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Freitag, 6. Januar 2023

Wo ist Heimat?






 Manchmal, wenn wir im Winter über die grauen Felder laufen und die Krähen sich krächzend im Schwarm erheben, muss ich an das Gedicht von Friedrich Nietzsche denken.

Die Krähen schrei’n

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Thor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg’, Vogel, schnarr’
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck’, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n,
Weh dem, der keine Heimat hat!

 FRIEDRICH NIETZSCHE, 1844-1900

Was ist das eigentlich, Heimat? Herrmann Hesse (1877-1962) sagte: 


Heimat ist für mich ein Augenblick, in dem ich vollkommen eins mit mir und der Welt bin. Das kann während des Gesprächs mit einem vertrauten Menschen oder einer Gruppe sein, in der Natur, bei einem guten Essen, beim Anblick von Lichtern in der Dunkelheit, beim Wandern, Schreiben, Lesen, beim Ansehen eines guten Films. Der Duft nach südlichen Kräutern, das Glitzern auf einem Fluss oder einem See. Es kann immer nur ein Augenblick sein und wie alles nicht von Dauer. Ich könnte Heimat auch als "Einklang" bezeichnen.

                                                                             

Freitag, 27. Dezember 2019

Digitale Depression

Vor langer Zeit hatte ich hier mal einen Artikel geschrieben, in dem vom sogenannten digitalen Suizid die Rede war. Bei den Mitgliedern der sozialen Medien herrschte damals die Meinung vor, man begehe einen sozialen Suizid, wenn man sich den Medien entzieht oder sie wieder verlässt. Das Phänomen hat sich nicht verändert. Vor ein paar Jahren ist das Buch von Frau Prof. Sarah Diefenbach mit dem Titel "Digitale Depression" erschienen.
Digitale Depression
Es handelt davon, wie die sozialen Medien unsere Beziehungen und unser Glücksempfinden beeinflusst haben. Früher hat man nach einem Urlaub Freunden und Verwandten Fotos gezeigt oder etwas Landestypisches mitgebracht. Nicht zu vergessen diese manchmal recht langweiligen Diaabende (ein Bekannter hatte mal zirka 10 Diakästen über Bali zeigen wollen, bis alle protestierten!). Heute werden Fotos vor allem deshalb gemacht, damit sie in den sozialen Medien geliked werden. Ich werde nie vergessen, wie ich auf der Burg Hohenemmendingen mal aus der Ferne ein hübsches Foto von einer Hochzeitsgesellschaft zwischen Ruinen gemacht hatte und einer von ihnen mir nicht etwa zurief "Fotografieren von Personen verboten", sondern "Aber nicht vor uns bei Facebook einstellen!" Da war mir die Macht dieser Medien noch nicht so bewusst. Aber ich habe es am eigenen Leib erfahren. Nach sieben Jahren Facebook, einem halben Jahr 2011 bei Twitter und mit einem wenig benutzten Account bei Instagram  kann ich sagen, dass die Kommunikation und die Likes einen kurzfristigen Kick hervorrufen, der sofort wieder verrauscht und süchtig danach macht. Aus den Gründen habe ich Twitter schon lange auf Eis gelegt und melde mich bei Facebook nur noch alle zwei, drei Wochen. Denn die sozialen Medien verdrängen das reale Leben. Und meine Bücher sind dadurch vielleicht bekannt gemacht, aber kaum verkauft worden.

Nun habe ich seit ein paar Wochen (neben einem kleineren, nicht internetfähigen Handy) auch ein Smartphone. Auf der Harzreise im November tat es mir gute Dienste: Ich konnte Anschlusszüge bei Verspätungen heraussuchen, mein Autorenforum checken, Fotos machen und mit meinem Sohn austauschen. Da sind wir auch schon bei einer der wenigen positiven Funktionen: Man kann mit Menschen, die man gut kennt, in intensivem Austausch bleiben. Nachteil beim Fotografieren ist: Die Fotos meiner Digitalkamera kann ich dort nicht verwenden, muss also dafür mit dem Smartphone Bilder machen.

