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Dienstag, 8. Mai 2018

Warum ich meine Blogs nicht schließe-trotz DSGVO!

"Prolog": Zunächst einmal etwas ganz Persönliches. Ein Mensch, der mir sehr nahe steht, hat sich sein ganzes Leben lang der Digitalisierung verweigert. Er besitzt weder Computer noch Smartphone noch Handy und erledigt Behördliches per Brief oder Telefon. Unterwegs, auf der Straße, in Geschäften und Cafés spricht er die Leute an und bringt sie, wenn sie auf der gleichen Welle liegen, zum Lachen. Ich selbst habe schon Tränen dabei vergossen! Wenn sie ihm nicht behagen, gibt es schon mal Knatsch, ebenso mit den SUV-Fahrern, die meinen, ständig unsere Stoßstange knutschen zu müssen. Kürzlich hatten wir ein Treffen mit unserem gemeinsamen Anwalt, meinem Exmann. Es ging um ein Familientreffen, die DSGVO fiel dabei ein wenig unter den Tisch. Am anderen Tag bekam mein Freund einen Brief von diesem Anwalt wegen des 25. Mais. Ich habe ihm erklärt, worum es dabei geht. Auch die Anwälte müssen jetzt wegen des Datenschutzes Verträge mit ihren Klienten abschließen.
"Wieso lasst ihr euch diese Nazimethoden eigentlich gefallen?", fragte er grimmig.
"Weil über 90% aller Menschen ein Smartphone besitzen und in einer digitalisierten Welt leben! Du gehörst zu den Dinosauriern."
"Die Dinosaurier haben Jahrmillionen überlebt, die waren besser angepasst als die Menschen."
"Bis ein Meteorit kam und sie von der Erde katapultierte!"
"Was nicht erwiesen ist."

Zurück zum Thema: Warum ich meine Blogs trotz der DSGVO nicht schließen möchte. Die vergangenen Wochen kommen mir im Rückblick vor wie ein Ritt über den Bodensee. Erstmalig erfuhr ich im öffentlichen Bereich des Montsegur-Autorenforums von der Existenz der DSGVO und dem Stichtag 25.Mai 2018. Sich da durchzuwühlen hat fast alle Kraft, allen Verstand und sämtliche Nerven gekostet. Nachdem die Grundlagen erst einmal da waren, habe ich folgende Schritte gemacht. Ich habe

-mit Hilfe eines Generators der Deutschen Gesellschaft für Datenschutz eine Datenschutzerklärung erstellt.
-Die habe ich zusammen mit dem Impressum und einer Urheberrechtserklärung auf beiden Blogs verlinkt.
-Google Analytics hat mir bisher zwei Anleitungen geschickt, wie ich diese DSE anpassen kann. Google selbst hat die SSL-Verschlüsselung vorgenommen. Weiteres müsste folgen.
-Die Links zu den sozialen Medien habe ich deaktiviert. Wer meine Beiträge zum Beispiel bei FB oder Twitter verlinken will, macht das auch ohne diese Buttons.
-Im Kommentarformular habe ich gestern noch eine Mitteilung an Kommentatoren hinterlassen, dass sie meiner Datenschutzerklärung oben in der Navigationsleiste zustimmen.
-Dann habe ich mir auf Anraten von Kolleginnen den Ghostery runtergeladen, der anzeigt, welche Elemente noch stören. Bei mir waren es zwei, die ich deaktiviert habe. Ich wusste nicht, dass ich mir damit den Zugang zu meinen Blogs versperre und habe die beiden Aktivierungen deaktiviert.

Jetzt bleibt nicht mehr viel zu tun. Ebenfalls gestern stieß ich auf einen Beitrag von Petra van Cronenburg, FB und die DSGVO betreffend. Daraus habe ich wieder einmal entnommen, wie FB und andere soziale Medien mit uns Usern umgehen. Und dass die Blogs eine Nische darstellen, die an Zeiten der Geocities im Internet erinnern. Und aus diesem Grund und aus Gründen werde ich meine Blogs nicht löschen.

Der 25. Mai ist übrigens auch Deadline für mein Lektorat, dass mir vor ein paar Tagen ins Haus flatterte. Seit meinen Kleinverlagszeiten habe ich nie mehr so ein gründliches und sprachlich und inhaltlich feinschlifferiges Lektorat erhalten. Es bringt Spaß und kostet nicht viel Zeit, so dass wir weiterhin unseren Outdoor-Vergnügungen nachgehen können.



Samstag, 31. Dezember 2016

Blick nach vorn

Einen Jahresrückblick zu schreiben fällt in diesem Jahr nicht leicht. Am liebsten hätte ich mich auch davor gedrückt. Im Laufe dieses Jahres kamen die Terroranschläge immer näher, selbst die Stadt, in deren Nähe ich wohne, blieb nicht ganz davon verschont. Eine junge Frau entging nur knapp der Vergewaltigung durch einen Asylbewerber. Es gab verheerende Kriege, Überschwemmungen, Hitzewellen, den Brexit und immer wieder die Flüchtlingsfrage.

Persönlich war es kein schlechtes Jahr für mich. Ich konnte endlich einmal meine Autorenkollegen von Montsegur in Oberursel kennenlernen. Als neugebackene Rentnerin bin ich richtig angekommen. Seit Mitte Oktober machten meine Oberarme Probleme, das zwang mich dazu, mein Selbstausbeutungsverhalten am Computer usw. neu zu überdenken und meine Lebensweise zu korrigieren. Der neue Roman ist geschrieben bis auf den Schluss. Es gab viele schöne Erlebnisse und Begegnungen in diesem Jahr 2016.

Das neue Jahr wird nicht besser werden als das alte. Der ganze Problemkomplex wird überschwappen in die nächsten Monate. Aber jeder kann seine Haltung dazu ändern. Auch andere hatten und haben sich dazu Gedanken gemacht. Hölderlin schrieb in einem seiner epischen Gedichte: Wo aber Gefahr ist, wächste das Rettende auch. Das hat etwas immerwährend Tröstliches, auch wenn es vielleicht in einem anderen Zusammenhang gemeint war. Reinhold Messmer, so las ich heute in der Zeitung, geht nie einkaufen, er kümmert sich nur noch um seine Museen. Ein paar Gedanken steuert auch der Psychologe Robert Koch-Wichmann bei, der uns zeigt, wie wenig selbstverständlich eigentlich alle täglichen Ereignisse und Errungenschaften sind: Nichts ist selbstverständlich. 
Ich wünsche allen Leser einen guten Übergang und die richtigen Entscheidungen im nächsten Jahr!

Dienstag, 8. November 2016

Das geheime Leben der Bücher

Anfang Oktober hatte ich das Glück, während eines Autorentreffens eine Live-Lesung des Bestsellerautors Peter Wohlleben zu hören. Er sprach über sein zweites Buch, Das Seelenleben der Tiere, das ebenfalls ganz hoch oben auf der Bestsellerliste landete. Es war spannend zu hören, wie einen so ein Ereignis treffen und das ganze Leben verändern kann. Ich habe das erste, signierte Buch Das geheime Leben der Bäume dann gelesen und war total begeistert. Über die Bäume habe ich viel gelernt, wie sie sich gegenseitig unterstützen, ihren Nachwuchs "stillen" oder wie die Buchen sich durchsetzen und niemand unter ihnen hochkommt. Tiere haben viel mehr Seelenleben, als man sich das bisher vorgestellt hat. Seitdem gehe ich mit anderen Augen durch den Wald und durch die Welt. Damit haben sich endlich einmal zwei Bücher durchgesetzt, die unsere Umwelt dem Menschen wirklich nahebringen. Aber ich habe mich auch an bestimmte Worte Wohllebens erinnert. Aller Erfolg, den man sich einmal erträumt hat, weltweite Bekanntheit und Reisen durch die Fernseh- und Radiostudios wiegen nicht die wirklich wichtigen Dinge im Leben auf: Die Beziehungen zur Familie und zu Freunden. Im Einklang zu sein mit sich selbst und seiner Umwelt.

