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Sonntag, 8. November 2015

Kleine Freuden

Stromberger Weinberg im Winter
Nun haben wir den Altweibersommer doch noch einmal zurückbekommen. Und gestern juckte es uns in den Reiseschuhen, endlich mal wieder einen Ausflug in unsere Umgebung zu machen. Alles, was lange wohlbekannt war, erschien in einem völlig neuen Licht - das Nagoldtal mit seinen endlosen Windungen und den schönen alten Städten wie Wildberg, Calw und dem Badeort Liebenzell mit seinem reizollen Kurpark. Im "Kupferhammer" am Rand der Stadt Pforzheim hielten wir spontan an und genehmigten uns eine Latte Machiato im Biergarten. Dazu einen Teller mit Apfelküchle, Vanilleeis und einer Art Blaubeerkompott. Mir fiel ein, wie ich diese Küchle früher für meinenSohn hergestellt habe. Die Kerngehäuse ausstechen, die Äpfel in Scheiben schneiden und durch einen Bierteig ziehen. So werden sie richtig knusprig! Auf dem Weg nach Bauschlott stand - wetten dass! - wieder der Bauer mit seinen Kartoffeln und Gemüsen. Diesmal ging es jedoch nicht nach Maulbronn, sondern Richtung Ötisheim. Dort fanden wir einen Wanderweg, der zunächst als staatlicher Forstweg durch einen bunten Buchenwald führte. Späte Stockschwämmchen wucherten an Baumstümpfen, ein Tintling zerfloss am Wegesrand. Viele Menschen wuselten im Wald herum, nicht umsonst hieß die Gegend "Reisig", das heißt, die Leute holen sich ihre Tannenzweige und ihr Holz für daheim und für die kommenden Advents - und Weihnachtsmärkte. Der Rückweg führte durch eine Art Allee von Eichen, die zum Feld hin gebogen waren. Ich frage mich immer, warum sie zum Feld hin gebogen sind und nicht zum Wald, denn der Wind kommt doch von vorn. Dasselbe Phänomen beobachte ich am Trauf der schwäbischen Alb, wo die glattstämmigen, kleingewachsenen Buchen alle zum Abgrund hin wachsen. Auf jeden Fall ist der Stromberg eine relativ unverbaute Gegend, mit vielen Weinbergen, Feldern, Wäldern, Bächen und schönen alten Weinorten. Von so einem Ausflug komme ich immer völlig aufgetankt zurück. Ich kann mich dann in meine Bude setzen und mich über das neue Ambiente freuen, das ich geschaffen habe. Apricotfarbene Wand, neue Bilder in Rahmen. Und nach dem Wechsel nach draußen geht das Schreiben auf einmal wieder viel zügiger!

Samstag, 23. Mai 2015

Endlich Rente!

