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Freitag, 4. Dezember 2020

Plötzlich Hotspot

 Jetzt ist unser Kreis Calw auch ein Hotspot geworden, neben Pforzheim, Karlsruhe und weiteren Städten und Kreisen in Baden-Württemberg. Unsere Nachbarländer und viele Millionen Menschen haben das ja schon erlebt. Man weiß nie, wie es dazu kam, aber ich las in der Zeitung, dass der Oberbürgermeister unserer Nachbarstadt Nagold erschrocken war, wie viele Leute sich kürzlich beim "Weihnachtsbaumleuchten" und der langen Einkaufsnacht in den Geschäften drängten. Darüber hinaus gibt es neue Infektionen in Altenheimen der Umgebung. Für uns ändert sich nicht viel, selbst wenn eine nächtliche Ausgangssperre kommt. Wir gehen nachts schon lange nicht mehr aus. Das Leben hat sich in einem bestimmten Rhythmus eingespielt und umfasst in der Regel so 20 bis 30 Quadratkilometer Stadt und Land. Man ist enger zusammengerückt, redet mit Nachbarn und alten Bekannten, und auch Weihnachten wird kaum anders verlaufen als sonst. Ich habe mir ein Adventssträußchen aus dem Garten zusammengebastelt, aus Edeltannenzweigen, Kirschlorbeerblättern und Hagebutten, und noch ein paar mattrote Kugeln und Silbersterne drangehängt. Kerzen in einer Schale drapiert. November und Dezember waren schon immer Monate, in denen ich mich mehr zu Hause aufhielt als anderswo. Ich pendle zwischen meinem Wohnort, dem Supermarkt und dem Ort, an dem mein Partner wohnt. Doch so wie im Frühling, im Sommer und im Herbst zu wandern, Fahrrad zu fahren, irgendwo eine Kleinigkeit zu essen oder einen Kaffee zu trinken - das vermisse ich schon. Die Natur noch mehr als die Kultur, denn letztere kann ich auch digital oder beim Bücherlesen erleben. Gute Filme sehen. Einige unserer besten Sendungen sind manchmal die von Markus Lanz. Und inzwischen sind die Städte schon wieder geisterhaft leer, wie ich kürzlich zusammen mit meinem Zahnarzt feststellte.

Ursprünglich hatte ich richtig Angst vor diesem Corona-Winter. Jetzt ist er da, und ich weiß, dass es für alle hart ist. Für viele extrem. Doch weil dieser Winter da ist, habe ich auch keine Angst mehr. Die Pandemie ist Alltag geworden, so war es stellenweise auch im Krieg. Wie man dem entgegensteuern kann, indem man rausgeht und sozusagen einen anderen Blick auf seine Umgebung wirft, hat Petra van Cronenburg vor ein paar Tagen in ihrem Blog beschrieben. Schönheit. Der andere Blick

Sonntag, 16. Juni 2019

Ver-Reisen, Urlaub, Tourismus

Kürzlich las ich in meiner Zeitung, dass es bestimmte Gebiete dieser Erde gäbe, auf die sich der Massentourismus konzentriere und sie auch zerstört habe. Vielerorts überlege man sich schon, ob man nicht Quoten erstellen solle, weil die Venezianer und Barceloner keinen  bezahlbaren Wohnraum mehr bekommen, denn es wird alles an Touristen vermietet. Als Erstes fallen einem da Orte wie Venedig, die Insel Mallorca, der Louvre und viele andere ein. Hier eine Liste mit den 25 berühmtesten Reisezielen:https://fritzguide.com/reiseziele-die-der-tourismus-zerstoert-hat/
Da ich selbst in meinem Leben sehr viel gereist bin, habe ich diese Entwicklung mit zunehmender Sorge verfolgt. Und eigentlich kann ich von Glück sagen, dass ich den Eiffelturm, den Louvre, den Parthenon von Athen, Mallorca, Dubrovnik, Pompeji, Barcelona und die Ruinen von Delphi in einer Zeit besucht habe, in der das noch halbwegs zivilisiert möglich war. Aber schon die Mona Lisa konnte ich vor langen Jahren schon nicht mehr aus der Nähe sehen, weil unzählige Touristenköpfe sie verdeckten. In Venedig war Anfang dieses Jahrtausends kein Besuch des Markusdoms möglich, wir mussten auf den Dogenpalast und die Gemäldegalerie ausweichen. Schloss Neuschwanstein konntest du selbst im Regen vergessen. Die Iguazu-Wasserfälle hatte ich schon mit 19 Jahren gesehen, den Londoner Tower mit 18, den Salto Angel in Venezuela in den Neunziger Jahren vom Flugzeug aus. Auf Madeira im Oktober wanderten wir mit unzähligen anderen Leuten auf den Wegen. Die blaue Grotte in Capri wurde mit etwa zehn Booten befahren. War alles einmalig, doch zu welchem Preis, wenn man die Besucherzahlen anschaut!


