Dienstag, 10. Januar 2017

Wo ist denn das verdammte Nudelholz?

In den letzten drei Monaten habe ich mich viel zu Hause aufgehalten. Nicht, weil die Witterung so schlecht war und ich einen Winterschlaf gehalten hätte. Wegen einer beidseitigen Sehnenscheidenentzündung konnte ich zwei, drei Wochen lang nicht einmal Auto fahren, musste mich also überall hinkutschieren lassen. Es war aber trotzdem eine nachdrückliche Erfahrung. Alles musste auf Sparflamme laufen. Und trotzdem sieht jetzt alles viel freundlicher und sauberer aus. Und trotzdem konnte ich vor ein paar Tagen einen Wunschroman beenden, den ich schon seit Jahren schreiben wollte. Immer stehend und mit Pausen, versteht sich. Das Nachlassen des Schmerzes war wie eine Neugeburt für mich.

Heute nun hatte ich ein paar Stangen frischesten Lauchs auf dem Küchentisch. Viel zu viel, um es als Beilage zu verwenden. Da entstanden Bilder von Dingen, die ich früher mal gekocht und gebacken hatte. Quiche Lorraine, Zwiebelkuchen, Lauch-Kartoffel-Gratin. Wie wäre es denn mal mit einem Lauchkuchen? Ich suchte mir ein Rezept heraus, knetete den Teig und wollte ihn ausrollen. Verdammt noch mal, wo war denn eigentlich das Nudelholz? Und das Backbrett, stand das nicht immer unten bei den Töpfen? Nun gut, der Lauch dünstete schon vor sich hin, und die Speckwürfel brieten zischend in der Pfanne. Es gab kein Zurück mehr. So zog ich den Teig vorsichtig in der Springform aus, belegte ihn mit Lauch, Speck, Sahne, verschlagenen Eiern und Creme Fraiche und ließ ihn backen. Nach vierzig Minuten war er fertig. Und siehe da, es war eine von den Speisen, von der mein späterer Gast zweimal nahm! Wie in besten alten Studenten- und "Brigitte"-Zeiten.

Was lerne ich daraus? Es ist ziemlich viel verloren gegangen in den sechzehn Jahren, die ich hauptsächlich schreibend verbrachte. Parallel zu diesem Ereignis las ich ein Buch, einen ziemlich tiefgründigen Thriller, wie ich finde, der mich sehr beeindruckt hat. Da geht es um eine Schriftstellerin, die sich zwölf Jahre lang in ihrem Haus verschanzt und einen Bestseller nach dem anderen schreibt. Sie fühlt sich von einem Mann verfolgt, den sie direkt nach dem Mord an ihrer Schwester gesehen hat. Die Isolation in dem Haus wird auf verschiedenen Ebenen beschrieben: einmal auf der Thrillerebene, dann in einem Roman, den die Autorin parallel dazu schreibt, dann auf einer tieferen, therapeutischen Ebene. Auf der letzten Ebene wirkt die freiwillige Gefangeschaft wie eine Depression oder auch Manie. Und es wird immer klarer, dass die Autorin sich nach den sinnlichen Eindrücken der Außenwelt sehnt. Die Mauersegler, der Geruch von Gras, Gespräche mit Menschen. Einfach durch eine Stadt zu treiben, die Sonne auf der Haut zu spüren und irgendwo einen Kaffee zu trinken. Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie ihre Hund im Garten tollen, sprühend vor Leben. Das Buch hätte auch heißen können: Es gibt noch etwas anderes da draußen. Aber dann wäre es kein Thriller gewesen.
Melanie Raabe; Die Falle, BtB 2016

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