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Freitag, 12. Dezember 2014

Weihnachten, das verlorene Paradies

Nun, da das Fest der Feste wieder naht, ist es an der Zeit, mal wieder ein paar weihnachtliche Gedanken aus der Kiste zu zaubern. Es gab eine Epoche, da stand ich klein und blond und wundergläubig vor dem Weihnachtsbaum. Es war immer eine Edeltanne, oben war immer ein Stern angebracht, der Baum war immer mit Kugeln, Lametta, Geleekringeln und diesen Kringeln aus Bitterschokolade mit bunten Streuseln behangen. Einmal hing sogar ein Würstchen unten dran, für unseren schwarzbraunen Dackel, der natürlich danach schnappte, daran zerrte und schließlich den ganzen Baum umriss. Es brannten immer echte Kerzen, draußen rieselte der Schnee, mein Vater spielte Geige, meine Mutter Klavier, wir spielten rundbackig auf den Blockflöten, und mein Bruder sang. Und nachher gab es Karpfen, der aber nicht so gut ankam bei uns Kindern, später waren es Räucheraal, kleine graurosa Krabben, frisch gepult und mit dem unnachahmlichen Geschmack der Nordsee, roter Kryddersild, Glyngöresild und Makrelsalat mit viel Mayonnaise oben drauf. Ja, man wohnte eben ganz dicht an der dänischen Grenze. Dabei musste man aufpassen, überhaupt etwas vom Aal zu erwischen, die Portionen waren minimal bemessen. Am ersten Feiertag wurde eine Pute gebraten, von der jeder aber nur ein kleines Stück erhielt, da sie ja lange, man denke an die Kriegsjahre, vorhalten musste. Da stand ich nun vor dem Weihnachtsbaum und sagte mein Gedicht auf.
                           Markt und Straßen stehn verlassen,
                           still erleuchtet jedes Haus,
                           sinnend geh ich durch die Gassen,
                           alles sieht so festlich aus!
Erst viel später, als ich meinen ersten Roman schrieb, kam ich darauf, dass dieses Weihnachtsgedicht von Josef von Eichendorf stammt, dem Dichter der Romantik.
In der Zeit, als ich eine eigene Familie hatte, versuchte ich das Kinderfest perfekt zu kopieren und noch zu veredeln. Es stand wieder eine Edeltanne im Raum, wochenlang wurde vorbereitet, eingekauft, gelagert, gebacken, gekocht und eingelegt. Geleekringel inklusiv, selbstgebastelte Strohsterne und der Clou: selbst gezogene Bienenwachskerzen. Um den Kindheitstraum zu toppen, wurden dann abwechselnd zarte, kurz gebratene Stücke von der Rehkeule, nach Art des Zeit-Schmeckers Wolfram Siebeck und am ersten Feiertag die Pute serviert, die mein Vater sich jedoch unter den Nagel riss und jedem eine kleine Portion zuteilte. Wieso habe ich ihm eigentlich nicht das Tranchiermesser aus der Hand gerissen, ihm die Flügel auf den Teller gelegt und uns die Brust und die Keulen? Ich lasse mir heute noch jährlich einen Räucheraal schicken, um dieses kleine Trauma zu kompensieren.

Mein Sohn musste kein Weihnachtsgedicht aufsagen, es gab auch kein Klavier, keine Geige und schon gar keine Blockflöten.
                             An den Fenstern haben Frauen
                             Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
                             Tausend Kindlein stehn und schauen,
                             Sind so wunderstill beglückt.

Das muss man sich mal vorstellen, wenn heute die Smartphones, Tablets und Handys ins Fenster gehängt würden! Gerade lese ich ein wunderbares Buch des Reisejournalisten und Autors Rolf Neuhaus, erschienen bei Dumont: "Die letzten Tage der Wildnis. Eine Reise um die iberische Halbinsel." Darin sagt er, dass die Paradiese dieser Welt immer nur so lange Paradiese sind, bis man sie erreicht hat. Oder bis die Massen sie erreicht haben. Ein solches Sehnsuchts-Paradies scheint auch Weihnachten zu sein. Jeder trägt die Kinderbilder mit sich herum, jeder versucht, sich einen Zipfel vom Rock des Weihnachtsmanns zu erhaschen, der inzwischen mehr als alles andere zur kollektiven Konsum- und Comicfigur verkommen ist. Der Weihnachtstourismus steht mir vor Augen, in Rothenburg ob der Tauber gibt es einen berühmten Laden, in dem Japaner und Menschen aus aller Welt ganzjährig weihnachtliches Zubehör kaufen können. Sprach ich schon von den "German Weihnachtsmarkets", die sich in England zunehmender Beliebtheit erfreuen, so richtig mit Bratwurst, Glühwein und Lebkuchenherzen? Das Ende des Weihnachtsstresses kennen wir alle: Sie sitzen vereint unter dem Weihnachtsbaum, alles ist perfekt organisiert, der Braten kommt auf den Tisch oder die Würstchen mit Kartoffelsalat, wie hier in Schwaben üblich -und streiten, dass die Wände wackeln! Wahrscheinlich war das, was Eichendorf noch so romantisch beschrieb, einfacher und bekömmlicher:
                                      Und ich wandre aus den Mauern
                                      Bis hinaus ins freie Feld,
                                      Hehres Glänzen, heilges Schauern!

