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Samstag, 12. November 2016

An Weihnachten wirst du wieder zum Kind

Ein jeder von uns wird sich an die Weihnachten seiner Kinder - und Jugendzeit erinnern. Damals, als die Zeit noch viel langsamer voranging als heute. Als es geheimnisvoll raschelte in der Wohnung, wochenlang Adventskalendertürchen geöffnet wurden, der Duft nach Vanillekipferln aus allen Häusern drang und ein als Nikolaus verkleideter Vater an den Schuhen erkannt wurde. Die Glocke, die zur Bescherung ertönte, der Weihnachsbaum mit seinen knisternden Kerzen, die Weihnachtsgedichte, die Pute und der Karpfen, der immer so schleimig schmeckte, dass man nach Protest statt dessen ein Beefsteak erhielt. Diese Kinderweihnachten scheinen sich ganz tief ins Bewusstsein vieler Menschen eingegraben zu haben. Und ich glaube nicht, dass es heute so viel anders sein wird - würden sonst schon Mitte November Advenskränze und Weihnachtsbäume auftauchen mitsamt allem Flitter, Tand und Süßigkeiten? Nur die Auswahl der Geschenke wird eine andere sein, sie wird sich eher auf elektronische Geräte, Parfüm und Bücher beschränken.

Ich selbst hatte dieses Weihnachtsmodell auf die eigene Familie übertragen. Nur musste alles noch einen Tick interessanter, intensiver, schöner und duftender sein. Da waren es Bienenwachskerzen und selbstgebastelte Sterne an der Edeltanne, ein Rehbraten statt des Karpfens und mindestens sieben verschiedene Plätzchen, die gebacken werden mussten. Irgendwie merkte ich irgendwann, unter welchem Stress meine Eltern gestanden haben mussten, auch wenn sie nur halb so viel Weihnachtsaufwand betrieben. Und auch dann, als statt der Familie eine Patchwork-Familie entstand, ging es so weiter und so fort. Weihnachten wurde man wieder zum Kind, die Rollen wurden unweigerlich wieder die alten. Was so weit führte, dass mein Vater die Pute, die ich selber stundenlang in der eigenen Küche gebraten hatte, ohne Widerrede am Tisch zerteilte und jeder nur ein kleines Stück bekam. Das war die Initialzündung.

Etwa zwanzig Jahre später schrieb ich meine erste Kurzgeschichte - ein Weihnachtsmelodram und eine Humoreske, die sich über viele Jahre erstreckte. Das brachte ein wenig Distanz hinein, und doch war die Angelegenheit noch lange nicht zuende. Alljährlich zur Weihnachtszeit wälzen sich die Gedanken im Kopf herum: Wer, wo, mit wem und wie? Der eine will eine Fichte, der andere die Edeltanne. Rituale ja oder nein, Vatermutterkind und andere Vätermütterkinder, und was wird gegessen, und warum fährt man nicht endlich mal auf eine Berghütte oder in ein warmes Land, um all dem Trubel, dem Stress und Lärm, den kilometerlangen Staus zu entgehen? Alles nur dazu gedacht, die Menschen bis zur Entschöpfung anzutreiben, bis sie sich schließlich unter dem Tannenbaum anschreien oder versehentlich ein Feuer entfachen. Was ist der Grund dafür, dass sie sich derartig unter einen Zwang begeben, ohne dass sie jemand dazu gezwungen hätte?

