Sonntag, 26. Juni 2016

Auszeit: Reisen, Romane schreiben, Rosen züchten

Vor einigen Tagen, genauer gesagt am bisher heißesten Tag des Jahres, fuhren wir bei ca. 34° ein Stück in den Schwarzwald hinein, Richtung Alpirsbach. Dabei landeten wir ganz unvermutet in einem kleinen Paradies. Ein Moorsee mit Felswänden und Wasserfall, vorne ein weißer Sandstrand, eine Hütte und ein Badesteg. Natürlich waren wir nicht alleine da. Aber das wäre so ein Ort für eine kleine Auszeit. Daneben ist mir ein altes Buch in die Hände gefallen, von einem Vater, der in den vierziger, fünfziger Jahren mit seinen drei Söhnen durch den Schwarzwald, durch die Vogesen, den Bregenzer Wald und durch das Schweizer Jura gewandert ist. Das waren noch echte Auszeiten, ein Leben nur in der Natur, in Hütten und auf Bauernhöfen, Sonne, Regen und Stürmen ausgesetzt. Der Autor namens Fritz Hockenjos wurde 1927 in Lahr geboren und war seit 1947 Förster in St. Märgen im Schwarzwald. Er beschreibt diese Wanderungen, die Flora und Fauna, die Erlebnisse und Begegnungen in einer fast expressionistischen Sprache, bei der man das Gefühl hat, alles zu sehen, zu hören, zu riechen und mitzuerleben. Aber auch damals schon kündigte sich das Desaster der Menschen an: die zerschossene Gräberstätte am Hartmannsweiler Kopf, die Düsenjets, der allmählich aufkommende Massentourismus auch in den Vogesen und im Schwarzwald. Und auch damals gab es Extremregen und Gewitter, nur nicht so zerstörerisch wie gerade jetzt. Das alles zu lesen, und überhaupt Bücher zu lesen bedeutet eine echte Auszeit. Der menschliche Organismus und vor allem seine psychischen Strukturen sind nicht darauf angelegt, sich wochen -, monate - und jahrelang ständig negativeren Bildern und Informationen auszusetzen, ohne irgendwann zu streiken. Irgendwann muss er mal ein Ventil auf den Dampfdrucktopf setzen, um die Flut von Gewalt, Morden, Elend, Flucht, Brexit und immer verhehrenderen Naturkatastrophen zumindest zeitweise auszusperren, um nicht zu verzweifeln. Gestern sind wir mit knapper Not einem Unwetter entkommen, das sich wie eine überdimensionale Krake von allen Seiten über der Stadt zusammenbraute, tintenfischschwarz und kurz davor, Tentakeln oder Tornadorüssel zu bilden. Abends dann die Bilder von weinenden Menschen in Pfullingen, in Stromberg, flüchtende Besucher des Southsidefestivals in Neuhausen, ein entgleister Zug, Verletzte und tausende total Frustrierte. Unwetter in Deutschland. Die entgleiste Natur macht jetzt eine Pause, aber es ist nicht abzusehen, wie es tatsächlich weitergeht. Deshalb sollte jeder eine Nische finden, in der er wieder atmen kann, um sich gestärkt seinen Aufgaben widmen zu können.

Früher gab es das sogenannte Sabbatjahr, in dem man ein halbes oder ein Jahr lang mit der Arbeit aussetzen und sich in dieser Zeit ganz anderen Dingen widmen konnte. Ein Buch habe ich dazu gefunden, dessen Titel lautet: "Reisen, Romane schreiben, Rosen züchten" mit Tipps für eine solche Zeit. Reisen ist immer o.k., das habe ich sehr viel getan in meinem Leben. Und Romane geschrieben. Romane schreiben könnte eine gute Beschäftigung während einer Auszeit sein, doch das Veröffentlichen derselben sollte man nicht da hineinlegen. Und Rosen züchten bedeutet ganz viel Fachwissen und Arbeit - ich habe zwar welche in meinem Garten, erfreue mich aber lieber an ihren Blüten, als sie zu züchten. Nach dem Probelektorat habe ich den Krimi erstmal in die Dateien zurückgeschickt und den neuen Roman nicht weiterentwickelt. Im Self Publishing würden sie niemals die Kosten wieder einspielen, abgesehen davon, dass kaum jemand sie in den Shops wahrnehmen würde. Aber ich finde den Gedanken faszinierend, dass man einzelnen Lesern mit seinen Büchern eine Auszeit verschaffen kann - wie es dieser so lebendig schreibende Förster bei mir erreicht hat. Und deshalb werde ich den Gedanken, Bücher zu schreiben, nie ganz aufgeben.

Dienstag, 21. Juni 2016

Was braucht das Schwein, um sich sauwohl zu fühlen?

Woran denken wir, wenn wir uns ein Schwein vorstellen? An ein rosiges Tier mit Borsten, mit Ohren, die über den listigen Äuglein zusammenfallen, ein Tier, das grunzend und schmatzend seine Bestimmung im Koben erfüllt? An die Muttersau mit vielen nuckelnden und drängenden rosigen Ferkeln an der Seite? Oder an ein dreckverschmiertes Untier, das sich, wie auch die wilde Sau, in Schlamm und Morast herumwälzt? An Kotelett, Schnitzel und Rippchen wohl eher nicht. Das gleiche könnte man sich fragen, wenn man an Kühe oder Hühner denkt. Die Kühe stehen auf der Wiese, gucken dumm und käuen ewig und drei Tage das Gras wider. Sie wedeln mit dem Kuhschwanz, um die lästigen Fliegen zu vertreiben. Pferde haben wenigstens noch eine saumäßige Lebenslust, wenn sie auf der Koppel herumgaloppieren. Und die Hühner sind glücklich, wenn sie genügend Auslauf haben, miteinander picken, solange auch die anderen picken, und zum Dank dafür, dass sie kein Habicht oder Fuchs geholt hat, brav ihre Eier legen.

In der Versuchanstalt Eningen, einer Außenstelle der Universität Hohenheim, haben jetzt Forscher die Bedingungen untersucht, unter denen sich Schweine richtig wohlfühlen. Die Ferkel haben in der linken Box eine Kette zum Spielen, in der rechten ein Feld mit dunkler Erde zum Wühlen. Brauchen sie mehr Platz, besseres Futter, Freunde, Auslauf, Licht, gar Musik? Es wurden viele Dinge getestet, auch Bedingungen, die Stress auslösen, man ist erst ganz am Anfang. Aber Verbraucher wollen Fleisch, Eier und Milch am liebsten von glücklichen Tieren. So, wie es die Pensionswirtin in Sipplingen am Bodensee einmal beim Frühstück sagte, als sie die Eier hereinbrachte: Die sind von glücklichen Hühnern. Dabei sah sie selbst richtig glücklich aus. Und ich erinnere mich daran, dass ich als Kind mit meiner Oma in Malente morgens immer in den großen,, umsäumten Verschlag ging, um die noch warmen Eier einzusammeln und den Hühnern nachher ihr Futter hinzustreuen. Versteht sich, dass die Oma auch den besten Knackerkirschbaum alles Zeiten besaß! Doch zurück zu den Tieren und ihren Bedingungen. Bis jetzt hat sich herausgestellt, dass die Schweine nicht mehr Platz brauchen, wie wir uns das vielleicht gedacht haben. Erste Erkenntnisse zeigen, dass "Beschäftigung, Aufgaben lösen, Türen öffnen oder in der Erde wühlen" den Schweinen wichtiger sind als ein paar Quadratmeter mehr Raum. Gleichwohl wird es mit den anderen Tieren sein: Das Huhn will picken und scharren, die Pferde wollen rennen, die Kühe laufen am liebsten auf weichen Matten (sprich: Gras), Hunde wollen spielen und sich austoben und Katzen suchen gern ein erhöhtes, warmes, trockenes Plätzchen, wenn sie nicht auf Beute lauern, spielen oder schnurrend um Beine streichen.

