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Donnerstag, 30. August 2018

Aus - Flug weg vom Schreibtisch

In den letzten Jahren wurde viel über die sogenannte Achtsamkeit  publiziert. Vor einigen Jahren habe ich im Kloster Heiligkreuztal nahe Riedlingen ein dreitägiges Achtsamkeitstraining gemacht. Und zwei Jahre davor einen Kurs über Resilienz (seelische Widerstandskraft). Das war alles sehr schön und wohltuend, wobei ich sagen muss, dass das Achtsamkeitstraining nicht viel Spaß gemacht hat. Ewig lang dahocken und in sich hineinhorchen, verlangsamt gehen, das waren die Sachen, die mich vorher immer als ein wenig spirituell und esoterisch abgeschreckt hatten.

Kürzlich habe ich jedoch eine Erfahrung gemacht, die mir zeigte, wie man auch ohne langwierige Übungen zu mehr Achtsamkeit kommen kann. Achtsamkeit im Sinne von aufmerksam zu leben und eine Beziehung zu einer Umwelt zu bekommen. Ich hatte geträumt, dass meine Wohnung leergeräumt war. Alles weg, Bett, Schrank, Sofa, Stühle - alles bis auf den Schreibtisch. Später war das Zimmer in Schieflage, und durch irgendeinen Trick sah die Wohnung dann wieder wie vorher aus. Aha, dachte ich mir, was will mir mein UB damit wohl sagen? Ist dein Leben nicht allzu sehr auf den Schreibtisch reduziert?

Wir machten dann einen Ausflug ins Obere Donautal und wanderten vom Rauen Stein bei Irndorf zum Eichfelsen hinüber. Keine weite Tour, aber überaus heilsam. Wie früher, wie vor zwanzig Jahren sagte mein Begleiter. Atemberaubende Aussichten auf die Burgen und die Kalkfelsen des Donaudurchbruchtales, ein Wiesenpfad, Skabiosen, Kalkastern und Bläulinge. Sonne und Hitze im Wechsel mit Schatten und kühlen Traufgängen. In diesen Stunden habe ich gemerkt, wo die Beziehung zur Welt, wo "Heimat" ist.

Donnerstag, 24. November 2016

Autsch! Das Schmerzgedächtnis beim Schreiben

Es ist mal wieder soweit. Seit drei, vier Wochen, gleich im Anschluss an einen länger dauernden grippalen Infekt, schmerzen meine beiden Oberarme und merkwürdigerweise auch das rechte Bein ganz intensiv. Mein Gedächtnis signalisierte mir, dass ich das mal nach intensivem Hacken im Garten und nach Belastung durch Computerarbeit gehabt hatte. Nach längerem Sitzen oder Liegen wurde es manchmal so unerträglich, dass ich dachte, ich könnte nicht mal mehr Auto fahren. Durch viel Wechsel zwischen Sitzen, Stehen, Liegen, Laufen und Schreiben im Stehen ist es jetzt auf ein Mindestmaß runtergefahren. Zum Handschriftlichen hat es nicht gereicht, denn meine Schrift ist nachgeradezu unleserlich geworden. Und wer weiß, ob unsere altvorderen Dichter und Schriftsteller nicht auch Armweh durch die ständig gleiche Handbewegung bekommen haben? Wenige, gut dosierte Iboflam halfen mir manchmal durch den Tag, die Schmerzgels brachten allesamt nichts. Ursache ist nach meiner Forschung das lange Aufstützen der Arme nicht nur am Computer. Und dass ich einmal dreizehn, einmal zehn Seiten am Stück geschrieben habe.

Heute nun wollte ich einen kleinen Beitrag dazu schreiben und googelte den vorgesehenen Titel Der verdammte Mausarm. Nanu, genau unter diesem Stichwort hatte ich ja schon mal einen Artikel dazu geschrieben, im September 2013! Da hatte ich von meinen Blogkolleginnen einige sehr gute Tipps bekommen, die ich auch ganz unbewusst jetzt umgesetzt habe. Nur das mit der Kortisonspritze (Tipp von Annette Weber) hatte ich vergessen. Das ist nun auch nicht mehr nötig. Damals war der Grund für das Malheur ein Lektorat gewesen, das ich an einem Wochenende durchziehen sollte. Petra van Cronenburg hatte mir gezeigt, dass es auch ganz anders geht bei solchen Anforderungen und dass sie oft auch nur aus Gedankenlosigkeit entstehen. Diesmal war es aber anders. Es gab und gibt keinen Druck von außen. Ich wollte nur meinem Roman Dampf geben, damit er irgendwann endlich fertig wird. Und die kurzen dunklen Rentnertage und die langen dunklen Rentnernächte verschönern. Dass das auch anders geht, habe ich in den letzten Tagen und Wochen erfahren. Der Schmerz zwingt einen ja dazu, mit dem schädlichen Verhalten aufzuhören und etwas anderes zu probieren. Das heißt zum Einen, rauszugehen und die Welt mal wieder unter anderen Blickwinkeln zu betrachten, zum Anderen, die Haltung immer wieder zu überprüfen, sowohl anderen als auch sich selbst gegenüber und sowohl in körperlicher als auch in mentaler Hinsicht. Auf jeden Fall noch einmal Dank an diejenigen, die mir vor drei Jahren Tipps gegeben haben! Von Anni Bürkl stammte der Hinweis auf den Bewegungswechsel. Und vielleicht gibt es ja noch einen Rat, wie man das Schmerzgedächtnis wachhalten kann, nicht immer mal wieder vergisst, wie weh das tun kann und nie wieder über die Stränge schlägt?

Dienstag, 27. September 2016

Monopoly für die Seele

Seit einem Jahr und drei Monaten bin ich nun Mitglied einer allmählich erstarkenden Gruppe: der RentnerInnen in Deutschland. Was für Vorstellungen hatte ich gehabt, was davon hat sich erfüllt und was hat sich als völlig andersartig erwiesen? Ich denke noch an die Geschichte von dem Mann, der ein Vogelhäuschen baute, dann noch eins und so viele, dass sich am Schluss die Vögel über seine Verschwendungssucht beschwerten. Der allmählich vertrottelt im Morgenmantel herumlief und die Mitglieder von esoterischen Gruppen brüskierte. Vorsicht, warnten die Ratgeber, mit ihrem Lebensgefährten werden Sie jetzt viel mehr Zeit verbringen als zuvor. Und der wird Ihnen auch mehr reinschwätzen als zuvor. Dem wollte ich entgegenwirken. Tätig sollte der Tag zu Ende gehen, sozial und kreativ wirksam, selbstverständlich. Dazu würde ich große Reisen machen und weitere Bücher schreiben. Doch wie so oft im Leben kam es ganz anders. Im Juli 2015 gab es einen Todesfall, der mir mit erschreckender Klarheit vor Augen hielt, dass ich das letzte lebende Mitglied dieser Familie sein würde. Auf der anderen Seite waren die neue Freiheit von jeglicher Arbeit und von allen Terminen, die monatelangen Sonnentage wie ein Rausch, dem ich mich voll und ganz hingegeben hatte. Der Winter aber ist ein harter Mann. Der Lebensgefährte hat mir nicht reingeschwätzt, sondern hat mich ständig mit Fluchtgedanken - Deutschland sei unbewohnbar geworden - und Auswanderungsgedanken aus demRuder geworfen. Du entkommst dir nicht, und anderswo kochen sie auch nur mit Wasser! Nicht nur einmal habe ich, die friedfertigste Person der Umgebung, mit der Faust auf alles mögliche eingehauen.

Eines Tages, oder innerhalb von Wochen, dachte ich mir: Wie wäre es, wenn ich wie beim Monopoly sagen würde: Gehe zurück auf Los. Ziehe keine 4000,- DM ein. Vergiss alles, was du bisher erlebt, was du studiert, gearbeitet und geschrieben hast. Erinnere dich an die selbstwirksamen Elemente dieser Zeiten, denke an den roten Faden, der dieses Webtagebuch seit den fast zehn Jahren durchzieht, die es jetzt existiert. Resilienz und Achtsamkeit, das waren meine Stichworte, und die hat uns unsere Supervisorin auch in einer der letzen Stunden ans Herz gelegt. Man kann niemandem helfen, wenn man sich nicht selber helfen kann. Die Likes, die ich in mehr als vier Jahren bei Facebook vergeben habe, waren der vergebliche Versuch, anderen etwas zu geben, was ich selbst gut hätte brauchen können. Wohlgemerkt, die Likes, an Informationen und echtem Austausch habe ich vieles mitbekommen. Aber es hat so müde gemacht auf die Dauer. Ebenso die Versuche, gegen Buchmarktmühlen anzurennen.

