Donnerstag, 28. April 2016

Trauma

Für Betroffene und Interessierte im Großraum Tübingen/ Freudenstadt/ Calw ein interessanter Termin: Die renommierte Traumaexpertin Michaela Huber spricht am Dienstag, den 10. Mai 2016 um 19.00 über das Thema: "Trauma und Sucht". Ort: Kubus Nagold, bei der Stadtbücherei. Zum Thema "Trauma" noch ein ausführlicherer Link Diagnose Trauma Traumatische Ereignisse können Naturkatastrophen oder Gewalterfahrungen sein, schwere Unfälle, Vergewaltigungen, Terroranschläge, Kriegserlebnisse oder Entführungen. Sie können zu akuten oder dauerhaften psychischen Schäden wie der akuten Belastungsreaktion und der Posttraumatischen Belastungsstörung führen. In unserer Zeit häufen sich solche Erfahrungen für viele Menschen. Es können aber auch Erfahrungen von Gewalt oder sexuellen Übergriffen in der Kindheit sein, die zu solchen Traumatisierungen führen. Ich selbst habe in meiner Arbeit mit Traumapatienten erlebt, dass sie u.a. Identitätsschwierigkeiten hatten, zur Selbstverletzungen neigten und ein ausgeprägt niedriges Selbstwertgefühl hatten. Manche litten auch unter Impulsdurchbrüchen, Flashbacks, "Nachhallerinnerungen" oder Alpträumen. In einem Fall habe ich es erlebt, dass derjenige nicht mehr gehen und nichts mehr sehen konnte, wenn so ein Flashback kam. Wenn keine therapeutische Hilfe in Anspruch genommen wird, kann der Betroffene auch versuchen, "Selbstheilungsmittel" wie Alkohol und Drogen gegen seine Symptome einzusetzen. Daraus kann dann ein Teufelskreis entstehen, aus dem die Betroffenen sich meist ohne Hilfe nicht mehr befreien können.

                                          
Vortrag Trauma und Sucht


Am Dienstag, den 10. Mai 2016, auf Einladung des Nagolder Vereins für soziale Integration, hält die bekannte Traumaexpertin und psychologische Psychotherapeutin Michaela Huber einen Vortrag über „Trauma und Sucht.“ Die Veranstaltung findet um 19.00 im Kubus, Zwingerweg 7 in Nagold, statt. Der Vortrag ist kostenlos, alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Parallel dazu werden am 11. und 12. Mai Workshops zum Thema "Komplextrauma in der Psychiatrie, Psychotherapie und Beratung" angeboten. Diese Workshops sind bereits ausgebucht, eine Anmeldung ist leider nicht mehr möglich. Michaela Huber wurde 1952 in München geboren. Nach Studium der Psychologie in Düsseldorf und Münster sowie Ausbildung in Verhaltenstherapie war sie Dozentin an verschiedenen Ausbildungsinstituten und Universitäten in Deutschland. Von 1978-1982 war sie Redakteurin bei der Zeitschrift „Psychologie heute“. Seit 1989 ist sie in Kassel als Psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin niedergelassen. National wie international ist sie als Ausbilderin in Traumabehandlung mit Schwerpunkt komplexe PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) und dissoziative Störungen tätig. Zahlreiche Fachartikel und Bücher sind von ihr erschienen, unter anderem ein zweiteiliges Standardwerk: „Trauma und die Folgen“ und „Wege der Traumabehandlung“ (2003), dann „Der Feind im Innern“ (2013) sowie „Der geborgene Ort“ (2015). Michaela Huber ist seit 1995 1.Vorsitzende einer Trauma-Fachgesellschaft (ISSD, d.h. International Society for the Study of Dissociation dt. Sektion, seit 2012 umbenannt in „Deutsche Gesellschaft für Trauma und Dissoziation“). Sie wurde u.a. mit dem „International Distinguished Achievement Award 1997 der ISSD ausgezeichnet und erhielt das Bundesverdienstkreuz.

Nun zum Thema: Wer kennt sie nicht, die flotten Sprüche wie „Darauf einen Dujardin“, „Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein“ oder „Halt, mein Freund, wer wird denn gleich in die Luft gehen! Greife lieber zur HB, dann geht alles wie von selbst!“ Wie Studien zeigen, beginnt die Sucht oft damit, dass großer Stress, bedingt durch eine schwierige psychische Entwicklung, durch traumatische Erfahrungen und Konfliktsituationen, nicht mehr gelöst werden kann. In solchen Situationen wird häufig ein Suchtmittel eingesetzt, anstatt sich Hilfe zu suchen. Das Suchtmittel wird quasi zum Bindungsperson-Ersatz, zum "besten Freund", weil die Beziehungen zu wichtigen Personen eventuell schon in der Kindheit gescheitert sind. Wenn jemand abhängig von Suchtmitteln geworden ist, dann hat er das meist nicht aus Jux und Tollerei, aus Frust oder Abenteuerlust gemacht. Oder weil er erstmalig als Erwachsener in eine Krise geraten wäre. Viele haben eine Kindheit voller Gewalt und Leid hinter sich. Die Sucht scheint dann ein Ausweg zu sein, um nichts mehr fühlen, sich nicht mit dem Schmerz konfrontieren zu müssen. Süchtige weichen der Notwendigkeit aus, sich mit den Folgen von Trauma und Gewalt auseinanderzusetzen und eine Veränderung einzuleiten. Dabei wiederholen sie oft genau die Muster, vor denen sie davonlaufen. Welche neuen, konstruktiveren Lösungsmöglichkeiten könnte es in solchen Situationen geben? Wie kann man die eingefahrenen Lebensmuster ändern, das Ruder noch einmal herumreißen?

Christa Schmid-Lotz, 28. April 2016

Freitag, 22. April 2016

Leben am Rande des Schwarzwalds

Wie lebt es sich zur Zeit im großen schwarzen Wald? Die Buchen haben junge Blätter angesetzt, es leuchtet hellgrün in den Wäldern, dazwischen die schwarzen, düster schweigenden Tannen und Fichten. Millionenfach sind Anemomen, Primeln, Veilchen, gleichzeitig Löwenzahn, Lungenkraut, gelbe Windröschen und Frühlingsfingerkraut aus dem Boden geschossen. Mein Garten sieht wieder aus wie ein Osternest. Als würden die Pflanzen spüren, dass sie flott machen müssen, denn bald soll es ihnen ja wieder auf die zarten Köpfe schneien. Ich selbst habe einiges abgeschlossen. Die Steuererklärung habe ich vor ein paar Tagen ganz ohne Steuerberater fertig gestellt und abgeschickt. Es fehlte noch die Abrechnung vom Verlag, die kam heute mit Peanuts und Verspätung. Ich habe mir gerade mal das Vergnügen gemacht, sie mit der Abrechnung von Tolino Media zu vergleichen. Auf das halbe Jahr umgerechnet habe ich im Verlag mehr Ebooks verkauft, aber bei Tolino zehnmal soviel verdient. Wenn ich meinen Schwarwaldkrimi fertig überarbeitet habe, könnte ich das Angebot annehmen, es dort bevorzugt als Neuerscheinung einzustellen. Die Verkaufsmaßnahmen wie Leserunden, Bloghinweise, Facebookpräsenz usw. habe ich bei den Verlagsbüchern genauso gehandhabt wie bei den SP-Büchern, wenn nicht sogar dort etwas mehr.


Der Bodensee bei Friedrichshafen
Als Rentner muss man nicht mehr warten, bis am Wochenende das Wetter stimmt. So haben wir uns schon kleine Auszeiten am Bodensee und im Taubertal genommen. Schwer hinzukommen, aber erholsam, dort zu sein. Wenn ich Lust habe, schreibe ich meinen Krimi fertig, der hier in der Gegend spielt. Vielleicht erinnert sich jemand: Es geht um einen Pfarrer, der vor 25 Jahren aus einem Dorf verschwand. Um eine Journalistin, einen Kommissar, um brutale Morde, um schwarzgekleidete Fressäcke und geheimnisvolle Begebenheiten am Teufelsstein.

Zeit zum Lesen bleibt genügend: Im Moment ist das ein sehr lustiges Buch von Pierre M. Krause "Hier kann man gut sitzen - Geschichten aus dem Schwarzwald".
Schwarzwald pur, nicht wahr?

