Samstag, 22. April 2017

Es geschah beim Zahnarzt

Vor zwei Tagen hatte ich einen Termin. So einen Termin von der Art, bei der man froh ist, wenn er endlich hinter einem liegt. Meinen Zahnarzt kenne ich seit Jahren, ebenso die Fachkraft für die professionelle Zahnreinigung. Seitdem ich diesen Zahnarzt und diese Fachkraft für Zahnreinigung habe, war nichts Bemerkenswertes mehr mit den Zähnen. Die beiden wissen, dass ich Romane schreibe bzw. geschrieben habe. Mein Zahnarzt hat auch eine ganze Bücherwand mit Klassikern zu Hause stehen. Diesmal war die Behandlung nur eine mehr kosmetische Korrektur, die es aber in sich hatte. Da wurde sehr viel Wasser eingesetzt, viel mehr als früher, als es nur den langsamen, elend knirschenden und den schnelleren, in hohen Tönen kreischenden Bohrer gab. Natürlich hat es auch diesmal wieder nicht weh getan. Dafür machte mir das Wasser im Mund zunehmend zu schaffen, obwohl es ständig abgesaugt wurde. Da kam der Schluckreflex zum Einsatz. Nachdem ich gebeten worden war, die Augen zu schließen, ertönte mit einem Mal ein unterirdisches Grollen, als wenn ein Vulkan kurz vor dem Ausbrechen stünde. Lachend mussten wir feststellen, dass meinem Zahnarzt der Magen knurrte. Zwischendurch plauderten wir über das Schreiben, wenn mein Mund gerade mal frei zum Sprechen war. Wie es damit ginge? Ach, es wird immer schwieriger, gerade habe ich ein Manuskript an eine Agentur geschickt und keine Antwort erhalten. Da fiel ihm ein, dass man es ja auch ganz anders machen könne. Eine Studentin, zum Beispiel, sitze immer im Café und beobachte die Leute. Über das, was sie aufschnappt, schreibe sie Geschichten und habe ein Buch daraus gemacht. Ich habe auch schon im Café geschrieben, aber ganze Romane, fällt mir ein. Dann gäbe es ja auch noch diese Zahnarztgeschichten und ähnliche Events, meinte er, über die man berichten könne. Während ich so auf dem Schragen liege, denke ich an den Kleinverlagsroman, dessen Rechte ich zurückerbeten hatte, um es nochmal selbst aufzulegen. Ebenfalls keine Antwort. Die Welt ist so arm an Antworten geworden!

Warum tue ich mir das an, warum schreibe ich immer weiter, wenn die Welt doch immer weniger zu lesen und immer mehr draufzuhauen scheint? Warum haue ich nicht einfach ab wie neulich ins herrliche Taubertal, wo die Dörfer noch unverändert auf den Höhen stehen und keiner den anderen von der Straße drängeln will? Oder wie bei der Wanderung abseits vom Eyachtal, wo der Wald verwunschen und einsam dasteht, die Wegränder mit Wiesenschaumkraut, Anemonen und Veilchen gesäumt sind. Die Bücher, die mir in der letzten Zeit am besten gefallen haben, waren vom kleinen Verlag Klöpfer&Meyer in Tübingen, auch das von dem "Liebesgedächtnis".

Das unterirdische Grollen wiederholte sich noch ein zweites, ein drittes Mal. Auf meine Frage, ob er nichts zu Mittag gegessen hätte, antwortete er, im Gegenteil, er war beim Chinesen, und es sei fast zu viel gewesen. Ich kenne die chinesischen Restaurants gut, auch wenn ich nicht der absolute Fan davon bin. Meistens gehe ich aus Solidarität mit dorthin, esse eine Suppe mit Gemüse und Hühnerfleisch, eine mit köstlichen kleinen Maultaschen und/oder knusprig gebratene Ente. Jedesmal, wenn wir vom Chinesen zurückkommen, müssen wir sofort auf die Toilette. Bei einem der letzten chinesischen Essen hörten wir die Leute am Nebentisch darüber reden. Habt ihr auch wieder Durchfall davon bekommen?, wurde da gefragt. Sie glaubten und ich glaube, es ist das Glutamat, und deshalb schmeckt das auch so würzig.