Die Smartphonebenutzer hatte ich oft als ziemlich unangenehm erlebt. Das laute Gequake plötzlich, dauernd dachte ich, jemand rufe nach mir oder meine mich. Dann die Geschichten mit den Unfällen und dass viele das Smartphone sogar neben dem Bett liegen haben, um erreichbar zu sein. Ich sah Fernsehberichte über Entzugsbehandlungen in der Klinik. Daneben fand und finde ich es immer als unhöflich, wenn jemand mitten im Gespräch oder während des Essens ans Handy geht. Das tue ich jetzt allerdings auch nicht, ganz bewusst nicht, meistens ist das Smartphone aus. Es ist zwar schwierig, sich heutzutage ohne Smartphone durch die Welt zu bewegen, aber es ist machbar sogar auf Reisen. Man kann immer noch normal in Hotels einchecken, wenn man rechtzeitig da ist und nicht alle schon von unterwegs gebucht haben. Und eines ist mir jetzt ganz klar geworden: Die anderen in den Medien sind auch nicht permanent glücklich und haben ein ach so tolles Leben und ständig Urlaub unter Palmen. Gespräche mit Menschen direkt und gemeinsame Erlebnisse sind wesentlich nachhaltiger und klingen dauerhafter nach.

Hier noch ein Link zum Blogbericht eines Musikers, der sich aus der digitalen Depressionsfalle befreit hat:
Digitale Depression
Reale Erlebnisse, hier: merkwürdige Figuren am Eulenturm im Kloster Hirsau/ Schwarzwald
Jagdschloss im Kloster Hirsau

Mittwoch, 22. November 2017

Heimat finden


Elfinger Berge bei Maulbronn-auch ein Stück Heimat
Gestern sind wir, nach einer langen dunklen Nebelperiode, mal wieder ausgeflogen. In den Schwarzwald, der ja gleich vor unserer Haustür liegt. Ein wenig Sonne hatte sich durch die Schleier gekämpft, und je weiter wir nach Süden fuhren, desto klarer wurden die Umrisse der Berge, desto hübscher die Häuserfassaden, desto lebendiger die Läufe der Flüsse und Bäche. In einer Bäckerei naschte ich vom Kuchen meines Gegenübers -ich selbst bestelle mir fast niemals einen, weil ich lieber Deftiges mag. Es war mir, als hätten diese Heidelbeeren, Melonenschnitze und Himbeeren noch nie so intensiv geschmeckt. In einer anderen Stadt stellten wir das Auto an den Rand der Fußgängerzone und liefen in eine märchenhafte Lichterzone hinein. Schramberg, das war bisher immer die Stadt der Uhren gewesen, Industriestadt, allenfalls noch interessant durch die rußgeschwärzte Burg weit oben, die wir schon einmal für Recherchen durchstreift hatten. Jetzt war es wie eine Offenbarung, als hätten wir diese Straße noch niemals gesehen. Rechts und links Geschäfte aller Arten, Kuchen und bunt verzierte Torten, glänzender Schmuck, Kleidung, Cafés, Restaurants, Kneipen, in denen die Gäste wie Könige im Schaufenster thronten. Und überall gelassen schlendernde Menschen, die noch nicht vom Weihnachtstrubel erfasst waren.

Dann eine kleine Buchhandlung. Da gab es merkwürdigerweise keine Riesenauslage von Krimis und Thrillern, auch keine Regionalkrimis, sondern eine Abteilung "Heimat". Was ist das eigentlich, Heimat, wie konnte der Begriff von einem so verstaubten und belasteten zu einem immer mehr gebräuchlichen werden? Heimat ist, wo man herkommt, wurde früher oft gesagt, hat was mit der Kindheit zu tun, mit dem Geschmack und Geruch der alten Zeiten. Ich hatte früher immer gedacht, es sei der Ort, wo man sich am meisten zuhause fühlt und wo die leben, die einem am liebsten sind. Inzwischen würde ich den Begriff anders definieren, und das erklärt auch dieses Gefühl, das ich während der Fahrt in den Schwarzwald empfand. Es ist das Gefühl, mit sich selber im Einklang, ganz da zu sein und die Welt mit allen Sinnen zu erfahren. Es ist kein immer währendes Gefühl, ähnlich dem Glück, es kann sehr schnell durch den Einbruch der schnöden Außenwelt wieder zerstört werden.

