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Mittwoch, 7. Oktober 2026

Schreiben im Herbst


 Weiß gar nicht mehr, wo ich dieses Foto aufgenommen habe -auf jeden Fall ist es aus der aktiven Zeit, in irgendeiner schwäbischen Kleinstadt datiert. Ja, es ist so, seit ein paar Wochen schreibe ich wieder intensiv, es hat mich richtig "gebissen". Und je tiefer ich in das Thema eindringe, desto mehr ersteht die damalige Zeit - 1934 in Hamburg und Argentinien - vor meinen inneren Augen neu. Wie tief verwurzelt die NSDAP/AO in Argentiniens deutschen Kolonien verwurzelt war, mit welchen Methoden sie die Leute einschüchterten und das gesamte Leben kontrollierten, nicht nur in Misiones, sondern auch in Buenos Aires, Brasilien und Chile. Und mir wird immer klarer, warum die Rattenlinien genau in diese Richtung gingen und warum diese Länder auch später, bis heute so viele Diktaturen hervorgebracht haben. Die Grundidee  meines Romans (der vielleicht nie das Licht der Welt erblicken wird) waren zwei längere Reisen nach Südamerika,1969 vier Monate nach Argentinien, 1993 nach Venezuela. Ich weiß noch, wie gut viele Leute in Argentinien auf Hitler zu sprechen waren und wie toll sie alles Deutsche fanden. In Misiones habe ich nicht nur die Wasserfälle von Iguazú, sondern auch eine deutsche Kolonie gesehen, es muss "Eldorado" gewesen sein, wo ich alles so alt-deutsch, Kinder mit blonden Zöpfen und altmodischen Kleidern sowie puppenmäßige Häuser wie in Tolkiens Auenland vorfand. In Venezuela stellte ich mir vor, wie die Cessna im Urwald abstürzen würde und wir uns wochenlang durch den Dschungel kämpfen müssten.

Dank der Google-KI (und das ist für mich wirklich die einzig brauchbare) bin ich auf Quellen gestoßen, die ich früher mit den Klicks auf die Links niemals gefunden hätte, zum Beispiel einen Augenzeugenbericht über den Ablauf einer BDM-Zeltlagers auf Rügen. Welche Lieder da gesungen wurden, wie marschiert und gedrillt wurde, und die schönen Wanderungen zum Königsstuhl und die Gitarrenabende am Lagerfeuer. Oder den Verlauf eines Fluges mit einer Junkers 38 von Hamburg-Fuhlsbüttel 1934 nach Berlin, wie es drinnen im Flugzeug aussah, dass es nur Stewards gab, die während der Turbulenzen Kaugummi verteilten wegen des Druckverlustes. Auch was serviert wurde, nämlich nur kalt und Kaffee/Tee aus der Bordküche. Stewardessen gab es damals erst eine in der Schweiz, und Frauen, die das werden wollten, mussten erstmal eine Ausbildung als Krankenschwester machen. Die Routen der Widerstandskämpfer nach Dänemark habe ich gefunden, wo sie sich trafen und wie sie die Kassiber im Koffer tarnten. Dass es schon damals eine Holzrutschbahn im Tivoli gab. Und dank der KI habe ich sogar meine Tante Helga Kaee gefunden, die damals in Kopenhagen als Berichterstatterin für den Widerstand arbeitete. Und meinen Opa Paul Lotz, der sich als Nazimeckerer und Leser von ausländischen Zeitungen nach Amsterdam abgesetzt hatte und in der Ferdinandstraße in Hamburg eine Bank besaß.. All diese Figuren tauchen in meinem Roman mehr oder weniger in anderer Form wieder auf., und ich hätte um die halbe Welt reisen und in Archiven wühlen müssen, um das alles rauszukriegen. Hilfreicher waren da meine Reiseberichte, die ich auf dünnem Luftpostpapier als 19jährige getippt und bis heute aufbewahrt hatte. (Das Geklapper war damals meinem Onkel auf die Nerven gegangen, auf der Estancia gab es allerdings schon einen Strom-Generator, vom Wind angetrieben, im Gegensatz zum Jahr 1934, als man noch Petroleumlampen oder Rindertalg verwendete). Meine Mutter war im BDM, ich habe noch ein Foto mit wehendem weißen Kleid, während mein Vater vom Opa vorsorglich auf die liberale Hermann-Lietz Schule in England geschickt wurde. Auch meine Oma "Hamburg" ist verortetet, die eine argentinische Schlangenhaut an der Wand hängen hatte, ich werde die nie vergessen. Ob es stimmte, dass ein Vater die Boa oder Anaconda erschossen hätte, als sie gerade sein Kind fressen wollte, werde ich wohl nie herausbekommen. Es ist wie eine Zeitreise durch meine Familien-und die allgemeine Geschichte, die so faszinierend ist, dass ich an die Schwierigkeiten einer Veröffentlichung momentan überhaupt nicht denke. Es zeigt mir auch die Parallelen zur Entwicklung des Rechtsradikalismus, insbesondere auch der AFD in Deutschland.


Donnerstag, 10. September 2026

Deutschland im Herbst



Landschaft oberhalb vom Nagoldtal

Diese Überschrift ist vieldeutig: "Deutschland im Herbst", den Film von Rainer Werner Fassbinde hatte ich 1978 im Kino gesehen - da ging es um die RAF, also den Terror von links. Es ist auch ein Titel von der Gruppe "Böhse Onkelz" und prangert die Gewalt von rechts an. Mir kam es heute in den Sinn, weil der Herbst tatsächlich beginnt, noch vor dem offiziellen Datum. Und es ist der Zeitpunkt kurz nach der Wahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag, den 6. September, als die Anhalter eine verfassungsmäßig als rechtsradikal eingestufte Partei wählten. Es sei eine Zäsur in der Entwicklung der deutschen Demokratie, hieß es in den Nachrichten und Kommentaren. Ich vertraue aber weiterhin auf die Vernunft der Leute und etwas auch auf die Regierungsparteien, denn in der gestrigen Sendung von Sandra Maischberger trat ein Mitglied der AFD auf, der nur leeres populistisches Gerede von sich gab - der Mann konnte auf die einfachsten Rückfragen nicht eingehen. So wie die anderen auch, deren Gesichte und Reden sind voller Missachtung und Häme, und ich würde keinem einzigen von ihnen über den Weg trauen. Was nicht heißen soll, dass ich nicht alle anderen Parteien ebenfalls auf dem Holzweg sehe - so krass, wie sich die Dinge auf der ganzen Welt entwickelt haben!