Ja, ich könnte in Zukunft kleine Anektdoten des Alltags erzählen, anstatt über das Leben, das Schreiben und die Läufte der Welt zu berichten.

Donnerstag, 13. April 2017

Bücher, nicht Boote

Letztes Jahr habe ich mich in eine Liste eintragen lassen und mich bereit erklärt, Autorenexemplare von meinen Büchern an die Initiative "Autoren helfen" zu schicken. Die Paten genannten Unterstützer spenden Geld für die nachhaltige Flüchtlingshilfe, geben dann ihre Lieblingsgenres an und erhalten von Autoren gespendete und signierte Bücher. Hinter diesen vielseitigen Aktionen steht das fünfköpfige Kernteam bestehend aus Kathrin Lange und ihren Kolleg*innen Lisa-Marie Dickreiter, Antje Wagner, Ursula Poznanski und Andreas Wilhelm. Gestern war es dann soweit. Es war wie ein innerer Vorbeimarsch, neun Bücher zu signieren, zu verpacken und von der Landpost an Leserinnen aus Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg, Stuttgart, Berlin usw. zu verschicken! Diese hier waren die Favoriten:

 

Freitag, 7. April 2017

Rausgeschmissen aus dem Universum!

In den letzten Wochen hatte ich ganz allmählich bemerkt, dass mein Schreibprogramm (Open Office) nicht mehr das war, was es eigentlich hätte sein sollen. Beim Speichern und Kopieren stürzte es immer wieder ab, und ich musste den Laptop herunterfahren, um es wieder in Gang zu bringen. Nun ja, im Netz erfuhr ich, dass Open Office offensichtlich auch bei anderen diese Zicken veranstaltete. Wie war das noch mit Word gewesen? Das galt doch damals ebenfalls als weich und unzuverlässig. Eine ganze Zeit lang ließ sich das noch händeln. Es war mir deswegen wichtig, weil ich
1. Exposé, Leseprobe, Bibliografie und Vita fertigmachen wollte für den Versand an eine exklusiv     ausgesuchte Agentur-das hatte ich gerade noch hingekriegt.
2. Ein Verlagsbuch überarbeiten wollte, von dem ich die Rechte zurückgefordert habe.

Dann, vor ca. eineinhalb Wochen, ging gar nichts mehr. Der Laptop ließ sich nicht mal mehr starten.
Es war ein Wochenende, und ich konnte meinen Helfer in der Not nicht gut stören. Ich folgte den Anweisungen, setzte Windows zurück und hatte alles schon fast wieder am Laufen. Da kamen Eingabeaufforderungen, die mir merkwürdig erschienen. Mein Nothelfer stellte dann nach fünf Tagen fest, dass es ein Trojaner gewesen sein muss, der schon das Schreibprogramm lahmgelegt hätte. Jetzt ist eine neue, feuerfeste Sicherheitsfunktion drauf. Dazu kommt noch ein externe Festplatte wegen der Datensicherung. Ich frage mich, warum es diesen Trojanern so viel Spaß macht, anderen so viel Ärger zu bereiten! Alles musste ich neu konfigurieren und anmelden, mitsamt Passwörtern und Pipapo.

Merkwürdig war es für mich, wie diese Offlinezeit diesmal auf mich gewirkt hat. Bei früheren Gelegenheiten war ich insgeheim immer ganz froh gewesen, mal wieder die bunte Außenwelt für mich entdecken zu können. Diesmal war es so, als wäre ein ganzes Universum versunken. Ich konnte nicht weiterarbeiten, nichts googeln, keine Emails abrufen, in kein Forum und kein Facebook reingucken. Es hätte ja eine Mail von der Agentur dabei sein können! Also fühlte ich mich richtig elend und kroch fernsehender- und einkaufenderweise durch die Tage.