Parallel dazu las ich, dass die Besitzer von Smartphones nur noch acht Minuten täglich telefonieren würden, alles verlagere sich zunehmend auf die Online-Kommunikation. Dass die Kids es aber neuerdings genießen würden, Unkraut zu jäten. Der Wald stehe in der Werteskala der Deutschen inzwischen auf Platz eins, noch vor Gesundheit und Familie. Wald aber eher als Event, in dem man sich schnell und effektiv erholen wolle. Mir ist schon klar, woher das alles kommt, man braucht sich nur die Bestenlisten anzusehen. Wald und Bäume bei den Büchern, bei den Kalendern, gestern war sogar ein ganzes Schaufenster als Wald eingerichtet, mit Wolf, Wildschwein, Hase und Igel darin. In Pforzheim gibt es ein Schnellrestaurant, in dem die Gäste zwischen Holzstämmen sitzen, ich glaube, es servieren sogar Kellner und Kellnerinnen mit Dirndln und Lederhosen. Seit Dörte Hansens "Altes Land" ist der Heimatbegriff wohl endgültig salonfähig geworden. Und der Titel "Das Kind in dir muss Heimat finden" steht schon monatelang auf der Bestenliste. Ich persönlich habe meine Heimat in der Natur und in der Kultur, finde sie in Büchern, im Schreiben und bei Menschen, die ähnlich denken und empfinden wie ich. Gerade vorgestern habe ich meinen Roman beendet und ihn noch nicht irgendwohin geschickt. Denn solange er noch bei mir ist, gehört er zu meinem "Heimatgefüge".

Dienstag, 8. November 2016

Das geheime Leben der Bücher

Anfang Oktober hatte ich das Glück, während eines Autorentreffens eine Live-Lesung des Bestsellerautors Peter Wohlleben zu hören. Er sprach über sein zweites Buch, Das Seelenleben der Tiere, das ebenfalls ganz hoch oben auf der Bestsellerliste landete. Es war spannend zu hören, wie einen so ein Ereignis treffen und das ganze Leben verändern kann. Ich habe das erste, signierte Buch Das geheime Leben der Bäume dann gelesen und war total begeistert. Über die Bäume habe ich viel gelernt, wie sie sich gegenseitig unterstützen, ihren Nachwuchs "stillen" oder wie die Buchen sich durchsetzen und niemand unter ihnen hochkommt. Tiere haben viel mehr Seelenleben, als man sich das bisher vorgestellt hat. Seitdem gehe ich mit anderen Augen durch den Wald und durch die Welt. Damit haben sich endlich einmal zwei Bücher durchgesetzt, die unsere Umwelt dem Menschen wirklich nahebringen. Aber ich habe mich auch an bestimmte Worte Wohllebens erinnert. Aller Erfolg, den man sich einmal erträumt hat, weltweite Bekanntheit und Reisen durch die Fernseh- und Radiostudios wiegen nicht die wirklich wichtigen Dinge im Leben auf: Die Beziehungen zur Familie und zu Freunden. Im Einklang zu sein mit sich selbst und seiner Umwelt.

