Donnerstag, 10. März 2016

Fahrt in die alte Heimat

Meine Schwester und ich (rechts)
Das Wort "Heimat" ist ja heute wieder salonfähig geworden, während man bisher damit etwas Dröges, Nationales, Eigenbrödlerisches und Langweiliges assoziierte. Im Fernsehen werden andauernd Expeditionen in die Heimat unternommen. Ich wollte mich nun für ein paar Tage verabschieden, weil ich morgen -via Frankfurt - in meine alte Heimat Wassersleben bei Flensburg fahre. Da bin ich geboren und kehrte mit sechs Jahren von Forchheim/Erlangen dorthin zurück. Seit sieben Jahren bin ich dort nicht gewesen. Das Elternhaus, umgeben von einem riesigen Garten und dem Wald, aus dem immer die Rehe und Igel kamen, ist schon lange "in gute Hände abgegeben". Sehr viel kann sich in Wassersleben/Kupfermühle nicht verändert haben, denn es war damals schon durch den starken Zustrom der Dänen verändert. Auf den Kaufladen, den Fleischer und den Bäcker meiner Kindheit folgten fast übergangslos die "Buden" für die Transitwaren Alkohol, Zigaretten, Kosmetika und Süßigkeiten, darauf wiederum zwei große Supermärkte mit diesem Angebot. Die Dänen, so erzählten wir uns unter vorgehaltener Hand, fuhren damals immer den ganzen Tag zwischen Flensburg und Kollund hin und her, weil der Alkohol in Dänemark zu teuer war, um sich ein Räuschlein anzutrinken. Der Naturstrand wurde aufgeschüttet, Ferienwohnungen und touristische Anlagen wurden gebaut, und schon lange führt eine Schnellstraße weit oberhalb des Strandes durch den Wald. Trotzdem war und ist es ein paradiesisches Gebiet, in dem wir Kinder aufgewachsen sind. Hügel, Buchenwälder, die blaue Flensburger Förde, der weiße Sand, eine alte Stadt in der Nähe, die im Krieg nie zerstört wurde, und vieles, was es zu entdecken gab.

Und es dümpeln noch immer die Segel- und Motorboote in der Krusaumündung, der Weg über die Schusterkate (frühere Grenzbrücke) ins dänische Kollund ist noch derselbe, die Möwen kreischen immer noch, und es riecht immer noch nach Muscheln und Seetang. Auch der Weg durch die Wälder und über die Felder zum Niehuser See hat sich nicht verändert. In Süderhaff, wo ich im Alter von sechs Jahren den Winter verbrachte, gibt es immer noch die besten Hotdogs von Dänemark - mit Senf, Röstzwiebeln, Remoulade, Agurkesalat und Ketchup, dazu die pappweichen Brötchen. Früher waren die Würstchen feuerrrot.

David, mein Sohn, und ich haben schöne Plätze mit Tisch und Fenster in der Bahn gebucht, der Rückweg am Montag wird mich über Heidelberg und Bruchsal führen. Wollen wir hoffen und beten, dass die Bahn sich unsere Beschwerden tatsächlich zu Herzen genommen und den Service verbessert hat. Dann kann ich endlich mal wieder in Ruhe lesen, plaudern und mir vielleicht sogar weitere Gedanken zu meinem aktuellen Romanprojekt machen. Früher war es gang und gäbe, dass ich auf Bahnfahrten neue Ideen ausgebrütet habe, bevor die Handyschreier und  Rollwagendrängler in die Großraumwagen kamen.
                                                        
Mein Elternhaus in Wassersleben


Montag, 7. März 2016

Wie man einst zur Autorin wurde

Ach, wie berauschend musste es einst gewesen sein, als Frau ein Buch zu veröffentlichen! Fast verspürt man das Bedürfnis, im 18. oder 19. Jahrhundert geboren worden zu sein, der Zeit der Romantik. Eine Dame von Stand, Caroline von Wolzogen, schrieb einen Roman namens "Agnes von Lilien" - über eine junge Frau, die sich in der realen Welt fremd und unverstanden fühlt, sich selber sucht und einen idealisierten Mann gefunden hat. Dafür musste sie sich nicht etwa nach einem Verlag umsehen, und sie musste auch kein Geld damit verdienen. Ruhm war damals alles. Statt einen Verlag zu suchen, gab sie ihn ihrem Schwager Friedrich Schiller zu lesen, der ihn begeistert in seinen "Horen" veröffentlichte. Der Roman wurde Goethe zugeschrieben, später auch Schiller, bis die Identität gelüftet war. Ganz Weimar redete über kein anderes Thema, eine Flut von posiven Rezensionen erreichte die Autorin, berühmte Männer und Frauen der Zeit waren voll des Lobes. Herzog Karl August schickte ihr einen reich verzierten Schrank mit Schubfächern für die weiteren Manuskripte. Sie genoss diesen Ruhm unendlich. Bald geriet sie unter Druck, den nächsten Roman folgen zu lassen, auf den alle Welt schon wartete. Doch was geschah? Schillers Frau wurde schwer krank, und da man das Genie, das gerade an der "Johanna von Orléans" saß, nicht belästigen durfte, wurden ihr Schillers vier Kinder zusätzlich zu ihrem eigenen aufgebürdet, inklusiv der Pflege der Schwester und einem Umzug der Familie. Das hat sie alles geschafft, betrieb auch weiterhin ihren Salon mit den großen Geistern ihrer Zeit. Ernüchtert musste sie feststellen, dass ihr Gatte von Wolzogen mit einer erfolgreichen russischen Brautwerbung für den Herzogsohn zehnmal mehr verdiente als Schiller mit seinen Werken, und für den Rest seines Lebens ausgesorgt hatte. Da musste Caroline nun wirklich nichts hinzuverdienen. Anders war es bekanntlich bei Sophie de la Roche, die als erste finanziell unabhängige Autorin gilt und sich und ihre fünf Kinder mit dem Schreiben durchbrachte. Caroline von Wolzogen und ihr Ehemann wurden von der Weimarer Gesellschaft geächtet, weil sie mit Goethe und seiner Frau Christiane Vulpius verkehrten. Es wurde einsamer um sie. Die Einsamkeit kam ihr aber zu Pass, denn so konnte sie sich immer mehr dem Schreiben widmen. Eines Tages stellte Caroline von Wolzogen fest, dass sie plötzlich 59 Jahre alt geworden war. Die meisten ihrer Lieben - Schiller, ihre Schwester, ihr Ehemann -waren gestorben. Später sollte auch noch ihr Sohn Adolf folgen. Doch es gab immer noch Größen wie Goethe, Alexander von Humboldt oder Charlotte von Stein, die ihre Hand über die Autorin hielten. (Frau von Stein wurde übriges steinalt!) So vollendete Caroline eine Biografie über Schiller und einen zweiten Roman namens "Cordelia". Damit geriet sie aber bald in Vergessenheit.

Heute haben wir keine Herzöge und berühmte Genies, die unsere Bücher fördern und bekannt machen und uns mit Ruhm und Geschenken überhäufen. Wir schreiben Bücher und stellen uns damit an-in der Bücherfabrik. Würden eine Caroline von Wolzogen oder eine Sophie de la Roche heute leben, würden sie einen Salon bei Facebook betreiben, sich von ihren Männern ernähren lassen oder selbst für ihren Unterhalt geradestehen. Auf jeden Fall würden sie ihren Haushalt und ihre Kinder selbst versorgen. Sie würden Bücher und Ebooks bei Verlagen herausgeben oder selber veröffentlichen. Den Platz an der Sonne, den Marmorkuchen müssten sie sich mit tausenden anderer schreibender Männer und Frauen teilen.

