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Donnerstag, 15. Oktober 2026

Checken Sie Ihre Mails genau, es könnte eine KI-Gaunerei dahinter stecken!

 Das erlebe ich momentan vor allem bei uns Autoren: Man bekommt eine seriös aussehende Mail von einem Verlag, einer Agentur, von der Buchmesse oder gar einer Rundfunkstation oder einem Kollegen/ einer Kollegin. Mit dem Angebot zu einem Interview, dem Aufbau eines Standes auf der Messe, einer Übersetzung oder sonstigen Unterstützung. Oft sind es reale Verlage, Lektoren oder Mitarbeiter, deren Namen da missbraucht werden. Meist mit lobenden Worten über das eigene Werk. Da fühlt ein jeder sich erst einmal gebauchpinselt, bis er auf die Adresse geklickt hat und antwortet. Dann ist er auf der Seite von Dieben und Betrügern, die ihm das Geld aus der Tasche ziehen wollen. In Amerika hat man Selfpublishern schon 44 Millionen Dollar abgeluchst! Aber auch gestandene Autorínnen sind  betroffen: Amalie Fried  wurde von Radio Bremen zu einem Interview eingeladen, wofür sie 300 Euro zahlen sollte!

Woran man die Fake-Mails erkennen kann: Die Mails sind nicht von den angeblichen Anbietern, die immer ihr Logo in der Mail drin haben, sondern enden auf com. oder t-online oder ähnlich.  Außerdem gehen Verlage, Agenturen und Lektoren nicht von sich auf fremde Autoren zu. Wenn man doch mal auf "antworten" gedrückt hat, auf keinen Fall Kontodaten preisgeben oder etwas überweisen-das kriegt man nie zurück! Ein Verbrecher in den USA wurde zwar verurteilt, hatten aber das meiste vorher auf eine Südseeinsel überwiesen.

Samstag, 27. September 2025

Meine Lieblingsplätze und das Schreiben


 Meine Heimat habe ich vor langer Zeit im Schwarzwald gefunden. Geboren in Flensburg, nach Aufenthalten in Erlangen, Fynhav in Dänemark, Wassersleben, Tübingen und Freiburg hat es mich nach Nagold an der Nagold verschlagen - in eine wunderschöne Landschaft! Und in meiner Terrassenwohnung mit Riesennussbaum, der auch in den heißen Sommern Schatten gibt, schreibe ich seit 25 Jahren meine Kurzgeschichten und Romane. Viele von ihnen - ob historisch oder Krimi - spielen in dieser Gegend.

Gerade habe ich wieder eine freundliche Absage für meinen historischen Krimi "Tod im Glaswald" erhalten-auch ein guter Plot und eine gute Idee sei bei der Fülle von Einsendungen nicht davor gefeit, abgelehnt zu werden. So habe ich den Roman noch an S. Fischer, Kiepenheuer&Witsch sowie an Piper(mit Imprintverlagen) geschickt. Dann bin ich mit allen durch. Es gibt drei Möglichkeiten: In der Schublade lassen (zusammen mit der "Argentinierin"), ihn auf eine Plattform (Neobooks) zu stellen, wie die Rowohlt-Lektorin mir riet oder ihn irgendwann im Winter selbst zu veröffentlichen. Derweil widme ich mich meinem neuen Thriller "Höhlenangst" oder "Tiefe Schuld", der von einem Höllentrip über die Schwäbische Alb handelt. Und ich genieße die letzten warmen Tage, um in der Umgebung noch ein wenig Power für die dunklere Zeit zu tanken.


Letzter Sommergruß


Beim Italiener "Klein Paris" in Ergenzingen. Die Salatsoße ist soo gut, dass die Bedienung uns nicht verraten wollte, wie ihre Mutter die macht






Immer wieder einen Besuch wert: Der Kurpark von Bad Imnau



Die Flößerstube bei Altensteig














Das ist der schwäbische Dichter Eduard Mörike, mit dem ich in einem früheren Leben einmal verbunden gewesen sein muss, wie es ein bekannter deutscher Schriftsteller einmal äußerte. Und daneben bin ich im Alter von etwa drei, vier Jahren.

 

Mittwoch, 21. Mai 2025

Schreiben macht glücklich!

 Als ich vor mehr als zwanzig Jahren mit dem Schreiben und Veröffentlichen anfing, war ich noch ziemlich naiv und dachte, nach der ersten Veröffentlichung würde alles so leicht weitergehen. Die ersten Veröffentlichungen waren Beiträge in Anthologien und in der Zeitschrift "Federwelt". Es folgten "Eduard Mörike. Ein Leben auf der Flucht" sowie "Aufbruch nach Blaubeuren" in kleineren Verlagen. Fünf Jahre Schreibwerkstatt "Fiction Writing", danach das Montségur-Autorenforum, wo ich heute noch bin. Sechs Jahre mit einer Agentur, dabei entstanden vier historische Romane im Publikumsverlag sowie ein historischer Krimi im Kleinverlag. Jahre später drei Regionalkrimis im Imprint eines Großverlags und drei Veröffentlichungen im Self Publishing, davon zwei Verlagsbücher.

Ein großer Familienroman blieb in der Schublade, und mein jetziger historischer Krimi hat noch keinen Verlag gefunden. Vier Ideen bzw. Plots sind schon halbwegs im Kasten. Warum ich dabei geblieben bin, trotz aller Hemmnisse und Schwierigkeiten? Einfach, weil Schreiben glücklich macht. Und weil ich das Glück hatte, so viele Verleger und Lektoren und Lektorinnen (und letztendlich auch Leser und Leserinnen) von meinem Schreiben überzeugt zu haben.



Samstag, 26. April 2025

Verlagssuche im Frühling

Kirschblüte in Mönchberg bei Herrenberg

 Wer einmal einen Roman veröffentlicht hat, dem weitere folgten, der hat Blut geleckt und kann nicht mehr davon lassen. So ging es auch mir in diesem grauen, feuchten Winter, und auch der Frühling mit seinen Blüten und dem Vogelzwitschern hat dieses Grundgefühl weiter beflügelt. Wie ist es weitergegangen mit der Suche nach einem Verlag? Im Februar gab es einen sehr fruchtbaren Austausch der Plots/Exposés im Forum, der Nachfolgeband von "Tod im Glaswald" ist also perfekt skizziert. Der E-Book-Verlag hat sich erst im April, und erst durch intensive Nachfrage wieder gemeldet. Der Roman hat gut gefallen, erfülle aber nicht die Kriterien des Lesepublikums. Interesse besteht aber an der Wiederauflage der Backlist, den Krimis von Ullstein, evtl. auch an den Aufbau-Büchern. Ein historischer Kleinverlag hat Interesse bekundet ("interessanter und spannender Vorschlag"), ein anderer wegen Überfüllung abgesagt. Ebenso Rowohlt, der Lektorin hat der Roman gefallen, er passe jedoch nicht in Verlagsprogramm. Ich könnte es mit Neobooks versuchen, einer Plattform von großen Verlagen, wo man seinen Roman einstellen, bewerben und von Lektoren entdecken lassen kann. Nach intensiver Prüfung kommt das für mich aber nicht in Frage, da der Aufwand an Werbung und Vernetzung genauso groß ist wie bei Amazon und Tolino, wenn nicht größer. Self-Publishing habe ich dreimal gemacht, zwei Verlagsbücher und einen neuen, das ist  inzwischen aber wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen oder das Angeln eines Wals mit einer simplen Weidenrute. Es gibt einfach zu viele Leute, die Bücher schreiben und zu wenig Buchkäufer, um diese Flut zu bewältigen. Die Wartezeit vertreibe ich mir mit Ausflügen in die Umgebung, mit Diskussionen im Forum und der Entwicklung neuer Projekte (Ostseeroman mit düsterem Familiengeheimnis, Survival-Thriller vor der Kulisse der schwäbischen Alb).

Samstag, 16. März 2024

Kann die Künstliche Intelligenz einen Roman schreiben?



Ein viel diskutiertes Thema: Inwieweit kann die KI menschliche Funktionen übernehmen, besonders im künstlerischen Bereich? Seit ChatGPT vor mehr als einem Jahr in die Welt geworfen wurde und scheinbar alles revolutionierte, machen sich Übersetzer, Autorínnen und andere Kulturschaffende Sorgen darum, ob sie nicht binnen Kurzem oder Längerem überflüssig werden könnten. Unter Anderem habe ich dazu bei NDR Kultur einen Beitrag zu einem Roman gefunden, der Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde: "Berlin, Miami". "Berlin, Miami": Philosoph Bajohr findet eigenen KI-Roman "saugut" | NDR.de - Kultur - Buch. 

Der Autor, Literaturwissenschaftler und Philosoph Hannes Bajohr hat den  Roman auf Grundlage von vier anderen Romanen von der KI schreiben lassen. An diesem Roman sieht man aber gut, warum das nicht, nicht so bald oder niemals Wirklichkeit werden wird. Die KI hat nämlich die vier Romane als Trainingsmodell verwendet, ist dabei aber auf Grenzen gestoßen, die ihr immanent innewohnen: Sie verfügt nämlich nicht über das intuitive und erfahrene Wissen eines Menschen, sondern kann nur maschinell wie ein Papagei das nachplappern, was ihr vorgegeben wurde. Sie wird also niemals von sich aus eine neue Idee in die Welt setzen, und wenn, ist sie krude und so wenig lesbar, wie es auch dieser Roman zu sein scheint. Der Autor selbst findet es sprachlich "Saugut" und "witzig", kann aber auch nur hinzusetzen, dass man es schon ein bisschen besoffen am Strand lesen müsste.

