Samstag, 25. Januar 2014

Warum selbst renommierte Autoren selber publizieren

Noch etwas zum Thema Veröffentlichen und Self Publishing, gerade bei Buchreport vom Dezember 2013 gefunden. Der Autor Fred Breinersdorfer, seit mehr als dreißig Jahren erfolgreicher Krimi- und Politthriller-Autor, hat sich entschlossen, seinen neuesten Roman berlin.classified selbst als E-Book bei epubli zu produzieren. Was sind die Gründe, wenn sich jemand doch über Jahrzehnte kontinuierlich einen Namen gemacht hat? (Ich kenne ihn aus unserer Studentenzeit übrigens noch persönlich, von so mancher Party, und habe einige seiner Bücher gelesen.) Einmal, so zeigt das Interview bei Buchreport, wurde sein neues serielles Experiment von den großen Buchverlagen abgelehnt. Breinersdorfer meint auch, dass die Verlage darauf schauen, möglichst viele Bestseller hinzukriegen. Auf der anderen Seite, oder eigentlich passend dazu, trauen sich die meisten nicht an Experimente, sondern setzen auf die guten alten Genres. Schade eigentlich.

Dabei fiel mir ein anderer Schriftsteller ein, den ich vor langer Zeit persönlich kannte (umgekehrt erinnern sich diese Autoren natürlich nicht an mich, weil ich nicht berühmt georden bin!:-) Thomas Hürlimann, der Schweizer, hat seit fünf Jahren nichts mehr veröffentlicht, so weit ich bei Amazon sehen kann. Und es gibt auch keine E-Books seiner Werke. Und jetzt zaubere ich noch einen dritten aus dem Hut: Felix Huby, ebenfalls langjährig erfolgreicher Autor von Krimis und Schöpfer des Tatortkommissars Bienzle. Der geht so eine Art Mischweg, veröffentlicht bei Fischer, der auch die E-Books herstellt, aber es sind bisher nur zwei.

Nun könnte ich eine wilde Milchmädchenrechnung aufmachen. Und Vorsicht, in Mathe und Rechnen war ich nie besonders gut, man darf das also gerne korrigieren. Huby verkauft sein E-Book für 14.99, je nach Prozenten verdient er daran vielleicht 4,30 Euro pro Buch. Hürlimann kann ich nicht beurteilen, denn ich weiß nicht, was bekannte Literaten pro Buch bekommen und wie viel davon verkauft wird. Ein Buch von, sagen wir mal, 260 Seiten bei Epubli zu veröffentlichen kostet, oh Schreck, etwa 2500,-Euro. Ich nehme an, diese Summe zahlt man für das Lektorat. Jedes Buch der Serie kostet 2,99 als Kindle. Wenn er 1000 Bücher verkauft, bekommt er 2030 Euro, kommt also nicht voll auf seine Kosten. Was verdient nun der Durchschnitts-Verlagsautor mit seinen Büchern? Er bekommt einen Vorschuss, der erst wieder eingespielt werden muss. Von den 5 oder 6% weiterer Verkäufe sieht er dann oft nichts, weil sich alle Bücher blendend verkaufen müssten, um in die schwarzen Zahlen zu kommen. Am Verlags-E-Book verdient unser fiktiver Autor vielleicht 2 Euro, wenn es 7.99 kostet, also 2000 Euro bei 1000 Verkäufen. Bei dem Preis ist aber fraglich, ob es jemals zu 1000 Verkäufen kommt. Allerdings kenne ich vereinzelte Autoren, die auf 25 000 Verlagsebooks zu 7.99 bzw. 400 000 selbst publizierte E-Books kamen. Nehmen wir einmal an, ein Autor, der selbst ein E-Book produzieren möchte, bekäme im Tausch mit anderen Dienstleistungen ein kostenloses Lektorat. Ich glaube fast, der wäre am Besten dran. Denn wenn er 1000 Bücher für 2,99 verkauft, verdient er 70%, und das wären 2030,- Euro. Aber welcher Lektor lektoriert schon umsonst, und was könnte er dafür bekommen, das ihm nützen würde?