Nun auch noch zum Persönlichen, zu meinem eigenen Herbst in Deutschland. Seit heute sind die Temperaturen wieder von über 30 auf 19° heruntergefallen, woraufhin meine Füße kalt wurden statt rot und dick wie Ende Juni, als sie in Berlin kaum noch in die Schuhe passten. Die Lahmheit, das verdunkelte Zimmer und die Pollen-und Staubattacken durch die Trockenheit, was bei mir zu starken allergischen Reaktionen führte. Alles vorbei, und auch die Beine laufen wieder normal. Pünktlich zum gefühlten Herbstbeginn kamen auch wieder die Horrorzahlen des Börsenvereins des deutschen Buchhandels ans Licht. Die jungen Leserínnen seien schon wieder im Schwinden, die Lesekompetenz nehme immer mehr ab. Am stabilsten scheint es bei den 50-bis 70 jährigen zu sein, Belletristik ist da noch am Laufen. Ich selbst, da ich mir ein Leben ohne Schreiben nicht  vorstellen kann, habe vor Kurzem mit der Ausarbeitung eines Romans begonnen, der in den 30er Jahren in Hamburg und in Argentinien /Brasilien spielt. Die Urform wurde vor zehn Jahren vom Hausverlag und einer Agentur abgelehnt, vor allem wegen des Genre-Mixes Thriller und Familienroman. Jetzt habe ich ca. 100 Seiten, die ich neu aufzäume. Es ist die Geschichte von zwei Schwestern, von denen eine mit der Mutter zum Vater nach Argentinien auswandert, die andere bleibt bei der Oma in Hamburg und erlebt mit wachsender Begeisterung das Aufkommen der Nazis, derweil die andere auf ebensolche Nazis in Argentinien trifft. Es hat viel mit meiner Familiengeschichte zu tun, da meine Eltern in Hamburg den Krieg erlebten und ich im Jahr 1969 vier Monate lang in Argentinien war, wohin mein Onkel 1934 ausgewandert war. Im Hintergrund gibt es noch den Thriller/Krimi von einem gefährlichen Trail über die Schwäbische Alb- der ruht noch in den Dateien. Das Schreiben, die besonderen Filme im Nagolder Kino und andere Erlebnisse halten mich auf dem  Damm. Zwar haben sich die Bedingungen weiter verschlechtert-es gibt immer weniger Plätze, an denen wir uns früher wohlgefühlt haben - aber manchmal tun sich auch neue Türen wieder auf.










Das ist ein Gaisburger Marsch, Gaisburg ist ein Stadtteil von Stuttgart. Eine gute Suppe mit Rindfleisch, Gemüse und Spätzle für Herbst und Winter!

Mittwoch, 14. Februar 2018

Erntezeit und neues Leben

In grauer Vorzeit, ich habe es heute noch in den Ohren, sang die Kölner Gruppe BAB"Am Äschermittwoch is alles vorbei." Jetzt ist der Tag wieder gekommen, und die Blumenläden machen gute Geschäfte, weil auf diesen Mittwoch gleichzeitig der Valentinstag fällt. Und es ist mal wieder Zeit für eine Zwischenbilanz. Inzwischen zieht sich geradezu eine Elefantenspur von mir durchs Internet. Die dürfte aber, im Vergleich mit den Spuren anderer, eine Schmalspur sein. Die Bücher, die ich veröffentlicht habe, sind nicht verschwunden, im Gegenteil, sie breiten sich immer weiter aus. In unzähligen Shops weltweit werden sie angeboten (selbst bei Barnes&Noble in New York), täglich tauchen sie in neuen Bibliotheken auf und werden auch gelesen - leider auch von Lesern, die sich bei Umsonst-Plattformen bedienen. Ich habe alle Ideen, die ich in den letzten siebzehn, achtzehn Jahren hatte, verwirklicht. Jetzt ist irgendwie das Ende der Fahnenstange erreicht. Es kommen keine Antworten mehr, weder von Verlagen noch von Agenturen. Dafür haben sich im Virtuellen viele wertvolle Kontakte entwickelt, die genauso real sind wie die in der Wirklichkeit. Doch gab es nicht auch einmal ein Leben vor der Virtualität?

Naja, ganz draußen war ich glücklicherweise nie. Parallel zu der Parallelwelt bin ich weit herumgekommen, wie einige meiner Blogleser noch wissen werden. Das ist wiederum in das Schreiben und in die Blogbeiträge eingeflossen. Es war schon immer eine andere Welt gewesen als die der "Normalbürger", nämlich die der Literatur, der Kultur und der Natur. Ich muss nicht fasten, muss nicht auf Süßigkeiten oder das Internet verzichten, muss kein neues Leben beginnen. Statt dessen sollte ich beides besser miteinander in Einklang bringen. Durch den Hamburger Kontakt erfahre ich mehr über meine Familiengeschichte als jemals zuvor. Das ist sozusagen die Folge der Elefantenspur, die sich hinter mir herzieht. Neben dem Bücherangebot in der Welt und den Lesern wachsen auch die Besucherzahlen im Blog kontinuierlich, je nach Input.

