich, Eichhörnchen sammeln Nüsse und vergraben sie im Beet, Amseln und Elstern zetern im Verbund oder singen des Abends Melodien. Und nachts schreit in der Ferne immer wieder ein Esel. Der Nachbarsjunge donnert jetzt nicht mehr so oft seinen Ball an die Garage, er pfeift nicht mehr aus Angst, das verboten zu kriegen, denn wir haben uns über seiner kleinen Katze versöhnt. Was mir gut tut, weiß ich und weiß ein jeder, der diesen Blog regelmäßig verfolgt. Kleine und große Wanderungen, Ausflüge abseits der Autoströme und Baustellen, gutes Essen, gute Bücher, empathische und authentische Menschen, Kultur und Abwechslung und das Schreiben ohne Gedanken an das, was daraus werden könnte. Am Wochenende fahre ich zu einem Autorentreffen in Oberursel, das ist eine schöne Abwechslung und Bereicherung meines digitalen Alltags. Und einige von diesen Gedanken fand ich bei meiner sehr geschätzten Kollegin Petra van Cronenburg wieder. Ist das Müll oder kann das weg?

Freitag, 16. September 2016

Wie ein Schreiber zu Potte kommt

Immer, wenn ich in den beiden letzten Wochen an meinen Blog dachte und daran, dass es mal wieder Zeit würde, einen Beitrag zu schreiben, verwarf ich diesen Gedanken wieder. Der letzte Beitrag war ein Herbstgedicht von Theodor Fontane, was merkwürdigerweise geradezu zu einem Hype von Besuchern führte. Als würden viele Menschen nach Sinn-Gedichten oder Dingen suchen, die sie mental aufbauen. Das kann natürlich nicht zur Folge haben, dass mein Blog künftig nur noch aus Zitaten bestehen würde und ich nichts mehr aus meiner Feder fließen lasse. Ja, für wen schreibe ich jetzt seit zehn Jahren diesen Blog? Für alle, die meinen Blick auf das Leben (und auf das Schreiben) teilen. Gestern habe ich kurz in einen Fernsehbericht reingeschaut, in dem es um Hass im Netz ging. Radikalisierung entstehe, wenn sich eine Gruppe bildet, die eine Meinung teilt und alles andere ausschließt. Solidarität entsteht umgekehrt genauso, nur lässt sie abweichende Meinungen zu oder kann sie absorbieren. Des Weiteren habe ich überlegt, ob ich für meine Altersgruppe, die Rentner, einen Beitrag schreiben sollte. Wie es sich anfühlt, nach etwas mehr als einem Jahr richtig angekommen zu sein, sich von den Vorstellungen, die das Berufsleben bestimmten, verabschiedet zu haben. Und eine ganz neue, entspanntere Identität gefunden zu haben.

Wenn du in Rente gehst, wirst du sicher froh sein, mehr Zeit zum Schreiben zu haben, sagte damals eine Klientin zu mir. Wir wünschen dir noch viele Bestseller, schrieben die Kollegen auf das Abschiedskärtchen. Was schreibst du denn gerade, und wie geht es sonst mit deinen Büchern?, wollte die Vorstandsrunde beim Abschiedsessen wissen. Da komme ich immer in Erklärungsnot. Das Buchgeschäft ist auch nicht mehr das, was es einmal war, versuche ich dann auszuweichen. Ich schreibe jetzt E-Books. Das war die große Unbekannte und in den Kreisen durchaus kein erstrebenswertes Mittel, um Bücher zu lesen. Sie alle gehören allerdings zu meiner "Zielgruppe", denn sowohl Klienten als auch Kollegen haben meine Bücher immer sehr gern gelesen.

Was ich mit meinem "Rentnerbeitrag" hätte erreichen wollen? Vielleicht anderen in einer ähnichen Situation Mut zu machen, andere, kreativere Wege zu gehen als bisher. Ich hatte nur noch nicht die Worte dafür gefunden. Heute Morgen besuchte ich den Blog einer lieben Autorenkollegin, die genau das schrieb, was mir die ganze Zeit im Kopf herumgegangen ist. Tausend und ein Gedanke. Das gilt nicht nur für das Schreiben, sondern für das eigene Leben, das man unabhängig von der Meinung anderer so gestaltet, wie es für einen passt und was einen "glücklich" macht. "Erfolg", so denke ich gerade, ist eine Art dicke Kuh, die einen aufs Eis zum Tanzen verführen will. (Da höre ich im Hintergrund Protest der vielen Leser, die meine Bücher gelesen haben-hallo, hier, hier ist deine Zielgruppe!, monieren sie). Dem Ruf dieser tanzenden Kuh bin ich nicht mehr gefolgt, habe mich nirgends mehr beworben, sondern schreibe an meinem neuen Roman, dessen verknotete Strukturen ich vor ein paar Tagen aufgelöst und neu zusammengesetzt habe. Ich kann wieder schreiben, ohne zu wissen, ob sich dafür eine Agentur, ein Verlag oder eine Zielgruppe im Self Publishing finden wird. Und das ist einfach beglückend.