In diesem Zusammenhang stieß ich auf einen Blog, der persönliche Dinge ausführlich, nicht nur in 140 Zeichen erklärt und nicht verspricht, dass es schnelle Lösungen gibt. Auf diesen Artikel: Weihnachten können Sie feststellen, wie erwachsen Sie sind. Da geht es um Erwartungen, Wünsche und Forderungen anderer, mit denen man sich entweder kindlich oder erwachsen auseinandersetzen kann. Kindlich sind Strategien wie Anpassung oder Rebellion, weil der Betreffende darin stecken bleibt wie in einem zu klein gewordenen Anzug. Man sollte sich einmal fragen, wie man selbst eigentlich am liebsten Weihnachten feiern (oder auch nicht feiern) würde. Und wie man das mit den (kindlichen?) Wünschen der anderen unter einen Hut bringen kann. Ich selbst bin noch am Überlegen. Wie immer mit reduzierten Edeltannenzweigen, Kerzen, Fondue Bourgignonne und Schneewanderung? Kinderbesuch, Weihnachtstrompetenblasen auf dem Kirchplatz oder Fackelfeuer? Und wenn es gar keinen Schnee gibt, wie meist? Wenn man im Regen und im Matsch stehen muss, um Rituale durchzuziehen? Oder Essen gehen? Sollte man einfach mal gar nichts tun, ohne Rituale? (Gerade wird im Radio von Weihnachten geredet, Weihnachtslieder werden gespielt! Das ist die Suggestion, mitmachen zu müssen.) Eines ist für mich auf jeden Fall sicher: Auf Tannenzweige und Kerzen werde ich nie verzichten, denn das Licht symbolisiert die Wintersonnenwende und damit das Näherrücken des Frühlings.

Freitag, 12. Dezember 2014

Weihnachten, das verlorene Paradies

Nun, da das Fest der Feste wieder naht, ist es an der Zeit, mal wieder ein paar weihnachtliche Gedanken aus der Kiste zu zaubern. Es gab eine Epoche, da stand ich klein und blond und wundergläubig vor dem Weihnachtsbaum. Es war immer eine Edeltanne, oben war immer ein Stern angebracht, der Baum war immer mit Kugeln, Lametta, Geleekringeln und diesen Kringeln aus Bitterschokolade mit bunten Streuseln behangen. Einmal hing sogar ein Würstchen unten dran, für unseren schwarzbraunen Dackel, der natürlich danach schnappte, daran zerrte und schließlich den ganzen Baum umriss. Es brannten immer echte Kerzen, draußen rieselte der Schnee, mein Vater spielte Geige, meine Mutter Klavier, wir spielten rundbackig auf den Blockflöten, und mein Bruder sang. Und nachher gab es Karpfen, der aber nicht so gut ankam bei uns Kindern, später waren es Räucheraal, kleine graurosa Krabben, frisch gepult und mit dem unnachahmlichen Geschmack der Nordsee, roter Kryddersild, Glyngöresild und Makrelsalat mit viel Mayonnaise oben drauf. Ja, man wohnte eben ganz dicht an der dänischen Grenze. Dabei musste man aufpassen, überhaupt etwas vom Aal zu erwischen, die Portionen waren minimal bemessen. Am ersten Feiertag wurde eine Pute gebraten, von der jeder aber nur ein kleines Stück erhielt, da sie ja lange, man denke an die Kriegsjahre, vorhalten musste. Da stand ich nun vor dem Weihnachtsbaum und sagte mein Gedicht auf.
                           Markt und Straßen stehn verlassen,
                           still erleuchtet jedes Haus,
                           sinnend geh ich durch die Gassen,
                           alles sieht so festlich aus!
Erst viel später, als ich meinen ersten Roman schrieb, kam ich darauf, dass dieses Weihnachtsgedicht von Josef von Eichendorf stammt, dem Dichter der Romantik.
In der Zeit, als ich eine eigene Familie hatte, versuchte ich das Kinderfest perfekt zu kopieren und noch zu veredeln. Es stand wieder eine Edeltanne im Raum, wochenlang wurde vorbereitet, eingekauft, gelagert, gebacken, gekocht und eingelegt. Geleekringel inklusiv, selbstgebastelte Strohsterne und der Clou: selbst gezogene Bienenwachskerzen. Um den Kindheitstraum zu toppen, wurden dann abwechselnd zarte, kurz gebratene Stücke von der Rehkeule, nach Art des Zeit-Schmeckers Wolfram Siebeck und am ersten Feiertag die Pute serviert, die mein Vater sich jedoch unter den Nagel riss und jedem eine kleine Portion zuteilte. Wieso habe ich ihm eigentlich nicht das Tranchiermesser aus der Hand gerissen, ihm die Flügel auf den Teller gelegt und uns die Brust und die Keulen? Ich lasse mir heute noch jährlich einen Räucheraal schicken, um dieses kleine Trauma zu kompensieren.

