Samstag, 5. Dezember 2015

Kann man Geduld lernen?

Wer kennt das nicht: In der Schlange an der Supermarktkasse stehen, gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit, hinter einem träge dahinschleichenden Auto herfahren, das man nicht überholen kann, warten, bis das Eierwasser kocht? Ich selbst war schon immer ein extrem ungeduldiger Mensch. Ständig ging mir immer alles viel zu langsam. Du bist zu ungeduldig, wurde mir oft gesagt. Wenn mir als Kind eine Bastelei nicht sofort gelang, habe ich sie hingeschmissen. Später, als ich regelmäßig mit dem Computer arbeitete, zeigte sich das ganze Ausmaß meiner Ungeduld. Auch hier ging alles viel zu langsam, dann stürzte er auch noch ab, oder ein Text verschwand auf Nimmerwiedersehen in der Datenhölle. Da hätte ich manchmal schon am liebsten ins Sofa gebissen oder Rumpelstilzchen gespielt! Dann brauchten meine Mitmenschen, unter anderem die Verlagsmitarbeiter, immer eine Ewigkeit für Entscheidungen. Nur deswegen war ich manchmal versucht, alles hinzuschmeißen.

Die härteste Geduldsprobe war eine Kopfoperation, der ich mich vor dreißig Jahren in der Mainzer Uniklinik unterziehen musste. Da wurde ich drei Mal wieder nach Hause in den Schwarzwald geschickt und musste auch nachher noch ewige Wartezeiten über mich ergehen lassen. Damals hatte ich mmer mein Strickzeug dabei, selbst in der Intensivstation.

Auf der anderen Seite wird mir immer wieder extreme Geduld bescheinigt, besonders, was meine Arbeit mit Menschen betraf und eigentlich auch mein Schreiben betrifft. Ich möchte da einmal die Begriffe trennen. Das eine ist Langmut, das andere die kurzfristige Geduld, würde ich sagen. Dazu habe ich einen Artikel gefunden, der ein Experiment beschreibt. Alles kommt zu dem von selbst, der warten kann.  Kindergartenkinder bekamen einen Marshmallow vorgesetzt, und es wurde ihnen gesagt, dass sie ihn gleich essen könnten oder aber später, wenn der Versuchsleiter wiederkommt, dann bekämen sie noch einen. Es ist rührend zu sehen, wie die Kinder mit der Geduldsprobe umgingen. Und natürlich entwickelten sich die geduldigeren Kinder später als erfolgreicher und gesünder. Man könne als Erwachsener die Fähigkeit zur Geduld nicht grundsätzlich neu lernen, jedoch könne man sie nachbessern. Auf der anderen Seite habe die Ungeduld auch kreative und fortschrittliche Funktionen. Wäre ich nicht so ungeduldig gewesen, hätte ich nicht so viel an Geschriebenem produzieren können. Und hätte ich keinen Langmut besessen, hätte ich weder auf Verlage noch auf Agenten warten noch selber publizieren können. Und hätte meinen schönen, aber nicht leichten Job hingeschmissen. Vielleicht ist es doch die richtige Mischung?

Ach ja, es gibt ein paar Tätigkeiten, bei denen ich große Geduld zeige. Beim Zuhören. Beim Lesen. Beim Schreiben und sogar beim Kreuzworträtsellösen, womit ich meine Geduld sogar trainieren kann.

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Liebe Christa,
dieser Beitrag ist herrlich, kommt mir wie gerufen in einer Situation, wo ich fast wie das HB-Männchen an der Decke hing. 14 Tage ohne Internet, davon fast eine Woche ohne Computer und dann ging nicht mal mehr das Telefon, weil es der Monteur falsch verkabelt hatte. Das mit dem Kabel habe ich eben selbst herausgefunden durch Deppentests ...
Drum habe ich noch einen Begriff in die Runde zu werfen. Innere Gelassenheit.
Ich weiß nicht, ob man die lernen kann, aber trainieren auf alle Fälle. Man kann das HB-Männchen wild tanzen lassen oder singen (bloß kein Ommmm) und ich gehe jetzt mit dem Hund in die natur raus, mir all das weglaufen. Denn eben war mir noch nach Urschrei-Therapie - bis ich über deinen Blogbeitrag schmunzeln konnte.
Herzlichst, Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Liebe Petra,

zwar hatte ich heute keinen HB-Männchenanfall, aber ich kann das sehr gut nachvollziehen! Überhaupt war das HB-Männchen für mich eine der besten Reklamen aller Zeiten. Den allgemeinen Zivisisationsfrust haben auch wir uns heute wandernd abgelaufen,
mit dem Albhimmel über uns und voller innerer Gelassenheit. Draußen in der Natur braucht man keine Geduld, die stellt sich von alleine ein. Es sei denn, man entwickelt den Ehrgeiz, im Frühling eine Anemone aufgehen zu sehen ...

Herzlichst
Christa

Elli H. Radinger hat gesagt…

Super Link, Christa.

In den USA gab es mal eine zeitlang einen Werbespot für Heinz-Ketchup.
Man sah die Ketchup-Flasche und wie sie über dem Hamburger schwebte. Es dauerte ewig, bis der erste Ketchup Kleks raus kam. Der Slogan war: "Good things come to those who wait."

LG
Elli *immer noch viel zu ungeduldig, aber übend ...*

Christa S. Lotz hat gesagt…

Die Ketchupflasche ist ein sehr gutes Beispiel, was das Thema Geduld betrifft, Elli. Dazu fällt mir ein, dass mein Bruder als Kind immer viel zu viel Ketchup aus der Heinz-Flasche schüttete, nachdem er ewig probiert hatte. Dann sagte er immer "ups", und wir bekamen einen Lachanfall. Ich selbst hatte jetzt lange eine Heinzflasche, bis es mir zu bunt wurde. Aber man kann seine Ungeduld ja auch überlisten. Ketchupflasche umdrehen, draufhauen, und schon kommt das Gewünschte heraus. :-)

LG
Christa, das Gute erwartend

Petra hat gesagt…

Köstlich. Und deshalb sind in der heutigen Zeit der Hetze und des Sofort-Haben-Wollens sogar die Heinz-Flaschen aus Weichplastik (jedenfalls hier in Frankreich). ;-)
Herzlichst, Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Von Heinz habe ich die Weichflaschen noch nicht gesehen,aber ich weiß, dass das damit leichter geht. Habe mir mal kurz die Firmenerfolgsgeschichte angeschaut - nur acht Leute sollen das Rezept kennen, und wenn man bei den Weichflaschen auf die Zahl 57 drückt, soll es noch mehr flutschen. Heinz wusste und weiß also alles über die menschliche Ungeduld! :-)

Herzlichst
Christa