Montag, 27. Januar 2014

Vierundzwanzig Stunden im Leben einer Frau

Gestern Abend hatte ich mal wieder so richtig Lust auf stark geschriebene Literatur, nach all den etwas dröge dahingeschriebenen Krimis mit "Plots", die als markttauglich angsehen werden. Und zog mit einem Griff meinen Stefan Zweig aus dem Regal, der mich schon mit der Erzählung "Brennendes Geheimnis" aus den Socken gehauen hatte. Nun war es wieder eine Erzählung aus diesem Band, die mir die Schuhe ausgezogen hat. In "Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau" geht es um eine Gesellschaft, die in einer Pension an der Riviera in Streit über eine Ehefrau und Mutter gerät, die am Vortag mit einem weit jüngeren Franzosen durchgebrannt ist. In der Gesellschaft befindet sich auch eine alte englische Lady, die normalerweise im Park sitzt und Bücher liest. Die vertraut dem Ich-Erzähler ihre Lebensgeschichte an. Als Witwe reiste sie durch die Welt, verloren und sinnlos, ohne irgendwo andocken zu können. Eines Abends im Spielcasino von Monte Carlo beobachtet sie die Hände der Spieler und wird auf einen jungen Polen aufmerksam, dessen wahre Leidenschaft sich über seine Hände, sein Gesicht und seine Haltung in geradezu ekstatischer Weise Ausdruck verschafft. Er setzt alles, was ihm verbleibt - und verliert. In diesem Augenblick weiß sie, dass er dem Tode geweiht ist. Sie eilt ihm nach und sieht ihn draußen auf einer Bank hingesunken. Er hat nur noch seine Pistole. Sie will ihn vor dem strömenden Regen bewahren und landet schließlich mit ihm in einem schäbigen Hotel. Die ganze Nacht hindurch versucht sie, ihn zu retten. Und glaubt das am Morgen geschafft zu haben, auch wenn sie sich noch so sehr für ihren Einsatz schämt. Er ist dankbar, er küsst ihr die Hände, sie fahren den ganzen Tag am Strand umher. Die Frau gibt ihm Geld, damit er seine Tante, die er bestohlen hat, auszahlen und nach Hause fahren kann. Sie glaubt, dass er mit dem Zug weggefahren ist, findet ihn jedoch abends am selben Platz im Spielcasino, in derselben ekstatischen Pose. Er verspricht, nur ein letztes Spiel spielen zu wollen, weist sie dann jedoch ab und schmeißt sie quasi hinaus. Sie reist überstürzt ab, fährt durch halb Europa. Später erfährt sie, dass er sich erschossen hat.

Vorhersehbar, würden die Krimirezensenten sagen. Für mich war einzig und allein nicht erklärbar, warum der junge Pole zum Spieler wurde. Dass sein Onkel immer so viel gewonnen hatte, reicht als Erklärung nicht aus. Aber das ist auch nicht nötig, denn der Kern der Geschichte ist ein ganz anderer. Neben der sprachlichen und psychologischen Brillianz ist diese Geschichte für mich nämlich eine vorweggenommene Parabel über das Helfersyndrom. Gut, die Dame war verliebt und gewann durch diese Begegnung ihrem Leben wieder einen Sinn ab. Aber sie versucht diesen Menschen zu retten und übersieht dabei, dass er sich gar nicht retten lassen will. Und damit steht sie im Verbund mit modernen Psychiatern, Psychologen, Sozialarbeitern, welche die Rettung anderer auf ihr Schild geschrieben haben. Nur wissen die meisten dieser modernen Helfer, dass eine Compliance dazu gehört. Sie würden also sagen: Wenn du da raus willst, dann nimm mein Angebot eines Entzuges an. Geh in die Klinik und werde clean. Wenn du das nicht willst, bist du nicht zu retten. In Stefan Zweigs Erzählung sind beide beides, Täter und Opfer. Und die Erzählung wäre nicht so groß, wenn sich die Frau anders verhalten hätte. Wenn sie ihm kein Geld gegeben hätte, wäre sie vielleicht von ihm bestohlen worden. Oder ein anderer. Es ist auch der Bericht über eine alles beherrschende Leidenschaft, hier wie dort. Und daran kann der Betreffende zugrunde gehen oder auch wachsen.

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