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Mittwoch, 7. Oktober 2026

Schreiben im Herbst


 Weiß gar nicht mehr, wo ich dieses Foto aufgenommen habe -auf jeden Fall ist es aus der aktiven Zeit, in irgendeiner schwäbischen Kleinstadt datiert. Ja, es ist so, seit ein paar Wochen schreibe ich wieder intensiv, es hat mich richtig "gebissen". Und je tiefer ich in das Thema eindringe, desto mehr ersteht die damalige Zeit - 1934 in Hamburg und Argentinien - vor meinen inneren Augen neu. Wie tief verwurzelt die NSDAP/AO in Argentiniens deutschen Kolonien verwurzelt war, mit welchen Methoden sie die Leute einschüchterten und das gesamte Leben kontrollierten, nicht nur in Misiones, sondern auch in Buenos Aires, Brasilien und Chile. Und mir wird immer klarer, warum die Rattenlinien genau in diese Richtung gingen und warum diese Länder auch später, bis heute so viele Diktaturen hervorgebracht haben. Die Grundidee  meines Romans (der vielleicht nie das Licht der Welt erblicken wird) waren zwei längere Reisen nach Südamerika,1969 vier Monate nach Argentinien, 1993 nach Venezuela. Ich weiß noch, wie gut viele Leute in Argentinien auf Hitler zu sprechen waren und wie toll sie alles Deutsche fanden. In Misiones habe ich nicht nur die Wasserfälle von Iguazú, sondern auch eine deutsche Kolonie gesehen, es muss "Eldorado" gewesen sein, wo ich alles so alt-deutsch, Kinder mit blonden Zöpfen und altmodischen Kleidern sowie puppenmäßige Häuser wie in Tolkiens Auenland vorfand. In Venezuela stellte ich mir vor, wie die Cessna im Urwald abstürzen würde und wir uns wochenlang durch den Dschungel kämpfen müssten.

Dank der Google-KI (und das ist für mich wirklich die einzig brauchbare) bin ich auf Quellen gestoßen, die ich früher mit den Klicks auf die Links niemals gefunden hätte, zum Beispiel einen Augenzeugenbericht über den Ablauf einer BDM-Zeltlagers auf Rügen. Welche Lieder da gesungen wurden, wie marschiert und gedrillt wurde, und die schönen Wanderungen zum Königsstuhl und die Gitarrenabende am Lagerfeuer. Oder den Verlauf eines Fluges mit einer Junkers 38 von Hamburg-Fuhlsbüttel 1934 nach Berlin, wie es drinnen im Flugzeug aussah, dass es nur Stewards gab, die während der Turbulenzen Kaugummi verteilten wegen des Druckverlustes. Auch was serviert wurde, nämlich nur kalt und Kaffee/Tee aus der Bordküche. Stewardessen gab es damals erst eine in der Schweiz, und Frauen, die das werden wollten, mussten erstmal eine Ausbildung als Krankenschwester machen. Die Routen der Widerstandskämpfer nach Dänemark habe ich gefunden, wo sie sich trafen und wie sie die Kassiber im Koffer tarnten. Dass es schon damals eine Holzrutschbahn im Tivoli gab. Und dank der KI habe ich sogar meine Tante Helga Kaee gefunden, die damals in Kopenhagen als Berichterstatterin für den Widerstand arbeitete. Und meinen Opa Paul Lotz, der sich als Nazimeckerer und Leser von ausländischen Zeitungen nach Amsterdam abgesetzt hatte und in der Ferdinandstraße in Hamburg eine Bank besaß.. All diese Figuren tauchen in meinem Roman mehr oder weniger in anderer Form wieder auf., und ich hätte um die halbe Welt reisen und in Archiven wühlen müssen, um das alles rauszukriegen. Hilfreicher waren da meine Reiseberichte, die ich auf dünnem Luftpostpapier als 19jährige getippt und bis heute aufbewahrt hatte. (Das Geklapper war damals meinem Onkel auf die Nerven gegangen, auf der Estancia gab es allerdings schon einen Strom-Generator, vom Wind angetrieben, im Gegensatz zum Jahr 1934, als man noch Petroleumlampen oder Rindertalg verwendete). Meine Mutter war im BDM, ich habe noch ein Foto mit wehendem weißen Kleid, während mein Vater vom Opa vorsorglich auf die liberale Hermann-Lietz Schule in England geschickt wurde. Auch meine Oma "Hamburg" ist verortetet, die eine argentinische Schlangenhaut an der Wand hängen hatte, ich werde die nie vergessen. Ob es stimmte, dass ein Vater die Boa oder Anaconda erschossen hätte, als sie gerade sein Kind fressen wollte, werde ich wohl nie herausbekommen. Es ist wie eine Zeitreise durch meine Familien-und die allgemeine Geschichte, die so faszinierend ist, dass ich an die Schwierigkeiten einer Veröffentlichung momentan überhaupt nicht denke. Es zeigt mir auch die Parallelen zur Entwicklung des Rechtsradikalismus, insbesondere auch der AFD in Deutschland.