Pierre M. Krause beschreibt, wie er aus der pulsierenden Stadt Baden-Baden wegzieht und fortan, wie ich, auf dem Land im Black Forest lebt. Sonst lese ich eigentlich, außer Hape Kekeling, keine Promi-Bücher, aber dieses hat mich auf fast jeder Seite zum Schmunzeln gebracht. Sei es über die Rasenmäher- und Grillparty-Fraktion, die Holz- und Kettensägen, die Langsamfahrer oder die Notwendigkeit, im Haus immer so angezogen zu sein, als würde man ausgehen wollen, weil jederzeit jemand vorbeikommen könnte. Vom Garten ganz zu schweigen, der darf natürlich nicht so aussehen, als sei dort jemand gestorben! Und die Post hat solche unmerkbaren Öffnungszeiten, dass man am besten immer um 10 Uhr morgens dorthin geht. Nur leider hat meine Post manchmal auch um 10 Uhr vormittags geschlossen.

Der Zeitungsartikel über den Traumavortrag ist raus und erscheint vorraussichtlich nächste Woche in der Zeitung. Bis zum Vortrag am 10. Mail haben wir jede Menge  Zeit, vielleicht noch ein Plätzchen zu finden, an dem sich der Wintereinbruch angenehmer überstehen lässt.
Das Barockjuwel Birnau

Samstag, 9. April 2016

Generation "Kopf unten" und die kleinen Fluchten

Neben allem, was ich auch schon im Fernsehen und im Internet mitbekommen habe, las ich heute einen Zeitunsartikel über die sogenannten Smombies. Smombie ist ein Begriff, der sich aus "Smartphone" und "Zombie" zusammensetzt. Vom Rückschritt des Fortschritts: Digitaler Burnout, Smombies & Generation Head-Down Das beginnt schon mal recht lustig mit einer Darstellung des aufrechten Gangs bei Menschen, der erst auf allen Vieren kriecht, allmählich auftsteht, dann aufrecht geht und in der Endphase den Kopf wieder nach unten senkt, dem Boden immer näher kommt und  damit die Übersicht verliert. Vieles ist schon bekannt wie das Verkehrsschild in Stockholm, das nicht vor spielenden Kindern, sondern vor Menschen mit Handys und Smartphones warnt. Dabei geht es offensichtlich gar nicht mehr ums Telefonieren: 7 Minuten pro Tag soll die durchschnittliche Gesprächsdauer des Smartphonenutzers betragen. Der Rest wird mit Kontaktieren bestimmter Kommunikationsseiten wie Facebook oder Twitter verbracht. Es wird empfohlen, "digitale Diäten", smartphonefreie Zonen für sich einzurichten, zum Beispiel im Schlafzimmer. Speziell für den Straßenverkehr hat die Dekra eine Studie veröffentlicht, die heute in den Zeitungen abgedruckt wurde. Die-Unfaelle-der-Generation-Kopf-unten. Wenn sechs von zehn Bundesbürgern ein Smartphone besitzen und es täglich einige Stunden nutzen, ist das in der Tat ein beachtenswertes gesellschaftliches Phänomen. Und es kann gefährlich werden, wie wir gesehen haben.

Die meisten derer, die diesen Blogeintrag lesen, werden gar kein Smartphone haben oder es so sinnvoll nutzen wie das Messer, mit dem sie Salami schneiden. Ich selbst habe (noch) keins, sehe aber über die genannten Aspekte hinaus noch weitere Zusammenhänge. Eine Rückmeldung in den sozialen Medien zu bekommen, so las ich an anderer Stelle, setze bestimmte Glückmomente frei, das bekannte Serotonin. Das verfliegt aber auch schnell wieder, so dass es bald wiederholt werden muss. Das beschränkt sich nicht nur auf den Gebrauch von Geräten. Es geht ME auch darum, sich Parallelwelten zu erschaffen, um die schnöde Gegenwart eine Zeit lang vergessen zu können. Die meisten der Smartphonebesitzer werden nicht das Glück haben, sich eigene Welten zum Beispiel durch Schreiben, Malen oder Musik erschließen zu können. Wahrscheinlich haben sie sogar verlernt, Bücher zu lesen. Oder sie lesen kürzere Texte auf dem Smartphone. Ich persönlich halte Parallelwelten für äußerst gesund, wenn sie als solche erkannt und persönlichkeitsfördernd eingesetzt werden. Hat sich nicht unter anderem im neunzehnten Jahrhundert eine ganze literarische Genration von Schriftstellern damit über Wasser gehalten? Wenn sich heute vor allem junge Menschen darin total verlieren, ist das besorgniserregend. Handy und Smartphone können auf der anderen Seite auch Orientierungsmittel im Dschungel der modernen Welt sein. Das Umfeld sollte den Blick vom Boden heben und genau beobachten, was geschieht, sollte aufklären und alternative Welten anbieten.

Dienstag, 5. April 2016

Vernetzt und verkabelt

Heute las ich einen kurzen Artikel in der Zeitung, den ich normalerweise gar nicht beachtet hätte. Der Titel lautete: Telekom setzt auf ein intelligentes Zuhause. Heutzutage seien pro Haushalt etwa neun Geräte miteinander vernetzt, bis zum Jahr 2022 sollen es 500 sein. Der nächste große Trend sei der, das alles per Smartphone zu steuern. Aber sie geben zu, dass sie das nicht machen, damit der Kunde und Bürger es angenehmer oder leichter hätte. Nein, sie wollen den Kuchen nicht anderen, vor allem amerikanischen Anbietern wie Google oder Nest überlassen. Zu dem Zweck gründen sie eine eigene Plattform. Ich frage mich oft, wieso eigentlich immer als selbstverständlich vorausgesetzt wird, dass jeder ein Handy, ein Smartphone oder auch einen Computer hat. Und empfinde es als Zwang und Bevormunderei.

Ich gehöre ja zu einer Generation, die jene guten alten Zeiten noch erlebt hat, von denen nur noch hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Es möchte sich ja keiner als altbacken und Fortschrittsverweigerer zu erkennen geben. Durch meine Beschäftigung mit dem Schreiben habe ich im Lauf der Jahre viel über Computer und digitale Netzwerke gelernt. Inzwischen kann ich sogar meine Steuererklärung digital ausfüllen und selbst Formulare finden, die bei der Finanzverwaltung gar nicht angeboten werden. In Foren konnte ich sehen, dass Leute gezwungen wurden, viel Geld für einen Steuerberater auszugeben, nur um dieses Formular digital auszufüllen. Papier geht so gut wie gar nicht mehr. Dabei frage ich mich, wie andere Leute damit zurechtkommen.

Als ich vor etlichen Jahren nach Umzug ein neues Telefon brauchte, kam noch jemand von Telekom ins Haus und schloss das neue Gerät an. Bei jeder Störung, die ich seither hatte, musste ich mit Robotern verhandeln oder mit echten Menschen, die so schnell sprachen, dass mir ganz schwindelig wurde. Technik und Digitalisierung machen vor nichts und niemandem halt. Dabei ist es noch das geringste, eine Fahrkarte bei der deutschen Bahn am PC zu bestellen. Dauert etwas kürzer, als wenn man zum Bahnhof geht und wartet, bis der Beamte endlich durchgeblickt hat. Als ich das Auto meines Vaters übernehmen sollte, musste ich stundenlang eine Anleitung studieren, um herauszufinden, wie das Radio ausgeht. Also, ich finde, das Knopfdrücken war doch wesentlich entspannter! In meinem jetzigen Auto ist ein Computer an der Stelle, wo früher der CD-Player war - und der ist jetzt im Handschuhfach. Ein Fernseher wird auch demnächst fällig. Doch ich habe gesehen, dass die Flachbildschirme überhaupt keine Knöpfe mehr haben. Da werde ich mir ein Smartphone kaufen müssen, um damit gleichzeitig das Fernsehprogramm, den Computer und das Essen auf dem Herd regulieren zu können. Zunehmende Digitalisierung führt zu mehr Überwachung. Vielleicht hat das Smartphone ja bald eine Wanze drin, die weitermeldet, welche Gerichte man bevorzugt? Die Daten miteinander vergleicht und einen grellen Warnton ausstößt, wenn man zu viel Fett nimmt?