Madeira, Capo de Sao Vicente
Wenn man viele der schönsten und berühmtesten Orte dieser Welt gesehen hat, kann man ja eigentlich auch zu Hause bleiben. Oder? Wenn dieses Wörtchen "wenn" nicht wäre. Wenn einem die Decke auf den Kopf fällt, weil man zwar an einem Ort wohnt, an dem andere Urlaub machen (Schwarzwald), diese Gegend aber sukzessive ebenso massiv zerstört wird wie die anderen Touristenorte auch. Nicht nur durch den Tourismus. Durch Flächenverbau, Bodenversiegelung, Industrieansiedlungen, neue Straßen und rapide zunehmendem Verkehr. Es gibt aber Orte, die wie Rückzugsgebiete sind. Man muss sie nur kennen. Hier einige Beispiele von Ecken, die sich ihren ursprünglichen Charme bewahrt haben.
Versteckte Stellen am Bodensee

Burg Wildenstein im Donautal

Der Blautopf in Blaubeuren (nicht ganz so "totbesucht" wie der Mummelsee im Schwarzwald)

Idylle im Garten des Schlosses Lindich bei Hechingen

Dom in St. Gallen

Jagdschloss in Hirsau

Figuren am Eulenturm in Hirsau

Hohenzollernblick

Ein ursprünglicher Traufweg der schwäbischen Alb

Donnerstag, 30. August 2018

Aus - Flug weg vom Schreibtisch

In den letzten Jahren wurde viel über die sogenannte Achtsamkeit  publiziert. Vor einigen Jahren habe ich im Kloster Heiligkreuztal nahe Riedlingen ein dreitägiges Achtsamkeitstraining gemacht. Und zwei Jahre davor einen Kurs über Resilienz (seelische Widerstandskraft). Das war alles sehr schön und wohltuend, wobei ich sagen muss, dass das Achtsamkeitstraining nicht viel Spaß gemacht hat. Ewig lang dahocken und in sich hineinhorchen, verlangsamt gehen, das waren die Sachen, die mich vorher immer als ein wenig spirituell und esoterisch abgeschreckt hatten.

Kürzlich habe ich jedoch eine Erfahrung gemacht, die mir zeigte, wie man auch ohne langwierige Übungen zu mehr Achtsamkeit kommen kann. Achtsamkeit im Sinne von aufmerksam zu leben und eine Beziehung zu einer Umwelt zu bekommen. Ich hatte geträumt, dass meine Wohnung leergeräumt war. Alles weg, Bett, Schrank, Sofa, Stühle - alles bis auf den Schreibtisch. Später war das Zimmer in Schieflage, und durch irgendeinen Trick sah die Wohnung dann wieder wie vorher aus. Aha, dachte ich mir, was will mir mein UB damit wohl sagen? Ist dein Leben nicht allzu sehr auf den Schreibtisch reduziert?

Wir machten dann einen Ausflug ins Obere Donautal und wanderten vom Rauen Stein bei Irndorf zum Eichfelsen hinüber. Keine weite Tour, aber überaus heilsam. Wie früher, wie vor zwanzig Jahren sagte mein Begleiter. Atemberaubende Aussichten auf die Burgen und die Kalkfelsen des Donaudurchbruchtales, ein Wiesenpfad, Skabiosen, Kalkastern und Bläulinge. Sonne und Hitze im Wechsel mit Schatten und kühlen Traufgängen. In diesen Stunden habe ich gemerkt, wo die Beziehung zur Welt, wo "Heimat" ist.