Mittwoch, 2. März 2016

Die bleierne Zeit

In diesen grauen Tagen und Wochen muss ich immer wieder an den Begriff der "bleiernen Zeit" denken. Es scheint kein Ende nehmen zu wollen mit dem Regen, den Graupelschauern, der Kälte und dem eisigen Wind. Dazu die geschwundenen Möglichkeiten, sich mit seinem Autorenstatus aus dieser Welt zu beamen. Das bringt alles keinen Spaß mehr. Autoschlangen wälzen sich Stoßstange an Stoßstange über die Straßen des Landes, denn Baden-Württemberg ist das Land des Heiligen Blechle, welches auch sonst. Auch die Autos tragen zur bleiernen Zeit bei, denn sie sind fast durchweg grau, schwarz oder weiß und stoßen unter anderem Blei aus. Irgendwie musste da auch noch was Politisches sein, denn "Die bleierne Zeit" hatte doch irgendwas mit einem Film von Margarete von Trotta, der RAF und "Deutschland im Herbst" zu tun. In dieser Hinsicht ist auch heute die Zeit mehr als bleiern: Die europäische Flüchtlingspolitik steht in einem desaströsen Stau, und das ganze Konstrukt droht auseinanderzubrechen.

Was hat es jetzt aber wirklich auf sich mit der bleiernen Zeit? Ich bin dem mal nachgegangen. Ja, es war ein Film von Margarete von Trotta, und es handelt sich dabei um die Entwicklung der Ensslin-Schwestern zur Gewalt und zur konstruktiven Konfliktlösung. Bleiern sei die Nachkriegszeit gewesen, in der alles über den Nationalsozialismus totgeschwiegen, wenn nicht gar beschönigt wurde. Nur deshalb konnten sich seit den 60er Jahren Neonaziverbände gründen, entstanden die NPD mit 9% Wahlergebnis vor 1969 und später andere Organisationen wie die NSU. Das zieht sich hin bis zu brennenden Flüchtlingsunterkünften, um die herum johlend geklatscht wird. Die NPD hatte die Abschaffung des Asylrechts schon 1964 im Parteiprogramm! Gottseidank wird ja nun wieder höchstrichterlich versucht, dem Spuk ein Ende zu machen. Die Kämpfe hier in der Region werde ich nie vergessen: Wie am Hitlergeburtstag zum Feiern aufgerufen wurde und die Teilnehmer sich mit Gegnern Regenschirmschlachten lieferten. Das Telefon meines damaligen Gatten wurde vom Verfassungsschutz überwacht. Aber auch hier ist der Ursprung des Begriffes nicht zu suchen. Offenbar stammt er von einem Hölderlin-Gedicht, dessen eine Strophe lautet:
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.

Der Gang aufs Land. An Landauer.
Friedrich Hölderlin, 1770-1843

Und was ich da lese, heißt nichts anderes als die Gewissheit, dass diese Zeit vorübergehen und der Einzelne auch ihr etwas abgewinnen können wird, wenn er denn will. Sich informieren, sich solidarisieren, Geld spenden, helfen, was immer jemand in seinem Bereich leisten kann. Kommen wir mal auf das Individuelle zurück. Ich denke an die Unzahl von Rentnern, Autoren, Arbeitslosen, Heimatlosen, aber auch Beschäftigten, die eine solche Zeit durchstehen müssen. Nehmen wir mal die Rentner, dann ist der Winter tatsächlich eine Zeit, in der die Klischees aufblühen, die man sich immer von diesem Personenkreis denkt. Der graue Tag, die grauen Haare, die graue Jogginghose, das Vogelhäuschen vor dem Fenster, die Rätselhefte und das immer grölende Fernsehen sind die Prototypen dieser Szenerie. Und wirklich, die lieben Tierchen sind manchmal die Einzigen, die noch ein wenig hölderlinsche Lust in den Alltag bringen, vor allem dann, wenn man sich schon monatelang in einer Schaffenskrise befindet. Mein weißer Schatten (die Besucherkatze), luftig und flockig, folgt mir schon in meine Träume. Sie scheint auf eine geheime Uhr zu schauen, denn sie taucht pünktlich dann auf, wenn ich ins Bett gehen und lüften will, jumpt durchs Zimmer ins Bücherregal und schaut hinter den Büchern meines Urururgroßvaters mit großen Augen heraus, mit der Frage, ob sie denn nicht mal wieder eine Nacht? Das darf sie ab und zu, und sobald das klar ist, schnurrt sie wie eine Nähmaschine. Aber mit der Fütterei bin ich konsequent. Gestern hatte sie wieder ihre Uhr dabei, denn als mein Auto um die Ecke bog, saß sie schon an dieser Ecke, hielt Ausschau und hüpfte in langen Sätzen herbei. Als Zeichen dafür, dass ich nichts Katzengerechtes zum Futtern da habe, zeigte ich ihr eine Scheibe Käse, woraufhin sie sich mal wieder kopfschüttelnd trollte. Inzwischen denke ich fast, sie versteht, was ich sage. "Willst du etwa wieder eine Scheibe Käse haben?", woraufhin sie den Kopf schüttelt und via Bank nach oben zur Nachbarin verschwindet. A na, das ist natürlich ein Märchen.

Außer den lieben Tierchen oder Gesprächen mit Menschen ist es die Lektüre, die uns die Lust am grauen Dasein zurückgeben kann. Sicher auch jede Art von Kunst, die aber bei uns hier im Blechlegebiet rar gesät ist und besonders schwer zu erreichen, dank der Bleischachteln auf allen Wegen. Gerade lese ich einen biografischen Roman über Caroline von Wolzerode, der Frau, die von Schiller geliebt wurde, obwohl er mit ihrer Schwester Lotte verheiratet war. Das liest sich außerordentlich vergnüglich, und ich stelle fest, dass die Autorin Renate Feyl über sämtliche bedeutenden Frauengestalten des 18. und 19. Jahrhunderts geschrieben hat, über die ich auch hätte schreiben können, wenn ich nicht zu recherchefaul gewesen wäre.

Nun, dieser ewig langen Rede kurzer Sinn soll darin münden, dass sich eine zu fest gespannte Schraube meines Gehirnkästchens gelockert hat und ich plötzlich wieder anfing zu schreiben, fünf, sechs Seiten am Stück. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Was mir die ganze Zeit gefehlt hatte und nur im Hintergrund herumschwebte, war der Antagonist der Geschichte! Jetzt stand er plötzlich ganz klar und deutlich vor mir und beharrte auf einer eigenen Perspektive. Es ist ein fieser, neonazistischer Antagonist mit einer entsprechenden Herkunft. Auch das kann die Blockade verursacht haben. Mit dieser neuen Perspektive driftet der Roman immer mehr in Richtung Thriller. Die Aussicht, diesen Roman weiterzuschreiben und ihn nicht auf Seite 100 (bin bei 98) in die Tonne zu kloppen, ist schon eine Lust, die den grauen Tagen geweiht sein könnte.
                                                                     
                                                                       
Diana Verlag-mein Einband aus dem Antiquarat ist noch schöner
                                                                                                                                                      

Sonntag, 28. Februar 2016

Ein Tag im Leben eines Self Publishers



Eigentlich wollte ich nicht schon wieder einen Artikel verfassen, aber beim Surfen nach Amazon Publishing bin ich auf eine richtig witzige Glosse gestoßen. Da spricht ein Autor kleiner, feiner Verlage von seinem Werdegang und wie es ihm dann mit dem Self Publishing erging. Beide Links stelle ich hier einfach mal ein und kommentiere sie dann mit eigenen Erfahrungen.
Warum Self Publisher nicht die schlechteren Autoren sein müssen.
Ein Tag im Leben eines Self Publishers
Auch wenn es satirisch eindeutig überspitzt ist, kann man sich als Autor mit Verlags- und Self Publishing-Erfahrungen durchaus darin wiederfinden. Es gab ja in der Pionierzeit des Self Publishing die bahnbrechenden Verschenkaktionen. Sie verhalfen einigen selbst Publizierenden zu hunderttausenden von verkauften Büchern mit Einzug in die Verlagswelt. Später waren es dann die Rabattaktionen, die getreu der Philosophie der Buchpiraten die Preise immer mehr verkommen ließen und die Ware Buch zu einem fast kostenlosen Gemeingut zu machen drohte. Bekanntlich habe auch ich es probiert und bin mit der Backlist zumindest eines Verlagstitels auch fast zwei Jahre gut damit gefahren, Rankinggucken inklusive.

