Seit einem Jahr und drei Monaten bin ich nun Mitglied einer allmählich erstarkenden Gruppe: der RentnerInnen in Deutschland. Was für Vorstellungen hatte ich gehabt, was davon hat sich erfüllt und was hat sich als völlig andersartig erwiesen? Ich denke noch an die Geschichte von dem Mann, der ein Vogelhäuschen baute, dann noch eins und so viele, dass sich am Schluss die Vögel über seine Verschwendungssucht beschwerten. Der allmählich vertrottelt im Morgenmantel herumlief und die Mitglieder von esoterischen Gruppen brüskierte. Vorsicht, warnten die Ratgeber, mit ihrem Lebensgefährten werden Sie jetzt viel mehr Zeit verbringen als zuvor. Und der wird Ihnen auch mehr reinschwätzen als zuvor. Dem wollte ich entgegenwirken. Tätig sollte der Tag zu Ende gehen, sozial und kreativ wirksam, selbstverständlich. Dazu würde ich große Reisen machen und weitere Bücher schreiben. Doch wie so oft im Leben kam es ganz anders. Im Juli 2015 gab es einen Todesfall, der mir mit erschreckender Klarheit vor Augen hielt, dass ich das letzte lebende Mitglied dieser Familie sein würde. Auf der anderen Seite waren die neue Freiheit von jeglicher Arbeit und von allen Terminen, die monatelangen Sonnentage wie ein Rausch, dem ich mich voll und ganz hingegeben hatte. Der Winter aber ist ein harter Mann. Der Lebensgefährte hat mir nicht reingeschwätzt, sondern hat mich ständig mit Fluchtgedanken - Deutschland sei unbewohnbar geworden - und Auswanderungsgedanken aus demRuder geworfen. Du entkommst dir nicht, und anderswo kochen sie auch nur mit Wasser! Nicht nur einmal habe ich, die friedfertigste Person der Umgebung, mit der Faust auf alles mögliche eingehauen.
Eines Tages, oder innerhalb von Wochen, dachte ich mir: Wie wäre es, wenn ich wie beim Monopoly sagen würde: Gehe zurück auf Los. Ziehe keine 4000,- DM ein. Vergiss alles, was du bisher erlebt, was du studiert, gearbeitet und geschrieben hast. Erinnere dich an die selbstwirksamen Elemente dieser Zeiten, denke an den roten Faden, der dieses Webtagebuch seit den fast zehn Jahren durchzieht, die es jetzt existiert. Resilienz und Achtsamkeit, das waren meine Stichworte, und die hat uns unsere Supervisorin auch in einer der letzen Stunden ans Herz gelegt. Man kann niemandem helfen, wenn man sich nicht selber helfen kann. Die Likes, die ich in mehr als vier Jahren bei Facebook vergeben habe, waren der vergebliche Versuch, anderen etwas zu geben, was ich selbst gut hätte brauchen können. Wohlgemerkt, die Likes, an Informationen und echtem Austausch habe ich vieles mitbekommen. Aber es hat so müde gemacht auf die Dauer. Ebenso die Versuche, gegen Buchmarktmühlen anzurennen.
Jetzt bin ich eine neue Rentnerin. Oder zumindest im Begriff, eine zu werden. Ein Vogelhäuschen gibt es schon seit zwei Wintern, das stammt von irgendeinem Bauernmarkt. Der Morgenmantel wird gar nicht erst angezogen, die esoterischen Gruppen gar nicht erst besucht. Geholfen wird dort, wo die Hilfe nicht in einem Fass ohne Boden versinkt. Die vielgelobten Tiere als Aufgabe für RentnerInnen brauche ich nicht, denn sie sind ständig anwesend. Nach der geliebten Katze, die mich monatelang besuchte, ist gegenüber wieder ein neues Kätzchen da, das an meinem Walnussbaum hochspringt, wieder runterfällt und noch etwas scheu meinen Wohnraum erkundet. Dompfaffen und Rotkehlchen machen es sich auf den Gartenstühlen gemütlich, Eichhörnchen sammeln Nüsse und vergraben sie im Beet, Amseln und Elstern zetern im Verbund oder singen des Abends Melodien. Und nachts schreit in der Ferne immer wieder ein Esel. Der Nachbarsjunge donnert jetzt nicht mehr so oft seinen Ball an die Garage, er pfeift nicht mehr aus Angst, das verboten zu kriegen, denn wir haben uns über seiner kleinen Katze versöhnt. Was mir gut tut, weiß ich und weiß ein jeder, der diesen Blog regelmäßig verfolgt. Kleine und große Wanderungen, Ausflüge abseits der Autoströme und Baustellen, gutes Essen, gute Bücher, empathische und authentische Menschen, Kultur und Abwechslung und das Schreiben ohne Gedanken an das, was daraus werden könnte. Am Wochenende fahre ich zu einem Autorentreffen in Oberursel, das ist eine schöne Abwechslung und Bereicherung meines digitalen Alltags. Und einige von diesen Gedanken fand ich bei meiner sehr geschätzten Kollegin Petra van Cronenburg wieder. Ist das Müll oder kann das weg?