Vor Kurzem habe ich eine Glosse gefunden, über die ich mich gekugelt habe: Endlich Rente! Da ist von einem Mann die Rede, der die Rente herbeigesehnt hat und dann durch alle Höhen und Tiefen dieser finalen Aus-Zeit von der Arbeit stolpert. Er baut ein Vogelhäuschen, dann noch eins und noch eins, bis die Vögel sich darüber beschweren und dann ...aber lest selbst. Auf äußerst witzige Weise führt der Autor vor, wie man es besser nicht machen sollte, um nicht bei Vorabendserien, schlapprigem Jogginganzug und Mammut-Kreuzworträtseln zu landen. Kürzlich fragte mich ein alter Freund, ob ich denn, wenn ich in Rente bin, einen Roman nach dem anderen schreiben wolle. Mein alter Kumpel Mörike fällt mir dazu ein: Der war am produktivsten, als er noch eine ganze Menge um die Ohren hatte, nämlich als Pfarrer und später, als er mit 39 Jahren in Rente ging und als Literaturprofessor am Stuttgarter Katharinenstift tätig war. Danach machte er nur noch Gelegenheitsgedichte zu Geburtstagen, Hochzeiten usw. Ich selbst werde sicher auch keine Weltreise machen, keine neue Karriere starten oder die Welt neu erfinden. Werde weiter meine Natur- und Kulturserien gucken, Haus und Garten beackern, meine Ausflüge und Touren machen.Und meinen nächsten Roman veröffentlichen und auch den nächsten Roman schreiben und den nächsten oder auch mal ein Sachbuch. Und werde nicht erwarten, dass sich alles ändert, sondern dass alles etwas anders wird. Ich sehe jetzt, wenn ich durch die sonnenbeschienene Stadt gehe, die mir bekannten Rentner zufrieden beim Kaffee sitzen, während andere malochen müssen. Wie ich auch jetzt, kurz vor Ultimo, noch eine ganze Menge zu bewältigen hatte.
Es kommen die Pfingstfeiertage, danach wird es ruhiger. In diesem Stand werde ich noch 38 Tage lang sein, etwa die Hälfte davon urlaubsweise. Der Rentenbescheid ist auch schon gekommen, Mütterrente, Zusatzversorgungen und anderes ermöglichen mir ein finanziell unbeschwertes Leben. Und deshalb gehe ich auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Die spannenden Prozesse meines Arbeitslebens werden mir fehlen. Und es war sehr vorausschauend von mir gewesen, mir schon vor fünfzehn Jahren ein zweites Standbein aufzubauen. Es ist ebenso spannend, Bücher zu schreiben und zu sehen, wie sie sich auf der öffentlichen Bühne bewegen. Und damit auch noch ein Zubrot zu verdienen, wie mein Vater mir augenzwinkernd sagte. Es müssen ja nicht Vogelhäuschen sein - Marienkäferhäuschen habe ich schon als Kind sehr gern gebaut, aus Moos und Stöcken und trockenen Zweigen. Und Igelnester, Höhlen, Flöße. Ich brauche keine Joga-Kurse und Rentnerbusreisen, ich habe meinen Computer, meine Menschen, meinen Verein, meine Liebe zur Natur und zur Kultur, meine Bücher, die ich weiterhin lese, mein Kloster Heiligkreuztal und meine Mitautoren und -Autorinnen. Das Cover für meinen neuen Roman "Nacht des Wolfes" ist fertig, es basiert auf einem eigenen Foto von mir, durch eine Grafikerin stimmungsvoll in Szene gesetzt. Jetzt wird das Ebook noch konvertiert, und etwa Anfang Juni kann ich es dann bei Amazon hochladen. Am 8. Juni wird auch mein "Teufelswerk" ein Jahr alt. Es folgen, ohne zeitliche oder inhaltliche Garantie, ein Roman aus der Nazizeit, der fertige Krimi, nochmal überarbeitet. Und dann schaue ich mal, was noch in den Tiefen der Dateien schlummert und was mich sonst noch anfliegen könnte.

