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Montag, 8. Juli 2019

Wo ist Heimat?

Welchen Ort empfinden Menschen als ihre Heimat? Den, wo sie geboren wurden? Ist sie dort, wo die Familie und Freunde sind und der Mittelpunkt ihrer Lebensbeziehungen? Ich selbst hatte immer gedacht, dass mein Geburtsort Flensburg eine solche Heimat wäre. Und ich hatte oft genug an diese Gegend gedacht, an die Flensburger Förde, den Geruch des braunen Tangs, die Schreie der Möwen, das mit Buchen bestandene Hügelland, den immerwährenden Wind, der stets den Geruch von Salz mit sich brachte. Das stundenlange Traben durch Wälder und Felder in den Sommerferien, die nie zu enden schienen, der blühende Apfelbaum im Garten, die Zollhäuser, die Waldwiese und der Niehuuser See. Das Blau der Ostsee, die Schülerbälle, Ruderboote, Quallen und Seesterne. Der erste Kuss unweit der Krusau, der erstmal daneben ging. Der rote dänische Sild, der Räucheraal, der Wackelpudding und der große Kloß, das Lesen mit der Taschenlampe im Bett, Tanzstunde, Spiele und Lagerfeuer. Da knisterte die Welt noch und war voller Abenteuer!

 Am letzten Wochenende machten wir uns daran, die Gegend noch einmal zu besuchen. Drei Jahre lang war ich nicht mehr dort gewesen. Die vielen, vielen Baustellen hielten uns diesmal nicht davon ab, weiterzufahren. Die Aussicht, am langen Strand in Wassersleben spazieren zu gehen, im Kollunder Wald in der kleinen Sandbucht zu schwimmen, mit dem Schiff zum Flensburger Hafen hinüberzufahren, noch einmal den besten Hotdog von Dänemark zu verzehren und mit dem Klingelboot auf die Ochseninseln zu schippern, hielten den Willen aufrecht. Abends liefen wir in Flensburg ein. Ich erkannte nichts mehr wieder! Dort irgendwo musste meine Schule gewesen sein, aber es war alles voll mit neuen Häusern. Die Meile am Hafen war noch die alte, doch der Wasserslebener Strand war von einer Baustelle versperrt. Zu den Residenzen dahinter waren noch etliche dazugekommen. Das Einzige, was vertraut schien, waren der Grieche und der Fleggard, ein Einkaufszentrum, das insbesondere gern von den Dänen aufgesucht wird. Unsere Ferienwohnung war zu klein, die Übernachtung im "Hotel des Nordens" direkt an der dänischen Grenze war teuer, einsam, kalt und fast gänzlich schlaflos. Was für herrliche Stunden hatten wir früher im hoteleigenen Bad verbracht! Ich musste zähneknirschend feststellen, dass hier nichts mehr war, keine Heimat, keine Familie, keine Freunde, es war nichts mehr da. Das Grab meiner Eltern brauchte dringend eine Anpflanzung. Die einzige Stelle, die sich nicht verändert hatte, war die sogenannte Schusterkate, der kleinste Grenzübergang Dänemarks. Hier lag einst das Boot meines Vaters, hier haben wir Muscheln gesucht und Enten gefüttert. Später ruderte ich in einem Dingi mit einem Freund zur Ochseninsel, ein Abenteuer, das zu vorgerückter Nachtstunde endete. Wir verließen den ungastlichen Ort und fuhren nach Husum, das wir von einem anderen Besuch her in guter Erinnerung hatten.
Bootshafen an der Krusaumündung

Schusterkate, die Brücke über die Krusau

Das ehemalige Hotel "Ganther" in Wassersleben (wo wir im Jahr 1955 beim Umzug von Bayern mit meinen Eltern abstiegen)
Das nächste Ziel war Husum, die "graue Stadt am Meer" des Schriftstellers Theodor Storm. Vom Hafen mit seinen Kuttern durch die engen, malerischen Gassen zu Storms Haus, in dem er von 1866 -1880 wohnte und den Schimmelreiter" vollendete.

Die Rückfahrt ins Schwäbische sollte drei Tage dauern, und zwar kreuz und quer durchs Land. Es wurde immer heißer und trockener. Die schönste Gegend fanden wir rund um Hildesheim (duftende Lindenalleen, versteckte Kapellen und malerische Dörfer) und später im Werratal mit dem Hohen Meissel.

            Abends landeten wir in einer alten Gastwirtschaft in einem Ort namens Grasdorf. Zwei großzügige Zimmer, eins mit Erker, und eine vergnügliche Unterhaltung am Dorftresen. Im schönen Werratal mit seinen alten Burgen tauchte dann eine wahre Perle auf: Die alte Fachwerkstatt Eschwege. Es sei die einzige Stadt, die ihren lebendigen Charakter erhalten habe, weil die Stadtverwaltung die Einzelhandelsgeschäfte bezuschusst hat. Das war der ganzen Gegend anzumerken. Die Menschen waren offen und liebenswürdig, das Hotel gut und die Gastronomie vielfältig. Doch wie überall sonst auf dem Land wurden um zehn Uhr die Bürgersteige hochgeklappt. So saßen wir mit einem Bier auf einer Bank in dieser warmen, lindenduftgeschwängerten Nacht und beobachteten das nächtliche Treiben der Jugend.

Der Rest der Reise ist schnell erzählt.  Nach einem Mittagessen in Veitshöchstheim (so ein Schweinebraten mit Knödel kann auch ein Stück Heimat sein)
Tauberbischofsheim
noch zwei heiße, gemütliche Stopps in Walldürn und Tauberbischofsheim.  Es ist sicher klar, dass wir froh waren, wieder in unsere kühlen Wohnungen zurückzukehren. Diese Fahrt war sehr aufschlussreich. Sie zeigte nicht nur den klimatischen und sozialen Zustand unseres Landes, sondern auch, wo Heimat nicht sein kann. Immer wieder kleine Heimatgefühle, doch die Heimat kann nur dort sein, wo sich das Gefühl von Heimat einstellt. In diesem Link wird kurz erläutert, worüber es seitenlange Zeitungsartikel gibt:
https://www.phoenix.de/themen/rubriken/was-ist-heimat-a-252781.html  

Zitat: "Auszudrücken, warum wir uns irgendwo und mit irgendwem zuhause fühlen, fällt den meisten schwer. Wie sehr wir unsere Heimat schätzen, stellen wir oft erst fest, wenn wir fern davon sind und das Heimweh oder die Sehnsucht ausbricht. Manch einer verspürt sie sogar erst, wenn er das Gefühl hat die Heimat könnte verloren gehen."                            


 


St. Dyonis in Eschwege

Sonntag, 16. Juni 2019

Ver-Reisen, Urlaub, Tourismus

Kürzlich las ich in meiner Zeitung, dass es bestimmte Gebiete dieser Erde gäbe, auf die sich der Massentourismus konzentriere und sie auch zerstört habe. Vielerorts überlege man sich schon, ob man nicht Quoten erstellen solle, weil die Venezianer und Barceloner keinen  bezahlbaren Wohnraum mehr bekommen, denn es wird alles an Touristen vermietet. Als Erstes fallen einem da Orte wie Venedig, die Insel Mallorca, der Louvre und viele andere ein. Hier eine Liste mit den 25 berühmtesten Reisezielen:https://fritzguide.com/reiseziele-die-der-tourismus-zerstoert-hat/
Da ich selbst in meinem Leben sehr viel gereist bin, habe ich diese Entwicklung mit zunehmender Sorge verfolgt. Und eigentlich kann ich von Glück sagen, dass ich den Eiffelturm, den Louvre, den Parthenon von Athen, Mallorca, Dubrovnik, Pompeji, Barcelona und die Ruinen von Delphi in einer Zeit besucht habe, in der das noch halbwegs zivilisiert möglich war. Aber schon die Mona Lisa konnte ich vor langen Jahren schon nicht mehr aus der Nähe sehen, weil unzählige Touristenköpfe sie verdeckten. In Venedig war Anfang dieses Jahrtausends kein Besuch des Markusdoms möglich, wir mussten auf den Dogenpalast und die Gemäldegalerie ausweichen. Schloss Neuschwanstein konntest du selbst im Regen vergessen. Die Iguazu-Wasserfälle hatte ich schon mit 19 Jahren gesehen, den Londoner Tower mit 18, den Salto Angel in Venezuela in den Neunziger Jahren vom Flugzeug aus. Auf Madeira im Oktober wanderten wir mit unzähligen anderen Leuten auf den Wegen. Die blaue Grotte in Capri wurde mit etwa zehn Booten befahren. War alles einmalig, doch zu welchem Preis, wenn man die Besucherzahlen anschaut!