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Dienstag, 27. September 2016
Freitag, 16. September 2016
Wie ein Schreiber zu Potte kommt
Immer, wenn ich in den beiden letzten Wochen an meinen Blog dachte und daran, dass es mal wieder Zeit würde, einen Beitrag zu schreiben, verwarf ich diesen Gedanken wieder. Der letzte Beitrag war ein Herbstgedicht von Theodor Fontane, was merkwürdigerweise geradezu zu einem Hype von Besuchern führte. Als würden viele Menschen nach Sinn-Gedichten oder Dingen suchen, die sie mental aufbauen. Das kann natürlich nicht zur Folge haben, dass mein Blog künftig nur noch aus Zitaten bestehen würde und ich nichts mehr aus meiner Feder fließen lasse. Ja, für wen schreibe ich jetzt seit zehn Jahren diesen Blog? Für alle, die meinen Blick auf das Leben (und auf das Schreiben) teilen. Gestern habe ich kurz in einen Fernsehbericht reingeschaut, in dem es um Hass im Netz ging. Radikalisierung entstehe, wenn sich eine Gruppe bildet, die eine Meinung teilt und alles andere ausschließt. Solidarität entsteht umgekehrt genauso, nur lässt sie abweichende Meinungen zu oder kann sie absorbieren. Des Weiteren habe ich überlegt, ob ich für meine Altersgruppe, die Rentner, einen Beitrag schreiben sollte. Wie es sich anfühlt, nach etwas mehr als einem Jahr richtig angekommen zu sein, sich von den Vorstellungen, die das Berufsleben bestimmten, verabschiedet zu haben. Und eine ganz neue, entspanntere Identität gefunden zu haben.
Wenn du in Rente gehst, wirst du sicher froh sein, mehr Zeit zum Schreiben zu haben, sagte damals eine Klientin zu mir. Wir wünschen dir noch viele Bestseller, schrieben die Kollegen auf das Abschiedskärtchen. Was schreibst du denn gerade, und wie geht es sonst mit deinen Büchern?, wollte die Vorstandsrunde beim Abschiedsessen wissen. Da komme ich immer in Erklärungsnot. Das Buchgeschäft ist auch nicht mehr das, was es einmal war, versuche ich dann auszuweichen. Ich schreibe jetzt E-Books. Das war die große Unbekannte und in den Kreisen durchaus kein erstrebenswertes Mittel, um Bücher zu lesen. Sie alle gehören allerdings zu meiner "Zielgruppe", denn sowohl Klienten als auch Kollegen haben meine Bücher immer sehr gern gelesen.