Wahrscheinlich habe ich keine Wahl, als mich dem Strom der Zeit anzupassen. Zumindest minimal. Und bin froh, bei meiner Mutter noch erlebt zu haben, wie man Sahne mit der Hand schlägt, Kaffee mit einer Mühle mahlt und die Wäsche in einem großen Bottich kocht. Diese Strapatzen haben uns die Maschinen ja glücklicherweise abgenommen. War es früher wirklich besser? Der Kabarettist Christoph Sonntag nimmt die modernen Zeiten gern immer wieder auf die Schippe. Es war nicht besser früher, alles hat viel länger gedauert. Aber es war einfacher und überschaubarer. Und man hat viel mehr Menschen gesehen, die in Kneipen saßen und miteinander geredet haben. Heute haben viele Wirtschaften auf dem Land geschlossen. Und statt miteinander zu reden, fahren sie einander fast von hinten in ihre Autos rein. Ein Riesennetz ist über die Welt gespannt, in dem alle miteinander kommunizieren und dabei mit ihren Smartphones an der Realität vorbeitaumeln. Ich plädiere für Rückbau wie bei den geknebelten Flüssen, die da und dort schon wieder munter in ihren Betten mäandern dürfen! Es gab nämlich noch eine andere Zeitungsmeldung, ich finde sie bloß nicht mehr: Da machte jemand den Vorschlag, dass junge Leute heutzutage wieder lernen sollten, Straßenkarten zu lesen (und im Kopf zu rechnen, füge ich im Stillen dazu). Kinder müssen nicht nur erkennen, dass die Milch nicht aus der Tüte kommt, der moderne Mensch sollte wieder lernen, dass es eine wirkliche, sinnliche Welt gibt, und dass es darin andere Menschen gibt. Dass es noch Wunder gibt, die uns digital nie vermittelt werden können.

Nach dem Schreiben dieses Beitrags habe ich noch ein passendes Interview mit der Cyberpsychologin Catarina Katzer in der WELT vom 6.2.16 gefunden. Sie kommt zu dem Schluss, dass Unkörperlichkeit und Anonymität im Netz enthemmen, und wünscht sich einen bewussteren Umgang mit den Medien. Das Langzeitgedächtnis verkümmere durch die Googelei, Beziehungen würden häufig oberflächlicher und dann durch SMS beendet. Was das Googeln und die noch fehlende Zivilcourage betrifft, muss ich mich an der eigenen Nase fassen. Wobei ich in meinem Netzwerk allerdings noch nie mit Hassparolen konfrontiert worden bin.
Wie-das-Netz-unsere-Psyche-veraendert

Siehe dazu auch: Technisches Verständnis  
im Blog von Annette Weber

Freitag, 1. April 2016

Blaue Stunden

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag mit den Worten "Blaue Blumen " betiteln, merkte dann aber, dass der Begriff nicht das trifft, was ich sagen wollte. Die Blaue Blume ist ein Begriff der Romantik und bezeichnet die Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem, Unendlichen. Dabei ist sie ein Symbol für die Verbindung von Mensch und Natur sowie des Wanderns geworden. Geprägt wurde er durch den Dichter Novalis, der den frühen Tod seiner jungen Geliebten in seinem Roman "Heinrich von Ofterdingen" verarbeitete. Der kleine Ort Ofterdingen liegt übrigens nicht weit von hier: Wenn wir zur schwäbischen Alb hinüberfahren, durchqueren wir häufig diesen schmucken Platz, an dem inzwischen auch eine Gedenktafel für den "Heinrich" aufgestellt wurde. Nicht nur deswegen ist Ofterdingen ein besonderer Ort (auch wenn die Gestalt des mittelalterlichen Heinrich natürlich fiktiv sein müsste), sondern auch wegen der großen Ammoniten, die hinter der Brücke im Fluss zu sehen sind, allerdings nicht bei Hochwasser. Es sind die Tintenfische der Urzeit, die hier vor Jahrmillionen im Jurameer wohnten und allmählich versteinerten (um nicht zu sagen: verkalkten). Die blaue Blume bedeutet auch eine Art von Todessehnsucht, und die habe ich nicht gemeint. Eher Sehnsucht nach Leben.

Die blaue Stunde dagegen ist die Zeit zwischen Dämmerung und Nacht, wenn Himmel und Landschaft in einem besonders intensiven Blau erscheinen. Das hat für Fotografen eine besondere Bedeutung, aber war auch für Dichter und Schriftsteller schon immer eine, wenn auch melancholisch gefärbte, Inspiration. Der Übergang zur Nacht - darin liegt wohl das Gemeinsame der beiden Begriffe. Ich hingegen habe dieses Bild schon immer anders interpretiert. Die blaue Stunde war stets
der Moment, an dem sich etwas wandelte und etwas Neues entstand. Ein magischer Augenblick, in dem das Innere nach außen trat, wie aus einem Traum heraus. Das ist das eigentlich Romantische daran. Aber es kann auch ein seelischer Wandlungsprozess sein, der uns hilft, die vielbesprochene Resilienz zu erreichen und damit einen Schutzzaun gegen die zeitweise unerträglichen Außenbedingungen aufzubauen. Magische Momente und blaue Stunden habe ich in meiner Studentenzeit erlebt, wenn ich mich auf einer Reise frühmorgens oder abends mit dem Schiff einem fremden Land näherte. Oder wenn wir zur Dämmerstunde in einen Landgasthof fuhren, um mit Freunden zu tafeln. Eine Nacht auf einem Felsen hoch oben in der Provence, mit einem kleinen Ballon Rosé und den Lichterketten unter unseren Füßen. Die Fledermäuse, Nachtigallen und Glühwürmchen auf dem Zeltplatz. Blaue Stunden waren die Spaziergänge und Wanderungen durch Löwenzahnwiesen, Rosengärten und Blaukissenwälder, in denen es später nach Bärlauch duftete. Es waren Besuche in Kirchen mit Figuren, die in hellblaue Himmel aufstiegen oder mit streng gotischen Gewölben, Begegnungen mit Menschen, das gemeinsame Lachen über komische Situationen oder auch Bücher oder Blogeinträge, die auf irgendeine Weise berührt haben und unvergesslich wurden.

In den letzten zwei Wochen waren die blauen Stunden wie Perlen einer Kette, die selten auftraten, aber nachhaltig alles Trübe verdrängen konnten. Eine Wanderung wie jedes Jahr im Donautal, an dessen Hängen Millionen von Leberblümchen und Märzenbechern in voller Blüte standen. Ein Essen in einem traditionellen Gasthof, wo es noch so schmeckte wie früher. Eine Fahrt in den Klosterort Gengenbach, mit explodierenden Magnolien, Forsithien und Veilchen und einem bunten Leben und Treiben. Die blauen Scillawiesen bei Herrenberg. Ein Buch über den "Winter der Welt" von Ken Follet, den ich lange Zeit links liegen gelassen hatte. Und nach jeder blauen Stunde musste man wieder eintauchen in diesen Winter. Dann stöberte ich mit roten Ohren in den Büchern eines literarisch-unterhaltsamen Agenten. Dachte an die Stunden, in denen Ideen zu Romanen entstanden waren, die Stunden des rauschhaften Schreibens. Das alles hat dazu beigetragen, dass sich mit einem Mal die Schreiblust wieder regte.

Ich legte meinen Neonazi-Südamerikaroman erst mal beiseite, kramte meinen dreieinhalb Jahre alten Schwarzwaldkrimi heraus und überlegte, was mir der einzige Verlag, den ich bisher kontaktiert hatte, dazu gesagt hatte. An einigen Stellen nicht spannend genug. Ich druckte mir den Text 20-seitenweise aus und begann zu lesen. Ich dachte, die Lektorin hätte die Beschreibungen gemeint, dass die einen Krimi bremsen würden. Aber das Ambiente wurde ja durchaus gelobt. Nicht schlecht, was ich da las, aber da waren ja ganz schön viel Dialoge, vielleicht die Hälfte. Das lese ich selbst nicht gern, wenn das ganze Buch nur daraus besteht. Und - eine uralte Schwäche von mir - in diesen Dialogen wird an einigen Stellen zu viel wiederholt. Also machte ich mich daran, diese Stellen zu straffen und zu kürzen, mindestens fünf Seiten sind dadurch schon auf der Strecke geblieben. Außerdem bekommt der Roman noch eine wichtige neue Perspektive, die mir damals die ganze Zeit im Hinterkopf herumgeisterte, die ich aber nicht realisieren konnte. Genauso wird es mir mit dem anderen Roman ergehen. Wenn ich ihn eine Weile liegen lasse und dann wieder lese, wird es mir wie Schuppen von den Augen fallen. Ich ahne schon jetzt, welche Perspektiven, Schauplätze und Zeitläufte fehlen, um ihn richtig rund zu machen. Solche Dinge, solche Erlebnisse und auch solche Erkenntnisse sind für mich blaue Stunden.