Sonntag, 9. Juli 2017

Unterwegs in Büchern und Zeitgeschichte

Gestern sind wir einfach mal so ins Blaue hinausgefahren. Das Blaue war allerdings gar nicht so blau wie in den Tagen davor. Es war drückend heiß, ca. 32°. Über der schwäbischen Alb und dem Neckartal türmten sich graue bis tintenblaue Wolken, ein Jenseitstheater mit  riesenkohlförmigen, schneeweißen Gebilden dazwischen. Tübingen quoll aus allen Nähten, da war nämlich ein Sommertheater angesagt. Es ist wohltuend, einfach mal ohne Ziel unterwegs zu sein. So verschlug es uns in eine kleine Gemeinde, in der wir schon des Öfteren Kaffee (oder Rhabarberschorle) getrunken haben. Zwei ältere Männer unterhielten sich über die Ereignisse in Hamburg beim Gipfeltreffen der Staatschefs. Sie waren voller Wut auf die vandalierenden Autonomen. Auch hier fand ein Fest statt. Ich wunderte mich über die "altmodischen" Stände mit Wurfbällen und Wettangel-Fischchen über Wassertrögen. Erinnert mich fast an die Jahrmärkte meiner Kindheit. Mittendrin wies ein Pappfeil auf einen Bücherflohmarkt hin. Die örtliche Bücherei wollte Platz schaffen für Neues, und so konnte man für je einen Euro Bücher aussuchen. Mein Partner hatte später eine Riesentüte voller Weltliteratur. Ich selbst sah nur diese dicken Bücher speziell für Frauen, die mir meist nur noch ein Gähnen abringen. Interessant war das Gespräch mit der Buchbetreuerin. Jemand aus dem Bekanntenkreis habe selbst ein Buch herausgebracht, das sei aber voller Fehler gewesen. Ach ja, man könne als unbekannter Autor auch ein Lektorat bekommen? Im Übrigen bevorzuge sie das deutsche Buch. Deutschland first, dachte ich, jetzt auch schon auf diesem Gebiet? Allerdings lese ich Krimis zur Zeit auch nur von deutschen Autoren, zuletzt begeistert den historischen Krimi von Jan Kilman "Heldenflucht", einen Roman aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, und ein gelungener Genremix aus Historie und Krimi.

In der nächsten Stadt (Nürtingen) fand ebenfalls ein Fest statt. Eigentlich kamen wir gar nicht hinein, und eigentlich wollten wir nicht schon wieder auf ein Fest. Aber irgendetwas spülte uns dann doch dorthin. Unterwegs begegneten wir zwei Polizisten. Mein Freund, kontaktfreudig wie immer, fragte die Frau, wie weit es noch bis zum Fest sei (zu dem wir ja eigentlich gar nicht hinwollten, aber zum Wandern war es einfach zu heiß, die Badeplätze waren überfüllt, und zuhause im abgedunkelten Raum sitzen wollten wir natürlich ebenfalls nicht).
"Gefühlte 100 Km" meinte die Polizistin und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Naja, so zwei Minuten, dann sind Sie dort."
"Ganz schön hart, was ihr Polizisten da habt leisten müssen", fuhr mein Freund fort.
Sie lachte.
"Ich bin vom Ordnungsamt. Aber das war eine übergroße Herausforderung, das kann man wohl sagen. Ich kann wirklich nicht verstehen, wie eine schwarze Truppe so hemmungslos und voller Gewalt und Hass Bürger gefährden, ihr Eigentum vernichten, schweren Raub und Brandstiftung begehen kann!"
Es ging dann noch ein wenig weiter. Ich selbst bin inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass die Schwarzen mit ihrer Vermummung provoziert haben. Darauf hätte die Polizei mit Deeskalation reagieren können statt mit raschem Auflösen der Demonstration. Das rechtfertigt aber nicht im Mindesten die menschenverachtenden, brutalen Übergriffe in den folgenden drei Nächten. Ich habe bei Facebook Beiträge gesehen, in denen die Autonomen in die Nähe der SA gerückt werden. In den 80er Jahren, im Mutlanger Basiscamp, haben wir übrigens mal ein Rollenspiel gemacht und wollten herausfinden, was passiert, wenn innerhalb einer friedlich demonstrierenden Gruppe Gewalt ausbricht. Alle Versuche, die Gewalttätigen körperlich daran zu hindern, endeten in neuer Gewalt. Ich glaube, die Lösung war, eine Kette um sie herum zu bilden. Ob das allerdings auch praxistauglich gewesen wäre, steht auf einem anderen Blatt. Und über die Bekämpfung des Terrorismus wurde anscheinend überhaupt nicht geredet auf dem Gipfel.

Montag, 31. August 2015

Was wir können

In der Diskussion über meinen Blogartikel der letzten Woche Das Ende der Ungeduld kam noch einmal die Frage nach Sinn und Zweck von Pseudonymen auf. Dass sie in bestimmten Fällen sicher gerechtfertigt sind, zum Beispiel bei erotischer Literatur oder bei Thrillern, die völlig aus der bisherigen "Marke" des Autors herausfallen. Vielleicht gibt es auch Namen, die von vornherein ein bisschen aufgepeppt werden können-und dabei kann man dann auch bleiben. Wenn ich Lieschen Müller heißen würde, wäre mir "Christa S. Lotz" dann doch einen Tick lieber. Novalis ist als Novalis klangvoller in die Literaturgeschichte eingegangen als mit dem Namen Friedrich von Hardenberg. Die andere Frage war die nach der Bekanntheit eines Autors, und dass er sich mühsam mit einem fremden Namen neu aufbauen muss, wenn er ein Pseudonym annimmt. Ich kenne zwar einen, der erst mit dem Pseudonym zum Bestsellerautor avancierte, aber auch nur, weil sich Agent und Verlag stark für ihn eingesetzt hatten. Bei Normalautoren sehe ich eher eine Art Zerstückelung des Namens. Ich als Leserin kann mir auf Teufel komm raus nicht merken, welcher mir bekannte Autor hinter einem Pseudonym steckt. Es sei denn, er ist mir so bekannt, dass ich einfach alles über ihn weiß, vor allem das, was er kann. Dabei kam für mich die Frage auf, was ich eigentlich kann.