Donnerstag, 10. September 2026

Deutschland im Herbst



Landschaft oberhalb vom Nagoldtal

Diese Überschrift ist vieldeutig: "Deutschland im Herbst", den Film von Rainer Werner Fassbinde hatte ich 1978 im Kino gesehen - da ging es um die RAF, also den Terror von links. Es ist auch ein Titel von der Gruppe "Böhse Onkelz" und prangert die Gewalt von rechts an. Mir kam es heute in den Sinn, weil der Herbst tatsächlich beginnt, noch vor dem offiziellen Datum. Und es ist der Zeitpunkt kurz nach der Wahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag, den 6. September, als die Anhalter eine verfassungsmäßig als rechtsradikal eingestufte Partei wählten. Es sei eine Zäsur in der Entwicklung der deutschen Demokratie, hieß es in den Nachrichten und Kommentaren. Ich vertraue aber weiterhin auf die Vernunft der Leute und etwas auch auf die Regierungsparteien, denn in der gestrigen Sendung von Sandra Maischberger trat ein Mitglied der AFD auf, der nur leeres populistisches Gerede von sich gab - der Mann konnte auf die einfachsten Rückfragen nicht eingehen. So wie die anderen auch, deren Gesichte und Reden sind voller Missachtung und Häme, und ich würde keinem einzigen von ihnen über den Weg trauen. Was nicht heißen soll, dass ich nicht alle anderen Parteien ebenfalls auf dem Holzweg sehe - so krass, wie sich die Dinge auf der ganzen Welt entwickelt haben!

Nun auch noch zum Persönlichen, zu meinem eigenen Herbst in Deutschland. Seit heute sind die Temperaturen wieder von über 30 auf 19° heruntergefallen, woraufhin meine Füße kalt wurden statt rot und dick wie Ende Juni, als sie in Berlin kaum noch in die Schuhe passten. Die Lahmheit, das verdunkelte Zimmer und die Pollen-und Staubattacken durch die Trockenheit, was bei mir zu starken allergischen Reaktionen führte. Alles vorbei, und auch die Beine laufen wieder normal. Pünktlich zum gefühlten Herbstbeginn kamen auch wieder die Horrorzahlen des Börsenvereins des deutschen Buchhandels ans Licht. Die jungen Leserínnen seien schon wieder im Schwinden, die Lesekompetenz nehme immer mehr ab. Am stabilsten scheint es bei den 50-bis 70 jährigen zu sein, Belletristik ist da noch am Laufen. Ich selbst, da ich mir ein Leben ohne Schreiben nicht  vorstellen kann, habe vor Kurzem mit der Ausarbeitung eines Romans begonnen, der in den 30er Jahren in Hamburg und in Argentinien /Brasilien spielt. Die Urform wurde vor zehn Jahren vom Hausverlag und einer Agentur abgelehnt, vor allem wegen des Genre-Mixes Thriller und Familienroman. Jetzt habe ich ca. 100 Seiten, die ich neu aufzäume. Es ist die Geschichte von zwei Schwestern, von denen eine mit der Mutter zum Vater nach Argentinien auswandert, die andere bleibt bei der Oma in Hamburg und erlebt mit wachsender Begeisterung das Aufkommen der Nazis, derweil die andere auf ebensolche Nazis in Argentinien trifft. Es hat viel mit meiner Familiengeschichte zu tun, da meine Eltern in Hamburg den Krieg erlebten und ich im Jahr 1969 vier Monate lang in Argentinien war, wohin mein Onkel 1934 ausgewandert war. Im Hintergrund gibt es noch den Thriller/Krimi von einem gefährlichen Trail über die Schwäbische Alb- der ruht noch in den Dateien. Das Schreiben, die besonderen Filme im Nagolder Kino und andere Erlebnisse halten mich auf dem  Damm. Zwar haben sich die Bedingungen weiter verschlechtert-es gibt immer weniger Plätze, an denen wir uns früher wohlgefühlt haben - aber manchmal tun sich auch neue Türen wieder auf.