Sonntag, 31. Juli 2016

Die Wiederentdeckung des Savoir Vivre

Wenn einer für eine Weile das Tosen der großen Städte und des röhrenden Netzes verlässt, kann er auch ganz in seiner Nähe etwas entdecken und erleben. Unlängst besuchten wir wieder einmal unsere Nachbarstädtchen Wildberg und Neubulach. Das Wildberger Kloster Reutin (Museum) mit lauschigem Park und einem Kräutergarten ist ein Ort der Stille. Nur einige aufgeweckte Kinder spielten am kleinen See, zeigten uns die Kaulquappen und einen winzigen Frosch, der daraus hervorgegangen war. Die Burg Wildberg ist eine guterhaltene Ruine aus dem Mittelalter. Von hier aus hat man einen großartigen Blick ins Nagoldtal. Auf dem Weg nach Neubulach, einem alten Bergarbeiterstädtchen, kamen wir an der Lochsägemühle vorbei, deren Mühlrad noch in Betrieb ist. Vom darüber gelegenen Stausee stiegen zwei Wanderer herab. Es war ein Rentnerehepaar, er Sarde, sie waschechte Schwäbin. Sie genießen das Leben, das sah man ihnen an. Von Mitte Mai bis Mitte Juni und von Mitte September bis Mitte Oktober fahren sie in den Urlaub - nach Sardinien, nach Südtirol und zu weiteren schönen Zielen, die in der Nebensaison günstiger und nicht so überlaufen sind. Das und anderes hat uns dazu angeregt, nächste Woche mal wieder ins Fränkische zu fahren. Dort ist es menschenleerer und alles geht etwas lässiger zu, man kann wieder ein, zwei Tage durchatmen.

Freitag, 22. April 2016

Leben am Rande des Schwarzwalds

Wie lebt es sich zur Zeit im großen schwarzen Wald? Die Buchen haben junge Blätter angesetzt, es leuchtet hellgrün in den Wäldern, dazwischen die schwarzen, düster schweigenden Tannen und Fichten. Millionenfach sind Anemomen, Primeln, Veilchen, gleichzeitig Löwenzahn, Lungenkraut, gelbe Windröschen und Frühlingsfingerkraut aus dem Boden geschossen. Mein Garten sieht wieder aus wie ein Osternest. Als würden die Pflanzen spüren, dass sie flott machen müssen, denn bald soll es ihnen ja wieder auf die zarten Köpfe schneien. Ich selbst habe einiges abgeschlossen. Die Steuererklärung habe ich vor ein paar Tagen ganz ohne Steuerberater fertig gestellt und abgeschickt. Es fehlte noch die Abrechnung vom Verlag, die kam heute mit Peanuts und Verspätung. Ich habe mir gerade mal das Vergnügen gemacht, sie mit der Abrechnung von Tolino Media zu vergleichen. Auf das halbe Jahr umgerechnet habe ich im Verlag mehr Ebooks verkauft, aber bei Tolino zehnmal soviel verdient. Wenn ich meinen Schwarwaldkrimi fertig überarbeitet habe, könnte ich das Angebot annehmen, es dort bevorzugt als Neuerscheinung einzustellen. Die Verkaufsmaßnahmen wie Leserunden, Bloghinweise, Facebookpräsenz usw. habe ich bei den Verlagsbüchern genauso gehandhabt wie bei den SP-Büchern, wenn nicht sogar dort etwas mehr.