Sonntag, 11. Mai 2014

Erfahren und erwandert

Vor langen Jahren las ich mit großem Vergnügen ein Buch von Christine Brückner, das "Erfahren und erwandert" hieß. Da ging es um Reisen in Europa und um Wanderungen im Schwarzwald und anderen deutschen Mittelgebirgen. Seitdem liegt es in den tieferen Dateien meines Hinterkopfs. So ein Buch hätte ich gern auch einmal geschrieben! Das Unterwegssein ist ja zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens geworden. Ich erinnere mich, dass nicht nur die Lichtmomente dieser Fahrten und Wanderungen beschrieben wurden, sondern es gab auch mal einen schweren Kopf nach einer zu langen Feier am Vorabend, es gab Streit an Wegkreuzungen, wenn jeder meinte, den richtigen Weiterweg zu kennen. Ja, es gibt Ausflüge, die von vorne bis hinten schiefgehen, wenn man den Teufel mit einer List zu betrügen versucht. So widerfuhr es uns auch am gestrigen Tag. Mein Partner besitzt einen alten Kulturführer. Wir hatten uns darauf geeinigt, Richtung Ostalb zu fahren. Der Wetterfrosch hatte etwas von Schönwetter dort gequakt. Im Leintal bei Schwäbisch Gmünd und im Kochertal zwischen Gaildorf und Aalen gibt es noch viele landschaftliche Schönheiten, Renaissanceschlösser, Burgen, Ruinen, Kirchen und Kapellen zu entdecken, so versprach der Reiseführer. Vielleicht hatten sie sogar Geschichten zu erzählen. Trotz des Stuttgarter Frühlingsfestes gelang die Anfahrt völlig problemlos, ausnahmsweise lichtete sich der Himmel im Osten, und wir freuten uns auf einen spannenden Tag. Wären wir doch lieber zur Landesgartenschau in Schwäbisch Gmünd gegangen, es hätte uns manches erspart! Aber da wäre es uns ja zu voll gewesen. In einem Dorf winkte uns ein mittellaterlicher Kirchturm entgegen. Bei der Durchfahrt schauten uns die wenigen Menschen, die rund um ihre Häuser beschäftigt waren, nach, als würden hier niemals Fremde gesichtet. In der Kirche waren hohe, weiße Tische aufgebaut, draußen saßen schwarzgekleidete Jugendliche. Eine junge Frau spielte auf einer Flöte. Eisiges Schweigen schlug uns drinnen entgegen, jemand sagte, man hätte die Tür schließen müssen. O weia, das war uns auch noch nie passiert. Fluchtartig verließen wir die ungastliche Stätte und fuhren durch das schöne Kochertal. Bewaldete Hänge, Butterblumenwiesen und mittendrin der Kocher, der sich durch unberührte Natur schlängelt. Die Städtchen und Dörfer wirkten verlassen und heruntergekommen, viele Gastwirtschaften schauten uns aus blinden Fensterscheiben an. Es waren keine Touristen unterwegs, jedoch wurden wir immer wieder von dröhnenden Renn-Motorrädern überholt. Bei der Wallfahrtskirche reparierte ein Mann ein Fahrrad. Er stellte sich als Pfarrer vor und öffnete die Kirche für uns. Das Innere war stark modernisiert. Die Burgruine dahinten, die lohne sich nicht, meinte er, das seien bloß ein paar Steine im Wald. Mit hängenden Nasen fuhren wir weiter. Da, endlich, das schöne Renaissanceschloss auf einem Hügel hoch über dem Kocher, von den Herren von Limpurg erbaut. Der Zugang war schwer zu finden. Und dann zog mit drohender Geschwindigkeit eine tintenblaue Wand von Westen heran, ein Sturm schüttelte die Birken vor dem Schloss wie mit einer Riesenfaust. Im Schlosshof war ein Zelt aufgebaut, ein paar Männer, die da arbeiteten, blickten uns feinselig entgegen. Was war heute nur los mit den Leuten? War ihnen das Wechselwetter aufs Gemüt geschlagen? Mein Partner regt sich sowieso immer über alles mögliche auf, aber diesmal schug es dem Fass den Boden aus. Die Empfehlungen dieses Reiseführers sind irreführend und völlig veraltet, das habe auch ich festgestellt. Und so flog er in einer Kurve in hohem Bogen zum Fenster raus. Vielleicht hatten die Radfahrer gleich darauf noch ihr Vergnügen daran. Als wir Aalen erreichten, unsere letzte Hoffnung und Schauplatz so vieler wunderbarer Tage und Nächte, war die schwarze Wolke schon da. Aber wenigstens war es warm, was auf der Ostalb nicht unbedingt selbstverständlich ist. Ein Königreich für einen Kaffee! Ich habe Aalen schon immer bewundert, nicht nur wegen des Spions, wegen der Museen und der Römer, sondern auch wegen ihrer Gastlichkeit. Die ganze Stadt scheint ein einziger Kaffee- und Biergarten zu sein. Doch in den ersten beiden Cafés wurden wir brummig darüber aufgeklärt, dass hier Selbstbedienung herrsche. In einem Künstlercafé bekamen wir das Gewünschte, zusammen mit ein paar netten Worten der Bedienung. Dann prasselte der Regen nieder, Flucht in eine Ladenpassage und in ein Schuhgeschäft. Wenn schon alles so schiefgelaufen war, wollte ich doch wenigstens meine Trekkingsandalen kaufen. Und wie durch ein Wunder passten schon die ersten. Nichts wie weg, jetzt konnten wir wieder heimfahren. So eine überflüssige Kilometervergeuderei!

Doch das Schieflaufen war noch nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. Den Rückweg mussten wir über die Alb nehmen, denn am Samstagabend ist Stuttgart ein einziger Fußballstau. Endloses Schleudern durch Kurven und endlose Strecken geradeaus im Regen. Dann ließ der Regen endlich nach, unsere Mägen knurrten vernehmlich. Beim Filsursprung kannten wir ein Lokal, das uns noch nie wirklich enttäuscht hatte. Es war auch alles wie gehabt, nur ein Tisch war voll mit Einheimischen. Ich bestellte eine kleine Portion Schweinebraten mit Spätzle. Oh nein, stöhnte mein Partner und verdrehte die Augen. Eine fünfköpfige Familie mit penetrant quengelnden Kindern ließ sich mit viel Gedöns am Tisch gerade neben uns nieder, obwohl es jede Menge Nebenzimmer und sonstigen Raum gab. Wir haben ja selber Kinder großgezogen und lieben sie, aber diese Vorstellung war geradezu nervtötend. Ich erinnere mich nicht, jemals so etwas erlebt zu haben. Der Kleinste sollte wohl Kroketten essen, wollte aber Pommes mit Ketchup. Schließlich sagte die Mutter entnervt, wenn sie jetzt nicht aufhörten, würde sie sich morgen am Muttertag den ganzen Tag wegsperren. Fünf Minuten erschrockene Stille, dann ging es von vorne los. Erst als alles, einschließlich Fritten mit Ketchup, aufgetragen war, gingen die Sirenentöne in friedlicheres Plappern über. Fazit: Versuche nicht, einmal Erlebtes wiederholen zu wollen. Nimm lieber deine Trekkingsandalen und laufe damit über die Heiden.