Das ist ein Gaisburger Marsch, Gaisburg ist ein Stadtteil von Stuttgart. Eine gute Suppe mit Rindfleisch, Gemüse und Spätzle für Herbst und Winter!

Sonntag, 4. Februar 2018

Herrschaftliche Zeiten

Es gibt Momente, in denen ich es außerordentlich begrüße, dass es das Internet gibt. Man kann Schulfreunde wiederfinden oder etwas über seine Ahnen erfahren. So ging es mir vor etwa einer Woche, als ich mit einer sehr liebenswerten und engagierten Frau telefonisch ins Gespräch kam (der Kontakt war über den Blog zustande gekommen). Sie und ihr Mann hatten vor langen Jahren von meinem Vater eine Villa in Reinbek (bei Hamburg) gekauft und sie sorgsam renoviert. Bis es so weit war, spielten sich allerdings noch jahrelange krimireife Handlungen mit dem Vormieter ab. Durch diesen Kontakt erfuhr ich nicht nur, dass wir in dasselbe Gymnasium in Flensburg gegangen sind, teilweise dieselben Lehrer hatten und in denselben Cafés und Kneipen in dieser Stadt saßen, sondern auch, dass mein Großvater Paul Lotz zusammen mit seinem Bruder noch ein weiteres Haus in Wentorf bei Reinbek besessen hatte. Jenes Haus nun wird von einer Frau bewohnt, die ein umfangreiches, bebildertes Buch über die herrschaftlichen Villen in Wentorf geschrieben hat. Das kam gestern bei mir an, und ich habe mich gleich auf die Suche nach der Wentorfer Villa gemacht und sie entdeckt. Mein Großonkel Eduard Lotz ist 1936, als der Boden zu heiß und zu braun wurde, nach Amerika ausgewandert, mein Großvater ließ sich in Bussum in Holland nieder. Er war immer ein kritischer Geist gewesen, las alle möglichen ausländischen Zeitungen und hinterließ uns eine umfangreiche Bibliothek. Darunter waren nicht nur schöne alte Gesamtausgaben von Shakespare und Goethe, sondern auch sämtliche Klassiker und das Werk meines Schriftstellervorfahren Georg Lotz (1784-1844), der Sir Walter Scott übersetzte, im Hamburger Salon mit Heinrich Heine verkehrte und historische Romane und Novellen schrieb, die in Venedig, in England und in Polen spielten. Bei Google Books habe ich eine Stelle gefunden, die belegt, wie sich die Hamburger Schriftsteller damals gefetzt und ihre Ergüsse um die Ohren gehauen haben.

Paul Lotz ermöglichte meinem Vater vor dem Krieg einen längeren Aufenthalt in der Hermann-Lietz-Schule Abbotsholme in England, die für ihre liberale Gesinnung und ihre ganzheitliche Erziehung bekannt war. Deshalb habe ich meinen Vater auch als einen lustigen, intelligenten, etwas kauzigen, aber durch und durch mutigen und tatkräftigen Menschen in Erinnerung. Sein Halbbruder Juan H. Kaae wanderte 1934 nach Argentinien aus, wo er als Verwalter einer Estancia tätig war. Sein Platz auf der Cap Arcona ist sogar noch auf der Passagierliste zu finden. Im Jahr 1969 besuchte ich ihn, meine Tante und meine Cousine dort. Auf einer Reise in den Norden musste ich feststellen, dass es im Urwald von Misiones urdeutsche Dörfer gab und dass noch viel von den nationalsozialistischen Emigranten zu spüren war. Auch heute noch wird das Oktoberfest deutscher als bei den Deutschen in Villa General Belgrano in Cordoba gefeiert. Der Hang zur Schriftstellerei mag sich über die Generationen auf mich übertragen haben.