Was ich mit meinem "Rentnerbeitrag" hätte erreichen wollen? Vielleicht anderen in einer ähnichen Situation Mut zu machen, andere, kreativere Wege zu gehen als bisher. Ich hatte nur noch nicht die Worte dafür gefunden. Heute Morgen besuchte ich den Blog einer lieben Autorenkollegin, die genau das schrieb, was mir die ganze Zeit im Kopf herumgegangen ist. Tausend und ein Gedanke. Das gilt nicht nur für das Schreiben, sondern für das eigene Leben, das man unabhängig von der Meinung anderer so gestaltet, wie es für einen passt und was einen "glücklich" macht. "Erfolg", so denke ich gerade, ist eine Art dicke Kuh, die einen aufs Eis zum Tanzen verführen will. (Da höre ich im Hintergrund Protest der vielen Leser, die meine Bücher gelesen haben-hallo, hier, hier ist deine Zielgruppe!, monieren sie). Dem Ruf dieser tanzenden Kuh bin ich nicht mehr gefolgt, habe mich nirgends mehr beworben, sondern schreibe an meinem neuen Roman, dessen verknotete Strukturen ich vor ein paar Tagen aufgelöst und neu zusammengesetzt habe. Ich kann wieder schreiben, ohne zu wissen, ob sich dafür eine Agentur, ein Verlag oder eine Zielgruppe im Self Publishing finden wird. Und das ist einfach beglückend.
Wenn du in Rente gehst, wirst du sicher froh sein, mehr Zeit zum Schreiben zu haben, sagte damals eine Klientin zu mir. Wir wünschen dir noch viele Bestseller, schrieben die Kollegen auf das Abschiedskärtchen. Was schreibst du denn gerade, und wie geht es sonst mit deinen Büchern?, wollte die Vorstandsrunde beim Abschiedsessen wissen. Da komme ich immer in Erklärungsnot. Das Buchgeschäft ist auch nicht mehr das, was es einmal war, versuche ich dann auszuweichen. Ich schreibe jetzt E-Books. Das war die große Unbekannte und in den Kreisen durchaus kein erstrebenswertes Mittel, um Bücher zu lesen. Sie alle gehören allerdings zu meiner "Zielgruppe", denn sowohl Klienten als auch Kollegen haben meine Bücher immer sehr gern gelesen.
Was ich mit meinem "Rentnerbeitrag" hätte erreichen wollen? Vielleicht anderen in einer ähnichen Situation Mut zu machen, andere, kreativere Wege zu gehen als bisher. Ich hatte nur noch nicht die Worte dafür gefunden. Heute Morgen besuchte ich den Blog einer lieben Autorenkollegin, die genau das schrieb, was mir die ganze Zeit im Kopf herumgegangen ist. Tausend und ein Gedanke. Das gilt nicht nur für das Schreiben, sondern für das eigene Leben, das man unabhängig von der Meinung anderer so gestaltet, wie es für einen passt und was einen "glücklich" macht. "Erfolg", so denke ich gerade, ist eine Art dicke Kuh, die einen aufs Eis zum Tanzen verführen will. (Da höre ich im Hintergrund Protest der vielen Leser, die meine Bücher gelesen haben-hallo, hier, hier ist deine Zielgruppe!, monieren sie). Dem Ruf dieser tanzenden Kuh bin ich nicht mehr gefolgt, habe mich nirgends mehr beworben, sondern schreibe an meinem neuen Roman, dessen verknotete Strukturen ich vor ein paar Tagen aufgelöst und neu zusammengesetzt habe. Ich kann wieder schreiben, ohne zu wissen, ob sich dafür eine Agentur, ein Verlag oder eine Zielgruppe im Self Publishing finden wird. Und das ist einfach beglückend.
Sonntag, 31. Juli 2016
Die Wiederentdeckung des Savoir Vivre
Wenn einer für eine Weile das Tosen der großen Städte und des röhrenden Netzes verlässt, kann er auch ganz in seiner Nähe etwas entdecken und erleben. Unlängst besuchten wir wieder einmal unsere Nachbarstädtchen Wildberg und Neubulach. Das Wildberger Kloster Reutin (Museum) mit lauschigem Park und einem Kräutergarten ist ein Ort der Stille. Nur einige aufgeweckte Kinder spielten am kleinen See, zeigten uns die Kaulquappen und einen winzigen Frosch, der daraus hervorgegangen war. Die Burg Wildberg ist eine guterhaltene Ruine aus dem Mittelalter. Von hier aus hat man einen großartigen Blick ins Nagoldtal. Auf dem Weg nach Neubulach, einem alten Bergarbeiterstädtchen, kamen wir an der Lochsägemühle vorbei, deren Mühlrad noch in Betrieb ist. Vom darüber gelegenen Stausee stiegen zwei Wanderer herab. Es war ein Rentnerehepaar, er Sarde, sie waschechte Schwäbin. Sie genießen das Leben, das sah man ihnen an. Von Mitte Mai bis Mitte Juni und von Mitte September bis Mitte Oktober fahren sie in den Urlaub - nach Sardinien, nach Südtirol und zu weiteren schönen Zielen, die in der Nebensaison günstiger und nicht so überlaufen sind. Das und anderes hat uns dazu angeregt, nächste Woche mal wieder ins Fränkische zu fahren. Dort ist es menschenleerer und alles geht etwas lässiger zu, man kann wieder ein, zwei Tage durchatmen.