Wie sieht es nun mit den Menschen aus? Was brauchen die, um sich sauwohl zu fühlen? Schopenhauer sagte ja mal in etwa, die Natur habe ihnen das Dasein gegeben, für das Wohlsein müssten sie selber sorgen. Dabei kann ich zunächst einmal nur von mir selbst ausgehen. Beschäftigung, Aufgaben lösen, Türen öffnen und in der Erde wühlen ist schon einmal was. Wobei es nicht um meine Gartenerde geht, sondern sozusagen um den Acker, der zu bestellen ist. Ich als Mensch würde mich mit der tierischen Bedürfnisbefriedigung natürlich nicht zufriedengeben. Aber die Grundlage ist dieselbe. Es würde mir nichts nützen, in einem Palast zu wohnen, indem ich den ganzen Tag herumsitze und mich fragen muss, wozu ich eigentlich da bin. Meinen Acker zu bearbeiten heißt, mein Leben so zu gestalten, wie es meinem Wesen entpricht. Ich fühle mich sauwohl, wenn ich ein gutes Buch lese, wenn ich über Berg und Tal laufen kann, in glasklarem Wasser schwimme, wenn die Sonne scheint, ein gutes Essen lockt, wenn nette Menschen um mich sind und wenn ich schreiben kann und eine Reaktion darauf sehe. So entdeckte ich gestern eine 5-Sterne-Rezension einer Frau, die mein letzes Verlagsbuch gelesen hatte. Sie schreibt, es sei eine Geschichte über die kleinen Leute im Dreißigjährigen Krieg, historisch verbürgt, spannend geschrieben und voller Liebe zum Leben. Es ist selten, dass jemand meine Intentionen so deutlich erkennt und benennt. Und es hat mich so beflügelt, dass ich endlich eine Entscheidung treffen konnte: Ich habe meinen Schwarzwaldkrimi in ein Probelektorat gegeben und werde ihn dann entweder endgültig zur Seite legen oder veröffentlichen. Den neuen Roman werde ich weiterentwickeln. Und mich sauwohl damit fühlen.

Montag, 13. Juni 2016

Rock und Blues im Schwarzen Wald

Heute einmal ein Zwischenthema, etwas spezieller für die Liebhaber alter Rockmusik und für Anrainer des nördlichen Schwarzwaldes. Dafür kulturell super und nachhaltig entspannend! Wenn die einzige gute Nachricht der letzten Zeit darin besteht, dass Basti ein sensationelles Tor geschossen hat, muss ich mir ernsthaft überlegen, ob es nicht noch andere Dinge gibt, die dem geplagten Individuum zu mehr Ruhe und zu mehr "positivem Denken" verhelfen (außer dem Schreiben, natürlich).

Am Samstag waren wir zu einer Rock - und Bluesveranstaltung im Schwarzwald eingeladen. Mein Freund, der Drummer, hatte vor einiger Zeit einen Musikerkollegen wiedergetroffen, mit dem er vor 30 Jahren Musik gemacht hat. Sie hatten sogar als Vorgruppe von Wolle Kriwanek gespielt. Im strömenden Regen erreichten wir das Festspiel-Haus der Kulturwerkstatt Simmersfeld. Diese Werkstatt hat eine Erfolgsgeschichte hinter sich. Schon 1983 von einigen engagierten Bürgern gegründet, wurde im Jahr 2004 ein eigenes kleines Festspielhaus gebaut. Dreiunddreißg Jahre Kultur in einer Gegend, die nach den Römern eher von Räubern, Wölfen und Bauern bevölkert wurde, die mehr auf den eigenen Schinken im Rauch schauten als nach anderen Menschen. Auch heute noch besteht die Kultur häufig darin, Touristen in einer entsprechenden Tracht und mit entsprechenden Preisen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Aber es gibt natürlich noch viele ähnliche Ansätze wie diese Kulturwerkstatt. Eigentlich war der Abend als Open Air geplant gewesen, doch zum Glück gab es eine halb überdachte Terrasse, unter der die Würstchen gebraten werden konnten. Die Musiker von der Rock- und Bluesband Dr. Gonzo spielen ebenfalls schon seit mehr als 25 Jahren zusammen, einige gingen, neue kamen hinzu. Die zweieinhalb Stunden waren für mich ein Vorbeimarsch. Endlich mal wieder eine Musik, bei der Füße und Hände unwillkürlich zu zucken beginnen! Ein Haufen E-Gitarren mit wechselndem Einsatz, eine Akustikgitarre, Bassgitarre, Schlagzeug, K-Board,  Saxophon und ein bisschen Percussion. Wunderbar die Slapstick-Einlagen mit einem fiktiven Udo Lindenberg und der "Polizei"! Glückliche Gesichter, ein wunderbar entspanntes Gefühl, Vergessen des allgemeinen Chaos ringsum. Unter anderem Lieder der sechziger bis achtziger Jahre von Eric Clapton, Free, Bad Company, "Summer in the City" von The Loving Spoonful, und eigens für meinen Drummer ein Bluesharp - Solo von John Mayell. Letzterer hat gerade mit 80 wieder eine Platte herausgebracht, wie ich erfuhr. Die "alten Rocklegenden" haben Bestand, wie es scheint. In der Literatur ist es u.a. der Schwabe Felix Huby, der seit seinen 30er Jahren Bücher veröffentlicht, unter anderem die Bienzle-Folgen im "Tatort". Jetzt hat er einen Folgeband zu den "Heimatjahren" herausgegeben: Lehrjahre in Blaubeuren. Trotz der Fußball-EM waren ca. 50 Leute nach Simmersfeld gekommen, das Nischenpublikum per se und eine eingeschworene Gemeinschaft. Die Gruppe tritt am Samstag, den 16. Juli 2016 beim Musiksommer auf dem Saumarkt Altensteig um 21.30 wieder auf. Sie haben auch noch ganz andere und eigene Stücke im Programm. Hier auch noch ein Hinweis auf die Veranstaltung "Calw rockt" am 24 Juni 2016 auf dem Marktplatz, seit vielen Jahren initiiert vom Hessefan Udo Lindenberg. Mein persönlicher Tipp: Rock mal wieder, um dich von den Anstrengungen des Schreibens und den Qualen des Nicht-Schreibens zu erholen!

Mittwoch, 8. Juni 2016

Zwischenzeiten

Mit Erstaunen habe ich festgestellt, dass mein letzter Eintrag jetzt schon zehn Tage zurückliegt. In dieser Zeit wurden große Teile Europas von Unwettern heimgesucht, die von einem Wettersprecher heute als "äußerst ungewöhnlich" bezeichnet wurden. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass jemals so lange solche Wassermassen aus solchen ständig stärker drohenden Wolken geschüttet wurden, dass es in Landstrichen wie Scheswig-Holstein zur Bildung von sogenannten Wolkenrüsseln sprich Tornados kommen kann und das alles vor dem Hintergrund von Krieg, Gewalt, Terror, Fußball-EM und einem Staatsoberhaupt, das dank eines fraulichen Schulterschlusses zum Herren Europas mutieren will. Ich wollte eigentlich über etwas ganz anderes schreiben, doch dazu später.

Die Natur kennt kein schlechtes Wetter, so lernte ich kürzlich. Es sind die Einrichtungen der Menschen, die schwer beschädigt werden können, wenn alles außer Rand und Band gerät.  Und es gab Todesfälle, die ich außerordentlich bedauere. Während ich früher Gewittern eher sorglos gegenüberstand, sie sogar als spannend empfand und stundenlang am Fenster stehen konnte, nötigen sie mir inzwischen einen gewaltigen Respekt ab. Ich finde auch nicht, dass Hausbesitzer Pflichtversicherungen abschließen müssten, wie unser Landesvater Kretschmann fordert. Damit wäre der Staat dann nämlich ziemlich aus dem Schneider. Lieber sollten sie die versiegelten Flächen renaturieren, den Überlauf oben an den kleinen Bächen verbessern und ihre Monokulturen mit Mais und Ähnlichem überdenken! Unsere Gegend, wennwohl ganz dicht am Schwarzwald gelegen, hat es weniger getroffen. Am Sonntag wurde der Kreis Calw zwar vom Fernsehfrosch als Katastrophengebiet erwähnt -mit 40 Liter Wasser auf den Quadratmeter - aber die Bäche und Flüsse schwollen nur unverhältismäßig an. Als sich also am Sonntag gegen Mittag der ständig rauschende Schleier hob und eine blasse Sonne durch den Dampf spähte, hörte ich immer wieder, stundenlang, die Sirenen von Feuerwehren. Da werden ein paar Keller vollgelaufen sein, dachte ich, oder die Nagold ist über die Ufer getreten. Hoffentlich ist nichts Schlimmeres passiert. Katastrophentouristin wollte ich nun auch wieder nicht spielen. Gegen später fuhr ich mit dem Auto zur Stadt, um mir ein wenig Bewegung im Badepark zu verschaffen, die Glieder waren ja schon ganz steif vom vielen Herumsitzen. Da sah ich, dass die Feuerwehr einen Tag der Offenen Tür feierte. Und just in diesem Moment sauste eine Feuerwehr mit Tatütata an mir vorbei, aus dem Fenster schaute ein Kind. Das Fahrzeug bog auf die Straße zum Fluss, der aber gar nicht über die Ufer getreten war. An diesem Ufer ging jemand mit einem Kinderwagen spazieren. Ich kam mir vor wie in einem Science Fiction. Später geschah auch noch ein Unfall auf der Strecke, aber wieder nicht wegen des Wassers. Morgen soll es vorbei sein mit der Heftigkeit, aber heute schwammen wir noch einml in einer braunen Brühe eine abschüssige Straße hinab. Die letzten zwei Wochen habe ich als absolut grenzwertig in Erinnerung, als würde ich durch mein Fenster auf eine Apokalypse schauen, als wäre die Welt kurz vor ihrem Untergang gewesen. Aber die Natur selbst kennt kein schlechtes Wetter, um auf das Eingangsstatement zurückzukommen. Die Schnecken zum Beispiel fühlten sich in ihrem Element. Und so habe ich auch keine weiteren Verluste zu beklagen als den Schneckenfraß an ein paar Tomaten - und Paprikastöcken.