Warum scheinen sich Autoren so wohl zu fühlen, wenn ihre Rankings nach oben gehen? Parallel dazu, wenn ihre Bücher in den Buchhandlungen liegen und sich auch gut verkaufen? Müssen sie alle vom Schreiben leben? Sind sie einfach nur geldgeil? Nein. Ich glaube, dass es hier um Wertschätzung der Arbeit geht. Ein Steigen des Rankings verursacht Wohlbefinden, ein Abfallen der Kurve Disharmonie und sinkende Schreibmotivation. Wozu soll ich denn noch schreiben, wenn es doch keiner lesen will? Oder wenn es keiner mehr findet in der Bücherflut? Man muss es benennen: Auch für mich sind die Goldgräberzeiten des SP vorüber. Gott sei`s gelobt und getrommelt hat sich bekanntlich die Tolino-Bücherallianz (April 2015) begründet. Sie will Amazon Flagge zeigen, unterstützt Autoren bei Marketingaktionen und wächst so ganz allmählich aus den Kinderschuhen heraus. Ich bin seit letzten Oktober dabei und durfte schon ein paarmal von diesen Aktionen profitieren. Gerade im Moment läuft noch eine Rabattaktion, die mir kurzfristig wieder rechten Schwung verleihen könnte. Bei Amazon werden die Rankings öfter am Tag aktualisiert, je nach Verkaufsrang. Bei Tolino kann man sich mit seinem Frühstückskaffee zwischen 10.10 und ca. 11.00 Uhr auf die Rankings freuen. Da sieht man dann auch, in welchen Shops sich das Buch verkauft hat. Diesmal waren es statt Weltbild vor allem Thalia und der Link zu Buch.de: http://goo.gl/jB0JJC ,die mein Herz höher schlagen ließen und mir den Tagesbeginn versüßten. WOW, Rankings um die 400 und sogar 48 hatte es bei mir noch nie gegeben! Die letzten beiden Tage der Aktion werde ich einfach nur genießen, denn wir alle wissen, dass es danach wieder ganz gemächlich in den Keller gehen wird.(So, wie die Bücher in den Buchhandlungen ja auch immer schneller wieder verschwinden.) So what, wenn jetzt jemand draufklickt, wird es schon wieder viel weiter unten sein. Aber immerhin ziehen sich Verlags- und Sp-Bücher insgesamt gegenseitig nach oben. So nach dem Motto: Wenn jemand ein Buch gefallen hat, schaut er auch nach anderen Büchern dieses Autors.

Was für einen Rat könnte man neuen Kollegen geben, wenn sie sich heutzutage zwischen Verlags- und Agentursuche oder Self Pubishing entscheiden müssten? Welchen Rat würde ich mir selber geben, wenn ich ganz neu anfangen würde? Ich würde mir sagen, dass ich sämtliche Illusionen, die ich damals hatte, fahren lassen und mir darüber im Klaren sein sollte, dass heute viele Türen zu sind, die damals noch offen waren. Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, alles andere kann nur ein Zubrot sein. Da ich zur Zeit viel Zeit habe und weder arbeite noch Romane schreibe, habe ich mir mal das Vergnügen gemacht, die Optionen für die verschieden Wege auszurechnen. Lektorat, Korrektorat, Cover und Konvertierung kommen bei Tolino auf ca. 3000 Euro. Ratet mal, wie lange es dauern würde, bis das wieder im eigenen Geldbeutel ist? Mit eigenen Helfern und SP-Lektoren, -Korrektoren und Designern komme ich auf ca. 1000. Das würde bei der momentanen Geschwindigkeit eineinhalb Jahre bis zum Ausgleich brauchen. Rechnet man allerdings das Gesamteinkommen aus den inzwischen schwarzen Zahlen der Verlagsbücher und dem SP-Einkommen dazu, wäre das vielleicht schon wieder eine andere Option. Sozusagen eine Autoren-Selfie-Mischkalkulation. Es stehen ja immer noch der Schwarzwaldkrimi zur Debatte und mein neuer Abenteuer-Thriller.

Noch etwas würde ich Newcomern unter den Autoren ans Herz legen: Wenn sie anders schreiben als die Topp 100-Autoren bei Amazon, sollten sie die Messlatte für ihr SP-Buch niedrig legen. Eine Erfahrung ist beides Wert, Verlag und SP. Aber wenn ich Wertschätzung suche, dann schaue ich mich in meiner näheren Umgebung um. Und melde mich im Juni zu einem Seminar im Kloster Heiligkreuztal an, um etwas darüber herauszufinden, was uns alle so umtreibt.
Wertschätzung und Respekt - tiefste Sehnsucht des Menschen.Wenn ich meine unbesiegbare Schreibbegeisterung weiterhin austoben und Leser erreichen möchte, kann ich mich auch über die 2500 Blogleser monatlich berufen, abzüglich Robotern. Das wären im Jahr 30.000, ungefähr so viel wie alle verkauften Printbücher.
                                                            

Donnerstag, 25. Februar 2016

Im dunklen Tal

Momentan ist es nicht einfach, in den sozialen Medien unterwegs zu sein, ja, auch nur seinen Blog mit etwas zu bestücken, mit dem das Interesse anderer auch nur ansatzweise geweckt werden könnte. Eine Durchsicht meiner Blogstatistik ergab, dass im letzten Jahr die meisten Besucher an solchen Themen interessiert waren: "Grenzerfahrung", "Besser werden", "Osterspaziergang" "Romantische Wege", "Endlich Rente!", "Der Flatrateautor" als "Spitzentitel", "Das Weißkitteldrama", "Kleine Freuden" sowie "Martinsgans"und "Oasen". Im Großen und Ganzen zeigt das Resultat, dass meine Blogleser nach Auszeit-Themen suchen und nicht mit denselben Dingen konfrontiert werden wollen, die ihnen tagtäglich kaum noch erträglich aus Fernsehen, Radio, der Zeitung und den sozialen Medien entgegenschreien. Ich hörte sogar jemanden sagen, er schaue sich inzwischen die Katzen- und Hundebilder bei Facebook lieber an als die Nachrichten und Diskussionen der Medien. Ach ja, meine Besucherkatzenbeiträge waren natürlich auch recht beliebt.

Als ich nun heute so überlegte, was ich in meinen Blog reinschreiben könnte, hörte ich draußen einen Riesenkrach. Ob die Katzen mal wieder einen ihrer herrlichen, verrückten Veitstänze aufführten? Beim Blick aus dem Fenster merkte ich, dass es eine gewaltige Menge Schnee gewesen war, die vom photovoltaikten Dach herabrutschte. Vor lauter Schreck darüber saßen jetzt mindestens zwanzig Meisen am Meisenknödel, so dass er aussah wie ein Igel. Ja, auch die Tierwelt leidet unter vermeintlichen und echten Katastrophen und eilt sich, etwas für ihr Wohlbefinden zu tun. (Für das wir laut Schopenhauer sowieso selber sorgen müssen, weil die Natur uns nur das Dasein gegeben habe). In dieser Situation beschloss ich, die Zeitung heute mal nicht zu lesen, die 12-Uhr-Ausgabe der Tagesschau nicht anzusehen, auch nicht raus und schwimmen zu gehen, sondern stattdessen etwas in meinen Blog zu schreiben. Vorher aber schaute ich noch bei meinen Nachbarblogs vorbei. Und stieß auf zwei Artikel, die in der Lage waren, mich ein wenig zu "erden". Einmal auf den sehr treffenden Beitrag von Annette Weber Elternschock, dann auf Petra van Cronenburgs Blog, in dem ich etwas über meine Situation wiederfand. Launisch, grummelig und trotzdem gut. Aus den Beiträgen ergibt sich für mich, dass sich immer wieder etwas ändert, auch wenn man in der Tiefe des dunklen Tales nicht daran glauben mag. Und dass es gut ist, nicht eingleisig zu fahren, in jeder Beziehung. Gerade habe ich die Lektüre eines Buches beendet, das ich am Schluss ungern aus der Hand legte, was bei mir nicht jedesmal so ist. Und zwar war es das Buch einer Engländerin, die zusammen mit Hape Kerkeling den Jakobsweg gegangen war und diese Erfahrung mit dem Fahrrad wiederholen wollte. Ich bin da noch mal hin. Das Fahrrad hat sie dann irgendwann stehen lassen, weil sie nur noch im Regen auf Autobahnen fuhr, und von da an hatte sie sich das angetan, was sich schon Tausende von Pilgern angetan haben. Die Reise muss ich jetzt nicht selbst, sondern konnte ich mit dieser Autorin machen und auch ihren Erkenntniswert für mich verbuchen. Auf der ersten Reise hatte sie sich nämlich vorgenommen, mehr für andere dasein zu wollen, auf der zweiten merkte sie, dass sie eigentich andere Menschen brauchte, die für sie da sind. Noch ein Fall von dunklem Tal und Wohlsein, das wir uns selbst verschaffen müssen!

