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Dienstag, 15. März 2016

Ein Hauch von Mord und Politik

Im sogenannten "Europakindergarten", in dem ich während der siebziger Jahre arbeitete, sollte ein Konzept der Integration entwickelt werden, was auch ansatzweise gelang. Selbst die holländische Königin hatte einen Scheck spendiert. In dieser Zeit gab es als Material zwei Bilderhefte für die deutschen und ausländischen Kinder. Eines hieß: Hier fällt einHaus, dort steht ein Kran, und ewig droht der Baggerzahn. Die Veränderung der Stadt Das andere: Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder. Die Veränderung der Landschaft.  Diese Materialien haben mich und auch meinen Sohn, der damals selbst noch im Vorschulalter war, nachhaltig beeindruckt. Und die Fakten, die dort geschildert werden, haben auch heute noch und für die Zukunft ihre Gültigkeit. Es gibt sehr viele schöne Beispiele, wie neue Häuser in alte Bezirke integriert werden, ohne die gewachsenen Silhouetten zu zerstören, oder wie Landschaften verändert werden, ohne ihnen den ureigenen Charme zu nehmen. Meist aber steckt Profitgier im Rucksack der Planer bzw. die Spardiktion des jeweiligen Gemeinderates.

Auf meiner Fahrt durch die ganze deutsche Republik sollte ich einen Ausschnitt dieser Welt erleben. Unser grüner Landesvater hatte vor seiner Wahl unter anderem versprochen, die alten Straßen und Brücken zu sanieren statt neue zu bauen. Das hat er auch getan und zum Dank, in Verbindung mit seiner Haltung gegenüber der Flüchtlingspolitik und gegenüber der AfD, nun einen dicken Bonus der Baden-Württemberger erhalten. Davon konnte ich mich auf der Bahnfahrt am Wochenende überzeugen: Alle Bahnhöfe bis rauf nach Mannheim waren im baulichen Ausnahmezustand! Der terroristischen Gefahr wird damit begegnet, dass man wieder in allen Zügen die Fahrkarten kontrolliert, so richtig mit Knipser und zusätzlichem Personal. Auf den Bahnhöfen patroullieren große, starke Polizisten ganz in Schwarz mit Pistolen im Halfter. Sie drängen sich an den Tresen der Kaffebars, um sich mit Espresso zu stärken. Und trotzdem kann man die Fahrt genießen. Ab Hamburg geht es in die meerumschlungene schleswigholsteinische Knick-und Seenlandschaft hinein. Dort wohnen nur Bauern, Schafe, Kühe und Pendler. Der Nord-Ostseekanal zieht sich unverändert unter der eisernen Brücke dahin (die nach dem Unfall mit der Schwebefähre wieder repariert wurde). Dann setzt die individuelle Erinnerung ein: Süderbrarup, Tarp, der Fernsehturm der alten Hafenstadt Flensburg kommt in Sicht. Und der Bahnhof ist noch der alte, mit modernen Fahrkartenautomaten und Schnickschnack der Waterkant in den Schaukästen. Moin, moin, hört man hier allerorten. Wir werden von einem alten Freund meines Vaters abgeholt. Auf dem Kirmesplatz oberhalb meines Gymnasiums, der "Exe", stehen jetzt bunte Container für die Flüchtlinge. Das Haus in Kupfermühle, oberhalb der Krusau, sieht unverändert aus. Wir beziehen die Ferienwohnung und wandern durch das alte Kupfer- und Messingdorf, durch die stillgelegte Fabrik in den dänischen Wald hinein. Einfach so, da stehen schon lange keine Schlagbäume und Zöllner mit Schießwaffen mehr. Und die Schusterkate mit der Krusaumündung, mit den Booten, dem Schilf, der Brücke, den Zollhäuschen und den schmalen Sandstränden sind noch dieselben wie damals, ich habe es gewusst. Hier hat die europäische Union sehr gute Arbeit geleistet, hat Wege durch das "Tunneltal" angelegt und Schilder aufgestellt. Im letzten Krieg wurden hier viele Flüchtlinge über die Grenze gebracht, fast alle dänischen Juden wurden von der Widerstandbewegung gerettet. (Parallel dazu las ich übrigens die "Mitternachtsfalken" von Ken Follet, der sich mit eben dieser Widerstandsbewegung beschäftigt hat).