Freitag, 22. April 2016
Leben am Rande des Schwarzwalds
Wie lebt es sich zur Zeit im großen schwarzen Wald? Die Buchen haben junge Blätter angesetzt, es leuchtet hellgrün in den Wäldern, dazwischen die schwarzen, düster schweigenden Tannen und Fichten. Millionenfach sind Anemomen, Primeln, Veilchen, gleichzeitig Löwenzahn, Lungenkraut, gelbe Windröschen und Frühlingsfingerkraut aus dem Boden geschossen. Mein Garten sieht wieder aus wie ein Osternest. Als würden die Pflanzen spüren, dass sie flott machen müssen, denn bald soll es ihnen ja wieder auf die zarten Köpfe schneien. Ich selbst habe einiges abgeschlossen. Die Steuererklärung habe ich vor ein paar Tagen ganz ohne Steuerberater fertig gestellt und abgeschickt. Es fehlte noch die Abrechnung vom Verlag, die kam heute mit Peanuts und Verspätung. Ich habe mir gerade mal das Vergnügen gemacht, sie mit der Abrechnung von Tolino Media zu vergleichen. Auf das halbe Jahr umgerechnet habe ich im Verlag mehr Ebooks verkauft, aber bei Tolino zehnmal soviel verdient. Wenn ich meinen Schwarwaldkrimi fertig überarbeitet habe, könnte ich das Angebot annehmen, es dort bevorzugt als Neuerscheinung einzustellen. Die Verkaufsmaßnahmen wie Leserunden, Bloghinweise, Facebookpräsenz usw. habe ich bei den Verlagsbüchern genauso gehandhabt wie bei den SP-Büchern, wenn nicht sogar dort etwas mehr.| Der Bodensee bei Friedrichshafen |
Zeit zum Lesen bleibt genügend: Im Moment ist das ein sehr lustiges Buch von Pierre M. Krause "Hier kann man gut sitzen - Geschichten aus dem Schwarzwald".
Schwarzwald pur, nicht wahr?
Pierre M. Krause beschreibt, wie er aus der pulsierenden Stadt Baden-Baden wegzieht und fortan, wie ich, auf dem Land im Black Forest lebt. Sonst lese ich eigentlich, außer Hape Kekeling, keine Promi-Bücher, aber dieses hat mich auf fast jeder Seite zum Schmunzeln gebracht. Sei es über die Rasenmäher- und Grillparty-Fraktion, die Holz- und Kettensägen, die Langsamfahrer oder die Notwendigkeit, im Haus immer so angezogen zu sein, als würde man ausgehen wollen, weil jederzeit jemand vorbeikommen könnte. Vom Garten ganz zu schweigen, der darf natürlich nicht so aussehen, als sei dort jemand gestorben! Und die Post hat solche unmerkbaren Öffnungszeiten, dass man am besten immer um 10 Uhr morgens dorthin geht. Nur leider hat meine Post manchmal auch um 10 Uhr vormittags geschlossen.
Der Zeitungsartikel über den Traumavortrag ist raus und erscheint vorraussichtlich nächste Woche in der Zeitung. Bis zum Vortrag am 10. Mail haben wir jede Menge Zeit, vielleicht noch ein Plätzchen zu finden, an dem sich der Wintereinbruch angenehmer überstehen lässt.