Der Bodensee bei Friedrichshafen
Als Rentner muss man nicht mehr warten, bis am Wochenende das Wetter stimmt. So haben wir uns schon kleine Auszeiten am Bodensee und im Taubertal genommen. Schwer hinzukommen, aber erholsam, dort zu sein. Wenn ich Lust habe, schreibe ich meinen Krimi fertig, der hier in der Gegend spielt. Vielleicht erinnert sich jemand: Es geht um einen Pfarrer, der vor 25 Jahren aus einem Dorf verschwand. Um eine Journalistin, einen Kommissar, um brutale Morde, um schwarzgekleidete Fressäcke und geheimnisvolle Begebenheiten am Teufelsstein.

Zeit zum Lesen bleibt genügend: Im Moment ist das ein sehr lustiges Buch von Pierre M. Krause "Hier kann man gut sitzen - Geschichten aus dem Schwarzwald".
Schwarzwald pur, nicht wahr?

Pierre M. Krause beschreibt, wie er aus der pulsierenden Stadt Baden-Baden wegzieht und fortan, wie ich, auf dem Land im Black Forest lebt. Sonst lese ich eigentlich, außer Hape Kekeling, keine Promi-Bücher, aber dieses hat mich auf fast jeder Seite zum Schmunzeln gebracht. Sei es über die Rasenmäher- und Grillparty-Fraktion, die Holz- und Kettensägen, die Langsamfahrer oder die Notwendigkeit, im Haus immer so angezogen zu sein, als würde man ausgehen wollen, weil jederzeit jemand vorbeikommen könnte. Vom Garten ganz zu schweigen, der darf natürlich nicht so aussehen, als sei dort jemand gestorben! Und die Post hat solche unmerkbaren Öffnungszeiten, dass man am besten immer um 10 Uhr morgens dorthin geht. Nur leider hat meine Post manchmal auch um 10 Uhr vormittags geschlossen.

Der Zeitungsartikel über den Traumavortrag ist raus und erscheint vorraussichtlich nächste Woche in der Zeitung. Bis zum Vortrag am 10. Mail haben wir jede Menge  Zeit, vielleicht noch ein Plätzchen zu finden, an dem sich der Wintereinbruch angenehmer überstehen lässt.
Das Barockjuwel Birnau

Donnerstag, 12. November 2015

Inspirierende Martinsgans

Gestern Abend war es endlich so weit: Das lang verschobene Abschiedsessen, das der Vorstand meines Verein für mich geplant hatte, fand in einem renommierten Gasthaus statt. Der 11. 11., Martinstag und Martinsgans, und Beginn der närrischen Zeit. Die Atmosphäre war sehr locker und aufgeräumt, es wurden keine Reden gehalten und keine Geschenkkörbe vergeben (das war alles schon mehrmals geschehen). Meine Funktion als Pressesprecherin bzw.-schreiberin wurde noch einmal hervorgehoben. Und so kann ich jetzt auch in dieser Sache einen Artikel für die Presse schreiben. Neben einer angeregten Diskussion des Zeitgeschehens wollten die KolleInnen natürlich auch wissen, wie es denn jetzt so sei - frei von allen Verpflichtungen. Ich sagte es so, wie es ist: dass ich eine glückliche Rentnerin sei und nichts vermisse. Dass es absolut schön ist, an Tagen wie diesen einfach oben auf der Höhe spazieren zu gehen, ohne auf die Uhr schauen zu müssen. Und zu schreiben, ergänzte eine Kollegin. Denn natürlich wussten immer alle, was ich nebenbei so trieb. Die Themen der historischen Romane, wie Kirche und Missbrauch oder die Einrichtung eines Gottesstaates haben ja durchaus einen aktuellen Bezug, wie in der Runde bemerkt wurde. Meine Schilderung der aktuellen Situation auf dem Buchmarkt rief Erstaunen hervor. Und mein so schlecht verkäuflicher Mörike wurde einerseits gelobt, andererseits hätte man ihn gern als Printausgabe von mir gekauft. Das bringt mich allerdings ins Grübeln, denn ich besitze nur noch zwei Exemplare. Auf die Frage, was ich gerade schreibe und wie es weitergeht, sprach ich nur vage von meinen Plänen, weil die noch nicht ausgereift sind. Thriller oder Krimi, Wanderbuch, auch ein Buch über die Psychiatrie im Besonderen, zusammen mit meinem Kollegen, wären möglich. Ach ja, erinnert sich jemand daran, dass es auch noch einen fertigen Krimi gibt mit dem Titel "Martinsmorde"? Da kommen auch diese Martinshörnle vor, die es an diesem Tag überall zu kaufen gibt.
Zur Situation der Autoren und der Verlage noch ein Interview mit dem Autorenberater Stefan Wendel