Madeira, Capo de Sao Vicente
Wenn man viele der schönsten und berühmtesten Orte dieser Welt gesehen hat, kann man ja eigentlich auch zu Hause bleiben. Oder? Wenn dieses Wörtchen "wenn" nicht wäre. Wenn einem die Decke auf den Kopf fällt, weil man zwar an einem Ort wohnt, an dem andere Urlaub machen (Schwarzwald), diese Gegend aber sukzessive ebenso massiv zerstört wird wie die anderen Touristenorte auch. Nicht nur durch den Tourismus. Durch Flächenverbau, Bodenversiegelung, Industrieansiedlungen, neue Straßen und rapide zunehmendem Verkehr. Es gibt aber Orte, die wie Rückzugsgebiete sind. Man muss sie nur kennen. Hier einige Beispiele von Ecken, die sich ihren ursprünglichen Charme bewahrt haben.
Versteckte Stellen am Bodensee

Burg Wildenstein im Donautal

Der Blautopf in Blaubeuren (nicht ganz so "totbesucht" wie der Mummelsee im Schwarzwald)

Idylle im Garten des Schlosses Lindich bei Hechingen

Dom in St. Gallen

Jagdschloss in Hirsau

Figuren am Eulenturm in Hirsau

Hohenzollernblick

Ein ursprünglicher Traufweg der schwäbischen Alb

Dienstag, 17. Oktober 2017

Merkelland ist ausgebrannt

Fransenenzian
Als wir gestern vor einer Bäckerei in einem beschaulichen Landstädtchen saßen, kam mir mit einem Mal - schlagartig - zu Bewusstsein, was Frau Merkel und die CDU unter "Wirtschafswachstum" verstehen. Es ging nämlich zu wie auf der Autobahn. Ein Lastwagen, ein SUV, ein PKW nach dem anderen donnerten vorbei, ob mit oder ohne Anhänger. Die Fußgänger hatten Mühe, ohne Schaden an Leib und Leben den Zebrastreifen zu überqueren. Und warum hat sich dieses Landstädtchen, das allerdings für seine schwarze Gesinnung bekannt ist, in solch ein Chaos verwandelt? Weil sich am Rande die Industrieanlagen und die dazugehörenden Häuser immer weiter in die Landschaft fressen. Bestimmte Wege, die wir immer gegangen sind, werden mit der Zeit unpassierbar. Das deutsche Wirtschaftswachstum ist ein Alptraum, aus dem es kein Erwachen mehr gibt! Kürzlich habe ich noch von Inseln gesprochen, die aber immer schwerer und nur auf Kosten des immer dünner werdenden Nervenkostüms zu erreichen sind. Das Fahrrad ist keine Alternative, denn damit ist man der Aggressiviät der Autofahrer umso schutzloser ausgeliefert. Kürzlich las ich einen Bericht über die Charakterzüge der SUV-Fahrer. Je kleiner der Mensch, desto größer das Auto. Tatsächlich sahen wir einmal aus einem Porsche einen wirklich unscheinbaren Zwerg steigen. Männer täten gern zeigen, dass sie Geld haben, Frauen fühlen sich in so einem -als Geländewagen untauglichen Spritfresser - angeblich sicherer. Und alle denken, dass bei einem Unfall der andere den Kürzeren zieht.

Ich traue mich fast nicht zuzugeben, dass wir am Sonntag noch einmal versucht haben, ein abgeschiedenes Klosterdorf in Bayern zu erreichen. Diesmal nicht Ottobeuren, sondern Waldsassen unweit Bayreuth. Es ging auch zügig voran, keine Lastwagen am Sonntag, bis irgendwann auf der Frankenhöhe aus jeder Ecke ein Fahrzeug geschossen kam. Mit Müh und Not kamen wir bis Forchheim, wo mein Bruder geboren wurde und ich als Kind einige Zeit verbracht habe. Vor etwa zehn, fünfzehn Jahren waren wir schon einmal hier. Da standen wir plötzlich mitten auf einem hübschen fränkischen Marktplatz. An diesem Tag sahen wir eine riesige Industriestadt volle neuer Straßen und Unmengen von Autos. Im nächsten Ort (der gehörte schon zur fränkischen Schweiz) hörte der Tag dann auf, noch im geringsten lustig oder erholsam zu sein. Auf der Kreuzung knatterten derartig viele Motorräder und PKWs vorbei, dass es in den Ohren klingelte. Die Bedienung des Lokals, in das wir dann auf ein Getränk einkehrten, guckte mürrisch, und drei Gäste erzählten uns, dass heute in Nürnberg, Erlangen (auch eine Kindheitsstadt von mir) und sonstwo ein verkaufsoffener Sonntag sei. Daraufhin besichtigten wir nicht einmal mehr die uralte Wehrkirche und nahmen auch Abstand von einer Übernachtung. Es ging auf dem schnellsten Weg zurück nach Hause. Es geht also nicht nur bei uns, in der Nähe von Daimler-Benz oder Stuttgarts Wiesenfesten so zu, sonder ÜBERALL. Wäre nicht die wunderbare Wirtschaft zum Lamm in Rot am See gewesen, hätten wir den Ausflug gänzlich unter peinliche Verluste abhaken müssen. Für das Lamm kann ich gerne Werbung machen, denn dort wird der beste und zarteste Sauerbraten serviert, den ich je genossen habe. Mitsamt den Semmelknödeln, die irgendwelche Grieben in sich hatten (Knödel esse ich sonst immer nur zur Hälfte) war die Platte hinterher total geputzt.

Aber es gibt noch Alternativen, dort, wo keine Industrie angesiedelt ist, wo keine Autobahnen in der Nähe sind und das Leben nicht stillsteht, aber auf die Bedürfnisse der Menschen Rücksicht nimmt. Es ist eine kleine Stadt auf der schwäbischen Alb, in der wir früher öfter kurze oder längere Urlaube gemacht haben. In der Nähe gibt es Höhlen, Burgen und eine riesige Wacholderheide, auf der so spät im Jahr noch der Deutsche Enzian und der Fransenenzian zu finden waren. Mt drei Ehepaaren führten wir dort am Freitag Gespräche und konnten feststellen, dass es noch andere gibt, die so denken wir wir. In dem Städtchen kann man auch ein Blockhaus in einem Feriendorf mieten, und es gibt in der Nähe mehrere Klöster, zum Beispiel Obermarchtal. Das in Untermarchtal wurde zwar in ein Seniorenheim umgewandelt, aber dort leben die Bewohner und Schwestern völlig mit sich und der Welt im Einklang. Sollte man vielleicht in ein Kloster gehen, sind früher die Leute dorthingegangen, weil sie den Lärm und die Umtriebe der Welt nicht mehr ertrugen? Das nun nicht gerade, aber man sollte solche Plätze sammeln und vor der Welt bewahren. Dorthin gehen keine Menschen, die an Merkels Wirtschaftswunderland glauben, weil vergleichsweise nichts los ist. Dorthin geht derenige, der weiß, dass wir mit der Zerstörung der Natur nur uns selber das Wasser abgraben. Wie ich überhaupt darauf gekommen bin, noch einmal in diese schwäbische Stadt zu gehen? Ich hatte einen Krimi gelesen, der dort spielte. Die Krimihandlung eher etwas naiv, aber sehr schön in den Beschreibungen. Solche Krimis brauche ich nicht zu schreiben, um zur Ruhe zu kommen. Aber irgendwann sollte man vielleicht damit anfangen, über die verlorenen Paradiese zu berichten, damit ein paar Leute, die schon resigniert haben, wieder Lust darauf bekommen.

Deutscher oder bayerischer Enzian
Wacholderheide auf der schwäbischen Alb


Donnerstag, 21. September 2017

Reisen

Ich plane einen Blogartikel über dasWegfahren, Flüchten und Standhalten, habe jedoch noch nicht die Zeit dazu gefunden. Als Hinweis dazu schon einmal ein Gedicht von Gottfried Benn, das ich mal auswendig gelernt hatte und seitdem manchmal vor mich hinsage.

Gottfried Benn
REISEN
Meinen Sie Zürich zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
immer als Inhalt hat?
                                                         
Meinen Sie, aus Habana,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna
für Ihre Wüstennot?


Bahnhofstraßen und Rueen,
Boulevards, Lidos, Laan –
selbst auf den Fifth Avenueen
fällt Sie die Leere an –

ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich.

Donnerstag, 24. August 2017

Neue Lust auf Leben

Die Ereignisse der letzten Zeit könnten dazu führen, dass ich mich wie gelähmt fühle und nicht mehr weiß, wohin die Welt eigentlich steuern wird. Es waren nicht nur die Anschläge von Barcelona und andere niederschmetternde Nachrichten wie Verhaftungen von Journalisten, sondern auch ein Unfall, der sich hier bei uns ereignete und uns tagelang beschäftigte. Ein Müllwagen war ungebremst von einem Industriegebiet abgebogen (wahrscheinlich ein technischer Defekt), war umgefallen und hatte eine ganze Familie unter sich begraben. Zweitausend Trauergäste haben am vergangenen Samstag Abschied von diesen jungen Menschen genommen. Dazu kam ein Mord an einem türkischen Mitbürger, der in der Straße meines Lebensgefährten wohnte. Die Hintergründe dieser Tat wurden öffentlich nie aufgeklärt. Ausströmende Gasflaschen in Calw und in Belgien, leider auch strafrechtliche Übergriffe von Flüchtlingen in unserer Stadt, Übergriffe auf Menschen mit arabischen Wurzeln in Spanien. Einziger Lichtblick der Zeit war die Großdemonstration der Barceloner Bürger mit der Botschaft: Wir lassen uns nicht einschüchtern, wir wollen das Leben, das wir uns ausgesucht haben, weiterführen!