| Das Barockjuwel Birnau |
Mittwoch, 2. März 2016
Die bleierne Zeit
In diesen grauen Tagen und Wochen muss ich immer wieder an den Begriff der "bleiernen Zeit" denken. Es scheint kein Ende nehmen zu wollen mit dem Regen, den Graupelschauern, der Kälte und dem eisigen Wind. Dazu die geschwundenen Möglichkeiten, sich mit seinem Autorenstatus aus dieser Welt zu beamen. Das bringt alles keinen Spaß mehr. Autoschlangen wälzen sich Stoßstange an Stoßstange über die Straßen des Landes, denn Baden-Württemberg ist das Land des Heiligen Blechle, welches auch sonst. Auch die Autos tragen zur bleiernen Zeit bei, denn sie sind fast durchweg grau, schwarz oder weiß und stoßen unter anderem Blei aus. Irgendwie musste da auch noch was Politisches sein, denn "Die bleierne Zeit" hatte doch irgendwas mit einem Film von Margarete von Trotta, der RAF und "Deutschland im Herbst" zu tun. In dieser Hinsicht ist auch heute die Zeit mehr als bleiern: Die europäische Flüchtlingspolitik steht in einem desaströsen Stau, und das ganze Konstrukt droht auseinanderzubrechen.
Was hat es jetzt aber wirklich auf sich mit der bleiernen Zeit? Ich bin dem mal nachgegangen. Ja, es war ein Film von Margarete von Trotta, und es handelt sich dabei um die Entwicklung der Ensslin-Schwestern zur Gewalt und zur konstruktiven Konfliktlösung. Bleiern sei die Nachkriegszeit gewesen, in der alles über den Nationalsozialismus totgeschwiegen, wenn nicht gar beschönigt wurde. Nur deshalb konnten sich seit den 60er Jahren Neonaziverbände gründen, entstanden die NPD mit 9% Wahlergebnis vor 1969 und später andere Organisationen wie die NSU. Das zieht sich hin bis zu brennenden Flüchtlingsunterkünften, um die herum johlend geklatscht wird. Die NPD hatte die Abschaffung des Asylrechts schon 1964 im Parteiprogramm! Gottseidank wird ja nun wieder höchstrichterlich versucht, dem Spuk ein Ende zu machen. Die Kämpfe hier in der Region werde ich nie vergessen: Wie am Hitlergeburtstag zum Feiern aufgerufen wurde und die Teilnehmer sich mit Gegnern Regenschirmschlachten lieferten. Das Telefon meines damaligen Gatten wurde vom Verfassungsschutz überwacht. Aber auch hier ist der Ursprung des Begriffes nicht zu suchen. Offenbar stammt er von einem Hölderlin-Gedicht, dessen eine Strophe lautet:
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Der Gang aufs Land. An Landauer.
Friedrich Hölderlin, 1770-1843
Und was ich da lese, heißt nichts anderes als die Gewissheit, dass diese Zeit vorübergehen und der Einzelne auch ihr etwas abgewinnen können wird, wenn er denn will. Sich informieren, sich solidarisieren, Geld spenden, helfen, was immer jemand in seinem Bereich leisten kann. Kommen wir mal auf das Individuelle zurück. Ich denke an die Unzahl von Rentnern, Autoren, Arbeitslosen, Heimatlosen, aber auch Beschäftigten, die eine solche Zeit durchstehen müssen. Nehmen wir mal die Rentner, dann ist der Winter tatsächlich eine Zeit, in der die Klischees aufblühen, die man sich immer von diesem Personenkreis denkt. Der graue Tag, die grauen Haare, die graue Jogginghose, das Vogelhäuschen vor dem Fenster, die Rätselhefte und das immer grölende Fernsehen sind die Prototypen dieser Szenerie. Und wirklich, die lieben Tierchen sind manchmal die Einzigen, die noch ein wenig hölderlinsche Lust in den Alltag bringen, vor allem dann, wenn man sich schon monatelang in einer Schaffenskrise befindet. Mein weißer Schatten (die Besucherkatze), luftig und flockig, folgt mir schon in meine Träume. Sie scheint auf eine geheime Uhr zu schauen, denn sie taucht pünktlich dann auf, wenn ich ins Bett gehen und lüften will, jumpt durchs Zimmer ins Bücherregal und schaut hinter den Büchern meines Urururgroßvaters mit großen Augen heraus, mit der Frage, ob sie denn nicht mal wieder eine Nacht? Das darf sie ab und zu, und sobald das klar ist, schnurrt sie wie eine Nähmaschine. Aber mit der Fütterei bin ich konsequent. Gestern hatte sie wieder ihre Uhr dabei, denn als mein Auto um die Ecke bog, saß sie schon an dieser Ecke, hielt Ausschau und hüpfte in langen Sätzen herbei. Als Zeichen dafür, dass ich nichts Katzengerechtes zum Futtern da habe, zeigte ich ihr eine Scheibe Käse, woraufhin sie sich mal wieder kopfschüttelnd trollte. Inzwischen denke ich fast, sie versteht, was ich sage. "Willst du etwa wieder eine Scheibe Käse haben?", woraufhin sie den Kopf schüttelt und via Bank nach oben zur Nachbarin verschwindet. A na, das ist natürlich ein Märchen.