Jetzt bin ich eine neue Rentnerin. Oder zumindest im Begriff, eine zu werden. Ein Vogelhäuschen gibt es schon seit zwei Wintern, das stammt von irgendeinem Bauernmarkt. Der Morgenmantel wird gar nicht erst angezogen, die esoterischen Gruppen gar nicht erst besucht. Geholfen wird dort, wo die Hilfe nicht in einem Fass ohne Boden versinkt. Die vielgelobten Tiere als Aufgabe für RentnerInnen brauche ich nicht, denn sie sind ständig anwesend. Nach der geliebten Katze, die mich monatelang besuchte, ist gegenüber wieder ein neues Kätzchen da, das an meinem Walnussbaum hochspringt, wieder runterfällt und noch etwas scheu meinen Wohnraum erkundet. Dompfaffen und Rotkehlchen machen es sich auf den Gartenstühlen gemütlich, Eichhörnchen sammeln Nüsse und vergraben sie im Beet, Amseln und Elstern zetern im Verbund oder singen des Abends Melodien. Und nachts schreit in der Ferne immer wieder ein Esel. Der Nachbarsjunge donnert jetzt nicht mehr so oft seinen Ball an die Garage, er pfeift nicht mehr aus Angst, das verboten zu kriegen, denn wir haben uns über seiner kleinen Katze versöhnt. Was mir gut tut, weiß ich und weiß ein jeder, der diesen Blog regelmäßig verfolgt. Kleine und große Wanderungen, Ausflüge abseits der Autoströme und Baustellen, gutes Essen, gute Bücher, empathische und authentische Menschen, Kultur und Abwechslung und das Schreiben ohne Gedanken an das, was daraus werden könnte. Am Wochenende fahre ich zu einem Autorentreffen in Oberursel, das ist eine schöne Abwechslung und Bereicherung meines digitalen Alltags. Und einige von diesen Gedanken fand ich bei meiner sehr geschätzten Kollegin Petra van Cronenburg wieder. Ist das Müll oder kann das weg?

Sonntag, 26. Juni 2016

Auszeit: Reisen, Romane schreiben, Rosen züchten

Vor einigen Tagen, genauer gesagt am bisher heißesten Tag des Jahres, fuhren wir bei ca. 34° ein Stück in den Schwarzwald hinein, Richtung Alpirsbach. Dabei landeten wir ganz unvermutet in einem kleinen Paradies. Ein Moorsee mit Felswänden und Wasserfall, vorne ein weißer Sandstrand, eine Hütte und ein Badesteg. Natürlich waren wir nicht alleine da. Aber das wäre so ein Ort für eine kleine Auszeit. Daneben ist mir ein altes Buch in die Hände gefallen, von einem Vater, der in den vierziger, fünfziger Jahren mit seinen drei Söhnen durch den Schwarzwald, durch die Vogesen, den Bregenzer Wald und durch das Schweizer Jura gewandert ist. Das waren noch echte Auszeiten, ein Leben nur in der Natur, in Hütten und auf Bauernhöfen, Sonne, Regen und Stürmen ausgesetzt. Der Autor namens Fritz Hockenjos wurde 1927 in Lahr geboren und war seit 1947 Förster in St. Märgen im Schwarzwald. Er beschreibt diese Wanderungen, die Flora und Fauna, die Erlebnisse und Begegnungen in einer fast expressionistischen Sprache, bei der man das Gefühl hat, alles zu sehen, zu hören, zu riechen und mitzuerleben. Aber auch damals schon kündigte sich das Desaster der Menschen an: die zerschossene Gräberstätte am Hartmannsweiler Kopf, die Düsenjets, der allmählich aufkommende Massentourismus auch in den Vogesen und im Schwarzwald. Und auch damals gab es Extremregen und Gewitter, nur nicht so zerstörerisch wie gerade jetzt. Das alles zu lesen, und überhaupt Bücher zu lesen bedeutet eine echte Auszeit. Der menschliche Organismus und vor allem seine psychischen Strukturen sind nicht darauf angelegt, sich wochen -, monate - und jahrelang ständig negativeren Bildern und Informationen auszusetzen, ohne irgendwann zu streiken. Irgendwann muss er mal ein Ventil auf den Dampfdrucktopf setzen, um die Flut von Gewalt, Morden, Elend, Flucht, Brexit und immer verhehrenderen Naturkatastrophen zumindest zeitweise auszusperren, um nicht zu verzweifeln. Gestern sind wir mit knapper Not einem Unwetter entkommen, das sich wie eine überdimensionale Krake von allen Seiten über der Stadt zusammenbraute, tintenfischschwarz und kurz davor, Tentakeln oder Tornadorüssel zu bilden. Abends dann die Bilder von weinenden Menschen in Pfullingen, in Stromberg, flüchtende Besucher des Southsidefestivals in Neuhausen, ein entgleister Zug, Verletzte und tausende total Frustrierte. Unwetter in Deutschland. Die entgleiste Natur macht jetzt eine Pause, aber es ist nicht abzusehen, wie es tatsächlich weitergeht. Deshalb sollte jeder eine Nische finden, in der er wieder atmen kann, um sich gestärkt seinen Aufgaben widmen zu können.

Früher gab es das sogenannte Sabbatjahr, in dem man ein halbes oder ein Jahr lang mit der Arbeit aussetzen und sich in dieser Zeit ganz anderen Dingen widmen konnte. Ein Buch habe ich dazu gefunden, dessen Titel lautet: "Reisen, Romane schreiben, Rosen züchten" mit Tipps für eine solche Zeit. Reisen ist immer o.k., das habe ich sehr viel getan in meinem Leben. Und Romane geschrieben. Romane schreiben könnte eine gute Beschäftigung während einer Auszeit sein, doch das Veröffentlichen derselben sollte man nicht da hineinlegen. Und Rosen züchten bedeutet ganz viel Fachwissen und Arbeit - ich habe zwar welche in meinem Garten, erfreue mich aber lieber an ihren Blüten, als sie zu züchten. Nach dem Probelektorat habe ich den Krimi erstmal in die Dateien zurückgeschickt und den neuen Roman nicht weiterentwickelt. Im Self Publishing würden sie niemals die Kosten wieder einspielen, abgesehen davon, dass kaum jemand sie in den Shops wahrnehmen würde. Aber ich finde den Gedanken faszinierend, dass man einzelnen Lesern mit seinen Büchern eine Auszeit verschaffen kann - wie es dieser so lebendig schreibende Förster bei mir erreicht hat. Und deshalb werde ich den Gedanken, Bücher zu schreiben, nie ganz aufgeben.

Freitag, 13. Mai 2016

Schlechtwettertrauma

Vor einiger Zeit sah ich im Blog eines mir bekannten Autors die Überschrift: "Petrus auf offener Straße erschossen!"Las sich wie eine Zeitungsmeldung in dem Sinne: Wegen anhaltender Schädigung der Bevölkerung wurde Petrus eliminiert. Dabei blieb es offen, welche Konsequenzen das haben würde. So drastisch müssen wir in der Sache ja gar nicht vorgehen. Schon in der Schule musste ich mal einen Aufsatz schreiben, ob man sich von schlechtem Wetter beeinflussen lassen sollte. Damals hing ich, glaube ich, noch in der Schiene: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung. Das ist aber, so merkte ich im Lauf der Jahre, wahrscheinlich nur ein Versuch, den Umsatz der Regenbekleidungsindustrie anzuheizen. Schlechtes Wetter ist doof und bleibt doof, besonders wenn es zu Pfingsten kommt und die ganze darauffolgende Woche bleibt. Weihnachten war es wärmer als jetzt!, schreien die Zeitungen. Nass werden ist dabei gar nicht mal so schlimm. Die Farben werden grau und lustlos, die Vögel pressen den Schnabel zusammen und die Gesichter der Menschen sind verbissen oder hoffnungslos.

Nun habe ich ja vergangenen Dienstag den hervorragenden zweistündigen Vortrag der Psychologin und Traumaexpertin Michaela Huber angehört. Von Trauma kann natürlich keine Rede sein, wenn irgendetwas im täglichen Umfeld schiefgeht. Ich erinnere mich an die sogenannte "Kühlschrankdepri", die manche Zeitgenossen befällt, wenn sie da hineingucken. Aber man kann etwas anderes aus dem ableiten, was mir von dem Vortrag stark im Gedächtnis zurückgeblieben ist.
Bisher dachte ich immer, wenn das Wetter dauerhaft schechter, unbeständiger und unbegreiflicher wird, kann ich ja immer noch schreiben. Das funktioniert aber nicht so einfach. Schönes Wetter, das es bis vor einigen Jahren in zuträglichem Umfang noch gab, beflügelt die Phantasie, entlastet Körper und Seele, lässt die Vögel singen, die Menschen freundlich gucken und die Pflanzen wachsen. Da nützt alles Schreiben dagegen an überhaupt nichts. Aber man kann, so lernte ich in dem besagen Vortrag, seine Ressourcen finden und neu erwecken, für sich selber sorgen und nicht immer nur für andere, neue Wege gehen. Schlechtes Wetter, auch wenn es sich über die Jahre wiederholt, kann an sich kein Trauma auslösen. Echte Traumata gehören in die Hand des Psychotherapeuten. Aber dauerhaft mieses Wetter kann eine Art Phobie auslösen, nämlich es vermeiden, ständig davor fliehen  zu wollen, sich wie in einem Gefängnis zu fühlen. Denn konnte an früher noch in den Süden fahren, muss man derzeit feststellen, dass die Tiefdruckzonen sich eben dort befinden und die schwülwarme Luft zu uns herüberschaufeln. Diesem Phänomen müssen wir uns stellen und das für uns Beste daraus machen. Wobei das keine andere Erkenntnis ist als die, zu der ich in meinem jugendlichen Schulaufsatz gekommen bin.