Zum Schluss noch etwas für meine Mitautoren und die Blogleser, die nach Wohlfühloasen, romantischen Wegen und kleinen Freuden suchen. Und zu den Oasen, ganz profan. Gestern sind wir bei Wind und trübkaltem Wetter in die alte Bischofsstadt Rottenburg gefahren. Zu unserem Erstaunen war der lebhaft besuchte Bücherschrank verschwunden, statt dessen gähnte ein riesiges Bauloch. Hier wird ein Betonklotz errichtet, der die städtische Bücherei aufnehmen soll. Beim kleinen Osiander auf dem Marktplatz war der Computer ausgefallen, Bücher konnte man nur in bar und ohne Quittung kaufen. Weiter unten ein kleiner Bücherladen, den wir bisher nie beachtet hatten, weil wir ihn gar nicht als solchen erkannt hatten. Das war eine richtige Oase, mit vielen Titeln aller Richtungen und einem Teetisch zum Schmökern. Und als ich nach Hause kam, war auf wunderbare Weise mein "Teufelswerk" sichtbar geworden, ohne dass ich die Rabattaktion irgendwo anders als bei Amazon und Tolino angekündigt hatte.

Möge das Schreiben selbst wieder zu einer Oase werden!

Rottenburger Marktplatz im Sommer, eine Oase

Freitag, 19. Februar 2016

Die Katze am Fenster

Ein Fenster in Rothenburg o.d.T.
Manchmal, wenn ich morgens aufwache, höre ich eine Amsel ziemlich eindringlich rufen: Did-did, did-did, did-did, die Tonleiter rauf und runter. Das ist eine Warnung an ihre Mitvögel, dass wieder eine Katze in der Nähe sein muss. Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine grauweiße vorüberhuschen und im Dickicht verschwinden. Das ist dann schon die vierte, die es sich in meinem Garten gemütlich macht, nach der weißen, der schwarzen und der bunt gescheckten. Fenster sind wie Türen: Man kann hinausschauen und auch von draußen hereinschauen. Allerdings verlässt man Häuser besser durch Türen als durch Fenster und kommt auch besser durch sie rein. Gestern Abend hatte ich meine Türen mal wieder durch Rolläden gegen allzu starken Katzenandrang abgesichert. Nur einen Spalt des Fensterrolladens ließ ich offen, um noch ein wenig lüften zu können. Irgendwann schaute ich mal raus, und genau in dem Moment schaute die weiße Katze herein. Für diejenigen, die ihre Vorgeschichte nicht kennen: Es ist eine Katze, die in der Nachbarschaft wohnt, meine Vermieterin oben und mich aber seit einem halben Jahr massiv um Futter angeht und sich in meiner Wohnung einnisten will. Wir lieben sie sehr, können ihr Verhalten jedoch auf die Dauer so nicht dulden.

Also die Katze schaute herein, blieb aber, wie überhaupt in letzter Zeit, still. Wenn sie nichts zum Futtern bekommt, rennt sie wie verrückt am Stamm des Walnussbaums hinauf, um Vögel zu jagen. Oder sie sitzt auf dem Rand des Komposthaufens und wartet darauf, dass eine Maus vorbeikommt. Katzen sind ja wie alle Haustiere domestizierte Wildtiere, und wenn sie nicht versorgt werden, erwachen ihre Instinkte. Nachdem ich nun die Katze, insgeheim nenne ich sie schon "Mitzi", weil sie immer so leidend-verträumt daherschaut, gesehen hatte, traf ich draußen bei den Mülltonnen meine Vermieterin. Natürlich sprachen wir über unsere Erfahrung mit der Katze. Kürzlich sei ein Hund bei ihr zu Besuch gewesen, da hätte sich die Katze nicht mehr blicken lassen. Der Grund dafür, dass sie uns beide quasi "adoptiert" hat, sei darin zu suchen, dass ihre Besitzer immer morgens zur Arbeit gehen und sie dann rauslassen. Fast alle Katzenbesitzer dieses Viertels gehen zur Arbeit und lassen ihre Katzen raus. Aber nur Mitzi scheint so liebebedürftig, dass sie sich deswegen gleich eine neue Wohnung suchen will. Vielleicht schmeckt es ihr bei uns auch nur besser, meinte die Vermieterin mit einem Zwinkern und lachte herzlich, als ich ihr von dem "schlechten Essen erzählte, das ich der Katze einmal angeboten hatte. Unser Gentlecat´s Agreement besteht jetzt darin, dass sie vorbeikommen darf, wenn sie sie sich "ordentlich" aufführt. Ordentlich heißt, nicht wie wild an der Tür zu kratzen,  zu schreien und herzzzerreißend zu miauen, an die Scheiben zu schlagen und auf den Briefkasten zu klettern, um Einlass zu fordern. Sie ist auch stiller geworden und wartet, bis irgendwann ein Fenster oder eine Tür aufgeht. Zudem hat sie ihr Ursprungsgewicht wieder erreicht, weil sie nicht mehr unkontrolliert gefüttert wird. Und wenn der Rolladen vorm Fenster oder der Tür runtergelassen ist, weiß sie, dass sie lieber heimgehen sollte.


Freitag, 12. Februar 2016

Türen

Diese Abbildung zeigt das Portal der Maulbronner Klosterkirche, eine der ältesten Türen Deutschlands. Die Zisterzienser wussten immer, was sie hinter dieser Tür erwarten würde, wenn sie vom Paradies aus die Kirche betraten: nämlich die Laien- und die Mönchskirche, ein romanischer Lettner, der beide voneinander trennt sowie ein Kruzifix, das aus einem einzigen Steinblock herausgemeißelt wurde. Für die Mönche und die Laienbrüder sind Kirche und Kloster über Jahrhunderte hinweg zur Heimat geworden. Etlichen der späteren Seminaristen wurde das alles aber auch zum Zwang. Das Bild hat mich dazu bewogen, einmal über die Bedeutung von Türen nachzudenken. Man kann durch eine Tür hineingehen und auch wieder hinausgehen. In unseren Autorenblogs war früher oft die Rede davon, dass sich immer wieder irgendeine Tür öffnen würde, egal, wie düster die Situation auch gerade aussehe. Das denke ich immer noch, und es stehen zur Zeit viele Türen offen. Es stellt sich nur die Frage, was man hinter diesen Türen finden und ob man mit dem, was man dahinter findet, zufrieden sein wird. Und ob irgendein Raum, den man betritt, zur "Heimat" werden kann. Im Übertragenen ausgedrückt: Die Türen, die zur Zeit bei den Onlineplattformen für Self Publisher, den Verlagen und Agenturen offenstehen, laden vor allem die Erfolgreichen ein. Und selbst bei denen kann es dazu kommen, dass sie zur einen Tür hinein- und zu einer anderen bald wieder hinausgehen. Ein Interview des Hessischen Rundfunks vom Oktober 2015 mit Matthias Matting macht das deutlich.