Außer den lieben Tierchen oder Gesprächen mit Menschen ist es die Lektüre, die uns die Lust am grauen Dasein zurückgeben kann. Sicher auch jede Art von Kunst, die aber bei uns hier im Blechlegebiet rar gesät ist und besonders schwer zu erreichen, dank der Bleischachteln auf allen Wegen. Gerade lese ich einen biografischen Roman über Caroline von Wolzerode, der Frau, die von Schiller geliebt wurde, obwohl er mit ihrer Schwester Lotte verheiratet war. Das liest sich außerordentlich vergnüglich, und ich stelle fest, dass die Autorin Renate Feyl über sämtliche bedeutenden Frauengestalten des 18. und 19. Jahrhunderts geschrieben hat, über die ich auch hätte schreiben können, wenn ich nicht zu recherchefaul gewesen wäre.
Nun, dieser ewig langen Rede kurzer Sinn soll darin münden, dass sich eine zu fest gespannte Schraube meines Gehirnkästchens gelockert hat und ich plötzlich wieder anfing zu schreiben, fünf, sechs Seiten am Stück. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Was mir die ganze Zeit gefehlt hatte und nur im Hintergrund herumschwebte, war der Antagonist der Geschichte! Jetzt stand er plötzlich ganz klar und deutlich vor mir und beharrte auf einer eigenen Perspektive. Es ist ein fieser, neonazistischer Antagonist mit einer entsprechenden Herkunft. Auch das kann die Blockade verursacht haben. Mit dieser neuen Perspektive driftet der Roman immer mehr in Richtung Thriller. Die Aussicht, diesen Roman weiterzuschreiben und ihn nicht auf Seite 100 (bin bei 98) in die Tonne zu kloppen, ist schon eine Lust, die den grauen Tagen geweiht sein könnte.
Was hat es jetzt aber wirklich auf sich mit der bleiernen Zeit? Ich bin dem mal nachgegangen. Ja, es war ein Film von Margarete von Trotta, und es handelt sich dabei um die Entwicklung der Ensslin-Schwestern zur Gewalt und zur konstruktiven Konfliktlösung. Bleiern sei die Nachkriegszeit gewesen, in der alles über den Nationalsozialismus totgeschwiegen, wenn nicht gar beschönigt wurde. Nur deshalb konnten sich seit den 60er Jahren Neonaziverbände gründen, entstanden die NPD mit 9% Wahlergebnis vor 1969 und später andere Organisationen wie die NSU. Das zieht sich hin bis zu brennenden Flüchtlingsunterkünften, um die herum johlend geklatscht wird. Die NPD hatte die Abschaffung des Asylrechts schon 1964 im Parteiprogramm! Gottseidank wird ja nun wieder höchstrichterlich versucht, dem Spuk ein Ende zu machen. Die Kämpfe hier in der Region werde ich nie vergessen: Wie am Hitlergeburtstag zum Feiern aufgerufen wurde und die Teilnehmer sich mit Gegnern Regenschirmschlachten lieferten. Das Telefon meines damaligen Gatten wurde vom Verfassungsschutz überwacht. Aber auch hier ist der Ursprung des Begriffes nicht zu suchen. Offenbar stammt er von einem Hölderlin-Gedicht, dessen eine Strophe lautet:
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Der Gang aufs Land. An Landauer.