Erfolg macht nur glücklich, das habe ich erfahren, wenn er in diesem Einklang mit sich selber und der Umwelt steht. Und wenn diese Ziele im Umfeld des Erreichbaren angesiedelt sind und die Messlatte nicht ständig zu hoch angelegt wird. In meinem neuen, arbeitsfreien und selbstbestimmten Leben hat sich der Fokus verschoben. Bücher zählen dabei zum größten gemeinsamen Nenner, daneben Museen, Musik, gutes Essen, die Natur und alle kulturellen Dinge. Menschen, die noch zuhören und sich zuwenden können. Das gilt auch für die Beziehungen in den sozialen Netzwerken, die durchaus zum Wohlbefinden beitragen können.
Was ich gerade schreibe, hat alle Zeit der Welt. Es führt mich an ferne und bekannte Orte und hilft mir, die graue, kalte Novemberzeit bis Ende Februar mit ihrem Bluespotential zu überbrücken.


Freitag, 16. September 2016

Wie ein Schreiber zu Potte kommt

Immer, wenn ich in den beiden letzten Wochen an meinen Blog dachte und daran, dass es mal wieder Zeit würde, einen Beitrag zu schreiben, verwarf ich diesen Gedanken wieder. Der letzte Beitrag war ein Herbstgedicht von Theodor Fontane, was merkwürdigerweise geradezu zu einem Hype von Besuchern führte. Als würden viele Menschen nach Sinn-Gedichten oder Dingen suchen, die sie mental aufbauen. Das kann natürlich nicht zur Folge haben, dass mein Blog künftig nur noch aus Zitaten bestehen würde und ich nichts mehr aus meiner Feder fließen lasse. Ja, für wen schreibe ich jetzt seit zehn Jahren diesen Blog? Für alle, die meinen Blick auf das Leben (und auf das Schreiben) teilen. Gestern habe ich kurz in einen Fernsehbericht reingeschaut, in dem es um Hass im Netz ging. Radikalisierung entstehe, wenn sich eine Gruppe bildet, die eine Meinung teilt und alles andere ausschließt. Solidarität entsteht umgekehrt genauso, nur lässt sie abweichende Meinungen zu oder kann sie absorbieren. Des Weiteren habe ich überlegt, ob ich für meine Altersgruppe, die Rentner, einen Beitrag schreiben sollte. Wie es sich anfühlt, nach etwas mehr als einem Jahr richtig angekommen zu sein, sich von den Vorstellungen, die das Berufsleben bestimmten, verabschiedet zu haben. Und eine ganz neue, entspanntere Identität gefunden zu haben.

Wenn du in Rente gehst, wirst du sicher froh sein, mehr Zeit zum Schreiben zu haben, sagte damals eine Klientin zu mir. Wir wünschen dir noch viele Bestseller, schrieben die Kollegen auf das Abschiedskärtchen. Was schreibst du denn gerade, und wie geht es sonst mit deinen Büchern?, wollte die Vorstandsrunde beim Abschiedsessen wissen. Da komme ich immer in Erklärungsnot. Das Buchgeschäft ist auch nicht mehr das, was es einmal war, versuche ich dann auszuweichen. Ich schreibe jetzt E-Books. Das war die große Unbekannte und in den Kreisen durchaus kein erstrebenswertes Mittel, um Bücher zu lesen. Sie alle gehören allerdings zu meiner "Zielgruppe", denn sowohl Klienten als auch Kollegen haben meine Bücher immer sehr gern gelesen.

Was ich mit meinem "Rentnerbeitrag" hätte erreichen wollen? Vielleicht anderen in einer ähnichen Situation Mut zu machen, andere, kreativere Wege zu gehen als bisher. Ich hatte nur noch nicht die Worte dafür gefunden. Heute Morgen besuchte ich den Blog einer lieben Autorenkollegin, die genau das schrieb, was mir die ganze Zeit im Kopf herumgegangen ist. Tausend und ein Gedanke. Das gilt nicht nur für das Schreiben, sondern für das eigene Leben, das man unabhängig von der Meinung anderer so gestaltet, wie es für einen passt und was einen "glücklich" macht. "Erfolg", so denke ich gerade, ist eine Art dicke Kuh, die einen aufs Eis zum Tanzen verführen will. (Da höre ich im Hintergrund Protest der vielen Leser, die meine Bücher gelesen haben-hallo, hier, hier ist deine Zielgruppe!, monieren sie). Dem Ruf dieser tanzenden Kuh bin ich nicht mehr gefolgt, habe mich nirgends mehr beworben, sondern schreibe an meinem neuen Roman, dessen verknotete Strukturen ich vor ein paar Tagen aufgelöst und neu zusammengesetzt habe. Ich kann wieder schreiben, ohne zu wissen, ob sich dafür eine Agentur, ein Verlag oder eine Zielgruppe im Self Publishing finden wird. Und das ist einfach beglückend.