Mittwoch, 14. Februar 2018

Erntezeit und neues Leben

In grauer Vorzeit, ich habe es heute noch in den Ohren, sang die Kölner Gruppe BAB"Am Äschermittwoch is alles vorbei." Jetzt ist der Tag wieder gekommen, und die Blumenläden machen gute Geschäfte, weil auf diesen Mittwoch gleichzeitig der Valentinstag fällt. Und es ist mal wieder Zeit für eine Zwischenbilanz. Inzwischen zieht sich geradezu eine Elefantenspur von mir durchs Internet. Die dürfte aber, im Vergleich mit den Spuren anderer, eine Schmalspur sein. Die Bücher, die ich veröffentlicht habe, sind nicht verschwunden, im Gegenteil, sie breiten sich immer weiter aus. In unzähligen Shops weltweit werden sie angeboten (selbst bei Barnes&Noble in New York), täglich tauchen sie in neuen Bibliotheken auf und werden auch gelesen - leider auch von Lesern, die sich bei Umsonst-Plattformen bedienen. Ich habe alle Ideen, die ich in den letzten siebzehn, achtzehn Jahren hatte, verwirklicht. Jetzt ist irgendwie das Ende der Fahnenstange erreicht. Es kommen keine Antworten mehr, weder von Verlagen noch von Agenturen. Dafür haben sich im Virtuellen viele wertvolle Kontakte entwickelt, die genauso real sind wie die in der Wirklichkeit. Doch gab es nicht auch einmal ein Leben vor der Virtualität?

Naja, ganz draußen war ich glücklicherweise nie. Parallel zu der Parallelwelt bin ich weit herumgekommen, wie einige meiner Blogleser noch wissen werden. Das ist wiederum in das Schreiben und in die Blogbeiträge eingeflossen. Es war schon immer eine andere Welt gewesen als die der "Normalbürger", nämlich die der Literatur, der Kultur und der Natur. Ich muss nicht fasten, muss nicht auf Süßigkeiten oder das Internet verzichten, muss kein neues Leben beginnen. Statt dessen sollte ich beides besser miteinander in Einklang bringen. Durch den Hamburger Kontakt erfahre ich mehr über meine Familiengeschichte als jemals zuvor. Das ist sozusagen die Folge der Elefantenspur, die sich hinter mir herzieht. Neben dem Bücherangebot in der Welt und den Lesern wachsen auch die Besucherzahlen im Blog kontinuierlich, je nach Input.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Irrenhaus

Der Blogbeitrag Vollidioten von Petra van Cronenburg drückt genau das aus, was ich seit Längerem empfinde: Noch nie wurden die Geschicke der Welt von so vielen selbstverliebten Sandkastenspielern und Vollidioten bestimmt wie heutzutage. Dazu kommt noch der größte Massenmord in der Geschichte der USA, begangen von einem Rentner-Millionär und Waffenfetischisten. (Dass der Vater Bankräuber gewesen sein soll, erhärtet nicht unbedingt die Erbtheorie, sondern eher das schlechte Vorbild der Gewalt). Ich gehe sogar einen Schritt weiter: mit der Annahme, dass die Welt nicht nur eine der Vollidioten, sondern ein komplettes Irrenhaus ist, in dem sich die Insassen selbst und gegenseitig die Äste absägen. Ich brauche nur einmal die Zeitung von heute aufzuschlagen und an die Nachrichten der letzten Zeit zu denken: Im vergangenen Jahr wurden im Südwesten täglich fünf Fußballfelder Landschaft für Baumaßnahmen vereinnahmt, weniger zwar als noch vor fünfzehn Jahren, aber genug, um die Gegend immer unbewohnbarer zu machen. 150 Millionen Plastikmüll treibe in denMeeren, sagt die Sprecherin der Tagesschau gerade. Mehr Plastik als Fisch. Die Nachrichten sind mehr und mehr Gewaltnachrichten. Und solche vom Zurückschlagen der Natur. Abspaltung statt Gemeinsamkeit beim Bewältigen globaler Probleme. Die wahren Irrenhäuser sind übrigens diejenigen, in denen Menschen Schutz vor den Irren der Welt geboten wird.

Doch ich sehe auch Gegentrends.Tausende von neuen Parteimitgliedern, ein junger Mann, der mit seinem Fahrrad und hölzernem Wohnanhänger durchs Ländle radelt, neue Initiativen gegen Gewalt und Armut. Naturschutz und Nachhaltigkeit, Aufklärung und Besonnenheit, Biotope. Künstler, die schon immer auf diese Problme hingewiesen haben und nur von wenigen gehört wurden. Ein Förster hat ein Buch über Bäume geschrieben, das weltweit zum Bestseller wurde und immer noch ist. Spontan fällt mir das Lied "Keep out, we are toxic" von Snowie White ein-Außerirdische, die unseren Planeten besuchen wollen und mit diesem Ruf empfangen werden. Die Frage ist berechtigt: Was für Bücher soll man für eine solche Welt noch schreiben? Man kann sie schreiben, um diejenigen zu unterstützen, die unter den gegenwärtigen Zuständen leiden. Man kann sie schreiben, um gegenwärtige Zustände zu dokumentieren und in Zusammenhang mit vergangenen zu bringen.

