Dienstag, 25. August 2015

Das Ende der Ungeduld

Gerade wollte ich schauen, ob ich den Titel "Das Ende der Ungeduld" nicht schon einmal verwendet hatte. Dabei stieß ich auf einen meiner Blogartikel aus dem Jahr 2010, in dem zwar von der Ungeduld des Autors die Rede, der Titel aber ein anderer war. Es ging um Genrewechsel und Pseudonym. Zwei Mitautoren rieten mir zum Pseudonym, Petra van Cronenburg ermunterte mich zum eigenen Namen, zur eigenen Marke. Und eine eigene Marke ist sie auch geblieben, wie man ihrem neuesten Beitrag entnehmen kann! Diesen Kreativitätsrausch kenne ich ebenfalls, und mein Phänomen der "glühenden Ohren" hatte ich in dem Artikel beschrieben; "Grenzen der Geduld" hätte ich es auch nennen können. Ich persönlich bin eigentlich ein grenzenlos geduldiger Mensch, und in diesem Sinne wurde meine Arbeit der vegangenen mehr als dreißig Jahre auch gebührend gewürdigt. Gleichzeitig bin ich aber ein wahnsinnig ungeduldiger Zeitgenosse. Schon als Kind habe ich Bastelarbeiten, die mir nicht gleich gelangen, an die Wand geschmissen. Das änderte sich schlagartig, als ich zu schreiben und zu veröffentlichen begann. Es gehört schon eine gewaltige Portion an Geduld - oder sagen wir lieber Ausdauer und "langer Atem"- dazu, Tausende von Seiten zu füllen, dafür Verlage und Agenturen zu suchen und das über einen Zeitraum von fast fünfzehn Jahren durchzuhalten. Das noch länger zu tun grenzt vordergründig schon an grenzenlose Selbstmarter, wenn man sich die heutigen Bedingungen der Veröffentlichung näher besieht. Die großen Buchhandlungen ordern offensichtlich nur noch Taschenbücher, die von den Verlagen massiv beworben werden. Am Self Publishing ist momantan wohl nur die Tatsache motivierend, dass Amazon pünktlich zahlt und dass man jeden Tag gucken kann, wie viele hundert Seiten heute denn wieder gelesen wurden. Manch ein Autor hat die Gelegenheit ergriffen und einen eigenen Verlag gegründet. Das Ende der Fahnenstange und das der Geduld scheint erreicht. Man könnte es auch als das Erreichen einer Belastungsgenze bezeichnen. Für mich ist es aber auch das Ende der Ungeduld, denn ich kann nicht mehr bekommen, als ich schon erhalten habe. Es gibt keinen Fortschritt mehr außer dem, den ich selber mache.

Das Ganze ist aber völlig zweitrangig, wenn man die Kulturschaffenden, die Autoren betrachtet. Ich höre nichts davon, dass sie massenweise aufgeben oder sich mit dem Gedanken tragen, aufzuhören. Nein, mit jedem neuen Buch brechen sie wieder auf in die von ihnen selbst geschaffene Welt. Und es wird immer Leser geben, die ihnen dorthin folgen. Auch ich habe ein Projekt, dessen Anfänge fast zehn Jahre zurückreichen. Vor einiger Zeit hat es mich gebissen, dann war ich wieder abgelenkt. Wunderte mich, dass es mich nicht mehr zum Schreibtisch gezogen hat. Bis ich (nach einigen Fragen meines Testlesers) darauf kam, dass das Vorhaben nicht schlüssig war und deshalb nicht funktionierte. Ich habe dann zwei Figuren und einen überflüssigen Mord rausgeworfen, die hatten den Handlungsfluss gestört. So richtig reinstürzen kann ich mich zwar immer noch nicht, weil ich für ein paar Tage in einer familiären Angelegenheit nach Hamburg muss. Aber vielleicht lässt mich die Zugfahrt auch ein wenig kreativ sein. In Hamburg kann ich einige Schauplätze meines Romans in Augenschein nehmen. Und dann gibt es noch den Krimi, der von einem kleineren Publikusverlag nicht veröffentlicht wurde, weil er an einigen Stellen nicht spannend genug gewesen sei. Ob sie damit meinten, die Polizeiarbeit hätte zu wenig im Vordergrund gestanden? Waren es zu wenig Dialoge, die ich beim Lesen gar nicht schätze, wenn das ganze Buch nur daraus besteht?

Ich hatte mir vorgenommen, nicht nur weiterzuschreiben, sondern auch an "meinen Themen" Achtsamkeit, Resilienz (Belastbarkeit), Burnout, Grenzen und soiale Medien dranzubleiben. Und so werde ich mich für Mitte Oktober wieder im Kloster Heiligkreuztal anmelden. Da geht es um die Grenzen gegenüber anderen, aber auch um Belastbarkeitsgrenzen. Durchgeführt wird das Seminar von einer Psychotherapeutin mit einem Lehrauftrag in Innsbruck, die sich ebenfalls mit Burnout, Trauma und ähnlichen Themen beschäftigt. Ich erwarte mir davon Abstand und die Erfahrung von Grenzen, meinen Grenzen und denen der anderen.