Der Strand von Wassersleben, im Hintergrund das Hotel Ganther


Das Einzige, was sich verändert hat, ist ein mordshässlicher Bau in Wassersleben, mit einem Seepark zur Förde hin. Hier stand einmal das etwas marode Sommerhaus von weitläufigen Verwandten von uns. Und jetzt sieht man im Geist eine Hand, die aufgehalten wird, denn die Appartments dieses Hauses werden für sage und schreibe 700 000 Euro pro Stück verkauft! Die Ferienappartments in der Bucht vor dem riesigen weißen Strand wirken düster und einfallslos, und es sind noch einige dazugekommen. Sonst ist dort, außer Hotdogs, drei dänischen Fleggards, einem Griechen und einer kleinen Kneipe bei der Kupfermühler Fabrik nichts los. Kein Wunder, dass in dieser düsteren Siedlung einmal ein Mord geschah. Und der Besitzer des Hotes an der Grenze, heute ein Best Western Hotel, hatte ebenfalls kein Glück mit seinem Reichtum und seiner Berühmtheit bis hin zum amerikanischem Präsidenten: Er ging eines Nachts hin wie Richard Cory und schoss sich eine Kugel in den Kopf. Das Wassersleben meiner Kindheit wurde in den letzten Jahrzehnten zugewuchtet mit monströsen Bauten, aber das wusste ich ja schon.

Am anderen Morgen wanderten wir unter Hochnebel an der Krusau entlang zur "dänischen Grenze". Ungehindert konnten wir wieder von Deutschland nach Dänemark wechseln. Die alten Gebäude waren abgerissen, aber eine Baracke stand da, von der aus die Autofahrer kontrolliert wurden. Die ganze Gegend ist total verödet. Die alte Zollstraße, an deren anderem Ende unser Elternhaus stand und noch steht, wurde nach dem Krieg "Bananenallee" genannt, denn dort konnte man in Buden alles das kaufen, was rar geworden war. Aus den Buden wurden Geschäfte mit Spielzeug und Lebensmitteln, daraus schließlich entstanden die "Fleggards". Ein Fleggard ist ein dänischer Discounter, in dem man vor allem Alkohol, Kosmetika, Spielzeug, Krimskrams, riesige Fleischstücke, Süßigkeiten und Zigaretten erhält. Das muss man an einem Sonntagvormittag mal erlebt haben: Da drängeln sich die Menschen, vor allem Dänen, in den Gängen, fahren mit riesigen Einkaufswagen dreilagige Bierbatterien heraus, die Schnapsflaschen im Körbchen oben drin, und stehen stundenlang an den Kassen. Ein Rest von dem, was wir suchten, war noch erhalten. Es gab noch den Makrelensalat, den roten und weißen Appetitsild und die knallroten Hotdogwürste, aber alles in überdimensionalen Gläsern und Portionen.

Der Wind hatte die Wolken inzwischen aufgerissen, ein wunderschöner blauer Himmel spannte sich über dem tiefblauen Meer, aber dieser eiskalte Wind riss einem auch den Atem weg. Hinter einer Hecke rief jemand: "Ach, das ist aber schön, dass ich dich auch noch einmal sehe!" Wir spähten hinter die Hecke und entdeckten eine etwa 90jährige Frau, eine Freundin meiner Eltern, die mich aus Kindheitstagen kannte und wiedererkannt hatte. Ein Viertelstündchen plauderten wir vergnügt, dann ging es zu den (ebenfalls sehr dicken) Rindsrouladen unserer Gastgeber. Später fuhren wir zum Flensburger Hafen. Hier war alles noch wie vor dem Krieg, bis auf die Appartments auf der anderen Seite, und um das ganze Hafenbecken herum fand ein großer Fischmarkt statt, der sich ungeheurer Beliebtheit erfreute. Und die Gerüche nach Aal und Zuckerwatte, nach Krabbenbrötchen, Bismarkhering und geräucherten Schillerlocken, die Cafés in der Sonne und die alten Schiffe machten diesen Markt einmalig. Fast bedauernd zogen wir zum Bahnhof weiter, von dem aus uns ein Intercity zurück nach Hamburg und der schnelle ICE nach Frankfurt bringen sollte.
                                                           