Das Haus in Reinbek





Samstag, 22. Oktober 2016

Einfach leben! Ein Potpourri des Herbstes

In den langen Tagen und Nächten, die ich ungewohnterweise krank zuhause verbringen musste, dachte ich manchmal an die Matratzengruft von Heinrich Heine. Was wäre, wenn man gar nicht mehr auf die Beine kommt? So was Dummes, schalt ich mich, du bist in deinem Leben immer wieder auf die Beine gekommen. Und überhaupt, so ein Selbstmitleid. Ich ging durch die Welt wie von Schleiern umgeben. Merkte, dass sie sich allmählich von Tag zu Tag mehr hoben, und dass dahinter eine ganz neue Welt zum Vorschein kam. Bekannt und vertraut und doch vollkommen neu. Jetzt ist wieder die Zeit der langen Nächte angebrochen, die Tage bis zum nächsten Frühling sind unendlich lang und kaum zu zählen. You have had it, brother, alle Wärme, alles Schöne, alles Blühende, alle Städte und Landschaften, alle Genüsse und Begegnungen hast du wieder enmal gehabt. Es gibt doch noch etwas anderes als das Streben nach irgendetwas? Da mitten hinein kam die Nachricht vom Reichsbürger, der einen Polizisten getötet hatte, nachdem der mit seinen Kameraden ihm seine Waffensammung abnehmen wollte. Die Reichsbürgerbewegung war bisher ein völlig unbekanntes Phänomen. War die deutsche Justiz mal wieder auf dem rechten Auge blind? Diese Gewalttat eines Waffenbürgers der Nazizeit hat mir die Augen geöffnet über das, worüber ich gerade schreibe: Der Sumpf ist nicht trockenzulegen, war es damals nicht und ist es heute nicht. In Belgrano im Gran Chaco/Argentinien feiern sie heute noch das Oktoberfest, auf übertrieben deutsche und altmodische Art. Dort sollen die Überlebenden der Graf Spee sich nach 1939 angesiedelt haben.Wie die Nazis Argentinien anzapften. Das hat meine Arbeit ein Stück weitergebracht.

Aber nun zum Leben an sich. Wir sind seit jeher Landpomeranzen gewesen, haben immer gestaunt über die glitzernden Welten der großen Städte, ihre Aufgeschlossenheit, ihre trotz allem dichtere Präsenz in vielen Dingen. Warum nicht mal wieder nach Pforzheim fahren, in die Stadt, die im letzten Krieg bis auf die Grundmauern niedergebombt und so hässlich wieder aufgebaut wurde? Vom Geheimparkplatz, auf dem sich immer ein freies Plätzchen findet, sind es ein paar hundert Meter in die Innenstadt. Mein Partner, der sich oft als Grantler und Misanthrop entpuppt, kann genauso schnell zum humorvollen Straßenhüpfer werden. Und ich weiß, wie ich sein Musikerherz begeistern kann: Per Google hatte ich den Standort eines Musikladens herausgefunden, der versteckt in der Barfüßergasse gegenüber der Galeria Kaufhof liegt. Nachdem ich ihn dort geparkt hatte, konnte ich meine Streifzüge durch die Klamottenläden und die Buchhandlung Thalia machen. Gekauft habe ich allerdings nur ein Buch. Wieder vereint, ließen wir uns einfach nur treiben, mal hier in einen Glaspalast zum Kaffeetrinken, Scherzchenmachen mit dem Barkeeper, Lauschen auf die Sprache der alten Spanier, gegenüber Banken, Apotheken, eine Gemüsehandlung, ein Brezelladen und eine Handyanlaufstelle. Dann Hotdogs in einem weiteren Palast, ein Hin und her und Ein und Aus. Spaziergang an den dunklen Wassern der Enz, noch tiefgrüne Weiden lassen ihre Zweige in den Fluss hängen. Wanderungen in der Großstadt. So einfach ist das. Oder haben wir irgendwo den Ruf der Zugvögel gehört?


