Sonntag, 16. August 2015

Der Flatrate-Autor

Mit einem Paukenschlag ist der Glutofensommer nun zu Ende gegangen. Zeit, um durchzuatmen und sich wieder auf alles zu besinnen, was vorher da gewesen war. In den letzten Tagen haben wir unseren traditionellen Zug durch die Buchhandlungen wieder aufgenommen. Ach was, Buchhandlungen, dazu zählen ja auch Antiquariate und die so genannten Bücherbäume. Bücherbäume sind das, was im Internet "Tausch-Gnom", "Tausch-Ticket" und so weiter genannt wird. In Städten wie Rottenburg, Bräunlingen, Obersontheim und Reutlingen gibt es Bücherregale, -stände und -bäume, in die man seine gebrauchten Bücher stellen und wieder welche mitnehmen kann Auch wenn da viel Verstaubtes von teils schon verstorbenen Unterhatungsliteraten steht, kann man doch immer mal wieder eine kleine Perle entdecken. Und ab und zu stelle ich dort eins meiner Autorenexemplare ein, zwecks diskreter Werbung. In den Buchhandlungen und sogar in den größeren Supermärkten nun ist mir aufgefallen, dass es dort inzwischen, wie bei Amazon, eine Flatrate zu geben scheint. Bücher, vor allem Hardcover, werden von 12,99 auf 3,99 Euro runtergesetzt. Bei Osiander in Reutlingen gibt es eine Riesenfläche, auf der Suhrkamp-Titel für einen Euro angeboten werden. In dem Zusammenhang muss ich noch sagen, dass die nächste kleinere unabhängige Buchhandlung in meiner Nähe vor allem Papierwaren verkauft und die Buchtitel relativ ungeordnet sind. Manchmal stoßen wir während unserer Touren noch auf diese kleinen, schönen Läden, zuletzt in Ehingen an der Donau. Die Buchhänderin erinnerte sich sogar an meinen letzten Aufbau-Roman.

Wenn ich also das nächste Mal wieder in einem Verlag veröffentlichen würde, hätte ich auf jeden Fall die Chance, nach ein paar Monaten oder Jahren unter diese Flatrate zu fallen, wie auch bei der Verramschung. *Edit: Das ist natürlich keine Flatrate, sondern ein Preisrabatt, wenn der Ladenpreis aufgehoben wurde. Nur habe ich nichts davon, denn selbst wenn ich vertraglich daran beteiligt würde, übersteigen die Verwaltungskosten meist das Resultat. Nicht so bei Amazon, sollte man denken. Seit Einführung der Flatrate im letzten Oktober sind die Einnahmen der Self Publisher kontinuierlich gesunken, bei mir seit Januar. Auch der, der nicht aufs Geld schauen will oder muss, ist darauf angewiesen, zumal er die Investitionskosten für das E-Book wieder reinkriegen muss. Jetzt ist die mit großer Spannung erwartete Juli-Abrechnung von Amazon gekommen. Die große Frage war für alle, mit wieviel Prozent aus dem Millionentopf die Autoren pro gelesener Seite vergütet werden. Es sind 0,06%. Und da kommt dann bei mehr als 10 000 gelesenen Seiten soviel raus wie vorher, also im Jahr 2015, für die Verkäufe. Gerecht, weil jetzt die Autoren mit mehr Seitenumfang mehr bekommen als die mit Kurzgeschichten? Gerecht, weil die lektorierten, korrektorierten, mit einem professionellen Cover versehenen und "spannenden" Bücher weniger verkauft, dafür mehr ausgeliehen und gelesen werden? Die meisten Verlage und deren Autoren haben sich bisher gegen das Flatratemodell gesperrt. Bei den Printbüchern kann man ja auch gar nicht erfassen, wieviele Seiten der Leser liest. Ob jemand, außer in einem Science-Fiction-Roman, wohl jemals daran gedacht hat, das Leserverhalten "auszuspähen"? Ich selbst lese übrigens immer noch am liebsten gedruckte Bücher, und wie ich hörte, soll es den meisten anderen Lesern auch so gehen. Mein persönliches Fazit aus der Situation ist folgendes: Ich werde meine drei E-Books weiter in diesem Programm laufen lassen und die wenn auch gesunkenen Tantiemen mitnehmen. Aber es hat sich definitiv etwas verschlechtert: Vor einem Jahr hatte ich die Kosten für das Buch in sechs Wochen wieder drin, diesmal wird es vorraussichtlich 8-9 Monate dauern, weil vierfache Kosten dazugekommen sind. Und wer weiß, wie schnell der Topf immer kleiner wird, weil immer mehr Autoren auf den Markt wollen! Für mich persönlich ist auch die Frage der Sichtbarkeit existentiell. So wie die Bücher in den Buchhandlungen gesehen werden müssen, um gekauft zu werden, müssen die Amazon-Kunden das Buch ebenfalls im Shop sehen, um es zu kaufen oder auszuleihen. Mit den Verkäufen war die Sichtbarkeit immer wieder gegeben, mit den Ausleihen kaum noch. Selbst wenn mir der Support versicherte, auch die gelesenen Seiten hätten einen Einfuss auf das Ranking. Für andere mag dieses Modell noch seinen Reiz haben, bei mir war es jetzt mit dem dritten Buch ein Auslaufmodell.