Mittwoch, 14. Februar 2018

Erntezeit und neues Leben

In grauer Vorzeit, ich habe es heute noch in den Ohren, sang die Kölner Gruppe BAB"Am Äschermittwoch is alles vorbei." Jetzt ist der Tag wieder gekommen, und die Blumenläden machen gute Geschäfte, weil auf diesen Mittwoch gleichzeitig der Valentinstag fällt. Und es ist mal wieder Zeit für eine Zwischenbilanz. Inzwischen zieht sich geradezu eine Elefantenspur von mir durchs Internet. Die dürfte aber, im Vergleich mit den Spuren anderer, eine Schmalspur sein. Die Bücher, die ich veröffentlicht habe, sind nicht verschwunden, im Gegenteil, sie breiten sich immer weiter aus. In unzähligen Shops weltweit werden sie angeboten (selbst bei Barnes&Noble in New York), täglich tauchen sie in neuen Bibliotheken auf und werden auch gelesen - leider auch von Lesern, die sich bei Umsonst-Plattformen bedienen. Ich habe alle Ideen, die ich in den letzten siebzehn, achtzehn Jahren hatte, verwirklicht. Jetzt ist irgendwie das Ende der Fahnenstange erreicht. Es kommen keine Antworten mehr, weder von Verlagen noch von Agenturen. Dafür haben sich im Virtuellen viele wertvolle Kontakte entwickelt, die genauso real sind wie die in der Wirklichkeit. Doch gab es nicht auch einmal ein Leben vor der Virtualität?

Naja, ganz draußen war ich glücklicherweise nie. Parallel zu der Parallelwelt bin ich weit herumgekommen, wie einige meiner Blogleser noch wissen werden. Das ist wiederum in das Schreiben und in die Blogbeiträge eingeflossen. Es war schon immer eine andere Welt gewesen als die der "Normalbürger", nämlich die der Literatur, der Kultur und der Natur. Ich muss nicht fasten, muss nicht auf Süßigkeiten oder das Internet verzichten, muss kein neues Leben beginnen. Statt dessen sollte ich beides besser miteinander in Einklang bringen. Durch den Hamburger Kontakt erfahre ich mehr über meine Familiengeschichte als jemals zuvor. Das ist sozusagen die Folge der Elefantenspur, die sich hinter mir herzieht. Neben dem Bücherangebot in der Welt und den Lesern wachsen auch die Besucherzahlen im Blog kontinuierlich, je nach Input.

Sonntag, 14. Januar 2018

Hinterm Horizont gehts weiter



Beurener Heide (schwäbische Alb) 2013
In diesen trüben Tagen, die nicht nur gefühlt schon endlos dauern, gehen mir immer wieder zwei alte Songtexte im Kopf herum: "Here Comes the sun" von den Beatles (Abbey road) und "Hinterm Horizont geht's weiter" von Udo Lindenberg. Eigentlich ganz naive Texte, die nicht für sich alleine stehen könnten, aber unvergesslich interpretiert wurden. Beide handeln vom Dunkel in uns und um uns, das unweigerlich vom Gegenteil abgelöst wird - so ist das Gesetz der Natur. Dank seiner Mobilität kann der Mensch dem für kurze Zeit entfliehen, indem er per Jet in wärmere Länder entflieht oder, wie wir gestern, eine kurze Auszeit lang in die Sonne fährt. In Offenburg schien sie mehrere Stunden, und wir haben die Stadt ganz neu entdeckt. Viele französische Wortfetzen waren zu hören, viel badische Lebenslust war in den Straßen, den Cafés zu spüren. Sogar die Autofahrer schienen uns humorvoller und souveräner als bei uns im superschaffigen (und manchmal auch muffigem) Schwaben. Und natürlich haben wir uns wieder vorgenommen, spätestens im Februar dem Frühling entgegenzufahren. So, wie es Goethe mit seinen Ländern meinte, in denen die Zitronen blühn. Irgendwie hatte ich immer gedacht, früher hätten die Schriftsteller an der Côte d’Azur überwintert. Das stimmt aber gar nicht. In Nizza waren russische Literaten wie Gogol und Tschechow zu Gast, bedingt durch den Aufenthalt des Zaren. Thomas Mann und weitere 500 Deutsche hielten sich zwischen 1933 und 1942 teilweise in Sanary-sur-Mer, in Bandol und Le Lavandou auf. Aber nicht, weil letztere so viel Geld hatten und die Sonne genießen wollten, sondern weil sie auf der Flucht vor den Nazis waren. Im nicht so fernen Süden lässt es sich weniger gut überwintern. Im Tessin fror sich Hermann Hesse einen Ast ab und floh nach Bern, um wenigstens etwas Wärme, Gesellschaft und Kultur zu haben, Nietzsche drehte seine philosophischen Runden in Sils Maria, und Heinrich Böll lebte zeitweise in Irland, wo er sicher einen Anflug von Freiheit fand.

Nichtsdestoweniger sollen Stare, die in den Süden fliegen, weniger oft sterben als ihre Artgenossen, die im alten, dunklen Nordwinter bleiben. Was also bleibt einer Autorin übrig, die sich einfach nur nach der Sonne sehnt und auch kein größeres Projekt an der Hand hat, mit dem sie in andere Gefilde abheben könnte? Nach achtzehn Jahren des intensiven Schreibens, nach einer Zeit des Überarbeitens der letzten zu veröffentlichenden Texte ist sie zunächst einmal frei, die Welt steht ihr offen. Persönlich hat sie Wertschätzung durch die Verlage erfahren, man hat sie nie rausgeschmissen, man hat sich um ihre Werke gekümmert. Was die finanzielle Seite angeht, hat sie wie meisten Autoren eine solche Wertschätzung nicht erhalten, und auch andere Künstler und Kreative nicht. Doch das ist eine andere Geschichte, die an anderer Stelle schon diskutiert wurde. Ich versuche die Kollegen zu unterstützen, indem ich die Bücher derer kaufe, die ich schätze. Ich halte meine Augen auf. Die größte Wertschätzung aber erfahre ich von einem Verlag, der mir nach achtzehn Jahren immer noch einen Weihnachtsgruß schickt und von der Leiterin des Verlages, die Interesse an meinen vier letzten Büchern gezeigt hat. (Leider ist sie Ende des Jahres dort ausgeschieden). Sie schrieb, sie freue sich darüber, dass ich bei der Unterbringung meiner Werke auch in ihren Verlag gedacht hätte.

Ach so, ja, was bleibt einer solchen Autorin übrig? Sie wird fahren und die Sonne putzen.

Freitag, 7. April 2017

Rausgeschmissen aus dem Universum!

In den letzten Wochen hatte ich ganz allmählich bemerkt, dass mein Schreibprogramm (Open Office) nicht mehr das war, was es eigentlich hätte sein sollen. Beim Speichern und Kopieren stürzte es immer wieder ab, und ich musste den Laptop herunterfahren, um es wieder in Gang zu bringen. Nun ja, im Netz erfuhr ich, dass Open Office offensichtlich auch bei anderen diese Zicken veranstaltete. Wie war das noch mit Word gewesen? Das galt doch damals ebenfalls als weich und unzuverlässig. Eine ganze Zeit lang ließ sich das noch händeln. Es war mir deswegen wichtig, weil ich
1. Exposé, Leseprobe, Bibliografie und Vita fertigmachen wollte für den Versand an eine exklusiv     ausgesuchte Agentur-das hatte ich gerade noch hingekriegt.
2. Ein Verlagsbuch überarbeiten wollte, von dem ich die Rechte zurückgefordert habe.

Dann, vor ca. eineinhalb Wochen, ging gar nichts mehr. Der Laptop ließ sich nicht mal mehr starten.
Es war ein Wochenende, und ich konnte meinen Helfer in der Not nicht gut stören. Ich folgte den Anweisungen, setzte Windows zurück und hatte alles schon fast wieder am Laufen. Da kamen Eingabeaufforderungen, die mir merkwürdig erschienen. Mein Nothelfer stellte dann nach fünf Tagen fest, dass es ein Trojaner gewesen sein muss, der schon das Schreibprogramm lahmgelegt hätte. Jetzt ist eine neue, feuerfeste Sicherheitsfunktion drauf. Dazu kommt noch ein externe Festplatte wegen der Datensicherung. Ich frage mich, warum es diesen Trojanern so viel Spaß macht, anderen so viel Ärger zu bereiten! Alles musste ich neu konfigurieren und anmelden, mitsamt Passwörtern und Pipapo.

Merkwürdig war es für mich, wie diese Offlinezeit diesmal auf mich gewirkt hat. Bei früheren Gelegenheiten war ich insgeheim immer ganz froh gewesen, mal wieder die bunte Außenwelt für mich entdecken zu können. Diesmal war es so, als wäre ein ganzes Universum versunken. Ich konnte nicht weiterarbeiten, nichts googeln, keine Emails abrufen, in kein Forum und kein Facebook reingucken. Es hätte ja eine Mail von der Agentur dabei sein können! Also fühlte ich mich richtig elend und kroch fernsehender- und einkaufenderweise durch die Tage.

Als heute der Befreiuungsschlag stattfand und ich endlich meinen Laptop wieder stehen hatte, blieb das große Aha-Erlebnis aus. Es war niemandem aufgefallen, dass ich fast eine Woche weg war. Es kam keine wirklich wichtige Mail. Doch es war gut, bei anderen wieder mitzulesen. Und es ist absolut gut, mein wichtigstes Arbeitsinstrument wieder in den Händen zu haben. Und mir wurde während dieser Woche noch einmal absolut klar, was ich heute auch bei Autorenkollegin Alice Gabathuler gefunden habe: u-turn-back-to-roots.html Das war für mich zeitlebens ein Motto gewesen, wenn ich merkte, dass ich mich irgendwie verrannt oder zu sehr von mir entfernt hatte: zurück zu den Wurzeln, zu den Bäumen (und im jugendlichen Übermut hatte ich hinzugefügt: und zu den bunten, närrischen Träumen!)