Als heute der Befreiuungsschlag stattfand und ich endlich meinen Laptop wieder stehen hatte, blieb das große Aha-Erlebnis aus. Es war niemandem aufgefallen, dass ich fast eine Woche weg war. Es kam keine wirklich wichtige Mail. Doch es war gut, bei anderen wieder mitzulesen. Und es ist absolut gut, mein wichtigstes Arbeitsinstrument wieder in den Händen zu haben. Und mir wurde während dieser Woche noch einmal absolut klar, was ich heute auch bei Autorenkollegin Alice Gabathuler gefunden habe: u-turn-back-to-roots.html Das war für mich zeitlebens ein Motto gewesen, wenn ich merkte, dass ich mich irgendwie verrannt oder zu sehr von mir entfernt hatte: zurück zu den Wurzeln, zu den Bäumen (und im jugendlichen Übermut hatte ich hinzugefügt: und zu den bunten, närrischen Träumen!)

Samstag, 18. März 2017

Frühlingsgedicht

Bevor ich mich wieder einem anderen Thema zuwenden kann, hier ein Frühlingsgedicht "für zwischendurch"
- vom alten Meister Mörike:

Im Frühling

Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel
Die Wolke wird mein Flügel,
Ein Vogel fliegt mir voraus.
Ach, sag mir, alleinzige Liebe,
Wo du bleibst, dass ich bei dir bliebe!
Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen,
Sehnend,
Sich dehnend
In Lieben und Hoffen.
Frühling, was bist du gewillt?
Wann werd ich gestillt?

Die Wolke seh ich wandeln und den Fluss,
Es dringt der Sonne goldener Kuss
Mir tief ins Geblüt hinein;
Die Augen, wunderbar berauschet,
Tun, als schliefen sie ein,
Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.

Ich denke dies und denke das,
Ich sehne mich und weiß nicht recht, nach was.
Halb ist es Lust, halb ist es Klage.
Mein Herr, o sage,

Was webst du für Erinnerung
In golden grüner Zweige Dämmerung?
Alte unnennbare Tage.

Eduard Mörike, 1804-1875

Dienstag, 21. Februar 2017

Reich und berühmt bin ich nicht geworden



Blick auf das Weindorf Uhlbach
Meine Autorenkollegin Helene Luise Köppel hat mich auf Facebook dazu nominiert, am Liebster Award teilzunehmen und dazu Fragen bezüglich des Bloggens gestellt. Die beantworte ich an dieser Stelle. Wer von meinen Nachbarbloggern und Bloggerinnen gern an diesem Award teilnehmen möchte, melde sich bitte hier. Werde es dann auch bei Facebook einstellen.

  1. Blogger sind neugierige Menschen. Wie sieht Dein Alltag für gewöhnlich aus?

    Vorab muss ich sagen, dass ich gerade einen Roman fertiggeschrieben habe – den zehnten, wenn ich mich nicht irre. Deshalb geht es beim Schreiben gerade etwas ruhiger zu. (Muss auch meine geplagten Arme etwas schonen). Jetzt im Winter, bei dem schwer herabhängenden Himmel, spielt sich das meiste drinnen ab. Ich stehe nicht zu früh auf, mache mir einen Espresso und ein bisschen was zum Essen und hocke mich vor meinen geliebten Laptop. Ich stöbere in meinem Autorenforum, gucke in benachbarte Blogs und natürlich auch regelmäßig bei Facebook rein. Dann hole ich die Papierzeitung aus dem Briefkasten und lese so richtig altmodisch gemütlich, besonders die menschelnden Berichte aus dem Ländle. Nachmittags sind mein Partner und ich immer unterwegs. Sei es zum Einkaufen, zum Stadtbummel in der Umgebung, in Museen und Buchhandlungen/ Antiquariaten. Dort sind wir (als Rentner) Dauergäste. Auch im Fernsehen erhalte ich Anregungen durch Kultur/Natursendungen und Krimis. Darüber hinaus bin ich auch noch Vielleserin. Nach einem Großteil der Weltiteratur jetzt vor allem gute Krimis und Thtiller, am liebsten von deutschen Autoren. Aber auch gern Romane und Biografien über das 19. und 20. Jahrhundert. Im Sommer kommen Wanderungen, Ausflüge, Aufenthalte an Badeseen und Kurzreisen hinzu. Meine Hirnzellen bekommen also genügend Anreize, wie man sieht.