Die wenigen sonnigen Tage haben wir für Ausflüge und Wanderungen genutzt. In einer Bücherkiste entdeckte ich das Buch von Renate Feyl über Sophie de la Roche, der Autorin, die ihre Familie im 18. Jahrhundert durch Schreiben über Wasser gehalten hat. Die profanen Stunden des Glücks. Dabei entdeckte ich, dass ich vor drei Jahren schon einmal darüber berichtet hatte: Wie man einst vomSchreiben lebte. Die Lektüre hat mir außerordentlich gut über diese Zwischenzeiten hinweggeholfen. Ergänzend zu meinem damaligen Bericht kann ich sagen, dass der Literaturbetrieb dem heutigen nicht ganz unähnlich war. Allerdings mit einem nicht unerheblichen Unterschied bei den Lesern und Leserinnen. Mit "Fräulein von Sternheim" hat Sophie de la Roche einen neuen Typ Frauenroman geschrieben, nämlich den einer Frau, die ihren eigenen Weg geht. Das fanden vor allem die Damen des Hofes und die "gehobene Gesellschaft" so toll, dass sie die Autorin feierten wie einen Star. Das dicke Geld verdiente sie aber mit der Zeitschrift "Pomora", weil die russische Zarin Katharina einen Haufen davon bestellte und sie verteilte. Mit der Zeit aber, die durch die Ereignisse in Frankreich immer stärker beeinflusst wurden, ging der Umsatz der Zeitschrift zurück, weil die erzieherischen Frauenthemen zu verstaubt wirkten. Sophie de la Roche überzeugt als Gesamtlebenswerk, als Schriftstellerin, die Manuskripte von Goethe, Schiller, Wieland und anderen vorgelegt bekam und von fast allen verehrt wurde. Sie hat ihren Mann, ihren Lieblingssohn und ihre Lieblingstochter verloren und sich dennoch sechzigjährig auf Reisen durch Europa gemacht, über die sie berichtete und mit denen sie sich durchbrachte. Ihr Name ist in Literaturkreisen geläufig, wenn auch Schillers "Räuber" und Goethes Werke heute noch bekannt sind und im Theater gespielt werden.
Hummelragwurz am Rand des Schwarzwaldes


Stadtmauer von Dinkelsbühl

Falls ich jemals noch eine Anwandlung bekommen sollte, wäre die Zeit von ihrer Geburt, die platonische Liebe zu Wieland, ihr Verweilen auf Schloss Warthausen bei Biberach sowie die Zeiten im Schloss von Bönningen (wo sie das Fräulein von Sternheim schrieb) noch "frei". Vielleicht erinnere ich mich daran, wenn wieder einmal der Sturm ums Haus tobt, die Regentropfen gegen die Fenster klatschen und die Vögel angstvoll davor herupiepsen. Apopos Vögel und Unwetterzeiten: Es muss die Tiere wirklich verrückt machen. Ein Storch im Brandenburgischen hatte kürzlich, so stand es in der Zeitung seine geliebte Störchin an einen Rivalen verloren, der dick und fett in seinem Nest saß. Der Storch klopfte an alle Fenster des Dorfes und hackte auf Autos ein, weil er in der Spiegelung seinen Nebenbuhler zu sehen meinte. Ich weiß nicht mehr genau, wie das endete. Vielleicht vertrieb er den Rivalen aus dem Nest und hockte dann alleine dort.

Sonntag, 29. Mai 2016

Von der Wiederentdeckung des "Eigen-Sinns"

Winkel in Aach beim Aachtopf
Oder auch: den Faden wiederfinden, der einen durch das bisherige Leben begleitet hat. Selbst ein so profanes Ding wie ein Blog kann sich zu einer Art roten Fadens entwickeln und dazu beitragen, das Geknäule des Daseins zu entwirren. Ein Blog kann etwas sein wie ein virtueller Ort, der durch Kommunikation und Vernetzung mit anderen eine Gemeinschaft bildet. Wie im wirklichen Leben eben auch. Nicht immer und nicht ohne eigenes Zutun natürlich. Heute Vormittag, an diesem gewittrigen, schwülwarmen Maiende des Jahres 2016, hatte ich dieses Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Dazu brauchte ich nur die Einträge meiner BlognachbarInnen zu lesen. Und jeder Eintrag spiegelte etwas von meiner eigenen Situation wider. Der Reihe nach: Es begann mit Elli Radingers Schilderung der Bücher, die auf Reisen geschickt werden. So gekonnt machen wir das hier nicht, aber wir haben unsere Büchertauschplätze in den Städten und Dörfern um uns herum. Seien es Schränke mit Glasscheiben oder "Bücherbäume", in denen die zu tauschenden Bücher gut übersichtlich stehen. Oder die Tische und Vitrinen in Supermärkten, wo die Bücher meist hastig abgelegt, gesucht und dabei durcheinandergeworfen werden, so dass man sie mühsam wieder ordnen muss. Die Idee der Tauschbörse, die Elli beschreibt, macht das Ganze nochmal systematischer. Diese Stätten sind auch Orte der Begegnungen, wir haben schon manchen bibliophilen Menschen auf diese Weise kennengelernt.

Dann las ich in Annette Webers Blog über den Druck, den äußere Umstände auf uns ausüben, uns in Panik versetzen können und uns daran hindern, das zu tun, was wir eigentlich am liebsten tun würden. Das mit dem Rasenmähen kenne ich beispielsweise zur Genüge. Gerade hat man erst gemäht, schon bringen die schwülfeuchten Tage die Gräser dazu, wieder in die Höhe zu schießen. Ringsumher hört man das Gesumm der Elektrorasenmäher, und ausgerechnet mein Rasen steht als einziges Schandbild in dieser wohlanständigen Siedlung! Eigentlich habe ich keine Lust, schon wieder mit dem Kabel herumzutanzen und dabei zu merken, wie mir der Schweiß aus allen Poren bricht. Es gibt ja genügend anderes zu tun, zu gießen, zu jäten, einzukaufen, zu putzen, spazierenzugehen, Blogeinträge und anderes zu lesen und zu verfassen. Ein Bericht für die Zeitung über den Trauma-Vortrag musste redigiert und abgesendet werden (dafür kam er gestern auch in professioneller Aufmachung). Die äußeren Umstände, die Forderungen, die unsere Umgebung an uns stellt, hindern uns daran, uns dem Eigentlichen zu widmen - wenn wir wissen, woraus es eigentlich besteht!

Die nächsten beiden Einträge kamen von Sabine Schäfers, die sehr eindrücklich über die Rollenklischees nachdenkt, die von Verlagen an Autoren herangetragen werden. Und von Petra van Cronenburg mit einem hervorragenden Artikel über kreative Prozesse und alle damit verbundenen Überlegungen und Umstände wie dem Scheitern und dem Neuanfang. Den Ausführungen, die mich direkt angesprochen haben, kann ich nichts Weitergehendes hinzufügen. Aber sie und alle anderen brachten mich dazu, jetzt gleich ebenfalls einen Beitrag schreiben zu wollen, mit dem ich mich bei meinen BlognachbarInnen bedanken will. Auch bei Alice Gabathuler, deren Blog ich seit Jahren verfolge. Sie hat zusammen mit anderen einen Verlag gegründet, was ich mit allergrößtem Respekt vermerke.