Wie soll man unbeschwert weiterleben, wenn die Welt, die wir kannten und liebten, sich so sehr verändert hat? Man kann die Augen nicht vor diesen Prozessen verschließen. Doch ist - wie immer - Angst ein schlechter Ratgeber. Wir haben vorgestern ein Bilanzgespräch geführt. Was ist persönlich für uns anders geworden, warum waren wir früher so neugierig auf alles, was hinter der nächsten Ecke stecken könnte? Es war nicht allein mein Schreiben, was vieles in den Hintergrund gedrängt hat. Was hat sich beim Reisen verändert, das uns früher nach Frankreich, Spanien, Italien und in fast alle deutschen Regionen führte? War es der Raubüberfall auf dem Campingplatz der spanischen Mittelmeerküste, als nachts unser Zelt direkt neben uns aufgeschlitzt wurde? Dass wir seitdem nie mehr gezeltet haben? Ist es der Klimawandel, der uns immer mehr Extremwetter bringt? Das alles reicht nicht aus. Wir haben das, was uns früher angetrieben hat, zum Teil verloren. Was war es denn, was wir früher anders gemacht haben? (Diese Fage stellte ich auch immer gern meinen Klienten, und manche haben es auch geschafft, vergrabene Talente und Gefühle wieder auszugraben). Wir haben Städte besucht, sind gewandert und gefahren, haben Pilze gesammelt, fotografiert und sind zu Musikveranstaltungen gegangen. Haben uns politisch und sozial engagiert. Das alles hat seinen Glanz verloren, auch wenn es in Ansätzen noch vorhanden ist.

Während einer Wanderung vor einer Woche auf dem Klippeneck begegneten uns zwei Pilzsammler, die Hände voller Habichtspilze und goldgelber Korallen. Einen vermeintlichen Champignon identifizierte ich als kleinen Flaschenbovist. Das sind nun nicht gerade die Sorten, die wir gerne sammeln und essen. Der Habichtspilz ist leicht bitter, die Koralle kann man mit der Bauchwehkoralle verwechseln. Die Sammlerin wollte die Habichtspilze trocknen und in ihre Soßen geben. Trotzdem war das eine Initialzündung. Ich schlug meinem Partner vor, am nächsten Tag in den Überberger Wald zu gehen und zu schauen, was sich da an Pilzleben tut. Und es war ein voller Griff in dieses Leben. Hunderte von Täublingen, viele Blutreizker, drei kleine Steinpilze und der Hammer: Eine Krause Glucke! Die kenne ich noch von meinem Vater her, und es ist einer der besten Speisepilze, die ich je verzehrt habe! Die habe ich in Röschen zerteilt, die Erde rausgewaschen und zusammen mit den Steinpilzen, etwas italienischem Rohschinken, Zwiebeln und Sahne geschmort und mir auf der Zunge zergehen lassen. Gestern waren wir wieder in der näheren Umgebung unterwegs. Wenn man nur die Augen aufmacht und die großen Straßen verlässt, kann man Dinge in Gegenden endecken, die man bis zum Überdruss zu kennen meint. Es war die Dießener Burgruine im Dießener Tal (bei Horb). Sehr schön restauriert, auch für Freilichtspiele, umgeben von mächtigen Esskastanien. Unten eine Handvoll Häuser mit überbordenen Blumenrabatten und Fleischtomaten, darunter das "Horber Haus der Geburt" einer Hebamme, ein Schild neben der Tür, das zum Leben außerhalb der eingefahrenen Gleise auffordert. Bei einer anschließenden Wanderung stellten wir fest, dass die Natur das einzige ist, was sich nicht ändert und was nichts braucht außer Licht, Luft, Wärme, Wasser und Nahrung.

Donnerstag, 27. Juli 2017

Kann Kreativität versiegen?

Kreativität gibt es schon so lange, wie Menschen auf der Erde leben. Unsere Ahnen wohnten in Höhlen, wie zum Beispiel in der Vogelherdhöhle im Lonetal auf der schwäbischen Alb, im Hohlen Fels bei Schelklingen oder in Lascaux in Frankreich (Höhlenmalereien). Als älteste figürliche Kunstwerke sind das Mammutelfenbein aus der Vogelherdhöhle, die Venus und der Löwenmensch vom Hohlen Fels erhalten. Sie wurden jetzt dem UNESCO-Weltkulturerbe hinzugefügt. Die harten Überlebensbedingungen machten die Menschen offensichtlich erfinderisch und kreativ. Keiner hat ihnen den Befehl erteilt, so etwas anzufertigen, es kam ganz von innen heraus. Und so ist es bis heute. Es wurden zwar, zum Beispiel in der Malerei, immer wieder Auftragsarbeiten erteilt, die das Überleben u.a. der Maler sicherten, die aber durchaus auch zu Kunstwerken wurden. Was bedeutet das für heutige Menschen, die kreativ sein wollen, aber durch äußere Umstände daran gehindert werden? Was bedeutet es für mich, deren reativen Lebenslauf ich wohl am besten kenne?

Als Kind und als junge Erwachsene waren meine Hauptleidenschaften das Malen, die Natur, die Bücher und das Unterwegssein. Während meine Schwester immer maulte "Wo ist denn der Bahnhof?", hat es mir immer Spaß gemacht, mit meinem Vater durch die Wälder zu streifen, und es hat mich immer interessiert, was da wächst, blüht, kreucht und fleucht. Später kamen das Schreiben dazu, das Reisen in ferne Länder, die Psychologie, das Fotografieren und das Kochen. Das erste, was ich nach Jahren des Studiums und der Familiengründung schrieb, waren Zeitungsartikel, Friedens- und Ökopolitik, mein erstes belletristisches Werk war ein Märchen, das während einer therapeutischen Phase entstand. Noch um einiges später entwickelte ich Kurzgeschichten, aus dem Leben gegriffen und am Wegesrand sammelt. Die wurden in einer Schreibwerkstatt eingestellt und dort diskutiert. Darauf folgte ein biografischer Roman, später insgesamt zehn Romane, ein Sachbuch (Kalender) und drei Beiträge in einer Anthologie. Fünfzehn Jahre lang war ich schreiberisch kreativ unterwegs. Obwohl mir damals schon die Frage gestellt wurde, ob ich nicht lieber malen wollte. Was ist nun von diesen Jahren geblieben, ich meine was ist geblieben, das man sehen und anfassen kann? Die ursprünglichen Leidenschaften wie das Kochen sind nämlich zwischendrin auf der Strecke geblieben. Zehn Bücher, die eine halbe kleine Regalreihe füllen. In meiner Küche hängt ein Stilleben mit Aubergine, das ich in einer Malphase erstellte, in einem anderen Raum eine Küstenlandschaft.

Stilleben


Küstenlandschaft (wird noch ersetzt ohne Spiegelung)

Etwa sechzehn, siebzehn Jahre nach dem ersten Roman, begann die Kreativität zu versanden. Ich hatte keine Lust mehr, mich nach den Gegebenheiten eines Marktes und starren Genreregeln zu richten. Drei Bücher (ein Krimi, ein historischer Krimi und ein zeitgenössisch-historischer Roman) blieben auf der Strecke. Doch mir fehlte das Schreiben so sehr, dass ich die Rechte eines historischen Romans zurückerbat und den seitdem neu schreibe, mit aller Langsamkeit, die in den Jahren der Verlagstätigkeit so nicht möglich war. Allerdings konnte ich mich weiterhin in meinem Blog und im Austausch mit SchreibkollegInnen ausprobieren. In diesen Tagen jetzt machte ich eine Entdeckung. Ich habe Hunderte von virtuell gespeicherten Fotos aussortiert und neu geordnet, ebenfalls ein paar hundert Papierfotos, die in einem Karton abseits gestellt waren. Ich habe festgestellt, dass alles, die Reisen, das Kochen, die Natur, das Wandern, die Psychologie, Bücher, Fotos, Kurzgeschichten und alle Menschen, dneen ich bisher begegnet war, alle, zu denen ich in eine tiefere Beziehung getreten bin, und das gilt auch für historische Persönlicheiten und fiktive Figuren, alles, was ich mir zeitlebens an Wissen über die Welt angegeignet hatte, eine Einheit mit meinem gesamten Leben bilden.




Dienstag, 21. Februar 2017

Reich und berühmt bin ich nicht geworden



Blick auf das Weindorf Uhlbach
Meine Autorenkollegin Helene Luise Köppel hat mich auf Facebook dazu nominiert, am Liebster Award teilzunehmen und dazu Fragen bezüglich des Bloggens gestellt. Die beantworte ich an dieser Stelle. Wer von meinen Nachbarbloggern und Bloggerinnen gern an diesem Award teilnehmen möchte, melde sich bitte hier. Werde es dann auch bei Facebook einstellen.

