Samstag, 10. Juni 2017

Dem Himmel ganz nah - in Bayern

1. Die Hinfahrt
Vor zwei Tagen war es mal wieder so weit: Baden-Württemberg mit seiner Bevölkerungsdichte, seiner Fixiertheit aufs Heiligs Blechle und der Rücksichtslosigkeit vieler seiner Bewohner hing uns zum Hals heraus. Was für entspannte Tage hatten wir bis vor wenigen Jahren in Bayern verbracht! Also suchten wir uns einen Landstrich, der nicht so dicht an den Bergen und Seen des Allgäus liegt: den Pfaffenwinkel. Er umfasst das Gebiet zwischen Memmingen, Bad Wörrishofen und Schongau. Wir waren gespannt darauf, ob wir ohne Frust und seelische Blessuren dorthin gelangen würden. Bis zum Kloster Ochsenhausen, über die schwäbische Alb, ging es noch gerade so. Viel zu viele Laster, viel mehr Autos als am Wochendende. Aber nur einmal beschleunigte ein VW-Dickschiff, als wir mit unserem Golf überholen wollten, und drängte uns fast von der Straße. Hupte auch noch unverschämt hinter uns her. In Ochsenhausen gab es einen schrecklichen Imbiss, serviert von einer schusseligen Bedienung, umrahmt von einem höllischen Verkehrs-und Laubbläserlärm. Ich weiß nicht mehr, wie wir aus den Umleitungen in Memmingen, die uns ständig im Kreise führten und uns eine Stunde Zeit kosteten, plötzlich hinausgelangten unter die Weiten des bayerischen Himmels.

2. Unter dem weißblauen Himmel
Nach etwa zwanzig Minuten Fahrt durch grünes Allgäuland tauchten die kollossalen Türme des Klosters Ottobeuren auf. Wir rieben uns die Augen, denn es war eine Abtei mit einem Münster, das wir auf unseren Kloster - und Kirchenfahrten bisher noch nicht entdeckt hatten. Mit einmaliger Wucht steht dieses Barockkleinod auf einen Hügel über dem kleinen Flecken gerammt. Innen vier Schiffe mit Illusionsmalerei und kunstvollem Stuck, alles in einer einmaligen Art aufeinander abgestimmt..
Ottobeuren
https://www.holidaycheck.de/m/inneres-der-basilika/2cf52f83-c951-31b5-81fa-a83c36f06124
Sebastian Kneipp, der Wasserexperte, wurde hier geboren und wirkte in Ottobeuren wie in Bad Wörrishofen. Unten eine Festtagsgalerie mit Biergärten, Hotels, Pensionen und Hunderten von lustigen Kirchentouristen. Es war noch früh am Tag, deshalb fuhren wir weiter in diesen bezaubernden Landstrich des Pfaffenwinkels hinein. In jedem kleinen Dorf steht eine Barockkirche, manche groß wie eine Basilika, die man nur in Wallfahrtsorten vermuten würde. So kamen wir zum Auerberg, nach Bernbeuren, wo aber keine vernünftige Übernachtung mehr zu haben war. Umso schöner das Ensemble von Kirchen und Kapellen.