  1. Den Seinen gibt`s der HERR im Schlaf? Wie kamst du zum Bloggen?

     Da muss ich wirklich überlegen, ist schon so lange her, über zehn Jahre glaube ich. Wahrscheinlich haben mich AutorenkollegInnen dazu angeregt, die ebenfalls in der Zeit zu bloggen begannen.

  1. Gibt es Vorbilder, die Dein Leben und Deine Arbeit beeinflusst haben?

     In meiner Jugend waren es Albert Schweizer, Hermann Hesse und Max Frisch. Später Bruno Bettelheim. Mahatma Gandhi und noch später viele Schriftsteller und alle, die etwas aus ihrem Leben gemacht und etwas bewirkt hatten.


  1. Ich bin ein Mensch. Nichts Menschliches ist mir fremd … Gestattest Du Dir gelegentlich die eine oder andere Torheit?

     Ich gestatte mir seit vielen Jahren die Torheit zu schreiben. Das macht mich glücklich, aber es ist eine noch größere Torheit zu glauben, dass man auch nur annähernd reich und berühmt damit wird.

  1. Über welches Thema brütest Du am liebsten?

     Über allen Themen, die tagtäglich anfallen-gesellschaftliche, psychologische, eigenes Leben und Schreiben, politische mehr am Rande, damit habe ich mich früher jahrzehntelang beschäftigt und aktiv dafür gekämpft.

  1. Hannibal überquerte die Alpen. Welche Reisen haben Dich nachdrücklich beeinflusst?

     Am meisten wohl die Reise mit dem Frachter nach Südamerika, zu Verwandten in Argentinien. Die hatten mir meine Eltern zum Abitur geschenkt. Dort war ich vier Monate unterwegs, auf der Pampa, an den Wasserfällen des Iguazu und in den Anden.
     Außerdem die Reisen nach Mexiko und Venezuela, quer durch Europa, durch Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland und durch fast ganz Deutschland. Das fließt immer auch in meine Romane ein, zuletzt die Argentinienreise in meinen neuesten.
  1. Nichts ist so schwierig, als dass es nicht erforscht werden könnte! Wieviel Kraft und Zeit steckst du für gewöhnlich in die Recherche für Deinen Blog?

     Bei längeren Artikeln kann es schon mal zwei, drei Stunden dauern, auch das Schreiben selbst und das Verlinken nimmt bei einem kurzen Artikel oft mindestens eine Stunde in Anspruch.

  1. Welche Hobbies pflegst Du außerhalb des Bloggens?

    Wie oben schon erwähnt, Wandern, Schwimmen, Lesen, dazu Fotografieren und Reisen. Das Kochen und der Garten stehen nicht mehr so im Vordergrund wie früher, durch das Schreiben bleibt vieles, was man früher gern getan hat, auf der Strecke.

  1. Luxuria. Was zählt für dich zu den Annehmlichkeiten des Lebens?

     Die frei verfügbare Zeit, seit ich nicht mehr angestellt arbeite. Ausschlafen, tun, wozu ich Lust habe. Schreiben, was mir gefällt und was mich glücklich macht. Gutes Essen, schöne Landschaften, Städte, Schlösser und Burgen.

  1. Frisch begonnen, ist halb gewonnen? – Bist du ein Morgen- oder ein Nachtblogger?

Meistens am Mittag oder später am Abend.

  1. Hast du ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch deine Blogs zieht?
Das Schreiben, das Leben, gesellschaftliche Trends, Psychologisches, Natur und Kultur und alles, was sich so um mich herum abspielt.