In unserer Zeitung kam gestern ein Bericht über einen bekannten schwäbischen Dichter, der bei einem kleinen Tübinger Verlag veröffentlicht, der unter Umständen sieben Jahre braucht, bis er einen neuen Gedichtband fertig hat, und von dessen Büchern keine Ebooks existieren. Für ihn gibt es keine Alternative als mit der Hand zu schreiben. Da spüre ich wirkliche Zufriedenheit heraus, und am Rande muss ich auch gestehen, dass ich die Bücher dieses Verlages liebe. Bücher können Räume sein, in denen man sich wohlfühlt. Gerade lese ich einen Wanderbericht, der durch halb Deutschland führt, und bin dabei richtig mit dem Autor und seinem Hund unterwegs. Er hat diese Wanderungen in seinem Blog beschrieben und das Ganze dann bei Malik-National Geographics, einer Untergruppe des Piper Verlags, veröffentlicht. Flugs habe ich mir heute noch drei solcher Bücher gekauft, darunter Kay Borowskys Wanderungen in Tübingen und Europa.

Dienstag, 9. Februar 2016

Sich neu sortieren

Mein Vater, der im Jahr 2009 fast neunzigährig starb, hatte ein Lebensmotto. Wann immer sich jemand darüber beklagte, dass etwas nicht mehr so sei wie es war, sagte er mit ironisch verzogenen Mundwinkeln: "You have had it, brother." Mein Vater hatte nämlich vor dem Krieg eine ausgezeichnete Erziehung auf einem britschen Internat genossen. Und auch sonst hat er sein Leben so gestaltet, dass er sich später nie hat beklagen müssen. Er hat die halbe Welt gesehen, das Verkehrssystem seiner Stadt erneuert, war ständig in Bewegung und hatte viel für familiäre Werte und für seine Hunde übrig. Er war der Ingenieur, der Erfinder. Natürlich hatte er auch seine Schwächen und Fehler, aber de mortuis nihil bene.

Er hat sein Leben gehabt wie auch ich. Auch ich habe die halbe Welt gesehen, habe vielen Menschen geholfen, ihr Leben besser zu sortieren, eine Familie, Beziehungen und Freunde gehabt, ein Kind aufgezogen, jahrelang an einer poltischen Bewegung teilgenommen, unzählige Zeitungsartikel geschrieben sowie an die zehn Bücher und unzählige Beiträge in den sozialen Medien veröffentlicht. Zeit, mal wieder eine kurze Bilanz zu ziehen. Das Haus ist besorgt und renoviert, der Garten ist fertig, eine familiäre Angelegenheit steht kurz vor dem Abschluss und die Katzen, die mich im letzten halben Jahr beschäfigten, haben sich mehr oder weniger zurückgezogen (die schwarze Powerkatze hat in eine Zitrone gebissen, die draußen zum Zeichen lag, dass es keinen gedeckten Katzentisch mehr geben wird, und sich geschüttelt). Ich habe alle meine Printbücher auf Stapeln in Buchhandlungen und meine Ebooks in den Shops von Weltbild, Thalia, Osiander usw. und Amazon gesehen. Es gibt Projekte, die anzugehen wären, es gibt soziale Kontakte, die aktiviert werden könnten. Aber ich bin noch in einem Vakuum. Es drängt jetzt nichts mehr, es soll sich entwickeln, so wie es sich richtig anfühlt. Das Schreiben ist als wesentliche Größe geblieben. Aber es nützt nichts, in derselben Schnelligkeit wie bisher Bücher zu fabrizieren. Das Schreiben ist Lebenselixier und erträgt keinen Druck. Vorbildlich ist für mich der gerade verstorbene Roger Willemsen. Der hat alles, was er gemacht hat, das Schreiben von Büchern, das Reisen, die Auftritte und Sendungen, die Interviews mit einer seltenen Hingabe an den Augenblick getan. Das ist seine Hinterlassenschaft für mich, an die ich mich immer wieder gern erinnern werde.

Donnerstag, 4. Februar 2016

Katzengeschichte-Zwischenbericht

Für diejenigen, die den vorherigen Beitrag nicht gelesen haben: Unser Haus wurde im vergangenen halben Jahr fast ununterbrochen von einer Katze belagert, die auf Teufel komm raus ständig hineinzugelangen versuchte. Sie hatte, das war uns bekannt, in der Nähe ein Zuhause und wurde dort auch gut versorgt. Trotzdem versuchte sie mindestens zehn Mal am Tag, sich anderswo, nämlich bei sämtlichen Nachbarn, Nahrung zu ergattern und sich bei mir ganz einzunisten. Sie wirkte wie eine ausgesetzte oder streunende Katze, die eine neue Heimat sucht. Das Geschehen rief auch andere Katzen auf den Plan. Vornehmlich eine große rabenschwarze Katze mit leuchtend grünen Augen war häufig zu sehen, dazu eine weiß-braun-rot gefleckte. Manchmal ertönten nachts unheimlich knurrende Laute, wie im Urwald, und wenn ich hinausschaute, war es die schwarze Katze, die herüberstarrte und unheimlich wütend zu sein schien. Die weiße, anhängliche hatte sie nämlich mal geohrfeigt und damit vertrieben. Nun wurden mir auf meinen letzten Beitrag hin sehr gute Ratschläge gegeben, die Abgrenzung betreffend. Da ich mich, von Vernunft und Mitleid hin - und hergerissen, widersprüchlich verhalten habe, hat das die weiße Katze in ihrem extremen Verhalten nur bestärkt. Die Dynamik, die sich jetzt entwickelt, ist spannend, spannender als jedes Fernsehen und jedes Computern. Der Trick mit den Fischstäbchen hatte zur Folge, dass sie sich eineinhalb Tage nicht blicken ließ. Da sie auch nicht oben bei der Vermieterin saß, ist anzunehmen, dass sie nach Hause gegangen ist. Gestern war sie aber wieder da, hatte das Auto abgepasst und rannte mir schon voraus zum Haus. In der Nacht habe ich dann noch einmal über Grenzen nachgedacht. Wie machen die Nachbarn es denn, dass sie nicht ständig in die Wohnung drängt? Oben werden zum Beispiel immer die Rolläden runtergelassen, wenn es dunkel wird. Eigentlich hasse ich das, weil ich dann Fenster und Türen nicht mehr richtig öffnen und nachts die Sterne nicht mehr sehen kann. Aber ich habe es getan. Und was folgte? Eine unglaubliche Stille, die ganze Nacht hindurch. Auch morgens, nach Hochziehen der Läden, blieb es still. Und es hatte sich etwas verändert. Das Meisenpärchen, das nur ganz sporadisch an den Riesenknödel hoch im Busch ging, war da, einer der Kleinen saß sogar auf dem Gartensessel. Sie futterten sich satt und flogen wieder davon. Einige Zeit später hörte ich verdächtige Geräusche. Sollte die weiße Katze doch zurückgekommen sein? Nein, es war die schwarze, die wütend auf den Korbsessel eindrosch. Sie haute auch gegen die Türscheibe und starrte mich durchdringend an. Dann saß sie auf dem Tisch und guckte wie hynotisiert auf den Meisenknödel. Ob sie die Meisen mit einem Sprung fangen wollte? Ich glaube, sie hat hier schon mal ein Amseljunges geholt. (Den Tisch werde ich wegstellen, den Knödel noch höher hängen). Oder war sie einfach nur sauer, dass sie nichts hingestellt kriegte? Überhaupt: Hinstellen. Alles fing damit an, dass die Katzen oben gefüttert wurden. Ich werde nie vergessen, wie ich anfangs, als die Vermieterin im Urlaub war, mal hinaufging-nachdem die Weiße mich immer wieder dazu aufgefordert hatte. Da saßen die weiße und die schwarze Katze einträchtig vor den zwei leeren Glasschüsseln und hauten schleunigst ab, als sie mich sahen. Wie sich die Zeiten ändern! Deshalb ja auch der Rat, wie ich inzwischen weiß: niemals fremde Katzen füttern, das gibt nur Probleme!