Sonntag, 26. Juni 2016

Auszeit: Reisen, Romane schreiben, Rosen züchten

Vor einigen Tagen, genauer gesagt am bisher heißesten Tag des Jahres, fuhren wir bei ca. 34° ein Stück in den Schwarzwald hinein, Richtung Alpirsbach. Dabei landeten wir ganz unvermutet in einem kleinen Paradies. Ein Moorsee mit Felswänden und Wasserfall, vorne ein weißer Sandstrand, eine Hütte und ein Badesteg. Natürlich waren wir nicht alleine da. Aber das wäre so ein Ort für eine kleine Auszeit. Daneben ist mir ein altes Buch in die Hände gefallen, von einem Vater, der in den vierziger, fünfziger Jahren mit seinen drei Söhnen durch den Schwarzwald, durch die Vogesen, den Bregenzer Wald und durch das Schweizer Jura gewandert ist. Das waren noch echte Auszeiten, ein Leben nur in der Natur, in Hütten und auf Bauernhöfen, Sonne, Regen und Stürmen ausgesetzt. Der Autor namens Fritz Hockenjos wurde 1927 in Lahr geboren und war seit 1947 Förster in St. Märgen im Schwarzwald. Er beschreibt diese Wanderungen, die Flora und Fauna, die Erlebnisse und Begegnungen in einer fast expressionistischen Sprache, bei der man das Gefühl hat, alles zu sehen, zu hören, zu riechen und mitzuerleben. Aber auch damals schon kündigte sich das Desaster der Menschen an: die zerschossene Gräberstätte am Hartmannsweiler Kopf, die Düsenjets, der allmählich aufkommende Massentourismus auch in den Vogesen und im Schwarzwald. Und auch damals gab es Extremregen und Gewitter, nur nicht so zerstörerisch wie gerade jetzt. Das alles zu lesen, und überhaupt Bücher zu lesen bedeutet eine echte Auszeit. Der menschliche Organismus und vor allem seine psychischen Strukturen sind nicht darauf angelegt, sich wochen -, monate - und jahrelang ständig negativeren Bildern und Informationen auszusetzen, ohne irgendwann zu streiken. Irgendwann muss er mal ein Ventil auf den Dampfdrucktopf setzen, um die Flut von Gewalt, Morden, Elend, Flucht, Brexit und immer verhehrenderen Naturkatastrophen zumindest zeitweise auszusperren, um nicht zu verzweifeln. Gestern sind wir mit knapper Not einem Unwetter entkommen, das sich wie eine überdimensionale Krake von allen Seiten über der Stadt zusammenbraute, tintenfischschwarz und kurz davor, Tentakeln oder Tornadorüssel zu bilden. Abends dann die Bilder von weinenden Menschen in Pfullingen, in Stromberg, flüchtende Besucher des Southsidefestivals in Neuhausen, ein entgleister Zug, Verletzte und tausende total Frustrierte. Unwetter in Deutschland. Die entgleiste Natur macht jetzt eine Pause, aber es ist nicht abzusehen, wie es tatsächlich weitergeht. Deshalb sollte jeder eine Nische finden, in der er wieder atmen kann, um sich gestärkt seinen Aufgaben widmen zu können.

Früher gab es das sogenannte Sabbatjahr, in dem man ein halbes oder ein Jahr lang mit der Arbeit aussetzen und sich in dieser Zeit ganz anderen Dingen widmen konnte. Ein Buch habe ich dazu gefunden, dessen Titel lautet: "Reisen, Romane schreiben, Rosen züchten" mit Tipps für eine solche Zeit. Reisen ist immer o.k., das habe ich sehr viel getan in meinem Leben. Und Romane geschrieben. Romane schreiben könnte eine gute Beschäftigung während einer Auszeit sein, doch das Veröffentlichen derselben sollte man nicht da hineinlegen. Und Rosen züchten bedeutet ganz viel Fachwissen und Arbeit - ich habe zwar welche in meinem Garten, erfreue mich aber lieber an ihren Blüten, als sie zu züchten. Nach dem Probelektorat habe ich den Krimi erstmal in die Dateien zurückgeschickt und den neuen Roman nicht weiterentwickelt. Im Self Publishing würden sie niemals die Kosten wieder einspielen, abgesehen davon, dass kaum jemand sie in den Shops wahrnehmen würde. Aber ich finde den Gedanken faszinierend, dass man einzelnen Lesern mit seinen Büchern eine Auszeit verschaffen kann - wie es dieser so lebendig schreibende Förster bei mir erreicht hat. Und deshalb werde ich den Gedanken, Bücher zu schreiben, nie ganz aufgeben.

Dienstag, 21. Juni 2016

Was braucht das Schwein, um sich sauwohl zu fühlen?

Woran denken wir, wenn wir uns ein Schwein vorstellen? An ein rosiges Tier mit Borsten, mit Ohren, die über den listigen Äuglein zusammenfallen, ein Tier, das grunzend und schmatzend seine Bestimmung im Koben erfüllt? An die Muttersau mit vielen nuckelnden und drängenden rosigen Ferkeln an der Seite? Oder an ein dreckverschmiertes Untier, das sich, wie auch die wilde Sau, in Schlamm und Morast herumwälzt? An Kotelett, Schnitzel und Rippchen wohl eher nicht. Das gleiche könnte man sich fragen, wenn man an Kühe oder Hühner denkt. Die Kühe stehen auf der Wiese, gucken dumm und käuen ewig und drei Tage das Gras wider. Sie wedeln mit dem Kuhschwanz, um die lästigen Fliegen zu vertreiben. Pferde haben wenigstens noch eine saumäßige Lebenslust, wenn sie auf der Koppel herumgaloppieren. Und die Hühner sind glücklich, wenn sie genügend Auslauf haben, miteinander picken, solange auch die anderen picken, und zum Dank dafür, dass sie kein Habicht oder Fuchs geholt hat, brav ihre Eier legen.

In der Versuchanstalt Eningen, einer Außenstelle der Universität Hohenheim, haben jetzt Forscher die Bedingungen untersucht, unter denen sich Schweine richtig wohlfühlen. Die Ferkel haben in der linken Box eine Kette zum Spielen, in der rechten ein Feld mit dunkler Erde zum Wühlen. Brauchen sie mehr Platz, besseres Futter, Freunde, Auslauf, Licht, gar Musik? Es wurden viele Dinge getestet, auch Bedingungen, die Stress auslösen, man ist erst ganz am Anfang. Aber Verbraucher wollen Fleisch, Eier und Milch am liebsten von glücklichen Tieren. So, wie es die Pensionswirtin in Sipplingen am Bodensee einmal beim Frühstück sagte, als sie die Eier hereinbrachte: Die sind von glücklichen Hühnern. Dabei sah sie selbst richtig glücklich aus. Und ich erinnere mich daran, dass ich als Kind mit meiner Oma in Malente morgens immer in den großen,, umsäumten Verschlag ging, um die noch warmen Eier einzusammeln und den Hühnern nachher ihr Futter hinzustreuen. Versteht sich, dass die Oma auch den besten Knackerkirschbaum alles Zeiten besaß! Doch zurück zu den Tieren und ihren Bedingungen. Bis jetzt hat sich herausgestellt, dass die Schweine nicht mehr Platz brauchen, wie wir uns das vielleicht gedacht haben. Erste Erkenntnisse zeigen, dass "Beschäftigung, Aufgaben lösen, Türen öffnen oder in der Erde wühlen" den Schweinen wichtiger sind als ein paar Quadratmeter mehr Raum. Gleichwohl wird es mit den anderen Tieren sein: Das Huhn will picken und scharren, die Pferde wollen rennen, die Kühe laufen am liebsten auf weichen Matten (sprich: Gras), Hunde wollen spielen und sich austoben und Katzen suchen gern ein erhöhtes, warmes, trockenes Plätzchen, wenn sie nicht auf Beute lauern, spielen oder schnurrend um Beine streichen.

Wie sieht es nun mit den Menschen aus? Was brauchen die, um sich sauwohl zu fühlen? Schopenhauer sagte ja mal in etwa, die Natur habe ihnen das Dasein gegeben, für das Wohlsein müssten sie selber sorgen. Dabei kann ich zunächst einmal nur von mir selbst ausgehen. Beschäftigung, Aufgaben lösen, Türen öffnen und in der Erde wühlen ist schon einmal was. Wobei es nicht um meine Gartenerde geht, sondern sozusagen um den Acker, der zu bestellen ist. Ich als Mensch würde mich mit der tierischen Bedürfnisbefriedigung natürlich nicht zufriedengeben. Aber die Grundlage ist dieselbe. Es würde mir nichts nützen, in einem Palast zu wohnen, indem ich den ganzen Tag herumsitze und mich fragen muss, wozu ich eigentlich da bin. Meinen Acker zu bearbeiten heißt, mein Leben so zu gestalten, wie es meinem Wesen entpricht. Ich fühle mich sauwohl, wenn ich ein gutes Buch lese, wenn ich über Berg und Tal laufen kann, in glasklarem Wasser schwimme, wenn die Sonne scheint, ein gutes Essen lockt, wenn nette Menschen um mich sind und wenn ich schreiben kann und eine Reaktion darauf sehe. So entdeckte ich gestern eine 5-Sterne-Rezension einer Frau, die mein letzes Verlagsbuch gelesen hatte. Sie schreibt, es sei eine Geschichte über die kleinen Leute im Dreißigjährigen Krieg, historisch verbürgt, spannend geschrieben und voller Liebe zum Leben. Es ist selten, dass jemand meine Intentionen so deutlich erkennt und benennt. Und es hat mich so beflügelt, dass ich endlich eine Entscheidung treffen konnte: Ich habe meinen Schwarzwaldkrimi in ein Probelektorat gegeben und werde ihn dann entweder endgültig zur Seite legen oder veröffentlichen. Den neuen Roman werde ich weiterentwickeln. Und mich sauwohl damit fühlen.