Samstag, 26. März 2016

Ostern 2016

"Die Einschläge kommen immer näher" - diesen Titel hätte ich einem Beitrag in meinem Blog geben können, wenn ich mich in den letzten Tagen nicht fast total aus den sozialen Medien zurückgezogen hätte. Im Realleben stelle ich fest, dass die Menschen wieder enger zusammenrücken. Noch nie habe ich so viele Anrufe bekommen wie in diesen Ostertagen. Man will sich wieder treffen. Man ist froh, dass man in einem stinklangweiligen Kaff auf dem Land lebt. Die Terroristen und alle Gewalttäter sollten auf den Mond geschossen werden. Meine Nachbarin und ich sind sehr traurig, dass "unsere" weiße Katze überfahren worden ist. Innerlich singe ich alle Katzenlieder, die ich je gelernt habe, wie das Kind im Wald. Wir freuen uns, dass ein Musikerfreund den Krebs überlebt hat und bald ein Blueskonzert geben will. Leben künftig nur noch in Nischen? Aber wir wissen, dass auch der Krieg für unsere Vorfahren zum Alltag wurde. Die Deutschen meiden Gefahrenländer, sie meiden Massenansammlungen und Massenfortbewegungsmittel. Alle wollen nur noch nach Spanien oder in Deutschland Urlaub machen. Das führe zu vermehrten Staus. Wer, wie mein Sohn, über Ostern nach Teneriffa fliegt, setzt sich erhöhten Gefahren aus. Und doch spüre ich in meinem Umfeld, selbst auf der Straße nicht, in den Städten nicht die Bedrohung. Alles geht seinem Alltag nach, der Krieg kommt über den Fernseher herein, den kann man wieder abschalten. Und das ist auch gut so. Petra van Cronenburg hat die Situation sehr eloquent beschrieben. Da hilft nur Fugenkitt.
                                                                           
An diesem strahlend schönen Ostersamstag, den wir für einen Ausflug nutzen wollen, wünsche ich allen meinen Lesern ein schönes Fest und viel Resilienz und Freude an anderen und den guten kleinen Dingen, die ja nach wie vor da sind.

Dienstag, 15. März 2016

Ein Hauch von Mord und Politik

Im sogenannten "Europakindergarten", in dem ich während der siebziger Jahre arbeitete, sollte ein Konzept der Integration entwickelt werden, was auch ansatzweise gelang. Selbst die holländische Königin hatte einen Scheck spendiert. In dieser Zeit gab es als Material zwei Bilderhefte für die deutschen und ausländischen Kinder. Eines hieß: Hier fällt einHaus, dort steht ein Kran, und ewig droht der Baggerzahn. Die Veränderung der Stadt Das andere: Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder. Die Veränderung der Landschaft.  Diese Materialien haben mich und auch meinen Sohn, der damals selbst noch im Vorschulalter war, nachhaltig beeindruckt. Und die Fakten, die dort geschildert werden, haben auch heute noch und für die Zukunft ihre Gültigkeit. Es gibt sehr viele schöne Beispiele, wie neue Häuser in alte Bezirke integriert werden, ohne die gewachsenen Silhouetten zu zerstören, oder wie Landschaften verändert werden, ohne ihnen den ureigenen Charme zu nehmen. Meist aber steckt Profitgier im Rucksack der Planer bzw. die Spardiktion des jeweiligen Gemeinderates.

Auf meiner Fahrt durch die ganze deutsche Republik sollte ich einen Ausschnitt dieser Welt erleben. Unser grüner Landesvater hatte vor seiner Wahl unter anderem versprochen, die alten Straßen und Brücken zu sanieren statt neue zu bauen. Das hat er auch getan und zum Dank, in Verbindung mit seiner Haltung gegenüber der Flüchtlingspolitik und gegenüber der AfD, nun einen dicken Bonus der Baden-Württemberger erhalten. Davon konnte ich mich auf der Bahnfahrt am Wochenende überzeugen: Alle Bahnhöfe bis rauf nach Mannheim waren im baulichen Ausnahmezustand! Der terroristischen Gefahr wird damit begegnet, dass man wieder in allen Zügen die Fahrkarten kontrolliert, so richtig mit Knipser und zusätzlichem Personal. Auf den Bahnhöfen patroullieren große, starke Polizisten ganz in Schwarz mit Pistolen im Halfter. Sie drängen sich an den Tresen der Kaffebars, um sich mit Espresso zu stärken. Und trotzdem kann man die Fahrt genießen. Ab Hamburg geht es in die meerumschlungene schleswigholsteinische Knick-und Seenlandschaft hinein. Dort wohnen nur Bauern, Schafe, Kühe und Pendler. Der Nord-Ostseekanal zieht sich unverändert unter der eisernen Brücke dahin (die nach dem Unfall mit der Schwebefähre wieder repariert wurde). Dann setzt die individuelle Erinnerung ein: Süderbrarup, Tarp, der Fernsehturm der alten Hafenstadt Flensburg kommt in Sicht. Und der Bahnhof ist noch der alte, mit modernen Fahrkartenautomaten und Schnickschnack der Waterkant in den Schaukästen. Moin, moin, hört man hier allerorten. Wir werden von einem alten Freund meines Vaters abgeholt. Auf dem Kirmesplatz oberhalb meines Gymnasiums, der "Exe", stehen jetzt bunte Container für die Flüchtlinge. Das Haus in Kupfermühle, oberhalb der Krusau, sieht unverändert aus. Wir beziehen die Ferienwohnung und wandern durch das alte Kupfer- und Messingdorf, durch die stillgelegte Fabrik in den dänischen Wald hinein. Einfach so, da stehen schon lange keine Schlagbäume und Zöllner mit Schießwaffen mehr. Und die Schusterkate mit der Krusaumündung, mit den Booten, dem Schilf, der Brücke, den Zollhäuschen und den schmalen Sandstränden sind noch dieselben wie damals, ich habe es gewusst. Hier hat die europäische Union sehr gute Arbeit geleistet, hat Wege durch das "Tunneltal" angelegt und Schilder aufgestellt. Im letzten Krieg wurden hier viele Flüchtlinge über die Grenze gebracht, fast alle dänischen Juden wurden von der Widerstandbewegung gerettet. (Parallel dazu las ich übrigens die "Mitternachtsfalken" von Ken Follet, der sich mit eben dieser Widerstandsbewegung beschäftigt hat).

Der Strand von Wassersleben, im Hintergrund das Hotel Ganther


Das Einzige, was sich verändert hat, ist ein mordshässlicher Bau in Wassersleben, mit einem Seepark zur Förde hin. Hier stand einmal das etwas marode Sommerhaus von weitläufigen Verwandten von uns. Und jetzt sieht man im Geist eine Hand, die aufgehalten wird, denn die Appartments dieses Hauses werden für sage und schreibe 700 000 Euro pro Stück verkauft! Die Ferienappartments in der Bucht vor dem riesigen weißen Strand wirken düster und einfallslos, und es sind noch einige dazugekommen. Sonst ist dort, außer Hotdogs, drei dänischen Fleggards, einem Griechen und einer kleinen Kneipe bei der Kupfermühler Fabrik nichts los. Kein Wunder, dass in dieser düsteren Siedlung einmal ein Mord geschah. Und der Besitzer des Hotes an der Grenze, heute ein Best Western Hotel, hatte ebenfalls kein Glück mit seinem Reichtum und seiner Berühmtheit bis hin zum amerikanischem Präsidenten: Er ging eines Nachts hin wie Richard Cory und schoss sich eine Kugel in den Kopf. Das Wassersleben meiner Kindheit wurde in den letzten Jahrzehnten zugewuchtet mit monströsen Bauten, aber das wusste ich ja schon.