Man kann Initiativen persönlich oder finaziell unterstützen. Man kann mit wachen Augen und Ohren und Nase durch die Natur gehen, dem nachspüren, was sie ist und was sie braucht. UNS AUF JEDEN FALL NICHT! Sie bricht sich Bahn durch Stein und Beton und wird uns überleben.

Donnerstag, 24. August 2017

Neue Lust auf Leben

Die Ereignisse der letzten Zeit könnten dazu führen, dass ich mich wie gelähmt fühle und nicht mehr weiß, wohin die Welt eigentlich steuern wird. Es waren nicht nur die Anschläge von Barcelona und andere niederschmetternde Nachrichten wie Verhaftungen von Journalisten, sondern auch ein Unfall, der sich hier bei uns ereignete und uns tagelang beschäftigte. Ein Müllwagen war ungebremst von einem Industriegebiet abgebogen (wahrscheinlich ein technischer Defekt), war umgefallen und hatte eine ganze Familie unter sich begraben. Zweitausend Trauergäste haben am vergangenen Samstag Abschied von diesen jungen Menschen genommen. Dazu kam ein Mord an einem türkischen Mitbürger, der in der Straße meines Lebensgefährten wohnte. Die Hintergründe dieser Tat wurden öffentlich nie aufgeklärt. Ausströmende Gasflaschen in Calw und in Belgien, leider auch strafrechtliche Übergriffe von Flüchtlingen in unserer Stadt, Übergriffe auf Menschen mit arabischen Wurzeln in Spanien. Einziger Lichtblick der Zeit war die Großdemonstration der Barceloner Bürger mit der Botschaft: Wir lassen uns nicht einschüchtern, wir wollen das Leben, das wir uns ausgesucht haben, weiterführen!

Wie soll man unbeschwert weiterleben, wenn die Welt, die wir kannten und liebten, sich so sehr verändert hat? Man kann die Augen nicht vor diesen Prozessen verschließen. Doch ist - wie immer - Angst ein schlechter Ratgeber. Wir haben vorgestern ein Bilanzgespräch geführt. Was ist persönlich für uns anders geworden, warum waren wir früher so neugierig auf alles, was hinter der nächsten Ecke stecken könnte? Es war nicht allein mein Schreiben, was vieles in den Hintergrund gedrängt hat. Was hat sich beim Reisen verändert, das uns früher nach Frankreich, Spanien, Italien und in fast alle deutschen Regionen führte? War es der Raubüberfall auf dem Campingplatz der spanischen Mittelmeerküste, als nachts unser Zelt direkt neben uns aufgeschlitzt wurde? Dass wir seitdem nie mehr gezeltet haben? Ist es der Klimawandel, der uns immer mehr Extremwetter bringt? Das alles reicht nicht aus. Wir haben das, was uns früher angetrieben hat, zum Teil verloren. Was war es denn, was wir früher anders gemacht haben? (Diese Fage stellte ich auch immer gern meinen Klienten, und manche haben es auch geschafft, vergrabene Talente und Gefühle wieder auszugraben). Wir haben Städte besucht, sind gewandert und gefahren, haben Pilze gesammelt, fotografiert und sind zu Musikveranstaltungen gegangen. Haben uns politisch und sozial engagiert. Das alles hat seinen Glanz verloren, auch wenn es in Ansätzen noch vorhanden ist.

Während einer Wanderung vor einer Woche auf dem Klippeneck begegneten uns zwei Pilzsammler, die Hände voller Habichtspilze und goldgelber Korallen. Einen vermeintlichen Champignon identifizierte ich als kleinen Flaschenbovist. Das sind nun nicht gerade die Sorten, die wir gerne sammeln und essen. Der Habichtspilz ist leicht bitter, die Koralle kann man mit der Bauchwehkoralle verwechseln. Die Sammlerin wollte die Habichtspilze trocknen und in ihre Soßen geben. Trotzdem war das eine Initialzündung. Ich schlug meinem Partner vor, am nächsten Tag in den Überberger Wald zu gehen und zu schauen, was sich da an Pilzleben tut. Und es war ein voller Griff in dieses Leben. Hunderte von Täublingen, viele Blutreizker, drei kleine Steinpilze und der Hammer: Eine Krause Glucke! Die kenne ich noch von meinem Vater her, und es ist einer der besten Speisepilze, die ich je verzehrt habe! Die habe ich in Röschen zerteilt, die Erde rausgewaschen und zusammen mit den Steinpilzen, etwas italienischem Rohschinken, Zwiebeln und Sahne geschmort und mir auf der Zunge zergehen lassen. Gestern waren wir wieder in der näheren Umgebung unterwegs. Wenn man nur die Augen aufmacht und die großen Straßen verlässt, kann man Dinge in Gegenden endecken, die man bis zum Überdruss zu kennen meint. Es war die Dießener Burgruine im Dießener Tal (bei Horb). Sehr schön restauriert, auch für Freilichtspiele, umgeben von mächtigen Esskastanien. Unten eine Handvoll Häuser mit überbordenen Blumenrabatten und Fleischtomaten, darunter das "Horber Haus der Geburt" einer Hebamme, ein Schild neben der Tür, das zum Leben außerhalb der eingefahrenen Gleise auffordert. Bei einer anschließenden Wanderung stellten wir fest, dass die Natur das einzige ist, was sich nicht ändert und was nichts braucht außer Licht, Luft, Wärme, Wasser und Nahrung.