Dienstag, 24. Mai 2016

Kreative Pause

Was ist eigentlich eine kreative Pause? Normalerweise habe ich darunter immer eine Phase verstanden, während der sich der Schaffende erholt und wieder neue Kräfte schöpft. Ich habe wenig dazu im Netz gefunden. Nur bei Wikipedia gibt es eine Definition, die ich einmal zusammenfassen könnte, obwohl sie als nicht ausreichend belegt bezeichnet wird. Eine kreative Pause sei aus gestaltpsychologischer Sicht eine Pause unterschiedlicher Länge im kreativen Schaffensprozess von Künstlern, Wissenschaftlern und Geisteswissenschaftlern. Dabei sei die Pause selbst nicht mit kreativen Tätigkeiten angefüllt. Sie solle eher der Erholung des Geistes und der Wiederherstellung der Schaffenskraft dienen. Die Notwendigkeit dieser Pausen in kreativen Schaffensprozessen sei jedoch nicht belegt. Wenn sich der Kreative mit themenfremden Gegenständen beschäftige, einfache Tätigkeiten zur Ablenkung wähle oder Spaziergänge mache, ende irgendwann die kreative Pause mit dem kreativen Ausbruch, die Produktivität nehme zu, neue Ideen entstünden, die Nachtruhe werde verkürzt oder durch Einfälle unterbrochen, die sofort skizziert werden müssten. Eine kreative Pause könne von unterschiedlicher Dauer sein. Manche Personen benötigten lediglich Stunden, um an den Schreibtisch zurückzukehren, bei anderen dauere es Tage und Wochen, gar Monate, bis der Geist wieder in der Lage sei, neue Ideen zu produzieren. Allerdings könne die Rückkehr in den Schaffensprozess extrem schwierig werden.

Ich selbst weiß nichts von alledem. Kann es sein, dass ich während der letzten sechzehn Jahre überhaupt keine Pause, schon gar nicht eine kreative, gemacht habe? Und ist das denn wirklich notwendig? Der Schriftsteller Henri Miller zum Beispiel lebte von 1944 bis 1962 in Big Sur in Kalifornien, als Aussteiger unter Gleichgesinnten. Meines Wissens schrieb er zehn Jahre lang nichts und veröffentlichte 1957 einen Aufsatz über diese Zeit (Big Sur and the Oranges of Hieronymus Bosch).Die anderen Einträge, die ich zum Thema "kreative Pausen" gefunden habe, stammten meist von Bloggern, von Studenten oder Professoren. Für Autoren scheint das Thema also, zumindest im Netz, keines zu sein. Irgendwo las ich auch, eine solche Pause brauche natürlich nicht darin zu bestehen, stunden-, tage - und wochenlang die Wände anzustarren oder mit dem Kopf dagegenzuschlagen. Man könne sich ruhig eine Auszeit draußen oder drinnen oder ganz anderswo gönnen. Natürlich! Alle Prozesse bei mir waren immer von ständigen Pausen unterbrochen, Arbeitspausen, Wanderpausen, Essenspausen, Urlaubspausen, Stadtbummelpausen. Deshalb brauche ich auch keine reine, abgegrenzte kreative Pause. Denn was sollte das anderes sein als eine ewige Wiederholung der immerselben Pausen?

Nein, ich brauche einfach mal eine andere Sicht der Dinge. Sollte mal wieder etwas anderes machen als diese ewigen Romane zu schreiben, die ja heutzutage immer schwerer an die Verlage, Agenten und LeserInnen zu bringen sind. Gleichzeitig haben sich die Bedingungen im Self Publishing verschlechtert. Manche Autoren, die ich kenne, sind dabei, eigene Verlage aufzubauen oder haben das schon getan. Zu dem Ganzen ist mir etwas eingefallen: Ich habe in meinen Dateien aufgeräumt und die Hälfte meiner Kurzgeschichten aus den Jahren 2000-2006 als unbrauchbar rausgeschmissen. Drei davon wurden in einer Anthologie veröffentlicht, sind noch 23 von 50 übrig. Dazu habe ich einen neuen Blog eingerichtet, in dem ab und zu eine dieser Geschichten erscheinen könnte. Heute habe ich angefangen mit der Geschichte "Wenn der Schäfer mit dem Dackel", die vielleicht dem einen oder anderen aus der Vergangenheit noch bekannt sein könnte. Dabei geht es um das Leben mit einem treuen Hund, der eine Mischung aus Schäferhund und Dackel war. Ähnlich werde ich mit der Halde von zwei oder drei unveröffentlichten Romanen, Exposés und Ideen verfahren, das heißt, das Unbrauchbare löschen und das Recycelbare behalten. Diese "ordnende" Tätigkeit bewahrt mich davor, das "Kreative" allzu schmerzlich zu vermissen und hat damit eine nicht-kreative Funktion.Und was meine Blogs angeht: Die sind von der Pause natürlich ausgenommen - es ist eine Pause des Veröffentlichens.
Kopf hoch! Es gibt noch eine Welt da draußen

Freitag, 6. Mai 2016

Schreib - und Reiselust -gedämpft??

Heute mal wieder ein Beitrag in eigener Sache. Die langen schaurigen Wintermonate hatte ich dazu genutzt, meine drei E-Books bei Tolino Media zu vermarkten. Nach einem halben Jahr aber ist die Zeit vorbei (im Buchhandel oft schon nach zwei Monaten). So kramte ich beziehungsweise holte ich mit neuem Schwung meinen Schwarzwaldkrimi aus den Dateien und überarbeitete ihn noch einmal gründlich. Vor ein paar Tagen habe ich alles - Exposé, 20 Probeseiten, Vita und Bibliographie -per Email an eine kleinere Agentur geschickt, wohl wissend, dass da keine Antwort kommen würde. So what, ich hatte jetzt alles getan, schickte noch die letzte Großverlagsabrechnung ans Finanzamt und eine Knöllchenrechnung an die Stadt. Jetzt sollte es endlich losgehen, denn ein Riesenhoch begann sich über Europa auszudehnen. Endlich mal eine andere Luft schnuppern, endlich mal raus aus diesem Joch aus Autobahnen, Industrieanlagen, täglich wachsenden Supermärkten auf der grünen Wiese und dem allgegenwärtigen hupenden, stinkenden Verkehr mit Autofahrern, die sich immer nur vordrängen und lebensgefährliche Manöver unternehmen, wenn man es gewagt hat, sie zu überholen! Neben Nordspanien, das mein Freund schon lange anvisiert, und der Haute Provence bleiben uns hier im Daimlerland eigentlich nur wenige Alternativen, wo man ohne Bahn und Flugzeug noch einigermaßen unbelästigt hinkommt: Das Schwarzwälder Kinzigtal, die schwäbische Alb, der Bodensee, Oberschwaben und das Allgäu. Wenn man allerdings am Bodensee oder im Allgäu ist, sieht es schon wieder anders aus. Wir wollten schon lange mal wieder ins Bayerische fahren - Erinnerung an weißblauen Himmel und blauweiße Tschdecken, Kirchen, die wie Fata Morganas vor diesem Himmel schweben, dazu die Schweinebraten und Knödel zu wohlfeilen Preisen.

Wie gesagt, als nun alles getan und erledigt war, machten wir uns auf in das gelobte Land. Es ging auch recht flott voran über die schwäbische Alb, derweil Lastwagenfahrer, Hausfrauen und Geschäftsreisende beim Mittagsmahl saßen. Auf der Alb gibt es eine noch ziemlich verlassene Gegnd, wo wir in einem (uns bekannten) Gasthaus einen wahrhaft köstlichen Mittagstisch zu uns nahmen. Bärlauchsuppe, einen delikaten Salat mit echt schwäbischem Kartoffelsalat, Gulasch mit Spätzle sowie einen Vanillepudding mit eingemachten Erdbeeren. Das reichte für den Rest des Tages, und mit nur 6 Euro hatten wir noch einen prall gefüllten Reisesack übrig. Vor einiger Zeit lebte die frühere Besitzerin dieses Gasthofes noch. Sie sagte uns: Genießen Sie nur die Zeit, sie geht so schnell vorbei! Vor zwei, drei Jahren ist die liebenswerte Dame im Alter von 95 Jahren verstorben. Ja, wir hatten uns dieses Motto auf den Schild geschrieben, aber wie heißt es noch: Es kann der Beste nicht in Frieden leben ...denn als wir am Ziel ankamen (Mindelheim), war die Stadt total verstopft, so voll, dass wir rückwärts wieder rauskatapultiert wurden. Wenn es selbst in ländlichen Mittelstädten so zugeht vor den Feiertagen, kann man; na was? In Deutschland keinen Individualurlaub mehr machen. Der Tag wurde nur dadurch gerettet, dass es gelang, ins schöne Landsberg am Lech hinein zu gelangen, dort einen Rundgang zu machen, bei einem freundlichen Italiener eine großen Latte Macchiato zu trinken, die wunderbare Asamkirche zu inpizieren und dem Tosen des Lechs zu lauschen. Wieder daheim, waren wir ganz schnell wieder auf unserer zuverlässigen schwäbischen Alb, um stundenlang bergauf bergab in der Natur umherzuwanden. Ausnahmsweise wurde die Ruhe nur von einer Gruppe junger Männer unterbrochen, die auf einem Schäferkarren sitzend feierten.

Was hat nun das eine mit dem anderen zu tun? Der Weg zu einem Urlaubsort ist oft langwierig, frustrierend und mit vielen Hindernissen versehen. So war es allerdings auch schon bei unseren Altvorderen. Wer einmal den-etwas langweiligen-Reisebericht Goethes nach Italien oder sonstige Beschreibungen gelesen hat, weiß, wie mühevoll das Reisen anno dazumal war. Wobei die damaligen Wegelagerer und schlitzohrigen Wirte fast eins zu eins übertragen werden können. Die meisten setzen sich heute eh in den Flieger, was wegen der Kontrollen ziemlich unangenehm geworden ist. Man muss also immer durch finstere Täler gehen und sieben Berge überklimmen, um ein ersehntes Ziel zu erreichen. Da es so schwierig und so unangenehm ist, kann man natürlich auch zu Hause bleiben. Man kann aufhören zu schreiben oder gar nicht erst damit anfangen, weil auch das immer schwieriger wird. Nach dem BGH-Urteil vom 21. April 2016 (Siehe oben rechts) suggeriert die Presse marktschreierisch den Untergang vieler Verlage. Neue Autoren würden erst gar nicht aufgenommen in der Verlags- und Agenturwelt, noch mehr Autoren würden den Weg des Self Publishing gehen und alles versinkt im Drögen. Ein Hauen und Stechen wie im Mittealter. Doch gibt es da ein paar Dinge, die man erleben kann. Und die erlebt man nur, wenn man trotz alledem losgeht, -fährt, - wandert - und -schreibt.