Samstag, 12. Dezember 2015

Oasen

Gestern Abend wollte ich einen neuen Artikel verfassen. Er sollte von den Veränderungen handeln, die sich bei einem Individuum aufgrund der allgemeinen Schieflage der Welt und des einzenen Lebens ergeben können. Vorher schaute ich noch auf einem meiner Lieblingsblogs vorbei und sah: Da hatte jemand schon genau über dieses Thema geschrieben! Petra van Cronenburg schreibt eine Vorweihnachtsserie über Mehr Licht - "Reset" für die Welt. Anlässlich eines Computercrashs und Ausfall fast sämtlicher digitaler und analoger Kommunikatiosmöglichkeiten kommt sie zu dem Schluss, dass es der gesamten Welt gut tun würde, ab und zu mal auf einen solchen Resetknopf zu drücken. Und auch zu anderen bemerkenswerten Schlüssen, die es wert sind, nicht nur einmal gelesen zu werden. Jetzt frage ich mich, worüber ich selbst eigentlich schreiben wollte. Ja, über Veränderungen bei sich selbst, wenn man den höchst besorgniserregenden Zustand der Welt schon nicht ändern kann.Unlängst sah ich - nicht zum ersten Mal - einen Film über eine Stadt aus tausendundeiner Nacht: Marrakesch. Die Bilder dieser Landschaft und der Oase drum herum haben mich so in den Bann geschlagen, dass sie mich nicht mehr losließen. Es begann auf dem Suk, wo die Berichterstatterin Gewürze probierte, rote, gelbe, braune, ockerfarbene, Ingwer und Kardamom, Kreuzkümmel, Kurkuma und Chili, Anis und Gewürznelken, Muskatnuss, Safran und Zimt, um nur einige zu nennen. Sie fuhren mit einem Ballon über die Landschaft, hinter dem Atlasgebirge erstreckte sich die unendliche Wüste, sie besuchten prächtige Paläste, ahlten sich in luxuriösen Bädern und ruhten sich in schattigen Innenhöfen zwischen Palmen, Oleander und  Orangenbäumen aus. Dann ging es natürlich ans Essen, und das war der Hammer für mich. Ein simpler Hühnerschenkel wurde in eine Tajine gesteckt, dann immer wieder mit Arganöl beträufelt (das ist eine Nuss, die nur in Marokko vorkommt), Zitrone dazu, Zwiebeln, Knoblauch und verschiedenste Gewürze, darunter frische Kräuter wie Koriander Petersilie und Rosmarin. Was nachher herauskam, war eine duftende Köstlichkeit, die mich auf der Stelle dazu verführte, das auch probieren zu wollen. Schon am nächsten Tag machte ich es wahr, und tatsächlich, es schmeckte auch so, wie es ausgesehen hatte! Und schon war der Wunsch geboren, dort einmal hinfahren zu wollen, sofern die Reisewege es zulassen würden. Wie kann man mit Nationen, die solche Kunstwerke vollbringen, die unsere Kultur über Jahrhunderte hindurch so sehr bereichert haben, verfeindet sein und Kriege mit ihnen führen?

Es ist etwas hängen geblieben von diesen sensorischen Erlebnissen.  Die digitale Vernetzung ist auch aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken, aber ich habe jetzt meinen keinen Resetknopf, auf den ich immer drücken kann, wenn mich die Ereignisse fortzuschwemmen drohen. Ich kann Zeitung lesen, anstatt immer nur in die viereckigen Kästen zu starren. Ich kann einen kleinen Markt in der Nähe besuchen, mit einem Gemüsestand, einem Käsewagen, eine Wursttheke und einer Bäckerei, kann etwas kaufen, das es in den Supermärkten so gar nicht mehr gibt wie Grünkohl, Steckrüben, einen riesigen Bund Karotten und Kartoffeln, an denen noch die Erde klebt. Ich kann mich fernhalten von den Massenströmen, kann in Sonne und Nebel spazierengehen auf den Höhen und in den Tälern, kann mit Menschen sprechen, habe ein halbes Dutzend Weihnachtskarten gekauft, die ich auch noch beschriften werde, ganz ungewohnt nach den digitalen Klicks der letzten Jahre, und ich kann
vor allem eins: mit allen Sinnen in der Welt sein. Den Titel habe ich jetzt in "Oasen" geändert.
                                           
                                                                

Dienstag, 25. August 2015

Das Ende der Ungeduld

Gerade wollte ich schauen, ob ich den Titel "Das Ende der Ungeduld" nicht schon einmal verwendet hatte. Dabei stieß ich auf einen meiner Blogartikel aus dem Jahr 2010, in dem zwar von der Ungeduld des Autors die Rede, der Titel aber ein anderer war. Es ging um Genrewechsel und Pseudonym. Zwei Mitautoren rieten mir zum Pseudonym, Petra van Cronenburg ermunterte mich zum eigenen Namen, zur eigenen Marke. Und eine eigene Marke ist sie auch geblieben, wie man ihrem neuesten Beitrag entnehmen kann! Diesen Kreativitätsrausch kenne ich ebenfalls, und mein Phänomen der "glühenden Ohren" hatte ich in dem Artikel beschrieben; "Grenzen der Geduld" hätte ich es auch nennen können. Ich persönlich bin eigentlich ein grenzenlos geduldiger Mensch, und in diesem Sinne wurde meine Arbeit der vegangenen mehr als dreißig Jahre auch gebührend gewürdigt. Gleichzeitig bin ich aber ein wahnsinnig ungeduldiger Zeitgenosse. Schon als Kind habe ich Bastelarbeiten, die mir nicht gleich gelangen, an die Wand geschmissen. Das änderte sich schlagartig, als ich zu schreiben und zu veröffentlichen begann. Es gehört schon eine gewaltige Portion an Geduld - oder sagen wir lieber Ausdauer und "langer Atem"- dazu, Tausende von Seiten zu füllen, dafür Verlage und Agenturen zu suchen und das über einen Zeitraum von fast fünfzehn Jahren durchzuhalten. Das noch länger zu tun grenzt vordergründig schon an grenzenlose Selbstmarter, wenn man sich die heutigen Bedingungen der Veröffentlichung näher besieht. Die großen Buchhandlungen ordern offensichtlich nur noch Taschenbücher, die von den Verlagen massiv beworben werden. Am Self Publishing ist momantan wohl nur die Tatsache motivierend, dass Amazon pünktlich zahlt und dass man jeden Tag gucken kann, wie viele hundert Seiten heute denn wieder gelesen wurden. Manch ein Autor hat die Gelegenheit ergriffen und einen eigenen Verlag gegründet. Das Ende der Fahnenstange und das der Geduld scheint erreicht. Man könnte es auch als das Erreichen einer Belastungsgenze bezeichnen. Für mich ist es aber auch das Ende der Ungeduld, denn ich kann nicht mehr bekommen, als ich schon erhalten habe. Es gibt keinen Fortschritt mehr außer dem, den ich selber mache.

Das Ganze ist aber völlig zweitrangig, wenn man die Kulturschaffenden, die Autoren betrachtet. Ich höre nichts davon, dass sie massenweise aufgeben oder sich mit dem Gedanken tragen, aufzuhören. Nein, mit jedem neuen Buch brechen sie wieder auf in die von ihnen selbst geschaffene Welt. Und es wird immer Leser geben, die ihnen dorthin folgen. Auch ich habe ein Projekt, dessen Anfänge fast zehn Jahre zurückreichen. Vor einiger Zeit hat es mich gebissen, dann war ich wieder abgelenkt. Wunderte mich, dass es mich nicht mehr zum Schreibtisch gezogen hat. Bis ich (nach einigen Fragen meines Testlesers) darauf kam, dass das Vorhaben nicht schlüssig war und deshalb nicht funktionierte. Ich habe dann zwei Figuren und einen überflüssigen Mord rausgeworfen, die hatten den Handlungsfluss gestört. So richtig reinstürzen kann ich mich zwar immer noch nicht, weil ich für ein paar Tage in einer familiären Angelegenheit nach Hamburg muss. Aber vielleicht lässt mich die Zugfahrt auch ein wenig kreativ sein. In Hamburg kann ich einige Schauplätze meines Romans in Augenschein nehmen. Und dann gibt es noch den Krimi, der von einem kleineren Publikusverlag nicht veröffentlicht wurde, weil er an einigen Stellen nicht spannend genug gewesen sei. Ob sie damit meinten, die Polizeiarbeit hätte zu wenig im Vordergrund gestanden? Waren es zu wenig Dialoge, die ich beim Lesen gar nicht schätze, wenn das ganze Buch nur daraus besteht?

