Es gibt auch noch ganz andere Gründe für Schreibblockaden als die Unstimmigkeit des Plots, die Angst vor Misserfolg oder der Zeitmangel wegen des Ebook-Marketings. So können es, und das bestätigen Schreiberfahrene, auch Widrigkeiten im persönlichen Umfeld sein, die einen vor dem leeren Monitor hocken lassen. Vor einiger Zeit hatte ich über die Zustände der medizinischen Versorgung vor allem auf dem Land berichtet. Da ging es um die fehlenden Praxen und die totale Überlastung der Hautärzte. Es endete damit, dass dem Patienten in der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses die doppelte Dosis Cortison verabreicht wurde, und schon ein paar Tage später war der ganze Spuk vorbei. Zur Nachuntersuchung hatten wir noch einen Versuch frei, in der benachbarten Bischofsstadt. Der Schuss ging ebenfalls daneben.
Nun, neue Krankheit, neue Weißkittel-Erfahrungen. In einer Universitätsstadt wie Tübingen mit ihren berühmten Unikliniken würden wir bestimmt auf der sicheren Seite sein. Wenn ich mich auch vage daran erinnerte, dass die Zahn- und Kieferklinik, zu der uns ein Not-Zahnarzt einmal schickte, abends einfach geschlossen war. Nun, die Öffnungszeit wurde auf der Homepage "bis 17.00" angegeben, so dass wir uns um Punkt drei dort einfanden. Überall mürrische Gesichter, ein ausgestreckter Zeigefinger zur Uhr: "Wir haben bloß bis 15.00 Sprechstunde!" Eine kleine Chinesin im blauen Kittel hatte dann ein Erbarmen. "Müssen hier warten, ich kläre das." Wir sollten zur BG, der berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik auf dem Berg, dort würden wir erwartet. Wurden wir aber nicht, sondern mussten zur Anmeldung. Sehr freundlich, man hörte sich die Sorgen des Patienten an. Dann mit dem Fahrstuhl, der schwer zu finden war, auf die Station. Dort hatte man von Tuten und Blasen keine Ahnung. Warten vor dem Arztzimmer. Nach zwei Stunden wollten wir gehen, aber dann wurde der Arzt angerufen (zu Notfällen unterwegs). Nochmal warten. Um 17.00 kam der Wagen mit dem Essen, genau derselbe wie anno dazual, als die Autorin noch ihr freiwilliges soziales Jahr in derTübinger Orthopädie machte. "Heute Currysuppe" stand da drauf. Jetzt ging gar nichts mehr. Als wir zum Ausgang strebten, kam der Stationsarzt plötzlich um die Ecke. Sehr freundlich, sehr kompetent, auch der Ober- und der Chefarzt. Untersuchung, diagnostische Verdachtsäußerungen. Wenn der Patient am nächsten Morgen um Punkt 8 da sei, käme er sofort dran (in der Zahnklinik), sonst müsse er bis zu 5 Stunden warten. Wegen überlanger Staus wurde es dann doch 8.15, woraufhin der Modus "Warten" wieder angesagt war. Der diensthabende Arzt hatte keine Ahnung, was er tun sollte, obwohl auf der Überweisung alles drauf stand-Computertomografie usw. Im Gegenteil, er überschüttete den Patienten mit Vorwürfen, dass er erst jetzt gekommen sei. Dabei hatten alle Ärzte das Ding nicht für etwas Ernsthaftes gehalten und zum Abwarten geraten. Horrorvorstellungen! Wie halten andere, noch viel schlimmer Kranke denn so etwas aus? Neues Spiel über Krankenhaus-Notdienst und Hausarzt. Nein, leider führt kein Weg an Tübingen vorbei. Diesmal die HNO auf dem Schnarrenberg. Und welch ein Wunder, der Patient musste eine Nummer ziehen, kam fast sofort dran, und schwupp!, hatte er einen Termin für Donnerstag zur Operation. Und die Moral von der Geschicht: Überleg dir genau, welche Krankheiten du bekommen willst! Frauen - und Zahnärzte gibt es zuhauf. Alles andere kann dir den Besuch eines Horrorfilms ersparen, in dem ein Patient stunden- und tagelang durch aseptische Flure torkelt, von abwechselnd netten und bösen Gesichtern angestarrt und belehrt wird, zusammenbricht und schließlich im Parkhaus aufwacht, aus dem er dann nicht mehr herausfindet.
