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Donnerstag, 10. September 2026

Deutschland im Herbst



Landschaft oberhalb vom Nagoldtal

Diese Überschrift ist vieldeutig: "Deutschland im Herbst", den Film von Rainer Werner Fassbinde hatte ich 1978 im Kino gesehen - da ging es um die RAF, also den Terror von links. Es ist auch ein Titel von der Gruppe "Böhse Onkelz" und prangert die Gewalt von rechts an. Mir kam es heute in den Sinn, weil der Herbst tatsächlich beginnt, noch vor dem offiziellen Datum. Und es ist der Zeitpunkt kurz nach der Wahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag, den 6. September, als die Anhalter eine verfassungsmäßig als rechtsradikal eingestufte Partei wählten. Es sei eine Zäsur in der Entwicklung der deutschen Demokratie, hieß es in den Nachrichten und Kommentaren. Ich vertraue aber weiterhin auf die Vernunft der Leute und etwas auch auf die Regierungsparteien, denn in der gestrigen Sendung von Sandra Maischberger trat ein Mitglied der AFD auf, der nur leeres populistisches Gerede von sich gab - der Mann konnte auf die einfachsten Rückfragen nicht eingehen. So wie die anderen auch, deren Gesichte und Reden sind voller Missachtung und Häme, und ich würde keinem einzigen von ihnen über den Weg trauen. Was nicht heißen soll, dass ich nicht alle anderen Parteien ebenfalls auf dem Holzweg sehe - so krass, wie sich die Dinge auf der ganzen Welt entwickelt haben!

Nun auch noch zum Persönlichen, zu meinem eigenen Herbst in Deutschland. Seit heute sind die Temperaturen wieder von über 30 auf 19° heruntergefallen, woraufhin meine Füße kalt wurden statt rot und dick wie Ende Juni, als sie in Berlin kaum noch in die Schuhe passten. Die Lahmheit, das verdunkelte Zimmer und die Pollen-und Staubattacken durch die Trockenheit, was bei mir zu starken allergischen Reaktionen führte. Alles vorbei, und auch die Beine laufen wieder normal. Pünktlich zum gefühlten Herbstbeginn kamen auch wieder die Horrorzahlen des Börsenvereins des deutschen Buchhandels ans Licht. Die jungen Leserínnen seien schon wieder im Schwinden, die Lesekompetenz nehme immer mehr ab. Am stabilsten scheint es bei den 50-bis 70 jährigen zu sein, Belletristik ist da noch am Laufen. Ich selbst, da ich mir ein Leben ohne Schreiben nicht  vorstellen kann, habe vor Kurzem mit der Ausarbeitung eines Romans begonnen, der in den 30er Jahren in Hamburg und in Argentinien /Brasilien spielt. Die Urform wurde vor zehn Jahren vom Hausverlag und einer Agentur abgelehnt, vor allem wegen des Genre-Mixes Thriller und Familienroman. Jetzt habe ich ca. 100 Seiten, die ich neu aufzäume. Es ist die Geschichte von zwei Schwestern, von denen eine mit der Mutter zum Vater nach Argentinien auswandert, die andere bleibt bei der Oma in Hamburg und erlebt mit wachsender Begeisterung das Aufkommen der Nazis, derweil die andere auf ebensolche Nazis in Argentinien trifft. Es hat viel mit meiner Familiengeschichte zu tun, da meine Eltern in Hamburg den Krieg erlebten und ich im Jahr 1969 vier Monate lang in Argentinien war, wohin mein Onkel 1934 ausgewandert war. Im Hintergrund gibt es noch den Thriller/Krimi von einem gefährlichen Trail über die Schwäbische Alb- der ruht noch in den Dateien. Das Schreiben, die besonderen Filme im Nagolder Kino und andere Erlebnisse halten mich auf dem  Damm. Zwar haben sich die Bedingungen weiter verschlechtert-es gibt immer weniger Plätze, an denen wir uns früher wohlgefühlt haben - aber manchmal tun sich auch neue Türen wieder auf.










Das ist ein Gaisburger Marsch, Gaisburg ist ein Stadtteil von Stuttgart. Eine gute Suppe mit Rindfleisch, Gemüse und Spätzle für Herbst und Winter!

Dienstag, 17. Oktober 2017

Merkelland ist ausgebrannt

Fransenenzian
Als wir gestern vor einer Bäckerei in einem beschaulichen Landstädtchen saßen, kam mir mit einem Mal - schlagartig - zu Bewusstsein, was Frau Merkel und die CDU unter "Wirtschafswachstum" verstehen. Es ging nämlich zu wie auf der Autobahn. Ein Lastwagen, ein SUV, ein PKW nach dem anderen donnerten vorbei, ob mit oder ohne Anhänger. Die Fußgänger hatten Mühe, ohne Schaden an Leib und Leben den Zebrastreifen zu überqueren. Und warum hat sich dieses Landstädtchen, das allerdings für seine schwarze Gesinnung bekannt ist, in solch ein Chaos verwandelt? Weil sich am Rande die Industrieanlagen und die dazugehörenden Häuser immer weiter in die Landschaft fressen. Bestimmte Wege, die wir immer gegangen sind, werden mit der Zeit unpassierbar. Das deutsche Wirtschaftswachstum ist ein Alptraum, aus dem es kein Erwachen mehr gibt! Kürzlich habe ich noch von Inseln gesprochen, die aber immer schwerer und nur auf Kosten des immer dünner werdenden Nervenkostüms zu erreichen sind. Das Fahrrad ist keine Alternative, denn damit ist man der Aggressiviät der Autofahrer umso schutzloser ausgeliefert. Kürzlich las ich einen Bericht über die Charakterzüge der SUV-Fahrer. Je kleiner der Mensch, desto größer das Auto. Tatsächlich sahen wir einmal aus einem Porsche einen wirklich unscheinbaren Zwerg steigen. Männer täten gern zeigen, dass sie Geld haben, Frauen fühlen sich in so einem -als Geländewagen untauglichen Spritfresser - angeblich sicherer. Und alle denken, dass bei einem Unfall der andere den Kürzeren zieht.