Während meiner langjährigen Arbeit mit psychisch labilen, vulnerablen, das heißt besonders verletzbaren Menschen habe ich manchmal einen Klienten oder eine Klientin gefragt, was sie denn früher, in ihrer Jugend, besonders gern gemacht hätten. Und bei manchen von ihnen scheint das auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein, oder sie haben selbst in sich Ressourcen entdeckt, die sie ausleben und damit ihre Krankheit positiv beeinflussen konnten. Viele von ihnen malen, eine hat sogar im Landtag an einer Ausstellung teilgenommen und wurde ins Fernsehen eingeladen. Andere züchten Blumen, tischlern oder kochen göttliche Gerichte wie Kürbissuppen, tschechische Linsengerichte oder polnische Fleisch-und Kohlrouladen. Ein Mann, der kurz bei uns zu Gast war, hat einen köstlichen Eintopf nur aus Rinderknochen, Meersalz und Gemüse hergetellt, besser als mit jeder Fertigbrühe. Und das hatte er sich bei seiner Freundin abgeguckt. Man muss nur die inneren und äußeren Stimmen und Sätze wie "Das schaffe ich nie" oder "Was bringt das denn überhaupt?" abschütteln und einfach das machen, was einem in den Sinn kommt. Ohne zu überlegen, was dabei herauskommen, für wen man es tun und von wem es beachtet werden könnte. Eine Geschäftsidee daraus zu entwickeln - wie mit dem Schreiben oder anderen kreativen Tätigkeiten - erfordert dann noch einmal ganz andere Schritte. Wenn man mich übrigens fragen würde, was ich selbst gern in meiner Jugend gemacht habe: Es waren das Schreiben, das Fotografieren, Lesen, Malen, Wandern, Kochen, Reisen, nächtelange Gespäche mit Freunden, Abtanzen in Kneipen und -Träumen.

"Weißes Waldvögelein", Orchidee der schwäbischen Alb, 26.5.16
In dem Geschehen der letzten Tage ist mir via Fernsehen der Rock- und Balladensänger Udo Lindenberg begegnet, der letztens seinen siebzigsten Geburtstag feierte und gerade eine bundesweite Tournee abzieht. Er wird frenetisch bejubelt, spricht in Interviews über die Entwicklung seines "Eigensinns" und schaut einem mit Hut und Zigarre in jeder Musikabteilung der Geschäfte entgegen. Man mag halten von ihm, was man will, aber er hat es geschafft, er selbst zu bleiben. Auch wenn jemand sagt, wir bräuchten keine alten, nuschelnden Männer mehr auf der Bühne. Ich besitze keine Platte und keine CD von ihm, aber viele Lieder klingen mir noch sehr lebendig in den Ohren. Rudi Ratlos, Hinterm Horizont gehts weiter und so weiter. 50 Songs in 30 Jahren .Lindenberg hat mit 15 Jahren beschlossen, Rockmusiker zu werden. Und er hat es geschafft, so, wie sein Vorbild Hermann Hesse mit 13 Jahren ankündigte, Schriftsteller zu werden und sonst gar nichts. Mit Anfang dreißig meinte Udo, es wäre doch wünschenswert, im Alter noch auf der Bühne zu stehen und nicht den Hut abzugeben wie beispielsweise die Fußballer. Dem teilweise geschmähten Hesse hat er in dessen Heimatstadt Calw ein jährliches musikalisches Rock-Denkmal gesetzt. Calw rockt. Lindenberg versuchte sich zwischendurch mit bürgerlichem Leben und Häuschen, ist grandios gescheitert, stürzte ab in Alkoholexzesse. Als vor zehn Jahren sein Bruder, der Maler Erich Lindenberg starb, riss ihn das aus seinem verzweifelten Sumpf. Er stand einfach noch einmal auf und fasste sein Lebenswerk auf der Bühne zusammen. Jeder Auftritt könnte der letzte sein. Und hier schließt sich der Kreis der Themen: Selbstbestimmtheit, Kreativität, Trauma, Verletzbarkeit, Irrwege und Neuanfang.

Dienstag, 24. Mai 2016

Kreative Pause

Was ist eigentlich eine kreative Pause? Normalerweise habe ich darunter immer eine Phase verstanden, während der sich der Schaffende erholt und wieder neue Kräfte schöpft. Ich habe wenig dazu im Netz gefunden. Nur bei Wikipedia gibt es eine Definition, die ich einmal zusammenfassen könnte, obwohl sie als nicht ausreichend belegt bezeichnet wird. Eine kreative Pause sei aus gestaltpsychologischer Sicht eine Pause unterschiedlicher Länge im kreativen Schaffensprozess von Künstlern, Wissenschaftlern und Geisteswissenschaftlern. Dabei sei die Pause selbst nicht mit kreativen Tätigkeiten angefüllt. Sie solle eher der Erholung des Geistes und der Wiederherstellung der Schaffenskraft dienen. Die Notwendigkeit dieser Pausen in kreativen Schaffensprozessen sei jedoch nicht belegt. Wenn sich der Kreative mit themenfremden Gegenständen beschäftige, einfache Tätigkeiten zur Ablenkung wähle oder Spaziergänge mache, ende irgendwann die kreative Pause mit dem kreativen Ausbruch, die Produktivität nehme zu, neue Ideen entstünden, die Nachtruhe werde verkürzt oder durch Einfälle unterbrochen, die sofort skizziert werden müssten. Eine kreative Pause könne von unterschiedlicher Dauer sein. Manche Personen benötigten lediglich Stunden, um an den Schreibtisch zurückzukehren, bei anderen dauere es Tage und Wochen, gar Monate, bis der Geist wieder in der Lage sei, neue Ideen zu produzieren. Allerdings könne die Rückkehr in den Schaffensprozess extrem schwierig werden.

Ich selbst weiß nichts von alledem. Kann es sein, dass ich während der letzten sechzehn Jahre überhaupt keine Pause, schon gar nicht eine kreative, gemacht habe? Und ist das denn wirklich notwendig? Der Schriftsteller Henri Miller zum Beispiel lebte von 1944 bis 1962 in Big Sur in Kalifornien, als Aussteiger unter Gleichgesinnten. Meines Wissens schrieb er zehn Jahre lang nichts und veröffentlichte 1957 einen Aufsatz über diese Zeit (Big Sur and the Oranges of Hieronymus Bosch).Die anderen Einträge, die ich zum Thema "kreative Pausen" gefunden habe, stammten meist von Bloggern, von Studenten oder Professoren. Für Autoren scheint das Thema also, zumindest im Netz, keines zu sein. Irgendwo las ich auch, eine solche Pause brauche natürlich nicht darin zu bestehen, stunden-, tage - und wochenlang die Wände anzustarren oder mit dem Kopf dagegenzuschlagen. Man könne sich ruhig eine Auszeit draußen oder drinnen oder ganz anderswo gönnen. Natürlich! Alle Prozesse bei mir waren immer von ständigen Pausen unterbrochen, Arbeitspausen, Wanderpausen, Essenspausen, Urlaubspausen, Stadtbummelpausen. Deshalb brauche ich auch keine reine, abgegrenzte kreative Pause. Denn was sollte das anderes sein als eine ewige Wiederholung der immerselben Pausen?

Nein, ich brauche einfach mal eine andere Sicht der Dinge. Sollte mal wieder etwas anderes machen als diese ewigen Romane zu schreiben, die ja heutzutage immer schwerer an die Verlage, Agenten und LeserInnen zu bringen sind. Gleichzeitig haben sich die Bedingungen im Self Publishing verschlechtert. Manche Autoren, die ich kenne, sind dabei, eigene Verlage aufzubauen oder haben das schon getan. Zu dem Ganzen ist mir etwas eingefallen: Ich habe in meinen Dateien aufgeräumt und die Hälfte meiner Kurzgeschichten aus den Jahren 2000-2006 als unbrauchbar rausgeschmissen. Drei davon wurden in einer Anthologie veröffentlicht, sind noch 23 von 50 übrig. Dazu habe ich einen neuen Blog eingerichtet, in dem ab und zu eine dieser Geschichten erscheinen könnte. Heute habe ich angefangen mit der Geschichte "Wenn der Schäfer mit dem Dackel", die vielleicht dem einen oder anderen aus der Vergangenheit noch bekannt sein könnte. Dabei geht es um das Leben mit einem treuen Hund, der eine Mischung aus Schäferhund und Dackel war. Ähnlich werde ich mit der Halde von zwei oder drei unveröffentlichten Romanen, Exposés und Ideen verfahren, das heißt, das Unbrauchbare löschen und das Recycelbare behalten. Diese "ordnende" Tätigkeit bewahrt mich davor, das "Kreative" allzu schmerzlich zu vermissen und hat damit eine nicht-kreative Funktion.Und was meine Blogs angeht: Die sind von der Pause natürlich ausgenommen - es ist eine Pause des Veröffentlichens.
Kopf hoch! Es gibt noch eine Welt da draußen