Mittwoch, 2. März 2016

Die bleierne Zeit

In diesen grauen Tagen und Wochen muss ich immer wieder an den Begriff der "bleiernen Zeit" denken. Es scheint kein Ende nehmen zu wollen mit dem Regen, den Graupelschauern, der Kälte und dem eisigen Wind. Dazu die geschwundenen Möglichkeiten, sich mit seinem Autorenstatus aus dieser Welt zu beamen. Das bringt alles keinen Spaß mehr. Autoschlangen wälzen sich Stoßstange an Stoßstange über die Straßen des Landes, denn Baden-Württemberg ist das Land des Heiligen Blechle, welches auch sonst. Auch die Autos tragen zur bleiernen Zeit bei, denn sie sind fast durchweg grau, schwarz oder weiß und stoßen unter anderem Blei aus. Irgendwie musste da auch noch was Politisches sein, denn "Die bleierne Zeit" hatte doch irgendwas mit einem Film von Margarete von Trotta, der RAF und "Deutschland im Herbst" zu tun. In dieser Hinsicht ist auch heute die Zeit mehr als bleiern: Die europäische Flüchtlingspolitik steht in einem desaströsen Stau, und das ganze Konstrukt droht auseinanderzubrechen.

Was hat es jetzt aber wirklich auf sich mit der bleiernen Zeit? Ich bin dem mal nachgegangen. Ja, es war ein Film von Margarete von Trotta, und es handelt sich dabei um die Entwicklung der Ensslin-Schwestern zur Gewalt und zur konstruktiven Konfliktlösung. Bleiern sei die Nachkriegszeit gewesen, in der alles über den Nationalsozialismus totgeschwiegen, wenn nicht gar beschönigt wurde. Nur deshalb konnten sich seit den 60er Jahren Neonaziverbände gründen, entstanden die NPD mit 9% Wahlergebnis vor 1969 und später andere Organisationen wie die NSU. Das zieht sich hin bis zu brennenden Flüchtlingsunterkünften, um die herum johlend geklatscht wird. Die NPD hatte die Abschaffung des Asylrechts schon 1964 im Parteiprogramm! Gottseidank wird ja nun wieder höchstrichterlich versucht, dem Spuk ein Ende zu machen. Die Kämpfe hier in der Region werde ich nie vergessen: Wie am Hitlergeburtstag zum Feiern aufgerufen wurde und die Teilnehmer sich mit Gegnern Regenschirmschlachten lieferten. Das Telefon meines damaligen Gatten wurde vom Verfassungsschutz überwacht. Aber auch hier ist der Ursprung des Begriffes nicht zu suchen. Offenbar stammt er von einem Hölderlin-Gedicht, dessen eine Strophe lautet:
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.

Der Gang aufs Land. An Landauer.
Friedrich Hölderlin, 1770-1843

Und was ich da lese, heißt nichts anderes als die Gewissheit, dass diese Zeit vorübergehen und der Einzelne auch ihr etwas abgewinnen können wird, wenn er denn will. Sich informieren, sich solidarisieren, Geld spenden, helfen, was immer jemand in seinem Bereich leisten kann. Kommen wir mal auf das Individuelle zurück. Ich denke an die Unzahl von Rentnern, Autoren, Arbeitslosen, Heimatlosen, aber auch Beschäftigten, die eine solche Zeit durchstehen müssen. Nehmen wir mal die Rentner, dann ist der Winter tatsächlich eine Zeit, in der die Klischees aufblühen, die man sich immer von diesem Personenkreis denkt. Der graue Tag, die grauen Haare, die graue Jogginghose, das Vogelhäuschen vor dem Fenster, die Rätselhefte und das immer grölende Fernsehen sind die Prototypen dieser Szenerie. Und wirklich, die lieben Tierchen sind manchmal die Einzigen, die noch ein wenig hölderlinsche Lust in den Alltag bringen, vor allem dann, wenn man sich schon monatelang in einer Schaffenskrise befindet. Mein weißer Schatten (die Besucherkatze), luftig und flockig, folgt mir schon in meine Träume. Sie scheint auf eine geheime Uhr zu schauen, denn sie taucht pünktlich dann auf, wenn ich ins Bett gehen und lüften will, jumpt durchs Zimmer ins Bücherregal und schaut hinter den Büchern meines Urururgroßvaters mit großen Augen heraus, mit der Frage, ob sie denn nicht mal wieder eine Nacht? Das darf sie ab und zu, und sobald das klar ist, schnurrt sie wie eine Nähmaschine. Aber mit der Fütterei bin ich konsequent. Gestern hatte sie wieder ihre Uhr dabei, denn als mein Auto um die Ecke bog, saß sie schon an dieser Ecke, hielt Ausschau und hüpfte in langen Sätzen herbei. Als Zeichen dafür, dass ich nichts Katzengerechtes zum Futtern da habe, zeigte ich ihr eine Scheibe Käse, woraufhin sie sich mal wieder kopfschüttelnd trollte. Inzwischen denke ich fast, sie versteht, was ich sage. "Willst du etwa wieder eine Scheibe Käse haben?", woraufhin sie den Kopf schüttelt und via Bank nach oben zur Nachbarin verschwindet. A na, das ist natürlich ein Märchen.

Außer den lieben Tierchen oder Gesprächen mit Menschen ist es die Lektüre, die uns die Lust am grauen Dasein zurückgeben kann. Sicher auch jede Art von Kunst, die aber bei uns hier im Blechlegebiet rar gesät ist und besonders schwer zu erreichen, dank der Bleischachteln auf allen Wegen. Gerade lese ich einen biografischen Roman über Caroline von Wolzerode, der Frau, die von Schiller geliebt wurde, obwohl er mit ihrer Schwester Lotte verheiratet war. Das liest sich außerordentlich vergnüglich, und ich stelle fest, dass die Autorin Renate Feyl über sämtliche bedeutenden Frauengestalten des 18. und 19. Jahrhunderts geschrieben hat, über die ich auch hätte schreiben können, wenn ich nicht zu recherchefaul gewesen wäre.

Nun, dieser ewig langen Rede kurzer Sinn soll darin münden, dass sich eine zu fest gespannte Schraube meines Gehirnkästchens gelockert hat und ich plötzlich wieder anfing zu schreiben, fünf, sechs Seiten am Stück. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Was mir die ganze Zeit gefehlt hatte und nur im Hintergrund herumschwebte, war der Antagonist der Geschichte! Jetzt stand er plötzlich ganz klar und deutlich vor mir und beharrte auf einer eigenen Perspektive. Es ist ein fieser, neonazistischer Antagonist mit einer entsprechenden Herkunft. Auch das kann die Blockade verursacht haben. Mit dieser neuen Perspektive driftet der Roman immer mehr in Richtung Thriller. Die Aussicht, diesen Roman weiterzuschreiben und ihn nicht auf Seite 100 (bin bei 98) in die Tonne zu kloppen, ist schon eine Lust, die den grauen Tagen geweiht sein könnte.
                                                                     
                                                                       
Diana Verlag-mein Einband aus dem Antiquarat ist noch schöner
                                                                                                                                                      

Sonntag, 28. Februar 2016

Ein Tag im Leben eines Self Publishers



Eigentlich wollte ich nicht schon wieder einen Artikel verfassen, aber beim Surfen nach Amazon Publishing bin ich auf eine richtig witzige Glosse gestoßen. Da spricht ein Autor kleiner, feiner Verlage von seinem Werdegang und wie es ihm dann mit dem Self Publishing erging. Beide Links stelle ich hier einfach mal ein und kommentiere sie dann mit eigenen Erfahrungen.
Warum Self Publisher nicht die schlechteren Autoren sein müssen.
Ein Tag im Leben eines Self Publishers
Auch wenn es satirisch eindeutig überspitzt ist, kann man sich als Autor mit Verlags- und Self Publishing-Erfahrungen durchaus darin wiederfinden. Es gab ja in der Pionierzeit des Self Publishing die bahnbrechenden Verschenkaktionen. Sie verhalfen einigen selbst Publizierenden zu hunderttausenden von verkauften Büchern mit Einzug in die Verlagswelt. Später waren es dann die Rabattaktionen, die getreu der Philosophie der Buchpiraten die Preise immer mehr verkommen ließen und die Ware Buch zu einem fast kostenlosen Gemeingut zu machen drohte. Bekanntlich habe auch ich es probiert und bin mit der Backlist zumindest eines Verlagstitels auch fast zwei Jahre gut damit gefahren, Rankinggucken inklusive.