Samstag, 9. April 2016

Generation "Kopf unten" und die kleinen Fluchten

Neben allem, was ich auch schon im Fernsehen und im Internet mitbekommen habe, las ich heute einen Zeitunsartikel über die sogenannten Smombies. Smombie ist ein Begriff, der sich aus "Smartphone" und "Zombie" zusammensetzt. Vom Rückschritt des Fortschritts: Digitaler Burnout, Smombies & Generation Head-Down Das beginnt schon mal recht lustig mit einer Darstellung des aufrechten Gangs bei Menschen, der erst auf allen Vieren kriecht, allmählich auftsteht, dann aufrecht geht und in der Endphase den Kopf wieder nach unten senkt, dem Boden immer näher kommt und  damit die Übersicht verliert. Vieles ist schon bekannt wie das Verkehrsschild in Stockholm, das nicht vor spielenden Kindern, sondern vor Menschen mit Handys und Smartphones warnt. Dabei geht es offensichtlich gar nicht mehr ums Telefonieren: 7 Minuten pro Tag soll die durchschnittliche Gesprächsdauer des Smartphonenutzers betragen. Der Rest wird mit Kontaktieren bestimmter Kommunikationsseiten wie Facebook oder Twitter verbracht. Es wird empfohlen, "digitale Diäten", smartphonefreie Zonen für sich einzurichten, zum Beispiel im Schlafzimmer. Speziell für den Straßenverkehr hat die Dekra eine Studie veröffentlicht, die heute in den Zeitungen abgedruckt wurde. Die-Unfaelle-der-Generation-Kopf-unten. Wenn sechs von zehn Bundesbürgern ein Smartphone besitzen und es täglich einige Stunden nutzen, ist das in der Tat ein beachtenswertes gesellschaftliches Phänomen. Und es kann gefährlich werden, wie wir gesehen haben.

Die meisten derer, die diesen Blogeintrag lesen, werden gar kein Smartphone haben oder es so sinnvoll nutzen wie das Messer, mit dem sie Salami schneiden. Ich selbst habe (noch) keins, sehe aber über die genannten Aspekte hinaus noch weitere Zusammenhänge. Eine Rückmeldung in den sozialen Medien zu bekommen, so las ich an anderer Stelle, setze bestimmte Glückmomente frei, das bekannte Serotonin. Das verfliegt aber auch schnell wieder, so dass es bald wiederholt werden muss. Das beschränkt sich nicht nur auf den Gebrauch von Geräten. Es geht ME auch darum, sich Parallelwelten zu erschaffen, um die schnöde Gegenwart eine Zeit lang vergessen zu können. Die meisten der Smartphonebesitzer werden nicht das Glück haben, sich eigene Welten zum Beispiel durch Schreiben, Malen oder Musik erschließen zu können. Wahrscheinlich haben sie sogar verlernt, Bücher zu lesen. Oder sie lesen kürzere Texte auf dem Smartphone. Ich persönlich halte Parallelwelten für äußerst gesund, wenn sie als solche erkannt und persönlichkeitsfördernd eingesetzt werden. Hat sich nicht unter anderem im neunzehnten Jahrhundert eine ganze literarische Genration von Schriftstellern damit über Wasser gehalten? Wenn sich heute vor allem junge Menschen darin total verlieren, ist das besorgniserregend. Handy und Smartphone können auf der anderen Seite auch Orientierungsmittel im Dschungel der modernen Welt sein. Das Umfeld sollte den Blick vom Boden heben und genau beobachten, was geschieht, sollte aufklären und alternative Welten anbieten.