Donnerstag, 27. Juli 2017

Kann Kreativität versiegen?

Kreativität gibt es schon so lange, wie Menschen auf der Erde leben. Unsere Ahnen wohnten in Höhlen, wie zum Beispiel in der Vogelherdhöhle im Lonetal auf der schwäbischen Alb, im Hohlen Fels bei Schelklingen oder in Lascaux in Frankreich (Höhlenmalereien). Als älteste figürliche Kunstwerke sind das Mammutelfenbein aus der Vogelherdhöhle, die Venus und der Löwenmensch vom Hohlen Fels erhalten. Sie wurden jetzt dem UNESCO-Weltkulturerbe hinzugefügt. Die harten Überlebensbedingungen machten die Menschen offensichtlich erfinderisch und kreativ. Keiner hat ihnen den Befehl erteilt, so etwas anzufertigen, es kam ganz von innen heraus. Und so ist es bis heute. Es wurden zwar, zum Beispiel in der Malerei, immer wieder Auftragsarbeiten erteilt, die das Überleben u.a. der Maler sicherten, die aber durchaus auch zu Kunstwerken wurden. Was bedeutet das für heutige Menschen, die kreativ sein wollen, aber durch äußere Umstände daran gehindert werden? Was bedeutet es für mich, deren reativen Lebenslauf ich wohl am besten kenne?

Als Kind und als junge Erwachsene waren meine Hauptleidenschaften das Malen, die Natur, die Bücher und das Unterwegssein. Während meine Schwester immer maulte "Wo ist denn der Bahnhof?", hat es mir immer Spaß gemacht, mit meinem Vater durch die Wälder zu streifen, und es hat mich immer interessiert, was da wächst, blüht, kreucht und fleucht. Später kamen das Schreiben dazu, das Reisen in ferne Länder, die Psychologie, das Fotografieren und das Kochen. Das erste, was ich nach Jahren des Studiums und der Familiengründung schrieb, waren Zeitungsartikel, Friedens- und Ökopolitik, mein erstes belletristisches Werk war ein Märchen, das während einer therapeutischen Phase entstand. Noch um einiges später entwickelte ich Kurzgeschichten, aus dem Leben gegriffen und am Wegesrand sammelt. Die wurden in einer Schreibwerkstatt eingestellt und dort diskutiert. Darauf folgte ein biografischer Roman, später insgesamt zehn Romane, ein Sachbuch (Kalender) und drei Beiträge in einer Anthologie. Fünfzehn Jahre lang war ich schreiberisch kreativ unterwegs. Obwohl mir damals schon die Frage gestellt wurde, ob ich nicht lieber malen wollte. Was ist nun von diesen Jahren geblieben, ich meine was ist geblieben, das man sehen und anfassen kann? Die ursprünglichen Leidenschaften wie das Kochen sind nämlich zwischendrin auf der Strecke geblieben. Zehn Bücher, die eine halbe kleine Regalreihe füllen. In meiner Küche hängt ein Stilleben mit Aubergine, das ich in einer Malphase erstellte, in einem anderen Raum eine Küstenlandschaft.