Erfolg macht nur glücklich, das habe ich erfahren, wenn er in diesem Einklang mit sich selber und der Umwelt steht. Und wenn diese Ziele im Umfeld des Erreichbaren angesiedelt sind und die Messlatte nicht ständig zu hoch angelegt wird. In meinem neuen, arbeitsfreien und selbstbestimmten Leben hat sich der Fokus verschoben. Bücher zählen dabei zum größten gemeinsamen Nenner, daneben Museen, Musik, gutes Essen, die Natur und alle kulturellen Dinge. Menschen, die noch zuhören und sich zuwenden können. Das gilt auch für die Beziehungen in den sozialen Netzwerken, die durchaus zum Wohlbefinden beitragen können.
Was ich gerade schreibe, hat alle Zeit der Welt. Es führt mich an ferne und bekannte Orte und hilft mir, die graue, kalte Novemberzeit bis Ende Februar mit ihrem Bluespotential zu überbrücken.


Samstag, 8. Oktober 2016

Im Oktober

Der Oktober war in diesem Jahr ein Einschnitt. Nicht nur, was den Abschied vom Sommer und den Hinauswurf ins Kalte, Trübe betrifft. Am letzten Wochenende besuchte ich das Autorentreffen in Oberursel und war so angetan und inspiriert wie lange nicht mehr. Aber es war nicht nur ein Kokon, der alle eingehüllt hätte, sondern öffnete auch manches Auge für die Situation der Autoren in dieser Zeit. In Frankfurt Hauptbahnhof kehrte die Realität mit aller Macht zurück: Die Live-Festnahme zweier Männer in einem Zug mitsamt Koffer, ein Terroralarm mit schwerbewaffneten Polizisten. Und die Kälte wurde immer unerbittlicher. Jetzt liege ich seit Tagen mit einer schweren Erkältung darnieder, umgeben von Tees, Unmengen von Papiertaschentüchern, Büchern und Kreuzworträtseln. Auf der Suche nach Oktobergedichten habe ich eins von Erich Kästner gefunden, den ich bisher mehr mit "Emil und die Detektive", "Pünktchen und Anton" usw. identifiziert habe. Spricht für diese Stimmung und gefällt mir sehr gut!


Der Oktober 

Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Was vorüber schien, beginnt.
Chrysanthemen blühn und frieren.
Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Und du folgst ihr wie ein Kind.

Geh nur weiter, bleib nicht stehen.
Kehr nicht um, als sei's zuviel.
Bis ans Ende musst du gehen,
hadre nicht in den Alleen.
Ist der Weg denn schuld am Ziel?

Geh nicht wie mit fremden Füßen
und als hättst du dich verirrt.
Willst du nicht die Rosen grüßen?
Lass den Herbst nicht dafür büßen,
dass es Winter werden wird.

Auf den Wegen, in den Wiesen
leuchten, wie auf grünen Fliesen,
Bäume bunt und blumenschön.
Sind's Buketts für sanfte Riesen?
Geh nur weiter, bleib nicht stehn.

Blätter tanzen sterbensheiter
ihre letzten Menuetts.
Folge folgsam dem Begleiter.
Bleib nicht stehen. Geh nur weiter,
denn das Jahr ist dein Gesetz.

Nebel zaubern in der Lichtung
eine Welt des Ungefährs.
Raum wird Traum. Und Rausch wird Dichtung.
Folg der Zeit. Sie weiß die Richtung.
"Stirb und werde!" nannte Er's.

Erich Kästner, 1899-1974





Mittwoch, 2. März 2016

Die bleierne Zeit

In diesen grauen Tagen und Wochen muss ich immer wieder an den Begriff der "bleiernen Zeit" denken. Es scheint kein Ende nehmen zu wollen mit dem Regen, den Graupelschauern, der Kälte und dem eisigen Wind. Dazu die geschwundenen Möglichkeiten, sich mit seinem Autorenstatus aus dieser Welt zu beamen. Das bringt alles keinen Spaß mehr. Autoschlangen wälzen sich Stoßstange an Stoßstange über die Straßen des Landes, denn Baden-Württemberg ist das Land des Heiligen Blechle, welches auch sonst. Auch die Autos tragen zur bleiernen Zeit bei, denn sie sind fast durchweg grau, schwarz oder weiß und stoßen unter anderem Blei aus. Irgendwie musste da auch noch was Politisches sein, denn "Die bleierne Zeit" hatte doch irgendwas mit einem Film von Margarete von Trotta, der RAF und "Deutschland im Herbst" zu tun. In dieser Hinsicht ist auch heute die Zeit mehr als bleiern: Die europäische Flüchtlingspolitik steht in einem desaströsen Stau, und das ganze Konstrukt droht auseinanderzubrechen.

Was hat es jetzt aber wirklich auf sich mit der bleiernen Zeit? Ich bin dem mal nachgegangen. Ja, es war ein Film von Margarete von Trotta, und es handelt sich dabei um die Entwicklung der Ensslin-Schwestern zur Gewalt und zur konstruktiven Konfliktlösung. Bleiern sei die Nachkriegszeit gewesen, in der alles über den Nationalsozialismus totgeschwiegen, wenn nicht gar beschönigt wurde. Nur deshalb konnten sich seit den 60er Jahren Neonaziverbände gründen, entstanden die NPD mit 9% Wahlergebnis vor 1969 und später andere Organisationen wie die NSU. Das zieht sich hin bis zu brennenden Flüchtlingsunterkünften, um die herum johlend geklatscht wird. Die NPD hatte die Abschaffung des Asylrechts schon 1964 im Parteiprogramm! Gottseidank wird ja nun wieder höchstrichterlich versucht, dem Spuk ein Ende zu machen. Die Kämpfe hier in der Region werde ich nie vergessen: Wie am Hitlergeburtstag zum Feiern aufgerufen wurde und die Teilnehmer sich mit Gegnern Regenschirmschlachten lieferten. Das Telefon meines damaligen Gatten wurde vom Verfassungsschutz überwacht. Aber auch hier ist der Ursprung des Begriffes nicht zu suchen. Offenbar stammt er von einem Hölderlin-Gedicht, dessen eine Strophe lautet:
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.