Kommentare:

Sabine hat gesagt…

Liebe Christa,

in diesem Spannungsfeld zwischen Geduld und Ungeduld erkenne ich mich sehr gut wieder. Vielleicht liegt genau hierin auch die Chance, ein Buch tatsächlich zu veröffentlichen. Einerseits die Geduld zu haben, das Bestmögliche aus einem Projekt herauszuholen, andererseits den Drang, es irgendwann auch gut sein zu lassen. Sonst würde das Manuskript vermutlich nie "fertig" und es würde nie ein Buch daraus.

Viel Vergnügen mit dem neuen, alten Projekt - und gute Muße im Kloster!

Liebe Grüße
Sabine

Christa S. Lotz hat gesagt…

Danke, Sabine, freut mich, dass du dich da wiederfindest. Der Aspekt, den du ansprichst, ist sehr interessant. Früher konnte ich es gar nicht erwarten, mein Manuskript auf die Reise zu schicken - heute will ich es manchmal gar nicht aus der Hand geben. Beides ist nicht gut, jeder muss für sich den Mittelweg suchen.

Liebe Grüße
Christa

PvC hat gesagt…

Liebe Christa,
lustig, dass du das mit dem Pseudonym erwähnst, hatte ich gar nicht mehr im Kopf. Kürzlich hat es mich nämlich beschäftigt, ob ich nicht doch mal nachgeben sollte und tun, was alle machen, weil "man" es angeblich so machen muss: mir ein Pseudonym für die Krimis nehmen. Zugegeben, es reizt schon, sich alle möglichen, blumig klingenden Namen auszudenken, die die Leser vielleicht auch mal endlich richtig buchstabieren können ;-)

Aber dann fiel mir auf, wie dumm das wäre. Ich könnte keine Verknüpfungen zu meinem bisherigen Schaffen und Erreichten ziehen, ohne jedesmal erklären zu müssen, dass das eine Person ist. Ich müsste bei Null anfangen. Kein Mensch würde erfahren, dass die Frau mit der Hilfsgärtnerin auch eine Kulturgeschichte über Rosen geschrieben hat. Da käme also so ein unbekanntes kleines Entchen mit nettem Namen daher ... wen interessiert das? Habe ich so viele Jahrzehnte geschuftet, um mich aufzugeben? Das Thema Pseudonym ist bei mir also endgültig vom Tisch. Sinnvoll finde ich das, würde man Erotik schreiben oder den Whistleblower- Thriller über den eigenen Arbeitgeber.

Als Leserin geht es mir ähnlich: Bei deinem Namen weiß ich, was du kannst und muss nicht jedesmal frisch überzeugt werden. Mir ist es mit einer ganz berühmten Schriftstellerin auch schon passiert, dass ich instinktiv ihre beiden Namen nicht mochte. Die verwendete nämlich zwei für zwei sehr unterschiedliche Arten von Büchern, aber sie hat ihren Stil nicht verstecken können und war so nur doppelt lästig ;-)

Herzlichst, Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Liebe Petra,

irgendwie ist es für mich wie ein innerer Vorbeimarsch, wenn du auch nach 5 Jahren wieder zum gleichen Ergebnis kommst -nach Abwägung aller Möglichkeiten. Deine Stimme war in dieser Hinsicht für mich immer ein Anhaltspunkt. Man kann sich wirklich fragen: Was kann ich, was will ich dem Leser vermitteln und mit welchen Mitteln gehe ich dabei vor? Mir wurde in der Vergangenheit mannigfach geraten, ein Pseudonym auf jeden Fall bei Genrewechsel zu verwenden.Der kleinere Publikumsverlag, der Interesse an meinem Jetztzeitkrimi und ihn auch auf Herz und Nieren geprüft hatte, hat in seiner Begründung mit keinem Wort den Genrewechsel erwähnt, das war also nicht das Problem. Wer deine Bücher kennt, weiß, dass du schreiben kannst und wird dann auch zu einem Krimi greifen.

In den Buchhandlungen bin ich inzwischen dazu übergegangen, zu den mir bekannten Namen zu greifen. Und die habe ich mir gemerkt, weil mich die Bücher überzeugt haben. Irgendwie meine ich sogar Pseudonyme an ihrer "Eingängigkeit" und ihrer teilweisen Blumigkeit zu erkennen. Bei meinem jetzigen Roman denke ich nicht über Pseudonyme und auch nicht über die Vermarktungsmöglichkeiten nach.Dadurch bin ich so sehr außer Druck, dass ich das Schreiben in der Zeit und in der Geschwindigkeit betreiben kann, die mir bei meinen anderen Aufgaben, die jetzt auf mich zukommen, bleibt.

Herzlichst
Christa