Sonntag, 8. November 2015

Kleine Freuden

Stromberger Weinberg im Winter
Nun haben wir den Altweibersommer doch noch einmal zurückbekommen. Und gestern juckte es uns in den Reiseschuhen, endlich mal wieder einen Ausflug in unsere Umgebung zu machen. Alles, was lange wohlbekannt war, erschien in einem völlig neuen Licht - das Nagoldtal mit seinen endlosen Windungen und den schönen alten Städten wie Wildberg, Calw und dem Badeort Liebenzell mit seinem reizollen Kurpark. Im "Kupferhammer" am Rand der Stadt Pforzheim hielten wir spontan an und genehmigten uns eine Latte Machiato im Biergarten. Dazu einen Teller mit Apfelküchle, Vanilleeis und einer Art Blaubeerkompott. Mir fiel ein, wie ich diese Küchle früher für meinenSohn hergestellt habe. Die Kerngehäuse ausstechen, die Äpfel in Scheiben schneiden und durch einen Bierteig ziehen. So werden sie richtig knusprig! Auf dem Weg nach Bauschlott stand - wetten dass! - wieder der Bauer mit seinen Kartoffeln und Gemüsen. Diesmal ging es jedoch nicht nach Maulbronn, sondern Richtung Ötisheim. Dort fanden wir einen Wanderweg, der zunächst als staatlicher Forstweg durch einen bunten Buchenwald führte. Späte Stockschwämmchen wucherten an Baumstümpfen, ein Tintling zerfloss am Wegesrand. Viele Menschen wuselten im Wald herum, nicht umsonst hieß die Gegend "Reisig", das heißt, die Leute holen sich ihre Tannenzweige und ihr Holz für daheim und für die kommenden Advents - und Weihnachtsmärkte. Der Rückweg führte durch eine Art Allee von Eichen, die zum Feld hin gebogen waren. Ich frage mich immer, warum sie zum Feld hin gebogen sind und nicht zum Wald, denn der Wind kommt doch von vorn. Dasselbe Phänomen beobachte ich am Trauf der schwäbischen Alb, wo die glattstämmigen, kleingewachsenen Buchen alle zum Abgrund hin wachsen. Auf jeden Fall ist der Stromberg eine relativ unverbaute Gegend, mit vielen Weinbergen, Feldern, Wäldern, Bächen und schönen alten Weinorten. Von so einem Ausflug komme ich immer völlig aufgetankt zurück. Ich kann mich dann in meine Bude setzen und mich über das neue Ambiente freuen, das ich geschaffen habe. Apricotfarbene Wand, neue Bilder in Rahmen. Und nach dem Wechsel nach draußen geht das Schreiben auf einmal wieder viel zügiger!

Donnerstag, 11. Juni 2015

Wie die Zeit vergeht und Sie sie verlangsamen können

In der einen Woche ohne die Routine der Arbeit habe ich eine erstaunliche Erfahrung gemacht: Die Zeit verging viel langsamer, ohne dass dadurch Langeweile aufgekommen wäre. Ich hatte plötzlich für alles Zeit, selbst zum Wäscheaufhängen, so richtig mit Wäscheklammern, zum Einkaufen und zum Relaxen. Termine sind die größten Zeitfresser. Die kann ich mir jetzt selber setzen. Wann ich das Haus verlasse, wann ich zum Schwimmen gehe, wann ich mein Ebook noch einmal überarbeite und wann ich es herausgebe. Wann ich in den Urlaub gehe. Alle Lebensbereiche waren um diese paar Stunden Arbeit aufgebaut gewesen, ständig war ein Druck zu spüren, der andere wichtige Dinge an sich gesogen und beschleunigt hat. Vielleicht ist doch etwas dran den Worten eines"positiven Psychologen", der die These aufstellt, dass Routine die Zeit beschleunigt, das Ausfüllen ihrer einzelnen Momente dagegen verlangsamt. Er führt als Beispiel einen Forscher an, der sich zwei Monate lang in einer Höhle einschließen ließ, Routinearbeiten verrichtete und hinterher angab, die gefühlte Zeit sei e i n Monat gewesen. Viele Menschen empfinden die Beschleunigung auch zunehmend mit dem Älterwerden. Liegt es daran, dass die Restzeit des Lebens sich zunehmend verkürzt? Nein, sollte man denken, für ein Kind müsste die Zeit doch rasen, bei allem, was es neu lernt und erlebt. Aber nichts in meinem Leben kommt mir länger vor als die ersten zwanzig Jahre. Ob es Kinder und Jugendliche heute auch noch so erleben? Oder hat sich die Welt an sich nicht beschleunigt und reißt alle, jung und alt, in ihrem Strudel mit? In dem Artikel schlägt der Autor vor, sich etwas für die Restzeit seines Lebens vorzunehmen, egal auf welcher Stufe man sich befindet. Etwas zu ändern, etwas zu machen,was man noch nie gemacht und was man noch nie gewagt hat. Es muss ja nicht endgültig sein, man kann es zunächst mal für dreißig Tage ausprobieren.
Wie die Zeit vergeht und Sie sie verlangsamen können.