Der Gang aufs Land. An Landauer.
Friedrich Hölderlin, 1770-1843

Und was ich da lese, heißt nichts anderes als die Gewissheit, dass diese Zeit vorübergehen und der Einzelne auch ihr etwas abgewinnen können wird, wenn er denn will. Sich informieren, sich solidarisieren, Geld spenden, helfen, was immer jemand in seinem Bereich leisten kann. Kommen wir mal auf das Individuelle zurück. Ich denke an die Unzahl von Rentnern, Autoren, Arbeitslosen, Heimatlosen, aber auch Beschäftigten, die eine solche Zeit durchstehen müssen. Nehmen wir mal die Rentner, dann ist der Winter tatsächlich eine Zeit, in der die Klischees aufblühen, die man sich immer von diesem Personenkreis denkt. Der graue Tag, die grauen Haare, die graue Jogginghose, das Vogelhäuschen vor dem Fenster, die Rätselhefte und das immer grölende Fernsehen sind die Prototypen dieser Szenerie. Und wirklich, die lieben Tierchen sind manchmal die Einzigen, die noch ein wenig hölderlinsche Lust in den Alltag bringen, vor allem dann, wenn man sich schon monatelang in einer Schaffenskrise befindet. Mein weißer Schatten (die Besucherkatze), luftig und flockig, folgt mir schon in meine Träume. Sie scheint auf eine geheime Uhr zu schauen, denn sie taucht pünktlich dann auf, wenn ich ins Bett gehen und lüften will, jumpt durchs Zimmer ins Bücherregal und schaut hinter den Büchern meines Urururgroßvaters mit großen Augen heraus, mit der Frage, ob sie denn nicht mal wieder eine Nacht? Das darf sie ab und zu, und sobald das klar ist, schnurrt sie wie eine Nähmaschine. Aber mit der Fütterei bin ich konsequent. Gestern hatte sie wieder ihre Uhr dabei, denn als mein Auto um die Ecke bog, saß sie schon an dieser Ecke, hielt Ausschau und hüpfte in langen Sätzen herbei. Als Zeichen dafür, dass ich nichts Katzengerechtes zum Futtern da habe, zeigte ich ihr eine Scheibe Käse, woraufhin sie sich mal wieder kopfschüttelnd trollte. Inzwischen denke ich fast, sie versteht, was ich sage. "Willst du etwa wieder eine Scheibe Käse haben?", woraufhin sie den Kopf schüttelt und via Bank nach oben zur Nachbarin verschwindet. A na, das ist natürlich ein Märchen.

Außer den lieben Tierchen oder Gesprächen mit Menschen ist es die Lektüre, die uns die Lust am grauen Dasein zurückgeben kann. Sicher auch jede Art von Kunst, die aber bei uns hier im Blechlegebiet rar gesät ist und besonders schwer zu erreichen, dank der Bleischachteln auf allen Wegen. Gerade lese ich einen biografischen Roman über Caroline von Wolzerode, der Frau, die von Schiller geliebt wurde, obwohl er mit ihrer Schwester Lotte verheiratet war. Das liest sich außerordentlich vergnüglich, und ich stelle fest, dass die Autorin Renate Feyl über sämtliche bedeutenden Frauengestalten des 18. und 19. Jahrhunderts geschrieben hat, über die ich auch hätte schreiben können, wenn ich nicht zu recherchefaul gewesen wäre.

Nun, dieser ewig langen Rede kurzer Sinn soll darin münden, dass sich eine zu fest gespannte Schraube meines Gehirnkästchens gelockert hat und ich plötzlich wieder anfing zu schreiben, fünf, sechs Seiten am Stück. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Was mir die ganze Zeit gefehlt hatte und nur im Hintergrund herumschwebte, war der Antagonist der Geschichte! Jetzt stand er plötzlich ganz klar und deutlich vor mir und beharrte auf einer eigenen Perspektive. Es ist ein fieser, neonazistischer Antagonist mit einer entsprechenden Herkunft. Auch das kann die Blockade verursacht haben. Mit dieser neuen Perspektive driftet der Roman immer mehr in Richtung Thriller. Die Aussicht, diesen Roman weiterzuschreiben und ihn nicht auf Seite 100 (bin bei 98) in die Tonne zu kloppen, ist schon eine Lust, die den grauen Tagen geweiht sein könnte.
                                                                     
                                                                       
Diana Verlag-mein Einband aus dem Antiquarat ist noch schöner
                                                                                                                                                      

Freitag, 12. Februar 2016

Türen

Diese Abbildung zeigt das Portal der Maulbronner Klosterkirche, eine der ältesten Türen Deutschlands. Die Zisterzienser wussten immer, was sie hinter dieser Tür erwarten würde, wenn sie vom Paradies aus die Kirche betraten: nämlich die Laien- und die Mönchskirche, ein romanischer Lettner, der beide voneinander trennt sowie ein Kruzifix, das aus einem einzigen Steinblock herausgemeißelt wurde. Für die Mönche und die Laienbrüder sind Kirche und Kloster über Jahrhunderte hinweg zur Heimat geworden. Etlichen der späteren Seminaristen wurde das alles aber auch zum Zwang. Das Bild hat mich dazu bewogen, einmal über die Bedeutung von Türen nachzudenken. Man kann durch eine Tür hineingehen und auch wieder hinausgehen. In unseren Autorenblogs war früher oft die Rede davon, dass sich immer wieder irgendeine Tür öffnen würde, egal, wie düster die Situation auch gerade aussehe. Das denke ich immer noch, und es stehen zur Zeit viele Türen offen. Es stellt sich nur die Frage, was man hinter diesen Türen finden und ob man mit dem, was man dahinter findet, zufrieden sein wird. Und ob irgendein Raum, den man betritt, zur "Heimat" werden kann. Im Übertragenen ausgedrückt: Die Türen, die zur Zeit bei den Onlineplattformen für Self Publisher, den Verlagen und Agenturen offenstehen, laden vor allem die Erfolgreichen ein. Und selbst bei denen kann es dazu kommen, dass sie zur einen Tür hinein- und zu einer anderen bald wieder hinausgehen. Ein Interview des Hessischen Rundfunks vom Oktober 2015 mit Matthias Matting macht das deutlich.

In unserer Zeitung kam gestern ein Bericht über einen bekannten schwäbischen Dichter, der bei einem kleinen Tübinger Verlag veröffentlicht, der unter Umständen sieben Jahre braucht, bis er einen neuen Gedichtband fertig hat, und von dessen Büchern keine Ebooks existieren. Für ihn gibt es keine Alternative als mit der Hand zu schreiben. Da spüre ich wirkliche Zufriedenheit heraus, und am Rande muss ich auch gestehen, dass ich die Bücher dieses Verlages liebe. Bücher können Räume sein, in denen man sich wohlfühlt. Gerade lese ich einen Wanderbericht, der durch halb Deutschland führt, und bin dabei richtig mit dem Autor und seinem Hund unterwegs. Er hat diese Wanderungen in seinem Blog beschrieben und das Ganze dann bei Malik-National Geographics, einer Untergruppe des Piper Verlags, veröffentlicht. Flugs habe ich mir heute noch drei solcher Bücher gekauft, darunter Kay Borowskys Wanderungen in Tübingen und Europa.