Am anderen Morgen wanderten wir unter Hochnebel an der Krusau entlang zur "dänischen Grenze". Ungehindert konnten wir wieder von Deutschland nach Dänemark wechseln. Die alten Gebäude waren abgerissen, aber eine Baracke stand da, von der aus die Autofahrer kontrolliert wurden. Die ganze Gegend ist total verödet. Die alte Zollstraße, an deren anderem Ende unser Elternhaus stand und noch steht, wurde nach dem Krieg "Bananenallee" genannt, denn dort konnte man in Buden alles das kaufen, was rar geworden war. Aus den Buden wurden Geschäfte mit Spielzeug und Lebensmitteln, daraus schließlich entstanden die "Fleggards". Ein Fleggard ist ein dänischer Discounter, in dem man vor allem Alkohol, Kosmetika, Spielzeug, Krimskrams, riesige Fleischstücke, Süßigkeiten und Zigaretten erhält. Das muss man an einem Sonntagvormittag mal erlebt haben: Da drängeln sich die Menschen, vor allem Dänen, in den Gängen, fahren mit riesigen Einkaufswagen dreilagige Bierbatterien heraus, die Schnapsflaschen im Körbchen oben drin, und stehen stundenlang an den Kassen. Ein Rest von dem, was wir suchten, war noch erhalten. Es gab noch den Makrelensalat, den roten und weißen Appetitsild und die knallroten Hotdogwürste, aber alles in überdimensionalen Gläsern und Portionen.

Der Wind hatte die Wolken inzwischen aufgerissen, ein wunderschöner blauer Himmel spannte sich über dem tiefblauen Meer, aber dieser eiskalte Wind riss einem auch den Atem weg. Hinter einer Hecke rief jemand: "Ach, das ist aber schön, dass ich dich auch noch einmal sehe!" Wir spähten hinter die Hecke und entdeckten eine etwa 90jährige Frau, eine Freundin meiner Eltern, die mich aus Kindheitstagen kannte und wiedererkannt hatte. Ein Viertelstündchen plauderten wir vergnügt, dann ging es zu den (ebenfalls sehr dicken) Rindsrouladen unserer Gastgeber. Später fuhren wir zum Flensburger Hafen. Hier war alles noch wie vor dem Krieg, bis auf die Appartments auf der anderen Seite, und um das ganze Hafenbecken herum fand ein großer Fischmarkt statt, der sich ungeheurer Beliebtheit erfreute. Und die Gerüche nach Aal und Zuckerwatte, nach Krabbenbrötchen, Bismarkhering und geräucherten Schillerlocken, die Cafés in der Sonne und die alten Schiffe machten diesen Markt einmalig. Fast bedauernd zogen wir zum Bahnhof weiter, von dem aus uns ein Intercity zurück nach Hamburg und der schnelle ICE nach Frankfurt bringen sollte.
                                                           

Fahrt in die alte Heimat - vor der Abreise
Reise in den Norden -noch mehr Eindrücke und Bilder im Ausflugsblog

Donnerstag, 10. März 2016

Fahrt in die alte Heimat

Meine Schwester und ich (rechts)
Das Wort "Heimat" ist ja heute wieder salonfähig geworden, während man bisher damit etwas Dröges, Nationales, Eigenbrödlerisches und Langweiliges assoziierte. Im Fernsehen werden andauernd Expeditionen in die Heimat unternommen. Ich wollte mich nun für ein paar Tage verabschieden, weil ich morgen -via Frankfurt - in meine alte Heimat Wassersleben bei Flensburg fahre. Da bin ich geboren und kehrte mit sechs Jahren von Forchheim/Erlangen dorthin zurück. Seit sieben Jahren bin ich dort nicht gewesen. Das Elternhaus, umgeben von einem riesigen Garten und dem Wald, aus dem immer die Rehe und Igel kamen, ist schon lange "in gute Hände abgegeben". Sehr viel kann sich in Wassersleben/Kupfermühle nicht verändert haben, denn es war damals schon durch den starken Zustrom der Dänen verändert. Auf den Kaufladen, den Fleischer und den Bäcker meiner Kindheit folgten fast übergangslos die "Buden" für die Transitwaren Alkohol, Zigaretten, Kosmetika und Süßigkeiten, darauf wiederum zwei große Supermärkte mit diesem Angebot. Die Dänen, so erzählten wir uns unter vorgehaltener Hand, fuhren damals immer den ganzen Tag zwischen Flensburg und Kollund hin und her, weil der Alkohol in Dänemark zu teuer war, um sich ein Räuschlein anzutrinken. Der Naturstrand wurde aufgeschüttet, Ferienwohnungen und touristische Anlagen wurden gebaut, und schon lange führt eine Schnellstraße weit oberhalb des Strandes durch den Wald. Trotzdem war und ist es ein paradiesisches Gebiet, in dem wir Kinder aufgewachsen sind. Hügel, Buchenwälder, die blaue Flensburger Förde, der weiße Sand, eine alte Stadt in der Nähe, die im Krieg nie zerstört wurde, und vieles, was es zu entdecken gab.

Und es dümpeln noch immer die Segel- und Motorboote in der Krusaumündung, der Weg über die Schusterkate (frühere Grenzbrücke) ins dänische Kollund ist noch derselbe, die Möwen kreischen immer noch, und es riecht immer noch nach Muscheln und Seetang. Auch der Weg durch die Wälder und über die Felder zum Niehuser See hat sich nicht verändert. In Süderhaff, wo ich im Alter von sechs Jahren den Winter verbrachte, gibt es immer noch die besten Hotdogs von Dänemark - mit Senf, Röstzwiebeln, Remoulade, Agurkesalat und Ketchup, dazu die pappweichen Brötchen. Früher waren die Würstchen feuerrrot.

David, mein Sohn, und ich haben schöne Plätze mit Tisch und Fenster in der Bahn gebucht, der Rückweg am Montag wird mich über Heidelberg und Bruchsal führen. Wollen wir hoffen und beten, dass die Bahn sich unsere Beschwerden tatsächlich zu Herzen genommen und den Service verbessert hat. Dann kann ich endlich mal wieder in Ruhe lesen, plaudern und mir vielleicht sogar weitere Gedanken zu meinem aktuellen Romanprojekt machen. Früher war es gang und gäbe, dass ich auf Bahnfahrten neue Ideen ausgebrütet habe, bevor die Handyschreier und  Rollwagendrängler in die Großraumwagen kamen.
                                                        
Mein Elternhaus in Wassersleben


Montag, 7. März 2016

Wie man einst zur Autorin wurde

Ach, wie berauschend musste es einst gewesen sein, als Frau ein Buch zu veröffentlichen! Fast verspürt man das Bedürfnis, im 18. oder 19. Jahrhundert geboren worden zu sein, der Zeit der Romantik. Eine Dame von Stand, Caroline von Wolzogen, schrieb einen Roman namens "Agnes von Lilien" - über eine junge Frau, die sich in der realen Welt fremd und unverstanden fühlt, sich selber sucht und einen idealisierten Mann gefunden hat. Dafür musste sie sich nicht etwa nach einem Verlag umsehen, und sie musste auch kein Geld damit verdienen. Ruhm war damals alles. Statt einen Verlag zu suchen, gab sie ihn ihrem Schwager Friedrich Schiller zu lesen, der ihn begeistert in seinen "Horen" veröffentlichte. Der Roman wurde Goethe zugeschrieben, später auch Schiller, bis die Identität gelüftet war. Ganz Weimar redete über kein anderes Thema, eine Flut von posiven Rezensionen erreichte die Autorin, berühmte Männer und Frauen der Zeit waren voll des Lobes. Herzog Karl August schickte ihr einen reich verzierten Schrank mit Schubfächern für die weiteren Manuskripte. Sie genoss diesen Ruhm unendlich. Bald geriet sie unter Druck, den nächsten Roman folgen zu lassen, auf den alle Welt schon wartete. Doch was geschah? Schillers Frau wurde schwer krank, und da man das Genie, das gerade an der "Johanna von Orléans" saß, nicht belästigen durfte, wurden ihr Schillers vier Kinder zusätzlich zu ihrem eigenen aufgebürdet, inklusiv der Pflege der Schwester und einem Umzug der Familie. Das hat sie alles geschafft, betrieb auch weiterhin ihren Salon mit den großen Geistern ihrer Zeit. Ernüchtert musste sie feststellen, dass ihr Gatte von Wolzogen mit einer erfolgreichen russischen Brautwerbung für den Herzogsohn zehnmal mehr verdiente als Schiller mit seinen Werken, und für den Rest seines Lebens ausgesorgt hatte. Da musste Caroline nun wirklich nichts hinzuverdienen. Anders war es bekanntlich bei Sophie de la Roche, die als erste finanziell unabhängige Autorin gilt und sich und ihre fünf Kinder mit dem Schreiben durchbrachte. Caroline von Wolzogen und ihr Ehemann wurden von der Weimarer Gesellschaft geächtet, weil sie mit Goethe und seiner Frau Christiane Vulpius verkehrten. Es wurde einsamer um sie. Die Einsamkeit kam ihr aber zu Pass, denn so konnte sie sich immer mehr dem Schreiben widmen. Eines Tages stellte Caroline von Wolzogen fest, dass sie plötzlich 59 Jahre alt geworden war. Die meisten ihrer Lieben - Schiller, ihre Schwester, ihr Ehemann -waren gestorben. Später sollte auch noch ihr Sohn Adolf folgen. Doch es gab immer noch Größen wie Goethe, Alexander von Humboldt oder Charlotte von Stein, die ihre Hand über die Autorin hielten. (Frau von Stein wurde übriges steinalt!) So vollendete Caroline eine Biografie über Schiller und einen zweiten Roman namens "Cordelia". Damit geriet sie aber bald in Vergessenheit.