Donnerstag, 4. Juni 2015

Der letzte Arbeitstag

Am Dienstag war es dann so weit: Nach dem Team saßen wir alle, Kollegen und Vorgesetzte, beisammen und feierten meinen Abschied aus dem Berufsleben. Ein duftender Blumenstrauß, Geschenkgutscheine für Bücher und Restaurantessen, leckere Blaubeertörtchen und Lachsspinatrollen, ein buntes, warmes Programm. Die großen Geschenkkörbe hatte ich ja in den Monaten vorher schon erhalten. Super, wenn man so gehen kann und mit allem im Reinen ist! Natürlich wurde ich auch gefragt, was ich denn so für die Zukunft plane. Und dass ich glücklich zu preisen sei. Erstmal an die neuen Strukturen gewöhnen, das Auto zur Inspektion bringen, ein Arztbesuch meines Partners, dann Urlaub wer weiß wohin. Weimar wäre mal wieder eine gute Adresse, unvergesslich das Goethehaus im Park an der Ilm und die lockere, "geistreiche" Atmosphäre der Stadt. Viele schöne und hochinteressante Orte in der Nähe. Und natürlich kann unter der Woche gefahren werden, wenn das Wetter stimmt. Die Vereine weit und breit hatte ich schon alle gecheckt, aber nur einen gefunden, für den ich vielleicht auch weiter tätig sein könnte: der, in dem ich nun schon seit vielen Jahren bin und für den ich fast sechzehn Jahre lang gearbeitet habe. Alle wollten wissen, wie es mit dem Schreiben weitergeht. Und staunten nicht schlecht, dass ich demnächst ein eigenes Ebook herausgeben will. Manche waren noch nicht so mit dem Reader vertraut, andere nehmen ihn schon lange auf Reisen oder zum Zelten mit. Wie geht das mit dem Loslassen, wenn man bis zum Schluss voll drin war in der Arbeit? Ich habe mich in den letzten Wochen, die noch sehr dicht und ereignisreich waren, an vielen Stellen gefragt, ob ich das noch weiter haben will. Und kam zu einem eindeutigen "nein"! Bei der Rückfahrt wollte ich gerade ein Plätzchen auf der Höhe suchen, um die Arme in den sommerlichen Himmel zu werfen, als mit einem Pling das Display aufleuchtete. Reifen hinten rechts verliert an Druck! Auweia, nicht auch das noch, bitte. Der Reifenhändler zog einen Nagel aus dem Reifen. Wir hatten mal ein Auto, in dessen Reifen fast jede Woche ein Nagel oder eine Schraube steckte. Wie kommen die Leute eigentlich dazu, solche Dinge auf die Straße zu werfen? Bei denen ist wohl eine Schraube locker!

Mittwoch, letzter Arbeitstag, natürlich mit vollem Programm, mit therapeutischem Team und Gruppe. Es war wie immer und doch wie von einem glänzenden Schleier überzogen. Helfen ist jetzt kein berufliches Werkzeug mehr, sondern ein humaner Wert. Die Gruppe hatte sich eine Auswahl meiner Bücher zum Abschied gewünscht. Da lagen sie nun, und ich erklärte kurz den Inhalt, die Bedeutung und auch ihr Schicksal in der Verlags- und Bücherwelt. Ja, Mörike, von dem hatte man mal Gedichte auswendig lernen müssen. Alle Augen glänzten. Ein letztes Zusammensitzen im Garten, bei einem bombastischen Renteneinstiegswetter, der Garten, in dem man so viele Grillfeste gefeiert, so viele Spiele gespielt und so viele Konflikte hat lösen helfen. Und dann Tür zu, Schlüssel in den Briefkasten, die eigene Tasse muss noch mit. Herzliche Umarmungen, kein Blick zurück. Ein total glückliches, freies Gefühl. Wie im Traum die Wanderung über den abendlich warmen Kapf. Heerscharen von Riemenzungen und Hummelragwurz stehen dort aufgereiht, dazu der weite Blick über die Kuppen des nördlichen Schwarzwaldes. Und die Sicherheit, dass Erfahren, Erwandern und Erschreiben weiterhin
die Eckpfeiler meiner Landkarte sein werden.
Vom Glück, eine Glückshaut zu haben

Samstag, 23. Mai 2015

Endlich Rente!