Mein Sohn musste kein Weihnachtsgedicht aufsagen, es gab auch kein Klavier, keine Geige und schon gar keine Blockflöten.
                             An den Fenstern haben Frauen
                             Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
                             Tausend Kindlein stehn und schauen,
                             Sind so wunderstill beglückt.

Das muss man sich mal vorstellen, wenn heute die Smartphones, Tablets und Handys ins Fenster gehängt würden! Gerade lese ich ein wunderbares Buch des Reisejournalisten und Autors Rolf Neuhaus, erschienen bei Dumont: "Die letzten Tage der Wildnis. Eine Reise um die iberische Halbinsel." Darin sagt er, dass die Paradiese dieser Welt immer nur so lange Paradiese sind, bis man sie erreicht hat. Oder bis die Massen sie erreicht haben. Ein solches Sehnsuchts-Paradies scheint auch Weihnachten zu sein. Jeder trägt die Kinderbilder mit sich herum, jeder versucht, sich einen Zipfel vom Rock des Weihnachtsmanns zu erhaschen, der inzwischen mehr als alles andere zur kollektiven Konsum- und Comicfigur verkommen ist. Der Weihnachtstourismus steht mir vor Augen, in Rothenburg ob der Tauber gibt es einen berühmten Laden, in dem Japaner und Menschen aus aller Welt ganzjährig weihnachtliches Zubehör kaufen können. Sprach ich schon von den "German Weihnachtsmarkets", die sich in England zunehmender Beliebtheit erfreuen, so richtig mit Bratwurst, Glühwein und Lebkuchenherzen? Das Ende des Weihnachtsstresses kennen wir alle: Sie sitzen vereint unter dem Weihnachtsbaum, alles ist perfekt organisiert, der Braten kommt auf den Tisch oder die Würstchen mit Kartoffelsalat, wie hier in Schwaben üblich -und streiten, dass die Wände wackeln! Wahrscheinlich war das, was Eichendorf noch so romantisch beschrieb, einfacher und bekömmlicher:
                                      Und ich wandre aus den Mauern
                                      Bis hinaus ins freie Feld,
                                      Hehres Glänzen, heilges Schauern!

                                      Wie so weit und still die Welt!
Hat er vielleicht das Phänomen, das Rolf Neuhaus in seiner "Wildnis" beschreibt, vorausgeahnt? Sollte man nicht raus aus dem Haus, sich auf Reisen begeben, wandern in den Kreis der Edeltannen, anstatt sie aufzustellen, zu verkrüppeln und dann vernadeln zu lassen? Ich gebe zu, dass ich auf solch weihnachtsketzerische Gedanken komme, wenn ich die Massentannenhaltung sehe, wie sie zusammengequetscht in ihren Pferchen stehen, wenn ich die abgehetzten Gesichter sehe und die agressiven Huptöne höre. Dazwischen Glühweinduft, Bratwurstqualm und süßer klingende Glocken und Kassen. Und wenn jeder Einkauf, den man tätigen möchte, in einem Massenstau landet, selbst auf Nebenstraßen, selbst in den hintersten Winkeln, in die man sich vor der Massenhysterie flüchtet, ohne ihr entkommen zu können. Es ist Mode geworden, den Weihnachtsstress hinter sich zu lassen, indem man in die Berge, auf die Nordseeinseln, nach Rothenburg fährt oder in den Flieger nach Kreta steigt. Schon lang verlorene ehemalige Paradiese. Warum nicht essen, trinken, ein paar Kerzen anzünden, ein paar Edeltannenzweige oder einen Kirschbaumzweig aufstellen wie im 18./ 19. Jahrhundert, der mit Kringeln und roten Äpfeln behangen wird und bis zum Fest Blüten treiben soll - und dann raus in die Natur, bei jedem Wetter, ideal mit Pulverschnee natürlich, dem Paradies am nächsten! Aber Vorsicht, nicht weitersagen, das schadet der Weihnachtsindustrie und lockt vielleicht die Massen in neue, unbekannte paradiesische Winkel.