Mittwoch, 29. September 2010

Über Abgründe schreiben

Ich erwarte keine Antworten auf Fragen, ich habe mich selbst gefragt, was ich, zwischen eingeschlagener Tür, Polizei und tödlichen Spielen, weiterhin schreibe. Jetzt weiß ich wenigstens, wie es ist, als Polizist vor einer Tür zu stehen, vor einem Zimmer, von dem ich nicht weiß, was sich darin abgespielt hat. Ich habe mich zur Gewalt entschieden, höre den Knall, mit dem die Tür auffliegt, sehe, was in dem Zimmer passiert ist ...Und das ist der Anfang einer neuen oder erweiterten Phase meines Schreibens. Ich sehe es vor mir, es ist alles unentwirrbar verknäult, doch ich werde es entwirren, wie alle meine von mir so gern gelesenen Krimi-und Thrillerautoren ihre Knäuel entwirrt haben. Es ist eine Zäsur, denn mit diesem Genre fange ich ganz neu an. Vielleicht muss ich mich dann so hochackern wie Nele Neuhaus, vielleicht scheitere ich schon beim Versuch. Aber ich werde es wagen, wenn nicht heute, dann morgen, übermorgen, in zwei Monaten!

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Liebe Christa,
nein, das ist keine Antwort auf Fragen, aber ich kann dir sehr gut nachfühlen, wie so ein Erlebnis sein kann. Und ahne nur, wie das ist, wenn man selbst die Entscheidungen treffen musste.

Ich denke, solche Erfahrungen machen es aus, dass ein Autor "reift" und vielleicht nie mehr so schreiben wird wie in jungen, unbeschwerten Jahren. Es sammelt sich wie der Weinstein-Bodensatz in einem edlen Wein.

Aber genau deshalb - so glaube ich zumindest - braucht das Ganze auch seine Zeit. Zu frisch vergoren - meinst du nicht auch, ist dieses Schreiben dann zu nah an der Traube?

Mir wird ab udn zu fast schwindlig, wenn ich von all deinen Projekten lese, die du angehst - und dein Sprudeln vor Ideen ist wahrhaft mitreißend. Das neben einem solchen Beruf, der ja auch ans Gebein gehen kann. Ich bewundere diese Energie und Tatkraft!

Drum mach dir nicht *zu viel* Arbeit. Du musst dich nicht mehr "hochackern", du fängst nicht bei Null an. Du baust auf deine bisherige Arbeit auf. Und genau deshalb darfst du dir auch mehr Ruhepausen und Erholung gönnen als jemand, der gerade erst anfängt!

Herzlichst,
Petra

Anonym hat gesagt…

Ich muß Petra heftig nickend zustimmen. Gerade, weil mich das Thema interessiert (aus Psychiatrieaffinität Thriller zu machen), möchte ich einen sorgfältigen Umgang damit. Ich glaube, das kann man nicht sofort. Das braucht Schreckens- und Reifeprozesse. Bevor man überhaupt wagt, das zu tun, was Schriftsteller tun, bevor man damit spielt, muß man sein Gehirn Dinge tun lassen, von denen man nichts ahnt. Was Zeit betrifft, reden wir hier eher über Jahre als über Monate oder Wochen. Es scheint so einen magischen Moment zu geben, an dem alles weit genug weg ist, aber nicht zu weit fort, nicht so, daß es uninteressant oder durch anderes abgelöst ist. Dann kann man sowas schreiben. Ich mag bei solchen Büchern die realistische Komponente, die Nähe zu mir. Von mir aus das "könnte ich?" oder "was würde ich, wenn ...?" Da kann mich, fürchte ich, das Erschrecken über die Erstbegegnung mit was auch immer nicht sattmachen.

Grübelgrüße von Alexina

Christa hat gesagt…

@Petra: In diesem Moment, in dem ich das geschrieben hatte, wurde mir bewusst, was du jetzt auch sagst: Das kann eben nicht heute, morgen, übermorgen oder in zwei Monaten sein, und muss es auch gar nicht. Es war wohl aus der Not heraus formuliert, seit zwei, drei Wochen gar nicht mehr schreiben zu können. Von Tag zu Tag tut sich ein Loch auf (das ich sicher mit anderem füllen könnte, aber ich kann mich nicht dazu entscheiden,etwas anzufangen.)

"Drum mach dir nicht *zu viel* Arbeit. Du musst dich nicht mehr "hochackern", du fängst nicht bei Null an. Du baust auf deine bisherige Arbeit auf. Und genau deshalb darfst du dir auch mehr Ruhepausen und Erholung gönnen als jemand, der gerade erst anfängt!"