Freitag, 20. Mai 2016

Kopf hoch! Es gibt noch eine Welt da draußen

Vor etwa einer Woche saß ich in einem Vortrag über "Trauma und Sucht", inmitten einer Schar von zweihundert Leuten. Ein paar Reihen weiter sah ich einen Mann, der den Kopf gesenkt hielt und sein Smartphone checkte. Ob der sich wohl langweilte? Eigentlich fand ich es unhöflich, dass er nicht bis zur Pause warten konnte. Ich selbst habe bewusst kein Smartphone, und doch finde ich diese leichte Sucht und zwanghaften Strukturen auch bei meinem eigenen Internetverhalten. Doch dazu später. Dem Phänomen bin ich jetzt einmal nachgegangen. In einem Artikel der "Welt" vom letzten September wird von einem Versuch mit einer App berichtet, die anzeigen soll, wie viel Zeit man tatsächlich im Internet verbringt. Sie soll von 200 000 Menschen heruntergeladen worden sein, deren Daten bis dahin noch nicht ausgewertet wurden. Dabei gebe es 500 000 Internetsüchtige in Deutschland, berichtet die "Welt". Es gibt offensichtlich schon Therapiezentren (Video), in denen man in Selbsthilfegruppen zu einem bewussteren Umgang vor allem mit dem Handy gelangen kann. Sie gehe auch aufs Klo nicht ohne ihr Handy, berichtet eine Frau. Die meisten SMSe würden dort geschrieben. Der Grund sei die Angst, irgendetwas zu verpassen. 10 Minuten pro Tag telefonieren, der Rest von 2-3 Stunden bestehe aus Surfen, Emailsschreiben, Facebook und Spielen. Diese Menschen brauchen Anleitung, wie sie das suchtartige Verhalten eindämmen können, zum Beispiel "handyfreies Schlafzimmer"oder Wecker und Armbanduhr kaufen. Komisch, das ist mir noch gar nicht aufgefallen, dass viele überhaupt keine Uhr mehr am Handgelenk haben. Bei mir klingelt der Wecker punktgenau mit einer Batterie, die schon seit Jahren läuft. Wenn ich ihn denn überhaupt mal brauche. Warum kaufen sich Menschen alle zwei Jahre ein neues Smartphone für 700 Euro, wenn doch die meisten unter den Zwängen leiden, die es mit sich bringt? Es sei eine Sucht wie die nach Nikotin und Alkohol, wird gesagt.

Ich selbst lebe seit dem Milleniumsjahr 2000 mit dem PC, dem Jahr, in dem ich mir einen Computer anschaffte. Seitdem klebe ich daran wie eine Fliege am Leim, mit dem sie gefangen werden soll. Ich habe ihn mir gekauft, weil ich irgendwo gelesen hatte, damit könne man Emails in alle Welt schreiben und 200 Rezepte für Sauerbraten finden. Das erste Wort, das ich bei Google eingab, war "Wandern", das zweite "Schreiben". Nun kann man sich bestimmt denken, wie es weiterging. Mindestens zwei Sehnenscheidenentzündungen hatte ich während dieser Zeit. Und auch jetzt tut der Oberarm manchmal wieder weh. Das Schreiben und der Austausch vor allem mit anderen Schreibenden haben mir eine ganz neue Welt eröffnet, aber auch die Welt da draußen öfter von mir ferngehalten. Gottseidank habe ich die digitale Welt nicht nach draußen geschleppt, sondern war, wenn ich die Haustür hinter mir schloss, wieder in der Realität. Obwohl ich seit einem Jahr nichts Neues mehr geschrieben habe, klebe ich weiter an dem Ding. Die Verkäufe und die Vermarktung der E-Books mussten abgewickelt werden, neben den Recherchen wurden alle Fragen, die ich hatte, an Google gestellt, selbst die nach Adressen von Ärzten, nach Rezepten, Wandertouren oder der Bestimmung von Pflanzen. Vor Kurzem schickte ich Exposé und Leseprobe meines Krimis an einen Agenten. Bei der Prozedur lief nebenher der Fernseher, und in der Küche brannte der Espresso an. Da merkte ich, dass es wirklich zu einem Ding geworden war, das mich in der Hand hat und mich beherrscht. Die Agentur schickte übrigens nach einer Woche eine Absage. Ich beschloss, erst einmal eine kreative Pause einzulegen. Eine gute Zusammenfassung der momentanen Situation von Verlagsautoren und Self Publishern, auch was den Suchtfaktor angeht, gibt es heute übrigens im Literaturcafé.

Gestern fuhr ich den PC nach dem ersten Check herunter und habe ihn erst abends wieder angemacht. Und war dann unterwegs. Es gab viel zu sehen und zu erleben: Bücher zum Mitnehmen in der Bücherei, tausend Düfte in einem Drogeriemarkt, einen Abendhimmel mit rosa Schichtwolken und überall Töpfe mit Geranien, Gerbera, Petunien und Glockenblumen. Die habe ich im Abendsonnenschein auf der Terrasse eingepflanzt. Im Café hatte niemand ein Smartphone neben seiner Tasse, und es lief auch niemand mit so einem Ding vorbei. Alle Köpfe waren oben. Ob die sich wohl schon so eine App heruntergeladen hatten? Es gibt so viel in dieser Welt, das es wieder zu entdecken gibt! Am Sonntag ist bundesweit Tag der Museen, da werden sie auf der Ringmauer in Horb feiern und mit Arkebusen schießen. Am 4. Juni kommen Bands nach Nagold; darunter Dr. Gonzos Rock- und Bluesband. Und danach werde ich es dann vielleicht doch einmal schaffen, nach Huesca und Zaragoza und zum Kloster San Juan de la Peña in den Pyrenäen zu fahren. Ich klopfe auf Holz, denn es war der erste Tag, an dem ich dem Computer etwas weniger auf den Leim gegangen bin. Nach Verfassen dieses Artikels verlasse ich die digitale Welt erst einmal wieder.

Freitag, 13. Mai 2016

Schlechtwettertrauma

Vor einiger Zeit sah ich im Blog eines mir bekannten Autors die Überschrift: "Petrus auf offener Straße erschossen!"Las sich wie eine Zeitungsmeldung in dem Sinne: Wegen anhaltender Schädigung der Bevölkerung wurde Petrus eliminiert. Dabei blieb es offen, welche Konsequenzen das haben würde. So drastisch müssen wir in der Sache ja gar nicht vorgehen. Schon in der Schule musste ich mal einen Aufsatz schreiben, ob man sich von schlechtem Wetter beeinflussen lassen sollte. Damals hing ich, glaube ich, noch in der Schiene: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung. Das ist aber, so merkte ich im Lauf der Jahre, wahrscheinlich nur ein Versuch, den Umsatz der Regenbekleidungsindustrie anzuheizen. Schlechtes Wetter ist doof und bleibt doof, besonders wenn es zu Pfingsten kommt und die ganze darauffolgende Woche bleibt. Weihnachten war es wärmer als jetzt!, schreien die Zeitungen. Nass werden ist dabei gar nicht mal so schlimm. Die Farben werden grau und lustlos, die Vögel pressen den Schnabel zusammen und die Gesichter der Menschen sind verbissen oder hoffnungslos.

Nun habe ich ja vergangenen Dienstag den hervorragenden zweistündigen Vortrag der Psychologin und Traumaexpertin Michaela Huber angehört. Von Trauma kann natürlich keine Rede sein, wenn irgendetwas im täglichen Umfeld schiefgeht. Ich erinnere mich an die sogenannte "Kühlschrankdepri", die manche Zeitgenossen befällt, wenn sie da hineingucken. Aber man kann etwas anderes aus dem ableiten, was mir von dem Vortrag stark im Gedächtnis zurückgeblieben ist.
Bisher dachte ich immer, wenn das Wetter dauerhaft schechter, unbeständiger und unbegreiflicher wird, kann ich ja immer noch schreiben. Das funktioniert aber nicht so einfach. Schönes Wetter, das es bis vor einigen Jahren in zuträglichem Umfang noch gab, beflügelt die Phantasie, entlastet Körper und Seele, lässt die Vögel singen, die Menschen freundlich gucken und die Pflanzen wachsen. Da nützt alles Schreiben dagegen an überhaupt nichts. Aber man kann, so lernte ich in dem besagen Vortrag, seine Ressourcen finden und neu erwecken, für sich selber sorgen und nicht immer nur für andere, neue Wege gehen. Schlechtes Wetter, auch wenn es sich über die Jahre wiederholt, kann an sich kein Trauma auslösen. Echte Traumata gehören in die Hand des Psychotherapeuten. Aber dauerhaft mieses Wetter kann eine Art Phobie auslösen, nämlich es vermeiden, ständig davor fliehen  zu wollen, sich wie in einem Gefängnis zu fühlen. Denn konnte an früher noch in den Süden fahren, muss man derzeit feststellen, dass die Tiefdruckzonen sich eben dort befinden und die schwülwarme Luft zu uns herüberschaufeln. Diesem Phänomen müssen wir uns stellen und das für uns Beste daraus machen. Wobei das keine andere Erkenntnis ist als die, zu der ich in meinem jugendlichen Schulaufsatz gekommen bin.