Ich hatte mir vorgenommen, nicht nur weiterzuschreiben, sondern auch an "meinen Themen" Achtsamkeit, Resilienz (Belastbarkeit), Burnout, Grenzen und soiale Medien dranzubleiben. Und so werde ich mich für Mitte Oktober wieder im Kloster Heiligkreuztal anmelden. Da geht es um die Grenzen gegenüber anderen, aber auch um Belastbarkeitsgrenzen. Durchgeführt wird das Seminar von einer Psychotherapeutin mit einem Lehrauftrag in Innsbruck, die sich ebenfalls mit Burnout, Trauma und ähnlichen Themen beschäftigt. Ich erwarte mir davon Abstand und die Erfahrung von Grenzen, meinen Grenzen und denen der anderen.



Donnerstag, 11. Juni 2015

Wie die Zeit vergeht und Sie sie verlangsamen können

In der einen Woche ohne die Routine der Arbeit habe ich eine erstaunliche Erfahrung gemacht: Die Zeit verging viel langsamer, ohne dass dadurch Langeweile aufgekommen wäre. Ich hatte plötzlich für alles Zeit, selbst zum Wäscheaufhängen, so richtig mit Wäscheklammern, zum Einkaufen und zum Relaxen. Termine sind die größten Zeitfresser. Die kann ich mir jetzt selber setzen. Wann ich das Haus verlasse, wann ich zum Schwimmen gehe, wann ich mein Ebook noch einmal überarbeite und wann ich es herausgebe. Wann ich in den Urlaub gehe. Alle Lebensbereiche waren um diese paar Stunden Arbeit aufgebaut gewesen, ständig war ein Druck zu spüren, der andere wichtige Dinge an sich gesogen und beschleunigt hat. Vielleicht ist doch etwas dran den Worten eines"positiven Psychologen", der die These aufstellt, dass Routine die Zeit beschleunigt, das Ausfüllen ihrer einzelnen Momente dagegen verlangsamt. Er führt als Beispiel einen Forscher an, der sich zwei Monate lang in einer Höhle einschließen ließ, Routinearbeiten verrichtete und hinterher angab, die gefühlte Zeit sei e i n Monat gewesen. Viele Menschen empfinden die Beschleunigung auch zunehmend mit dem Älterwerden. Liegt es daran, dass die Restzeit des Lebens sich zunehmend verkürzt? Nein, sollte man denken, für ein Kind müsste die Zeit doch rasen, bei allem, was es neu lernt und erlebt. Aber nichts in meinem Leben kommt mir länger vor als die ersten zwanzig Jahre. Ob es Kinder und Jugendliche heute auch noch so erleben? Oder hat sich die Welt an sich nicht beschleunigt und reißt alle, jung und alt, in ihrem Strudel mit? In dem Artikel schlägt der Autor vor, sich etwas für die Restzeit seines Lebens vorzunehmen, egal auf welcher Stufe man sich befindet. Etwas zu ändern, etwas zu machen,was man noch nie gemacht und was man noch nie gewagt hat. Es muss ja nicht endgültig sein, man kann es zunächst mal für dreißig Tage ausprobieren.
Wie die Zeit vergeht und Sie sie verlangsamen können.

Freitag, 29. Mai 2015

Vom Glück, eine "Glückshaut" zu haben

Heute aufgelesen am therapeutischen Wegesrand: Es gibt Menschen, die als Säuglinge einen Rest der mütterlichen Eihaut auf dem Kopf haben. Schon im Mittelalter wurde dieses Phänomen "Glückshaut" genannt. Den Inhabern dieser Glückshaut wurde vorausgesagt, dass sie es im Leben einmal besonders leicht haben würden und dass ihnen alles gelingen würde, was sie sich vorgenommen haben. Im Märchen "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren", aufgezeichnet von den Brüdern Grimm, wird der junge Hans mit so einer Glückshaut geboren. Ihm wird weisgesagt, dass er mit vierzehn Jahren die Tochter des Königs heiraten würde. Bis es dazu kommt, muss er aber etliche Abenteuer bestehen, die für ihn tödlich hätten enden können. Wie in einem Traum gelingt es ihm, eigene Kräfte zu mobilisieren, die Gefahren mit Humor und Mut zu meistern und die für ihn nötigen Hilfen zu mobilisieren. Und so erreicht er all seine Ziele, ohne ernsthaften Schaden dabei zu nehmen.

In moderne Sprache und Psychologie übersetzt bedeutet dieser Prozess, dass Hans ein überaus resilientes Kerlchen ist, denn seine Glückshaut schützt ihn vor negativen Gedanken und Gefühlen. Er hat nicht einfach nur Glück, sondern er zelebriert diese Fähigkeit zum Glück zu seinem eigenen und dem Nutzen anderer. Die Krisen werden nicht als unüberwindbare Berge empfunden, die man niemals bewältigen wird, sondern als Herausforderung und als Chance, daran zu wachsen. Schauen wir uns noch einmal die "sieben Säulen der Resilienz", der psychischen Widerstandsfähigkeit, an.
1. Säule: Optimismus
2. Säule: Akzeptanz
3. Säule: Lösungsorientierung
4. Säule: Die Opferrolle verlassen
5. Säule: Verantwortung übernehmen
6. Säule: Netzwerkorientierung
7. Säule: Zukunftsplanung
(Entnommen dem Beitrag "Einführung in die Resilienz" von Klaus Eitel).

Während der Beschäftigung mit diesem Thema kam mir der Gedanke, dass wir Autoren vielleicht auch versuchen, diese Widerstandsfähigkeit schreiberisch zu erarbeiten. Die Geschichte von Hans mit der Glückshaut erinnert an die Heldenreise des Odysseus, die vielen Geschichten und Filmen dramaturgisch zugrunde liegt und auch therapeutisch, zum Beispiel in der Gestalttherapie, genutzt wird. Die Elemente "Opferrolle verlassen" und "Verantwortung übernehmen" scheinen mir dabei überragend zu sein.

Dienstag, 19. Mai 2015

Mit 250 Km/h durch Deutschland

Am letzten Freitag war es wieder einmal soweit: Der traditionelle Spurt nach Frankfurt und Hamburg stand vor der Tür. Es ist kein Tripp, der dem Urwunsch mancher Menschen nach Entschleunigung gerecht wird, auch scheint die Achtsamkeit bei solchen Unternehmen manchmal außer Kontrolle zu geraten. Die Bahn hatte gerade einmal Streikpause. Der Stuttgarter Bahnhof ist nicht mehr wiederzuerkennen. Wenn man von ganz hinten zur wunderschönen alten Halle mit den vielen Imbissständen, Läden und dem Presse-und Bücherladen laufen will, trifft man statt dessen auf einen hässlichen Bauzaun und Berge von schmutzigem Aushub. Bei 250Km/h, auf der Höhe von Darmstadt, ist es dann geschehen. Vielleicht sollte man den Leitsatz aufstellen, dass man um so mehr Halt braucht, je mehr sich der Untergrund, auf dem man sich bewegt, beschleunigt. Auf jeden Fall gab es keinen Halt, als ich vom Tisch aufstand und der Zug sich ruckelnd in eine Kurve legte. Der Tisch gegenüber kam mir rasend schnell entgegen, ein Schmerz und besorgte Gesichter, die mir wieder aufhalfen. Das rüttelte mich schlagartig wach. In Frankfurt und auch später in Hamburg sah ich in jeder U- und S-Bahn, in jeder Straßenbahn Leute, die umhertorkelten und durchgerüttelt wurden, sich oft erst im letzten Augenblick vor dem Fall an einer Haltestange oder auch mal an unserem Rollkoffergriff festhielten. Während der rasenden Fahrt schaute außer mir niemand aus dem Fenster, alle blickten wie gebannt auf ihre Smartphones. Auch Reader konnte ich keine entdecken, ein junger Typ saß auf dem Boden und las ein Buch.