Es gab Zeiten, da war ich so überkandidelt, dass ich glaubte, alles schreiben zu können, was ich wollte. Das stimmt aber nicht, wie ich im Lauf der Zeit merkte, und es ist auch dem leichten Größenwahn ensprungen, den viele Autoren zu entwickeln pflegen. Ich selbst wollte immer etwas bewegen mit meinem Schreiben, innerlich und äußerlich. Mit meinen Zeitungsartikeln habe ich viel bewegt, es gab sogar Offiziere und Bürgermeister, die öffentlich mit uns in den Medien diskutierten. Bei einer Kurzgeschichte gab es einen Leser, dem während des Lesens der Griffel aus der Hand gefallen sei. Und selbst Trauerreden kann ich schreiben, wie sich jetzt in Hamburg zeigte. Von einem professionellen Redner vorgetragen, wirkte sie so nachhaltig, wie ich es noch nie vorher erlebt hatte. Vor allem auch emotional. Dass ich Romane schreiben kann, brauche ich wohl niemandem mehr zu beweisen. Was ich nicht kann: das schreiben, was andere von mir erwarten. Genreliteraur schon, aber nicht in deren engen Grenzen. Ich möchte nicht Liebesszenen einbauen, wo keine hingehören, keine Toten und kein überflüssiges Blut oder verwesende Körpereile nur des Effektes willen hinzufügen. Es gibt also eine ganze Menge, was ich nicht kann. Am liebsten schreibe ich eh so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Als nächstes lasse ich mich hier im Blog über das Eventleben und seine Schattenseiten aus, inspiriert durch die Reise nach Hamburg, von der ich gestern nacht spät zurückkam, nachdem die Deutsche Bahn mir mal wieder ein paar mehr oder wenige lustige Streiche gespielt hat.

Dienstag, 19. Mai 2015

Mit 250 Km/h durch Deutschland

Am letzten Freitag war es wieder einmal soweit: Der traditionelle Spurt nach Frankfurt und Hamburg stand vor der Tür. Es ist kein Tripp, der dem Urwunsch mancher Menschen nach Entschleunigung gerecht wird, auch scheint die Achtsamkeit bei solchen Unternehmen manchmal außer Kontrolle zu geraten. Die Bahn hatte gerade einmal Streikpause. Der Stuttgarter Bahnhof ist nicht mehr wiederzuerkennen. Wenn man von ganz hinten zur wunderschönen alten Halle mit den vielen Imbissständen, Läden und dem Presse-und Bücherladen laufen will, trifft man statt dessen auf einen hässlichen Bauzaun und Berge von schmutzigem Aushub. Bei 250Km/h, auf der Höhe von Darmstadt, ist es dann geschehen. Vielleicht sollte man den Leitsatz aufstellen, dass man um so mehr Halt braucht, je mehr sich der Untergrund, auf dem man sich bewegt, beschleunigt. Auf jeden Fall gab es keinen Halt, als ich vom Tisch aufstand und der Zug sich ruckelnd in eine Kurve legte. Der Tisch gegenüber kam mir rasend schnell entgegen, ein Schmerz und besorgte Gesichter, die mir wieder aufhalfen. Das rüttelte mich schlagartig wach. In Frankfurt und auch später in Hamburg sah ich in jeder U- und S-Bahn, in jeder Straßenbahn Leute, die umhertorkelten und durchgerüttelt wurden, sich oft erst im letzten Augenblick vor dem Fall an einer Haltestange oder auch mal an unserem Rollkoffergriff festhielten. Während der rasenden Fahrt schaute außer mir niemand aus dem Fenster, alle blickten wie gebannt auf ihre Smartphones. Auch Reader konnte ich keine entdecken, ein junger Typ saß auf dem Boden und las ein Buch.

Später am Abend, in einer warmen Sommernacht, hatten sich die Frankfurter auf dem Friedberger Platz zu Hunderten versammelt. Jeder hielt eine Bier- oder Weinflasche in der Hand, ein Gewirr von Lachen und Stimmen drang herüber und verfolgte uns eine Straße weiter. Ähnlich zeigte es sich in Hamburg: Die schönen alten Kneipen des Schanzenviertels waren überfüllt, keiner hatte sein Smartphone in Betrieb, alle redeten miteinander und strömten zu Tausenden durch die Straßen. Lebenslust pur! Das sauge ich immer mal wieder gierig ein, denn bei uns auf dem Land sagen sich eher Rasenmäher, Kreischsägen und Elstern gute Nacht. Doch zurück zur Bahn: Bei den verantwortungsvollen Posten steht den Lokführern selbstverständlich ein angemessenes Gehalt zu! Doch der Service hat sich für mich, die ich seit Jahrzehnten treue Kundin bin, in keiner Weise verbessert. Nach wie vor Verspätungen, für Zugwechsel muss man beim Sparpreis tief in die Tasche greifen, und was früher die harten Ränder der Spagetti im Speisewagen waren, ist heute die Currywurst im Bistro, die in einer warmen roten Soße schwimmt. Das wiederum wird in der Großstadt mit köstlichem Saltimbocca und mehrgängigen Fischmenues beim Italiener ausgebügelt.

