Montag, 2. Dezember 2013

Weg von der Fiktion


Wir müssen für einen Text brennen, schrieb mir kürzlich ein Agent, sonst können wir ihn nicht engagiert anbieten. Genauso geht es uns Autoren. Wenn wir nicht für unseren Text brennen, können wir ihn nicht engagiert Verlagen und Agenturen anbieten. Da ist aber doch ein kleiner Unterschied. Erstmal sind die Agenten- und Verlagskerzen aus unterschiedlichem Material gemacht. Da gibt es Wachs, Stearin, echtes Bienenwachs und sonst noch Materialien, die ich nicht kenne. Neulich haben sie erst Kerzen in so einem Verbrauchermagazin verglichen - wobei natürlich die meisten schlecht abschnitten. Es muss also ein Funke zur Kerze springen, der sie auch entzündet. Und viel wichtiger: Es muss ein Funke zu den Lesern überspringen. Als Leserin habe ich das gerade gemerkt: Ich habe einen Roman über das 19. Jahrhundert gelesen, ja, es war das Buch aus dem öffentlichen Regal in Obersontheim. Es hieß "Das Medaillon" und war von Gina Mayer. Über die Neandertaler-Funde, über Apotheker und Bibliothekare, auf zwei Zeitebenen und wahnsinnig spannend. Solche Bücher möchte ich wieder lesen.

Ich selbst habe mich momentan vom fiktiven Schreiben abgewendet, wie schon gesagt, und mich auf die Spuren von Köpfen aus dem 18./19. Jahrhundert begeben. Es ist fast wie am Anfang, als ich über den Dichter Mörike recherchiert hatte: Ein absoluter Film, der da abgeht, ein immer tieferes Eindringen in ein Leben, das um so mehr fasziniert, je mehr man darüber erfährt. Dazu die Recherche vor Ort, in diesem Fall auf dem Hohenasperg bei Ludwigsburg. Ein trauriger, grauer, abweisender Ort. Mauern, Nato-Draht, eine Kanone und ein kleines Mädchen, das verloren über das Plateau lief und ins Land schaute. Und ein verlorener Ort sollte es auch sein, für die Gefangenen, die dort in den vergangenen Jahrhunderten einsaßen. Gestern habe ich einen Bericht darüber geschrieben (Orte zum Reinschmecken)-und konnte kaum noch aufhören. Kurz vor Mitternacht habe ich ihn veröffentlicht und mich dann glücklich zurückgelehnt. Es muss gar kein Buch daraus werden, ist mir momentan viel zu anstrengend. Viel lieber spiele ich zur Zeit mit vielen Möglichkeiten.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Dieses "Wir müssen für eine Sache brennen" kann ich, ehrlich gesagt, nicht mehr hören, liebe Christa. Was bleibt schließlich von einem Feuer, das "ausgebrannt" ist? Ein Häufchen Asche.

Warum reicht Freude an der Arbeit, meinetwegen sogar Begeisterung oder Leidenschaft, heute nicht mehr aus? Warum sollen wir ständig "brennen"?,

fragt sich
Marie

Christa S. Lotz hat gesagt…

Bei mir ist diese Antwort des Agenten auch komisch angekommen, liebe Marie. Das Wort ist irgendwie ausgelutscht. Ich hatte gestern Freude an meiner Arbeit und habe geradezu leidenschaftlich dafür recherchiert. Aber gebrannt habe ich nicht, ich glaube nur, dass meine Ohren dabei rot werden.
Gleichzeitig usste ich an ein Räucherstäbchen denken, das ich anzünde. Wenn ich die erste kleine Flamme nicht sachte anpuste, brennt das Stäbchen im Nullkommanix nieder. Und es soll doch langsam verglühen und verduften.

Christa

Anonym hat gesagt…

Das klingt nach einem erfüllten und erfüllenden Arbeitstag, liebe Christa :)!

Herzlichst
Marie

PvC hat gesagt…

Also ich kann dem Agenten nur beipflichten, aber das mag daher kommen, dass ich Leidenschaft als feurig empfinde ;-)
Ich sag's bei mir ja immer auf Französisch: Je suis mordue ... wenn ich von etwas nicht "gebissen" bin, klappt es nicht.
Leidenschaft überträgt sich auf Publikum, ganz automatisch. Mit brennender Leidenschaft kann man auch Auftraggeber, Verlage, Veranstalter, Geldgeber etc. begeistern.
So funktioniert Kunst. Und der Vorteil: Man kann mit dieser Flamme alle wegsengen, die einen vom Weg abhalten wollen. ;-) Macht außerdem warm im Winter.

Drum wünsch ich dir leidenschaftliches Was-auch-Immer, jedenfalls dieses Gefühl, das sich nicht mehr vom Weg ablenken lässt und voll und ganz im Bewusstsein brennt: Das ist mein Ding und kein anderes!

Herzlichst, Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Ich bin auf jeden Fall froh, ihr beiden, dass ich das so erleben konnte, trotz der Megatermine im Beruf, die sich in letzter Zeit anhäuften - nenne man es nun Brennen, Gebissenwerden, Freude, Begeisterung, Leidenschaft oder Erfüllung! :-)

Herzlichst
Christa