Später am Abend, in einer warmen Sommernacht, hatten sich die Frankfurter auf dem Friedberger Platz zu Hunderten versammelt. Jeder hielt eine Bier- oder Weinflasche in der Hand, ein Gewirr von Lachen und Stimmen drang herüber und verfolgte uns eine Straße weiter. Ähnlich zeigte es sich in Hamburg: Die schönen alten Kneipen des Schanzenviertels waren überfüllt, keiner hatte sein Smartphone in Betrieb, alle redeten miteinander und strömten zu Tausenden durch die Straßen. Lebenslust pur! Das sauge ich immer mal wieder gierig ein, denn bei uns auf dem Land sagen sich eher Rasenmäher, Kreischsägen und Elstern gute Nacht. Doch zurück zur Bahn: Bei den verantwortungsvollen Posten steht den Lokführern selbstverständlich ein angemessenes Gehalt zu! Doch der Service hat sich für mich, die ich seit Jahrzehnten treue Kundin bin, in keiner Weise verbessert. Nach wie vor Verspätungen, für Zugwechsel muss man beim Sparpreis tief in die Tasche greifen, und was früher die harten Ränder der Spagetti im Speisewagen waren, ist heute die Currywurst im Bistro, die in einer warmen roten Soße schwimmt. Das wiederum wird in der Großstadt mit köstlichem Saltimbocca und mehrgängigen Fischmenues beim Italiener ausgebügelt.

Das Hotel in Hamburg stammt aus dser Gründerzeit der Arbeiterwohlfahrt. Die Preise schießen immer wieder aus Gründen in die Höhe, die mit den Messen oder auch den Musicals zusammenhängen müssen. Auf jeden Fall war es genau das Haus, das meinem künftigen Roman (Schauplatz: Hamburg/ Buenos Aires) entsprungen sein könnte.



Eine ältere Frau mit Baskenmütze erzählte mir unaufgefordert, dass im Viertel gerade ein Priester namens Fernando Je gefeiert werde, einer, der unzähligen Menschen im dritten Reich zur Flucht nach Frankreich verholfen hätte. Ob sie geahnt hat, dass mein Roman in dieser Zeit spielen soll? Am Hafen war kein Durchkommen mehr. Massenweise wurden die Touristen auf Schiffe verfrachtet, die sie zur Konzerthalle des Musicals "Das Wunder von Bern" bringen sollten. Für ein reichhaltiges Krabbenbrötchen an der Brücke 10 standen sie Schlange und kämpften sich, wie wir, mit umgeklappten Schirmen und verkniffenen Gesichtern durch Sturmböen und Regen. Das lohnt sich allerdings auch.


Einfallsreich sind sie ohne Ende, die Großstädter! Einer kam mit einem Musikapparat statt eines Kopfes daher und beschallte die Umgebung, ein anderer angelte von einem Dach herab mit einem Pappbecher nach Almosen. Das waren barock gefüllte, aufregende Tage. Blieb am Ende der Rückweg, mit traditionell quäkenden Kind in der Zugnachbarschaft und einer traditionellen Verspätung. Aber die Bahn lässt sich dazu manchmal ewas einfallen, indem sie Überaschungen austeilt, allerdings nicht in Form von Leckereien oder einem Pott Kaffee, sondern einer Leseprobe (von was, weiß ich schon nicht mehr). In Stuttgart ging es diesmal durch einen endlosen Tunnel zur S-Bahn. Und da muss man sehr fix sein, um nicht von der Fahrstuhltür eingeklemmt zu werden. Ja, sie sind schnell und stressig und wundervoll, diese Fahrten quer durch Deutschland. Aber ich bin doch jedes Mal ganz froh, wenn ich wieder in meinem Rasenmäher- und Kreischsägenland bin und zu Fuß, ganz gemächlich, über die schwäbische Alb wandern und alles, was da blüht, fleucht und tschilpt, aus nächster Nähe anschauen, hören und riechen kann. Und jetzt streikt die Bahn ja wieder, länger noch als das letzte Mal.

Freitag, 1. Mai 2015

Resilienz - was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burnout

Das Wort Resilienz ist noch nicht so weit verbreitet wie die inzwischen gesellschaftlich anerkannten Gegenbegriffe Burnout oder Depressionen. Die sind in den letzten Jahren durch bekannte Persönlichkeiten salonfähig geworden. "Resilienz" kommt vom lateinischen Verb "resilire", was so viel bedeutet wie "zurücksetzen", "abprallen". Der Begriff ist mir in unserer letzten Supervision wieder begegnet. Schon vor Jahr und Tag hatte ich im wunderschönen Kloster Heiligkreuztal ein Wochenendseminar darüber absolviert. Das hatte mich mit dieser notwendigen psychischen Widerstandskraft so weit aufgetankt, dass ich eine ganze Weile davon zehren konnte. Später habe ich mir zwei Bücher zugelegt; über eins von ihnen wird im folgenden Artikel gesprochen.
 http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/resilienz-die-unsichtbare-kraft-13339688.html
Demnach ist Resilienz keine Gabe, die uns in die Wiege gelegt wurde. Besondere genetische und soziale Faktoren in der Kindheit begünstigen zwar die Stehaufmännchen-Mentalität, aber es könne ein jeder lernen, seine Ressourcen zur Resilienz zu stärken. Bei dem Artikel in der FAZ vom Januar würde ich aber bemängeln, dass sich Unternehmen nicht überlegen, wie sie die Arbeitsbedingungen stressärmer gestalten könnten, sondern die Angestellten vermehrt durch Resilienztrainings daran anpassen. Wie dem auch sei, es tut jedem gut, sich gegen Schicksalsschläge und negativen Stress jeder Art zu wappnen.

Wie geht man nun aber dabei vor? Es gibt ernstzunehmende Tests, mit denen jeder seine psychische Widerstandskraft und seine Schwachpunkte erkennen kann. Die kann er dann gezielt bearbeiten und stärken. Oder er ruft sich ins Gedächtnis, welche Schwierigkeiten er schon mit Resilienz gemeistert hat. Beim "Abprallen" von Stress, der durch starke Belastungen entsteht, scheinen mir unter anderem Humor, sowie die Fähigkeit zur Verdrängung und Ablenkung eine große Rolle zu spielen. Das mag manchen verwundern, hat man doch früher in der Psychotherapie so sehr darauf gesetzt, das Verdrängte an die Oberfläche zu holen, um es bearbeiten zu können. Aber wir gestalten unseren Alltag ja nicht als Psychoanalyse. Mir sagte mal einer von den Therapeuten, man müsse immer wieder den Deckel draufsetzen, wenn es zum Überdruck im Topf kommt. Sonst zischt der Dampf heraus und richtet womöglich Schaden an. Auch die Fähigkeit zur Kommunikation, sich Hilfe zu holen, sind dabei wichtige Faktoren. Und für sich selbst zu sorgen. In letzter Zeit habe ich selbst bemerkt, was mit den inneren Bildern passiert, wenn man sehr starken Belastungen ausgesetzt ist (zum Beispiel dem Besuch auf einer Station, auf der Patienten künstlich am Leben gehalten werden). Die Bilder brennen sich ein, aber je mehr man sich ablenkt, desto schneller verblassen sie wieder. Nebenbei gesagt: Ich habe mich heute mit einem Ausflug ins Museum der Alltagskultur in Waldenbuch, durch die sozialen Medien und mit dem Korrektorat meines Romans abgelenkt. Und mit den Themen "Resilienz" und "Achtsamkeit" (letzteres beinhaltet auch Entschleunigung) möchte ich mich weiter beschäftigen-habe schon ein paar junge und ältere Menschen getroffen, die ebenfalls großes Interesse an dem Thema haben.

Christina Berndt: Resilienz. Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burnout

Montag, 20. April 2015

Der Hunger nach Aus-Zeit

Gestern haben wir eine Wanderung gemacht, die uns die Augen in bestimmter Weise öffnete. Es war ein Weg, den wir schon seit Ewigkeiten kannten und den ich nie in der Öffentlichkeit beschrieben hätte. Unser privater kleiner Geheimtipp also. Der Himmel war leuchtend blau, die Kirsch- und Birnbäume blühten, alles war grün, alle Blumen waren auf einmal da, explosionsartig über Nacht aus dem Boden gebrochen. Und es geschah etwas, das wir noch niemals erlebt hatten: Auf diesem Weg begegneten uns Hunderte von Menschen, zu zweit, in lärmenden Gruppen, zu Fuß, per Fahrrad, zu Pferde, mit Kinderwagen und Walkingstöcken. Eine Art Unbehaglichkeit stellte sich ein. Wie kamen diese Massen plötzlich an diesen Ort? Durch das Internet, meinte mein Begleiter, die rufen sich zusammen und marschieren dann los. Durch das Wetter, sagte ich, die wollen einfach alle nur wie wir das schöne Wetter und die Baumblüte erleben. Wandern ist wieder in, die Wandervogel-Verstaubtheit vergangener Tage ist passé. Man sollte an sonnigen Sonntagen, zumal im Frühling nach Monaten der Dunkelheit und Kälte, bestimmte Orte meiden.