Warum scheinen sich Autoren so wohl zu fühlen, wenn ihre Rankings nach oben gehen? Parallel dazu, wenn ihre Bücher in den Buchhandlungen liegen und sich auch gut verkaufen? Müssen sie alle vom Schreiben leben? Sind sie einfach nur geldgeil? Nein. Ich glaube, dass es hier um Wertschätzung der Arbeit geht. Ein Steigen des Rankings verursacht Wohlbefinden, ein Abfallen der Kurve Disharmonie und sinkende Schreibmotivation. Wozu soll ich denn noch schreiben, wenn es doch keiner lesen will? Oder wenn es keiner mehr findet in der Bücherflut? Man muss es benennen: Auch für mich sind die Goldgräberzeiten des SP vorüber. Gott sei`s gelobt und getrommelt hat sich bekanntlich die Tolino-Bücherallianz (April 2015) begründet. Sie will Amazon Flagge zeigen, unterstützt Autoren bei Marketingaktionen und wächst so ganz allmählich aus den Kinderschuhen heraus. Ich bin seit letzten Oktober dabei und durfte schon ein paarmal von diesen Aktionen profitieren. Gerade im Moment läuft noch eine Rabattaktion, die mir kurzfristig wieder rechten Schwung verleihen könnte. Bei Amazon werden die Rankings öfter am Tag aktualisiert, je nach Verkaufsrang. Bei Tolino kann man sich mit seinem Frühstückskaffee zwischen 10.10 und ca. 11.00 Uhr auf die Rankings freuen. Da sieht man dann auch, in welchen Shops sich das Buch verkauft hat. Diesmal waren es statt Weltbild vor allem Thalia und der Link zu Buch.de: http://goo.gl/jB0JJC ,die mein Herz höher schlagen ließen und mir den Tagesbeginn versüßten. WOW, Rankings um die 400 und sogar 48 hatte es bei mir noch nie gegeben! Die letzten beiden Tage der Aktion werde ich einfach nur genießen, denn wir alle wissen, dass es danach wieder ganz gemächlich in den Keller gehen wird.(So, wie die Bücher in den Buchhandlungen ja auch immer schneller wieder verschwinden.) So what, wenn jetzt jemand draufklickt, wird es schon wieder viel weiter unten sein. Aber immerhin ziehen sich Verlags- und Sp-Bücher insgesamt gegenseitig nach oben. So nach dem Motto: Wenn jemand ein Buch gefallen hat, schaut er auch nach anderen Büchern dieses Autors.

Was für einen Rat könnte man neuen Kollegen geben, wenn sie sich heutzutage zwischen Verlags- und Agentursuche oder Self Pubishing entscheiden müssten? Welchen Rat würde ich mir selber geben, wenn ich ganz neu anfangen würde? Ich würde mir sagen, dass ich sämtliche Illusionen, die ich damals hatte, fahren lassen und mir darüber im Klaren sein sollte, dass heute viele Türen zu sind, die damals noch offen waren. Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, alles andere kann nur ein Zubrot sein. Da ich zur Zeit viel Zeit habe und weder arbeite noch Romane schreibe, habe ich mir mal das Vergnügen gemacht, die Optionen für die verschieden Wege auszurechnen. Lektorat, Korrektorat, Cover und Konvertierung kommen bei Tolino auf ca. 3000 Euro. Ratet mal, wie lange es dauern würde, bis das wieder im eigenen Geldbeutel ist? Mit eigenen Helfern und SP-Lektoren, -Korrektoren und Designern komme ich auf ca. 1000. Das würde bei der momentanen Geschwindigkeit eineinhalb Jahre bis zum Ausgleich brauchen. Rechnet man allerdings das Gesamteinkommen aus den inzwischen schwarzen Zahlen der Verlagsbücher und dem SP-Einkommen dazu, wäre das vielleicht schon wieder eine andere Option. Sozusagen eine Autoren-Selfie-Mischkalkulation. Es stehen ja immer noch der Schwarzwaldkrimi zur Debatte und mein neuer Abenteuer-Thriller.

Noch etwas würde ich Newcomern unter den Autoren ans Herz legen: Wenn sie anders schreiben als die Topp 100-Autoren bei Amazon, sollten sie die Messlatte für ihr SP-Buch niedrig legen. Eine Erfahrung ist beides Wert, Verlag und SP. Aber wenn ich Wertschätzung suche, dann schaue ich mich in meiner näheren Umgebung um. Und melde mich im Juni zu einem Seminar im Kloster Heiligkreuztal an, um etwas darüber herauszufinden, was uns alle so umtreibt.
Wertschätzung und Respekt - tiefste Sehnsucht des Menschen.Wenn ich meine unbesiegbare Schreibbegeisterung weiterhin austoben und Leser erreichen möchte, kann ich mich auch über die 2500 Blogleser monatlich berufen, abzüglich Robotern. Das wären im Jahr 30.000, ungefähr so viel wie alle verkauften Printbücher.
                                                            

Donnerstag, 25. Februar 2016

Im dunklen Tal

Momentan ist es nicht einfach, in den sozialen Medien unterwegs zu sein, ja, auch nur seinen Blog mit etwas zu bestücken, mit dem das Interesse anderer auch nur ansatzweise geweckt werden könnte. Eine Durchsicht meiner Blogstatistik ergab, dass im letzten Jahr die meisten Besucher an solchen Themen interessiert waren: "Grenzerfahrung", "Besser werden", "Osterspaziergang" "Romantische Wege", "Endlich Rente!", "Der Flatrateautor" als "Spitzentitel", "Das Weißkitteldrama", "Kleine Freuden" sowie "Martinsgans"und "Oasen". Im Großen und Ganzen zeigt das Resultat, dass meine Blogleser nach Auszeit-Themen suchen und nicht mit denselben Dingen konfrontiert werden wollen, die ihnen tagtäglich kaum noch erträglich aus Fernsehen, Radio, der Zeitung und den sozialen Medien entgegenschreien. Ich hörte sogar jemanden sagen, er schaue sich inzwischen die Katzen- und Hundebilder bei Facebook lieber an als die Nachrichten und Diskussionen der Medien. Ach ja, meine Besucherkatzenbeiträge waren natürlich auch recht beliebt.

Als ich nun heute so überlegte, was ich in meinen Blog reinschreiben könnte, hörte ich draußen einen Riesenkrach. Ob die Katzen mal wieder einen ihrer herrlichen, verrückten Veitstänze aufführten? Beim Blick aus dem Fenster merkte ich, dass es eine gewaltige Menge Schnee gewesen war, die vom photovoltaikten Dach herabrutschte. Vor lauter Schreck darüber saßen jetzt mindestens zwanzig Meisen am Meisenknödel, so dass er aussah wie ein Igel. Ja, auch die Tierwelt leidet unter vermeintlichen und echten Katastrophen und eilt sich, etwas für ihr Wohlbefinden zu tun. (Für das wir laut Schopenhauer sowieso selber sorgen müssen, weil die Natur uns nur das Dasein gegeben habe). In dieser Situation beschloss ich, die Zeitung heute mal nicht zu lesen, die 12-Uhr-Ausgabe der Tagesschau nicht anzusehen, auch nicht raus und schwimmen zu gehen, sondern stattdessen etwas in meinen Blog zu schreiben. Vorher aber schaute ich noch bei meinen Nachbarblogs vorbei. Und stieß auf zwei Artikel, die in der Lage waren, mich ein wenig zu "erden". Einmal auf den sehr treffenden Beitrag von Annette Weber Elternschock, dann auf Petra van Cronenburgs Blog, in dem ich etwas über meine Situation wiederfand. Launisch, grummelig und trotzdem gut. Aus den Beiträgen ergibt sich für mich, dass sich immer wieder etwas ändert, auch wenn man in der Tiefe des dunklen Tales nicht daran glauben mag. Und dass es gut ist, nicht eingleisig zu fahren, in jeder Beziehung. Gerade habe ich die Lektüre eines Buches beendet, das ich am Schluss ungern aus der Hand legte, was bei mir nicht jedesmal so ist. Und zwar war es das Buch einer Engländerin, die zusammen mit Hape Kerkeling den Jakobsweg gegangen war und diese Erfahrung mit dem Fahrrad wiederholen wollte. Ich bin da noch mal hin. Das Fahrrad hat sie dann irgendwann stehen lassen, weil sie nur noch im Regen auf Autobahnen fuhr, und von da an hatte sie sich das angetan, was sich schon Tausende von Pilgern angetan haben. Die Reise muss ich jetzt nicht selbst, sondern konnte ich mit dieser Autorin machen und auch ihren Erkenntniswert für mich verbuchen. Auf der ersten Reise hatte sie sich nämlich vorgenommen, mehr für andere dasein zu wollen, auf der zweiten merkte sie, dass sie eigentich andere Menschen brauchte, die für sie da sind. Noch ein Fall von dunklem Tal und Wohlsein, das wir uns selbst verschaffen müssen!

Zum Schluss noch etwas für meine Mitautoren und die Blogleser, die nach Wohlfühloasen, romantischen Wegen und kleinen Freuden suchen. Und zu den Oasen, ganz profan. Gestern sind wir bei Wind und trübkaltem Wetter in die alte Bischofsstadt Rottenburg gefahren. Zu unserem Erstaunen war der lebhaft besuchte Bücherschrank verschwunden, statt dessen gähnte ein riesiges Bauloch. Hier wird ein Betonklotz errichtet, der die städtische Bücherei aufnehmen soll. Beim kleinen Osiander auf dem Marktplatz war der Computer ausgefallen, Bücher konnte man nur in bar und ohne Quittung kaufen. Weiter unten ein kleiner Bücherladen, den wir bisher nie beachtet hatten, weil wir ihn gar nicht als solchen erkannt hatten. Das war eine richtige Oase, mit vielen Titeln aller Richtungen und einem Teetisch zum Schmökern. Und als ich nach Hause kam, war auf wunderbare Weise mein "Teufelswerk" sichtbar geworden, ohne dass ich die Rabattaktion irgendwo anders als bei Amazon und Tolino angekündigt hatte.

Möge das Schreiben selbst wieder zu einer Oase werden!