  1. Blogger sind neugierige Menschen. Wie sieht Dein Alltag für gewöhnlich aus?

    Vorab muss ich sagen, dass ich gerade einen Roman fertiggeschrieben habe – den zehnten, wenn ich mich nicht irre. Deshalb geht es beim Schreiben gerade etwas ruhiger zu. (Muss auch meine geplagten Arme etwas schonen). Jetzt im Winter, bei dem schwer herabhängenden Himmel, spielt sich das meiste drinnen ab. Ich stehe nicht zu früh auf, mache mir einen Espresso und ein bisschen was zum Essen und hocke mich vor meinen geliebten Laptop. Ich stöbere in meinem Autorenforum, gucke in benachbarte Blogs und natürlich auch regelmäßig bei Facebook rein. Dann hole ich die Papierzeitung aus dem Briefkasten und lese so richtig altmodisch gemütlich, besonders die menschelnden Berichte aus dem Ländle. Nachmittags sind mein Partner und ich immer unterwegs. Sei es zum Einkaufen, zum Stadtbummel in der Umgebung, in Museen und Buchhandlungen/ Antiquariaten. Dort sind wir (als Rentner) Dauergäste. Auch im Fernsehen erhalte ich Anregungen durch Kultur/Natursendungen und Krimis. Darüber hinaus bin ich auch noch Vielleserin. Nach einem Großteil der Weltiteratur jetzt vor allem gute Krimis und Thtiller, am liebsten von deutschen Autoren. Aber auch gern Romane und Biografien über das 19. und 20. Jahrhundert. Im Sommer kommen Wanderungen, Ausflüge, Aufenthalte an Badeseen und Kurzreisen hinzu. Meine Hirnzellen bekommen also genügend Anreize, wie man sieht.

  1. Den Seinen gibt`s der HERR im Schlaf? Wie kamst du zum Bloggen?

     Da muss ich wirklich überlegen, ist schon so lange her, über zehn Jahre glaube ich. Wahrscheinlich haben mich AutorenkollegInnen dazu angeregt, die ebenfalls in der Zeit zu bloggen begannen.

  1. Gibt es Vorbilder, die Dein Leben und Deine Arbeit beeinflusst haben?

     In meiner Jugend waren es Albert Schweizer, Hermann Hesse und Max Frisch. Später Bruno Bettelheim. Mahatma Gandhi und noch später viele Schriftsteller und alle, die etwas aus ihrem Leben gemacht und etwas bewirkt hatten.


  1. Ich bin ein Mensch. Nichts Menschliches ist mir fremd … Gestattest Du Dir gelegentlich die eine oder andere Torheit?

     Ich gestatte mir seit vielen Jahren die Torheit zu schreiben. Das macht mich glücklich, aber es ist eine noch größere Torheit zu glauben, dass man auch nur annähernd reich und berühmt damit wird.

  1. Über welches Thema brütest Du am liebsten?

     Über allen Themen, die tagtäglich anfallen-gesellschaftliche, psychologische, eigenes Leben und Schreiben, politische mehr am Rande, damit habe ich mich früher jahrzehntelang beschäftigt und aktiv dafür gekämpft.

  1. Hannibal überquerte die Alpen. Welche Reisen haben Dich nachdrücklich beeinflusst?

     Am meisten wohl die Reise mit dem Frachter nach Südamerika, zu Verwandten in Argentinien. Die hatten mir meine Eltern zum Abitur geschenkt. Dort war ich vier Monate unterwegs, auf der Pampa, an den Wasserfällen des Iguazu und in den Anden.
     Außerdem die Reisen nach Mexiko und Venezuela, quer durch Europa, durch Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland und durch fast ganz Deutschland. Das fließt immer auch in meine Romane ein, zuletzt die Argentinienreise in meinen neuesten.
  1. Nichts ist so schwierig, als dass es nicht erforscht werden könnte! Wieviel Kraft und Zeit steckst du für gewöhnlich in die Recherche für Deinen Blog?

     Bei längeren Artikeln kann es schon mal zwei, drei Stunden dauern, auch das Schreiben selbst und das Verlinken nimmt bei einem kurzen Artikel oft mindestens eine Stunde in Anspruch.

  1. Welche Hobbies pflegst Du außerhalb des Bloggens?

    Wie oben schon erwähnt, Wandern, Schwimmen, Lesen, dazu Fotografieren und Reisen. Das Kochen und der Garten stehen nicht mehr so im Vordergrund wie früher, durch das Schreiben bleibt vieles, was man früher gern getan hat, auf der Strecke.

  1. Luxuria. Was zählt für dich zu den Annehmlichkeiten des Lebens?

     Die frei verfügbare Zeit, seit ich nicht mehr angestellt arbeite. Ausschlafen, tun, wozu ich Lust habe. Schreiben, was mir gefällt und was mich glücklich macht. Gutes Essen, schöne Landschaften, Städte, Schlösser und Burgen.

  1. Frisch begonnen, ist halb gewonnen? – Bist du ein Morgen- oder ein Nachtblogger?

Meistens am Mittag oder später am Abend.

  1. Hast du ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch deine Blogs zieht?
Das Schreiben, das Leben, gesellschaftliche Trends, Psychologisches, Natur und Kultur und alles, was sich so um mich herum abspielt.

Samstag, 27. August 2016

Einfach mal aus dem Fenster schauen

Umfragen scheinen wirklich in zu sein, und gestern hat meine Zeitung mal wieder eine gebracht. Ich lese sie gern, nicht, weil man zu jedem Thema eine Untersuchung machen könnte, um damit etwas zu "beweisen", sondern weil sie Trends anzeigen, die ich selbst beobachte. Den Freizeit-Monitor 2016 kann man sich herunterladen; ich fasse kurz zusammen, was ich da in der Papier-Zeitung gelesen habe. Bei allem Multi-Tasking und und bei aller Ich-Inszenierung deute sich in letzter Zeit ein neuer Trend an: einfach mal nur zu faulenzen. Was heißt denn das nun eigentlich? Faulenzen kommt laut Duden aus dem Ostmitteldeutschen und bedeutet: Faulig sein, übel riechen, sich dem Nichtstun hingeben [und dabei Dinge vernachlässigen, die man zu erledigen hätte], arbeitsscheu sein, sich dem Nichtstun hingeben, die Hände in den Schoß legen, nichts arbeiten/tun, untätig sein; (gehoben) auf der faulen Haut liegen, Daumen/Däumchen drehen, dem lieben Gott den Tag stehlen, die Zeit totschlagen, (Jugendsprache) chillen Die Wissenschaftler geben zu bedenken, dass das heutige hohe Tempo in der Arbeit und Freizeit nicht zu halten sei. In den 60 er Jahren hätte das "einfach mal aus dem Fenster schauen" einen hohen Stellenwert gehabt. Heute hält man jemanden, der stundenlang aus dem Fenster schaut, wahrscheinlich für spinnert oder depressiv. In der Freizeit seien In-Sportarten und Mediennutzung aller Art gefragt, immer etwas, über das man auch interessant in den Medien berichten kann. In den 60ern hätte es 30 Sportarten gegeben, heute sind es 400. Geht man heute essen, checkt man nebenbei noch seine Mails, seine Facebook-und anderen Kontakte, telefoniert und spielt Pokemon. Out sei, was einen langen Atem braucht, also so etwas wie malen, dichten, handarbeiten. Auch die echten sozialen Kontakte kämen zu kurz. Dabei sei die liebste Beschäfigung der Stichprobe, mit 70% Anteil, über wichtige Dinge zu reden! Die glücklichste Generation seien in den Augen der Forscher die Senioren, denn sie hätten noch gelernt, sich Zeit zu nehmen. Schon die Kinder würden in der Zeit, die ihnen die Schule lässt, verplant von Eltern, die wie Helikopter über ihren Häuptern schweben samt Anbieten von Chauffeurdiensten. Der geplagte Multifunktionierer verkomme zur Couch-Potato, die nur noch auf und an Geräten herumdaddelt. Man wolle jetzt Kontakte nicht mehr 2.0 auf dem Bidschirm haben, sondern im eigenen Wohnzimmer.

Ist das alles aber wirklich so? Und löst der arbeits-, freizeits- und mediengestresste Mensch sein Überforderungsproblem damit, dass er einfach mal aus dem Fenster schaut? Wahrscheinlich hätte er Schwierigkeiten, das in seinen Tagesablauf einzubauen. Persönlich empfehlenswert finde ich immer den Ansatz, nur wirklich wichtige Dinge an sich heranzulassen, unter anderem die, die getan werden müssen. Es gibt ja diesen Begriff des Abschaltens. Früher waren damit keine Geräte gemeint, sondern das innere Freimachen von Gedanken und Gefühlen und einfach nur zu sein. Ich gehöre zur angeblich glücklichen älteren Genration, die aber sehr wohl in das Medienzeitalter hineingewachsen ist. Fast alle Rentner, mit denen ich in diesem Jahr gesprochen habe, hatten viel weniger Zeit als vorher. Meist führten sie berufsähnliche Dinge weiter, von denen sie sich nicht lösen konnten. Das tue ich nicht, und trotzdem habe ich das Gefühl, noch weniger Zeit zu  haben als in den Jahren, in denen ich gearbeitet habe und eine Familie hatte. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich in den letzten Jahren
zwischen Beruf, Medien und Beziehung auch noch so viele Bücher schreiben konnte! Dabei entsprechen meine Freizeitinteressen durchaus denen mit dem  "langen Atem", taten sie schon immer. Zum Wandern, Reisen, Fotografieren, Lesen, Schreiben, Schwimmen und Kochen braucht man Zeit. Wenn man nebenher twittert, telefoniert oder sonstwie medienaffin agiert, verwischt sich das Ganze. Wenn ich koche und nebenher Mails schreibe oder chatte, brennt mir das Essen an. Ich glaube, dass man nichts wirklich Wichtiges aufgeben, sondern wieder das Nacheinander lernen muss. Zeit für Medien und Telefonate, Zeit für für die Arbeit (und dort nicht Pokemon spielen, das kann böse enden!), Zeit für Hobbies, für Verwandte, Freunde und sich selbst. Ausgewogenheit ist das Stichwort, es sollte kein Gebiet unter den Tisch fallen oder überhand nehmen. Und außerdem wichtig finde ich, dass man seinen Selbstwert nicht an der Zahl der Facebookfreunde, der Likes und sonstigen Rückmeldungen festmacht, sondern an der Stellung, die man sich insgesamt in der Welt geschaffen hat.