Wir zogen weiter und mussten feststellen, dass natürlich auch alle Cafés überfüllt waren. Schließlich fanden wir einen Ort, nicht ganz so spektakulär, an dem wir, mit Blick auf die grandiose Kette der schwäbischen Alb, doch noch in aller Ruhe unsere große Runde drehen konnten. Ich habe darüber nachgedacht. Und fand soeben einen Artikel in einem Wandermagazin, der schon ein bisschen älter ist, aber genau das beschreibt, was mit dem modernen Menschen vor sich geht in einer beschleunigten Zeit, die ihn seiner inneren Stabilität beraubt. Der Hunger nach Entschleunigung. Autor ist Ulrich Grober, er hat das von mir so stark erlebte Buch "Wandern. Neue Wege zu einer alten Kunst" geschrieben. Der Hunger nach Entschleunigung soll übrigens auch junge Mneschen ergriffen haben. Zeitschriften mit Anleitungen zur Achtsamkeit, zur Handarbeit statt ständigem Kopfkino, zu Lesen statt zum Fernsehen und Computern und fürs Zusichselberkommen hätten Hochkonjunktur Zehntausende von Auflagen. Vielleicht waren all diese Mneschen , denen wir da begegnet sind, beflügelt von dem Wunsch nach Auszeit, Entschleunigung und Einssein mit der Natur und mit sich selbst. Und mussten zu ihrem Schrecken feststellen, dass Hunderte den gleichen Gedanken hatten!

Die Gedanken zur Entschleunigung sind übrigens mitnichten neu. Schon die schwäbischen Dichter, mit denen ich mich gerade beschäftige, warnten vor der Beschleunigung allen Lebens. Das fing im neunzehnten Jahrhundert mit der Industrialisierung, den Dampfmaschinen und den ersten Eisenbahnen an. Justinus Kerner, hingebungsvoller Arzt, Geisterseher, Dichter und weltmännische Gastgeber aus Weinsberg, veröffentlichte im Jahr 1852 sein "Eisenbahn-Gedicht. Darin die letzte Strophe:

                                             Fahr zu, o Mensch! Treib's auf die Spitze,
                                             Vom Dampfschiff bis zum Schiff der Luft!
                                             Flieg mit dem Aar, flieg mit dem Blitze!
                                             Kommst weiter nicht als bis zur Gruft.



Sonntag, 15. März 2015

Wer langsamer wird, kann mehr erleben

Auf meinem Küchentisch steht ein Autorenkalender, Überbleibsel aus einem der Jubiläums-Geschenkkörbe, die ich in naher Vergangenheit erhielt. Diese Woche fällt mir jeden Tag der Spruch einer Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts in die Augen: "Die Langsamkeit bietet die Chance, das, was wir tun, auch zu erleben."
Henriette Wilhelmine Hanke, von der hatte ich bisher nie etwas gehört. Und doch war sie in ihrer Zeit eine Bestseller-Autorin. Offensichtlich hat sie ihren Leserinnen vieles der Spätromantik und ihres eigenen einsamen Lebens vermittelt. Eigentlich wollte ich in meinem nächsten Artikel über die Mobilität des Menschen schreiben. Und ich sehe da durchaus Verknüpfungen. Die größere Mobilität des Menschen begann damit, dass er nicht mehr weite Strecken wanderte, sondern sich zu Pferde fortbewegte. Später, nach Erfindung des Rades, auch mit Ochsen -oder Eselskarren. Je weiter die Zeit fortschritt, desto schneller konnte er sich von einem zum anderen Ort begeben. Die ganz große Revolution kam dann mit dem maschinellen Zeitalter, der Eisenbahn, dem Automobil und den Flugzeugen. Schließlich flog er in Überschallgeschwindigkeit zum Mond. Ähnlich ist es mit vielem anderen, mit den Lese-und Schreibgewohnheiten und der Kommunikation. Die alten Kulturen hinterließen der Nachwelt Schriften und Kunstwerke, die Bibel wurde vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt, irgendwann kamen Schreibmaschine und Computer in allen Dimensionen hinzu. Während man früher also zum Nachbarn ging und mit ihm redete, sitzt man heute am Tisch und redet in sein Smartphone. Bei Facebook kommen mal schnell welche vorbei (oder auch nicht), um ein paar Worte abzulassen. Was erleben wir denn da? Eigentlich nicht viel. Wir haben das Höchstmaß an Mobilität und Kommunikation erreicht.

Wenn ich mit dem Hochgeschwindigkeitszug durch die Landschaft rase oder auf der Autobahn fahre, sausen Wälder, Berge, Seen und Städte an mir vorbei. Sie verlieren an Bedeutung und werden austauschbar. Erst kürzlich dachte ich bei einer dieser Gelegenheiten: Wenn jetzt jemand aus dem All auf die Welt niederschauen würde, sähe er Millionen von Gestalten, die in einer Art Konservendosen sitzen, meist jeder für sich, und schnell irgendeinem Ziel zusteuern, das sie dann ebenso schnell wieder verlassen. Dafür sind wir doch gar nicht gemacht! Die anderen Millionen sitzen vor größeren oder kleineren Guckkästen, erleben dort ihre eigene Welt oder kommunizieren mit anderen Kastenguckern. Den Weg durch den Wald finden sie mit Hilfe von Google Earth. Dabei übersehen sie das erste aufgeblühte Veilchen, den ersten Blaustern oder Märzenbecher. Im Café sitzen sie, drücken und schieben auf ihren Smartphones herum und übersehen die vielen interessanten Menschen und Begebenheiten, die sich vor ihren Augen abspielen. Es ist das Leben in einer Parallelwelt.

Wenn ich zu Fuß einen Wanderweg beschreite, wird die Bedeutung wiederhergestellt, am meisten wahrscheinlich, wenn ich die Wanderung immer wieder unterbreche, die Dinge am Wegesrand betrachte oder eine Aussicht genieße. Ich erlebe etwas, wenn ich mit anderen spreche oder auch nur den Vögeln an der Futterstelle zuschaue. Oh nein, das Rad der Geschichte will ich keinesfalls zurückdrehen. Es sollte aber jeder von den allzu Mobilen, den allzu schnellen Guckern, den Fast-Food-Essern und auch von den allzu schnell veröffentlichenden Autoren ab und zu innehalten und überlegen, wo und was es wirklich zu erleben gibt. Und noch etwas: Das Medium ist dazu da, es richtig in seinen Gebrauch zu bringen. Wer sein Leben verhuscht und nirgendwo ankommt, ist daran vorbeigegangen. Aber wer alle Mittel, die der Mensch zu seiner Verfügung hat, richtig in Gebrauch nimmt, kann wirklich etwas erleben und es an andere weitergeben, damit die wiederum etwas erleben können.


Sonntag, 15. Juni 2014

Der gierige Hamster

Angeregt von einem Beitrag Petra van Cronenburgs nebenan möchte ich auch ein Traumerlebnis zum Besten geben, das meine Situation mit allem, was im Moment von Wichtigkeit ist, widerspiegelt. Als langjährig therapeutisch Arbeitende habe ich natürlich einen direkten Draht zu den dunklen Stuben, die auch heute noch da unten dräuen wie zu Armeweberzeiten. Nur die Bilder, die in diesen Stuben entstehen, wandeln ihr Antlitz im Lauf der Geschichte. Ich bin, wie so oft, mit vielen Leuten in einem Haus unterwegs. Alles ist im Aufruhr, im Umbruch, Neues soll entstehen. Und es ist ein richtiges, großes Haus, keine Burg wie noch vor zehn Jahren, in der wir treppauf, treppab herumirrten und keinen Ausgang fanden. Daraus entwickelten sich wahrscheinlich die historischen Romane. Nun, wir sind also unterwegs in diesem Haus, und mit einem Mal merke ich, dass ich meine Sachen nicht mehr finde, insbesondere meine Jacke nicht mehr. Ich suche und suche und finde weder Taschen noch Einrichtung noch sonst irgendwas. So weit, so gut. Wir versammeln uns in einem Raum, vielleicht ist es der Frühstücksraum. Da habe ich die Behausung meines Hamsters, eine kleine Burg für ein kleines Lebewesen. Ich streue ihm einen Berg seines Futters vor die Hütte und klopfe an, um ihn zu wecken. Der kleine schwarze Hamster wuselt heraus, eilt auf den Futterberg zu und frisst ihn innerhalb von Sekunden auf!

Was können wir, als wieder Erwachte, daraus lernen? Vielleicht dies: Sei achtsam mit dir und deinen Sachen! Zu leicht gehen die Bedürfnisse unter, wenn man mit zu vielen Leuten in einem zu großen Haus unterwegs ist. Und bedenke, was mit dem Futter passiert, wenn du den Hamster weckst. Hier war es noch vollkommen in Ordnung, aber was würde geschehen, wenn ein riesiggroßer schwarzer Hamster herauskäme und alles auffressen würde?