Sonntag, 16. Februar 2014

Reise- und Wettergeschichten

Ein Schaufenster in der Altstadt von Ravensburg
Wie kann man nur im Februar Urlaub nehmen, das wäre eine berechtigte Frage. Das habe ich auch mehr oder minder unfreiwillig gemacht, ich weiß ja, wohin das führt, vor allem in einem so böswillig grauen Winter wie diesem. Ich muss also meine restlichen Urlaubstage vom letzten Jahr abfeiern. Und wie alle wissen, die mich ein bisschen kennen, haben wir uns Techniken angeeignet, um dem Sauwetter ein Schnippchen zu schlagen. Man kann ja schließlich nicht zehn Tage in der Stube hocken und sich die Augen vom Monitor austrocknen lassen. Also, wir gucken jeden Abend den Wetterfrosch an, wie er uns zu unserem Sauwetter -mit offenen Armen -begrüßt. Am Wochenende gucke ich darüber hinaus in die Zeitung, denn die zeigt das Wetter für jeden Winkel von Baden-Württemberg an. Dann schaue ich in den Computer, bis ich trockene Augen habe, schaue jeden Winkel an, den man trockenen Fußes besuchen könnte. Nein, Museen, Burgen, Schlösser, Kirchen, Klöster und Bilderausstellungen sind keine Alternative, die haben wir im Umkreis von 100 Km schon zigmal besucht. Also habe ich gestern einen trockenen Ort gefunden: Mengen im Donauried. Da konnte man dann endlich mal wieder reisen! Und es war alles wie neu und frisch gewaschen. Dann noch, schließlich habe ich Urlaub, vorbei an Storchenpaaren auf den Wiesen, vorbei am Deutschordensschloss Altshausen, wo man im Sommer so wunderbar im See schwimmen kann, vorbei am Schreckensee und dem Weiher mit dem Moorwasser nach Ravensburg, wo nicht nur die Spiele herkommen, sondern wo man einzigartige Stunden verbringen kann. Weil diese Stadt ein einzigartiges Flair hat. Je weiter sich der Tag zum Abend neigte, desto wärmer wurde es. Schließlich hatten wir fast 15°, das wäre uns auch am Lago Maggiore nicht beschieden worden. Alle Leute saßen draußen und schlürften ihren Kaffee oder Sekt oder Wein. Am Marienplatz, der "guten Stube" von Ravensburg, hatten wir alles beieinander, was man für den Urlaub im Süden braucht: eine "Riva-Bar", die tatsächlich am Gardasee stehen könnte, eine uralte gotische Kirche, eine belebte Buchhandlung ohne Kette und einen Espresso mit wunderbar italienischen Spagetti. Muss jetzt wahrscheinlich eine ganze Weile reichen!

Das bringt mich auf den Gedanken, dass ich eigentlich mal wieder etwas ganz Anderes machen möchte als Romane schreiben. Romane schreiben heißt heutzutage, dass dich jeder umsonst in seine Plattformen aufnehmen kann, du selbst dagegen musst zehntausende Euronen an Strafe zahlen, wenn dich jemand dabei erwischt, dass du auch nur einen Satz ungefragt aus Zeitungen oder Rezensionen übernimmst. Siehe das Urteil des Landgerichts München in Bezug auf Zitate aus Zeitungen und Rezensionen. Irgendwie verliere ich die Lust zum Schreiben.

Und dennoch: Gab es nicht mal einen Artikel von mir über Oberschwaben, wo der Himmel weiter und höher ist als andernorts? Wo sich die Barockkirchen und Klöster eng aneinander drängen, wo sich Moore mit Hügeln, Seen und Wäldern abwechseln, keine Blitzer stehen und die Biergärten schon bayrisch anmuten? Eine Welt der Bäder und Thermen, der Trampelpfade und Fahrradwege und der einzige Platz, an dem ich je in meinem Leben Birkenpilze gefunden habe. Und das alles kann man doppelt und dreifach genießen, wenn man es nicht im Überfluss hat, so mit tagelanger Sonne und Postkartenfarben, sondern erst den Wetterfrosch überlisten musste. Heute war keine Trixerei möglich, heute war totales Home-Relaxen angesagt, aber für morgen habe ich mir wieder einen kleinen Tripp ins Unbekannte ausgedacht. Über die Gegend, Hohenlohe, habe ich in meinen "Orten zum Reinschmecken" schon geschrieben, und es ist wieder eine ganz andere Region mit ganz anderen Highlights.