Geld ist nicht alles, wird nun jeder sagen. Bekommen all diese Autoren, unabhängig davon, wie sie es bewerkstelligen, denn auch Anerkennung für das, was sie geschaffen haben? Die Literaten werden in den Zeitungen besprochen und kommen ins Fernsehen. Die anderen nur dann, wenn sie Bestsellerautoren sind oder Preise gewonnen haben. Die große Masse freut sich über Rezensionen und mittlere Verkäufe. Es ist nicht leicht, heute Autor zu sein. Aber hatten unsere altvorderen Kollegen nicht auch die Qual der Wahl? Haben sie nicht auch Self Publishing gemacht, um ihr Werk überhaupt erst mal gedruckt zu sehen?

Kommentare:

PvC hat gesagt…

Liebe Christa,

du kennst den Huby? Was ist die Welt winzig ... ;-)

Zunächst eine Korrektur: Bei Epubli bezahlt man nicht fürs Veröffentlichen. Falls da jemand Summen angibt, hat er irgendwelche Zusatzleistungen gebucht wie Lektorat.

Gut, dass du deine Rechnerei Milchmädchenrechnung nennst. Ob sich ein E-Book verkauft, hängt nämlich noch an sehr viel mehr Parametern. Da sind zum einen Ressentiments gegenüber viel zu hohen Verlagspreisen ... wenn etwa literarische Verlage über 20 E fürs E-Book verlangen oder andere fast so viel wie fürs HC. Oder wenn Verlage mit hartem DRM Kunden vergraulen. Oder, oder. Ich kenne Verlagsautoren, die aus ähnlichen Gründen im Jahr angeblich nur 2-3 Exemplare verkauft haben, obwohl ihre Printbücher gehen.

Demgegenüber kann ein Self Publisher stehen, der sein eigenes Fandom bedient, der in der Szene seiner Bücher gut vernetzt ist oder Themen bearbeitet, die sehr elektronikaffin sind. Oder der Self Publisher, der im Trendgenre hoffnungslos untergeht, weil meine seine Bücher nicht von 1001 anderen unterscheiden kann ...

Da ist die Sichtbarkeit, die bei Verlagen wie im Self Publishing lausig sein kann. Da ist auch die Überschätzung des E-Books außerhalb der Genreliteratur - wer literarisch schreibt, lebt immer noch vom Print. Und da sind die Milchmädchenrechnungen.

Für einen Backlist-Titel brauche ich bei Self Publishing lediglich ein neues Cover - die Konvertierung ist bei entsprechendem Workflow ein Witz. Bei 70% Tantiemen habe ich das schnell drin. Da kann mir kein Verlag mit läppischen 25% die Stirn bieten.

Wenn ich aber ein neues Buch schreibe, neu auf den Markt komme damit, dann habe ich als Self Publisher genau die gleichen Kosten wie ein Verlag: Lektorat, Korrektorat, Cover, sonstige Gestaltung, evtl. Konvertierung. Von der eigenen Arbeit = Selbstausbeutung ganz zu schweigen. Das alles plus Sozialabgaben plus Steuern gehen von den 70% ab.
Also muss ich eine Deckungsauflage berechnen. Ab dem wievielten Exemplar habe ich meine Kosten drin, wann fange ich an, überhaupt zu verdienen?

Man sieht dann schnell, dass sich das zunächst nur unter bestimmten Umständen wirklich wirtschaftlich rechnet:
- Je mehr man selbst oder in Tauschwirtschaft machen kann.
- Je treuer das Stammpublikum ist, das man möglichst pflegt.
- Je eher man in die Medien kommt (das tut man auch mit SP, man muss nur wissen wie und wo).
- Je heißer der Stoff ist.

Und dann gibt es im SP noch andere Möglichkeiten, Projekte zu finanzieren: Crowdfunding, Sponsoring, Mäzenatentum, Subskription.
Alles eine Frage des richtigen Rechnens ;-)

Herzlichst, Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Herzlichen Dank, Petra, für die Ergänzung, Korrektur und Vertiefung meiner Milchmädchenrechnung! Darauf habe ich nur gewartet.:-)

Herzlichst
Christa