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Sonntag, 16. Juni 2019

Ver-Reisen, Urlaub, Tourismus

Kürzlich las ich in meiner Zeitung, dass es bestimmte Gebiete dieser Erde gäbe, auf die sich der Massentourismus konzentriere und sie auch zerstört habe. Vielerorts überlege man sich schon, ob man nicht Quoten erstellen solle, weil die Venezianer und Barceloner keinen  bezahlbaren Wohnraum mehr bekommen, denn es wird alles an Touristen vermietet. Als Erstes fallen einem da Orte wie Venedig, die Insel Mallorca, der Louvre und viele andere ein. Hier eine Liste mit den 25 berühmtesten Reisezielen:https://fritzguide.com/reiseziele-die-der-tourismus-zerstoert-hat/
Da ich selbst in meinem Leben sehr viel gereist bin, habe ich diese Entwicklung mit zunehmender Sorge verfolgt. Und eigentlich kann ich von Glück sagen, dass ich den Eiffelturm, den Louvre, den Parthenon von Athen, Mallorca, Dubrovnik, Pompeji, Barcelona und die Ruinen von Delphi in einer Zeit besucht habe, in der das noch halbwegs zivilisiert möglich war. Aber schon die Mona Lisa konnte ich vor langen Jahren schon nicht mehr aus der Nähe sehen, weil unzählige Touristenköpfe sie verdeckten. In Venedig war Anfang dieses Jahrtausends kein Besuch des Markusdoms möglich, wir mussten auf den Dogenpalast und die Gemäldegalerie ausweichen. Schloss Neuschwanstein konntest du selbst im Regen vergessen. Die Iguazu-Wasserfälle hatte ich schon mit 19 Jahren gesehen, den Londoner Tower mit 18, den Salto Angel in Venezuela in den Neunziger Jahren vom Flugzeug aus. Auf Madeira im Oktober wanderten wir mit unzähligen anderen Leuten auf den Wegen. Die blaue Grotte in Capri wurde mit etwa zehn Booten befahren. War alles einmalig, doch zu welchem Preis, wenn man die Besucherzahlen anschaut!


Madeira, Capo de Sao Vicente
Wenn man viele der schönsten und berühmtesten Orte dieser Welt gesehen hat, kann man ja eigentlich auch zu Hause bleiben. Oder? Wenn dieses Wörtchen "wenn" nicht wäre. Wenn einem die Decke auf den Kopf fällt, weil man zwar an einem Ort wohnt, an dem andere Urlaub machen (Schwarzwald), diese Gegend aber sukzessive ebenso massiv zerstört wird wie die anderen Touristenorte auch. Nicht nur durch den Tourismus. Durch Flächenverbau, Bodenversiegelung, Industrieansiedlungen, neue Straßen und rapide zunehmendem Verkehr. Es gibt aber Orte, die wie Rückzugsgebiete sind. Man muss sie nur kennen. Hier einige Beispiele von Ecken, die sich ihren ursprünglichen Charme bewahrt haben.
Versteckte Stellen am Bodensee

Burg Wildenstein im Donautal

Der Blautopf in Blaubeuren (nicht ganz so "totbesucht" wie der Mummelsee im Schwarzwald)

Idylle im Garten des Schlosses Lindich bei Hechingen

Dom in St. Gallen

Jagdschloss in Hirsau

Figuren am Eulenturm in Hirsau

Hohenzollernblick

Ein ursprünglicher Traufweg der schwäbischen Alb

Samstag, 10. Juni 2017

Dem Himmel ganz nah - in Bayern

1. Die Hinfahrt
Vor zwei Tagen war es mal wieder so weit: Baden-Württemberg mit seiner Bevölkerungsdichte, seiner Fixiertheit aufs Heiligs Blechle und der Rücksichtslosigkeit vieler seiner Bewohner hing uns zum Hals heraus. Was für entspannte Tage hatten wir bis vor wenigen Jahren in Bayern verbracht! Also suchten wir uns einen Landstrich, der nicht so dicht an den Bergen und Seen des Allgäus liegt: den Pfaffenwinkel. Er umfasst das Gebiet zwischen Memmingen, Bad Wörrishofen und Schongau. Wir waren gespannt darauf, ob wir ohne Frust und seelische Blessuren dorthin gelangen würden. Bis zum Kloster Ochsenhausen, über die schwäbische Alb, ging es noch gerade so. Viel zu viele Laster, viel mehr Autos als am Wochendende. Aber nur einmal beschleunigte ein VW-Dickschiff, als wir mit unserem Golf überholen wollten, und drängte uns fast von der Straße. Hupte auch noch unverschämt hinter uns her. In Ochsenhausen gab es einen schrecklichen Imbiss, serviert von einer schusseligen Bedienung, umrahmt von einem höllischen Verkehrs-und Laubbläserlärm. Ich weiß nicht mehr, wie wir aus den Umleitungen in Memmingen, die uns ständig im Kreise führten und uns eine Stunde Zeit kosteten, plötzlich hinausgelangten unter die Weiten des bayerischen Himmels.

