Diese Überschrift ist vieldeutig:
"Deutschland im Herbst", den Film von Rainer Werner Fassbinde hatte ich 1978 im
Kino gesehen - da ging es um die RAF, also den Terror von links. Es ist auch
ein Titel von der Gruppe "Böhse Onkelz" und prangert die Gewalt von
rechts an. Mir kam es heute in den Sinn, weil der Herbst tatsächlich beginnt,
noch vor dem offiziellen Datum. Und es ist der Zeitpunkt kurz nach der Wahl in
Sachsen-Anhalt am Sonntag, den 6. September, als die Anhalter eine
verfassungsmäßig als rechtsradikal eingestufte Partei wählten. Es sei eine
Zäsur in der Entwicklung der deutschen Demokratie, hieß es in den Nachrichten
und Kommentaren. Ich vertraue aber weiterhin auf die Vernunft der Leute und
etwas auch auf die Regierungsparteien, denn in der gestrigen Sendung von Sandra
Maischberger trat ein Mitglied der AFD auf, das nur leeres populistisches
Gerede war - der Mann konnte auf die einfachsten Rückfragen nicht eingehen. So
wie die anderen auch, deren Gesichte und Reden sind voller Missachtung und
Häme, und ich würde keinem einzigen von ihnen über den Weg trauen. Was nicht
heißen soll, dass ich nicht alle anderen Parteien ebenfalls auf dem Holzweg
sehe - so krass, wie sich die Dinge auf der ganzen Welt entwickelt haben!
Nun auch noch zum Persönlichen, zu meinem eigenen Herbst in Deutschland. Seit heute sind die Temperaturen wieder von über 30 auf 19° heruntergefallen, woraufhin meine Füße kalt wurden statt rot und dick wie Ende Juni, als sie in Berlin kaum noch in die Schuhe passten. Die Lahmheit, das verdunkelte Zimmer und die Pollen-und Staubattacken durch die Trockenheit, was bei mir zu starken allergischen Reaktionen führte. Alles vorbei, und auch die Beine laufen wieder normal. Pünktlich zum gefühlten Herbstbeginn kamen auch wieder die Horrorzahlen des Börsenvereins des deutschen Buchhandels ans Licht. Die jungen Leserínnen seien schon wieder im Schwinden, die Lesekompetenz nehme immer mehr ab. Am stabilsten scheint es bei den 50-bis 70 jährigen zu sein, Belletristik ist da noch am Laufen. Ich selbst, da ich mir ein Leben ohne Schreiben nicht vorstellen kann, habe vor Kurzem mit der Ausarbeitung eines Romans begonnen, der in den 30er Jahren in Hamburg und in Argentinien /Brasilien spielt. Die Urform wurde vor zehn Jahren vom Hausverlag und einer Agentur abgelehnt, vor allem wegen des Genre-Mixes Thriller und Familienroman. Jetzt habe ich ca. 100 Seiten, die ich neu aufzäume. Es ist die Geschichte von zwei Schwestern, von denen eine mit der Mutter zum Vater nach Argentinien auswandert, die andere bleibt bei der Oma in Hamburg und erlebt mit wachsender Begeisterung das Aufkommen der Nazis, derweil die andere auf ebensolche Nazis in Argentinien trifft. Es hat viel mit meiner Familiengeschichte zu tun, da meine Eltern in Hamburg den Krieg erlebten und ich im Jahr 1969 vier Monate lang in Argentinien war, wohin mein Onkel 1934 ausgewandert war. Im Hintergrund gibt es noch den Thriller/Krimi von einem gefährlichen Trail über die Schwäbische Alb- der ruht noch in den Dateien. Das Schreiben, die besonderen Filme im Nagolder Kino und andere Erlebnisse halten mich auf dem Damm. Zwar haben sich die Bedingungen weiter verschlechtert-es gibt immer weniger Plätze, an denen wir uns früher wohlgefühlt haben - aber manchmal tun sich auch neue Türen wieder auf.

