Vor Kurzem habe ich eine Glosse gefunden, über die ich mich gekugelt habe: Endlich Rente! Da ist von einem Mann die Rede, der die Rente herbeigesehnt hat und dann durch alle Höhen und Tiefen dieser finalen Aus-Zeit von der Arbeit stolpert. Er baut ein Vogelhäuschen, dann noch eins und noch eins, bis die Vögel sich darüber beschweren und dann ...aber lest selbst. Auf äußerst witzige Weise führt der Autor vor, wie man es besser nicht machen sollte, um nicht bei Vorabendserien, schlapprigem Jogginganzug und Mammut-Kreuzworträtseln zu landen. Kürzlich fragte mich ein alter Freund, ob ich denn, wenn ich in Rente bin, einen Roman nach dem anderen schreiben wolle. Mein alter Kumpel Mörike fällt mir dazu ein: Der war am produktivsten, als er noch eine ganze Menge um die Ohren hatte, nämlich als Pfarrer und später, als er mit 39 Jahren in Rente ging und als Literaturprofessor am Stuttgarter Katharinenstift tätig war. Danach machte er nur noch Gelegenheitsgedichte zu Geburtstagen, Hochzeiten usw. Ich selbst werde sicher auch keine Weltreise machen, keine neue Karriere starten oder die Welt neu erfinden. Werde weiter meine Natur- und Kulturserien gucken, Haus und Garten beackern, meine Ausflüge und Touren machen.Und meinen nächsten Roman veröffentlichen und auch den nächsten Roman schreiben und den nächsten oder auch mal ein Sachbuch. Und werde nicht erwarten, dass sich alles ändert, sondern dass alles etwas anders wird. Ich sehe jetzt, wenn ich durch die sonnenbeschienene Stadt gehe, die mir bekannten Rentner zufrieden beim Kaffee sitzen, während andere malochen müssen. Wie ich auch jetzt, kurz vor Ultimo, noch eine ganze Menge zu bewältigen hatte.
Es kommen die Pfingstfeiertage, danach wird es ruhiger. In diesem Stand werde ich noch 38 Tage lang sein, etwa die Hälfte davon urlaubsweise. Der Rentenbescheid ist auch schon gekommen, Mütterrente, Zusatzversorgungen und anderes ermöglichen mir ein finanziell unbeschwertes Leben. Und deshalb gehe ich auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Die spannenden Prozesse meines Arbeitslebens werden mir fehlen. Und es war sehr vorausschauend von mir gewesen, mir schon vor fünfzehn Jahren ein zweites Standbein aufzubauen. Es ist ebenso spannend, Bücher zu schreiben und zu sehen, wie sie sich auf der öffentlichen Bühne bewegen. Und damit auch noch ein Zubrot zu verdienen, wie mein Vater mir augenzwinkernd sagte. Es müssen ja nicht Vogelhäuschen sein - Marienkäferhäuschen habe ich schon als Kind sehr gern gebaut, aus Moos und Stöcken und trockenen Zweigen. Und Igelnester, Höhlen, Flöße. Ich brauche keine Joga-Kurse und Rentnerbusreisen, ich habe meinen Computer, meine Menschen, meinen Verein, meine Liebe zur Natur und zur Kultur, meine Bücher, die ich weiterhin lese, mein Kloster Heiligkreuztal und meine Mitautoren und -Autorinnen. Das Cover für meinen neuen Roman "Nacht des Wolfes" ist fertig, es basiert auf einem eigenen Foto von mir, durch eine Grafikerin stimmungsvoll in Szene gesetzt. Jetzt wird das Ebook noch konvertiert, und etwa Anfang Juni kann ich es dann bei Amazon hochladen. Am 8. Juni wird auch mein "Teufelswerk" ein Jahr alt. Es folgen, ohne zeitliche oder inhaltliche Garantie, ein Roman aus der Nazizeit, der fertige Krimi, nochmal überarbeitet. Und dann schaue ich mal, was noch in den Tiefen der Dateien schlummert und was mich sonst noch anfliegen könnte.