Freitag, 6. Mai 2016

Schreib - und Reiselust -gedämpft??

Heute mal wieder ein Beitrag in eigener Sache. Die langen schaurigen Wintermonate hatte ich dazu genutzt, meine drei E-Books bei Tolino Media zu vermarkten. Nach einem halben Jahr aber ist die Zeit vorbei (im Buchhandel oft schon nach zwei Monaten). So kramte ich beziehungsweise holte ich mit neuem Schwung meinen Schwarzwaldkrimi aus den Dateien und überarbeitete ihn noch einmal gründlich. Vor ein paar Tagen habe ich alles - Exposé, 20 Probeseiten, Vita und Bibliographie -per Email an eine kleinere Agentur geschickt, wohl wissend, dass da keine Antwort kommen würde. So what, ich hatte jetzt alles getan, schickte noch die letzte Großverlagsabrechnung ans Finanzamt und eine Knöllchenrechnung an die Stadt. Jetzt sollte es endlich losgehen, denn ein Riesenhoch begann sich über Europa auszudehnen. Endlich mal eine andere Luft schnuppern, endlich mal raus aus diesem Joch aus Autobahnen, Industrieanlagen, täglich wachsenden Supermärkten auf der grünen Wiese und dem allgegenwärtigen hupenden, stinkenden Verkehr mit Autofahrern, die sich immer nur vordrängen und lebensgefährliche Manöver unternehmen, wenn man es gewagt hat, sie zu überholen! Neben Nordspanien, das mein Freund schon lange anvisiert, und der Haute Provence bleiben uns hier im Daimlerland eigentlich nur wenige Alternativen, wo man ohne Bahn und Flugzeug noch einigermaßen unbelästigt hinkommt: Das Schwarzwälder Kinzigtal, die schwäbische Alb, der Bodensee, Oberschwaben und das Allgäu. Wenn man allerdings am Bodensee oder im Allgäu ist, sieht es schon wieder anders aus. Wir wollten schon lange mal wieder ins Bayerische fahren - Erinnerung an weißblauen Himmel und blauweiße Tschdecken, Kirchen, die wie Fata Morganas vor diesem Himmel schweben, dazu die Schweinebraten und Knödel zu wohlfeilen Preisen.

Wie gesagt, als nun alles getan und erledigt war, machten wir uns auf in das gelobte Land. Es ging auch recht flott voran über die schwäbische Alb, derweil Lastwagenfahrer, Hausfrauen und Geschäftsreisende beim Mittagsmahl saßen. Auf der Alb gibt es eine noch ziemlich verlassene Gegnd, wo wir in einem (uns bekannten) Gasthaus einen wahrhaft köstlichen Mittagstisch zu uns nahmen. Bärlauchsuppe, einen delikaten Salat mit echt schwäbischem Kartoffelsalat, Gulasch mit Spätzle sowie einen Vanillepudding mit eingemachten Erdbeeren. Das reichte für den Rest des Tages, und mit nur 6 Euro hatten wir noch einen prall gefüllten Reisesack übrig. Vor einiger Zeit lebte die frühere Besitzerin dieses Gasthofes noch. Sie sagte uns: Genießen Sie nur die Zeit, sie geht so schnell vorbei! Vor zwei, drei Jahren ist die liebenswerte Dame im Alter von 95 Jahren verstorben. Ja, wir hatten uns dieses Motto auf den Schild geschrieben, aber wie heißt es noch: Es kann der Beste nicht in Frieden leben ...denn als wir am Ziel ankamen (Mindelheim), war die Stadt total verstopft, so voll, dass wir rückwärts wieder rauskatapultiert wurden. Wenn es selbst in ländlichen Mittelstädten so zugeht vor den Feiertagen, kann man; na was? In Deutschland keinen Individualurlaub mehr machen. Der Tag wurde nur dadurch gerettet, dass es gelang, ins schöne Landsberg am Lech hinein zu gelangen, dort einen Rundgang zu machen, bei einem freundlichen Italiener eine großen Latte Macchiato zu trinken, die wunderbare Asamkirche zu inpizieren und dem Tosen des Lechs zu lauschen. Wieder daheim, waren wir ganz schnell wieder auf unserer zuverlässigen schwäbischen Alb, um stundenlang bergauf bergab in der Natur umherzuwanden. Ausnahmsweise wurde die Ruhe nur von einer Gruppe junger Männer unterbrochen, die auf einem Schäferkarren sitzend feierten.

Was hat nun das eine mit dem anderen zu tun? Der Weg zu einem Urlaubsort ist oft langwierig, frustrierend und mit vielen Hindernissen versehen. So war es allerdings auch schon bei unseren Altvorderen. Wer einmal den-etwas langweiligen-Reisebericht Goethes nach Italien oder sonstige Beschreibungen gelesen hat, weiß, wie mühevoll das Reisen anno dazumal war. Wobei die damaligen Wegelagerer und schlitzohrigen Wirte fast eins zu eins übertragen werden können. Die meisten setzen sich heute eh in den Flieger, was wegen der Kontrollen ziemlich unangenehm geworden ist. Man muss also immer durch finstere Täler gehen und sieben Berge überklimmen, um ein ersehntes Ziel zu erreichen. Da es so schwierig und so unangenehm ist, kann man natürlich auch zu Hause bleiben. Man kann aufhören zu schreiben oder gar nicht erst damit anfangen, weil auch das immer schwieriger wird. Nach dem BGH-Urteil vom 21. April 2016 (Siehe oben rechts) suggeriert die Presse marktschreierisch den Untergang vieler Verlage. Neue Autoren würden erst gar nicht aufgenommen in der Verlags- und Agenturwelt, noch mehr Autoren würden den Weg des Self Publishing gehen und alles versinkt im Drögen. Ein Hauen und Stechen wie im Mittealter. Doch gibt es da ein paar Dinge, die man erleben kann. Und die erlebt man nur, wenn man trotz alledem losgeht, -fährt, - wandert - und -schreibt.




Donnerstag, 28. April 2016

Trauma

Für Betroffene und Interessierte im Großraum Tübingen/ Freudenstadt/ Calw ein interessanter Termin: Die renommierte Traumaexpertin Michaela Huber spricht am Dienstag, den 10. Mai 2016 um 19.00 über das Thema: "Trauma und Sucht". Ort: Kubus Nagold, bei der Stadtbücherei. Zum Thema "Trauma" noch ein ausführlicherer Link Diagnose Trauma Traumatische Ereignisse können Naturkatastrophen oder Gewalterfahrungen sein, schwere Unfälle, Vergewaltigungen, Terroranschläge, Kriegserlebnisse oder Entführungen. Sie können zu akuten oder dauerhaften psychischen Schäden wie der akuten Belastungsreaktion und der Posttraumatischen Belastungsstörung führen. In unserer Zeit häufen sich solche Erfahrungen für viele Menschen. Es können aber auch Erfahrungen von Gewalt oder sexuellen Übergriffen in der Kindheit sein, die zu solchen Traumatisierungen führen. Ich selbst habe in meiner Arbeit mit Traumapatienten erlebt, dass sie u.a. Identitätsschwierigkeiten hatten, zur Selbstverletzungen neigten und ein ausgeprägt niedriges Selbstwertgefühl hatten. Manche litten auch unter Impulsdurchbrüchen, Flashbacks, "Nachhallerinnerungen" oder Alpträumen. In einem Fall habe ich es erlebt, dass derjenige nicht mehr gehen und nichts mehr sehen konnte, wenn so ein Flashback kam. Wenn keine therapeutische Hilfe in Anspruch genommen wird, kann der Betroffene auch versuchen, "Selbstheilungsmittel" wie Alkohol und Drogen gegen seine Symptome einzusetzen. Daraus kann dann ein Teufelskreis entstehen, aus dem die Betroffenen sich meist ohne Hilfe nicht mehr befreien können.