Dienstag, 2. Februar 2016

Die unendliche Geschichte

Es drängt mich, eine Geschichte zu erzählen, weil es eine unendliche Geschichte ist und weil ich viel aus ihr gelernt habe und immer noch lerne. Es geht um ein Tier, das vor einem halben Jahr urplötzlich in mein Leben getreten ist und mich seitdem nicht mehr loslässt. Zum Hintergrund muss ich sagen, dass ich mit Hunden aufgewachsen bin. Meine Eltern hatten zunächst einen wilden schwarzen Dackel, später einen Collie und weitere Collies im Lauf ihres Lebens. Letztere waren durch die Bank lieb und gelehrig, und natürlich liebten wir Kinder sie sehr. Als mein Sohn klein war, übernahmen wir einen Schäferdackel aus dem Bekanntenkreis, der als „neurotisch“ bezeichnet wurde, dabei aber mehr für Heiterkeit sorgte als für Verdrusss. Er hatte den Kopf eines Schäferhundes, den Körper eines Dackels, Kommodenbeine und einen gebogenen Schwanz. Vor allem aber hatte er die Seele eines Schäferhundes, denn er ging gern auf die großen Doggen los – wobei ihn einmal nur der Einsatz meines Stiefels vor größerem Verbiss retten konnte. In der WG, in der ich mit einer anderen Mutter und unseren Kindern später lebte, hatten wir ganz junge Katzen, die noch in die Blumentöpfe kackten, aber sonst oft schnurrend auf dem Sofa lagen. Und so waren mir alle fremden Katzen danach begegnet, nämlich um die Beine streichend, schnurrend und völlig problemlos. Denn auch wenn sie uns manchmal meilenweit in den Wald folgten, gingen sie dann auch wieder nach Hause.

Diesen Eindruck sollte ich vollkommen revidieren. Vor etwa einem halben Jahr, im Sommer, stand plötzlich eine weiße Katze vor meiner Terrassentür und miaute herzerbarmend kläglich. Als ich öffnete, sauste sie herein und gleich wieder hinaus. Das wiederholte sich einige Male. Es dauerte einige Tage, bis ich herausgefunden hatte, dass meine Vermieterin oben sie gefüttert hatte und die Katze nun wollte, dass ich die Töpfe füllte, wenn die andere nicht da war. Das habe ich nicht getan. Von der Vermieterin erfuhr ich dann, dass die Besitzer ein paar Straßen weiter wohnten und sie versorgten und mit ihr zum Arzt gingen, sie aber nicht in der Wohnung halten könnten. Ich sollte bald wissen, warum nicht. Wir wurden sie nämlich nicht mehr los. Seit diesem Zeitpunkt sitzt sie Tag und Nacht irgendwo vor dem Haus, und sobald irgendwo eine Tür aufgeht, rennt sie herbei und will in die Wohnung flitzen. Im sozialen Netz wurde mir unter anderem der Rat gegeben, sie mit kaltem Wasser zu übergießen, das würde sie wahrscheinlich für immer vertreiben. Vielleicht wäre die Sache anders gelaufen, wenn ich nicht davor zurückgeschreckt wäre, es war ja Sommer und sehr heiß. Auf jeden Fall hat diese Katze es geschafft, sich in die Herzen aller Nachbarn einzuschleichen, sodass sie immer runder wurde und im Garten plumpe Sprünge machte. Der Besitzer konnte sie immer noch nicht in der Wohnung halten. Sie wurde immer offensiver, kratzte wie wild an der Tür, sprang an den Scheiben des Fensters hoch und miaute so markerschütternd, dass ich schließlich dem Rat einiger anderer folgte und ihr draußen was zum Essen hinstellte, Trockenfutter und auch Nassfutter. Dann ging sie auch wieder, war aber kurze Zeit später wieder da. Wenn ich mal kurz lüften wollte und sie es schaffte hereinzukommen, raste sie sofort in die Küche und trippelte vor dem Kühlschrank herum: (ich weiß: Muttermilchproduktion fördern!). Andere Male schlich sie sich heimlich rein und lag dann plötzlich auf meinem Bett. Mein Vermieter riet mir immer wieder, sie rauszuschmeißen. Bei denen holte sie sich nur das Futter ab. Ich schmiss sie also so lange raus, bis sie nicht mehr so unverschämt draußen herumtobte, sondern still und friedlich, manchmal stundenlang, vor der Tür saß und wartete. Sie schlief auch immer im Gebüsch um das Haus, was ich an Blättern und Erdbröckchen an ihrem Fell feststellen konnte. Die meiste Zeit des Tages verbrachte sie abwechselnd auf einer Bank unter meinem Fenster und vor der Tür der Vermieterin. Sobald sie drinnen was hörte, kam sie herbeimiaut. Nun, schließlich hatte ich sie soweit, dass sie Besuche machen durfte, auch mal auf einer Decke übernachten, wenn sie patschnass im Regen stand – aber dann musste sie auch wieder gehen. Gefüttert habe ich sie dann nicht mehr. Übrigens ist sie sauber, kackt nirgends hin und ist überhaupt nicht agressiv, wenn ich sie wieder raustrage.

Im Januar kam dann der Winter. Hm, dachte ich, bei der Kälte und dem Schnee wird sie nicht Tag und Nacht draußen herumlungern. Pustekuchen! Sobald ich mit dem Auto angefahren kam, lief sie mir schon entgegen, als wüsste sie, wann ich zurückkommen würde. Dann kam der schwere Schneesturm. Sie drosch mit den Pfoten auf die Tür ein, schrie zum Fenster herein und schaute mich mit großen Augen flehentlich an. Ich hatte inzwischen einen leichten Verfolgungswahn entwickelt und sah sie immer und überall in der Wohnung herumhuschen. Ich bin noch nie gestalkt worden, aber so musste sich das für ein Opfer anfühlen. Dabei merkte ich immer wieder, dass sie eigentlich etwas anderes suchte als Futter. Trotzdem ließ sie sich ungern streicheln, saß immer wieder mit geschlossenen Augen da, strich um die Stühle und strebte zum Kühlschrank. Jetzt wollte ich, dass sie endlich, endlich zu ihren Leuten zuückging, ließ die Rolladen herunter und bewarf sie mit Schnee, als sie weiter an Tür und Fenster ramenterte. Keine Reaktion, rannte zwar weg, war aber gleich wieder da. Ich probierte es auch mit Wasser und mit einer kleinen Ohrfeige (die hatte sie selbst mal einer anderen Katze gegeben, die herbeigeschlichen war), mit Schreien, Rufen und neinnein und Heben des Fußes, wenn sie reinwollte. Darauf reagierte sie nämlich schon, lernte zum Beispiel, nicht einfach aufs Bett oder aufs Sofa zu springen, wenn sie mal hier war. Statt dessen versteckte sie sich hinter der Schlafzimmertür oder unter dem Bett, damit ich sie nicht rauswerfen konnte. Ich warf sie hinaus, es stürmte und schneite, und als ich zur Mülltonne ging und sah, dass sie weg war, atmete ich erstmal durch. Dann traf mich der Schlag, als ich sie auf meinem Bett liegen sah, war und trocken und zufrieden schnurrend. Ich dachte schon, sie wäre durch die geschlossene Tür hereingekommen!