Dienstag, 13. Mai 2014

Die ultimative Freiheit zum Schreiben!

Heute Morgen habe ich eine Art Experiment gemacht. Statt mich im sozialen Netzwerk herumzutreiben, wie es mir zur Gewohnheit geworden ist, habe ich eine dieser Daily Soap-Sendungen angeschaut, die sich aber als sehr fundiert erwies. Es ging um einen arbeitssüchtigen Mann, der immer erreichbar war, sich für seine Firma aufrieb bis zum letzten und mit seinem Verhalten seine Ehe und sich selbst massiv gefährdete. Schließlich machte er Fehler und wurde von seiner Chefin übel abgekanzelt. Erst nach einem Kreislaufzusammenbruch und Aufenthalt in der Klinik konnte er die Gründe für sein Verhalten erkennen und es ändern. Eine systemische Therapeutin kommentierte das Geschehen. Ich stellte anschließend fest, dass ich weder arbeitssüchtig noch burnoutlastig noch in irgendeiner Weise depressiv bin, sondern jahrelang zu viele Dinge getan habe, die mich unnötig belasteten und die ich nicht gebraucht hätte zu meinem Glück. Später am Vormittag traf ich im Badepark eine alte Freundin, die ich schon länger nicht mehr gesehen hatte. Sie hatte kürzlich ihren 70. Geburtstag gefeiert und meinte, ich sei ja noch ein junger Hüpfer, und wenn ich in Rente sei, bleibe mir ja immer noch das Schreiben. Man sollte einfach nicht ganz aufhören zu arbeiten. Für mich ist dieser paradiesische Zustand ja nun auch nicht mehr fern. Und ich habe mir schon Gedanken gemacht, was ich mit den 23 Stunden Arbeitszeit einschließlich Fahrzeit, die dann wegfallen, anfangen könnte. Einfach zu sagen, dann schreibe ich halt, ist zu wenig. Es sollte in ein Gesamtkonzept eingebunden sein. Also erst einmal habe ich mir heute eine Jahreskarte für das Schwimmbad gekauft. Dann kam gestern eine Mail von dem Kloster an der Donau, in dem ich einen Wochenendkurs zum Thema "Stress bewältigen durch Achtsamkeit" gebucht habe. Ja, zweimal im Jahr ins Kloster zu gehen wäre eine gute Option. Ein Blick bei Google zeigt mir, dass ich schon vier Beiträge über das Thema Achtsamkeit verfasst habe, zum Beispiel diesen hier: Die Seele aufschlagen lassen vom November 2013. Hatte mir nicht mal jemand empfohlen, über diese Klostergeschichte einen Psychokrimi zu schreiben? (der allerdings schon geschrieben ist). Am letzten Sonntag habe ich gemerkt, was es heißt, achtsam mit sich umzugehen. Ich habe nur kurz in den Computer geschaut, habe mir eine köstliche Bolognese mit frischen Tomatenstückchen gekocht, bin schwimmen gegangen und einmal um den ganzen Park herumgelaufen, bis die schwarze Wand mich wieder nach Hause trieb. Später habe ich ZDF History und Terra X geguckt. An diesem Abend habe ich mich so gut gefühlt wie schon lange nicht mehr!

Ansonsten wird sich im "Unruhestand" nicht allzuviel ändern, außer, und darauf freue ich mich besonders, dass ich wegfahren,- wandern, -radeln kann, wann immer ich will und wann immer die Sonne lockt! Ich kann die Wintermonate anderswo verbringen, wenn ich will und wenn ich einen Platz finde, wo das möglich ist. Und muss nicht mehr alles um den Beruf herum arrangieren. Ich könnte alte Freundschaften wieder etwas mehr pflegen, mich um den Garten kümmern, mir vielleicht endlich die Oleanderkübel zulegen, von denen ich schon so lange träume. Die Netzkontakte so pflegen, wie sie es brauchen, vielleicht auch wieder an Real-Life-treffen teilnehmen. Einen neuen Blog gestalten, neue Ideen für Bücher entwickeln. Bis jetzt haben meine Arbeitszeit - bis in den Abend hinein - und die psychische Hochspannung, unter der ich oft stehe, vieles verhindert.