Dienstag, 19. Mai 2015

Mit 250 Km/h durch Deutschland

Am letzten Freitag war es wieder einmal soweit: Der traditionelle Spurt nach Frankfurt und Hamburg stand vor der Tür. Es ist kein Tripp, der dem Urwunsch mancher Menschen nach Entschleunigung gerecht wird, auch scheint die Achtsamkeit bei solchen Unternehmen manchmal außer Kontrolle zu geraten. Die Bahn hatte gerade einmal Streikpause. Der Stuttgarter Bahnhof ist nicht mehr wiederzuerkennen. Wenn man von ganz hinten zur wunderschönen alten Halle mit den vielen Imbissständen, Läden und dem Presse-und Bücherladen laufen will, trifft man statt dessen auf einen hässlichen Bauzaun und Berge von schmutzigem Aushub. Bei 250Km/h, auf der Höhe von Darmstadt, ist es dann geschehen. Vielleicht sollte man den Leitsatz aufstellen, dass man um so mehr Halt braucht, je mehr sich der Untergrund, auf dem man sich bewegt, beschleunigt. Auf jeden Fall gab es keinen Halt, als ich vom Tisch aufstand und der Zug sich ruckelnd in eine Kurve legte. Der Tisch gegenüber kam mir rasend schnell entgegen, ein Schmerz und besorgte Gesichter, die mir wieder aufhalfen. Das rüttelte mich schlagartig wach. In Frankfurt und auch später in Hamburg sah ich in jeder U- und S-Bahn, in jeder Straßenbahn Leute, die umhertorkelten und durchgerüttelt wurden, sich oft erst im letzten Augenblick vor dem Fall an einer Haltestange oder auch mal an unserem Rollkoffergriff festhielten. Während der rasenden Fahrt schaute außer mir niemand aus dem Fenster, alle blickten wie gebannt auf ihre Smartphones. Auch Reader konnte ich keine entdecken, ein junger Typ saß auf dem Boden und las ein Buch.

Später am Abend, in einer warmen Sommernacht, hatten sich die Frankfurter auf dem Friedberger Platz zu Hunderten versammelt. Jeder hielt eine Bier- oder Weinflasche in der Hand, ein Gewirr von Lachen und Stimmen drang herüber und verfolgte uns eine Straße weiter. Ähnlich zeigte es sich in Hamburg: Die schönen alten Kneipen des Schanzenviertels waren überfüllt, keiner hatte sein Smartphone in Betrieb, alle redeten miteinander und strömten zu Tausenden durch die Straßen. Lebenslust pur! Das sauge ich immer mal wieder gierig ein, denn bei uns auf dem Land sagen sich eher Rasenmäher, Kreischsägen und Elstern gute Nacht. Doch zurück zur Bahn: Bei den verantwortungsvollen Posten steht den Lokführern selbstverständlich ein angemessenes Gehalt zu! Doch der Service hat sich für mich, die ich seit Jahrzehnten treue Kundin bin, in keiner Weise verbessert. Nach wie vor Verspätungen, für Zugwechsel muss man beim Sparpreis tief in die Tasche greifen, und was früher die harten Ränder der Spagetti im Speisewagen waren, ist heute die Currywurst im Bistro, die in einer warmen roten Soße schwimmt. Das wiederum wird in der Großstadt mit köstlichem Saltimbocca und mehrgängigen Fischmenues beim Italiener ausgebügelt.

Das Hotel in Hamburg stammt aus dser Gründerzeit der Arbeiterwohlfahrt. Die Preise schießen immer wieder aus Gründen in die Höhe, die mit den Messen oder auch den Musicals zusammenhängen müssen. Auf jeden Fall war es genau das Haus, das meinem künftigen Roman (Schauplatz: Hamburg/ Buenos Aires) entsprungen sein könnte.



Eine ältere Frau mit Baskenmütze erzählte mir unaufgefordert, dass im Viertel gerade ein Priester namens Fernando Je gefeiert werde, einer, der unzähligen Menschen im dritten Reich zur Flucht nach Frankreich verholfen hätte. Ob sie geahnt hat, dass mein Roman in dieser Zeit spielen soll? Am Hafen war kein Durchkommen mehr. Massenweise wurden die Touristen auf Schiffe verfrachtet, die sie zur Konzerthalle des Musicals "Das Wunder von Bern" bringen sollten. Für ein reichhaltiges Krabbenbrötchen an der Brücke 10 standen sie Schlange und kämpften sich, wie wir, mit umgeklappten Schirmen und verkniffenen Gesichtern durch Sturmböen und Regen. Das lohnt sich allerdings auch.


Einfallsreich sind sie ohne Ende, die Großstädter! Einer kam mit einem Musikapparat statt eines Kopfes daher und beschallte die Umgebung, ein anderer angelte von einem Dach herab mit einem Pappbecher nach Almosen. Das waren barock gefüllte, aufregende Tage. Blieb am Ende der Rückweg, mit traditionell quäkenden Kind in der Zugnachbarschaft und einer traditionellen Verspätung. Aber die Bahn lässt sich dazu manchmal ewas einfallen, indem sie Überaschungen austeilt, allerdings nicht in Form von Leckereien oder einem Pott Kaffee, sondern einer Leseprobe (von was, weiß ich schon nicht mehr). In Stuttgart ging es diesmal durch einen endlosen Tunnel zur S-Bahn. Und da muss man sehr fix sein, um nicht von der Fahrstuhltür eingeklemmt zu werden. Ja, sie sind schnell und stressig und wundervoll, diese Fahrten quer durch Deutschland. Aber ich bin doch jedes Mal ganz froh, wenn ich wieder in meinem Rasenmäher- und Kreischsägenland bin und zu Fuß, ganz gemächlich, über die schwäbische Alb wandern und alles, was da blüht, fleucht und tschilpt, aus nächster Nähe anschauen, hören und riechen kann. Und jetzt streikt die Bahn ja wieder, länger noch als das letzte Mal.

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