Kapelle in Bernbeuren

Zum Abschluss des Tages dann noch die gezackte Alpenkulisse mit dem Forggensee und den Königsschlössern Hohenschwangau und Neuschwanstein im Hintergrund. Ludwig II. hat wohl gewusst, warum er seine Traumschlösser in diese Gegend hinein baute, und die Touristen von heute wissen wohl, warum sie zu Tausenden jedes Jahr in diese Traumlandschaft kommen. goo.gl/dV5mSI Zur Übernachtung kam es dann in Ottobeuren, nach einigen wesentlichen Hindernissen. Während des Essens irritierte uns eine Bedienung mit herzhaft rot geschminktem Mund und gestelzt kesser Pose.  Ich bestellte erstmal einen sauren Sprudel, der Tag war heiß und schweißtreibend gewesen.
"Mit Wein oder mit Bier?", fragte die Bedienung.
"Nein, Wasser mit Kohlensäure", antwortete ich.
"Mit süßem oder sauremSprudel?"
"Nein, einfach Wasser mit Kohlensäure."
"Stilles Wasser?"
"Nein, mit Kohlensäure!"
Bei meinem Freund das Gleiche. Er wollte ein kleines Bier.
"Dunkles oder helles Bier?"
"Ein Bier, kein Dunkles."
"Kristallweizen oder Hefeweizen?"
"Ein kleines Bier, verdammt!"
Mein Freund ist dafür bekannt, dass er schnell aus der Haut fährt. Um wegen des Essens keine weiteren Indolenzen mehr hervorzurufen, zeigte ich auf eine Tafel und bestellte: Paniertes Schnitzel mit Kartoffelsalat. Die Bedienung rauschte ab, den rot geschminkten Mund zu einer starr lächelnden Maske verzogen. Ein junger Typ, der uns vorher schon angesprochen hatte, setzte sich zu uns und berichtete, dass er in einer anderen Wirtschaft  weggejagt worden wäre, weil der Tisch reserviert sei, obwohl kein Schildchen darauf stand. Er war übrigens mit dem Fahrrad ebenfalls eine Stunde in Memmingen herumgeirrt. Nun, wie gesagt kam es trotzdem zur Übernachtung in diesem ansonsten gesegneten Ort. Der junge Mann hatte per Handy zwei Zimmer für uns in einer Pension besorgt, in der er auch selber wohnte. Die Umgebung von Ottobeuren ist wunderschön, es gibt sogar einen sauberen Weiher mit Badewiese. Dort liefen uns zwei Angler mit Bierflaschen und zwei gefangenen Barschen über den Weg. Und in der Pension saßen wir die halbe Nacht auf dem Balkon, tranken Büble und Andechser Bier und redeten über Musik, über Kunst, das Leben, Gott und die Welt. Leider verschwand die Pensionswirtin am nächsten Tag, so dass wir nicht länger bleiben konnten. Und so tasteten wir uns, weil das Wetter immer schlechter wurde, langsam zurück an die Grenze von Baden-Württemberg. Ein Highlight war noch das Städtchen Mindelheim. Schon am Morgen stehen hier die Halben auf den Tischen, alle sind freundlich und aufgeschlossen. In einer Bäckerei lachten ein Kunde und die Bäckerin um die Wette. Gelassenheit und Lebensfreude unter bayrischem Himmel, was ich so liebe!

3. Die Rückfahrt
Die letzte Sonne beschien die barocken Kirchen und Biergärten, die es hier in jedem Dorf gibt. In Günzburg an der Donau hatten wir mal einen tollen Schweinebraten gegessen, von einem ausnehmend netten Kerl in Lederhose auf dem Marktplatz serviert. Aber wir hatten die Nähe zur Autobahn vergessen. Riesige Laster verbarrikadierten den Zugang zur Stadt. Und so gerieten wir zurück in den unwirtlichen baden-württembergischen Sog. Baden-Württemberg, ein Wirtschafts- und Egoistenland, Bayern, mehr eine Agrar- und Bierwirtschaftsgegend. Zum Trost noch ein Besuch der alten St. Galluskirche in Brenz an der Brenz goo.gl/lO49P5, ein gutes Essen mit aufmerksamer Bedienung in Giengen. Dann durch das Brenztal mit seinem Industrieanlagen-Inferno, dazu Staus und Regen, ein Höllenritt zurück über die schwäbische Alb, aber angefüllt mit guten Erlebnissen. Wir werden jederzeit gern dorthin zurückkehren, und jetzt wissen wir auch, wie wir besser dorthin gelangen und wo wir länger bleiben können.





Kommentare:

Elli H. Radinger hat gesagt…

Danke für die Tipps, liebe Christa.

Das klingt ja nach einem echten "Abenteuerurlaub" in jeder Hinsicht. Ich hab auch schon mal mit meinem Hund Wanderurlaub im Pfaffenwinkel gemacht. Vor vielen Jahren. Damals war es einfach nur idyllisch. Die Zeiten ändern sich.

LG
Elli

Christa Schmid-Lotz hat gesagt…

Danke für den Kommentar, Elli. Ja, es gibt sie noch, die idyllischen Fleckchen und die Abenteuer, es ist nur viel schwieriger geworden, dorthin zu kommen. Selbst hier im Schwarzwald braucht man sich nur mal an einem schönen Tag abseits der Trampelpfade zu bewegen, und schon ist man mittendrin im Erlebnis. :-)

LG
Christa