Heute haben wir keine Herzöge und berühmte Genies, die unsere Bücher fördern und bekannt machen und uns mit Ruhm und Geschenken überhäufen. Wir schreiben Bücher und stellen uns damit an-in der Bücherfabrik. Würden eine Caroline von Wolzogen oder eine Sophie de la Roche heute leben, würden sie einen Salon bei Facebook betreiben, sich von ihren Männern ernähren lassen oder selbst für ihren Unterhalt geradestehen. Auf jeden Fall würden sie ihren Haushalt und ihre Kinder selbst versorgen. Sie würden Bücher und Ebooks bei Verlagen herausgeben oder selber veröffentlichen. Den Platz an der Sonne, den Marmorkuchen müssten sie sich mit tausenden anderer schreibender Männer und Frauen teilen.

Mittwoch, 2. März 2016

Die bleierne Zeit

In diesen grauen Tagen und Wochen muss ich immer wieder an den Begriff der "bleiernen Zeit" denken. Es scheint kein Ende nehmen zu wollen mit dem Regen, den Graupelschauern, der Kälte und dem eisigen Wind. Dazu die geschwundenen Möglichkeiten, sich mit seinem Autorenstatus aus dieser Welt zu beamen. Das bringt alles keinen Spaß mehr. Autoschlangen wälzen sich Stoßstange an Stoßstange über die Straßen des Landes, denn Baden-Württemberg ist das Land des Heiligen Blechle, welches auch sonst. Auch die Autos tragen zur bleiernen Zeit bei, denn sie sind fast durchweg grau, schwarz oder weiß und stoßen unter anderem Blei aus. Irgendwie musste da auch noch was Politisches sein, denn "Die bleierne Zeit" hatte doch irgendwas mit einem Film von Margarete von Trotta, der RAF und "Deutschland im Herbst" zu tun. In dieser Hinsicht ist auch heute die Zeit mehr als bleiern: Die europäische Flüchtlingspolitik steht in einem desaströsen Stau, und das ganze Konstrukt droht auseinanderzubrechen.

Was hat es jetzt aber wirklich auf sich mit der bleiernen Zeit? Ich bin dem mal nachgegangen. Ja, es war ein Film von Margarete von Trotta, und es handelt sich dabei um die Entwicklung der Ensslin-Schwestern zur Gewalt und zur konstruktiven Konfliktlösung. Bleiern sei die Nachkriegszeit gewesen, in der alles über den Nationalsozialismus totgeschwiegen, wenn nicht gar beschönigt wurde. Nur deshalb konnten sich seit den 60er Jahren Neonaziverbände gründen, entstanden die NPD mit 9% Wahlergebnis vor 1969 und später andere Organisationen wie die NSU. Das zieht sich hin bis zu brennenden Flüchtlingsunterkünften, um die herum johlend geklatscht wird. Die NPD hatte die Abschaffung des Asylrechts schon 1964 im Parteiprogramm! Gottseidank wird ja nun wieder höchstrichterlich versucht, dem Spuk ein Ende zu machen. Die Kämpfe hier in der Region werde ich nie vergessen: Wie am Hitlergeburtstag zum Feiern aufgerufen wurde und die Teilnehmer sich mit Gegnern Regenschirmschlachten lieferten. Das Telefon meines damaligen Gatten wurde vom Verfassungsschutz überwacht. Aber auch hier ist der Ursprung des Begriffes nicht zu suchen. Offenbar stammt er von einem Hölderlin-Gedicht, dessen eine Strophe lautet:
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.

Der Gang aufs Land. An Landauer.
Friedrich Hölderlin, 1770-1843

Und was ich da lese, heißt nichts anderes als die Gewissheit, dass diese Zeit vorübergehen und der Einzelne auch ihr etwas abgewinnen können wird, wenn er denn will. Sich informieren, sich solidarisieren, Geld spenden, helfen, was immer jemand in seinem Bereich leisten kann. Kommen wir mal auf das Individuelle zurück. Ich denke an die Unzahl von Rentnern, Autoren, Arbeitslosen, Heimatlosen, aber auch Beschäftigten, die eine solche Zeit durchstehen müssen. Nehmen wir mal die Rentner, dann ist der Winter tatsächlich eine Zeit, in der die Klischees aufblühen, die man sich immer von diesem Personenkreis denkt. Der graue Tag, die grauen Haare, die graue Jogginghose, das Vogelhäuschen vor dem Fenster, die Rätselhefte und das immer grölende Fernsehen sind die Prototypen dieser Szenerie. Und wirklich, die lieben Tierchen sind manchmal die Einzigen, die noch ein wenig hölderlinsche Lust in den Alltag bringen, vor allem dann, wenn man sich schon monatelang in einer Schaffenskrise befindet. Mein weißer Schatten (die Besucherkatze), luftig und flockig, folgt mir schon in meine Träume. Sie scheint auf eine geheime Uhr zu schauen, denn sie taucht pünktlich dann auf, wenn ich ins Bett gehen und lüften will, jumpt durchs Zimmer ins Bücherregal und schaut hinter den Büchern meines Urururgroßvaters mit großen Augen heraus, mit der Frage, ob sie denn nicht mal wieder eine Nacht? Das darf sie ab und zu, und sobald das klar ist, schnurrt sie wie eine Nähmaschine. Aber mit der Fütterei bin ich konsequent. Gestern hatte sie wieder ihre Uhr dabei, denn als mein Auto um die Ecke bog, saß sie schon an dieser Ecke, hielt Ausschau und hüpfte in langen Sätzen herbei. Als Zeichen dafür, dass ich nichts Katzengerechtes zum Futtern da habe, zeigte ich ihr eine Scheibe Käse, woraufhin sie sich mal wieder kopfschüttelnd trollte. Inzwischen denke ich fast, sie versteht, was ich sage. "Willst du etwa wieder eine Scheibe Käse haben?", woraufhin sie den Kopf schüttelt und via Bank nach oben zur Nachbarin verschwindet. A na, das ist natürlich ein Märchen.

Außer den lieben Tierchen oder Gesprächen mit Menschen ist es die Lektüre, die uns die Lust am grauen Dasein zurückgeben kann. Sicher auch jede Art von Kunst, die aber bei uns hier im Blechlegebiet rar gesät ist und besonders schwer zu erreichen, dank der Bleischachteln auf allen Wegen. Gerade lese ich einen biografischen Roman über Caroline von Wolzerode, der Frau, die von Schiller geliebt wurde, obwohl er mit ihrer Schwester Lotte verheiratet war. Das liest sich außerordentlich vergnüglich, und ich stelle fest, dass die Autorin Renate Feyl über sämtliche bedeutenden Frauengestalten des 18. und 19. Jahrhunderts geschrieben hat, über die ich auch hätte schreiben können, wenn ich nicht zu recherchefaul gewesen wäre.