Freitag, 29. Mai 2015

Vom Glück, eine "Glückshaut" zu haben

Heute aufgelesen am therapeutischen Wegesrand: Es gibt Menschen, die als Säuglinge einen Rest der mütterlichen Eihaut auf dem Kopf haben. Schon im Mittelalter wurde dieses Phänomen "Glückshaut" genannt. Den Inhabern dieser Glückshaut wurde vorausgesagt, dass sie es im Leben einmal besonders leicht haben würden und dass ihnen alles gelingen würde, was sie sich vorgenommen haben. Im Märchen "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren", aufgezeichnet von den Brüdern Grimm, wird der junge Hans mit so einer Glückshaut geboren. Ihm wird weisgesagt, dass er mit vierzehn Jahren die Tochter des Königs heiraten würde. Bis es dazu kommt, muss er aber etliche Abenteuer bestehen, die für ihn tödlich hätten enden können. Wie in einem Traum gelingt es ihm, eigene Kräfte zu mobilisieren, die Gefahren mit Humor und Mut zu meistern und die für ihn nötigen Hilfen zu mobilisieren. Und so erreicht er all seine Ziele, ohne ernsthaften Schaden dabei zu nehmen.

In moderne Sprache und Psychologie übersetzt bedeutet dieser Prozess, dass Hans ein überaus resilientes Kerlchen ist, denn seine Glückshaut schützt ihn vor negativen Gedanken und Gefühlen. Er hat nicht einfach nur Glück, sondern er zelebriert diese Fähigkeit zum Glück zu seinem eigenen und dem Nutzen anderer. Die Krisen werden nicht als unüberwindbare Berge empfunden, die man niemals bewältigen wird, sondern als Herausforderung und als Chance, daran zu wachsen. Schauen wir uns noch einmal die "sieben Säulen der Resilienz", der psychischen Widerstandsfähigkeit, an.
1. Säule: Optimismus
2. Säule: Akzeptanz
3. Säule: Lösungsorientierung
4. Säule: Die Opferrolle verlassen
5. Säule: Verantwortung übernehmen
6. Säule: Netzwerkorientierung
7. Säule: Zukunftsplanung
(Entnommen dem Beitrag "Einführung in die Resilienz" von Klaus Eitel).

Während der Beschäftigung mit diesem Thema kam mir der Gedanke, dass wir Autoren vielleicht auch versuchen, diese Widerstandsfähigkeit schreiberisch zu erarbeiten. Die Geschichte von Hans mit der Glückshaut erinnert an die Heldenreise des Odysseus, die vielen Geschichten und Filmen dramaturgisch zugrunde liegt und auch therapeutisch, zum Beispiel in der Gestalttherapie, genutzt wird. Die Elemente "Opferrolle verlassen" und "Verantwortung übernehmen" scheinen mir dabei überragend zu sein.

Sonntag, 24. November 2013

Wohin mit den Belegexemplaren?

In meinen Kommoden und Schränken stapeln sich die Belegexemplare der Bücher. Anfangs habe ich sie als Rezensionsexemplare verschickt, da kamen auch immer gleich zwanzig Stück zu jedem Roman. Oder sie gingen an Leserundenteilnehmer. Inzwischen sind die Verlage sparsamer geworden, und eigentlich auch mit Recht. Denn wo kann man diese Bücher sinnvoll einsetzen? Also packte ich gestern eine Tasche voll, und los gings auf eine kleine Reise, die wir sowieso geplant hatten. Auf dem Weg zum Geburtsort Christian Friedrich Daniel Schubarts sollten uns allerdings noch so mancherlei glückliche Zufälle begegnen:
                                             