Donnerstag, 9. Februar 2017

Grippewelle im Februar 2017

Wenn die ganze Welt und dazu der Kosmos momentan aus den Fugen geraten zu sein scheinen, spielt sich auch im Mikrokosmos Gefährliches ab. Laut Bericht der Tagesschau gibt es inzwischen mehr als 40 000 Erkrankungen bundesweit mit mehr als 100 Toten.Mehr als 40 000 Erkrankungen
Wie kann man aber denn nun die Ansteckung vermeiden? Alle Menschenansammlungen umgehen, alle Krankenhäuser, Arztpraxen, Kaufhäuser, Cafés und Gaststätten? Aber halt, zum Arzt und ins Krankenhaus müssen wir ja, wenn uns die echte Influenza erwischt hat! Sollen wir es machen, wie es in einem älteren Bericht im Spiegel empfohlen wird? Nämlich Türklinken nur noch mit Ellbogen oder Papiertuch anfassen, freihändig auf der Rolltreppe stehen und frei die Treppe hinuntergehen? Schon im Bus, dem Zug oder der U-Bahn kann das gefährlich werden, sich nicht festzuhalten, Hinknallen sei auch nicht viel besser als Anstecken. Handhygiene und Abstand halten von Niesenden sei sicherlich sozial weniger verdächtig als sich zu Boden zu werfen, wenn jemand niest. Ich kam mir heute selbst schon verdächtig vor, als ich beim Metzger stand und die Frau neben mir berichten hörte, ihre ganze Familie liege darnieder, irgendjemand müsse ja die Stellung halten und einkaufen. Unwillkürlch wich ich zurück wie vor einer fauchenden Kobra. Oder als ich die Toilettentür beim Bäcker mit Klopapier anfasste. Wohin das dann entsorgen, damit es nicht weiter ...Ich werde das mit der Handhygiene beachten und nicht unnötig viel in der Öffentlichkeit anfassen. Werde meine Papiertaschentücher gleich ins Klo runterpülen und sie nicht "in die Tasche stopfen und so lange gebrauchen, bis nur noch ein Loch da ist mit es umgebender weißer Substanz." Impfungen werden empfohlen, sind aber nur bedingt wirksam und ein halbes Jahr vorher durchzuführen. Ich wünsche allen, dass die Viren sie nicht erwischen und allen, die es leider doch erwischt hat, Geduld und gute Besserung!



http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/erkaeltung-und-grippe-wie-kann-man-sich-vor-infektionen-schuetzen-a-868419.html

Donnerstag, 26. Januar 2017

Aufruhr im Schwarzen Wald

Gestern las ich im Schwarzwälder Boten, dass gerade in Loßburg, nicht weit von Freudenstadt und vielleicht eine halbe Stunde von hier entfernt, ein Tatort-Krimi gedreht wird. lossburg-lena-odenthal-froestelt-in-oedenwald. Ich mag die Tatorte mit Lena Odenthal, deshalb las ich mit wachsendem Vergnügen, dass seitdem der absolute Hype in dem Ferienort ausgebrochen sei: Allein 80 Fernsehleute seien dort einquartiert, eine Menge Feriengäste und Schaulustige kamen dazu, und alle bibbern in der eisigen Kälte. Lustig, dachte ich, mein noch nicht veröffentlichter Schwarzwaldkrimi spielt ja ebenfalls dort, in einem fiktiven Ort namens Schwarzenberg nahe Loßburg. Wir hatten einstmals eine kleine Wanderung in der Gegend gemacht, was mich zu dem Krimi inspirierte. Scheint also eine Gegend zu sein, die es faustdick hinter den Ohren hat.