Nun, dieser ewig langen Rede kurzer Sinn soll darin münden, dass sich eine zu fest gespannte Schraube meines Gehirnkästchens gelockert hat und ich plötzlich wieder anfing zu schreiben, fünf, sechs Seiten am Stück. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Was mir die ganze Zeit gefehlt hatte und nur im Hintergrund herumschwebte, war der Antagonist der Geschichte! Jetzt stand er plötzlich ganz klar und deutlich vor mir und beharrte auf einer eigenen Perspektive. Es ist ein fieser, neonazistischer Antagonist mit einer entsprechenden Herkunft. Auch das kann die Blockade verursacht haben. Mit dieser neuen Perspektive driftet der Roman immer mehr in Richtung Thriller. Die Aussicht, diesen Roman weiterzuschreiben und ihn nicht auf Seite 100 (bin bei 98) in die Tonne zu kloppen, ist schon eine Lust, die den grauen Tagen geweiht sein könnte.
                                                                     
                                                                       
Diana Verlag-mein Einband aus dem Antiquarat ist noch schöner
                                                                                                                                                      

Sonntag, 28. Februar 2016

Ein Tag im Leben eines Self Publishers



Eigentlich wollte ich nicht schon wieder einen Artikel verfassen, aber beim Surfen nach Amazon Publishing bin ich auf eine richtig witzige Glosse gestoßen. Da spricht ein Autor kleiner, feiner Verlage von seinem Werdegang und wie es ihm dann mit dem Self Publishing erging. Beide Links stelle ich hier einfach mal ein und kommentiere sie dann mit eigenen Erfahrungen.
Warum Self Publisher nicht die schlechteren Autoren sein müssen.
Ein Tag im Leben eines Self Publishers
Auch wenn es satirisch eindeutig überspitzt ist, kann man sich als Autor mit Verlags- und Self Publishing-Erfahrungen durchaus darin wiederfinden. Es gab ja in der Pionierzeit des Self Publishing die bahnbrechenden Verschenkaktionen. Sie verhalfen einigen selbst Publizierenden zu hunderttausenden von verkauften Büchern mit Einzug in die Verlagswelt. Später waren es dann die Rabattaktionen, die getreu der Philosophie der Buchpiraten die Preise immer mehr verkommen ließen und die Ware Buch zu einem fast kostenlosen Gemeingut zu machen drohte. Bekanntlich habe auch ich es probiert und bin mit der Backlist zumindest eines Verlagstitels auch fast zwei Jahre gut damit gefahren, Rankinggucken inklusive.

Warum scheinen sich Autoren so wohl zu fühlen, wenn ihre Rankings nach oben gehen? Parallel dazu, wenn ihre Bücher in den Buchhandlungen liegen und sich auch gut verkaufen? Müssen sie alle vom Schreiben leben? Sind sie einfach nur geldgeil? Nein. Ich glaube, dass es hier um Wertschätzung der Arbeit geht. Ein Steigen des Rankings verursacht Wohlbefinden, ein Abfallen der Kurve Disharmonie und sinkende Schreibmotivation. Wozu soll ich denn noch schreiben, wenn es doch keiner lesen will? Oder wenn es keiner mehr findet in der Bücherflut? Man muss es benennen: Auch für mich sind die Goldgräberzeiten des SP vorüber. Gott sei`s gelobt und getrommelt hat sich bekanntlich die Tolino-Bücherallianz (April 2015) begründet. Sie will Amazon Flagge zeigen, unterstützt Autoren bei Marketingaktionen und wächst so ganz allmählich aus den Kinderschuhen heraus. Ich bin seit letzten Oktober dabei und durfte schon ein paarmal von diesen Aktionen profitieren. Gerade im Moment läuft noch eine Rabattaktion, die mir kurzfristig wieder rechten Schwung verleihen könnte. Bei Amazon werden die Rankings öfter am Tag aktualisiert, je nach Verkaufsrang. Bei Tolino kann man sich mit seinem Frühstückskaffee zwischen 10.10 und ca. 11.00 Uhr auf die Rankings freuen. Da sieht man dann auch, in welchen Shops sich das Buch verkauft hat. Diesmal waren es statt Weltbild vor allem Thalia und der Link zu Buch.de: http://goo.gl/jB0JJC ,die mein Herz höher schlagen ließen und mir den Tagesbeginn versüßten. WOW, Rankings um die 400 und sogar 48 hatte es bei mir noch nie gegeben! Die letzten beiden Tage der Aktion werde ich einfach nur genießen, denn wir alle wissen, dass es danach wieder ganz gemächlich in den Keller gehen wird.(So, wie die Bücher in den Buchhandlungen ja auch immer schneller wieder verschwinden.) So what, wenn jetzt jemand draufklickt, wird es schon wieder viel weiter unten sein. Aber immerhin ziehen sich Verlags- und Sp-Bücher insgesamt gegenseitig nach oben. So nach dem Motto: Wenn jemand ein Buch gefallen hat, schaut er auch nach anderen Büchern dieses Autors.

Was für einen Rat könnte man neuen Kollegen geben, wenn sie sich heutzutage zwischen Verlags- und Agentursuche oder Self Pubishing entscheiden müssten? Welchen Rat würde ich mir selber geben, wenn ich ganz neu anfangen würde? Ich würde mir sagen, dass ich sämtliche Illusionen, die ich damals hatte, fahren lassen und mir darüber im Klaren sein sollte, dass heute viele Türen zu sind, die damals noch offen waren. Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, alles andere kann nur ein Zubrot sein. Da ich zur Zeit viel Zeit habe und weder arbeite noch Romane schreibe, habe ich mir mal das Vergnügen gemacht, die Optionen für die verschieden Wege auszurechnen. Lektorat, Korrektorat, Cover und Konvertierung kommen bei Tolino auf ca. 3000 Euro. Ratet mal, wie lange es dauern würde, bis das wieder im eigenen Geldbeutel ist? Mit eigenen Helfern und SP-Lektoren, -Korrektoren und Designern komme ich auf ca. 1000. Das würde bei der momentanen Geschwindigkeit eineinhalb Jahre bis zum Ausgleich brauchen. Rechnet man allerdings das Gesamteinkommen aus den inzwischen schwarzen Zahlen der Verlagsbücher und dem SP-Einkommen dazu, wäre das vielleicht schon wieder eine andere Option. Sozusagen eine Autoren-Selfie-Mischkalkulation. Es stehen ja immer noch der Schwarzwaldkrimi zur Debatte und mein neuer Abenteuer-Thriller.

Noch etwas würde ich Newcomern unter den Autoren ans Herz legen: Wenn sie anders schreiben als die Topp 100-Autoren bei Amazon, sollten sie die Messlatte für ihr SP-Buch niedrig legen. Eine Erfahrung ist beides Wert, Verlag und SP. Aber wenn ich Wertschätzung suche, dann schaue ich mich in meiner näheren Umgebung um. Und melde mich im Juni zu einem Seminar im Kloster Heiligkreuztal an, um etwas darüber herauszufinden, was uns alle so umtreibt.
Wertschätzung und Respekt - tiefste Sehnsucht des Menschen.Wenn ich meine unbesiegbare Schreibbegeisterung weiterhin austoben und Leser erreichen möchte, kann ich mich auch über die 2500 Blogleser monatlich berufen, abzüglich Robotern. Das wären im Jahr 30.000, ungefähr so viel wie alle verkauften Printbücher.
                                                            

Donnerstag, 25. Februar 2016

Im dunklen Tal

Momentan ist es nicht einfach, in den sozialen Medien unterwegs zu sein, ja, auch nur seinen Blog mit etwas zu bestücken, mit dem das Interesse anderer auch nur ansatzweise geweckt werden könnte. Eine Durchsicht meiner Blogstatistik ergab, dass im letzten Jahr die meisten Besucher an solchen Themen interessiert waren: "Grenzerfahrung", "Besser werden", "Osterspaziergang" "Romantische Wege", "Endlich Rente!", "Der Flatrateautor" als "Spitzentitel", "Das Weißkitteldrama", "Kleine Freuden" sowie "Martinsgans"und "Oasen". Im Großen und Ganzen zeigt das Resultat, dass meine Blogleser nach Auszeit-Themen suchen und nicht mit denselben Dingen konfrontiert werden wollen, die ihnen tagtäglich kaum noch erträglich aus Fernsehen, Radio, der Zeitung und den sozialen Medien entgegenschreien. Ich hörte sogar jemanden sagen, er schaue sich inzwischen die Katzen- und Hundebilder bei Facebook lieber an als die Nachrichten und Diskussionen der Medien. Ach ja, meine Besucherkatzenbeiträge waren natürlich auch recht beliebt.