Das Hotel in Hamburg stammt aus dser Gründerzeit der Arbeiterwohlfahrt. Die Preise schießen immer wieder aus Gründen in die Höhe, die mit den Messen oder auch den Musicals zusammenhängen müssen. Auf jeden Fall war es genau das Haus, das meinem künftigen Roman (Schauplatz: Hamburg/ Buenos Aires) entsprungen sein könnte.



Eine ältere Frau mit Baskenmütze erzählte mir unaufgefordert, dass im Viertel gerade ein Priester namens Fernando Je gefeiert werde, einer, der unzähligen Menschen im dritten Reich zur Flucht nach Frankreich verholfen hätte. Ob sie geahnt hat, dass mein Roman in dieser Zeit spielen soll? Am Hafen war kein Durchkommen mehr. Massenweise wurden die Touristen auf Schiffe verfrachtet, die sie zur Konzerthalle des Musicals "Das Wunder von Bern" bringen sollten. Für ein reichhaltiges Krabbenbrötchen an der Brücke 10 standen sie Schlange und kämpften sich, wie wir, mit umgeklappten Schirmen und verkniffenen Gesichtern durch Sturmböen und Regen. Das lohnt sich allerdings auch.


Einfallsreich sind sie ohne Ende, die Großstädter! Einer kam mit einem Musikapparat statt eines Kopfes daher und beschallte die Umgebung, ein anderer angelte von einem Dach herab mit einem Pappbecher nach Almosen. Das waren barock gefüllte, aufregende Tage. Blieb am Ende der Rückweg, mit traditionell quäkenden Kind in der Zugnachbarschaft und einer traditionellen Verspätung. Aber die Bahn lässt sich dazu manchmal ewas einfallen, indem sie Überaschungen austeilt, allerdings nicht in Form von Leckereien oder einem Pott Kaffee, sondern einer Leseprobe (von was, weiß ich schon nicht mehr). In Stuttgart ging es diesmal durch einen endlosen Tunnel zur S-Bahn. Und da muss man sehr fix sein, um nicht von der Fahrstuhltür eingeklemmt zu werden. Ja, sie sind schnell und stressig und wundervoll, diese Fahrten quer durch Deutschland. Aber ich bin doch jedes Mal ganz froh, wenn ich wieder in meinem Rasenmäher- und Kreischsägenland bin und zu Fuß, ganz gemächlich, über die schwäbische Alb wandern und alles, was da blüht, fleucht und tschilpt, aus nächster Nähe anschauen, hören und riechen kann. Und jetzt streikt die Bahn ja wieder, länger noch als das letzte Mal.

Montag, 2. März 2015

Heute schon gezweifelt?

Es war ein langer Prozess des Zweifelns, der kritischen Analyse, des Wiederaufrichtens und Weitergehens, bis ich mich vor einigen Tagen entschloss, mein nächstes Buch als Self Publisher herauszugeben. Es ist mein achter fertiger Roman, der neunte liegt startbereit auf der Festplatte. Und jetzt habe ich begonnen, den zehnten zu schreiben. Warum dieser lange Atem, diese Immerwiederbegeisterung für einen Text, für das Schreiben überhaupt? Das Schreiben liegt ihr im Blut, sagte eine Journalistin, als sie mich bei mir zu Hause für die hiesige Zeitung interviewte. Woher konnte sie das wissen? Woher konnte sie wissen, dass ich "unermüdlich" bin? Ein paar schöne Antworten darauf habe ich bei diesen Autoren gefunden:
Schreibtipps für Bauchschreiber-sechster Streich von Sabine Schäfers
Schriftzeit von Stefan Waldscheidt
Alice Gabathuler beschreibt, wie enthusiastisch der Jugendliteraturtag in Baden angenommen wurde: 1. Jugendliteraturtag Baden
Sabine Schäfers und Stefan Waldscheidt kommen zu dem Schluss, dass ein Ende des Selbstzweifels, der für Schriftsteller eine absolute Bremse, aber auch ein Motor, ein Füllhorn der Inspiration sein kann, durch das Weiterschreiben erreicht wird. Und das gilt nicht nur für das Schreiben. Ganz philosophisch sagte doch schon Camus, dass der Sinn des Lebens darin besteht, weiterzuleben. Und das Beste daraus zu machen, natürlich, denn es gibt keine Zeit zu verschenken, weil es das Einzige ist, was uns gegeben wurde. Sagte Benjamin Franklin. Bei einem Rückschlag: Aufstehen, Krone richten, weitergehen (Sabine Schäfers). Nicht verzweifelt bei Facebook, Twitter und Co. posten, dass man ein Buch geschrieben hat, keine Umsonst-Lesungen organisieren, zu denen neben den Verwandten und Freunden vielleicht noch drei Interessierte kommen, sondern: weiterschreiben. Schriftsteller, die ich am meisten bewundere, sind die, die ihr Schreiben innerhalb ihres Leben inszenieren, ihr Leben eins wird damit. Und so werde auch ich es halten: Selbst wenn der Buchhimmel über uns einstürzen sollte, selbst wenn die Verlage zu Flatratedienstleistern werden, wie Bastei Lübbe es jetzt mit Heftromanen beginnt, selbst wenn es immer schwieriger wird, etwas vom Riesenkuchen, den sich immer mehr Autoren teilen müssen, abzubekommen, werden wir Autoren immer schreiben, solange es Menschen gibt, die lesen!

