Sonntag, 16. März 2014

Die blaue Blume



Manchmal, wenn es Frühling wird, juckt es mich in den Füßen und ich mache mich auf die Suche nach der blauen Blume. Sie war ursprünglich ein Sehnsuchtsbild der Romantik, das Novalis in seinem "Heinrich von Ofterdingen" beschrieb, auch Symbol für Aufbruch und Wanderschaft. Vorgestern, an einem warmen Hang des Schönbuchs, wurden wir fündig, und zwar überreichlich. Da wuchsen lila Veilchen am Wegrand, auf den Obstwiesen breiteten sich Teppiche von Scilla aus, vereinzelt schauten Traubenhyazinthen aus dem noch gelben Gras, und im Wald explodierten die blauen Blüten des Immergrüns. Später, auf den Felsköpfen über einem Flusstal, steckten massenweise Küchenschellen ihre Köpfe aus dem Boden. Die romantischen Dichter gingen offenbar von der Kornblume aus oder vom Heliotrop. Für mich ist es ein Konglomerat aller blauen und sonstigen Blumen. Mit der Suche nach dieser Blume sind wir offensichtlich nicht allein. In einer Buchhandlung fiel mir ein Buch in die Hand (es lag bei den Wander-, Spazier - und Fahrradführern), das von einer Wanderung über den Schwarzwald berichtet, ebenfalls auf der Suche nach dieser Blume. Johannes Schweikle: Westwegs. Über den Schwarzwald. Zu Fuß durch eine deutsche Landschaft, erschienen 2014 beim kleinen Tübinger Verlag Klöpfer&Meyer. Schweikle schreibt u.a. für die Zeit, für Geo und Merian. Es ist eine außerordentlich vergnügliche Lektüre. Wir erleben nicht nur das, was der Autor mit allen Sinnen erfährt, sondern auch Begegnungen mit Gegenwart und Vergangenheit. Alles, was der Schwarzwald an Dichtern, Denkern und Machern gesehen hat, taucht auf und untermalt höchst amüsant diesen Ausflug aus der Zivilisation. Wilhelm Hauff kommt ebenso zu Wort wie Hermann Hesse, Grimmelshausen, Eduard Mörike ("Die Geister vom Mummelsee"), Mark Twain und Hemingway. Mark Twain schrieb über die Misthaufen vor den Türen, die den sozialen Status der Besitzer anzeigten, Hemnigway wurde mit Angelvorschriften gequält. Und überall gab es Misstrauen gegen "die Ausländer". Da ist von den Ursprüngen der Holzflößerei die Rede, vom Glasblasen, von den großen Michelin-Hotels, die mal ganz klein angefangen haben, vom sauren Regen und dem Führerbunker. Die blaue Blume fand Schweikle noch nicht auf einem Felsen mitten im Glaswaldsee, sondern erst später auf dem Feldberg. Für mich ist die blaue Blume Ausdruck einer Nische, die sich im Gewühl und in der Plastikmentalität unserer Welt immer wieder auftun kann, manchmal ganz überraschend und dort, wo wir es gar nicht erwartet hätten. Die blaue Blume und ihren Duft fand ich auch in Mörikes Gedicht "Frühling lässt sein blaues Band ..."



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