Fahrt in die alte Heimat - vor der Abreise
Reise in den Norden -noch mehr Eindrücke und Bilder im Ausflugsblog

Montag, 28. März 2011

Betonköpfe

Es gab einmal eine Zeit, da habe ich nicht nur versucht, Menschen mit psychischen Problemen das Leben etwas leichter zu machen, sondern ich habe auch aktiv in das Geschehen um mich herum eingegriffen. Es waren, grob geschätzt, 15 Jahre meines Lebens. Mindestens zweimal wöchentlich erschien ein Artikel von mir in der Zeitung, Demonstrationen, manchmal mit Hunderttausenden, waren an der Tagesordnung. In Mutlangen saß ich vor einem Lastwagen, der bis auf einen halben Meter an mich heranfuhr. Mutprobe? Es war eine Zeit, als sich auch sogenannte "Promis" wie Heinrich Böll und Walter Jens auf die Seite der Friedens- und Umweltbewegung stellten. Dem Volk von Baden-Würtemberg gab ich immer wieder die Chance, umzukehren, derweil wir von Polizisten rumgeschubst und weggetragen wurden, auch in Neckarwestheim. Irgendwann war das Maß voll, und ich sagte mir, wenn sie immer weiter ihre Lieblingsvolkspartei wählen, dann habe ich keine Lust mehr, mir auch nur irgendetwas für sie aufzureißen. Schön blöd, werden sie gedacht haben, hähä, wir waschen unsre Autos, streng du dich nur an für die anderen. Hauptsache, mein Bauch ist fett.

Seitdem ist einige Zeit ins Land gegangen. Ich habe viele Betonköpfe erlebt in Form von Vermietern, Politikern, Amtspersonen und Unternehmern. Betonköpfe haben die Eigenschaft, alles zuzubetonieren, so lange, bis sie havarierte Atomkraftwerke mit Beton und Sand bedecken müssen. Wo gestern Landschaft war, ist heute garantiert eine Schnellstraße, wo ein Bahnhof sichtbar seine Dienste tut, muss er schnell unter die Erde. Gegen den Willen der Betroffenenen. Wo ein Garten mit Birnbäumen steht, muss Beton hin, eine Bank dazu und eine mickrige Kastanie, die schon am nächsten Tag die Blätter braun verfärbt.
Die Bäume waren zu alt.
Wo ein Gartenteich mit Kindern errichtet wurde, muss er weg.
Das Loch machen wir zu.
Dann die Katastrophe. Schnell das Gesicht verändern, wir sind doch gar keine Betonköpfe, seht einmal, wir sind betroffen, wir werden es richten. Und noch ein Erdrutsch: die Wahl gestern in Baden-Württemberg. Herr Mappus konnte es nicht fassen. Ist das der Dank für alles, was wir für das Ländle getan haben? Ein schlechter Tag für Baden-Württemberg. Mag sein, dass in Zukunft die Autoindustrie weniger boomt, dass Fehler gemacht werden, die Landschaft noch mehr verspargelt wird und Pumpwerke gebaut werden müssen. Aber es ist einmal passiert, und dafür bin ich unendlich dankbar: Sie haben endlich gemerkt, dass ein Volk einen Moment in der Geschichte sich nicht mehr zubetonieren lassen möchte. Dass die Arroganz, mit der über die Menschen und ihre Anliegen hinweggegangen wird, irgendwann abgestraft wird. Aber ob diese Erkenntnis in einen Betonkopf reingehen wird?