                                      Wie so weit und still die Welt!
Hat er vielleicht das Phänomen, das Rolf Neuhaus in seiner "Wildnis" beschreibt, vorausgeahnt? Sollte man nicht raus aus dem Haus, sich auf Reisen begeben, wandern in den Kreis der Edeltannen, anstatt sie aufzustellen, zu verkrüppeln und dann vernadeln zu lassen? Ich gebe zu, dass ich auf solch weihnachtsketzerische Gedanken komme, wenn ich die Massentannenhaltung sehe, wie sie zusammengequetscht in ihren Pferchen stehen, wenn ich die abgehetzten Gesichter sehe und die agressiven Huptöne höre. Dazwischen Glühweinduft, Bratwurstqualm und süßer klingende Glocken und Kassen. Und wenn jeder Einkauf, den man tätigen möchte, in einem Massenstau landet, selbst auf Nebenstraßen, selbst in den hintersten Winkeln, in die man sich vor der Massenhysterie flüchtet, ohne ihr entkommen zu können. Es ist Mode geworden, den Weihnachtsstress hinter sich zu lassen, indem man in die Berge, auf die Nordseeinseln, nach Rothenburg fährt oder in den Flieger nach Kreta steigt. Schon lang verlorene ehemalige Paradiese. Warum nicht essen, trinken, ein paar Kerzen anzünden, ein paar Edeltannenzweige oder einen Kirschbaumzweig aufstellen wie im 18./ 19. Jahrhundert, der mit Kringeln und roten Äpfeln behangen wird und bis zum Fest Blüten treiben soll - und dann raus in die Natur, bei jedem Wetter, ideal mit Pulverschnee natürlich, dem Paradies am nächsten! Aber Vorsicht, nicht weitersagen, das schadet der Weihnachtsindustrie und lockt vielleicht die Massen in neue, unbekannte paradiesische Winkel.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Kein Entkommen an Weihnachten!

Da es bekanntermaßen kaum noch Sendungen im Fernsehen gibt, die man sich ohne Gähnzwang reinziehen kann, sehen wir uns ab und zu die Marktberichte an. Der Bericht gestern vom NDR war ein Aha-Erlebnis: Marktbericht vom NDR. Da wurden Edel-Produkte aus dem Discounter getestet und wie zu erwarten, verzog der Koster meistens angewidert das Gesicht. Ich hatte nun gerade Edel-Wildlachs aus Norwegen geschenkt bekommen und weiß, wie die meisten Produkte aus dem Discounter schmecken - manchmal sehe ich es schon der Packung an. Dann wurde dieses beliebte Schmecktest-Spielchen gemacht. Drei Frauen, die am liebsten auf dem Markt einkauften, sollten ihren Lieblings-Rotkohl herausschmecken. Gegen den liebevoll selbst gekochten wurden der Apfel-Rotkohl aus dem Glas und der gefrorene Rotkohl gesetzt. Der aus dem Glas schmeckt am besten, meinte ich, bei der Erinnerung an blauverfärbte Bretter, eine schweißgebadete Stirn und einem viel zu "bissigen" Rotkohl, der dann auch noch in unbewältigbaren Mengen vorhanden war. Und siehe da, der Rotkohl aus dem Glas wurde bei der Blindverkostung als der Beste empfunden, Platz zwei der tiefgefrorene. (Der Lachs war übrigens o.k.!)