Stilleben


Küstenlandschaft (wird noch ersetzt ohne Spiegelung)

Etwa sechzehn, siebzehn Jahre nach dem ersten Roman, begann die Kreativität zu versanden. Ich hatte keine Lust mehr, mich nach den Gegebenheiten eines Marktes und starren Genreregeln zu richten. Drei Bücher (ein Krimi, ein historischer Krimi und ein zeitgenössisch-historischer Roman) blieben auf der Strecke. Doch mir fehlte das Schreiben so sehr, dass ich die Rechte eines historischen Romans zurückerbat und den seitdem neu schreibe, mit aller Langsamkeit, die in den Jahren der Verlagstätigkeit so nicht möglich war. Allerdings konnte ich mich weiterhin in meinem Blog und im Austausch mit SchreibkollegInnen ausprobieren. In diesen Tagen jetzt machte ich eine Entdeckung. Ich habe Hunderte von virtuell gespeicherten Fotos aussortiert und neu geordnet, ebenfalls ein paar hundert Papierfotos, die in einem Karton abseits gestellt waren. Ich habe festgestellt, dass alles, die Reisen, das Kochen, die Natur, das Wandern, die Psychologie, Bücher, Fotos, Kurzgeschichten und alle Menschen, dneen ich bisher begegnet war, alle, zu denen ich in eine tiefere Beziehung getreten bin, und das gilt auch für historische Persönlicheiten und fiktive Figuren, alles, was ich mir zeitlebens an Wissen über die Welt angegeignet hatte, eine Einheit mit meinem gesamten Leben bilden.




Montag, 29. Mai 2017

Lebensbaustellen: Schreiben und Natur

Heute kommt der zweite Teil der Lebensbaustellen.

2. Das Schreiben und die Natur
Beides hat die letzten siebzehn Jahre meines Lebens stark bestimmt. Zehn Romane sind dabei herausgekommen, acht davon veröffentlicht, dazu eine Anthologie und ein schwäbischer Alb-Kalender. Aber immer, wenn man denkt, da kommt jetzt nichts mehr, kommt dann doch noch was. Wie erwähnt, kam mein zweiter Kleinverlagsroman auf mich zurück und ist seither in Bearbeitung. Erst ein Crash durch falsches Speichern zeigte mir, dass der Roman noch mal ganz neu konzipiert werden muss. In dieser Sache beschäftige ich mich gerade mit den Hexenprozessen in Wasserburg, die dort zwischen 1589 und 1675 fast ununterbrochen stattgefunden haben. Auch vor Kindern machten die Denunziationen keinen Halt. Es erinnert manchmal an das Treiben in den sozialen Medien - nämlich fake news und Hasskommentare entsprechend dem Nachbarschaftsgeklatsch und Anhängen übler Verdächtigungen. Eine Hexenjagd sondergleichen! Vielleicht ist das jetzt dann mein letzter Roman. Aber man soll ja nie nie sagen. Vorstellen könnte ich mir noch ein Ratgeberbüchlein, Rentner und kein bisschen weise oder so und ein (virtuelles?) Büchlein über die Natur und die Poesie. Mein ursprünglicher Antreiber in Sachen Schreiben. Übrigens steigen die Besucherzahlen dieses Blogs ins Immense, sobald ein poetisches Thema auftaucht, allen voran die Franzosen tummeln sich dann hier en masse. Besonders beliebt sind Themen wie "romantische Wege", "Die blaue Blume", "Rainer Maria Rilke", überhaupt Gedichte, dann "Im Oktober", "Altweibersommer" aber auch "Lebensbaustellen" und "Ostern". Da kommen schon mal 13 000 Klicks auf einen Beitrag. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles Roboter sind.

Abtrieb für die Schreiblust gibt es durch den Abbau der Midlist und durch Überfüllung im Self Publishing-Sektor, auch wenn das nicht alles Neuerscheinungen sein müssen. Auftrieb gab mir die Ankündigung des Verlages, im November 2017 noch einmal ein E-Book-Bundle zweier meiner Romane aufzulegen (siehe oben rechts). Wenn ich es hinkriege, ist dann auch mein derzeitiges Projekt "Hexenkinder" verwirklicht und kommt rechtzeitig mit dem historischen Schwarzwaldbuch "Die Köchin und der Kardinal" und "Die Pilgerin von Montserrat" heraus. Anregungen und Erholung aus der Natur holen wir uns nach wie vor - sofern die extremen Wetterverhältnisse es zulassen - bei Orchideenspaziergängen und Albwanderungen.