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Dienstag, 13. Oktober 2015
Montag, 4. Mai 2015
Der Horror mit den Landärzten
Auf eine bestimmte Weise gesegnet sind die Menschen, die in einer Großstadt leben, noch dazu in einem Ballungsgebiet. Auf dem Land kann man seine blauen Wunder erleben, wenn es mal zwickt und zwackt. Ich will heute eine kleine Geschichte erzählen von einem, der auszog, sein spezielles Leiden behandeln zu lassen. Nennen wir ihn Paul S. Paul S. bemerkte eines Tages, dass rote Flecke auf seinen Armen entstanden waren. Er zeigte sie seinem Hausarzt, der lakonisch meinte, das könne eine beginnende Schuppenflechte sein. Der vielbeschäftigte Arzt drückte ihm ein Rezept für eine starke Cortisonsalbe in die Hand. Paul S. cremte die befallenen Stellen gewissenhaft ein und musste feststellen, dass über Nacht immer neue Herde dieser roten Flecken erblühten, auf den Beinen, dem Rücken, unter den Achseln, überall. Mehr als 20% der Haut darf man gar nicht behandeln, das wusste er aus dem Beipackzettel. Es musste also eine Überweisung an einen Hautarzt her. Nur - in seiner Stadt gab es keinen Hautarzt, der letzte war schon vor einiger Zeit in Rente gegangen, die andere Ärztin nimmt nur Privatpatienten. Also ließ er sich einen Termin in der nächstentfernten Stadt geben. Bei einem Rückruf stellte sich heraus, dass es gar kein Hautarzt, sondern ein Hausarzt war. Also, nochmal frisch gewagt, um zu gewinnen. Ein Termin in der nächsten nahegelegenen Stadt. Dort quollen die Wartenden schon aus der Tür heraus, kichernde Sprechstundenhilfen saßen vor ihren Computern, und dazwischen irrte ein gestresster Arzt hin und her. Wartezeit eineinhalb Stunden. Geht man so lange spazieren. Kommt man zurück, soll es noch mal zwei Stunden dauern. Grrr, Paul S. ist kurz davor, in die Luft zu gehen! Dann ist Mittagspause, nichts geht mehr.
Nächster Versuch in der etwas weiter gelegenen Universitätsstadt, die werden doch für ihre Hautpatienten besser sorgen als auf dem Land. Inzwischen ist der ganze Körper befallen. Überfüllter Warteraum, stundenlanges Warten, nachher wurde die Tür zugesperrt, nachdem Paul S. mal kurz in der Apotheke war. Wieder umsonst. Das Leiden ist inzwischen zu einem psychischen Problem geworden, zu einem Popanz, zu einer Tirade gegen den Inhumanismus der Welt! Jemand sagt dann mal, das sehe ja aus wie Wanzenstiche. Sind die Viecher vielleicht irgendwie in die Matratze geraten? Paul S. ist so verzweifelt, dass er ins Krankenhaus fährt. Wird aber wieder weggeschickt, weil er kein Fieber hat. Noch ein Versuch bei der Notaufnahme: Zwei Stunden Warten, nichts geschieht. Nur einmal kommt ein Ehepaar und wird gleich reingelassen. Der nächste Hausarzt über den Berg vermutet Krätze. Kann eigentlich nicht sein, denn bei Krätze sieht man die Bohrgänge der Milben. Dann endlich ein kompetentes Ärzteteam in einem Ärztehaus, das Paul S. beim Verdacht auf Krätze gleich drannimmt. Gewebeprobe: Nun hat das Ding endlich einen Namen, nämlich Knötchenflechte! Man weiß nicht, wo es herkommt, es soll ein autoimmunes Problem sein. Wieder Cortisonsalbe. Wieder blühen täglich neue rote Flecken auf.