Heute nun machten wir unseren traditionellen Bummel in der Hessestadt Calw und landeten unter anderem beim kleinen Osiander. Zu meinem Erstaunen entdeckte ich zwei Exemplare meines letzten Verlagsbuches "Die Köchin und der Kardinal" im Regal. Nach dreieinhalb Jahren ist es normalerweise schon längst verschwunden. Die Buchhändlerin, mit der wir ein wenig über das Tessin geplaudert hatten, erklärte das mit diesem Hype, der Schwarzwald sei gerade wieder sehr im Kommen. Ein schönes Beispiel dafür, dass Bücher immer mal wieder hochgespült werden können. Hier noch ein Hinweis auf das sehenswerte Museum des Ortes, in dem man u.a. Alemannengräber,  eine alte Schulstube, Trachten, steinzeitliche Werkzeuge und Kuckucksuhren betrachten kann.
Museum Altes Rathaus Loßburg

Freitag, 13. Januar 2017

Vor dem Sturm

Gestern Nacht bin ich, wie so oft, auf meine Terrasse hinausgetreten. Es war alles still, der Schnee der letzten Tage war schon geschmolzen. Dann hörte ich ein Sausen hoch oben in der Luft, als würden mehrere Düsenjägervon allen Seiten heranfliegen. Wenig später rasten weiße, ausgefranste Wolken über das Haus hinweg, andere, dunklere, folgten und verdeckten immer wieder den Mond, den ein Halo umgab wie ein kleiner, runder Regenbogen. Die wilde Schar kam vom nordwestlichen Schwarzwald her, hastete weiter, als wäre sie von allen Nachtmahren der Welt verfolgt, und flog in südöstlicher Richtung davon. Das Brausen am Himmel verstärkte sich, ein Inferno kündigte sich an.

Vor langen Jahren habe ich schon einmal eine solche Nacht erlebt. Und schrieb darüber eine Kurzgeschichte, aus der wiederum später ein Roman entstand. In der Nacht im Milleniumsjahr 2000, ungefähr um dieselbe Zeit, las ich in den "Nachtwachen des Bonaventura" Folgendes:
Es war eine von jenen unheimlichen Nächten, wo Licht und Finsternis schnell und seltsam miteinander abwechseln. Am Himmel flogen die Wolken, vom Winde getrieben, wie wunderliche Reisebilder vorbei, und der Mond erschien und verschwand in raschem Wechsel. Unten in den Straßen herrschte Totenstille, nur hoch oben in der Luft hauste der Sturm wie ein unsichtbarer Geist. Dann ging die Straßenlaterne aus, und es gab nur noch dieses Sausen des Windes, ein kurzes Blinken von Sternen und den bangen Ruf eines Käuzchens. Jetzt ist er da, der Sturm. Der Himmel stahlgrau, das Gerippe des Nussbaums vor mir, Regen peitscht mir ins Gesicht, es tobt und wütet, poltert und scheppert. Ein Klirren, das Thermometer, ein Klatschen, die Matte ist weggeweht, Äste schlagen gegen das Fenster. Ich denke an die zweite Weihnachtsnacht des Jahres 1999, die Nacht des Lothar, der europaweit für ungeheure Zerstörungen sorgte. Auf dem Kamm waren die Fichte wie ein Mikadospiel weggeknickt, die Regentonne war ums Haus geflogen und ein Baum im Garten hatte sich quer über die Straße gelegt. Diesmal geht es glimpflich aus, aber wahrscheinlich müssen wir in diesem Jahr mit weiteren, stärkeren Unwettern rechnen. Ich gehe zurück in die wohlige Wärme des Hauses. Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat, sagte einst Nietzsche in einem Gedicht. Hier ein anderes Gedicht von Gottfried Keller, dessen "Grünen Heinrich" ich sehr gern gelesen habe:

                                                               Im Schnee
                                                    Wie naht das finster türmende
                                                    Gewölk so schwarz und schwer!
                                                    Wie jagt der Wind, der stürmende,
                                                    Das Schneegestöber her!
                                                    Verschwunden ist die blühende
                                                    Und grüne Weltgestalt;
                                                    Es eilt der Fuss, der fliehende,
                                                    Im Schneefeld nass und kalt.
                                                    Wohl dem, der nun zufrieden ist
                                                    Und innerlich sich kennt!
                                                    Dem warm ein Herz beschieden ist,
                                                    Das heimlich loht und brennt!
                                                    Wo, traulich sich dran schmiegend, es
                                                    Die wache Seele schürt,
                                                    Ein perlend, nie versiegendes
                                                    Gedankenbrauwerk rührt!