Mittwoch, 6. Juli 2016

Auf den Spuren der Vergangenheit

Kürzlich haben wir einen Abstecher nach Meersburg am Bodensee gemacht. Diese Stadt ist wie ein Gedicht des Südens, mit alten Bürgerhäusern, Kirchen, Türmen, Palmen, Blume und dem alles durchdringenden Blau des Wassers. Und so trifft man auch überall auf Historisches, nicht zuletzt auf die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, die einige wichtige Jahre ihres Lebens im Meersburger Schloss verbracht hat und dort auch gestorben ist. Ich hatte einmal vorgehabt, über sie zu schreiben und kenne deshalb das Innere des Schlosses schon sehr gut. Für die vielen Touristen mag es ein Event sein, nach Meersburg und auf das Schloss zu gehen. Die meisten werden gar  nicht wissen, dass die größte deutsche Dichterin hier gelebt hat. Aber selbst diese Touristen scheinen sich von "alten Gemäuern" angezogen zu fühlen, sieht man sich einmal den Zulauf in Rothenburg, in Dinkelsbühl und anderen historischen Stätten an. Es weht ein Duft von Vergangenheit herüber. Wenn ich mir überlege, was ich in den letzten zehn, zwanzig Jahren gemacht habe, dann war es eine permanente Spurensuche. Spuren von Menschen, die einmal gelebt haben, von großen und kleineren Ereignissen, auch von Verbrechen, die manchmal erstaunlich denen heutiger Zeiten ähneln. Alles wiederholt sich in der Geschichte. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach Beständigkeit, die dahinterstecken könnte? Nach dem Wissen darüber, woher wir kommen und wohin wir gehen?

Auf der anderen Seite gibt es neben der Zersörung von historisch gewachsenen Dingen auch die Sehnsucht nach unberührter Natur, nach Abenteuer und Selbst-Erfahrung. Warum sonst sollten Zehntausende auf den schwimmenden Pontons des Verpackungskünstlers Christo auf dem Iseo-See gewandelt sein? Warum ist das zweite Buch des Försters Peter Wohlleben (von 2014) "Die Gefühle der Tiere" wieder auf Nr.1 der Spiegelbestsellerliste gelandet? Irgendwo scheint doch eine Sättigung eingetreten und der Wunsch nach dem Einfachen, das uns umgibt, nach Sinneserfahrung, entstanden zu sein. Bekanntlich habe ich mich mein Leben lang in der Natur, in einer historisch gewachsenen Umgebung und unter offenen, zugewandten Menschen immer am wohlsten gefühlt. In meinen Träumen gab es Industriegebiete und alte Städte mit intakter Umgebung. Aus den einen bin ich geflohen, die anderen waren "Heimat", in der man sich entfalten konnte. Genau, Heimat ist wie schon mal gesagt von einem Unwort zu einem Begriff mutiert. Alte Werte neu belebt. Es wird geheiratet wie nie zuvor, in Baden-Württembeg engagiert sich jeder zweite ehrenamtlich. Es ist eine Antwort auf die Ereignisse der Welt. Ich selbst mache jetzt bei der Aktion "Autoren helfen" mit, werde jeden Monat eins von den vielen Belegexemplaren meiner Bücher, meiner Spurensuche, an einen Paten der Flüchtlingsorganisation schicken.

Mittwoch, 11. April 2012

Meine Blogs als Grundfesten des Schreibens?

Habe mich mal umgesehen, wie man denn das Kulturgut "Buch" und andere wertvolle Güter der Menschheit auch sonst noch unter die Leute bringen könnte, unbhängig vom Selbst-Publizieren und Publiziertwerden in Tauschbörsen. Dabei stieß ich auf das Projekt "Digitale Bibliothek Deutschland". Rechtliche und finanzielle Probleme behindern bis jetzt den Ausbau, heißt es da. Dabei dreht es sich vor allem um "vergriffene und verwaiste Bücher." Verwaist bedeutet, dass man bei 30% und mehr der vergriffenen Bücher den Urheber nicht mehr ausfindig machen kann. Nichtsdestotrotz soll im Jahr 2012 diese Bibliothek ans Netz gehen. Das ist sicher eine gute Recherchequelle, für die man nicht extra zahlen müsste. Ich müsste nicht wie bisher unzählige Bücher für Recherchen kaufen, sondern könnte online stöbern, ohne mir um Urheber- und Verwertungsrechte Gedanken machen zu müssen.