All diese Gewalttaten, für die mich Katzenliebhaber sicher lynchen würden, haben aber ihrer Zuneigung keinen Abbruch getan. Gestern war sie wieder hier, streckte sich auf der Bank und schnurrte, als sie mich sah. Ich habe alle Türen zugemacht und mich auf den Boden im Flur gesetzt. Sie guckte die Küchentür an, starrte auf die Schlafzimmertür, legte sich hin, stand wieder auf, strich mir um die Beine, schnurrte, trippelte, untersuchte die Abstellkammer und fand schließlich den Karton mit dem Trockenfutter. Den rugelte sie solange herum, bis er umfiel. Es kam aber nichts heraus. So verlegte sie sich darauf, ein wenig an meinen Fingern auf dem Boden herumzunagen. Dann bat ich sie zu gehen, was sie auch tat. Heute morgen saß sie auf dem Gatter unterm Briefkasten eingeklemmt und miaute mir ins Schlafzimmer hinein, nur weil sie die Wasserspülung gehört hatte. Am Mittag habe ich mir überlegt, dass Liebe ja auch bei Katzen sicher durch den Magen geht. Ob die Reste der Fischstäbchen, die ich aus purer Faulheit gegessen hatte (immerhin die von Iglu, denen haben sie im Fernsehen noch die beste Güte verpasst) sie vielleicht abschrecken würden? Und tatsächlich, sie verschmähte sie wie auch die anderen Katzen, die öfter draußen vorbeikommen und wieder verschwinden. Vorhin war sie wieder da und schaute mir erwartungsvoll entgegen. Ich brauchte ihr nur die Fischstäbchen zu zeigen, damit sie schleunigst Reißaus nahm! Fazit: Diese Katze ist mir sehr ans Herz gewachsen, ich finde sie unheimlich süß, wie man unschwer meinen Schilderungen entnehmen kann. Ich möchte aber, dass sie meine Grenzen respektierten lernt! Und ich glaube, dass ich selten einen so langen Blogartikel geschrieben habe.

Samstag, 30. Januar 2016

Autor und Leser - eine Kommunikation

Unlängst sah ich zufällig einen Beitrag im Fernsehen, auf einem dieser Info - und Kulturkanäle. Da hatten sie in Südamerika unter anderem Tontöpfe mit keltischen Mustern, Figuren, Inschriften und Steinschleudern gefunden, die denen aus dem europäischen Raum auffallend ähnelten. Nun, sie haben keinen Beweis dafür gefunden, dass Kelten und Phönizier schon lange vor Kolumbus nach Südamerika segelten. Mich interessierte an diesem Bericht etwas anderes. Die Höhlenmalereien von Lascaux und weitere Beispiele wie die Mammutelfenbeinfiguren aus dem Lonetal fielen mir ein. Wie kommt es, dass Menschen auch nach Hunderten oder Tausenden von Jahren Botschaften hinterlassen können, die von der Nachwelt "gelesen" werden? Es kommt daher, dass der Mensch schon immer in der Lage war, von sich selbst und seinem Leben zu abstrahieren und Kunst herzustellen. Es scheint eine Frage von Urheber und Rezipient zu sein. Ein Autor ist undenkbar ohne Leser, ein Leser undenkbar ohne Autor. Wenn man sich dazu die heutige Situation von Autoren anschaut, stellen sich viele Fragezeichen auf. Vieles von dem, was man gerade zu hören und zu lesen bekommt, könnte einem die Freude am Schreiben vermiesen. Die Klagen einer Self Publisherin liegen mir noch in den Ohren. Sie stellte fest, dass sie alle drei Monate ein neues Buch auf den Markt bringen müsste, um mit dem Tempo des Marktes mitzukommen. Am Anfang stehe immer die Kurve, die vielleicht in 1-3 Tagen hoch sei und dann unweigerlich nach unten gehe. Ähnlich ist es auch mit den Verlagsbüchern im Buchhandel. Was sich nicht innerhalb eines Monats verkauft, wandert schon bald ins moderne Antiquariat. Die Kurve nimmt keine Rücksicht auf dich. Aber irgendetwas stimmt doch dabei nicht. Wer hat da was wann falsch gemacht? Die Verlage, die Autoren, die Leser, die Erfinder von immer neuen Techniken, die Buchhandlungen, die Agenten, die Online-Riesen, die Vertreter, das Feuilleton? Die Antwort, die ich mir gebe, ist folgende: Sie sind alle gleichermaßen beteiligt, weil sich (fast) alle der Entwicklung angepasst haben. Bei Denis Scheck, so wurde mir erzählt, trat kürzlich ein Autor auf, der alles noch mit der Hand schreibt und eine Wohnung voller gedruckter Bücher hat. Bie den meisten jedoch dreht sich alles, nicht nur bei Büchern, nur noch um "billig", ich nehme uns da gar nicht aus. Und bei dem Versuch aller, sich den billigsten und gleichzeitig dicksten Teil des Kuchens aus der Torte zu reißen, kann es einzig und allein darum gehen, die Gewinne daraus gerecht zu verteilen.

Gestern, an einem Frühlingstag mit wolkenlosem Himmel, hatten wir ein Aha-Erlebnis. Nach einem Spaziergang am Rand der Alb landeten wir wie schon so oft in einer unserer Lieblingsstädte, in Reutlingen. Wie immer, statteten wir auch der Buchhandlung Osiander einen Besuch ab. Ja, es ist inzwischen ein Genuss für mich, zwischen den Räucherstäbchen und Tassen auch Sessel mit lesenden Menschen zu sehen. Dabei wird es immer schwieriger für mich, in den Tausenden von gleichfarbigen Büchern etwas Ansprechendes zu finden. Meistens lande ich bei Reiseberichten und regionalen Reisebüchern. Bevor es losgehen konnte, fuhren wir mit dem Aufzug nach oben, um gewisse Örtlickkeiten aufzusuchen. Dort landeten wir aber nicht, sondern in einem Stockwerk, das wir noch nie zuvor gesehen hatten. Da lagen Tausende von Büchern in Sammelkästen, der buchhandlungseigene Flohmarkt, auf dem man Bücher zwischen ein und 10 Euro erstehen konnte. Und was habe ich dort gefunden? Alles, was ich unten schon lange nicht mehr finde. Ich fand einen Baden-Baden-Krimi von Rita Hampp, der mir sehr gut gefällt, weil ich auch was von der Umgebung und der Stadt sehe, zwei Bücher von Wulf Dorn, dessen Kommen und Gehen ich überhaupt nicht mehr mitbekommen hatte, einen Thriller des Pompeji-Autors Robert Harris sowie einen historischen Krimi von Petra Ölker. Nachdem ich vor lauter Leseverzweiflung schon auf literarische Texte aus dem 19. Jahrhundert umgeschwenkt war, bedeutet das für mich einen inneren Vorbeimarsch.

Hier noch ein leidenschaftliches Plädoyer für uns Autoren von Nina George: Schatz, wir müssen reden.

Dienstag, 19. Januar 2016

Schwarzwaldschneesturmgedanken

Zwischen Silvester und Mitte Januar gab es eine Phase, da war alles dunkel, trübe, nass, kalt und hoffnungslos. So, wie ich es aus früheren Zeiten nur im November kenne. Dazu die erdrückende politische Lage. Ja, es hatte mich erwischt, ich hatte keine Lust mehr zu feiern, irgendwohin zu fahren, richtig an meinem Roman weiterzuschreiben, etwas Gutes zu kochen oder mich mit Leuten zu treffen. Das kann ja heiter werden, dachte ich, die deutschen Winter ohne Arbeit und ohne Schreiben, wie soll man das bloß überleben? Wäre es da nicht besser, sich einen Wanst anzufressen und in einer Höhle seinen Winterschlaf zu halten? Nicht einmal in meinem Blog schaffte ich einen Eintrag. Worüber sollte ich auch schreiben? Was ein Tübinger Professor zur Überwindung der Terrorangst gesagt hat? Dass die Touristen jetzt verstärkt in den Schwarzwald reisen, weil ihnen andere Ziele zu gefährlich erscheinen? Dass ich nebenher noch mit nervigen familiären Angelegenheiten beschäftigt bin? Oder eine Große Schwarze Schreib-Blockade habe? Wer würde denn das noch lesen wollen?