                                                      Gottfried Keller, 1819-1890

Dienstag, 10. Januar 2017

Wo ist denn das verdammte Nudelholz?

In den letzten drei Monaten habe ich mich viel zu Hause aufgehalten. Nicht, weil die Witterung so schlecht war und ich einen Winterschlaf gehalten hätte. Wegen einer beidseitigen Sehnenscheidenentzündung konnte ich zwei, drei Wochen lang nicht einmal Auto fahren, musste mich also überall hinkutschieren lassen. Es war aber trotzdem eine nachdrückliche Erfahrung. Alles musste auf Sparflamme laufen. Und trotzdem sieht jetzt alles viel freundlicher und sauberer aus. Und trotzdem konnte ich vor ein paar Tagen einen Wunschroman beenden, den ich schon seit Jahren schreiben wollte. Immer stehend und mit Pausen, versteht sich. Das Nachlassen des Schmerzes war wie eine Neugeburt für mich.

Heute nun hatte ich ein paar Stangen frischesten Lauchs auf dem Küchentisch. Viel zu viel, um es als Beilage zu verwenden. Da entstanden Bilder von Dingen, die ich früher mal gekocht und gebacken hatte. Quiche Lorraine, Zwiebelkuchen, Lauch-Kartoffel-Gratin. Wie wäre es denn mal mit einem Lauchkuchen? Ich suchte mir ein Rezept heraus, knetete den Teig und wollte ihn ausrollen. Verdammt noch mal, wo war denn eigentlich das Nudelholz? Und das Backbrett, stand das nicht immer unten bei den Töpfen? Nun gut, der Lauch dünstete schon vor sich hin, und die Speckwürfel brieten zischend in der Pfanne. Es gab kein Zurück mehr. So zog ich den Teig vorsichtig in der Springform aus, belegte ihn mit Lauch, Speck, Sahne, verschlagenen Eiern und Creme Fraiche und ließ ihn backen. Nach vierzig Minuten war er fertig. Und siehe da, es war eine von den Speisen, von der mein späterer Gast zweimal nahm! Wie in besten alten Studenten- und "Brigitte"-Zeiten.

Was lerne ich daraus? Es ist ziemlich viel verloren gegangen in den sechzehn Jahren, die ich hauptsächlich schreibend verbrachte. Parallel zu diesem Ereignis las ich ein Buch, einen ziemlich tiefgründigen Thriller, wie ich finde, der mich sehr beeindruckt hat. Da geht es um eine Schriftstellerin, die sich zwölf Jahre lang in ihrem Haus verschanzt und einen Bestseller nach dem anderen schreibt. Sie fühlt sich von einem Mann verfolgt, den sie direkt nach dem Mord an ihrer Schwester gesehen hat. Die Isolation in dem Haus wird auf verschiedenen Ebenen beschrieben: einmal auf der Thrillerebene, dann in einem Roman, den die Autorin parallel dazu schreibt, dann auf einer tieferen, therapeutischen Ebene. Auf der letzten Ebene wirkt die freiwillige Gefangeschaft wie eine Depression oder auch Manie. Und es wird immer klarer, dass die Autorin sich nach den sinnlichen Eindrücken der Außenwelt sehnt. Die Mauersegler, der Geruch von Gras, Gespräche mit Menschen. Einfach durch eine Stadt zu treiben, die Sonne auf der Haut zu spüren und irgendwo einen Kaffee zu trinken. Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie ihre Hund im Garten tollen, sprühend vor Leben. Das Buch hätte auch heißen können: Es gibt noch etwas anderes da draußen. Aber dann wäre es kein Thriller gewesen.
Melanie Raabe; Die Falle, BtB 2016