2. Unter dem weißblauen Himmel
Nach etwa zwanzig Minuten Fahrt durch grünes Allgäuland tauchten die kollossalen Türme des Klosters Ottobeuren auf. Wir rieben uns die Augen, denn es war eine Abtei mit einem Münster, das wir auf unseren Kloster - und Kirchenfahrten bisher noch nicht entdeckt hatten. Mit einmaliger Wucht steht dieses Barockkleinod auf einen Hügel über dem kleinen Flecken gerammt. Innen vier Schiffe mit Illusionsmalerei und kunstvollem Stuck, alles in einer einmaligen Art aufeinander abgestimmt..
Ottobeuren
https://www.holidaycheck.de/m/inneres-der-basilika/2cf52f83-c951-31b5-81fa-a83c36f06124
Sebastian Kneipp, der Wasserexperte, wurde hier geboren und wirkte in Ottobeuren wie in Bad Wörrishofen. Unten eine Festtagsgalerie mit Biergärten, Hotels, Pensionen und Hunderten von lustigen Kirchentouristen. Es war noch früh am Tag, deshalb fuhren wir weiter in diesen bezaubernden Landstrich des Pfaffenwinkels hinein. In jedem kleinen Dorf steht eine Barockkirche, manche groß wie eine Basilika, die man nur in Wallfahrtsorten vermuten würde. So kamen wir zum Auerberg, nach Bernbeuren, wo aber keine vernünftige Übernachtung mehr zu haben war. Umso schöner das Ensemble von Kirchen und Kapellen.

Kapelle in Bernbeuren

Zum Abschluss des Tages dann noch die gezackte Alpenkulisse mit dem Forggensee und den Königsschlössern Hohenschwangau und Neuschwanstein im Hintergrund. Ludwig II. hat wohl gewusst, warum er seine Traumschlösser in diese Gegend hinein baute, und die Touristen von heute wissen wohl, warum sie zu Tausenden jedes Jahr in diese Traumlandschaft kommen. goo.gl/dV5mSI Zur Übernachtung kam es dann in Ottobeuren, nach einigen wesentlichen Hindernissen. Während des Essens irritierte uns eine Bedienung mit herzhaft rot geschminktem Mund und gestelzt kesser Pose.  Ich bestellte erstmal einen sauren Sprudel, der Tag war heiß und schweißtreibend gewesen.
"Mit Wein oder mit Bier?", fragte die Bedienung.
"Nein, Wasser mit Kohlensäure", antwortete ich.
"Mit süßem oder sauremSprudel?"
"Nein, einfach Wasser mit Kohlensäure."
"Stilles Wasser?"
"Nein, mit Kohlensäure!"
Bei meinem Freund das Gleiche. Er wollte ein kleines Bier.
"Dunkles oder helles Bier?"
"Ein Bier, kein Dunkles."
"Kristallweizen oder Hefeweizen?"
"Ein kleines Bier, verdammt!"
Mein Freund ist dafür bekannt, dass er schnell aus der Haut fährt. Um wegen des Essens keine weiteren Indolenzen mehr hervorzurufen, zeigte ich auf eine Tafel und bestellte: Paniertes Schnitzel mit Kartoffelsalat. Die Bedienung rauschte ab, den rot geschminkten Mund zu einer starr lächelnden Maske verzogen. Ein junger Typ, der uns vorher schon angesprochen hatte, setzte sich zu uns und berichtete, dass er in einer anderen Wirtschaft  weggejagt worden wäre, weil der Tisch reserviert sei, obwohl kein Schildchen darauf stand. Er war übrigens mit dem Fahrrad ebenfalls eine Stunde in Memmingen herumgeirrt. Nun, wie gesagt kam es trotzdem zur Übernachtung in diesem ansonsten gesegneten Ort. Der junge Mann hatte per Handy zwei Zimmer für uns in einer Pension besorgt, in der er auch selber wohnte. Die Umgebung von Ottobeuren ist wunderschön, es gibt sogar einen sauberen Weiher mit Badewiese. Dort liefen uns zwei Angler mit Bierflaschen und zwei gefangenen Barschen über den Weg. Und in der Pension saßen wir die halbe Nacht auf dem Balkon, tranken Büble und Andechser Bier und redeten über Musik, über Kunst, das Leben, Gott und die Welt. Leider verschwand die Pensionswirtin am nächsten Tag, so dass wir nicht länger bleiben konnten. Und so tasteten wir uns, weil das Wetter immer schlechter wurde, langsam zurück an die Grenze von Baden-Württemberg. Ein Highlight war noch das Städtchen Mindelheim. Schon am Morgen stehen hier die Halben auf den Tischen, alle sind freundlich und aufgeschlossen. In einer Bäckerei lachten ein Kunde und die Bäckerin um die Wette. Gelassenheit und Lebensfreude unter bayrischem Himmel, was ich so liebe!

3. Die Rückfahrt
Die letzte Sonne beschien die barocken Kirchen und Biergärten, die es hier in jedem Dorf gibt. In Günzburg an der Donau hatten wir mal einen tollen Schweinebraten gegessen, von einem ausnehmend netten Kerl in Lederhose auf dem Marktplatz serviert. Aber wir hatten die Nähe zur Autobahn vergessen. Riesige Laster verbarrikadierten den Zugang zur Stadt. Und so gerieten wir zurück in den unwirtlichen baden-württembergischen Sog. Baden-Württemberg, ein Wirtschafts- und Egoistenland, Bayern, mehr eine Agrar- und Bierwirtschaftsgegend. Zum Trost noch ein Besuch der alten St. Galluskirche in Brenz an der Brenz goo.gl/lO49P5, ein gutes Essen mit aufmerksamer Bedienung in Giengen. Dann durch das Brenztal mit seinem Industrieanlagen-Inferno, dazu Staus und Regen, ein Höllenritt zurück über die schwäbische Alb, aber angefüllt mit guten Erlebnissen. Wir werden jederzeit gern dorthin zurückkehren, und jetzt wissen wir auch, wie wir besser dorthin gelangen und wo wir länger bleiben können.