Sonntag, 31. Juli 2016

Die Wiederentdeckung des Savoir Vivre

Wenn einer für eine Weile das Tosen der großen Städte und des röhrenden Netzes verlässt, kann er auch ganz in seiner Nähe etwas entdecken und erleben. Unlängst besuchten wir wieder einmal unsere Nachbarstädtchen Wildberg und Neubulach. Das Wildberger Kloster Reutin (Museum) mit lauschigem Park und einem Kräutergarten ist ein Ort der Stille. Nur einige aufgeweckte Kinder spielten am kleinen See, zeigten uns die Kaulquappen und einen winzigen Frosch, der daraus hervorgegangen war. Die Burg Wildberg ist eine guterhaltene Ruine aus dem Mittelalter. Von hier aus hat man einen großartigen Blick ins Nagoldtal. Auf dem Weg nach Neubulach, einem alten Bergarbeiterstädtchen, kamen wir an der Lochsägemühle vorbei, deren Mühlrad noch in Betrieb ist. Vom darüber gelegenen Stausee stiegen zwei Wanderer herab. Es war ein Rentnerehepaar, er Sarde, sie waschechte Schwäbin. Sie genießen das Leben, das sah man ihnen an. Von Mitte Mai bis Mitte Juni und von Mitte September bis Mitte Oktober fahren sie in den Urlaub - nach Sardinien, nach Südtirol und zu weiteren schönen Zielen, die in der Nebensaison günstiger und nicht so überlaufen sind. Das und anderes hat uns dazu angeregt, nächste Woche mal wieder ins Fränkische zu fahren. Dort ist es menschenleerer und alles geht etwas lässiger zu, man kann wieder ein, zwei Tage durchatmen.

Freitag, 6. Mai 2016

Schreib - und Reiselust -gedämpft??

Heute mal wieder ein Beitrag in eigener Sache. Die langen schaurigen Wintermonate hatte ich dazu genutzt, meine drei E-Books bei Tolino Media zu vermarkten. Nach einem halben Jahr aber ist die Zeit vorbei (im Buchhandel oft schon nach zwei Monaten). So kramte ich beziehungsweise holte ich mit neuem Schwung meinen Schwarzwaldkrimi aus den Dateien und überarbeitete ihn noch einmal gründlich. Vor ein paar Tagen habe ich alles - Exposé, 20 Probeseiten, Vita und Bibliographie -per Email an eine kleinere Agentur geschickt, wohl wissend, dass da keine Antwort kommen würde. So what, ich hatte jetzt alles getan, schickte noch die letzte Großverlagsabrechnung ans Finanzamt und eine Knöllchenrechnung an die Stadt. Jetzt sollte es endlich losgehen, denn ein Riesenhoch begann sich über Europa auszudehnen. Endlich mal eine andere Luft schnuppern, endlich mal raus aus diesem Joch aus Autobahnen, Industrieanlagen, täglich wachsenden Supermärkten auf der grünen Wiese und dem allgegenwärtigen hupenden, stinkenden Verkehr mit Autofahrern, die sich immer nur vordrängen und lebensgefährliche Manöver unternehmen, wenn man es gewagt hat, sie zu überholen! Neben Nordspanien, das mein Freund schon lange anvisiert, und der Haute Provence bleiben uns hier im Daimlerland eigentlich nur wenige Alternativen, wo man ohne Bahn und Flugzeug noch einigermaßen unbelästigt hinkommt: Das Schwarzwälder Kinzigtal, die schwäbische Alb, der Bodensee, Oberschwaben und das Allgäu. Wenn man allerdings am Bodensee oder im Allgäu ist, sieht es schon wieder anders aus. Wir wollten schon lange mal wieder ins Bayerische fahren - Erinnerung an weißblauen Himmel und blauweiße Tschdecken, Kirchen, die wie Fata Morganas vor diesem Himmel schweben, dazu die Schweinebraten und Knödel zu wohlfeilen Preisen.

Wie gesagt, als nun alles getan und erledigt war, machten wir uns auf in das gelobte Land. Es ging auch recht flott voran über die schwäbische Alb, derweil Lastwagenfahrer, Hausfrauen und Geschäftsreisende beim Mittagsmahl saßen. Auf der Alb gibt es eine noch ziemlich verlassene Gegnd, wo wir in einem (uns bekannten) Gasthaus einen wahrhaft köstlichen Mittagstisch zu uns nahmen. Bärlauchsuppe, einen delikaten Salat mit echt schwäbischem Kartoffelsalat, Gulasch mit Spätzle sowie einen Vanillepudding mit eingemachten Erdbeeren. Das reichte für den Rest des Tages, und mit nur 6 Euro hatten wir noch einen prall gefüllten Reisesack übrig. Vor einiger Zeit lebte die frühere Besitzerin dieses Gasthofes noch. Sie sagte uns: Genießen Sie nur die Zeit, sie geht so schnell vorbei! Vor zwei, drei Jahren ist die liebenswerte Dame im Alter von 95 Jahren verstorben. Ja, wir hatten uns dieses Motto auf den Schild geschrieben, aber wie heißt es noch: Es kann der Beste nicht in Frieden leben ...denn als wir am Ziel ankamen (Mindelheim), war die Stadt total verstopft, so voll, dass wir rückwärts wieder rauskatapultiert wurden. Wenn es selbst in ländlichen Mittelstädten so zugeht vor den Feiertagen, kann man; na was? In Deutschland keinen Individualurlaub mehr machen. Der Tag wurde nur dadurch gerettet, dass es gelang, ins schöne Landsberg am Lech hinein zu gelangen, dort einen Rundgang zu machen, bei einem freundlichen Italiener eine großen Latte Macchiato zu trinken, die wunderbare Asamkirche zu inpizieren und dem Tosen des Lechs zu lauschen. Wieder daheim, waren wir ganz schnell wieder auf unserer zuverlässigen schwäbischen Alb, um stundenlang bergauf bergab in der Natur umherzuwanden. Ausnahmsweise wurde die Ruhe nur von einer Gruppe junger Männer unterbrochen, die auf einem Schäferkarren sitzend feierten.

Was hat nun das eine mit dem anderen zu tun? Der Weg zu einem Urlaubsort ist oft langwierig, frustrierend und mit vielen Hindernissen versehen. So war es allerdings auch schon bei unseren Altvorderen. Wer einmal den-etwas langweiligen-Reisebericht Goethes nach Italien oder sonstige Beschreibungen gelesen hat, weiß, wie mühevoll das Reisen anno dazumal war. Wobei die damaligen Wegelagerer und schlitzohrigen Wirte fast eins zu eins übertragen werden können. Die meisten setzen sich heute eh in den Flieger, was wegen der Kontrollen ziemlich unangenehm geworden ist. Man muss also immer durch finstere Täler gehen und sieben Berge überklimmen, um ein ersehntes Ziel zu erreichen. Da es so schwierig und so unangenehm ist, kann man natürlich auch zu Hause bleiben. Man kann aufhören zu schreiben oder gar nicht erst damit anfangen, weil auch das immer schwieriger wird. Nach dem BGH-Urteil vom 21. April 2016 (Siehe oben rechts) suggeriert die Presse marktschreierisch den Untergang vieler Verlage. Neue Autoren würden erst gar nicht aufgenommen in der Verlags- und Agenturwelt, noch mehr Autoren würden den Weg des Self Publishing gehen und alles versinkt im Drögen. Ein Hauen und Stechen wie im Mittealter. Doch gibt es da ein paar Dinge, die man erleben kann. Und die erlebt man nur, wenn man trotz alledem losgeht, -fährt, - wandert - und -schreibt.




Freitag, 1. April 2016

Blaue Stunden

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag mit den Worten "Blaue Blumen " betiteln, merkte dann aber, dass der Begriff nicht das trifft, was ich sagen wollte. Die Blaue Blume ist ein Begriff der Romantik und bezeichnet die Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem, Unendlichen. Dabei ist sie ein Symbol für die Verbindung von Mensch und Natur sowie des Wanderns geworden. Geprägt wurde er durch den Dichter Novalis, der den frühen Tod seiner jungen Geliebten in seinem Roman "Heinrich von Ofterdingen" verarbeitete. Der kleine Ort Ofterdingen liegt übrigens nicht weit von hier: Wenn wir zur schwäbischen Alb hinüberfahren, durchqueren wir häufig diesen schmucken Platz, an dem inzwischen auch eine Gedenktafel für den "Heinrich" aufgestellt wurde. Nicht nur deswegen ist Ofterdingen ein besonderer Ort (auch wenn die Gestalt des mittelalterlichen Heinrich natürlich fiktiv sein müsste), sondern auch wegen der großen Ammoniten, die hinter der Brücke im Fluss zu sehen sind, allerdings nicht bei Hochwasser. Es sind die Tintenfische der Urzeit, die hier vor Jahrmillionen im Jurameer wohnten und allmählich versteinerten (um nicht zu sagen: verkalkten). Die blaue Blume bedeutet auch eine Art von Todessehnsucht, und die habe ich nicht gemeint. Eher Sehnsucht nach Leben.