Inzwischen sind sechs Wochen vergangen. Kein Arzt hat Paul S. irgendwie helfen können. In der Uniklinik wird ihm gesagt, er müsse eine Nummer ziehen und sechs Stunden warten. Das Ärzteteam ist in den Urlaub gefahren und hat das versprochene Rezept für eine Spezialsalbe nicht geschickt. Verschiedene Apotheker beraten ihn, sagen, das könne ja wohl nicht sein. Die Krankenkasse nimmt die Vorfälle entsetzt zur Kenntnis. Da platzt ihm irgendwann der rotgesprenkelte Kragen. Er fährt abends spät ins Provinzkrankenhaus und meldet sich als Notfall, sein Hautarzt sei im Urlaub. Kommt sofort dran und erhält ein Rezept für Cortisontabletten. Man muss sich nur zu helfen wissen, muss frech sein, ein Schwein sein in dieser Welt, denn wenn das jeder machen täte ...Mit fünf bis zehn Tabletten müsse es eigentlich vorbei sein, heißt es. Naja, in ein bis zwei Jahren soll diese Krankheit sowieso von selbst verschwinden. Hat Paul S. sich sagen lassen.
In der Online-Zeitung steht, dass es eine Landflucht der Ärzte in Baden-Württemberg gebe. Viele seien in den Ruhestand gegangen, für junge Ärzte seien die Bedingungen auf dem Land zu unattraktiv geworden. Teilweise seien sie auch über die Schweizer Grenze gegangen, weil sie da mehr verdienen. Die Regierung hat jedem, der sich neu auf dem Land niederlässt, 30 000 Euro versprochen. Aber das hat wohl bisher nicht gezogen.
Nächster Versuch in der etwas weiter gelegenen Universitätsstadt, die werden doch für ihre Hautpatienten besser sorgen als auf dem Land. Inzwischen ist der ganze Körper befallen. Überfüllter Warteraum, stundenlanges Warten, nachher wurde die Tür zugesperrt, nachdem Paul S. mal kurz in der Apotheke war. Wieder umsonst. Das Leiden ist inzwischen zu einem psychischen Problem geworden, zu einem Popanz, zu einer Tirade gegen den Inhumanismus der Welt! Jemand sagt dann mal, das sehe ja aus wie Wanzenstiche. Sind die Viecher vielleicht irgendwie in die Matratze geraten? Paul S. ist so verzweifelt, dass er ins Krankenhaus fährt. Wird aber wieder weggeschickt, weil er kein Fieber hat. Noch ein Versuch bei der Notaufnahme: Zwei Stunden Warten, nichts geschieht. Nur einmal kommt ein Ehepaar und wird gleich reingelassen. Der nächste Hausarzt über den Berg vermutet Krätze. Kann eigentlich nicht sein, denn bei Krätze sieht man die Bohrgänge der Milben. Dann endlich ein kompetentes Ärzteteam in einem Ärztehaus, das Paul S. beim Verdacht auf Krätze gleich drannimmt. Gewebeprobe: Nun hat das Ding endlich einen Namen, nämlich Knötchenflechte! Man weiß nicht, wo es herkommt, es soll ein autoimmunes Problem sein. Wieder Cortisonsalbe. Wieder blühen täglich neue rote Flecken auf.
Inzwischen sind sechs Wochen vergangen. Kein Arzt hat Paul S. irgendwie helfen können. In der Uniklinik wird ihm gesagt, er müsse eine Nummer ziehen und sechs Stunden warten. Das Ärzteteam ist in den Urlaub gefahren und hat das versprochene Rezept für eine Spezialsalbe nicht geschickt. Verschiedene Apotheker beraten ihn, sagen, das könne ja wohl nicht sein. Die Krankenkasse nimmt die Vorfälle entsetzt zur Kenntnis. Da platzt ihm irgendwann der rotgesprenkelte Kragen. Er fährt abends spät ins Provinzkrankenhaus und meldet sich als Notfall, sein Hautarzt sei im Urlaub. Kommt sofort dran und erhält ein Rezept für Cortisontabletten. Man muss sich nur zu helfen wissen, muss frech sein, ein Schwein sein in dieser Welt, denn wenn das jeder machen täte ...Mit fünf bis zehn Tabletten müsse es eigentlich vorbei sein, heißt es. Naja, in ein bis zwei Jahren soll diese Krankheit sowieso von selbst verschwinden. Hat Paul S. sich sagen lassen.
In der Online-Zeitung steht, dass es eine Landflucht der Ärzte in Baden-Württemberg gebe. Viele seien in den Ruhestand gegangen, für junge Ärzte seien die Bedingungen auf dem Land zu unattraktiv geworden. Teilweise seien sie auch über die Schweizer Grenze gegangen, weil sie da mehr verdienen. Die Regierung hat jedem, der sich neu auf dem Land niederlässt, 30 000 Euro versprochen. Aber das hat wohl bisher nicht gezogen.
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