Das entlastet mich, ich dachte wirklich, ich müsste bei Null anfangen.

@Alexina:
"Es scheint so einen magischen Moment zu geben, an dem alles weit genug weg ist, aber nicht zu weit fort, nicht so, daß es uninteressant oder durch anderes abgelöst ist."

Ich verstehe genau, was du meinst. Diesen Moment dann nicht zu verpassen ist wesentlich. Allerdings meinte ich nicht die Verarbeitung von persönlichen Erfahrungen. Dieser magische Moment war der, dass ich mich das erste Mal auf die andere Seite, nicht die des Opfers, gestellt habe.

Danke für eure Einschätzungen!

Christa

PvC hat gesagt…

Liebe Christa,
diese Not kenne ich gut, ich habe ja in diesem Jahr durch äußere Umstände und Brotjob monatelang keine Zeit fürs eigene Buch. Ich weiß nicht, ob dir das auch hilft - ich gehe damit so um, dass ich in den wenigen Lücken schreibe, aber eben anderes, kleinere Texte. In meinem Fall ist das mein Blog. Ich stelle dabei fest, dass ich durch dieses ganz andere Schreiben wieder eine Menge lerne und trotzdem sehr viel über meine Projekte nachdenken kann. Und einen Blogbeitrag schaffe ich auch nach einem 12-Std.-Tag. Das ist wie ein Ventil zum Druckabbau.

Natürlich könnte ich sagen, zwei Seiten Buch gingen da auch - aber das stimmt nicht, weil ich ungleich mehr Energie bräuchte, um hineinzukommen. Und dann wäre ich wirklich Gemüse... ;-)

Außerdem versuche ich, die "Auszeit" positiv zu betrachten. Viele Künstler machen irgendwann eine kreative Pause, um sich nicht "leer" zu arbeiten. Warum also nicht auch Schriftsteller? Ich nutze die Zeit, um mir selbst darüber klar zu werden, was ich will, wo es hingehen wird - und ich nehme mir Zeit dazu. Ich verweigere mich regelrecht meinem Buch.

Und dann passiert manchmal etwas Magisches. Plötzlich schreibe ich eine Idee auf oder sogar ein ganzes Kapitel, wie in Trance, ohne es zu wollen. Das lege ich weg, bearbeite es auch bewusst nicht.
Inzwischen hat sich das zu einem Gefühl wie als Kind vor Weihnachten gesteigert: Ah, noch einen Monat, dann kann ich endlich...

Und wenn ich doch den Entzugsblues bekomme, überlege ich, was ich in Zeiten des Vielschreibens alles verpasse und gern machen würde. Das mache ich dann - und dazu gehört auch bewusstes Faulenzen.

Wahrscheinlich braucht da jeder seine eigene Strategie, man muss nur erreichen, dass sich die Gedanken nicht ständig darum drehen, dass man ja nicht schreiben kann... Scheussliche Krankheit, das ;-)

Herzlichst,
Petra

Christa hat gesagt…

"Ich verweigere mich regelrecht meinem Buch."

Das ist gar nicht bewusst, ich merke einfach, dass "es" sich weigert. Hau eine Pause rein, sagt es (das Teufelchen?), du musst nicht immer rennen und was tun. Es gibt ja genügend anderes zu tun, der Beruf hat sich einfach wieder in den Vordergrund geschoben.
Bloggen ist eine gute Möglichkeit um Dampf abzulassen und dem Schreibdrang Genüge zu tun. Aber: Wer soll das alles lesen?
Nachher rufen alle Autoren auf Pause in den Äther hinein: Hört mich irgendjemand?:-)

Herzlichst
Christa

PvC hat gesagt…

"Aber: Wer soll das alles lesen?"

Nun, bei mir lesen z.B. auch Journalisten, Leute aus Verlagen, aus der Branche etc. - und die Kontakte, die sich daraus per Email ergeben, sind in den meisten Fällen hochspannend und auch für mich wieder befruchtend. Zusammen mit anderen Social Media Aktionen ergeben sich daraus wichtige Vernetzungen. Ich blas mein Geschreibsel ja nicht in den Wind ;-)

Herzlichst,
Petra

Christa hat gesagt…

Ob bei mir Journalisten und Verlage mitlesen, wage ich zu bezweifeln. Auf jeden Fall lebendige Menschen. Ab und zu taucht auch ein Eintrag bei Wikio auf.
In den Wind bloggen, das wäre wie für die Schublade schreiben.

Herzlichst
Christa