                                          
Vortrag Trauma und Sucht


Am Dienstag, den 10. Mai 2016, auf Einladung des Nagolder Vereins für soziale Integration, hält die bekannte Traumaexpertin und psychologische Psychotherapeutin Michaela Huber einen Vortrag über „Trauma und Sucht.“ Die Veranstaltung findet um 19.00 im Kubus, Zwingerweg 7 in Nagold, statt. Der Vortrag ist kostenlos, alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Parallel dazu werden am 11. und 12. Mai Workshops zum Thema "Komplextrauma in der Psychiatrie, Psychotherapie und Beratung" angeboten. Diese Workshops sind bereits ausgebucht, eine Anmeldung ist leider nicht mehr möglich. Michaela Huber wurde 1952 in München geboren. Nach Studium der Psychologie in Düsseldorf und Münster sowie Ausbildung in Verhaltenstherapie war sie Dozentin an verschiedenen Ausbildungsinstituten und Universitäten in Deutschland. Von 1978-1982 war sie Redakteurin bei der Zeitschrift „Psychologie heute“. Seit 1989 ist sie in Kassel als Psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin niedergelassen. National wie international ist sie als Ausbilderin in Traumabehandlung mit Schwerpunkt komplexe PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) und dissoziative Störungen tätig. Zahlreiche Fachartikel und Bücher sind von ihr erschienen, unter anderem ein zweiteiliges Standardwerk: „Trauma und die Folgen“ und „Wege der Traumabehandlung“ (2003), dann „Der Feind im Innern“ (2013) sowie „Der geborgene Ort“ (2015). Michaela Huber ist seit 1995 1.Vorsitzende einer Trauma-Fachgesellschaft (ISSD, d.h. International Society for the Study of Dissociation dt. Sektion, seit 2012 umbenannt in „Deutsche Gesellschaft für Trauma und Dissoziation“). Sie wurde u.a. mit dem „International Distinguished Achievement Award 1997 der ISSD ausgezeichnet und erhielt das Bundesverdienstkreuz.

Nun zum Thema: Wer kennt sie nicht, die flotten Sprüche wie „Darauf einen Dujardin“, „Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein“ oder „Halt, mein Freund, wer wird denn gleich in die Luft gehen! Greife lieber zur HB, dann geht alles wie von selbst!“ Wie Studien zeigen, beginnt die Sucht oft damit, dass großer Stress, bedingt durch eine schwierige psychische Entwicklung, durch traumatische Erfahrungen und Konfliktsituationen, nicht mehr gelöst werden kann. In solchen Situationen wird häufig ein Suchtmittel eingesetzt, anstatt sich Hilfe zu suchen. Das Suchtmittel wird quasi zum Bindungsperson-Ersatz, zum "besten Freund", weil die Beziehungen zu wichtigen Personen eventuell schon in der Kindheit gescheitert sind. Wenn jemand abhängig von Suchtmitteln geworden ist, dann hat er das meist nicht aus Jux und Tollerei, aus Frust oder Abenteuerlust gemacht. Oder weil er erstmalig als Erwachsener in eine Krise geraten wäre. Viele haben eine Kindheit voller Gewalt und Leid hinter sich. Die Sucht scheint dann ein Ausweg zu sein, um nichts mehr fühlen, sich nicht mit dem Schmerz konfrontieren zu müssen. Süchtige weichen der Notwendigkeit aus, sich mit den Folgen von Trauma und Gewalt auseinanderzusetzen und eine Veränderung einzuleiten. Dabei wiederholen sie oft genau die Muster, vor denen sie davonlaufen. Welche neuen, konstruktiveren Lösungsmöglichkeiten könnte es in solchen Situationen geben? Wie kann man die eingefahrenen Lebensmuster ändern, das Ruder noch einmal herumreißen?

Christa Schmid-Lotz, 28. April 2016

Freitag, 22. April 2016

Leben am Rande des Schwarzwalds

Wie lebt es sich zur Zeit im großen schwarzen Wald? Die Buchen haben junge Blätter angesetzt, es leuchtet hellgrün in den Wäldern, dazwischen die schwarzen, düster schweigenden Tannen und Fichten. Millionenfach sind Anemomen, Primeln, Veilchen, gleichzeitig Löwenzahn, Lungenkraut, gelbe Windröschen und Frühlingsfingerkraut aus dem Boden geschossen. Mein Garten sieht wieder aus wie ein Osternest. Als würden die Pflanzen spüren, dass sie flott machen müssen, denn bald soll es ihnen ja wieder auf die zarten Köpfe schneien. Ich selbst habe einiges abgeschlossen. Die Steuererklärung habe ich vor ein paar Tagen ganz ohne Steuerberater fertig gestellt und abgeschickt. Es fehlte noch die Abrechnung vom Verlag, die kam heute mit Peanuts und Verspätung. Ich habe mir gerade mal das Vergnügen gemacht, sie mit der Abrechnung von Tolino Media zu vergleichen. Auf das halbe Jahr umgerechnet habe ich im Verlag mehr Ebooks verkauft, aber bei Tolino zehnmal soviel verdient. Wenn ich meinen Schwarwaldkrimi fertig überarbeitet habe, könnte ich das Angebot annehmen, es dort bevorzugt als Neuerscheinung einzustellen. Die Verkaufsmaßnahmen wie Leserunden, Bloghinweise, Facebookpräsenz usw. habe ich bei den Verlagsbüchern genauso gehandhabt wie bei den SP-Büchern, wenn nicht sogar dort etwas mehr.


Der Bodensee bei Friedrichshafen
Als Rentner muss man nicht mehr warten, bis am Wochenende das Wetter stimmt. So haben wir uns schon kleine Auszeiten am Bodensee und im Taubertal genommen. Schwer hinzukommen, aber erholsam, dort zu sein. Wenn ich Lust habe, schreibe ich meinen Krimi fertig, der hier in der Gegend spielt. Vielleicht erinnert sich jemand: Es geht um einen Pfarrer, der vor 25 Jahren aus einem Dorf verschwand. Um eine Journalistin, einen Kommissar, um brutale Morde, um schwarzgekleidete Fressäcke und geheimnisvolle Begebenheiten am Teufelsstein.

Zeit zum Lesen bleibt genügend: Im Moment ist das ein sehr lustiges Buch von Pierre M. Krause "Hier kann man gut sitzen - Geschichten aus dem Schwarzwald".
Schwarzwald pur, nicht wahr?

Pierre M. Krause beschreibt, wie er aus der pulsierenden Stadt Baden-Baden wegzieht und fortan, wie ich, auf dem Land im Black Forest lebt. Sonst lese ich eigentlich, außer Hape Kekeling, keine Promi-Bücher, aber dieses hat mich auf fast jeder Seite zum Schmunzeln gebracht. Sei es über die Rasenmäher- und Grillparty-Fraktion, die Holz- und Kettensägen, die Langsamfahrer oder die Notwendigkeit, im Haus immer so angezogen zu sein, als würde man ausgehen wollen, weil jederzeit jemand vorbeikommen könnte. Vom Garten ganz zu schweigen, der darf natürlich nicht so aussehen, als sei dort jemand gestorben! Und die Post hat solche unmerkbaren Öffnungszeiten, dass man am besten immer um 10 Uhr morgens dorthin geht. Nur leider hat meine Post manchmal auch um 10 Uhr vormittags geschlossen.

Der Zeitungsartikel über den Traumavortrag ist raus und erscheint vorraussichtlich nächste Woche in der Zeitung. Bis zum Vortrag am 10. Mail haben wir jede Menge  Zeit, vielleicht noch ein Plätzchen zu finden, an dem sich der Wintereinbruch angenehmer überstehen lässt.
Das Barockjuwel Birnau

Samstag, 9. April 2016

Generation "Kopf unten" und die kleinen Fluchten

Neben allem, was ich auch schon im Fernsehen und im Internet mitbekommen habe, las ich heute einen Zeitunsartikel über die sogenannten Smombies. Smombie ist ein Begriff, der sich aus "Smartphone" und "Zombie" zusammensetzt. Vom Rückschritt des Fortschritts: Digitaler Burnout, Smombies & Generation Head-Down Das beginnt schon mal recht lustig mit einer Darstellung des aufrechten Gangs bei Menschen, der erst auf allen Vieren kriecht, allmählich auftsteht, dann aufrecht geht und in der Endphase den Kopf wieder nach unten senkt, dem Boden immer näher kommt und  damit die Übersicht verliert. Vieles ist schon bekannt wie das Verkehrsschild in Stockholm, das nicht vor spielenden Kindern, sondern vor Menschen mit Handys und Smartphones warnt. Dabei geht es offensichtlich gar nicht mehr ums Telefonieren: 7 Minuten pro Tag soll die durchschnittliche Gesprächsdauer des Smartphonenutzers betragen. Der Rest wird mit Kontaktieren bestimmter Kommunikationsseiten wie Facebook oder Twitter verbracht. Es wird empfohlen, "digitale Diäten", smartphonefreie Zonen für sich einzurichten, zum Beispiel im Schlafzimmer. Speziell für den Straßenverkehr hat die Dekra eine Studie veröffentlicht, die heute in den Zeitungen abgedruckt wurde. Die-Unfaelle-der-Generation-Kopf-unten. Wenn sechs von zehn Bundesbürgern ein Smartphone besitzen und es täglich einige Stunden nutzen, ist das in der Tat ein beachtenswertes gesellschaftliches Phänomen. Und es kann gefährlich werden, wie wir gesehen haben.

