Freitag, 13. Januar 2017

Vor dem Sturm

Gestern Nacht bin ich, wie so oft, auf meine Terrasse hinausgetreten. Es war alles still, der Schnee der letzten Tage war schon geschmolzen. Dann hörte ich ein Sausen hoch oben in der Luft, als würden mehrere Düsenjägervon allen Seiten heranfliegen. Wenig später rasten weiße, ausgefranste Wolken über das Haus hinweg, andere, dunklere, folgten und verdeckten immer wieder den Mond, den ein Halo umgab wie ein kleiner, runder Regenbogen. Die wilde Schar kam vom nordwestlichen Schwarzwald her, hastete weiter, als wäre sie von allen Nachtmahren der Welt verfolgt, und flog in südöstlicher Richtung davon. Das Brausen am Himmel verstärkte sich, ein Inferno kündigte sich an.

Vor langen Jahren habe ich schon einmal eine solche Nacht erlebt. Und schrieb darüber eine Kurzgeschichte, aus der wiederum später ein Roman entstand. In der Nacht im Milleniumsjahr 2000, ungefähr um dieselbe Zeit, las ich in den "Nachtwachen des Bonaventura" Folgendes:
Es war eine von jenen unheimlichen Nächten, wo Licht und Finsternis schnell und seltsam miteinander abwechseln. Am Himmel flogen die Wolken, vom Winde getrieben, wie wunderliche Reisebilder vorbei, und der Mond erschien und verschwand in raschem Wechsel. Unten in den Straßen herrschte Totenstille, nur hoch oben in der Luft hauste der Sturm wie ein unsichtbarer Geist. Dann ging die Straßenlaterne aus, und es gab nur noch dieses Sausen des Windes, ein kurzes Blinken von Sternen und den bangen Ruf eines Käuzchens. Jetzt ist er da, der Sturm. Der Himmel stahlgrau, das Gerippe des Nussbaums vor mir, Regen peitscht mir ins Gesicht, es tobt und wütet, poltert und scheppert. Ein Klirren, das Thermometer, ein Klatschen, die Matte ist weggeweht, Äste schlagen gegen das Fenster. Ich denke an die zweite Weihnachtsnacht des Jahres 1999, die Nacht des Lothar, der europaweit für ungeheure Zerstörungen sorgte. Auf dem Kamm waren die Fichte wie ein Mikadospiel weggeknickt, die Regentonne war ums Haus geflogen und ein Baum im Garten hatte sich quer über die Straße gelegt. Diesmal geht es glimpflich aus, aber wahrscheinlich müssen wir in diesem Jahr mit weiteren, stärkeren Unwettern rechnen. Ich gehe zurück in die wohlige Wärme des Hauses. Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat, sagte einst Nietzsche in einem Gedicht. Hier ein anderes Gedicht von Gottfried Keller, dessen "Grünen Heinrich" ich sehr gern gelesen habe:

                                                               Im Schnee
                                                    Wie naht das finster türmende
                                                    Gewölk so schwarz und schwer!
                                                    Wie jagt der Wind, der stürmende,
                                                    Das Schneegestöber her!
                                                    Verschwunden ist die blühende
                                                    Und grüne Weltgestalt;
                                                    Es eilt der Fuss, der fliehende,
                                                    Im Schneefeld nass und kalt.
                                                    Wohl dem, der nun zufrieden ist
                                                    Und innerlich sich kennt!
                                                    Dem warm ein Herz beschieden ist,
                                                    Das heimlich loht und brennt!
                                                    Wo, traulich sich dran schmiegend, es
                                                    Die wache Seele schürt,
                                                    Ein perlend, nie versiegendes
                                                    Gedankenbrauwerk rührt!

                                                      Gottfried Keller, 1819-1890

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