Ran den SP-eck. Selbstbestimmt schreiben

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Der Biss des Skorpions

Gerade ist die Weihnachtskarte meines ersten Verlages eingetroffen. Seit zehn Jahren, seit ich 2004 dort einen Roman veröffentlichte, bekomme ich diese Grußkarten zugeschickt, obwohl ich die Rechte an dem Buch schon längst zurück bekommen habe. Es zeigt mir, dass es noch Verlage gibt, die ihre Autoren regelrecht "pflegen". Um diese Zeit schreiben ja manche von uns gern ihren Jahresrückblick und ihren Ausblick auf das kommende Jahr. Ich möchte einfach nur mal sagen, wie ich mich momentan mit dem fühle, was ich mache. Gestern hat mich ein Skorpion gebissen. Ja, ich weiß, das ist der Titel eines bekannten Thrillers, aber so weit ist das Thema dann auch gar nicht weg von mir. Ich habe mir überlegt, was ich in der Zeit, in der ich auf die nächste Verlagsanwort warte, anfangen soll. Und kramte eine Idee heraus. Die schlummert schon seit Veröffentlichung dieses ersten Romans in mir. Ich war nur nie in der Lage, sie in eine passgerechte Form zu bringen. Das immer wieder neue Aufbranden von Gewalt in dieser Welt und das Wachsen des braunen Sumpfes haben mir dieses alte, immer gültige Thema wieder ins Bewusstsein gebracht. Dazu fiel mir eine Geschichte ein, die ich ebenfalls vor zehn Jahren schrieb und die von einem mysteriösen Flugzeugabsturz im südamerikanischen Urwald erzählte. Ich fing an zu recherchieren und bekam dabei immer heißere Ohren. Und schon war ich gebissen! Das Gift des Skorpions verbreitet sich langsam, aber unaufhaltsam in meinem Blut. Den ungefähren Verlauf habe ich im Kopf, die Idee ist aufgeschrieben. So viel sei verraten, dass die Geschichte in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts spielt und mit einer Reise nach Argentinien verbunden ist. In dieser Zeit wanderte mein Onkel nach Argentinien aus und betrieb als Verwalter eine Estancia. Ich war 1969 einige Monate dort und bereiste das Land bis in den äußersten Westen und den Norden. Ich erinnere mich genau daran, wie die Luft während der Überfahrt in einem Frachter nach Salz schmeckte, dass alles klebte, wie der Skunk in der Pampa aussah, wie sich das Gürteltier davon machte, höre noch das Krächzen der Papageien im Urwald, sehe den Wasserfall in die Tiefe donnern und schmecke die Sauce, die von den Gauchos zum Asado serviert wurde (Öl, Zitronensaft, Salz, Pfeffer, Chili).

Und wie war das Jahr, das unaufhaltsam seinem Ende entgegen geht? Allgemein, ich schrieb es schon, hat es mir beruflich-persönlich noch einmal einen richtigen Aufschwung gebracht. Bis April hatte ich meinen Schwarzwaldkrimi beendet und schickte ihn an meinen Hausverlag und eine Agentur. Keine Antwort des ersteren bzw. eine abschlägige der zweiten. Bis Juni war ich mit Herausgabe meines Verlagsebooks beschäftigt. Mit dem Verlauf bin ich, ehrlich gesagt, zufriedener als mit allem anderen davor. Aber es war ja auch fix und fertig lektoriert und korrekturiert. Bis Ende November, also sechs Monate lang, schrieb ich an meinem neuen historischen Krimi. Den habe ich vor  etwa einer Stunde, nach nochmaliger Korrektur des Exposés, zu einem E-Bookverlag geschickt. Bleibt noch die Frage, ob ich mich bei meinem "Teufelswerk" an einen Distributor wende oder ihn demnächst wieder bei Amazon KDP select anmelde. Es sind gerade (ohne select) keine Ausleihen mehr zu verzeichnen, dafür teilweise ein Ansteigen der Verkäufe. Der Ebookverlag arbeitet auch mit Kindle unlimited, wegen der Sichtbarkeit und Bekanntmachnung, so habe ich es verstanden.

Hier noch ein Interview mit Carla Berling, die von der Kleinverlagsautorin zur Selfpublisherin wurde: Autorin-Carla-Berling-kommt-ohne-Verlag-aus-und-setzt-stattdessen-auf-Amazon

Dienstag, 7. August 2012

Katastrophenbahnfahrt ans Meer

Nordsee/Elbemündung bei Cuxhaven
Ja, es sollen ruhig alle wissen, die es hören wollen: Heutzutage ist das Vergnügen, mit den modernen Intercityexpresszügen der deutschen Bahn zu fahren, immer mehr abgemindert und zum Spielball unvorgesehener Zufälle geworden. Mit einer Karte vom Schwarzwald nach Hamburg ausgerüstet (kostet mit Sparpreis, Bahncard 25 und zwei Reservierungen 166, -Euro), einem wunderbaren Sommerhimmel über mir und allen Kraftreserven der Welt kam ich am Samstag in Pforzheim an. Aber oh Graus, der Anschlusszug nach Karlsruhe hatte 30 Minuten Verspätung! Das würde die Planung des gesamten Tages durcheinanderbringen. Chaotische Lautsprecherdurchsagen: man solle die S-Bahn nach Karlsruhe-Marktplatz nehmen, aber als ich drüben auf dem anderen Gleis ankam, war nichts mehr von dem Zug zu sehen. Endlich kam ein Doppeldecker, der mich nach Karlsruhe brachte. Hier wieder warten auf einen "Ersatzzug". Der kam dann auch, es war ein IC, der noch so richtig ratterte und bei dem man wenigstens ein einziges Fenster aufmachen konnte. Das war auch absolut nötig, denn die Klimaanlage war mal wieder ausgefallen. Jedesmal, wenn wir an einem Bahnhof hielten (und das geschah oft, denn es wurden alle Kleinstädte in Ba-Wü bedient), stöhnte der etwa 12jährige Sitznachbar so laut, dass ich dachte, die Jugend verträgt aber auch gar nichts mehr. Waren nicht schon mal Leute bei dieser Gelegenheit fast gestorben? In Frankfurt wurden alle wieder rausgescheucht und in einen anderen, überfüllten IC verfrachtet. Hier war ebenfalls die Klimaanlage und zudem auch noch der Strom ausgefallen. Quälend langsam tuckerte der Zug durch die hessischen Lande, jeder Bahnhof wurde bedient. Wie haben wir das früher nur ausgehalten? Glücklicherweise hatte ich mir zwei belegte Stullen mitgenommen, denn was sonst noch so auf dieser Fahrt geschah, wurde mir im ganzen Ausmaß erst später deutlich. Für einen Kaffee arbeitete ich mich bis zum Bistrowagen vor, den ich überfüllt anzutreffen glaubte. Er war gähnend leer. Der Strom sei ausgefallen, erklärte mir die nette Bedienung, Kaffee gebe es keinen, aber Getränke. So erhielt ich wenigstens eine warme Cola. Für die anderen armen hungrigen Bahngäste schmierte sie umsonst Marmeladebrote, die warme Cola musste ich selber zahlen. Irgendwie wie im Krieg, dachte ich. Es solle sich jemand da unten auf die Gleise gelegt haben, sagte die Bedienung, in Karlsruhe sei er eingestiegen. Himmel, dachte ich, war das vielleicht mein stöhnender Nachbar gewesen? Aber wie soll er sich auf die Gleise gelegt haben, wenn er in Frankfurt ausgestiegen ist? Ich begann an meinem Verstand zu zweifeln. Endlich, die Sonne näherte sich schon dem Horizont und es war immer noch so heiß, überquerten wir ratternd die Elbbrücken und erreichten Hamburg Dammtor, weiter mit der S-Bahn zur Sternschanze, wo mich meine Lieben mit entnervten Gesichtszügen erwarteten. Gottseidank habe ich inzwischen ein Handy für diese Zwecke, so dass ich alle über alles unterrichten konnte. Wie haben wir das eigentlich ohne Handy gemacht?