Irgendwann in den letzten Tagen kam dann die Rettung durch einen orkanstarken Schneesturm im Schwarzwald. Nicht dass ein Schneesturm etwas Gutes wäre. Im Gegenteil, zunächst brachte er Bäume zum Umfallen, schoss eisige Schneekristalle vor sich her, ließ den ganzen Tag und die ganze Nacht und wieder den nächsten Tag Unmassen von Flocken zur Erde segeln, stieben und sausen, über die sich ein immer höher werdendes Leichentuch breitete. Die Büsche bekamen riesige Mützen, die Katze lief im Schnee und versuchte sich erst kreischend, dann klammheimlich in die Wohnung zu mogeln, die Nachbarn überboten sich mit Schneegeschaufel, und in den Bergen stauten sich kilometerlange Blechschlangen. Sehr viele Autofahrer landeten im Graben, andere arbeiteten sich zu den Skizentren durch, wo sie sich endlich einmal in echtem Schnee austoben durften und nicht in dem aus der Kanone. Viele Menschen murmelten im Vorbeigehen, dass man doch jetzt eigentlich auf Frühling eingestellt gewesen sei. Da haben doch schon Veilchen und Frühlingsspringkraut geblüht! Aber als all der Bockmist vorüber war, brach sich eine lang vermisste Sonne durch die Wolkendecke und verwandelte die Landschaft in eine eisig glitzernde, wundervolle Szenerie.

Ja, warum wird der Winter in der Fasnachtszeit mit Feuer und Mummenschanz ausgetrieben? Weil der Frühling die Schlafmützenzeit beendet und neues Leben bringt. Wir fangen schon mal damit an. Jeden Tag erleben wir kleine Abenteuer, machen Entdeckungen in der Nähe, die wir doch übergut zu kennen meinten, laufen, wo das gerade noch möglich ist und inspizieren die umliegenden Geschäfte und Märkte auf die Güte ihrer Waren hin. Sollten wir auf gute Lebensmittel stoßen, wird das sicher auch mit dem Kochen wieder was. Und nachdem die Sinne sich wieder halbwegs aufgestellt hatten und halbwegs einSchreiben wieder möglich war, stieß ich auf einen Beitrag von Petra van Cronenburg, in dem alles stand, was ich in diesen vergangenen toten Tagen auch gern erlebt und bewirkt hätte. Mut kann man nicht kaufen. Besser kann man einen Aufbruch nicht beschreiben.

Freitag, 8. Januar 2016

Wie Autoren heute veröffentlichen

Als ich vor knapp fünfzehn Jahren mit dem Schreiben von Romanen begann, sah die Autorenwelt noch ganz anders aus. Man schickte seine Manuskripte auf bedrucktem Papier an die Verlage und wartete im Schnitt vier Monate, bis eine Absage im Briefkasten lag. Oder auch eine Zusage, damals für meinen ersten schon per Email von einem renommierten kleineren Verlag. Den zweiten fand ich im Internet, das war ein Zweipersonenverlag. Mit beiden LektorInnen gab es lange persönliche Gespräche und ein sorgfältiges Lektorat. Beide Bücher erhielten gute Zeitungskritiken, tauchten aber in kaum einer Buchhandlung auf. Die nächsten vier Bücher erschienen in einem Verlag, den man damals noch als größeren Publikumsverlag bezeichnete. Diese historischen Romane lagen anfangs recht lange auf Stapeln in den Buchhandlungen; allerdings verkürzte sich die Verweildauer von Jahr zu Jahr. Zwischendurch noch eine Veröffentlichung bei einem kleineren lokalen Verlag. Das letzte gedruckte Verlagsbuch von mir erschien im Juni 2013.

Es begann eine neue Ära, nicht des Schreibens, aber des Veröffentlichens. Mit zwei Verlagsbüchern, deren Rechte ich zurückbekommen hatte bzw. deren E-Bookrechte ich gar nicht erst vergeben hatte, ging ich ab Herbst 2012 ins Self Publishing. 2015 folgte ein neu geschriebenes Buch. Von Amazon, dessen Konditionen für mich nicht mehr reizvoll waren, wechselte ich Ende September 2015 zu Tolino. Dort fühle ich mich bisher sehr wohl, zumal auch Sonderaktionen für meine Bücher veranstaltet wurden. Und die gute Nachricht kam nach Weihnachten: Die 70% Beteiligung der Autoren wird auch über den 31. Januar hinaus gewährt.

Jetzt habe ich mich einmal umgeschaut, wie es denn bei anderen läuft. Meines Wissens haben schon viele mir bekannte Autoren die Möglichkeit des Self Publishing genutzt. Ein Kinderbuchautor, der schon circa sechzig Bücher bei einem Verlag herausgebracht hatte, erzählt im Deutschlandradio davon, dass Autoren heute kaum noch Ansprechpartner hätten (es sei denn, sie sitzen bei einem Verlag ganz fest im Sattel oder schreiben Bestseller). Wie Autoren heute veröffentlichen.  Die meisten Bücher - wie ich auch schon bemerkte - hätten heute eine viel kürzere Überlebensdauer, nämlich zwischen vier Monaten und zwei Jahren. Die Backlist, bis vor ein paar Jahren von den Verlagen noch gepflegt, lohnt sich für sie aus Kostengründen nicht mehr. Viele Autoren müssten sich für jedes neue Buch einen neuen Verlag suchen. Thomas Fuchs, der Kinderbuchautor, hat sich eine Autorenvereinigung namens "Gegenwind" herausgesucht, in der sich die Autoren gegenseitig beim Self Publishing unterstützen. In einem anderen Bericht des Börsenblatts werden Autoren aufgeführt, die ihrer eigenen Backlist durch E-Books und Print-on-Demand einen ganz neuen Aufschwung gegeben haben. Hybridautoren.

Beide, das Interview und der Artikel, erschienen im Juni des vergangenen Jahres. Inzwischen hat sich ja einiges in der Verlags - und Bücherwelt getan. Einmal gab es das Urteil des Europäischen Gerichtshofes, nach dem die Verlage nicht berechtigt seien, Anteile aus den Verwertungsgesellschaften wie VG Wort zu beanspruchen. Im Gegenzug werden Befürchtungen laut, dass der drohende Geldverlust auf die Autoren mit niedrigeren Vorschüssen usw. abgewälzt werden könnte. Dann wurde, wie von mir schon vor einiger Zeit berichtet, vom Bundesministerium der Justiz eine Urheberrechtsnovelle eingebracht, über die im März im Bundestag diskutiert werden soll. Sie hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die Autoren besser für ihre Arbeit zu entlohnen und ihnen nach fünf Jahren die Rechte an ihren Büchern zurückzugeben. Das hat die Autorenschaft gespalten. Es gab einen Autorenbrief an die Regierung, in dem sie beschworen wird, das Gesetz nicht durchzubringen, weil sonst die Symbiose zwischen Verlag und Autor gestört werde. Verlage könnten Autoren nicht mehr über Jahre aufbauen und keine Lizenzen ins Ausland mehr vergeben. Die Diskussion darüber ist im Autorenforum Montsegur nachzulesen. Und ich frage mich jetzt auch: Wenn es doch Praxis ist, dass renommierte Autoren sich für jedes Buch einen neuen Verlag suchen und ihre Backlist nach zwei Jahren selber herausgeben müssen, wo ist dann die Symbiose? Das Modell, das hier vertreten wird, passt wohl eher in die Zeit, die ich anfangs beschrieben hatte. Das neue Gesetz wird seine Tücken und Fallstricke haben, aber im Großen und Ganzen wird es den Autoren doch nützen, ihre Backlist und ihre eigenes Autorengeschick selber in die Hand nehmen zu können.
Eine ausführliche Beschäftigung mit dem Thema "Verdienst von Autoren" kann man auch bei Martha Sophie Marcus nachlesen: Marthas Schreibtisch.