Turgenjew, [Turgenjev] Iwan S. (1818-1883)

Ich lieb den Herbst

Ich lieb den Herbst, im Blicke Trauer.
In stillen Nebeltagen geh
Ich oft durch Fichtenwald und seh
Vor einem Himmel, bleich wie Schnee,
Durch Wipfel wehen dunkle Schauer.

Ich lieb, ein herbes Blatt zu Brei
Zu kauen, lächelnd zu zerstören
Den Traum, dem wir so gern gehören.
Fern des Spechtes scharfer Schrei!
Das Gras schon welk...schon starr vor Kühle,
Von hellen Schleiern überhaucht.
In mir das Weben der Gefühle,
Das Herz in Bitternis getaucht...

Soll ich Vergangenes nicht beschwören?
Soll, was da war, nie wieder sein?
Die Fichten nicken dunkel, hören
Gelassen zu und flüstern Nein.
Und da: ein ungeheures Lärmen,
Ein Ineinanderwehn von Zweigen,
Ein Rauschen wie von Vogelschwärmen,
Die, einem Ruf gehorchend, steigen.


Montag, 2. März 2015

Heute schon gezweifelt?

Es war ein langer Prozess des Zweifelns, der kritischen Analyse, des Wiederaufrichtens und Weitergehens, bis ich mich vor einigen Tagen entschloss, mein nächstes Buch als Self Publisher herauszugeben. Es ist mein achter fertiger Roman, der neunte liegt startbereit auf der Festplatte. Und jetzt habe ich begonnen, den zehnten zu schreiben. Warum dieser lange Atem, diese Immerwiederbegeisterung für einen Text, für das Schreiben überhaupt? Das Schreiben liegt ihr im Blut, sagte eine Journalistin, als sie mich bei mir zu Hause für die hiesige Zeitung interviewte. Woher konnte sie das wissen? Woher konnte sie wissen, dass ich "unermüdlich" bin? Ein paar schöne Antworten darauf habe ich bei diesen Autoren gefunden:
Schreibtipps für Bauchschreiber-sechster Streich von Sabine Schäfers
Schriftzeit von Stefan Waldscheidt
Alice Gabathuler beschreibt, wie enthusiastisch der Jugendliteraturtag in Baden angenommen wurde: 1. Jugendliteraturtag Baden
Sabine Schäfers und Stefan Waldscheidt kommen zu dem Schluss, dass ein Ende des Selbstzweifels, der für Schriftsteller eine absolute Bremse, aber auch ein Motor, ein Füllhorn der Inspiration sein kann, durch das Weiterschreiben erreicht wird. Und das gilt nicht nur für das Schreiben. Ganz philosophisch sagte doch schon Camus, dass der Sinn des Lebens darin besteht, weiterzuleben. Und das Beste daraus zu machen, natürlich, denn es gibt keine Zeit zu verschenken, weil es das Einzige ist, was uns gegeben wurde. Sagte Benjamin Franklin. Bei einem Rückschlag: Aufstehen, Krone richten, weitergehen (Sabine Schäfers). Nicht verzweifelt bei Facebook, Twitter und Co. posten, dass man ein Buch geschrieben hat, keine Umsonst-Lesungen organisieren, zu denen neben den Verwandten und Freunden vielleicht noch drei Interessierte kommen, sondern: weiterschreiben. Schriftsteller, die ich am meisten bewundere, sind die, die ihr Schreiben innerhalb ihres Leben inszenieren, ihr Leben eins wird damit. Und so werde auch ich es halten: Selbst wenn der Buchhimmel über uns einstürzen sollte, selbst wenn die Verlage zu Flatratedienstleistern werden, wie Bastei Lübbe es jetzt mit Heftromanen beginnt, selbst wenn es immer schwieriger wird, etwas vom Riesenkuchen, den sich immer mehr Autoren teilen müssen, abzubekommen, werden wir Autoren immer schreiben, solange es Menschen gibt, die lesen!