Sonntag, 18. August 2013

Es ist so einfach, mal abzuschalten!

Im Donautal
In den Krimis und Thrillern bedaure ich immer die Ermittler und Ermitterinnen, die ständig nachts von ihren Handys wachgeklingelt werden und zu schaurigen  Tatorten müssen. Sie schütten literweise Kaffee in sich hinein, vergessen ständig zu essen und plagen sich mit Schuldgefühlen wegen ihrer Scheidungskinder. Darüber hinaus werden sie von ihren Vorgesetzten gemobbt und am Ende vom Mörder ins Visier genommen. Bei meinem letzten landete die Ermittlerin doch tatsächlich in einem Brunnen, aus dem sie nicht mehr rauskam. Und musste schwimmen bis zur Erschöpfung. Was ist mein Job doch für ein Zuckerschlecken dagegen, was für ein Spaziergang! Mein Handy ist nur an, wenn ich mit dem Zug unterwegs bin. An den Wochenenden gilt die Devise: Nix wie weg, da ist dann alles abgeschaltet. Und so kommt man auch tatsächlich dazu, seine Akkus wieder aufzuladen. Und auch abseits der Touristenströme, es gibt sie noch, diese Plätze.

Sonntag, 19. September 2010

Ausflug im September


Eigentlich wollte ich mich noch mit der Frage beschäftigen, warum Georgette Heyer nicht über das geschrieben hat, über das sie schreiben wollte, nämlich das Mittelalter (die Liebesromane ließen ihr nicht genügend Zeit), warum der Schlagzeuger Phil Collins (früher Genesis) immer etwas anderes spielen wollte und erst jetzt, wenn er keine Tourneen mehr machen will, ein Soulalbum herausgibt und warum P.D. James, von der ich mir ein neues Taschenbuch ("Ein makelloser Tod") gekauft habe, noch mit 88 Jahren Krimis schreibt.

Statt dessen haben wir heute endlich mal wieder einen Sprung in die Landschaft machen können: Über Pforzheim zur Enzschleife bei Vaihingen, in das Weindorf Rosswag. Wenn man nicht über die Schnellstraße fährt, kommt man durch den Waldenserort Pinachemit der ältesten Waldenserkirche Deutschlands von 1721. Die Waldenser erreichten Süddeutschland 1699, nachdem sie ihres Glaubens wegen aus Südfrankreich vertrieben worden waren, und nannten die neuen Orte nach ihren Heimatdörfern.


Rosswag an der Enzschleife: In Millionen Jahren hat sich die Enz hier durch den Muschelkalk gefressen und einen weiten Umlaufberg geschaffen (Mönchberg). Ein Ort zum Verlieben, und die Weinberge werden wie in alter Zeit bewirtschaftet. Dass die Pflege der Trockenmauern Tausende von Arbeitsstunden benötigt, wusste ich nicht. Aber w i e brutal die Arbeit im Weinberg gewesen sein muss, merkten wir am Aufstieg.







Die Trauben schmecken süß und sind sehr saftig. Daraus entsteht zum Beispiel der Rosecco-Perlwein. Rosswag ist einer der wenigen Weinbauorte Baden-Württembergs, dessen Trauben auf Muschelkalk gedeihen. Im Ort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, doch wird der Weinbau nur noch nebenberuflich betrieben. Im Zusammenhang mit dem Muschelkalk stehen oben Kiefernwälder und Walnussbäume. Vorsicht, man darf nicht einfach irgendeinem Weg folgen, sonst steht man am Abgrund und muss die ganzen Stufen wieder hinauf! Eidechsen und Weinbergschnecken sonnen sich auf den Treppen. Ich fühlte mich seit Langem mal wieder so wie diese Eidechsen und Weinbergschnecken, nämlich warm und frei von Sorgen.
Welch ein Kontrast ist die kleine Großstadt Pforzheim! Aber hier, wo die Enz aus dem Schwarzwald tritt, gibt es alle Annehmlichkeiten, große Buchhandlungen unter der Woche, schöne Cafés am Fluss und Latte Macchiato.