Die blaue Stunde dagegen ist die Zeit zwischen Dämmerung und Nacht, wenn Himmel und Landschaft in einem besonders intensiven Blau erscheinen. Das hat für Fotografen eine besondere Bedeutung, aber war auch für Dichter und Schriftsteller schon immer eine, wenn auch melancholisch gefärbte, Inspiration. Der Übergang zur Nacht - darin liegt wohl das Gemeinsame der beiden Begriffe. Ich hingegen habe dieses Bild schon immer anders interpretiert. Die blaue Stunde war stets
der Moment, an dem sich etwas wandelte und etwas Neues entstand. Ein magischer Augenblick, in dem das Innere nach außen trat, wie aus einem Traum heraus. Das ist das eigentlich Romantische daran. Aber es kann auch ein seelischer Wandlungsprozess sein, der uns hilft, die vielbesprochene Resilienz zu erreichen und damit einen Schutzzaun gegen die zeitweise unerträglichen Außenbedingungen aufzubauen. Magische Momente und blaue Stunden habe ich in meiner Studentenzeit erlebt, wenn ich mich auf einer Reise frühmorgens oder abends mit dem Schiff einem fremden Land näherte. Oder wenn wir zur Dämmerstunde in einen Landgasthof fuhren, um mit Freunden zu tafeln. Eine Nacht auf einem Felsen hoch oben in der Provence, mit einem kleinen Ballon Rosé und den Lichterketten unter unseren Füßen. Die Fledermäuse, Nachtigallen und Glühwürmchen auf dem Zeltplatz. Blaue Stunden waren die Spaziergänge und Wanderungen durch Löwenzahnwiesen, Rosengärten und Blaukissenwälder, in denen es später nach Bärlauch duftete. Es waren Besuche in Kirchen mit Figuren, die in hellblaue Himmel aufstiegen oder mit streng gotischen Gewölben, Begegnungen mit Menschen, das gemeinsame Lachen über komische Situationen oder auch Bücher oder Blogeinträge, die auf irgendeine Weise berührt haben und unvergesslich wurden.

In den letzten zwei Wochen waren die blauen Stunden wie Perlen einer Kette, die selten auftraten, aber nachhaltig alles Trübe verdrängen konnten. Eine Wanderung wie jedes Jahr im Donautal, an dessen Hängen Millionen von Leberblümchen und Märzenbechern in voller Blüte standen. Ein Essen in einem traditionellen Gasthof, wo es noch so schmeckte wie früher. Eine Fahrt in den Klosterort Gengenbach, mit explodierenden Magnolien, Forsithien und Veilchen und einem bunten Leben und Treiben. Die blauen Scillawiesen bei Herrenberg. Ein Buch über den "Winter der Welt" von Ken Follet, den ich lange Zeit links liegen gelassen hatte. Und nach jeder blauen Stunde musste man wieder eintauchen in diesen Winter. Dann stöberte ich mit roten Ohren in den Büchern eines literarisch-unterhaltsamen Agenten. Dachte an die Stunden, in denen Ideen zu Romanen entstanden waren, die Stunden des rauschhaften Schreibens. Das alles hat dazu beigetragen, dass sich mit einem Mal die Schreiblust wieder regte.

Ich legte meinen Neonazi-Südamerikaroman erst mal beiseite, kramte meinen dreieinhalb Jahre alten Schwarzwaldkrimi heraus und überlegte, was mir der einzige Verlag, den ich bisher kontaktiert hatte, dazu gesagt hatte. An einigen Stellen nicht spannend genug. Ich druckte mir den Text 20-seitenweise aus und begann zu lesen. Ich dachte, die Lektorin hätte die Beschreibungen gemeint, dass die einen Krimi bremsen würden. Aber das Ambiente wurde ja durchaus gelobt. Nicht schlecht, was ich da las, aber da waren ja ganz schön viel Dialoge, vielleicht die Hälfte. Das lese ich selbst nicht gern, wenn das ganze Buch nur daraus besteht. Und - eine uralte Schwäche von mir - in diesen Dialogen wird an einigen Stellen zu viel wiederholt. Also machte ich mich daran, diese Stellen zu straffen und zu kürzen, mindestens fünf Seiten sind dadurch schon auf der Strecke geblieben. Außerdem bekommt der Roman noch eine wichtige neue Perspektive, die mir damals die ganze Zeit im Hinterkopf herumgeisterte, die ich aber nicht realisieren konnte. Genauso wird es mir mit dem anderen Roman ergehen. Wenn ich ihn eine Weile liegen lasse und dann wieder lese, wird es mir wie Schuppen von den Augen fallen. Ich ahne schon jetzt, welche Perspektiven, Schauplätze und Zeitläufte fehlen, um ihn richtig rund zu machen. Solche Dinge, solche Erlebnisse und auch solche Erkenntnisse sind für mich blaue Stunden.








Dienstag, 9. Februar 2016

Sich neu sortieren

Mein Vater, der im Jahr 2009 fast neunzigährig starb, hatte ein Lebensmotto. Wann immer sich jemand darüber beklagte, dass etwas nicht mehr so sei wie es war, sagte er mit ironisch verzogenen Mundwinkeln: "You have had it, brother." Mein Vater hatte nämlich vor dem Krieg eine ausgezeichnete Erziehung auf einem britschen Internat genossen. Und auch sonst hat er sein Leben so gestaltet, dass er sich später nie hat beklagen müssen. Er hat die halbe Welt gesehen, das Verkehrssystem seiner Stadt erneuert, war ständig in Bewegung und hatte viel für familiäre Werte und für seine Hunde übrig. Er war der Ingenieur, der Erfinder. Natürlich hatte er auch seine Schwächen und Fehler, aber de mortuis nihil bene.

Er hat sein Leben gehabt wie auch ich. Auch ich habe die halbe Welt gesehen, habe vielen Menschen geholfen, ihr Leben besser zu sortieren, eine Familie, Beziehungen und Freunde gehabt, ein Kind aufgezogen, jahrelang an einer poltischen Bewegung teilgenommen, unzählige Zeitungsartikel geschrieben sowie an die zehn Bücher und unzählige Beiträge in den sozialen Medien veröffentlicht. Zeit, mal wieder eine kurze Bilanz zu ziehen. Das Haus ist besorgt und renoviert, der Garten ist fertig, eine familiäre Angelegenheit steht kurz vor dem Abschluss und die Katzen, die mich im letzten halben Jahr beschäfigten, haben sich mehr oder weniger zurückgezogen (die schwarze Powerkatze hat in eine Zitrone gebissen, die draußen zum Zeichen lag, dass es keinen gedeckten Katzentisch mehr geben wird, und sich geschüttelt). Ich habe alle meine Printbücher auf Stapeln in Buchhandlungen und meine Ebooks in den Shops von Weltbild, Thalia, Osiander usw. und Amazon gesehen. Es gibt Projekte, die anzugehen wären, es gibt soziale Kontakte, die aktiviert werden könnten. Aber ich bin noch in einem Vakuum. Es drängt jetzt nichts mehr, es soll sich entwickeln, so wie es sich richtig anfühlt. Das Schreiben ist als wesentliche Größe geblieben. Aber es nützt nichts, in derselben Schnelligkeit wie bisher Bücher zu fabrizieren. Das Schreiben ist Lebenselixier und erträgt keinen Druck. Vorbildlich ist für mich der gerade verstorbene Roger Willemsen. Der hat alles, was er gemacht hat, das Schreiben von Büchern, das Reisen, die Auftritte und Sendungen, die Interviews mit einer seltenen Hingabe an den Augenblick getan. Das ist seine Hinterlassenschaft für mich, an die ich mich immer wieder gern erinnern werde.

