Donnerstag, 3. Mai 2012

Hermann Hesse, Selbstmörder, Superstar und Weltbürger

Dieses Jahr am 9. August jährt sich zm 50. Mal der Todestag von Hermann Hesse (2. Juli 1877 - 09.August 1962). Mit 15 ein Selbmordversuch und Aufenthalt in der psychiatrischen Anstalt Stetten, ein bewegtes Leben, drei Ehen, der Nobelpreis - und der Dichter und sonst gar nichts, was er immer werden wollte. Nach seinem Tod sogar der Superstar der amerikanischen Hippie-Bewegung und meistverkaufter deutschsprachiger Autor. Gestern Abend gab es dazu den Film "Die Heimkehr" nach einer Erzählung Hesses sowie ein halbstündiges Portrait im ARD, das man hier noch einmal anschauen kann. Das Portrait ist sehr gelungen, wie ich finde, der Film "Die Heimkehr" nicht so ganz. Am 7. Juli verantaltet Udo Lindenberg einen Sängerwettbewerb in Calw, vor Hesses Geburtshaus. Sonstige Veranstaltungen in Calw
Meine persönliche Begegnung mit Hesse begann mit 17, als die Hesse-Welle aus Amerika wieder zu uns schwappte. Seitdem habe ich fast alles von ihm gelesen, er war mir Begleiter, Seelenretter und erster Inspirator für mein Schreiben. Wenn Reich-Ranitzki sagte, er sei beim ersten Lesen des Steppenwolf beeindruckt gewesen, beim zweiten irrtiert und beim dritten entsetzt, muss ich sagen: Beim ersten Lesen habe ich den Schluss nicht verstanden, war aber fasziniert, beim zweiten Mal habe ich alles verstanden und beim letzten Mal habe ich begriffen, dass sein Gedicht "Strufen" für mich nicht nur das schönste und nachhaltigste Gedicht der Weltgeschichte ist, sondern ein Konglomerat seines ganzen Lebens wie auch des Lebens vieler anderer Menschen.

                             
Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.


Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Kommentare:

AnnetteWeber hat gesagt…

Das Gedicht liebe ich auch.
Meine Beziehung zu Hesse hat sich auch im Laufe meines Lebens verändert, allerdings in Richtung Distanz. Vielleicht sollte ich ihn aber mal wieder lesen.
In Claw denke ich auch oft an ihn.
Liebe Grüße
Annette

Christa S. Lotz hat gesagt…

Dass meine Beziehung zu Hesse distanzierter geworden ist, kann ich ebenfalls sagen. Es gab aber schon Momente, in denen ich nichts Gutes mehr zum Lesen hatte und dann
gern noch mal zu diesem und jenem gegriffen habe, besonders zum Beispiel zu "Hermann Hesse-Bodensee." Aber "Beim Einzug in ein neues Haus" kenne ich inzwischen so gut, dass ruhig wieder einige Zeit verstreichen kann.:-)

Liebe Grüße
Christa

Verena Behringer hat gesagt…

Früher hab ich dieses Gedicht auch immer als so positiv empfunden, heute sehe ichs auch eine andere Seite darin..

Man kann es auch so interpretieren:
Bleib an nichts hängen, kümmere dich nicht um das Gestern, denke nur an dich, was drumherum geschieht ist egal.

und dieser Satz "Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen."
kann auch für die Beziehungsunfähigkeit vieler Menschen stehen--wenns nicht mehr passt, oder dem eigenen Gefühl nach "erschlaffend und lähmende Gewöhnung" wird, sucht man sich heiter was Neues..

Christa S. Lotz hat gesagt…

Ja, du hast recht, diesen Aspekt kann man auch darin sehen. Beziehunsweise könnte zum Beispiel jemand, der ehemüde ist, es so auffassen, dass er sich bloß was Neues zu suchen bräuchte, um weiterzukommen. Da das aber meist nicht der Fall ist und derjenige sich selbst immer mitschleppt wie auf die einsame Insel, stimmt das Gedicht schon wieder.:-)