Samstag, 30. Januar 2016

Autor und Leser - eine Kommunikation

Unlängst sah ich zufällig einen Beitrag im Fernsehen, auf einem dieser Info - und Kulturkanäle. Da hatten sie in Südamerika unter anderem Tontöpfe mit keltischen Mustern, Figuren, Inschriften und Steinschleudern gefunden, die denen aus dem europäischen Raum auffallend ähnelten. Nun, sie haben keinen Beweis dafür gefunden, dass Kelten und Phönizier schon lange vor Kolumbus nach Südamerika segelten. Mich interessierte an diesem Bericht etwas anderes. Die Höhlenmalereien von Lascaux und weitere Beispiele wie die Mammutelfenbeinfiguren aus dem Lonetal fielen mir ein. Wie kommt es, dass Menschen auch nach Hunderten oder Tausenden von Jahren Botschaften hinterlassen können, die von der Nachwelt "gelesen" werden? Es kommt daher, dass der Mensch schon immer in der Lage war, von sich selbst und seinem Leben zu abstrahieren und Kunst herzustellen. Es scheint eine Frage von Urheber und Rezipient zu sein. Ein Autor ist undenkbar ohne Leser, ein Leser undenkbar ohne Autor. Wenn man sich dazu die heutige Situation von Autoren anschaut, stellen sich viele Fragezeichen auf. Vieles von dem, was man gerade zu hören und zu lesen bekommt, könnte einem die Freude am Schreiben vermiesen. Die Klagen einer Self Publisherin liegen mir noch in den Ohren. Sie stellte fest, dass sie alle drei Monate ein neues Buch auf den Markt bringen müsste, um mit dem Tempo des Marktes mitzukommen. Am Anfang stehe immer die Kurve, die vielleicht in 1-3 Tagen hoch sei und dann unweigerlich nach unten gehe. Ähnlich ist es auch mit den Verlagsbüchern im Buchhandel. Was sich nicht innerhalb eines Monats verkauft, wandert schon bald ins moderne Antiquariat. Die Kurve nimmt keine Rücksicht auf dich. Aber irgendetwas stimmt doch dabei nicht. Wer hat da was wann falsch gemacht? Die Verlage, die Autoren, die Leser, die Erfinder von immer neuen Techniken, die Buchhandlungen, die Agenten, die Online-Riesen, die Vertreter, das Feuilleton? Die Antwort, die ich mir gebe, ist folgende: Sie sind alle gleichermaßen beteiligt, weil sich (fast) alle der Entwicklung angepasst haben. Bei Denis Scheck, so wurde mir erzählt, trat kürzlich ein Autor auf, der alles noch mit der Hand schreibt und eine Wohnung voller gedruckter Bücher hat. Bie den meisten jedoch dreht sich alles, nicht nur bei Büchern, nur noch um "billig", ich nehme uns da gar nicht aus. Und bei dem Versuch aller, sich den billigsten und gleichzeitig dicksten Teil des Kuchens aus der Torte zu reißen, kann es einzig und allein darum gehen, die Gewinne daraus gerecht zu verteilen.

Gestern, an einem Frühlingstag mit wolkenlosem Himmel, hatten wir ein Aha-Erlebnis. Nach einem Spaziergang am Rand der Alb landeten wir wie schon so oft in einer unserer Lieblingsstädte, in Reutlingen. Wie immer, statteten wir auch der Buchhandlung Osiander einen Besuch ab. Ja, es ist inzwischen ein Genuss für mich, zwischen den Räucherstäbchen und Tassen auch Sessel mit lesenden Menschen zu sehen. Dabei wird es immer schwieriger für mich, in den Tausenden von gleichfarbigen Büchern etwas Ansprechendes zu finden. Meistens lande ich bei Reiseberichten und regionalen Reisebüchern. Bevor es losgehen konnte, fuhren wir mit dem Aufzug nach oben, um gewisse Örtlickkeiten aufzusuchen. Dort landeten wir aber nicht, sondern in einem Stockwerk, das wir noch nie zuvor gesehen hatten. Da lagen Tausende von Büchern in Sammelkästen, der buchhandlungseigene Flohmarkt, auf dem man Bücher zwischen ein und 10 Euro erstehen konnte. Und was habe ich dort gefunden? Alles, was ich unten schon lange nicht mehr finde. Ich fand einen Baden-Baden-Krimi von Rita Hampp, der mir sehr gut gefällt, weil ich auch was von der Umgebung und der Stadt sehe, zwei Bücher von Wulf Dorn, dessen Kommen und Gehen ich überhaupt nicht mehr mitbekommen hatte, einen Thriller des Pompeji-Autors Robert Harris sowie einen historischen Krimi von Petra Ölker. Nachdem ich vor lauter Leseverzweiflung schon auf literarische Texte aus dem 19. Jahrhundert umgeschwenkt war, bedeutet das für mich einen inneren Vorbeimarsch.

Hier noch ein leidenschaftliches Plädoyer für uns Autoren von Nina George: Schatz, wir müssen reden.

Freitag, 8. Januar 2016

Wie Autoren heute veröffentlichen

Als ich vor knapp fünfzehn Jahren mit dem Schreiben von Romanen begann, sah die Autorenwelt noch ganz anders aus. Man schickte seine Manuskripte auf bedrucktem Papier an die Verlage und wartete im Schnitt vier Monate, bis eine Absage im Briefkasten lag. Oder auch eine Zusage, damals für meinen ersten schon per Email von einem renommierten kleineren Verlag. Den zweiten fand ich im Internet, das war ein Zweipersonenverlag. Mit beiden LektorInnen gab es lange persönliche Gespräche und ein sorgfältiges Lektorat. Beide Bücher erhielten gute Zeitungskritiken, tauchten aber in kaum einer Buchhandlung auf. Die nächsten vier Bücher erschienen in einem Verlag, den man damals noch als größeren Publikumsverlag bezeichnete. Diese historischen Romane lagen anfangs recht lange auf Stapeln in den Buchhandlungen; allerdings verkürzte sich die Verweildauer von Jahr zu Jahr. Zwischendurch noch eine Veröffentlichung bei einem kleineren lokalen Verlag. Das letzte gedruckte Verlagsbuch von mir erschien im Juni 2013.

Es begann eine neue Ära, nicht des Schreibens, aber des Veröffentlichens. Mit zwei Verlagsbüchern, deren Rechte ich zurückbekommen hatte bzw. deren E-Bookrechte ich gar nicht erst vergeben hatte, ging ich ab Herbst 2012 ins Self Publishing. 2015 folgte ein neu geschriebenes Buch. Von Amazon, dessen Konditionen für mich nicht mehr reizvoll waren, wechselte ich Ende September 2015 zu Tolino. Dort fühle ich mich bisher sehr wohl, zumal auch Sonderaktionen für meine Bücher veranstaltet wurden. Und die gute Nachricht kam nach Weihnachten: Die 70% Beteiligung der Autoren wird auch über den 31. Januar hinaus gewährt.

Jetzt habe ich mich einmal umgeschaut, wie es denn bei anderen läuft. Meines Wissens haben schon viele mir bekannte Autoren die Möglichkeit des Self Publishing genutzt. Ein Kinderbuchautor, der schon circa sechzig Bücher bei einem Verlag herausgebracht hatte, erzählt im Deutschlandradio davon, dass Autoren heute kaum noch Ansprechpartner hätten (es sei denn, sie sitzen bei einem Verlag ganz fest im Sattel oder schreiben Bestseller). Wie Autoren heute veröffentlichen.  Die meisten Bücher - wie ich auch schon bemerkte - hätten heute eine viel kürzere Überlebensdauer, nämlich zwischen vier Monaten und zwei Jahren. Die Backlist, bis vor ein paar Jahren von den Verlagen noch gepflegt, lohnt sich für sie aus Kostengründen nicht mehr. Viele Autoren müssten sich für jedes neue Buch einen neuen Verlag suchen. Thomas Fuchs, der Kinderbuchautor, hat sich eine Autorenvereinigung namens "Gegenwind" herausgesucht, in der sich die Autoren gegenseitig beim Self Publishing unterstützen. In einem anderen Bericht des Börsenblatts werden Autoren aufgeführt, die ihrer eigenen Backlist durch E-Books und Print-on-Demand einen ganz neuen Aufschwung gegeben haben. Hybridautoren.