Die meisten derer, die diesen Blogeintrag lesen, werden gar kein Smartphone haben oder es so sinnvoll nutzen wie das Messer, mit dem sie Salami schneiden. Ich selbst habe (noch) keins, sehe aber über die genannten Aspekte hinaus noch weitere Zusammenhänge. Eine Rückmeldung in den sozialen Medien zu bekommen, so las ich an anderer Stelle, setze bestimmte Glückmomente frei, das bekannte Serotonin. Das verfliegt aber auch schnell wieder, so dass es bald wiederholt werden muss. Das beschränkt sich nicht nur auf den Gebrauch von Geräten. Es geht ME auch darum, sich Parallelwelten zu erschaffen, um die schnöde Gegenwart eine Zeit lang vergessen zu können. Die meisten der Smartphonebesitzer werden nicht das Glück haben, sich eigene Welten zum Beispiel durch Schreiben, Malen oder Musik erschließen zu können. Wahrscheinlich haben sie sogar verlernt, Bücher zu lesen. Oder sie lesen kürzere Texte auf dem Smartphone. Ich persönlich halte Parallelwelten für äußerst gesund, wenn sie als solche erkannt und persönlichkeitsfördernd eingesetzt werden. Hat sich nicht unter anderem im neunzehnten Jahrhundert eine ganze literarische Genration von Schriftstellern damit über Wasser gehalten? Wenn sich heute vor allem junge Menschen darin total verlieren, ist das besorgniserregend. Handy und Smartphone können auf der anderen Seite auch Orientierungsmittel im Dschungel der modernen Welt sein. Das Umfeld sollte den Blick vom Boden heben und genau beobachten, was geschieht, sollte aufklären und alternative Welten anbieten.

Dienstag, 5. April 2016

Vernetzt und verkabelt

Heute las ich einen kurzen Artikel in der Zeitung, den ich normalerweise gar nicht beachtet hätte. Der Titel lautete: Telekom setzt auf ein intelligentes Zuhause. Heutzutage seien pro Haushalt etwa neun Geräte miteinander vernetzt, bis zum Jahr 2022 sollen es 500 sein. Der nächste große Trend sei der, das alles per Smartphone zu steuern. Aber sie geben zu, dass sie das nicht machen, damit der Kunde und Bürger es angenehmer oder leichter hätte. Nein, sie wollen den Kuchen nicht anderen, vor allem amerikanischen Anbietern wie Google oder Nest überlassen. Zu dem Zweck gründen sie eine eigene Plattform. Ich frage mich oft, wieso eigentlich immer als selbstverständlich vorausgesetzt wird, dass jeder ein Handy, ein Smartphone oder auch einen Computer hat. Und empfinde es als Zwang und Bevormunderei.

Ich gehöre ja zu einer Generation, die jene guten alten Zeiten noch erlebt hat, von denen nur noch hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Es möchte sich ja keiner als altbacken und Fortschrittsverweigerer zu erkennen geben. Durch meine Beschäftigung mit dem Schreiben habe ich im Lauf der Jahre viel über Computer und digitale Netzwerke gelernt. Inzwischen kann ich sogar meine Steuererklärung digital ausfüllen und selbst Formulare finden, die bei der Finanzverwaltung gar nicht angeboten werden. In Foren konnte ich sehen, dass Leute gezwungen wurden, viel Geld für einen Steuerberater auszugeben, nur um dieses Formular digital auszufüllen. Papier geht so gut wie gar nicht mehr. Dabei frage ich mich, wie andere Leute damit zurechtkommen.

Als ich vor etlichen Jahren nach Umzug ein neues Telefon brauchte, kam noch jemand von Telekom ins Haus und schloss das neue Gerät an. Bei jeder Störung, die ich seither hatte, musste ich mit Robotern verhandeln oder mit echten Menschen, die so schnell sprachen, dass mir ganz schwindelig wurde. Technik und Digitalisierung machen vor nichts und niemandem halt. Dabei ist es noch das geringste, eine Fahrkarte bei der deutschen Bahn am PC zu bestellen. Dauert etwas kürzer, als wenn man zum Bahnhof geht und wartet, bis der Beamte endlich durchgeblickt hat. Als ich das Auto meines Vaters übernehmen sollte, musste ich stundenlang eine Anleitung studieren, um herauszufinden, wie das Radio ausgeht. Also, ich finde, das Knopfdrücken war doch wesentlich entspannter! In meinem jetzigen Auto ist ein Computer an der Stelle, wo früher der CD-Player war - und der ist jetzt im Handschuhfach. Ein Fernseher wird auch demnächst fällig. Doch ich habe gesehen, dass die Flachbildschirme überhaupt keine Knöpfe mehr haben. Da werde ich mir ein Smartphone kaufen müssen, um damit gleichzeitig das Fernsehprogramm, den Computer und das Essen auf dem Herd regulieren zu können. Zunehmende Digitalisierung führt zu mehr Überwachung. Vielleicht hat das Smartphone ja bald eine Wanze drin, die weitermeldet, welche Gerichte man bevorzugt? Die Daten miteinander vergleicht und einen grellen Warnton ausstößt, wenn man zu viel Fett nimmt?

Wahrscheinlich habe ich keine Wahl, als mich dem Strom der Zeit anzupassen. Zumindest minimal. Und bin froh, bei meiner Mutter noch erlebt zu haben, wie man Sahne mit der Hand schlägt, Kaffee mit einer Mühle mahlt und die Wäsche in einem großen Bottich kocht. Diese Strapatzen haben uns die Maschinen ja glücklicherweise abgenommen. War es früher wirklich besser? Der Kabarettist Christoph Sonntag nimmt die modernen Zeiten gern immer wieder auf die Schippe. Es war nicht besser früher, alles hat viel länger gedauert. Aber es war einfacher und überschaubarer. Und man hat viel mehr Menschen gesehen, die in Kneipen saßen und miteinander geredet haben. Heute haben viele Wirtschaften auf dem Land geschlossen. Und statt miteinander zu reden, fahren sie einander fast von hinten in ihre Autos rein. Ein Riesennetz ist über die Welt gespannt, in dem alle miteinander kommunizieren und dabei mit ihren Smartphones an der Realität vorbeitaumeln. Ich plädiere für Rückbau wie bei den geknebelten Flüssen, die da und dort schon wieder munter in ihren Betten mäandern dürfen! Es gab nämlich noch eine andere Zeitungsmeldung, ich finde sie bloß nicht mehr: Da machte jemand den Vorschlag, dass junge Leute heutzutage wieder lernen sollten, Straßenkarten zu lesen (und im Kopf zu rechnen, füge ich im Stillen dazu). Kinder müssen nicht nur erkennen, dass die Milch nicht aus der Tüte kommt, der moderne Mensch sollte wieder lernen, dass es eine wirkliche, sinnliche Welt gibt, und dass es darin andere Menschen gibt. Dass es noch Wunder gibt, die uns digital nie vermittelt werden können.

Nach dem Schreiben dieses Beitrags habe ich noch ein passendes Interview mit der Cyberpsychologin Catarina Katzer in der WELT vom 6.2.16 gefunden. Sie kommt zu dem Schluss, dass Unkörperlichkeit und Anonymität im Netz enthemmen, und wünscht sich einen bewussteren Umgang mit den Medien. Das Langzeitgedächtnis verkümmere durch die Googelei, Beziehungen würden häufig oberflächlicher und dann durch SMS beendet. Was das Googeln und die noch fehlende Zivilcourage betrifft, muss ich mich an der eigenen Nase fassen. Wobei ich in meinem Netzwerk allerdings noch nie mit Hassparolen konfrontiert worden bin.
Wie-das-Netz-unsere-Psyche-veraendert

Siehe dazu auch: Technisches Verständnis  
im Blog von Annette Weber