Kommentare:

PvC hat gesagt…

Liebe Christa,
was du bei den viel zu billigen Suhrkamptiteln etc. siehst, ist keine "Flatrate", sondern das, was es schon immer gegeben hat. Ein Buch wird verramscht und die Restauflage billigst an Autoren / Antiquariat u.a. Aufkäufer gegeben, die Buchpreisbindung ist mit der Verramschung hinfällig. Diese Krabbeltische hat's schon immer gegeben. Neu ist daran lediglich, dass nun auch Verlage, die einst stolz ihre Backlist pflegten, wie Suhrkamp, immer schneller verramschen. Ich kenne Bücher bei Konzernverlagen, die hatten gerade mal vier Monate Lebenszeit.
Herzlichst, Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Liebe Petra,

war mir schon klar, dass die Verlage ihre Titel verramschen und nicht als Flatrate an die Buchhandlungen geben. Aber irgendwie passt das doch zusammen, oder? Das Kulturgut Buch verliert generell immer mehr an Wert -und wir, die Kulturschaffenden, ebenso. Über den Suhrkamptisch war ich ehrlich gesagt erschrocken. Und was die Lebensdauer von Büchern betrifft, muss ich dir ganz und gar recht geben: Die Verramschung geschah bei meinen Büchern erst nach fünf Jahren, die Überlebensdauer in den Buchhandlungen verringerte sich von neun Monaten auf zwei oder drei bei meinem letzten Roman.

Herzlichst
Christa

PvC hat gesagt…

Liebe Christa,
ich sehe zwischen der schon immer existierenden Verramschung und dem Geschäftsgebaren von Amazon keinen Zusammenhang.
Die Verramschung hat feste Regeln, sie erfolgt immer dann, wenn ein Buch unwirtschaftlich wird, sprich, nicht mehr genügend abverkauft wird. Und bei Suhrkamp speziell kommen die Firmenprobleme hinzu, die ja nicht spurlos an dem Unternehmen vorbeigegangen ist (ich hab da auch keinen aktuellen Überblick mehr). Jener Tisch kann aber auch aus Makulaturbänden bestanden haben, fehlerhaften Büchern.
Man kann Verlagen nun vorwerfen, dass sie zu viele Neuerscheinungen auf den Markt werfen, was die Lebenszeiten eines Buchs verkürzt, aber grundsätzlich sind sie doch bemüht, ihre Firma zu erhalten und das Buch als Kulturgut auch.

Amazon wird von ganz anderen Ideen getrieben. Das ist ein Ramschkaufhaus mit allen möglichen Produkten, wobei die Bücher nicht die größte Rolle spielen. Und dieses Ramschkaufhaus will Tiefstpreise durchsetzen und diktieren, mit Daumenschrauben, die Self Publisher wahrscheinlich in Zukunft ähnlich zu spüren bekommen werden wie andere Händler dort. Und da ist das Buch einfach nur Ramschware wie Klamotten, Seife oder Klobürsten - um Kultur geht's da sehr wenig.

Das zeigt allein die Seitenlogik von Amazon. Eine Seite einer Kurzgeschichte oder eines anspruchsvollen Sachbuchs ist sehr viel schwerer zu schreiben als eine Seite im Groschenroman. Aber hey, man muss sich das Programm ja nicht antun - Select ist freiwillig.

Für gute, gut gemachte Bücher, die man nicht nur einmal schnell wegliest, bezahlen die Menschen durchaus weiter angemessene Preise. Aber das sind andere Leute als die sogenannten "Vielleser". Und als AutorIn nur vom Schreiben zu leben und den LeserInnen nicht mehr zu bieten (Events etc.) hat schon vor Jahren nicht wirklich funktioniert.
Ich spiele ungern die Kassandra, aber ich kann mir gut vorstellen, dass Amazon künftig die 70%-Tantiemen von Bedingungen abhängig machen wird und dann wird das Greinen groß sein.

Herzlichst, Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Danke für diese Analyse, Petra! Da kann ich nichts hinzufügen.

Herzlichst
Christa