Beide, das Interview und der Artikel, erschienen im Juni des vergangenen Jahres. Inzwischen hat sich ja einiges in der Verlags - und Bücherwelt getan. Einmal gab es das Urteil des Europäischen Gerichtshofes, nach dem die Verlage nicht berechtigt seien, Anteile aus den Verwertungsgesellschaften wie VG Wort zu beanspruchen. Im Gegenzug werden Befürchtungen laut, dass der drohende Geldverlust auf die Autoren mit niedrigeren Vorschüssen usw. abgewälzt werden könnte. Dann wurde, wie von mir schon vor einiger Zeit berichtet, vom Bundesministerium der Justiz eine Urheberrechtsnovelle eingebracht, über die im März im Bundestag diskutiert werden soll. Sie hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die Autoren besser für ihre Arbeit zu entlohnen und ihnen nach fünf Jahren die Rechte an ihren Büchern zurückzugeben. Das hat die Autorenschaft gespalten. Es gab einen Autorenbrief an die Regierung, in dem sie beschworen wird, das Gesetz nicht durchzubringen, weil sonst die Symbiose zwischen Verlag und Autor gestört werde. Verlage könnten Autoren nicht mehr über Jahre aufbauen und keine Lizenzen ins Ausland mehr vergeben. Die Diskussion darüber ist im Autorenforum Montsegur nachzulesen. Und ich frage mich jetzt auch: Wenn es doch Praxis ist, dass renommierte Autoren sich für jedes Buch einen neuen Verlag suchen und ihre Backlist nach zwei Jahren selber herausgeben müssen, wo ist dann die Symbiose? Das Modell, das hier vertreten wird, passt wohl eher in die Zeit, die ich anfangs beschrieben hatte. Das neue Gesetz wird seine Tücken und Fallstricke haben, aber im Großen und Ganzen wird es den Autoren doch nützen, ihre Backlist und ihre eigenes Autorengeschick selber in die Hand nehmen zu können.
Eine ausführliche Beschäftigung mit dem Thema "Verdienst von Autoren" kann man auch bei Martha Sophie Marcus nachlesen: Marthas Schreibtisch.

Sonntag, 10. August 2014

Amazons Spähauge und ich

Gestern verschlug es uns mal wieder nach Weil der Stadt. Draußen, hinter der alten Stadtmauer, war ein kleiner Tisch mit Büchern aufgebaut. Eine große, schlanke, ältere Frau im roten Kleid durchsuchte sie mit spitzen Fingern.
"Alles schon gelesen" stellte sie mit einem Seufzer fest. "Kürzlich habe ich ein Buch in den Händen gehabt, das vor den Gefahren des Internets und des Ausspähens gewarnt hat." Es folgte ein Gedankenaustausch mit meinem Begleiter, der Handy- und Internetverweigerer der ersten Stunde ist. Unwillkürlich musste ich an Amazon denken, das auf seinem Reader feststellen kann, ob ein Leser mehr als 10% eines Buches gelesen hat - und dementsprechend mir als Autorin einen Anteil aus der Leihbücherei zukommen lässt. Werden die mich eines Tages rausschmeißen aus dem KDP-Programm, wenn ich etwas Negatives über sie schreibe? Wes Brot ich ess, des Lied ich sing - das galt sicher nicht nur für die Minnesänger und ihre hohen Herrschaften, die sie besangen! Nun ist Amazon durch seine Geschäftspraktiken ja allgemein in Verruf geraten, es gibt viel Wirbel und Unterschriftenlisten in den USA und hier, auch von den Self Publishern, natürlich pro Amazon, weil sie uns Autoren gut behandeln, viel besser als die Verlage. Eine ganz dicke Lanze bricht Nika Lubitsch mit ihrem Blogbeitrag Ich bin ein Underdog der Literaturszene - ich liebe Amazon! Und meine ganz persönliche Meinung? Amazon hat mir das Vertrauen und das Selbstbewusstsein zurückgebracht, das während einer längeren Verlagskarriere doch immer mehr auf der Strecke zu bleiben drohte.

Amazon macht die kleinen Buchhandlungen kaputt, hieß es vor Jahren. Also wurde allenthalben zum Boykott aufgerufen. Dann hat es die Ketten kaputtgemacht, avancierte also plötzlich zum Robin Hood der Buchbranche. Und schließlich bot es den Autoren, die aus welchem Grund auch immer nicht mit einem Verlag verbandelt waren, die Möglichkeit, aus der Finsternis herauszutreten und im Bücherhimmel mitzumischen. Die Notwendigkeit, einen Boykottaufruf zu unterschreiben, sehe ich nicht. Als Autorin nicht und auch als seltene Kundin nicht. Ich habe meine Bücher schon immer in Buchhandlungen, großen und kleinen, gekauft, darüber hinaus in Antiquariaten, auf Flohmärkten und aus den Bücherbäumen mancher Städte herausgezogen. Ich bin ein Mensch, der gern in Bewegung ist, der lieber aus dem Haus geht, um einzukaufen und nicht statisch auf einen Bildschirm starren will, durch Klicks eine Bestellung aufgibt und dann wartet, bis das Objekt sich durch Türklingeln ankündigt. Amazons Angebot, zwei meiner Bücher wieder neu aufzulegen, habe ich gern angenommen, und auch so verdienen sie genug an mir, denke ich. Soll ich wegen der Geschäftspraktiken jetzt das Self Publishing boykottieren? Oder große Buchhandlungen meiden wie der Teufel das Weihwasser, weil die Verlage einen Haufen Kohle für Sondertische, Plätze im Regal und das "Buch des Monats" zahlen müssen? Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, das mein Verlag 50 000 Euro für mich bei Karstadt ausgegeben haben soll.

Nun noch mal zum eigentlichen Thema, zum Ausspähen. Früher sind wir vom Verfassungschutz ausgespäht worden, wenn wir aktiv gegen Pershing-Raketen, gegen Atomkraftwerke und gegen Rechte vorgegangen sind, die den Hitlergeburtstag feiern wollten. Da hat man sich jedes Wort überlegt, das man am Telefon gesagt hat. Heute, in Zeiten der Kanzlerausspähung, muss man überlegen, was man im Internet von sich preisgibt, nicht nur, weil ein Patzer auf einen selbst zurückfallen kann, sondern auch, weil einem unter Umständen ein Strick daraus gedreht werden könnte. Mal unabhängig von merkwürdigen Reklameangeboten, die man dauernd per Mail oder per Telefon erhält. Für mich habe ich schon lange die Lösung gefunden. Ich bin ein zurückhaltender Mensch, schon immer gewesen, und lehne mich kaum noch weit aus dem Fenster oder nur dann, wenn es wirklich notwendig ist. Die Daten, die über mich kursieren, darf ruhig die ganze Welt wissen, wenn sie sich eben für diese Millionen Daten anderer interessieren würde.

Sehr interessanter Artikel zum Amazon-Streit von Holger Ehling in seinem Blog: Amazon als Angstbeißer, mit dazugehöriger Diskussion!

Freitag, 2. Mai 2014

Wie ich zum Self Publishing kam

Mein letzter Artikel Was haben die Buchpiraten mit Schund zu tun? führte in den letzten Tagen zu einem steilen Anstieg der Besucherzahlen meines Blogs. Der Artikel war an entsprechender Stelle verlinkt worden. Vielleicht laden sich deshalb ein paar mehr Leser das indirekt beworbene Buch von mir auf ihren Reader. So what. Wenn die illegalen Downloads den Autoren und Verlagen auch nur geringfügigen Schaden zufügen, wie sich erwiesen hat, so helfen sie ihnen im Gegenzug auch nicht, sie bekannter zu machen oder die Verkäufe anzukurbeln. Sie haben die gedachte Größe eingebüßt, die ihnen von den Autoren selbst, von Verlagen, Polizei, Richtern usw. eingeräumt wurde. Da habe ich meine Meinung nun, in einem langen Lernprozess, geändert. Auch, was das Schreiben und Veröffentlichen angeht, habe ich meine Meinung geändert. Durch Zufall stieß ich auf einen alten Beitrag von mir, der 2009 hier in diesem Blog entstand:

Unter der Überschrift: Wie finde ich einen Verlag?, schrieb ich:
"Mein erstes Manuskript war alles andere als druckreif-heute würde ich es in dieser Form nicht mehr anbieten. Eine Lektorin von Klett -Cotta gab mir wertvolle Hinweise, und bald hatte sich ein Verlag gefunden, der es dann genommen, lektoriert und gedruckt hat. Das nächste Buch wurde auf Anhieb genommen. Ich habe sehr viel Werbung gemacht,die Verlage ebenfalls, was sich allerdings auf den Absatz kaum auswirkte. Die Bücher waren im Buchhandel einfach nicht präsent, nur vereinzelt. Ich lernte dann, dass es die Vertreter der Verlage sind, die das Buch zu den Buchhändlern bringen, und die Anzahl der Seiten im Katalog. Ich kaufte mir das Uschtrin-Handbuch für Autoren und fand eine Agentur.
Einen Roman später führte das auch zum gewünschten Erfolg.Viele Informationen und Unterstützung erhielt ich im Autorenforum Montsegur. Aus diesen Erfahrungen heraus rate ich jedem, der veröffentlichen möchte, zu einem langen Atem! Bevor man sein Manuskript an einen BoD-Verlag gibt oder gar noch dafür bezahlt, sollte man sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, an sich glauben und den oft etwas steinigen, aber "lohnenden" Weg der Agentur-und Verlagssuche gehen. Man sollte lernen, den Roman wirklich reifen zu lassen, ob mit oder ohne Exposé."

Das würde ich heute nicht mehr so unterstreichen. Ist man erst einmal bei einem Verlag gelandet und hat einige Bücher als Hausautor veröffentlicht, heißt das nicht, dass man bevorzugt behandelt wird. Es wird immer auf die Verkaufszahlen der letzten Bücher geschaut und danach entschieden, ob man ein neues Projekt nimmt. So liegt mein Krimi jetzt schon seit Ende März zur Begutachtung dort. Diese Wartezeiten fallen durch Self Publishing weg, die Verdienstmöglichkeiten sind besser. Ein E-Book bleibt erhalten, Bücher verschwinden aus den Regalen. Allerdings müssen die E-Book sichtbar sein, um wahrgenommen zu werden, das ist dasselbe wie bei Prints. Meine Erfahrung sieht so aus: Die Bücher, die sich als Prints gut verkauft haben, verkaufen sich auch als E-Books gut und umgekehrt. Ich kenne einen Autor, der in der gleichen Lage war wie ich: Nach zwei Monaten Wartezeit bei seinem Verlag setzte er eine Frist und veröffentlichte dann selbst, mit gutem Ergebnis.

Donnerstag, 14. Februar 2013

Georg Lotz und die "erbettelten Rezensionen" oder: ruhmsüchtige Autoren

Hamburg Jungfernstieg 19.JH, gemeinfreies Bild

Mein Vorfahr Georg Lotz (1784-1844), war kein großer Schriftsteller, aber ein Literaturkritiker, Autor, Übersetzer und Verleger. Darüber hinaus vermittelte er Theateraufführungen in seinem Haus in Hamburg. In dem Buch über das Hamburger Biedermeier von Herrmann Blumenthal wird Lotz als "eine exemplarische literarische Existenz in der 'wenig aufgehellten Geistesgeschichte Hamburgs im neunzehnten Jahrhundert" gewürdigt.
Zitat Blumenthal: "Er war Kaufmann in Marseille, dann als Agent mehrerer Handelshäuser in Berlin und Leipzig tätig, bevor er sich wieder in seiner Heimatstadt Hamburg niederliess. Georg Lotz gründete 1817 die Zeitschrift "Originalien", mit der er über seine Heimatstadt hinaus Bedeutung erlangte. Ein Augenleiden liess ihn völlig erblinden. Mit einer umfassenden Würdigung von Lotz' Leben und Werk sowie einer umfangreichen Auswahl aus seinen damals vielgelesenen Schriften (Gedichte, Versspiele der Muße, Novellen (Die Jüdin von York. Stumme Liebe) und literarische und kritische Aufsätze über Veröffentlichungen  (...)anderer Autoren."
Zitat Ende.

Diese Biografie über meinen Vorfahr habe ich aus der umfangreichen Bibliothek meines Vaters Johann Georg Lotz entnommen, der die vielen alten Bücher wiederum von seinem Vater Paul Lotz erhalten hatte. Die Bibliotek diente mir übrigens schon mal als Ausgangspunkt eines Romans, der nie veröffentlicht wurde, ebenso wie das Kontor meines Großvaters in der Ferdinandstraße nahe der Hamburger Alster. Paul Lotz war ein bibliophiler Antifaschist, der in die Niederlande emigrierte und deshalb bei uns immer "Opa Holland" hieß. Darin befinden sich auch Tagebücher von Friedrich Hebbel, dessen Erfolgsstück "Judith" Georg Lotz in seinem Haus in Hamburg aufführen ließ. Es ist von Streitereien mit der Dame eines Literatursalons die Rede, die davon sprach, die Rezensionen seien "erbettelt", was Hebbel zurückweist. Allerdings habe Lotz ihn mit Goethe verglichen, was man ja nun wirklich nicht tun dürfe (in Wirklichkeit hatte Lotz geschrieben, das Stück gefalle ihm am besten gleich nach "Faust II: Freund-und Feind-Stimmen zu Hebbel). Ist das nicht wie in einem Autorenforum? Da treten Franz Kafka, Sigmund Freud, Theodor Fontane, Theodor Storm auf und viele andere Schriftsteller ihrer Zeit, verreißen den armen Hebbel oder loben ihn hoch in den Himmel. Hebbel bedankt sich enthusiastisch in seinen Tagebüchern. Würde er heute leben, hätte er das wohl in einem Blog getan! :-)

Dasss es auch durchaus lustig zuging, zeigt der "poetische Scherz" von einem Adolf Müllner, den Lotz in den Originalien veröffentlichte: Lotz hatte Müllner ein Paket mit Hummern und Madeira geschickt. Daraus entspann sich folgender Dialog:
Lotz: "Glücklich, wenn unser Fleisch behaget dem tragischen Fürsten,
Und er lächelnd gesteht: siehe, die Bursche sind gut.
Denn wer genug getan hat seiner Mitlebenden Besten,
Der hat genug getan jeder folgenden Zeit."

Darauf Müllner: "Krebse verderben Verlegern den Magen,
Kurz vor der Leipziger Messe zumal;
Aber ein Autor kann Hummer vertragen 
Bei dem madeiragefüllten Pokal. (...)" 

Jungfernstieg-in der ersten Straße links befand sich das Kontor meines Großvaters

Weitere Artikel dazu:
Georg Lotz und die E-Books
Verleger und Autoren-eine unendliche Beziehungsgeschichte! 
 

Montag, 21. Januar 2013

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Verlag?

 Seit jeher liefern die Autoren ihren Lesern den Stoff, aus dem jene Wert schöpfen können. Einer der ersten Verleger der frühen Neuzeit war zum Beispiel Johannes Froben aus Hammelburg. Er gründete 1491 eine eigene Druckerei in Basel und druckte die "Biblia integra". Es folgten weitere Werke, 1516 das griechische Neue Testament, vom Humanisten Erasmus von Rotterdam editiert und ins Lateinische übersetzt. Einige seiner Werke wurden von Hans Holbein dem Jüngeren illustriert. Eine ideale Verleger-Autor-Illustrator-Konstellation, so scheint es!