Hamburg kann nichts dafür, Hamburg ist, wie Frankfurt, eine ganz tolle Stadt. Schließlich waren alle anderen auch noch eingesammelt, und zur Belohnung gab es ein wunderbares Pfeffersteak bei "Klett". Die Reise an die Nordsee klappte gut, als wir in Cuxhaven eintrafen, kam die Sonne raus und brachte Ferienstimmung auf die Kais und die Deiche. Möwen kreischten, es roch nach Krabben und Backfisch. Der Abend im Schanzenviertel, wo meine Schwester wohnt. Hunderte von Menschen mit Gläsern in der Hand verstopften die Straßen, denn auch hier in Hamburg gilt das Biergartenverbot wie in Bayern ab 23.00. Wie war die Rückfahrt? Gleich in Dammtor mussten wir die reservierten Plätze wieder verlassen, weil die Klimaanlage in Wagen 5 ausgefallen war. Wagen 3 war überfüllt, aber wenigstens wurde die Verspätung, die in Hannover durch zu viele Fahrgäste am Bahnhof entstand, wieder aufgeholt. Und durch die IPads meiner beiden jugendlichen Nachbarn lernte ich etwas über die Führerscheinprüfung heute. Als ich zurück im Schwarzwald war, sanken die Temperaturen um mindestens 10°.Uff! Und was können wir daraus lernen? Das nächste Mal werde ich bestimmt fliegen, das kostet auch nicht mehr, wenn man rechtzeitig bucht. Ob beim Flieger irgendetwas ausfallen kann, was nicht vorhersehbar ist? Fällt man dann vielleicht vom Himmel? Wieso können die kein Essen in die Züge bringen, wenn die Leute hungern? Liegt das vielleicht daran, dass wir anderen Nationen zu viel Geld gegeben haben und man nun Notopfer von der Bevölkerung verlangt? Über mein künftiges Autorenleben konnte ich auf jeden Fall nicht nachdenken, dafür war`s zu heiß. Und ob die Bahn mir für die zwei Stunden Verspätung das Geld zurückzahlt, werden wir sehen. Gesundheitliche und psychische Qualen sind in dem Formular auf jeden Fall nicht vorgesehen.

Montag, 17. Oktober 2011

Goethes Frankfurt und die Skyline

 Wenn man aus der Provinz, aus dem Schwarzwald, nach Frankfurt reist, kann man eine Menge erleben! Schon die Anfahrt ist wahrhaft abenteuerlich. Mit Sicherheit sitzt immer jemand in der Nähe, der nicht nur plötzlich "Hallo" sagt, so dass man sich gemeint fühlt, sondern der stundenlang laut mit einem unsichtbaren Gegenüber quatscht. Man guckt dann ständig, ob das Gegenüber auch antwortet und merkt dann, dass irgend eine Lebensgeschichte oder sonstwas erzählt wird, damit man sich die Bahnfahrt nicht mit einem Buch vertreiben muss, das man ja auch erst kaufen müsste.Nur da, wo ausdrücklich ein Symbol für Handyverbot an der Glastür hängt, lesen die Leute Bücher und Zeitungen. Da ist es am angenehmsten. Meine Schwester hat die Konsequenzen schon gezogen, auch wegen der Verspätungen, und reist von Hamburg mit dem Flugzeug an. Und dafür will die Bahn demnächst die Preise wieder erhöhen!Aber auch das Fiegen hat inzwischen seine Tücken. Heutzutage muss man sogar seine Salbentöpfchen in Plastikbeutel legen, es könnte ja eine Bombe darin versteckt sein! So reist man nun in die Großstadt Frankfurt rein, wie immer am Schluss ganz langsam und lange, denn es ist ein Kopfbahnhof wie in Stuttgart. (Dort gibt es auch kein "Frankfurt 21", dafür wird der Flughafen so riesenhaft ausgebaut -der größte Europas-dass man fast eine Stunde braucht, um zu den Gates zu kommen.) Jetzt sind wir da, im Ostend nahe des Mains und des Zentrums, das Wetter ist kühl, aber traumhaft. Abends noch kurz in die Havanna-Bar um die Ecke, am nächsten Morgen auf die Zeil und zum Markt. Hier ticken die Uhren schneller, Massen von Menschen und großen Geschäften. Und der Markt ist dann plötzlich wieder eine Oase, in der man Butter, Eier, Fleisch, Wurst und Gemüse einzeln kauft, sein Mittagessen einnimmt und sein Glas Wein schlürft.