Jetzt sollte man aber nicht denken, dass ich den Rotkohl zu meiner Weihnachtspute mit Apfelfüllung serviere. Die Zeiten sind vorbei, und der Weihnachtsputer war ein Gericht, das meine Mutter hervorragend zuzubereiten verstand. Noch besser konnte es mein Schwiegervater, und bei ihm bekam jeder auch nicht nur ein kleines Stück vom Bein, der Rest müsste für die Feiertage reichen, sondern so viel man wollte mitsamt knuspriger Haut, Soße und Rotkohl aus dem Glas. Das ist alles schön für die Erinnerungen, wie der Räucheraal, den es bei uns immer zusammen mit Nordseekrabben und Sild am Heiligabend gab. Diese Weihnachten wollten wir es endlich mal wahrmachen - und einfach weg sein. In eine Stadt fahren, übernachten, essen, wo noch etwas offen hat. In meinem Urlaub nach den Feiertagen wollten mein Sohn und ich auf eine ostfriesische Insel, zum Relaxen, zum Wandern am Strand, egal, bei welchem Wetter. Pustekuchen! Schon vor Wochen saß ich am PC und bekam heiße Ohren, so schnell flitzten die Hotelbuchungen an mir vorbei. Schnell buchen, letzte Gelegenheit! Alle Welt sitzt über die Feiertage auf den Nordseeinseln, geht dort am Strand spazieren und überfüllt die Kneipen. Die Alpen kann man ja sowieso vergessen, und im Schwarzwald wohnen wir ja schon, da, wo andere ihren Weihnachtsurlaub machen. Also müsste, nach langen Jahren, mal wieder ein Flug in die Sonne her (mein letzter fand, glaube ich, 2008 statt, nach Zypern im April). Die Suche dauerte Stunden, Tage. Schon immer träumte ich von einem Wanderurlaub auf Madeira. Im Jahr 2001 feierten wir dort einen Familiengeburtstag. Wir fuhren nach Stuttgart, setzten uns in den Flieger und waren nach vier Stunden dort. Aber tempera mutantur, wie es so schön heißt. Die Zeiten ändern sich, und wir uns mit ihnen. Von Stuttgart geht es nur mit Zwischenlandungen in Barcelona, Lissabon, München oder Düsseldorf und dehnt sich dann auf bis zu 20 Stunden. Man müsste also erstmal in aller Herrgottsfrühe nach Frankfurt fahren, um dort einen Flieger zu erwischen, der immerhin auch noch 6-7 Stunden braucht. Die schönsten Hotels auf Madeira sind inzwischen ausgebucht. Genauso ergeht es mir mit allen anderen Flügen, sei es nach Teneriffa, Istanbul oder Sizilien. Allmählich verstehe ich die Leute, die sich in keinen Flieger setzen. Da hockt man inzwischen so eingezwängt, dass man hinterher Muskelkrämpfe zu beklagen hat. Billig, billiger, am billigsten! So, wie die ganze Geizistgeil-Mentalität. Und so wird es kommen, und so wird es bleiben. An Weihnachten naht sich wieder die Warmfront mit Regen oder gar Sturm, wir werden wegfahren, aber bald wiederkommen, unsere Rituale abhalten und mit den Jungen die Fondue Bourgignonne zelebrieren.

Freitag, 10. Dezember 2010

Das goldene Schweinchen an der Wand


Anlässlich des gestrigen Weihnachtsessens mit unserer Gruppe (ich gebe zu, dass ich eine halbe Ente beim Chinesen verspeist habe!) fragte ich unsere tschechische Bewohnerin, was es denn in Tschechien für Weihnachtsbräuche gebe. Sie erzählte, dass man Kerzen in Walnusshälften stecke und sie dann schwimmen lasse, wo, wusste sie nicht genau zu sagen. Ich habe nachgesehen und es u.a. hier gefunden. In meiner Vorstellung schwammen die Kerzenbötchen einen Fluss hinunter. Wessen Boot am weitesten kommt, der wird es im nächsten Jahr am Weitesten bringen. Außerdem stecke man sich eine getrocknete Karpfenschuppe in den Geldbeutel, das bringt Reichtum. Wenn man einen Schuh hinter sich wirft und er mit der Spitze zur Tür zeigt, wird man bald heiraten. Und am Heiligen Abend darf auf keinen Fall Wäsche aufgehängt werden, das bringt Unglück! Wer den ganzen Tag fastet, sieht am Abend das goldene Schweinchen an der Wand.
Ich glaube, ich werde am Heiligen Abend Kerzenbötchen schwimmen lassen, die Waldach hinunter, und wenn es eines schafft, oben zu bleiben, dann wird es ein gutes Bücherjahr für mich geben.

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Weihnachtspute mit Apfelfüllung

Nachdem so viele Anfragen nach der Weihnachtspute kamen, schreibe ich noch schnell ein Rezept aus meiner gesammelten Kartei auf.

1 Pute (3Kg)
Salz
Pfeffer
150g fetter Speck (oder zerlassene Butter)
1/4 l Fleischbrühe
1 El Stärkepuder
3-4 El süße Sahne
2 El Sherry

Füllung:
50g durchwachsener Speck
2 Zwiebeln
750g Äpfel(z.B. Boskop)
2 eingeweichte, ausgedrückte Brötchen
(125 g Rosinen)
1 Ei
Salz, Pfeffer

Pute waschen, abtrocknen, innen und außen mit Salz und Pfeffer einreiben. Für die Füllung Speckwürfel ausbraten, Zwiebelwürfel darin glasig dünsten, geschälte, kleingewürfelte Äpfel mit Brötchen, nach Belieben mit Rosinen und ei mischen, würzen. Füllung im Bauch verteieln, mit holzspießchen zustecken. Fetten gewürfelten Speck in der Bratpfanne des Backofens ausbraten, Pute mit der Brustseite nach unten hineinlegen. mit dem Speckfett einpinseln und braten lassen. Immer wieder mit der Flüssigkeit bestreichen. Nach zwei Stunden die Pute wenden und weiterbraten. Er ist gar, wennn beim Einstechen kein rötlicher Fleischsaft mehr austritt. (Je nach Ofen 3-4 Stunden). Warm stellen. Soße mit Stärkepuder und Sahne binden, mt Sherry abschmecken.

Beilagen: Kartoffeln oder Kroketten, Rotkohl
Statt der Apfel- kann man auch eine Maronenfüllung machen.