
Weiß gar nicht mehr, wo ich dieses Foto aufgenommen habe -auf jeden Fall ist es aus der aktiven Zeit, in irgendeiner schwäbischen Kleinstadt datiert. Ja, es ist so, seit ein paar Wochen schreibe ich wieder intensiv, es hat mich richtig "gebissen". Und je tiefer ich in das Thema eindringe, desto mehr ersteht die damalige Zeit - 1934 in Hamburg und Argentinien - vor meinen inneren Augen neu. Wie tief verwurzelt die NSDAP/AO in Argentiniens deutschen Kolonien verwurzelt war, mit welchen Methoden sie die Leute einschüchterten und das gesamte Leben kontrollierten, nicht nur in Misiones, sondern auch in Buenos Aires, Brasilien und Chile. Und mir wird immer klarer, warum die Rattenlinien genau in diese Richtung gingen und warum diese Länder auch später, bis heute so viele Diktaturen hervorgebracht haben. Die Grundidee meines Romans (der vielleicht nie das Licht der Welt erblicken wird) waren zwei längere Reisen nach Südamerika,1969 vier Monate nach Argentinien, 1993 nach Venezuela. Ich weiß noch, wie gut viele Leute in Argentinien auf Hitler zu sprechen waren und wie toll sie alles Deutsche fanden. In Misiones habe ich nicht nur die Wasserfälle von Iguazú, sondern auch eine deutsche Kolonie gesehen, es muss "Eldorado" gewesen sein, wo ich alles so alt-deutsch, Kinder mit blonden Zöpfen und altmodischen Kleidern sowie puppenmäßige Häuser wie in Tolkiens Auenland vorfand. In Venezuela stellte ich mir vor, wie die Cessna im Urwald abstürzen würde und wir uns wochenlang durch den Dschungel kämpfen müssten.
Dank der Google-KI (und das ist für mich wirklich die einzig brauchbare) bin ich auf Quellen gestoßen, die ich früher mit den Klicks auf die Links niemals gefunden hätte, zum Beispiel einen Augenzeugenbericht über den Ablauf einer BDM-Zeltlagers auf Rügen. Welche Lieder da gesungen wurden, wie marschiert und gedrillt wurde, und die schönen Wanderungen zum Königsstuhl und die Gitarrenabende am Lagerfeuer. Oder den Verlauf eines Fluges mit einer Junkers 38 von Hamburg-Fuhlsbüttel 1934 nach Berlin, wie es drinnen im Flugzeug aussah, dass es nur Stewards gab, die während der Turbulenzen Kaugummi verteilten wegen des Druckverlustes. Auch was serviert wurde, nämlich nur kalt und Kaffee/Tee aus der Bordküche. Stewardessen gab es damals erst eine in der Schweiz, und Frauen, die das werden wollten, mussten erstmal eine Ausbildung als Krankenschwester machen. Die Routen der Widerstandskämpfer nach Dänemark habe ich gefunden, wo sie sich trafen und wie sie die Kassiber im Koffer tarnten. Dass es schon damals eine Holzrutschbahn im Tivoli gab. Und dank der KI habe ich sogar meine Tante Helga Kaee gefunden, die damals in Kopenhagen als Berichterstatterin für den Widerstand arbeitete. Und meinen Opa Paul Lotz, der sich als Nazimeckerer und Leser von ausländischen Zeitungen nach Amsterdam abgesetzt hatte und in der Ferdinandstraße in Hamburg eine Bank besaß.. All diese Figuren tauchen in meinem Roman mehr oder weniger in anderer Form wieder auf., und ich hätte um die halbe Welt reisen und in Archiven wühlen müssen, um das alles rauszukriegen. Hilfreicher waren da meine Reiseberichte, die ich auf dünnem Luftpostpapier als 19jährige getippt und bis heute aufbewahrt hatte. (Das Geklapper war damals meinem Onkel auf die Nerven gegangen, auf der Estancia gab es allerdings schon einen Strom-Generator, vom Wind angetrieben, im Gegensatz zum Jahr 1934, als man noch Petroleumlampen oder Rindertalg verwendete). Meine Mutter war im BDM, ich habe noch ein Foto mit wehendem weißen Kleid, während mein Vater vom Opa vorsorglich auf die liberale Hermann-Lietz Schule in England geschickt wurde. Auch meine Oma "Hamburg" ist verortetet, die eine argentinische Schlangenhaut an der Wand hängen hatte, ich werde die nie vergessen. Ob es stimmte, dass ein Vater die Boa oder Anaconda erschossen hätte, als sie gerade sein Kind fressen wollte, werde ich wohl nie herausbekommen. Es ist wie eine Zeitreise durch meine Familien-und die allgemeine Geschichte, die so faszinierend ist, dass ich an die Schwierigkeiten einer Veröffentlichung momentan überhaupt nicht denke. Es zeigt mir auch die Parallelen zur Entwicklung des Rechtsradikalismus, insbesondere auch der AFD in Deutschland.