Seitdem sind mehr als 500 Jahre vergangen, in denen sich dieses Verhältnis gewandelt hat. Aber immer noch sind es die Autoren, die Schrift-Steller, die den Unterbau bilden, die Basis der Wortschöpfungen, ohne die sich das Karussell der "Wortindustrie" nicht drehen würde. Das brachte den Verband deutscher Schriftsteller darauf, eine länderübergreifende Studie herauszubringen, an der sich alle Autoren beteiligen sollten, auch wenn sie nicht in einem Verband organisiert sind. Wird den Autoren noch Wertschätzung entgegengebracht in Form von klarer Kommunikation, Information, einer fairen Vertragsgestaltung mit annehmbaren finaziellen Bedingungen? Eine vergleichbare französische Studie hat gezeigt, dass jeder dritte Autor mit seinem Verlag unzufrieden ist.
Hier geht es zur Pressemeldung des VS
Und hier zu der französischen Studie:
Wir kommen, um uns zu beschweren 
Dazu noch ein Interview mit Andreas Wilhelm, dem stellvertretenden Vorsitzenden des VS und Leiter des Montsegur-Autorenforums:
Interview mit Andreas Wilhelm im Literaturcafé 
Und hier ist der Fragebogen zum Ausfüllen:
Deutschsprachige Umfrage 

Ich finde diese Initiative begrüßenswert, weil sie ein Sprachrohr für die vielen Autoren sein könnte, die allein und unorganisiert in ihrem Kämmerlein schreiben, aber natürlich auch für diejenigen, die schon längst wissen, dass das Verhältnis Autor-Verlag stark verbesserungswürdig ist. Und nicht zuletzt bieten die neuen Möglichkeiten des Self-Publishing den Autoren und Autorinnen eine Autarkie, die sie unabhängiger von den Verlagen macht und ihre Position grundsätzlich stärkt. Bis zum 28. Februar kann man den Fragebogen noch ausfüllen. Die Ergebnisse werden auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt.

Dienstag, 4. Dezember 2012

Was wäre gewesen, wenn ich keinen Verlag gefunden hätte?

Der schon viel diskutierte Beitrag von Richard K. Breuer„Eine Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient", den ich bei Gesine von Prittwitz gelesen habe, hat mich auf einen Gedanken gebracht. Was wäre vor zehn Jahren gewesen, wenn kein Verlag meinen ersten Roman angenommen hätte? Damals war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich ihn dann in der Schublade lassen würde und ihn niemals selbst herausgegeben hätte, auch nicht bei BoD - und natürlich schon gar nicht bei einem Druckkostenzuschussverlag. Dabei wäre es so einfach gewesen, darauf hereinzufallen! Im Jahr 2002 sah das natürlich noch ganz anders aus. Ein Klosterbibliothekar schrieb mir ein paar Verlage auf, denen ich mein Manuskript anbot. Darunter war auch ein Kieler Verleger, der mir schrieb, er könne das finanzielle Risiko nicht eingehen - ich müsste mich mit 4000 DM an den Druckkosten beteiligen. Ich war ja schon immer erklärte Romantikerin und eine Helferin dazu. Sollte ich diesen armen Verleger wirklich in die Verlegenheit bringen, mit meinem Buch einen Flopp zu produzieren? Nein, sagte ich mir, bei dem Aufwand, den ich hineingesteckt habe, wäre es ein Aberwitz, auch noch dafür zu bezahlen, das würde ja nie im Leben wieder rumkommen. Und so habe ich es seitdem gehalten. Und der DKZVler hat recht behalten: Das Buch wurde kein "Erfolg" im kommerziellen Sinn, sondern wurde nach ein paar Jahren dem modernen Antiquariat zugeführt, wie es autorenseelenschonend so nett ausgedrückt wird.

Im verlegerischen Sinn erfolgreicher waren die Bücher, die ich danach in einem großen Verlag herausgegeben habe. Das vierte erscheint im nächsten Sommer. Damit war und bin ich auch zufrieden bis auf die Cover, die ein Wiedererkennungszeichen für Buchhändler und Leser sein sollen. Inhaltlich kann ich so ziemlich alles unterbringen, was in diesem Rahmen möglich ist. Aber eben auch nur in diesem Rahmen! Es gibt noch sehr viel auf meiner Festplatte und in meinem Kopf, was eben nicht in diesen Rahmen passt. Und so habe ich den ersten Roman im September 2012 noch einmal als E-Book herausgebracht. Hätte ich das vor zehn Jahren auch getan, wenn kein Verlag ihn genommen hätte? Wenn es die heutigen Möglichkeiten schon gegeben hätte? Ich glaube schon, denn ich hatte damals schon Verbindungen, die mir hätten weiterhelfen können. Da es die heutigen Möglichkeiten aber nicht in dem Masse gab, wie ich es gebraucht hätte, wäre ich mit meinen Kurzgeschichten und Romane in meinem Autorenkämmerlein geblieben, umgeben von ein paar handvoll Gleichgesinnten. Oder ich hätte mich aufs Fotografieren oder aufs Malen verlegt. Es ist aber, wie man sieht, anders gelaufen. Heute gehöre ich zu den arrivierteren Autorinnen, die solche neuen Wege beschreiten. Und auch mit Lust und Überzeugung beschreiten. Das Umdenken für Autoren (und auch für Verlage) müsste in dem Kerngedanken bestehen, den ich im Beitrag von Richard K. Breuer gefunden habe: Beim Bücherschreiben und -veröffentlichen sollte in Zukunft nicht mehr der rein kommerzielle Aspekt im Vordergrund stehen. Bücher, unabhängig von der Form, in der sie herausgegeben werden, sind ein humanes Kulturgut und werden es bleiben. Viel Geld verdienen kann man auch mit ganz anderen Dingen.


Dienstag, 29. Mai 2012

VG Wort hat Autoren benachteiligt

Bei Petra van Cronenburg gefunden:
Autoren müssen nicht mit den Verlagen teilen.
Das Urteil des Landgerichts München ist noch nicht rechtskräftig, die VG Wort ist in Berufung gegangen und meint, es wäre nur ein Einzelfall. Das wird sich zeigen. Im Urteil des LG soll davon die Rede sein, dass diese Benachteiligung in großem Umfang stattgefunden habe. Ich warte jetzt auf die Veröffentlichung des Urteils und darauf, was sich weiter ergibt. Bei der Urheberrechtsdebatte sehe ich, dass auch die Parteien das Thema aufgegriffen haben, zum Beispiel die SPD. Sie sind gegen eine Flarate beim Internet (obwohl angeblich 69 % der Nutzer bereit wären, dafür zu zahlen). Und sie sind dafür, dass Verstöße gegen das Urheberrecht nicht mehr mit so horrenden Geldstrafen belegt werden.

Persönliches Fazit: Als ich mit dem umfangreicheren Schreiben begann, habe ich mir nicht träumen lassen, dass ich mich ein Jahrzehnt später mit dem Recht an meinen Werken und sogar mit meiner Verwertungsgesellschaft VG Wort so intensiv beschäftigen müsste. Natürlich könnte ich auch sagen, ist mir wurscht, Hauptsache, meine Bücher verkaufen sich (und ich glaube, dass es manche auch so machen). Das ist eine beneidenswert naive und glücksfördernde Einstellung. Ich selbst würde damit nicht glücklich werden. Trotzdem hoffe ich, dass ich vor lauter Debatten, Buchhandlungs- und Büchersterbensrufen und vor lauter Warten auf Verträge endlich wieder dazu komme, den nächsten Plot auszugestalten und das nächste Buch zu schreiben!