Rottenburger Marktplatz im Sommer, eine Oase

Freitag, 12. Februar 2016

Türen

Diese Abbildung zeigt das Portal der Maulbronner Klosterkirche, eine der ältesten Türen Deutschlands. Die Zisterzienser wussten immer, was sie hinter dieser Tür erwarten würde, wenn sie vom Paradies aus die Kirche betraten: nämlich die Laien- und die Mönchskirche, ein romanischer Lettner, der beide voneinander trennt sowie ein Kruzifix, das aus einem einzigen Steinblock herausgemeißelt wurde. Für die Mönche und die Laienbrüder sind Kirche und Kloster über Jahrhunderte hinweg zur Heimat geworden. Etlichen der späteren Seminaristen wurde das alles aber auch zum Zwang. Das Bild hat mich dazu bewogen, einmal über die Bedeutung von Türen nachzudenken. Man kann durch eine Tür hineingehen und auch wieder hinausgehen. In unseren Autorenblogs war früher oft die Rede davon, dass sich immer wieder irgendeine Tür öffnen würde, egal, wie düster die Situation auch gerade aussehe. Das denke ich immer noch, und es stehen zur Zeit viele Türen offen. Es stellt sich nur die Frage, was man hinter diesen Türen finden und ob man mit dem, was man dahinter findet, zufrieden sein wird. Und ob irgendein Raum, den man betritt, zur "Heimat" werden kann. Im Übertragenen ausgedrückt: Die Türen, die zur Zeit bei den Onlineplattformen für Self Publisher, den Verlagen und Agenturen offenstehen, laden vor allem die Erfolgreichen ein. Und selbst bei denen kann es dazu kommen, dass sie zur einen Tür hinein- und zu einer anderen bald wieder hinausgehen. Ein Interview des Hessischen Rundfunks vom Oktober 2015 mit Matthias Matting macht das deutlich.

In unserer Zeitung kam gestern ein Bericht über einen bekannten schwäbischen Dichter, der bei einem kleinen Tübinger Verlag veröffentlicht, der unter Umständen sieben Jahre braucht, bis er einen neuen Gedichtband fertig hat, und von dessen Büchern keine Ebooks existieren. Für ihn gibt es keine Alternative als mit der Hand zu schreiben. Da spüre ich wirkliche Zufriedenheit heraus, und am Rande muss ich auch gestehen, dass ich die Bücher dieses Verlages liebe. Bücher können Räume sein, in denen man sich wohlfühlt. Gerade lese ich einen Wanderbericht, der durch halb Deutschland führt, und bin dabei richtig mit dem Autor und seinem Hund unterwegs. Er hat diese Wanderungen in seinem Blog beschrieben und das Ganze dann bei Malik-National Geographics, einer Untergruppe des Piper Verlags, veröffentlicht. Flugs habe ich mir heute noch drei solcher Bücher gekauft, darunter Kay Borowskys Wanderungen in Tübingen und Europa.

Dienstag, 9. Februar 2016

Sich neu sortieren

Mein Vater, der im Jahr 2009 fast neunzigährig starb, hatte ein Lebensmotto. Wann immer sich jemand darüber beklagte, dass etwas nicht mehr so sei wie es war, sagte er mit ironisch verzogenen Mundwinkeln: "You have had it, brother." Mein Vater hatte nämlich vor dem Krieg eine ausgezeichnete Erziehung auf einem britschen Internat genossen. Und auch sonst hat er sein Leben so gestaltet, dass er sich später nie hat beklagen müssen. Er hat die halbe Welt gesehen, das Verkehrssystem seiner Stadt erneuert, war ständig in Bewegung und hatte viel für familiäre Werte und für seine Hunde übrig. Er war der Ingenieur, der Erfinder. Natürlich hatte er auch seine Schwächen und Fehler, aber de mortuis nihil bene.

Er hat sein Leben gehabt wie auch ich. Auch ich habe die halbe Welt gesehen, habe vielen Menschen geholfen, ihr Leben besser zu sortieren, eine Familie, Beziehungen und Freunde gehabt, ein Kind aufgezogen, jahrelang an einer poltischen Bewegung teilgenommen, unzählige Zeitungsartikel geschrieben sowie an die zehn Bücher und unzählige Beiträge in den sozialen Medien veröffentlicht. Zeit, mal wieder eine kurze Bilanz zu ziehen. Das Haus ist besorgt und renoviert, der Garten ist fertig, eine familiäre Angelegenheit steht kurz vor dem Abschluss und die Katzen, die mich im letzten halben Jahr beschäfigten, haben sich mehr oder weniger zurückgezogen (die schwarze Powerkatze hat in eine Zitrone gebissen, die draußen zum Zeichen lag, dass es keinen gedeckten Katzentisch mehr geben wird, und sich geschüttelt). Ich habe alle meine Printbücher auf Stapeln in Buchhandlungen und meine Ebooks in den Shops von Weltbild, Thalia, Osiander usw. und Amazon gesehen. Es gibt Projekte, die anzugehen wären, es gibt soziale Kontakte, die aktiviert werden könnten. Aber ich bin noch in einem Vakuum. Es drängt jetzt nichts mehr, es soll sich entwickeln, so wie es sich richtig anfühlt. Das Schreiben ist als wesentliche Größe geblieben. Aber es nützt nichts, in derselben Schnelligkeit wie bisher Bücher zu fabrizieren. Das Schreiben ist Lebenselixier und erträgt keinen Druck. Vorbildlich ist für mich der gerade verstorbene Roger Willemsen. Der hat alles, was er gemacht hat, das Schreiben von Büchern, das Reisen, die Auftritte und Sendungen, die Interviews mit einer seltenen Hingabe an den Augenblick getan. Das ist seine Hinterlassenschaft für mich, an die ich mich immer wieder gern erinnern werde.

Samstag, 30. Januar 2016

Autor und Leser - eine Kommunikation

Unlängst sah ich zufällig einen Beitrag im Fernsehen, auf einem dieser Info - und Kulturkanäle. Da hatten sie in Südamerika unter anderem Tontöpfe mit keltischen Mustern, Figuren, Inschriften und Steinschleudern gefunden, die denen aus dem europäischen Raum auffallend ähnelten. Nun, sie haben keinen Beweis dafür gefunden, dass Kelten und Phönizier schon lange vor Kolumbus nach Südamerika segelten. Mich interessierte an diesem Bericht etwas anderes. Die Höhlenmalereien von Lascaux und weitere Beispiele wie die Mammutelfenbeinfiguren aus dem Lonetal fielen mir ein. Wie kommt es, dass Menschen auch nach Hunderten oder Tausenden von Jahren Botschaften hinterlassen können, die von der Nachwelt "gelesen" werden? Es kommt daher, dass der Mensch schon immer in der Lage war, von sich selbst und seinem Leben zu abstrahieren und Kunst herzustellen. Es scheint eine Frage von Urheber und Rezipient zu sein. Ein Autor ist undenkbar ohne Leser, ein Leser undenkbar ohne Autor. Wenn man sich dazu die heutige Situation von Autoren anschaut, stellen sich viele Fragezeichen auf. Vieles von dem, was man gerade zu hören und zu lesen bekommt, könnte einem die Freude am Schreiben vermiesen. Die Klagen einer Self Publisherin liegen mir noch in den Ohren. Sie stellte fest, dass sie alle drei Monate ein neues Buch auf den Markt bringen müsste, um mit dem Tempo des Marktes mitzukommen. Am Anfang stehe immer die Kurve, die vielleicht in 1-3 Tagen hoch sei und dann unweigerlich nach unten gehe. Ähnlich ist es auch mit den Verlagsbüchern im Buchhandel. Was sich nicht innerhalb eines Monats verkauft, wandert schon bald ins moderne Antiquariat. Die Kurve nimmt keine Rücksicht auf dich. Aber irgendetwas stimmt doch dabei nicht. Wer hat da was wann falsch gemacht? Die Verlage, die Autoren, die Leser, die Erfinder von immer neuen Techniken, die Buchhandlungen, die Agenten, die Online-Riesen, die Vertreter, das Feuilleton? Die Antwort, die ich mir gebe, ist folgende: Sie sind alle gleichermaßen beteiligt, weil sich (fast) alle der Entwicklung angepasst haben. Bei Denis Scheck, so wurde mir erzählt, trat kürzlich ein Autor auf, der alles noch mit der Hand schreibt und eine Wohnung voller gedruckter Bücher hat. Bie den meisten jedoch dreht sich alles, nicht nur bei Büchern, nur noch um "billig", ich nehme uns da gar nicht aus. Und bei dem Versuch aller, sich den billigsten und gleichzeitig dicksten Teil des Kuchens aus der Torte zu reißen, kann es einzig und allein darum gehen, die Gewinne daraus gerecht zu verteilen.

Gestern, an einem Frühlingstag mit wolkenlosem Himmel, hatten wir ein Aha-Erlebnis. Nach einem Spaziergang am Rand der Alb landeten wir wie schon so oft in einer unserer Lieblingsstädte, in Reutlingen. Wie immer, statteten wir auch der Buchhandlung Osiander einen Besuch ab. Ja, es ist inzwischen ein Genuss für mich, zwischen den Räucherstäbchen und Tassen auch Sessel mit lesenden Menschen zu sehen. Dabei wird es immer schwieriger für mich, in den Tausenden von gleichfarbigen Büchern etwas Ansprechendes zu finden. Meistens lande ich bei Reiseberichten und regionalen Reisebüchern. Bevor es losgehen konnte, fuhren wir mit dem Aufzug nach oben, um gewisse Örtlickkeiten aufzusuchen. Dort landeten wir aber nicht, sondern in einem Stockwerk, das wir noch nie zuvor gesehen hatten. Da lagen Tausende von Büchern in Sammelkästen, der buchhandlungseigene Flohmarkt, auf dem man Bücher zwischen ein und 10 Euro erstehen konnte. Und was habe ich dort gefunden? Alles, was ich unten schon lange nicht mehr finde. Ich fand einen Baden-Baden-Krimi von Rita Hampp, der mir sehr gut gefällt, weil ich auch was von der Umgebung und der Stadt sehe, zwei Bücher von Wulf Dorn, dessen Kommen und Gehen ich überhaupt nicht mehr mitbekommen hatte, einen Thriller des Pompeji-Autors Robert Harris sowie einen historischen Krimi von Petra Ölker. Nachdem ich vor lauter Leseverzweiflung schon auf literarische Texte aus dem 19. Jahrhundert umgeschwenkt war, bedeutet das für mich einen inneren Vorbeimarsch.

Hier noch ein leidenschaftliches Plädoyer für uns Autoren von Nina George: Schatz, wir müssen reden.