Allerdings kann es nicht Ziel eines Autors sein, für die Gemeinschaft zu schreiben, also dafür, dann in dieser Bibliothek, für jeden zugänglich, zu stehen und zum Weltkulturerbe zu gehören. Früher, in grauer Vorzeit, hatte man die wertvollen Güter doch auf Mikrochips gespeichert, wenn ich mich recht erinnere - und in Bunkern gelagert, falls mal so ein richtiger Weltkrieg oder sonstiger Untergang stattfinden sollte. Mein Ziel ist es, Bücher an Menschen zu verkaufen, die das, was ich schreibe, gern lesen. Sei es digital oder gedruckt. Und zwar zu Lebzeiten. Bei mir deuten alle Zeichen darauf hin, dass ich das weiterhin im Zusammenhang mit Verlagen tun werde, auch wenn sich noch so viel ändert zur Zeit. Wenn es dazu kommt, dass das Schreiben von vornherein als kostenloses Allgemeingut angesehen wird, mag ich wohl keine Romane mehr schreiben. Anders ist es mit den Blogbeiträgen. Im Nachbarblog habe ich gestern die Statistiken angesehen und registriert, dass die beliebtesten Kategorien Wanderungen und "Mörike und das liebliche Taubertal" sind, im Schreibteufelchen "Auf Wolframs Spuren", "Mein Buch der Bücher" und "Auf Mörikes Spuren". Aus diesen Beiträgen könnte ich natürlich mal ein E-Book machen und den vergriffenen Mörike hinterherschieben. Aber wozu eigentlich? Es wird ja auch so gelesen, die Besucherzahlen der "Orte zum Reinschmecken" entsprechen ja inzwischen fast denen des Schreibteufelchens. Dort aufräumen könnte ich mal, ja, nur die besten Sachen stehen lassen. Und was hindert mich daran, ebendort meinen "Eduard Mörike. Ein Leben auf der Flucht" sukzessive, in Fortsetzungen, zu veröffentlichen? Hat man doch früher auch gemacht, den Vorabdruck eines Werkes in Zeitungen und Zeitschriften. So hätte ich doch eine schöne Onlinezeitung, die mir Besucher und zufriedenes Schaffen ermöglichen würden.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Meine Besten-unkindled!


Dieses Buch hier von Günther Künkele habe ich am Samstag als Weihnachtsgeschenk gekauft und es in fast einem Rutsch durchgelesen. Es ist nur etwas für Naturfreunde und für diejenigen, die noch einen Gedanken daran verschwenden, welche Ressourcen der Mensch bisher zerstört und vergeudet hat und wie man die Inseln und Nischen, die geblieben sind und zu Publikumsmagneten werden, miteinander vernetzen und vegrößern könnte. Und ich habe noch nie einen Wissenschaftler gelesen, der eine solche Eloquenz, solche Bilder und solche Poetik gehabt hätte! Auch wenn die Hunderte von Pflanzen-, Insekten- und Vogelnamen, die Hang-, Schlucht-, Seggen- und Blaugraswälder manchmal fast erschlagend daherkommen. Ganz und gar verdient hat Günther Künkele die bundesweiten Auszeichnungen, die er als Naturschützer erhielt. (Silberburg Verlag Tübingen, Oktober 2011, 24.90 Eur.)
Das zweite Buch war ein antiquarisches, das ganz gewiss niemals mehr verlegt oder verkindled wird: Weimarer Portraits-von Luther, Lucas Cranach, Melanchton über Goethe, Schiller, Wieland, Jean Paul, Franz Liszt, Mendelsson-Bartholdy, Nietzsche, Schopenhauer, Bach, Böcklin, Herder, Hebbel, Kandinky, Klee, Richard Wagner und Richard Strauß. In dieser Zeit, und in der Renaissance hätte ich leben und schreiben mögen. Als wir vor zwei Jahren dort waren, war alles noch da, die Luft und die Aufbruchstimmung und der Glanz. (Weimarer Porttraits, Fritz Kühnlenz, Greifenverlag 1970).

Aber das ist alles vorgestrig und vorbei, Geschichte ist Geschichte. Heute soltest du als Autor genau wissen, wer deine Zielgruppe ist. Da 81% der unter 30jährigen das Ebook bevorzugen, sollest du für diese Zielgruppe Ebooks schreiben und ordentkich damit verdienen. Kindle-geeignet seien auch Sachbücher, Reisebeschreibungen und Krimis. Bei den Älteren nimmt das Ebook-Interesse immer mehr ab bzw. noch gar nicht zu. Es ist Zeit, eine erste Bilanz für mich zu ziehen.
Meine antiquarischen Bücher bleiben, wo sie sind: im Antiquariat.
Die historischen erscheinen weiterhin als Taschenbücher.
Und wenn mich mal mein Schreibteufelchen zwickt und ganz, ganz viel Zeit und Energie da ist, kann ich ja meine Krimis und Thriller immer noch als Kindle-Edition herausgeben - und damit 35% bei Amazon absahnen!