Handkäs mit Musik

Hauptwache

Frankfurter Literaturhaus am Main
Der eiserne Steg, von uns oft tags und nachts begangen, hinüber zum Museumsufer und ins Vergnügungsvietel Sachsenhausen
 In Sachsenhausen findet jeder etwas nach seinem Geschmack, es wimmelt von Touristen aus aller Welt. Hier kann man auch wieder die beliebten Jungesellenabschiede beobachten, inzwischen sind es Jungesellinnen mit Vampirohren und Pappnasen. Man kann zum Beispiel im "Buenos Aires" dicke argentinische Steaks oder Kalbsrippen essen, mit Salsa rossa oder verde. Danach locken die Kneipen mit Sex-Drinks. Brr! Wir landeten in einem Hexenhaus, da spielte die 80er Jahre-Schlagermusik, jeder kannte jeden. Früher gab es hier ein Rockcafé, in dem, für einen Aufschlag bei den Getränken, Nachwuchsband auftraten. Das gibt es jetzt nicht mehr, es ist ein Jazzclub daraus geworden. Dafür gibt es aber das "Balalaika", wo nicht etwa Balalaika gespielt wird, sondern in einer ganz normalen, gemütlichen Kneipe jeder, der musikmäßig etwas aufzuweisen hat, sich präsentieren kann. Das war einmalig! Eine ältere, farbige Jazzsängerin aus New York, ein Typ mit Lederhut, der wie Tom Ripley wirkte, ein großer pferdebeschwanzter Mann mit roséfarbenem Jackett und blauen Hosen, der sah aus wie der junge Schiller, und noch ein scharfprofiliger, künstlerisch anmutender Junge legten einen Abend hin, der die Leute nur noch verzückt mit Armen und Beinen wippen ließ-Klavier und Gitarren.





 Am nächsten Tag ging es den Mainkai hinunter bis ins "Nizza". Früher lagen hier noch die Obdachlosen herum, die mich zu einer Geschichte über das "Grundrauschen der Zivilisation" inspirierten. Heute sind die in den Bahnhöfen, trinken Espresso und tun so, als ob sie gleich weiterreisen würden. Ganz Frankfurt war an diesem sonnigen Sonntag unterwegs. Man sieht keine Nordish-Walking-Stöcke mehr wie weiland an der Alster in Hamburg, sondern man joggt, fährt Rad oder neuerdings auf diesen Stadtrutschern, die einem mit 20 Km/h die mühselige Laufarbeit ersparen.

Café im "Nizza"
Cityrutscher

Die alte Brücke, die schon Goethe bedichtete
 Wenn man sich nun die Füße müde gelaufen hat, ist es sehr entspannend und touristisch wirksam, wenn man eine Schifffahrt auf dem Main unternimmt. Goehte pries den Blick von der alten Brücke, nur war damals noch nichts von der Skyline zu sehen, die übrigens ihren besonderen Reiz hat. Dort steckt das Geld, das gerade so in der Krise ist, es wird mit Stahl, Glas und Beton zusammengehalten.

Gerbermühle

Man sieht den Dom und die Spitze der Paulskirche vom Wasser aus (kenne ich natürlich, schließlich war Ludwig Uhland an der 1848er Revolution beteiligt.) Neu war mir die Die Gerbermühle, die Goethes Freund Willemer 1785 als Sommerhaus gekauft hatte-auch ein Bankier. Hier begegnete Goethe dessen Ziehtochter Marianne, entwickelte eine intensive platonische Beziehung zu ihr, hielt sich häufig dort auf und nahm drei Gedichte von ihr in den west-östlichen Diwan auf. Geheiratet hat Marianne aber ihren Ziehvater und nicht den 66jährigen Goethe.


 Doch irgendwann ist die Zeit dann auch wieder vorbei. Auf dem Hauptbahnhof, Gleis 6, sollte eigentlich der ICE nach Zürich abfahren. Dies ist der Regionalzug nach Wiesbaden, denn der ICE kam wieder mal mit einer halben Stunde Verspätung-Anschluss Karlsruhe.Pforzheim konntest deswegen vergessen.


Aber endlich war er da, und es gab merkwürdigerweise keine Handys, auch keinerlei E-Books, sondern gedämpfte Gespräche und Bücher. Französische Kinder spielten Karten. Ja, so macht Zugfahren noch halbwegs Spaß!

In Karlsruhe stürmten so viele Menschen die Treppen von den Ferngleisen herunter und durch die Gänge, dass ich erst mal nach draußen flüchtete. Ob die wohl alle von der Frankfurter Buchmesse kamen? Zumindest hatten sie keine Bierflaschen in der Hand! Die halbe Stunde Aufenthalt erinnerte mich daran, dass ich mal in die Bahnhofsbuchhandlungen gucken wollte, um mir zu beweisen, dass ich ja auch was geschrieben hatte (was mir in den vollen Zügen nie richtig gelang).
Und tatsächlich, da lachte es mir auch schon entgegen, in einer Vertikalen mit Rebecca Gablé und Ken Follet. Solche Momente machen immer Lust zum Weiterschreiben! Vielleicht sollte ich das Angebot annehmen, zum nächsten Familientreff in Hamburg-Schanzenviertel zu fliegen und dabei gleich das Auswanderermuseum anzuschauen. Derweil bin ich wieder im Schwarzwald und kann den hiesigen Plot weiterentwickeln, wann immer ich will.