Samstag, 12. Dezember 2015

Oasen

Gestern Abend wollte ich einen neuen Artikel verfassen. Er sollte von den Veränderungen handeln, die sich bei einem Individuum aufgrund der allgemeinen Schieflage der Welt und des einzenen Lebens ergeben können. Vorher schaute ich noch auf einem meiner Lieblingsblogs vorbei und sah: Da hatte jemand schon genau über dieses Thema geschrieben! Petra van Cronenburg schreibt eine Vorweihnachtsserie über Mehr Licht - "Reset" für die Welt. Anlässlich eines Computercrashs und Ausfall fast sämtlicher digitaler und analoger Kommunikatiosmöglichkeiten kommt sie zu dem Schluss, dass es der gesamten Welt gut tun würde, ab und zu mal auf einen solchen Resetknopf zu drücken. Und auch zu anderen bemerkenswerten Schlüssen, die es wert sind, nicht nur einmal gelesen zu werden. Jetzt frage ich mich, worüber ich selbst eigentlich schreiben wollte. Ja, über Veränderungen bei sich selbst, wenn man den höchst besorgniserregenden Zustand der Welt schon nicht ändern kann.Unlängst sah ich - nicht zum ersten Mal - einen Film über eine Stadt aus tausendundeiner Nacht: Marrakesch. Die Bilder dieser Landschaft und der Oase drum herum haben mich so in den Bann geschlagen, dass sie mich nicht mehr losließen. Es begann auf dem Suk, wo die Berichterstatterin Gewürze probierte, rote, gelbe, braune, ockerfarbene, Ingwer und Kardamom, Kreuzkümmel, Kurkuma und Chili, Anis und Gewürznelken, Muskatnuss, Safran und Zimt, um nur einige zu nennen. Sie fuhren mit einem Ballon über die Landschaft, hinter dem Atlasgebirge erstreckte sich die unendliche Wüste, sie besuchten prächtige Paläste, ahlten sich in luxuriösen Bädern und ruhten sich in schattigen Innenhöfen zwischen Palmen, Oleander und  Orangenbäumen aus. Dann ging es natürlich ans Essen, und das war der Hammer für mich. Ein simpler Hühnerschenkel wurde in eine Tajine gesteckt, dann immer wieder mit Arganöl beträufelt (das ist eine Nuss, die nur in Marokko vorkommt), Zitrone dazu, Zwiebeln, Knoblauch und verschiedenste Gewürze, darunter frische Kräuter wie Koriander Petersilie und Rosmarin. Was nachher herauskam, war eine duftende Köstlichkeit, die mich auf der Stelle dazu verführte, das auch probieren zu wollen. Schon am nächsten Tag machte ich es wahr, und tatsächlich, es schmeckte auch so, wie es ausgesehen hatte! Und schon war der Wunsch geboren, dort einmal hinfahren zu wollen, sofern die Reisewege es zulassen würden. Wie kann man mit Nationen, die solche Kunstwerke vollbringen, die unsere Kultur über Jahrhunderte hindurch so sehr bereichert haben, verfeindet sein und Kriege mit ihnen führen?

Es ist etwas hängen geblieben von diesen sensorischen Erlebnissen.  Die digitale Vernetzung ist auch aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken, aber ich habe jetzt meinen keinen Resetknopf, auf den ich immer drücken kann, wenn mich die Ereignisse fortzuschwemmen drohen. Ich kann Zeitung lesen, anstatt immer nur in die viereckigen Kästen zu starren. Ich kann einen kleinen Markt in der Nähe besuchen, mit einem Gemüsestand, einem Käsewagen, eine Wursttheke und einer Bäckerei, kann etwas kaufen, das es in den Supermärkten so gar nicht mehr gibt wie Grünkohl, Steckrüben, einen riesigen Bund Karotten und Kartoffeln, an denen noch die Erde klebt. Ich kann mich fernhalten von den Massenströmen, kann in Sonne und Nebel spazierengehen auf den Höhen und in den Tälern, kann mit Menschen sprechen, habe ein halbes Dutzend Weihnachtskarten gekauft, die ich auch noch beschriften werde, ganz ungewohnt nach den digitalen Klicks der letzten Jahre, und ich kann
vor allem eins: mit allen Sinnen in der Welt sein. Den Titel habe ich jetzt in "Oasen" geändert.
                                           
                                                                

Samstag, 23. Mai 2015

Endlich Rente!

Vor Kurzem habe ich eine Glosse gefunden, über die ich mich gekugelt habe: Endlich Rente! Da ist von einem Mann die Rede, der die Rente herbeigesehnt hat und dann durch alle Höhen und Tiefen dieser finalen Aus-Zeit von der Arbeit stolpert. Er baut ein Vogelhäuschen, dann noch eins und noch eins, bis die Vögel sich darüber beschweren und dann ...aber lest selbst. Auf äußerst witzige Weise führt der Autor vor, wie man es besser nicht machen sollte, um nicht bei Vorabendserien, schlapprigem Jogginganzug und Mammut-Kreuzworträtseln zu landen. Kürzlich fragte mich ein alter Freund, ob ich denn, wenn ich in Rente bin, einen Roman nach dem anderen schreiben wolle. Mein alter Kumpel Mörike fällt mir dazu ein: Der war am produktivsten, als er noch eine ganze Menge um die Ohren hatte, nämlich als Pfarrer und später, als er mit 39 Jahren in Rente ging und als Literaturprofessor am Stuttgarter Katharinenstift tätig war. Danach machte er nur noch Gelegenheitsgedichte zu Geburtstagen, Hochzeiten usw. Ich selbst werde sicher auch keine Weltreise machen, keine neue Karriere starten oder die Welt neu erfinden. Werde weiter meine Natur- und Kulturserien gucken, Haus und Garten beackern, meine Ausflüge und Touren machen.Und meinen nächsten Roman veröffentlichen und auch den nächsten Roman schreiben und den nächsten oder auch mal ein Sachbuch. Und werde nicht erwarten, dass sich alles ändert, sondern dass alles etwas anders wird. Ich sehe jetzt, wenn ich durch die sonnenbeschienene Stadt gehe, die mir bekannten Rentner zufrieden beim Kaffee sitzen, während andere malochen müssen. Wie ich auch jetzt, kurz vor Ultimo, noch eine ganze Menge zu bewältigen hatte.
Es kommen die Pfingstfeiertage, danach wird es ruhiger. In diesem Stand werde ich noch 38 Tage lang sein, etwa die Hälfte davon urlaubsweise. Der Rentenbescheid ist auch schon gekommen, Mütterrente, Zusatzversorgungen und anderes ermöglichen mir ein finanziell unbeschwertes Leben. Und deshalb gehe ich auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Die spannenden Prozesse meines Arbeitslebens werden mir fehlen. Und es war sehr vorausschauend von mir gewesen, mir schon vor fünfzehn Jahren ein zweites Standbein aufzubauen. Es ist ebenso spannend, Bücher zu schreiben und zu sehen, wie sie sich auf der öffentlichen Bühne bewegen. Und damit auch noch ein Zubrot zu verdienen, wie mein Vater mir augenzwinkernd sagte. Es müssen ja nicht Vogelhäuschen sein - Marienkäferhäuschen habe ich schon als Kind sehr gern gebaut, aus Moos und Stöcken und trockenen Zweigen. Und Igelnester, Höhlen, Flöße. Ich brauche keine Joga-Kurse und Rentnerbusreisen, ich habe meinen Computer, meine Menschen, meinen Verein, meine Liebe zur Natur und zur Kultur, meine Bücher, die ich weiterhin lese, mein Kloster Heiligkreuztal und meine Mitautoren und -Autorinnen. Das Cover für meinen neuen Roman "Nacht des Wolfes" ist fertig, es basiert auf einem eigenen Foto von mir, durch eine Grafikerin stimmungsvoll in Szene gesetzt. Jetzt wird das Ebook noch konvertiert, und etwa Anfang Juni kann ich es dann bei Amazon hochladen. Am 8. Juni wird auch mein "Teufelswerk" ein Jahr alt. Es folgen, ohne zeitliche oder inhaltliche Garantie, ein Roman aus der Nazizeit, der fertige Krimi, nochmal überarbeitet. Und dann schaue ich mal, was noch in den Tiefen der Dateien schlummert und was mich sonst noch anfliegen könnte.

Mittwoch, 25. Februar 2015

Ran an den SP-eck! Selbstbestimmt schreiben

In den letzten Tagen habe ich mich mit meiner Steuererklärung für 2014 beschäftigt. Das Elster-Formular geht mir dabei immer leichter von der Hand. Habe sie auch fertig, bis auf ein Formular, das mir noch geschickt werden muss. Dabei habe ich mir wieder einmal an den Kopf geschlagen. Das Verlagskonto wies einen dreistelligen Minusbetrag auf, während sich die Self-Publisher-Einnahmen (eines einzigen Buches) in acht Monaten auf mehr als die Gesamtjahreseinnahme eines durchschnittlichen Verlagsbuches summierten. Den durchschnittlichen Erlös von einem größeren Verlag, wohlgemerkt. Die Kleinverlagsbücher sind schon weg oder befinden sich im modernen Antiquariat. Ich wiederhole mich gern: Was nützen mir einige zehntausend verkaufte Bücher, die ein paar Monate auf dem Stapel lagen, wenn davon nichts bleibt, nicht einmal eine Einnahme? Und auch keinerlei Einnahmen aus der Verramschung.