Sonntag, 25. Juli 2010

Ver-rückte Autoren

Das, was Petra van Cronenburg auf meinen letzten Eintrag in ihrem Blog beantwortet bzw. den umstehenden bunten Autorenhäusern zugerufen hat, ist mir wie aus der Seele geflogen.
Auch ich würde heute jedem, der veröffentlichen will, empfehlen, sich erst einmal auszutoben, so wie man sich austobt, bevor man sich "ewig" bindet. Heutzutage sind das ja die Junggesellenabschiede, die diese Funktion übernehmen. Vielleicht kann ich noch mal kurz-und sehr subjektiv-zusammenfassen, wie ich diese ganzen Phasen erlebt habe. Ich erinnere mich genau, dass ich früher sozusagen"mit glühenden Ohren und fliegendem Atem" schrieb. Es war - und ist -ein besonderer Rausch, ein Glücksgefühl, das aus dem Bauch kommt, wahrscheinlich vom Solarplexus, den ich an dieser Stelle vermute. Es warf mich, für die Dauer des Schreibens, immer aus der Realität, und das ging weiter, bis ich mir Orte aussuchte, die mich wieder dorthin zurückbrachten, Cafés zum Beispiel, die ich vor meiner Arbeit am Nachmittag besuchte. Als Übergang schrieb ich auch dort. Während der Romane war ich immer halb weggetreten, weil ich mir neue Szenen ausdachte. Dann wurde ich manchmal gefragt: Wo bist du denn grad? Naja, in der Provence...in einer anderen Stadt, in einer anderen Zeit.

Mein erster Roman war unfertig, als ich ihn aus lauter Ungeduld schon anbot.
Die Lektoren von Klett-Cotta gaben mir wertvolle Hinweise und fanden ihn auch teilweise sehr schön. Da habe ich mich noch mal gewaltig auf den Hosenboden gesetzt und ihn fertig geschrieben. Aufgrund des Exposés hat ihn der vierte oder fünfte Verlag genommen-und mit dem Lektorat ihn in drei Monaten zusammen mit mir auf Hochglanz gebracht. Erst heute waren wir bei einem Ausflug in Lahr, wo dieses Lektorat seinen Anfang nahm. Bevor ich den Vertrag bekam, hatte ich schon den zweiten Roman angefangen. Es ist also, wie es der geneigte Leser schon ahnen wird, eine Geschichte der Ungeduld und der "kreativen Fülle". Dieser zweite Roman wurde sofort von einem anderen kleinen Verlag genommen, wieder ein Treffen, wieder ein Lektorat. Nur standen die Bücher nicht in den Buchhandlungen, wie ich zerknirscht bemerkte.

Eigentlich wollte ich mal weg von den historischen Romanen -und schrieb einen Gegenwartsroman mit Vergangenheitsbezug. Darin war aber nun wieder-vertrackt-ein historischer Roman verborgen, mit dem ich schließlich bei einer Agentur landete. Mithilfe dieser Agentur kamen zwei Bücher für fast ein Jahr in die Buchhandlungen und verkauften sich sehr gut. (Der dritte steht noch aus). Das hat meinem Schreiberego natürlich sehr gut getan. Dass der historische Roman langsam das Ende der Fahnenstange erreichen würde, wusste ich ziemlich bald, denn der Markt war übersättigt. Das ist der Moment, in dem ich mich gerade befinde. Die Schere, die es noch zu knacken gilt, heißt: Genrewechsel sei schwer und ohne Pseudonym fast nicht zu schaffen! Deshalb probiere ich gerade so viel herum mit Kalendern und Anthologie und Baden-Württemberg-Projekt. Das Gefühl des Solarplexus kam übrigens mit meiner "Pilgerin" zurück, weil ich mir das Thema ganz allein ausgesucht und ohne Verlagsaussicht geschrieben habe. Da dachte ich nicht: oh, diese exotischen Schauplätze gehen aber nicht, oh je, was werden sie zu den Landschaftsbeschreibungen sagen, ui, da ist ja ein Fantasy-Element drin-nein, ich habe gedacht, wenn das jemand liest, dann liest er es gern. Ebenso war es mit dem Letzten, dem Florenz-Roman. Der war wieder so ganz meiner. (Aber e i n e n Roman konnte ich nicht schreiben, weil das 18. Jahrhundert "nicht geht". Jetzt geht gar nichts mehr mit Historischen, seltsamer Ausgang eines millionenfachen Geschäfts!) Und ich relativiere meine Aussage: Der Traum vom Schreiben ist ausgeträumt in: Falsche Träume und falscher Rat können in den Frust führen, wenn nicht gar in den Burnout. Ab und zu ist Innehalten angesagt und eine Bilanzierung des Erreichten. Und ob das noch mit dem, womit man angetreten ist, zusammengeht und harmoniert.

Dienstag, 2. Juni 2009

Glückliche Autoren

Neben den gewaltigen, oft aber auch unglücklichen Figuren gibt es solche, die mit ihrem selbstgewählten Los zufrieden, wenn nicht gar glücklich sind. Der Maler Strickland in Somerset Maughams Roman ist so einer, der Familie und Beruf verlassen hat und nach Paris gegangen ist, um zu malen. Er verkauft nichts, lebt im Elend und stürzt andere mit hinein. Aber es ist das, was er gewählt hat.
"Vielleicht lebt der Schriftsteller in seinen Bösewichten eigene tiefeingewurzelte Instinkte aus, die durch die Sitten und Gebräuche der Zivilisation in die geheimnisvollen Winkel des Unbewussten zurückgedrängt worden sind. Indem er der Gestalt seiner Erfindung Fleisch und Blut gibt, flößt er einem Teil seines Selbst ein Eigenleben ein, dem er auf andere Weise nicht Ausdruck verleihen darf. Seine Genugtuung entspringt ganz einfach einem Gefühl der Befreiung." (Silbermond und Kupfermünze, S.205) Freud nannte das "Sublimation", Verwandlung des Sexualtriebes in Kunst.
Desgleichen sah ich noch einmal diesen Alten auf einer dänischen Ostseeinsel, der seine Fische räuchert und auf die Frage, was wichtig sei im Leben, antwortet: Keine Hektik, keine Termine, dort und so leben, wo und wie es einem gefällt. Wer kann das heutzutage schon, außer er ist reich oder in Rente? Ich habe am Wochenende unsere Jungen gesehen, wie sie an ihrer Karriere knabbern müssen, Einsatz ohne Ende. Und die Waren, die sich um uns stapeln: Kauf mich, kauf mich! Arbeitsdruck, Termindruck, Emaildruck, Foren, Schreibdruck, Telefon, Vertreter, Besuche, Verantwortung, Familie, Steuer, Krankenkasse, und so weiter und so fort. Aber davon könnte man mindestens die Hälfte streichen. Warum nicht einmal mitten in der Woche, wenn die Sonne scheint, einen Tag Urlaub nehmen? Ich glaube, dass ich eine glückliche Autorin bin. Ich lebe zwar nicht am Bodensee oder in der Toskana, wie es mir mein leichtsinniges Gemüt einmal vorgeträumt hat, mache keine Reisen, die mir vom Verlag bezahlt werden, aber ich lebe in einer Landschaft, in der andere Urlaub machen, kann bei der Arbeit auch mal ein paar Stunden im Garten sitzen und alles, was ich sehe und erlebe, als Recherche verwenden. Und abends gemeinsam über die Felder ziehen, die weichen, sonnengrünen Getreidefelder neben sich, die Hügel und Kuppen des Schwarzwalds, die im Abendlicht glasten. Ein Vizeweltmeister der Gegend dreht seine Loopings am Himmel,ungeachtet der Tatsache, dass viele Menschen nach dem Absturz in den Tiefen des Atlantiks verschwunden sind, derweil die Wolken kreiseln und sich fern wie Blumenkohle türmen.

Es gibt immer auch wieder unglückliche Tage, aber auch die sind häufig selbstgestrickt. Wie sagte ich einmal? Ich muss eigentlich nur sehr wenig, und was ich will, erreiche ich auf meine Art eigentlich immer.
Jetzt gehe ich S. Maugham und danach John Steinbeck lesen.