Dienstag, 27. Mai 2014

Abenteuer im Kloster

Vor etwa eineinhalb Jahren verbrachte ich ein Wochenende im Kloster Heiligkreuztal und kam fast wie ein neuer Mensch zurück. Das Kloster wurde 1227 gestiftet, zunächst von Beginen, den "grauenSchwestern",  aus dem benachbarten Altheim, dann von Zisterzienserinnen über 600 Jahre lang bewohnt und bewirtschaftet. 1972 wurde es von der Stefanus-Gemeinschaft käuflich erworben und seitdem zusammen mit der Diozöse Rottenburg als Tagungsstätte betrieben. Es liegt am Rande Oberschwabens, nahe Riedlingen an der Donau, in einer hügeligen, wenig zersiedelten Landschaft. Viele der Angebote zielen darauf hin, unser körperlich-seelisch-geistiges Gleichgewicht wiederherzustellen -einschließlich Anregungen zur Burnout-Prophylaxe. Für mich persönlich ist es die Mischung aus Umsorgtwerden, keine Pflichten und keine Probleme haben und dem Gruppenprozess, der aus den Themen heraus entsteht. Das ergibt einen einmaligen Nährboden für Erholung und neue Kreativität. Ich war auch die ideale Kandidatin für solch ein Abenteuer: supergestresst vom Beruf und orientierunglos zwischen zwei Büchern, einem Verlag und dem Self Publishing hin und her lavierend, dazu noch mit einer angestauchten Rippe. Wie es dazu kam, erzähle ich vielleicht ein andern Mal. Schon die Anfahrt war Erholung pur: vorbei an den blühenden Wiesen der schwäbischen Alb, voll mit Margeriten, Lichtnelken und Salbei. Bei Ankunft alles wie gehabt, ein altes Gebäude, das Amtshaus, vollgestopft mit Büchern aller Art, oben noch eine Bibliothek und eine große Zelle für mich allein, mit Blick in den Mariengarten innerhalb des Kreuzgangs.
Beim Abendessen lernte sich die Gruppe kennen, zwölf Frauen aus der näheren und weiteren Umgebung. Thema war "Stress bewältigen durch Achtsamkeit." Es wurden dann noch einige meditative Übungen und ein Bodyscan gemacht. Ja, darauf konnte ich mich einlassen, auch wenn ich bisher, vor langer, langer Zeit lediglich mal ein Volkshochschulseminar über autogenes Training gemacht hatte. Wir beschlossen den Abend zu dritt in einem Seerestaurant. Man erzählte sich so dies und das aus seinem Leben, und es stellte sich heraus, dass sogar mein letztes Buch irgendwie bekannt war. Normalerweise bin ich eine Nachteule und gehe erst nach Mitternacht ins Bett. Hier fiel mir bald das Buch aus der Hand, und ich erwachte um halb acht mit einem behaglichen Gefühl. Auf dem Weg vom Kreuzgang zum Refektorium (unserem Essaal) vermisste ich die mönchischen Gesänge, die mich damals so begeistert hatten. Es dauerte einige Zeit, bis mir klar wurde, dass die nicht vom Band gekommen waren, sondern von einer echten Männergesangsgruppe. Eigentlich wollten wir essen, ohne zu sprechen (was manchmal sehr entlastend sein kann); das wurde jedoch durch den Lärm der hundert anderen Gäste zunichte gemacht. Der Tag verging mit vielen Übungen, auch meditativem Gehen in einem Park mit labyrinthähnlich angeordneten Ahornbäumen, was mir Schwierigkeiten bereitete, weil ich normalerweise beim Wandern mehr fliege als "krieche". Daneben wurde eine Hochzeit ausgerichtet, und so mancher blieb verwundert stehen, als er die Damen durch den Garten schweben sah wie in einem Traum oder einer Science Fiction-Szene.
Abends war ich hundemüde nach all der Konzentration, und doch folgte ich einer kleineren Gruppe in den Seegarten. Ein Gruppenmitglied führte uns über Treppen, durch dunkle Gänge und kellerartige Gewölbe. Hier entsteht der Klosterkrimi, sagte sie mit geheimnisvoller Stimme. Mord im Kloster? Wer könnte ein Interesse daran haben, zwölf unbescholtene Frauen umbringen zu wollen? Oder sind sie gar nicht so unbescholten und haben es faustdick hinter den Ohren? So asketisch wie die Nonnen, die hier früher lebten, sind sie natürlich nicht. Sie legen Wert auf gutes Essen, kritisieren dessen nachlassende Qualität und stehen zwar um sieben Uhr auf, um in aller Stille zu sitzen (was ich nicht getan habe), würden aber sicher nicht wie die Nonnen um zwei Uhr nachts auf dem kalten Kirchenboden liegen und beten. Die einzige Erinnerung daran waren das viertelstündliche Bimmeln der Dachreiterglocke und der Weihrauch, der aus dem Kapitelsaal herüberdrang. Schön auch das Spiel auf einer indianischen Flöte, das unsere Leiterin Gertrud Hermle-Magg im Teehaus mitten im Klosterweiher zelebrierte.

Die zweite Nacht, noch früher als sonst war mein Licht gelöscht. Die Rippe tat schon kaum noch weh. Am zweiten Morgen war ich auf dieses Leben eingestellt, alles ging leichter von der Hand. Und bald waren Äbtissinnenhaus, Beichtigerhaus, Mühle, Kirche, Pfarrgarten und die riesige Klosteranlage von Sonnenlicht übergossen. Nach dem Mittagessen zerstreute man sich wieder in alle Richtungen. Ich erhielt eine Einladung zu einer Vernissage mit Lesung. Glücklicherweise ging es nicht gleich zurück in den Stress, sondern das klösterliche Leben ohne Computer, Fernseher und Handys ging nahtlos über in eine Fahrt durchs weite Oberschwaben mit seinem unvergleichlichen Himmel. Eine Wanderung durchs Federseemoor, ein Kuckuck rief. Der Mann aus Westfalen, kernig wie Pumpernickel, der eine mürrische Miene aufgesetzt hatte, weil er nun extra von der Eifel hierher gereist war, um den Sonnentau zu finden und ihn nicht fand. Wir wollten auch schon immer den Sonnentau finden, aber jetzt war es mir nicht mehr wichtig, denn wir hatten so viel anderes gefunden. Die Rast an einem völlig unbekannten See, mit Badeplatz und Gastwirtschaft. Ein Bummel durchs sonntäglich belebte Biberach und durch Ehingen an der Donau. Bevor ich endgültig zurückkehrte in das Knattern, Klacken und Rauschen der Zivilisation, dachte ich mir: Ich sollte nicht nur die Ruhe mit in den Alltag hineinnehmen, sondern das Ganze auch mal literarisch, wie auch immer, verarbeiten. Innere und äußere Bilder sind geblieben, das von einem Baum, meiner wäre eine Hutebuche, die ihre Wurzeln tief in der Erde hat, ihre Äste schützend ausbreitet, um selbst Zweige und Blätter in die Höhe zu treiben, sich Nahrung aus Luft und Sonnenlicht zu holen. Die Zeit hatte andere Dimensionen angenommen. Während ich stundenlang in der Zelle sinnierte, waren gerade mal zwei Minuten vergangen. Beim langsamen Gehen dehnten sich die Minuten zu Stunden. Und das war auch ein Zweck der Übung: innehalten und einen Augenblick lang "ganz" werden.
Moorbirken am Federsee
Sumpfknabenkraut

Aymühlensee
Biberach

Ehingen

Dienstag, 13. Mai 2014

Die ultimative Freiheit zum Schreiben!

Heute Morgen habe ich eine Art Experiment gemacht. Statt mich im sozialen Netzwerk herumzutreiben, wie es mir zur Gewohnheit geworden ist, habe ich eine dieser Daily Soap-Sendungen angeschaut, die sich aber als sehr fundiert erwies. Es ging um einen arbeitssüchtigen Mann, der immer erreichbar war, sich für seine Firma aufrieb bis zum letzten und mit seinem Verhalten seine Ehe und sich selbst massiv gefährdete. Schließlich machte er Fehler und wurde von seiner Chefin übel abgekanzelt. Erst nach einem Kreislaufzusammenbruch und Aufenthalt in der Klinik konnte er die Gründe für sein Verhalten erkennen und es ändern. Eine systemische Therapeutin kommentierte das Geschehen. Ich stellte anschließend fest, dass ich weder arbeitssüchtig noch burnoutlastig noch in irgendeiner Weise depressiv bin, sondern jahrelang zu viele Dinge getan habe, die mich unnötig belasteten und die ich nicht gebraucht hätte zu meinem Glück. Später am Vormittag traf ich im Badepark eine alte Freundin, die ich schon länger nicht mehr gesehen hatte. Sie hatte kürzlich ihren 70. Geburtstag gefeiert und meinte, ich sei ja noch ein junger Hüpfer, und wenn ich in Rente sei, bleibe mir ja immer noch das Schreiben. Man sollte einfach nicht ganz aufhören zu arbeiten. Für mich ist dieser paradiesische Zustand ja nun auch nicht mehr fern. Und ich habe mir schon Gedanken gemacht, was ich mit den 23 Stunden Arbeitszeit einschließlich Fahrzeit, die dann wegfallen, anfangen könnte. Einfach zu sagen, dann schreibe ich halt, ist zu wenig. Es sollte in ein Gesamtkonzept eingebunden sein. Also erst einmal habe ich mir heute eine Jahreskarte für das Schwimmbad gekauft. Dann kam gestern eine Mail von dem Kloster an der Donau, in dem ich einen Wochenendkurs zum Thema "Stress bewältigen durch Achtsamkeit" gebucht habe. Ja, zweimal im Jahr ins Kloster zu gehen wäre eine gute Option. Ein Blick bei Google zeigt mir, dass ich schon vier Beiträge über das Thema Achtsamkeit verfasst habe, zum Beispiel diesen hier: Die Seele aufschlagen lassen vom November 2013. Hatte mir nicht mal jemand empfohlen, über diese Klostergeschichte einen Psychokrimi zu schreiben? (der allerdings schon geschrieben ist). Am letzten Sonntag habe ich gemerkt, was es heißt, achtsam mit sich umzugehen. Ich habe nur kurz in den Computer geschaut, habe mir eine köstliche Bolognese mit frischen Tomatenstückchen gekocht, bin schwimmen gegangen und einmal um den ganzen Park herumgelaufen, bis die schwarze Wand mich wieder nach Hause trieb. Später habe ich ZDF History und Terra X geguckt. An diesem Abend habe ich mich so gut gefühlt wie schon lange nicht mehr!