Als ich nun heute so überlegte, was ich in meinen Blog reinschreiben könnte, hörte ich draußen einen Riesenkrach. Ob die Katzen mal wieder einen ihrer herrlichen, verrückten Veitstänze aufführten? Beim Blick aus dem Fenster merkte ich, dass es eine gewaltige Menge Schnee gewesen war, die vom photovoltaikten Dach herabrutschte. Vor lauter Schreck darüber saßen jetzt mindestens zwanzig Meisen am Meisenknödel, so dass er aussah wie ein Igel. Ja, auch die Tierwelt leidet unter vermeintlichen und echten Katastrophen und eilt sich, etwas für ihr Wohlbefinden zu tun. (Für das wir laut Schopenhauer sowieso selber sorgen müssen, weil die Natur uns nur das Dasein gegeben habe). In dieser Situation beschloss ich, die Zeitung heute mal nicht zu lesen, die 12-Uhr-Ausgabe der Tagesschau nicht anzusehen, auch nicht raus und schwimmen zu gehen, sondern stattdessen etwas in meinen Blog zu schreiben. Vorher aber schaute ich noch bei meinen Nachbarblogs vorbei. Und stieß auf zwei Artikel, die in der Lage waren, mich ein wenig zu "erden". Einmal auf den sehr treffenden Beitrag von Annette Weber Elternschock, dann auf Petra van Cronenburgs Blog, in dem ich etwas über meine Situation wiederfand. Launisch, grummelig und trotzdem gut. Aus den Beiträgen ergibt sich für mich, dass sich immer wieder etwas ändert, auch wenn man in der Tiefe des dunklen Tales nicht daran glauben mag. Und dass es gut ist, nicht eingleisig zu fahren, in jeder Beziehung. Gerade habe ich die Lektüre eines Buches beendet, das ich am Schluss ungern aus der Hand legte, was bei mir nicht jedesmal so ist. Und zwar war es das Buch einer Engländerin, die zusammen mit Hape Kerkeling den Jakobsweg gegangen war und diese Erfahrung mit dem Fahrrad wiederholen wollte. Ich bin da noch mal hin. Das Fahrrad hat sie dann irgendwann stehen lassen, weil sie nur noch im Regen auf Autobahnen fuhr, und von da an hatte sie sich das angetan, was sich schon Tausende von Pilgern angetan haben. Die Reise muss ich jetzt nicht selbst, sondern konnte ich mit dieser Autorin machen und auch ihren Erkenntniswert für mich verbuchen. Auf der ersten Reise hatte sie sich nämlich vorgenommen, mehr für andere dasein zu wollen, auf der zweiten merkte sie, dass sie eigentich andere Menschen brauchte, die für sie da sind. Noch ein Fall von dunklem Tal und Wohlsein, das wir uns selbst verschaffen müssen!

Zum Schluss noch etwas für meine Mitautoren und die Blogleser, die nach Wohlfühloasen, romantischen Wegen und kleinen Freuden suchen. Und zu den Oasen, ganz profan. Gestern sind wir bei Wind und trübkaltem Wetter in die alte Bischofsstadt Rottenburg gefahren. Zu unserem Erstaunen war der lebhaft besuchte Bücherschrank verschwunden, statt dessen gähnte ein riesiges Bauloch. Hier wird ein Betonklotz errichtet, der die städtische Bücherei aufnehmen soll. Beim kleinen Osiander auf dem Marktplatz war der Computer ausgefallen, Bücher konnte man nur in bar und ohne Quittung kaufen. Weiter unten ein kleiner Bücherladen, den wir bisher nie beachtet hatten, weil wir ihn gar nicht als solchen erkannt hatten. Das war eine richtige Oase, mit vielen Titeln aller Richtungen und einem Teetisch zum Schmökern. Und als ich nach Hause kam, war auf wunderbare Weise mein "Teufelswerk" sichtbar geworden, ohne dass ich die Rabattaktion irgendwo anders als bei Amazon und Tolino angekündigt hatte.

Möge das Schreiben selbst wieder zu einer Oase werden!

Rottenburger Marktplatz im Sommer, eine Oase

Freitag, 19. Februar 2016

Die Katze am Fenster

Ein Fenster in Rothenburg o.d.T.
Manchmal, wenn ich morgens aufwache, höre ich eine Amsel ziemlich eindringlich rufen: Did-did, did-did, did-did, die Tonleiter rauf und runter. Das ist eine Warnung an ihre Mitvögel, dass wieder eine Katze in der Nähe sein muss. Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine grauweiße vorüberhuschen und im Dickicht verschwinden. Das ist dann schon die vierte, die es sich in meinem Garten gemütlich macht, nach der weißen, der schwarzen und der bunt gescheckten. Fenster sind wie Türen: Man kann hinausschauen und auch von draußen hereinschauen. Allerdings verlässt man Häuser besser durch Türen als durch Fenster und kommt auch besser durch sie rein. Gestern Abend hatte ich meine Türen mal wieder durch Rolläden gegen allzu starken Katzenandrang abgesichert. Nur einen Spalt des Fensterrolladens ließ ich offen, um noch ein wenig lüften zu können. Irgendwann schaute ich mal raus, und genau in dem Moment schaute die weiße Katze herein. Für diejenigen, die ihre Vorgeschichte nicht kennen: Es ist eine Katze, die in der Nachbarschaft wohnt, meine Vermieterin oben und mich aber seit einem halben Jahr massiv um Futter angeht und sich in meiner Wohnung einnisten will. Wir lieben sie sehr, können ihr Verhalten jedoch auf die Dauer so nicht dulden.

Also die Katze schaute herein, blieb aber, wie überhaupt in letzter Zeit, still. Wenn sie nichts zum Futtern bekommt, rennt sie wie verrückt am Stamm des Walnussbaums hinauf, um Vögel zu jagen. Oder sie sitzt auf dem Rand des Komposthaufens und wartet darauf, dass eine Maus vorbeikommt. Katzen sind ja wie alle Haustiere domestizierte Wildtiere, und wenn sie nicht versorgt werden, erwachen ihre Instinkte. Nachdem ich nun die Katze, insgeheim nenne ich sie schon "Mitzi", weil sie immer so leidend-verträumt daherschaut, gesehen hatte, traf ich draußen bei den Mülltonnen meine Vermieterin. Natürlich sprachen wir über unsere Erfahrung mit der Katze. Kürzlich sei ein Hund bei ihr zu Besuch gewesen, da hätte sich die Katze nicht mehr blicken lassen. Der Grund dafür, dass sie uns beide quasi "adoptiert" hat, sei darin zu suchen, dass ihre Besitzer immer morgens zur Arbeit gehen und sie dann rauslassen. Fast alle Katzenbesitzer dieses Viertels gehen zur Arbeit und lassen ihre Katzen raus. Aber nur Mitzi scheint so liebebedürftig, dass sie sich deswegen gleich eine neue Wohnung suchen will. Vielleicht schmeckt es ihr bei uns auch nur besser, meinte die Vermieterin mit einem Zwinkern und lachte herzlich, als ich ihr von dem "schlechten Essen erzählte, das ich der Katze einmal angeboten hatte. Unser Gentlecat´s Agreement besteht jetzt darin, dass sie vorbeikommen darf, wenn sie sie sich "ordentlich" aufführt. Ordentlich heißt, nicht wie wild an der Tür zu kratzen,  zu schreien und herzzzerreißend zu miauen, an die Scheiben zu schlagen und auf den Briefkasten zu klettern, um Einlass zu fordern. Sie ist auch stiller geworden und wartet, bis irgendwann ein Fenster oder eine Tür aufgeht. Zudem hat sie ihr Ursprungsgewicht wieder erreicht, weil sie nicht mehr unkontrolliert gefüttert wird. Und wenn der Rolladen vorm Fenster oder der Tür runtergelassen ist, weiß sie, dass sie lieber heimgehen sollte.