Das Städtchen Murrhardt zum Beispiel mit seinem 1000 Jahre alten Kloster St. Januarius, der angebauten Walterichskapelle und den Dämonengestalten am Portal. Dazu ein Klostercafé und warmer Apfelstrudel mit Eis und Sahne. In Obersontheim findet man ein Renaissanceschloss, Schubarts Geburtshaus und eben eins von diesen Büchertauschregalen. Ich tauschte das fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert gegen das neunzehnte. Wenn man Glück hat, sieht man den Nachtwächter in Schwäbisch Hall durch die Gassen ziehen und hört in der Kirche einem Probechor zu, dessen Gesang durch Mark und Bein geht. Und wenn man noch mehr Glück hat, erwischt man auf dem Rückweg - bei der Abendessen-Suche-keinen Aldi-Leberkäs und kein verbranntes Schnitzel, sondern einen Braten mit Dunkelbiersoße vom Haller Landschwein. Solche Glücks-Tage sind selten und müssen irgendwie festgehalten werden, um sich daran zu wärmen, wenn das Chaos, der Regen, die Kälte, Weihnachtsrummel und Winterdepression sich wieder festzusetzen drohen.

Dämonische Gestalt am Portal der Kapelle



Walterichskapelle

Blick aus dem Fenster des Klostercafés

Mittwoch, 20. November 2013

Glück ist mehr als ein Dauergrinsen

Alle reden dieser Tage vom Glück, die ARD hat dem eine ganze Themenreihe gewidmet. Seit der Mitte des letzten Jahrzehnts hat die Jagd nach dem Glück sprunghaft zugenommen, die Ratgeberliteratur beläuft sich inzwischen auf 25 000 Bücher. Was veranlasst Menschen, alles auf sich zu nehmen, um diesem Gefühl ein Stückchen näher zu kommen? Auf der Suche nach Beiträgen, die über Sprüche wie "Glück ist ein Schmetterling, wenn du ihn jagst, wirst du ihn nicht bekommen ..."hinausgehen, fand ich ein Interview mit Wilhelm Schmid, einem Bestsellerautor über Lebenskunst und Arnold Retzer, einem Psychotherapeuten, der dem positiven Denken den Fehdehandschuh hingeworfen hat. Glück wird überbewertet. Mal kurz zusammengefasst, was mich daraus beeindruckt hat:
Ein gutes Leben ist eines, das auch Katastrophen und Scheitern miteinbezieht.
Die Jagd nach dem Glück wird zum Terror des "Sollens".
Wünsche und Ziele werden nicht auf Tauglichkeit für das eigene Leben überprüft, im Zweifel trennt man sich nicht von falschen Lebenszielen und gescheiterten Hoffnungen.
Für  Retzer ist ein gutes Leben die Vermeidung schlechten Lebens, das heißt, vermeidbares Unglück sollte ausgeschlossen werden.
Man kann sich auch einfach wohlfühlen, indem man einen Espresso trinkt oder ein gutes Essen genießt. Daraus ein Dauerwellnessglück machen zu wollen, ist schon wieder Zwang und Terror. Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens ist wesentlich, ohne sich beim Genuss mit allen Sinnen anzustrengen, auch noch darüber nachzudenken.

Ich mache mir jetzt einen Espresso und schaue mir nachher etwas über die bayerischen Seen an, bevor die Katastrophe wieder heranwalzt, sprich die Arbeit, eine unangenehme berufliche Fahrt morgen über die schwäbische Alb, wahrscheinlich im Wintersturm, und ein knallvoller beruflicher Terminkalender nächste Woche. Gehört zum Leben, hihi. Und ich könnte diesen Beruf, der meist sinnhaft ist, auch beenden wie das Schreiben, das ebenso sinnhaft sein kann. Meine Definition vom Glück ist die: Wärme, Licht, Nahrung, Zugehörigkeit zu jemandem und zu mir selbst, aber auch Aufbruch, Abenteuer und Erschaffen von etwas, sei es ein Kind, ein Roman, ein Bild.