Friedrich Hölderlin, 1770-1843
Und was ich da lese, heißt nichts anderes als die Gewissheit, dass diese Zeit vorübergehen und der Einzelne auch ihr etwas abgewinnen können wird, wenn er denn will. Sich informieren, sich solidarisieren, Geld spenden, helfen, was immer jemand in seinem Bereich leisten kann. Kommen wir mal auf das Individuelle zurück. Ich denke an die Unzahl von Rentnern, Autoren, Arbeitslosen, Heimatlosen, aber auch Beschäftigten, die eine solche Zeit durchstehen müssen. Nehmen wir mal die Rentner, dann ist der Winter tatsächlich eine Zeit, in der die Klischees aufblühen, die man sich immer von diesem Personenkreis denkt. Der graue Tag, die grauen Haare, die graue Jogginghose, das Vogelhäuschen vor dem Fenster, die Rätselhefte und das immer grölende Fernsehen sind die Prototypen dieser Szenerie. Und wirklich, die lieben Tierchen sind manchmal die Einzigen, die noch ein wenig hölderlinsche Lust in den Alltag bringen, vor allem dann, wenn man sich schon monatelang in einer Schaffenskrise befindet. Mein weißer Schatten (die Besucherkatze), luftig und flockig, folgt mir schon in meine Träume. Sie scheint auf eine geheime Uhr zu schauen, denn sie taucht pünktlich dann auf, wenn ich ins Bett gehen und lüften will, jumpt durchs Zimmer ins Bücherregal und schaut hinter den Büchern meines Urururgroßvaters mit großen Augen heraus, mit der Frage, ob sie denn nicht mal wieder eine Nacht? Das darf sie ab und zu, und sobald das klar ist, schnurrt sie wie eine Nähmaschine. Aber mit der Fütterei bin ich konsequent. Gestern hatte sie wieder ihre Uhr dabei, denn als mein Auto um die Ecke bog, saß sie schon an dieser Ecke, hielt Ausschau und hüpfte in langen Sätzen herbei. Als Zeichen dafür, dass ich nichts Katzengerechtes zum Futtern da habe, zeigte ich ihr eine Scheibe Käse, woraufhin sie sich mal wieder kopfschüttelnd trollte. Inzwischen denke ich fast, sie versteht, was ich sage. "Willst du etwa wieder eine Scheibe Käse haben?", woraufhin sie den Kopf schüttelt und via Bank nach oben zur Nachbarin verschwindet. A na, das ist natürlich ein Märchen.
Außer den lieben Tierchen oder Gesprächen mit Menschen ist es die Lektüre, die uns die Lust am grauen Dasein zurückgeben kann. Sicher auch jede Art von Kunst, die aber bei uns hier im Blechlegebiet rar gesät ist und besonders schwer zu erreichen, dank der Bleischachteln auf allen Wegen. Gerade lese ich einen biografischen Roman über Caroline von Wolzerode, der Frau, die von Schiller geliebt wurde, obwohl er mit ihrer Schwester Lotte verheiratet war. Das liest sich außerordentlich vergnüglich, und ich stelle fest, dass die Autorin Renate Feyl über sämtliche bedeutenden Frauengestalten des 18. und 19. Jahrhunderts geschrieben hat, über die ich auch hätte schreiben können, wenn ich nicht zu recherchefaul gewesen wäre.
Nun, dieser ewig langen Rede kurzer Sinn soll darin münden, dass sich eine zu fest gespannte Schraube meines Gehirnkästchens gelockert hat und ich plötzlich wieder anfing zu schreiben, fünf, sechs Seiten am Stück. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Was mir die ganze Zeit gefehlt hatte und nur im Hintergrund herumschwebte, war der Antagonist der Geschichte! Jetzt stand er plötzlich ganz klar und deutlich vor mir und beharrte auf einer eigenen Perspektive. Es ist ein fieser, neonazistischer Antagonist mit einer entsprechenden Herkunft. Auch das kann die Blockade verursacht haben. Mit dieser neuen Perspektive driftet der Roman immer mehr in Richtung Thriller. Die Aussicht, diesen Roman weiterzuschreiben und ihn nicht auf Seite 100 (bin bei 98) in die Tonne zu kloppen, ist schon eine Lust, die den grauen Tagen geweiht sein könnte.
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Sonntag, 8. November 2015
Kleine Freuden
| Stromberger Weinberg im Winter |
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