Ich traue mich fast nicht zuzugeben, dass wir am Sonntag noch einmal versucht haben, ein abgeschiedenes Klosterdorf in Bayern zu erreichen. Diesmal nicht Ottobeuren, sondern Waldsassen unweit Bayreuth. Es ging auch zügig voran, keine Lastwagen am Sonntag, bis irgendwann auf der Frankenhöhe aus jeder Ecke ein Fahrzeug geschossen kam. Mit Müh und Not kamen wir bis Forchheim, wo mein Bruder geboren wurde und ich als Kind einige Zeit verbracht habe. Vor etwa zehn, fünfzehn Jahren waren wir schon einmal hier. Da standen wir plötzlich mitten auf einem hübschen fränkischen Marktplatz. An diesem Tag sahen wir eine riesige Industriestadt volle neuer Straßen und Unmengen von Autos. Im nächsten Ort (der gehörte schon zur fränkischen Schweiz) hörte der Tag dann auf, noch im geringsten lustig oder erholsam zu sein. Auf der Kreuzung knatterten derartig viele Motorräder und PKWs vorbei, dass es in den Ohren klingelte. Die Bedienung des Lokals, in das wir dann auf ein Getränk einkehrten, guckte mürrisch, und drei Gäste erzählten uns, dass heute in Nürnberg, Erlangen (auch eine Kindheitsstadt von mir) und sonstwo ein verkaufsoffener Sonntag sei. Daraufhin besichtigten wir nicht einmal mehr die uralte Wehrkirche und nahmen auch Abstand von einer Übernachtung. Es ging auf dem schnellsten Weg zurück nach Hause. Es geht also nicht nur bei uns, in der Nähe von Daimler-Benz oder Stuttgarts Wiesenfesten so zu, sonder ÜBERALL. Wäre nicht die wunderbare Wirtschaft zum Lamm in Rot am See gewesen, hätten wir den Ausflug gänzlich unter peinliche Verluste abhaken müssen. Für das Lamm kann ich gerne Werbung machen, denn dort wird der beste und zarteste Sauerbraten serviert, den ich je genossen habe. Mitsamt den Semmelknödeln, die irgendwelche Grieben in sich hatten (Knödel esse ich sonst immer nur zur Hälfte) war die Platte hinterher total geputzt.

Aber es gibt noch Alternativen, dort, wo keine Industrie angesiedelt ist, wo keine Autobahnen in der Nähe sind und das Leben nicht stillsteht, aber auf die Bedürfnisse der Menschen Rücksicht nimmt. Es ist eine kleine Stadt auf der schwäbischen Alb, in der wir früher öfter kurze oder längere Urlaube gemacht haben. In der Nähe gibt es Höhlen, Burgen und eine riesige Wacholderheide, auf der so spät im Jahr noch der Deutsche Enzian und der Fransenenzian zu finden waren. Mt drei Ehepaaren führten wir dort am Freitag Gespräche und konnten feststellen, dass es noch andere gibt, die so denken wir wir. In dem Städtchen kann man auch ein Blockhaus in einem Feriendorf mieten, und es gibt in der Nähe mehrere Klöster, zum Beispiel Obermarchtal. Das in Untermarchtal wurde zwar in ein Seniorenheim umgewandelt, aber dort leben die Bewohner und Schwestern völlig mit sich und der Welt im Einklang. Sollte man vielleicht in ein Kloster gehen, sind früher die Leute dorthingegangen, weil sie den Lärm und die Umtriebe der Welt nicht mehr ertrugen? Das nun nicht gerade, aber man sollte solche Plätze sammeln und vor der Welt bewahren. Dorthin gehen keine Menschen, die an Merkels Wirtschaftswunderland glauben, weil vergleichsweise nichts los ist. Dorthin geht derenige, der weiß, dass wir mit der Zerstörung der Natur nur uns selber das Wasser abgraben. Wie ich überhaupt darauf gekommen bin, noch einmal in diese schwäbische Stadt zu gehen? Ich hatte einen Krimi gelesen, der dort spielte. Die Krimihandlung eher etwas naiv, aber sehr schön in den Beschreibungen. Solche Krimis brauche ich nicht zu schreiben, um zur Ruhe zu kommen. Aber irgendwann sollte man vielleicht damit anfangen, über die verlorenen Paradiese zu berichten, damit ein paar Leute, die schon resigniert haben, wieder Lust darauf bekommen.

Deutscher oder bayerischer Enzian
Wacholderheide auf der schwäbischen Alb