Jetzt kam gestern die Standardabsage einer Agentur, der zweiten, der ich meinen historischen Kriminalroman geschickt hatte. Sechs Tage hatte es gedauert, bis eine Eingangsbestätigung kam, zwölf Tage bis zur Absage. Die dritte Agentur schickt grundsätzlich keine Absagen, womit das Thema denn auch erledigt wäre. Ich möchte das Manuskript jetzt nicht mehr herumschicken, das geht allmählich an die Schreibsubstanz und an die Lebenszeit. So habe ich Exposé und Leseprobe jetzt an eine befreundete Lektorin geschickt, um zunächst ein Probelektorat zu machen. Die Erfahrung mit dem E-Book "Teufelswerk" hat mir Mut dazu gemacht. Eine einmalige Rabattaktion im Juni 14 brachte die Geschichte zum Laufen, bis heute. Die Abhängigkeit von Amazon ist mir durchaus angenehm. Bei keinem meiner Bücher habe ich bisher dieses tolle Gefühl genossen, alles selber entscheiden zu können. Mich nicht unter Druck setzen zu müssen. Reklame musste ich keine mehr machen, und ich weiß auch nicht, ob sie was gebracht hätte. Auf Facebook hatte ich das Buch vorgestellt, und ein paar Leute wollten es kaufen und lesen. Ob sie es getan haben, weiß ich nicht. Auf jeden Fall habe ich es den Verlagen und der Agentur zu verdanken, dass ich mir einen gewissen Namen gemacht habe. Selbst mein Ebook erscheint auf einer Piratenplattform, hört, hört. Aber so kann ich nicht ewig weitermachen, es ist einfach zermürbend. Und deshalb freue ich mich, jetzt endlich den Entschluss gefasst zu haben.

Ab Anfang Juni habe ich Urlaub und muss danach den ganzen Sommer nicht und nie mehr arbeiten für meinen Unterhalt. Da ist es eine gute Perspektive, wenn ich frei beweglich bin und Zeit habe, meine Autorentätigkeit weiterzuentwickeln. In diesem Sommer könnte ich mein erstes ganz eigenes Ebook herausbringen, später dann den Schwarzwaldkrimi. Und ich schreibe schon wieder, einen alt gehegten Wunschroman über eine Begebenheit aus den dreißiger Jahren, über das alte und neue Hamburg und die Steppen und Urwälder Argentiniens. Am Wochenende  war mal wieder Trübsalwetter angesagt. Beim Kruschteln in meinem Schreibtischarchiv entdeckte ich Briefe, die ich als Neunzehnjährige an meine Familie aus Argentinien geschrieben hatte. Auf Pergament mit einer alten Reiseschreibmaschine. Die Reiserouten konnte ich dabei gut verfolgen-nach Puerto Iguaçu und nach Bariloche. Dabei könnte ich mir gut vorstellen, auch wieder für Verlage zu schreiben, ein Wander-und Reisebuch zum Beispiel, biografische Romane und psychologische Ratgeber.


Freitag, 12. Dezember 2014

Weihnachten, das verlorene Paradies

Nun, da das Fest der Feste wieder naht, ist es an der Zeit, mal wieder ein paar weihnachtliche Gedanken aus der Kiste zu zaubern. Es gab eine Epoche, da stand ich klein und blond und wundergläubig vor dem Weihnachtsbaum. Es war immer eine Edeltanne, oben war immer ein Stern angebracht, der Baum war immer mit Kugeln, Lametta, Geleekringeln und diesen Kringeln aus Bitterschokolade mit bunten Streuseln behangen. Einmal hing sogar ein Würstchen unten dran, für unseren schwarzbraunen Dackel, der natürlich danach schnappte, daran zerrte und schließlich den ganzen Baum umriss. Es brannten immer echte Kerzen, draußen rieselte der Schnee, mein Vater spielte Geige, meine Mutter Klavier, wir spielten rundbackig auf den Blockflöten, und mein Bruder sang. Und nachher gab es Karpfen, der aber nicht so gut ankam bei uns Kindern, später waren es Räucheraal, kleine graurosa Krabben, frisch gepult und mit dem unnachahmlichen Geschmack der Nordsee, roter Kryddersild, Glyngöresild und Makrelsalat mit viel Mayonnaise oben drauf. Ja, man wohnte eben ganz dicht an der dänischen Grenze. Dabei musste man aufpassen, überhaupt etwas vom Aal zu erwischen, die Portionen waren minimal bemessen. Am ersten Feiertag wurde eine Pute gebraten, von der jeder aber nur ein kleines Stück erhielt, da sie ja lange, man denke an die Kriegsjahre, vorhalten musste. Da stand ich nun vor dem Weihnachtsbaum und sagte mein Gedicht auf.
                           Markt und Straßen stehn verlassen,
                           still erleuchtet jedes Haus,
                           sinnend geh ich durch die Gassen,
                           alles sieht so festlich aus!
Erst viel später, als ich meinen ersten Roman schrieb, kam ich darauf, dass dieses Weihnachtsgedicht von Josef von Eichendorf stammt, dem Dichter der Romantik.
In der Zeit, als ich eine eigene Familie hatte, versuchte ich das Kinderfest perfekt zu kopieren und noch zu veredeln. Es stand wieder eine Edeltanne im Raum, wochenlang wurde vorbereitet, eingekauft, gelagert, gebacken, gekocht und eingelegt. Geleekringel inklusiv, selbstgebastelte Strohsterne und der Clou: selbst gezogene Bienenwachskerzen. Um den Kindheitstraum zu toppen, wurden dann abwechselnd zarte, kurz gebratene Stücke von der Rehkeule, nach Art des Zeit-Schmeckers Wolfram Siebeck und am ersten Feiertag die Pute serviert, die mein Vater sich jedoch unter den Nagel riss und jedem eine kleine Portion zuteilte. Wieso habe ich ihm eigentlich nicht das Tranchiermesser aus der Hand gerissen, ihm die Flügel auf den Teller gelegt und uns die Brust und die Keulen? Ich lasse mir heute noch jährlich einen Räucheraal schicken, um dieses kleine Trauma zu kompensieren.

Mein Sohn musste kein Weihnachtsgedicht aufsagen, es gab auch kein Klavier, keine Geige und schon gar keine Blockflöten.
                             An den Fenstern haben Frauen
                             Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
                             Tausend Kindlein stehn und schauen,
                             Sind so wunderstill beglückt.

Das muss man sich mal vorstellen, wenn heute die Smartphones, Tablets und Handys ins Fenster gehängt würden! Gerade lese ich ein wunderbares Buch des Reisejournalisten und Autors Rolf Neuhaus, erschienen bei Dumont: "Die letzten Tage der Wildnis. Eine Reise um die iberische Halbinsel." Darin sagt er, dass die Paradiese dieser Welt immer nur so lange Paradiese sind, bis man sie erreicht hat. Oder bis die Massen sie erreicht haben. Ein solches Sehnsuchts-Paradies scheint auch Weihnachten zu sein. Jeder trägt die Kinderbilder mit sich herum, jeder versucht, sich einen Zipfel vom Rock des Weihnachtsmanns zu erhaschen, der inzwischen mehr als alles andere zur kollektiven Konsum- und Comicfigur verkommen ist. Der Weihnachtstourismus steht mir vor Augen, in Rothenburg ob der Tauber gibt es einen berühmten Laden, in dem Japaner und Menschen aus aller Welt ganzjährig weihnachtliches Zubehör kaufen können. Sprach ich schon von den "German Weihnachtsmarkets", die sich in England zunehmender Beliebtheit erfreuen, so richtig mit Bratwurst, Glühwein und Lebkuchenherzen? Das Ende des Weihnachtsstresses kennen wir alle: Sie sitzen vereint unter dem Weihnachtsbaum, alles ist perfekt organisiert, der Braten kommt auf den Tisch oder die Würstchen mit Kartoffelsalat, wie hier in Schwaben üblich -und streiten, dass die Wände wackeln! Wahrscheinlich war das, was Eichendorf noch so romantisch beschrieb, einfacher und bekömmlicher:
                                      Und ich wandre aus den Mauern
                                      Bis hinaus ins freie Feld,
                                      Hehres Glänzen, heilges Schauern!

                                      Wie so weit und still die Welt!
Hat er vielleicht das Phänomen, das Rolf Neuhaus in seiner "Wildnis" beschreibt, vorausgeahnt? Sollte man nicht raus aus dem Haus, sich auf Reisen begeben, wandern in den Kreis der Edeltannen, anstatt sie aufzustellen, zu verkrüppeln und dann vernadeln zu lassen? Ich gebe zu, dass ich auf solch weihnachtsketzerische Gedanken komme, wenn ich die Massentannenhaltung sehe, wie sie zusammengequetscht in ihren Pferchen stehen, wenn ich die abgehetzten Gesichter sehe und die agressiven Huptöne höre. Dazwischen Glühweinduft, Bratwurstqualm und süßer klingende Glocken und Kassen. Und wenn jeder Einkauf, den man tätigen möchte, in einem Massenstau landet, selbst auf Nebenstraßen, selbst in den hintersten Winkeln, in die man sich vor der Massenhysterie flüchtet, ohne ihr entkommen zu können. Es ist Mode geworden, den Weihnachtsstress hinter sich zu lassen, indem man in die Berge, auf die Nordseeinseln, nach Rothenburg fährt oder in den Flieger nach Kreta steigt. Schon lang verlorene ehemalige Paradiese. Warum nicht essen, trinken, ein paar Kerzen anzünden, ein paar Edeltannenzweige oder einen Kirschbaumzweig aufstellen wie im 18./ 19. Jahrhundert, der mit Kringeln und roten Äpfeln behangen wird und bis zum Fest Blüten treiben soll - und dann raus in die Natur, bei jedem Wetter, ideal mit Pulverschnee natürlich, dem Paradies am nächsten! Aber Vorsicht, nicht weitersagen, das schadet der Weihnachtsindustrie und lockt vielleicht die Massen in neue, unbekannte paradiesische Winkel.