Ansonsten wird sich im "Unruhestand" nicht allzuviel ändern, außer, und darauf freue ich mich besonders, dass ich wegfahren,- wandern, -radeln kann, wann immer ich will und wann immer die Sonne lockt! Ich kann die Wintermonate anderswo verbringen, wenn ich will und wenn ich einen Platz finde, wo das möglich ist. Und muss nicht mehr alles um den Beruf herum arrangieren. Ich könnte alte Freundschaften wieder etwas mehr pflegen, mich um den Garten kümmern, mir vielleicht endlich die Oleanderkübel zulegen, von denen ich schon so lange träume. Die Netzkontakte so pflegen, wie sie es brauchen, vielleicht auch wieder an Real-Life-treffen teilnehmen. Einen neuen Blog gestalten, neue Ideen für Bücher entwickeln. Bis jetzt haben meine Arbeitszeit - bis in den Abend hinein - und die psychische Hochspannung, unter der ich oft stehe, vieles verhindert.

Sonntag, 17. November 2013

Die Seele aufschlagen lassen

Ende November haben wir Kollegen unseren alljährlichen Konzeptionstag.Das Leitbild unserer Konzeption besteht u.a. darin, dass nicht nur das Wohl der Klienten, sondern auch das der Mitarbeiter ausschlaggebend für eine Fortentwicklung ist. An diesem Konzeptionstag nun wird es um unsere Ressourcen und die unserer Klienten gehen. Bekanntlich sind Angehörige von sozialen und Gesundheitsberufen besonders prädestiniert, in ein Burnout hineinzuschlittern, Ärzte, Lehrer, Sozialarbeiter, Krankenschwestern. Aber auch Hausfrauen, Handwerker, Manager, Autoren, eigentlich jeder kann in eine solche Fallle hineingeraten-sofern er nicht öfter mal innehält und sich auf eben diese Ressourcen besinnt.

Im September 2012 nahm ich an einem Wochenendseminar über Resilienz-Belastbarkeit als Schlüssel zur Lebensbewältigung-im Kloster Heiligkreuztal unweit der Donau teil. Das hat mich völlig rausgerissen aus der Hektik des Berufs- und Schreiberalltags, die Seele ist sozusagen "aufgeschlagen" und konnte sich neu orientieren. Damals war der Begriff "Achtsamkeit" für mich noch mehr oder weniger esoterisch angehaucht, allenfalls noch buddhistisch besetzt. Aber im Nachhinein verstehe ich, warum stressgeplagte Menschen, auch aus der Großstadt, sich immer häufiger auf diese Weise entziehen. Es ist nämlich nicht nur der Achtsamkeits-Raum, der hier angeboten wird, sondern auch eine Versorgung und Zuwendung, wie es der Normalo in seinem Alltag kaum noch erfährt. Ich erinnere mich: Morgens schritt ich aus der Klosterzelle, vorbei an dem Bücherraum, durch den Kreuzgang zum Refektorium. Dazu gregorianische Gesänge wie im Film "Der Name der Rose". Ein herrliches Frühstücksbüffet, andere Teilnehmer, die einem schnell ans Herz gewachsen waren, Erfahrungen in der Gruppe, Spaziergänge im wunderschönen Klostergarten und in der Umgebung. Man kann zu diesem Zweck Seminare  für Führungskräfte im Kloster Andechs buchen (eine absolute Touristenattraktion!), mit einem Kostenpunkt von 1.700 Euro. In anderen Klöstern, zum Beispiel in Heiligkreuztal, kommt man wesentlich günstiger weg, nämlich unter 200 Euro. Angehörige sozialer Berufe können es auch als Fortbildung ausweisen, denn was ist wichtiger, als seine eigenen Bedürfnisse mit denen anderer im Gleichgewicht zu halten?

Der Begriff "Achtsamkeit" scheint seinen esoterischen Beiklang inzwischen verloren zu haben. Zufällig fand ich einen Artikel im Spiegel Online vom März dieses Jahres: Achtsamkeit-kleine Schritte zur Entschleunigung.Man beachte die Kommentare, die teilweise schon auf den individualistischen, wenn natürlich im Einzelfall durchaus hilfreichen Ansatz hinweisen. Und was mache ich, wenn ich in der Intensivstation arbeite? Bei Aldi an der Kasse sitze? Soll ich da in aller Ruhe die Gesichter der Kunden studieren, die Oberfläche des Computers streicheln oder aufstehen und die Schlange ablaufen? Oder wenn ich als Autor eine Deadline habe? Hier gälte es, Freiräume zu schaffen, in denen sich die Betroffenen erholen können, statt ihre Kraft ununterbrochen zu verschleudern. Sie mal zur Ruhe kommen lassen, Atem schöpfen lassen nach den großen Anstrengungen. Arbeitgeber sollten immer mehr darauf achten, dass die Mitarbeiter eben nicht zu jeder Sekunde des Tages erreichbar sind. Und wenn sie sich selbst unentbehrlich fühlen, sollte man ihnen sagen, dass sie es nicht sind (nein, auch wir Autoren nicht!)Erstaunlich aiuch die Ansicht, die in einem der Kommentare geäußert wurde: Der Fernseher sei inzwischen nur noch das Opium des kleinen Mannes, das Internet dagegen Heroin für alle!

Als Fazit könnte ich noch eigene Überlegungen hintanstellen. Den Kurs "Reduzieren und gewinnen" im Kloster Heiligkreuztal habe ich verpasst, weil er schon lange vor Anmeldeschluss ausgebucht war. Im nächsten Jahr gibt es im Mai ein Seminar "Stress bewältigen durch Achtsamkeit", an dem ich gern teilnehmen würde. Ebenfalls im Mai findet dort eine Schreibwerkstatt "Schreiben im Kloster" statt. Wahrscheinlich ist das nichts für einen "gestandenen Schreiber", aber vielleicht braucht auch der mal eine kleine Loslösungsübung vom Althergebrachten und Vorgegebenem? Der Kurs "Reduzieren und gewinnen" wird dann wieder im November angeboten.

Sonntag, 14. April 2013

Reduzieren und gewinnen!


Gestern habe ich schon einige Auszeit-Orte gefunden. Es muss nämlich gar kein realer Ort sein, wie ich merkte. Jede sonnige Kaffeeecke in Rottenburg, jede Blausternwiese in Tübingen oder vor meinem Haus kann ein solcher Auszeitort sein. Von der Arbeit und dem Schreiben könnte ich mich auch im Kloster Heiligkreuztal erholen. Anfang Juni gibt es ein Seminar mit derselben Psychologin, die auch im letzten September dort eines zur Belastbarkeit abhielt. Im November folgt dann ein Seminar zum Thema "Reduzieren und gewinnen", da geht es darum, unnötigen und lebenserschwerenden Ballast abzuwerfen. Ich habe schon mal angefangen, bei Facebook die Leute auszusortieren, die nur auf Masse aus sind oder mir ihre unlesbaren E-Books andrehen wollen. Freundschaftsanfragen prüfe ich sehr genau. Jetzt hat sich die Zahl der Freunde auf die Hälfte reduziert. Der Schwarzwaldkrimi liegt in den Dateien; manchmal machen wir uns einen Spaß daraus, ein paar Seiten auszudrucken, und mein Gefährte liest kabarettmäßig daraus vor, so dass wir uns vor Lachen auf dem Boden kugeln. Nebenher lektoriert er noch das eine oder andere. Das gehört auch zur psychischen Entlastung. Wenn ich den destruktiven, nicht unbedingt notwendigen Ballast abgeworfen habe, brauche ich wohl keinen realen Auszeitort mehr, sondern finde diese Orte jeden Tag.