Ran den SP-eck. Selbstbestimmt schreiben

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Der Biss des Skorpions

Gerade ist die Weihnachtskarte meines ersten Verlages eingetroffen. Seit zehn Jahren, seit ich 2004 dort einen Roman veröffentlichte, bekomme ich diese Grußkarten zugeschickt, obwohl ich die Rechte an dem Buch schon längst zurück bekommen habe. Es zeigt mir, dass es noch Verlage gibt, die ihre Autoren regelrecht "pflegen". Um diese Zeit schreiben ja manche von uns gern ihren Jahresrückblick und ihren Ausblick auf das kommende Jahr. Ich möchte einfach nur mal sagen, wie ich mich momentan mit dem fühle, was ich mache. Gestern hat mich ein Skorpion gebissen. Ja, ich weiß, das ist der Titel eines bekannten Thrillers, aber so weit ist das Thema dann auch gar nicht weg von mir. Ich habe mir überlegt, was ich in der Zeit, in der ich auf die nächste Verlagsanwort warte, anfangen soll. Und kramte eine Idee heraus. Die schlummert schon seit Veröffentlichung dieses ersten Romans in mir. Ich war nur nie in der Lage, sie in eine passgerechte Form zu bringen. Das immer wieder neue Aufbranden von Gewalt in dieser Welt und das Wachsen des braunen Sumpfes haben mir dieses alte, immer gültige Thema wieder ins Bewusstsein gebracht. Dazu fiel mir eine Geschichte ein, die ich ebenfalls vor zehn Jahren schrieb und die von einem mysteriösen Flugzeugabsturz im südamerikanischen Urwald erzählte. Ich fing an zu recherchieren und bekam dabei immer heißere Ohren. Und schon war ich gebissen! Das Gift des Skorpions verbreitet sich langsam, aber unaufhaltsam in meinem Blut. Den ungefähren Verlauf habe ich im Kopf, die Idee ist aufgeschrieben. So viel sei verraten, dass die Geschichte in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts spielt und mit einer Reise nach Argentinien verbunden ist. In dieser Zeit wanderte mein Onkel nach Argentinien aus und betrieb als Verwalter eine Estancia. Ich war 1969 einige Monate dort und bereiste das Land bis in den äußersten Westen und den Norden. Ich erinnere mich genau daran, wie die Luft während der Überfahrt in einem Frachter nach Salz schmeckte, dass alles klebte, wie der Skunk in der Pampa aussah, wie sich das Gürteltier davon machte, höre noch das Krächzen der Papageien im Urwald, sehe den Wasserfall in die Tiefe donnern und schmecke die Sauce, die von den Gauchos zum Asado serviert wurde (Öl, Zitronensaft, Salz, Pfeffer, Chili).

Und wie war das Jahr, das unaufhaltsam seinem Ende entgegen geht? Allgemein, ich schrieb es schon, hat es mir beruflich-persönlich noch einmal einen richtigen Aufschwung gebracht. Bis April hatte ich meinen Schwarzwaldkrimi beendet und schickte ihn an meinen Hausverlag und eine Agentur. Keine Antwort des ersteren bzw. eine abschlägige der zweiten. Bis Juni war ich mit Herausgabe meines Verlagsebooks beschäftigt. Mit dem Verlauf bin ich, ehrlich gesagt, zufriedener als mit allem anderen davor. Aber es war ja auch fix und fertig lektoriert und korrekturiert. Bis Ende November, also sechs Monate lang, schrieb ich an meinem neuen historischen Krimi. Den habe ich vor  etwa einer Stunde, nach nochmaliger Korrektur des Exposés, zu einem E-Bookverlag geschickt. Bleibt noch die Frage, ob ich mich bei meinem "Teufelswerk" an einen Distributor wende oder ihn demnächst wieder bei Amazon KDP select anmelde. Es sind gerade (ohne select) keine Ausleihen mehr zu verzeichnen, dafür teilweise ein Ansteigen der Verkäufe. Der Ebookverlag arbeitet auch mit Kindle unlimited, wegen der Sichtbarkeit und Bekanntmachnung, so habe ich es verstanden.

Hier noch ein Interview mit Carla Berling, die von der Kleinverlagsautorin zur Selfpublisherin wurde: Autorin-Carla-Berling-kommt-ohne-Verlag-aus-und-setzt-stattdessen-auf-Amazon