Freitag, 8. Januar 2016

Wie Autoren heute veröffentlichen

Als ich vor knapp fünfzehn Jahren mit dem Schreiben von Romanen begann, sah die Autorenwelt noch ganz anders aus. Man schickte seine Manuskripte auf bedrucktem Papier an die Verlage und wartete im Schnitt vier Monate, bis eine Absage im Briefkasten lag. Oder auch eine Zusage, damals für meinen ersten schon per Email von einem renommierten kleineren Verlag. Den zweiten fand ich im Internet, das war ein Zweipersonenverlag. Mit beiden LektorInnen gab es lange persönliche Gespräche und ein sorgfältiges Lektorat. Beide Bücher erhielten gute Zeitungskritiken, tauchten aber in kaum einer Buchhandlung auf. Die nächsten vier Bücher erschienen in einem Verlag, den man damals noch als größeren Publikumsverlag bezeichnete. Diese historischen Romane lagen anfangs recht lange auf Stapeln in den Buchhandlungen; allerdings verkürzte sich die Verweildauer von Jahr zu Jahr. Zwischendurch noch eine Veröffentlichung bei einem kleineren lokalen Verlag. Das letzte gedruckte Verlagsbuch von mir erschien im Juni 2013.

Es begann eine neue Ära, nicht des Schreibens, aber des Veröffentlichens. Mit zwei Verlagsbüchern, deren Rechte ich zurückbekommen hatte bzw. deren E-Bookrechte ich gar nicht erst vergeben hatte, ging ich ab Herbst 2012 ins Self Publishing. 2015 folgte ein neu geschriebenes Buch. Von Amazon, dessen Konditionen für mich nicht mehr reizvoll waren, wechselte ich Ende September 2015 zu Tolino. Dort fühle ich mich bisher sehr wohl, zumal auch Sonderaktionen für meine Bücher veranstaltet wurden. Und die gute Nachricht kam nach Weihnachten: Die 70% Beteiligung der Autoren wird auch über den 31. Januar hinaus gewährt.

Jetzt habe ich mich einmal umgeschaut, wie es denn bei anderen läuft. Meines Wissens haben schon viele mir bekannte Autoren die Möglichkeit des Self Publishing genutzt. Ein Kinderbuchautor, der schon circa sechzig Bücher bei einem Verlag herausgebracht hatte, erzählt im Deutschlandradio davon, dass Autoren heute kaum noch Ansprechpartner hätten (es sei denn, sie sitzen bei einem Verlag ganz fest im Sattel oder schreiben Bestseller). Wie Autoren heute veröffentlichen.  Die meisten Bücher - wie ich auch schon bemerkte - hätten heute eine viel kürzere Überlebensdauer, nämlich zwischen vier Monaten und zwei Jahren. Die Backlist, bis vor ein paar Jahren von den Verlagen noch gepflegt, lohnt sich für sie aus Kostengründen nicht mehr. Viele Autoren müssten sich für jedes neue Buch einen neuen Verlag suchen. Thomas Fuchs, der Kinderbuchautor, hat sich eine Autorenvereinigung namens "Gegenwind" herausgesucht, in der sich die Autoren gegenseitig beim Self Publishing unterstützen. In einem anderen Bericht des Börsenblatts werden Autoren aufgeführt, die ihrer eigenen Backlist durch E-Books und Print-on-Demand einen ganz neuen Aufschwung gegeben haben. Hybridautoren.

Beide, das Interview und der Artikel, erschienen im Juni des vergangenen Jahres. Inzwischen hat sich ja einiges in der Verlags - und Bücherwelt getan. Einmal gab es das Urteil des Europäischen Gerichtshofes, nach dem die Verlage nicht berechtigt seien, Anteile aus den Verwertungsgesellschaften wie VG Wort zu beanspruchen. Im Gegenzug werden Befürchtungen laut, dass der drohende Geldverlust auf die Autoren mit niedrigeren Vorschüssen usw. abgewälzt werden könnte. Dann wurde, wie von mir schon vor einiger Zeit berichtet, vom Bundesministerium der Justiz eine Urheberrechtsnovelle eingebracht, über die im März im Bundestag diskutiert werden soll. Sie hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die Autoren besser für ihre Arbeit zu entlohnen und ihnen nach fünf Jahren die Rechte an ihren Büchern zurückzugeben. Das hat die Autorenschaft gespalten. Es gab einen Autorenbrief an die Regierung, in dem sie beschworen wird, das Gesetz nicht durchzubringen, weil sonst die Symbiose zwischen Verlag und Autor gestört werde. Verlage könnten Autoren nicht mehr über Jahre aufbauen und keine Lizenzen ins Ausland mehr vergeben. Die Diskussion darüber ist im Autorenforum Montsegur nachzulesen. Und ich frage mich jetzt auch: Wenn es doch Praxis ist, dass renommierte Autoren sich für jedes Buch einen neuen Verlag suchen und ihre Backlist nach zwei Jahren selber herausgeben müssen, wo ist dann die Symbiose? Das Modell, das hier vertreten wird, passt wohl eher in die Zeit, die ich anfangs beschrieben hatte. Das neue Gesetz wird seine Tücken und Fallstricke haben, aber im Großen und Ganzen wird es den Autoren doch nützen, ihre Backlist und ihre eigenes Autorengeschick selber in die Hand nehmen zu können.
Eine ausführliche Beschäftigung mit dem Thema "Verdienst von Autoren" kann man auch bei Martha Sophie Marcus nachlesen: Marthas Schreibtisch.

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Wie war das noch mit den guten Vorsätzen?

Gerade habe ich mir die Zeit genommen, die Blogs meiner freundschaftlich verbundenen NachbarInnen durchzuschauen. Und dabei ist mir eines aufgefallen (vielleicht habe ich dies und das auch einfach nur übersehen): In der ganzen Zeit, die wir hier jetzt schon so unverdrossen bloggen, gab es an jedem Jahresende, manchmal schon Mitte Dezember, einen Jahresrückblick. Auch ich hatte diesmal einen solchen Rückblick schreiben wollen, und zwar nicht so einen "Meinefünfbestenbilder-Rückblick", den Facebook seinen Nutzern offeriert. Jetzt merke ich, dass ich es nicht kann. So wie ich auch bei den Schreckensszenarien der weltweiten terroristischen Bedrohung und den täglichen Berichten über die Flüchtlingskrise oft keine Worte fand. Und doch war das Jahr 2015 auch im privaten Sektor eine Zeit der großen Umbrüche. Es gab Abschiede und deren Folgen, die bis heute nachwirken. Im Juni hatte ich eine Veröffentlichung im Self Publishing und schreibe seitdem als freie Autorin weiter, nachdem ich meinen Beruf mit Ehren an den berühmten Nagel hängen konnte. Es gab Wetterextreme bis in den Dezember hinein und neue Impulse für das Urheberrecht. Im Sommer lernte ich eine seidig glänzende weiße Katze kennen, die unaufgefordert in meine Wohnung spazierte und die ich inzwischen wieder zur "Besucherkatze" erzogen habe, die ich gar nicht mehr missen will. Statt das wachsende Angebot der digitalen Medien für mich auszuweiten, habe ich wieder angefangen, täglich die Zeitung zu lesen. An Weihnachten fing ich an - erstmalig nach mindestens fünfzehn Jahren - Vanillekipferl und Kokosmakronen zu backen, die mir auch gelungen sind. Unter anderem bekam ich ein Kästchen mit "literarischen Momenten" nebst Zettelkasten geschenkt, dazu Kalender und ein mediterran-orientalisches Kochbuch. Wie immer, habe ich mir für das neue Jahr keine guten Vorsätze ausgedacht. Oder doch?

In der heutigen Ausgabe des Blättles wird ein Psychologe namens Walter Mischel von der Columbia Universtity in New York zu eben diesem Thema interviewt. Die Frage ist, warum viele Menschen das, was sie sich vorgenommen haben, nicht auf die Dauer umsetzen können. Er begründet das mit dem "heißen" und dem "kalten" System im Gehirn. Das heiße ist das limbische System, das schon früh in der Evolution entstand. Es ist der primitive Teil mit der mandelförmigen Amygdala, die starke Emotionen, Angst und Freude hervorruft. Das kalte System befindet sich im "präfrontalen Kortex", also direkt hinter der Stirn. Damit können wir analysieren und die Folgen unseres Tuns abschätzen.  Steht man nun unter Stress, fährt dieses limbische, heiße Sytem hoch und schaltet das kalte sozusagen aus. Wenn man es schafft, sich runterzukühlen, kann das kalte System wieder greifen. Selbstkontrolle ist das Wiedereingreifen des kalten Systems. Das macht Mischel an einem ganz einfachen Beispiel deutlich: Wenn man zum Beispiel den Hunger auf Süßes kontrollieren wolle, reiche es nicht, sich zu sagen, das mache dick und man werde keinen Nachtisch im Restaurant bestellen. In dem Moment, wo das Mousse au Chocolat vom Kellner vorbeigetragen werde, sei es um einen geschehen. Nachhaltiger wäre ein konkreter "Wenn-dann-Plan". "Wenn die Frage nach dem Dessert kommt, werde ich Fruchtsalat bestellen. Oder man treibt jeden Tag zu einer bestimmten Zeit Sport, bis es "sitzt" wie das Zähneputzen. Mit solchen Strategien könne man das heiße System kontrollieren, ohne es außer Kraft zu setzen, denn es ist ja ein Kernpunkt unseres Lebens, ohne den Genuss, Freude, Liebe und Schmerz nicht möglich wären. Das Einzige, was ich mir vorgenommen habe, ist der Wunsch, wieder mehr zu kochen. Es war früher eine Leidenschaft und hat sich durch das extensive Schreiben arg reduziert. Andere Vorlieben wie Wandern, Fotografieren, Schwimmen, Lesen sind noch in genügendem Maße da, könnten aber weiter ausgebaut werden.