Dienstag, 7. August 2012

Katastrophenbahnfahrt ans Meer

Nordsee/Elbemündung bei Cuxhaven
Ja, es sollen ruhig alle wissen, die es hören wollen: Heutzutage ist das Vergnügen, mit den modernen Intercityexpresszügen der deutschen Bahn zu fahren, immer mehr abgemindert und zum Spielball unvorgesehener Zufälle geworden. Mit einer Karte vom Schwarzwald nach Hamburg ausgerüstet (kostet mit Sparpreis, Bahncard 25 und zwei Reservierungen 166, -Euro), einem wunderbaren Sommerhimmel über mir und allen Kraftreserven der Welt kam ich am Samstag in Pforzheim an. Aber oh Graus, der Anschlusszug nach Karlsruhe hatte 30 Minuten Verspätung! Das würde die Planung des gesamten Tages durcheinanderbringen. Chaotische Lautsprecherdurchsagen: man solle die S-Bahn nach Karlsruhe-Marktplatz nehmen, aber als ich drüben auf dem anderen Gleis ankam, war nichts mehr von dem Zug zu sehen. Endlich kam ein Doppeldecker, der mich nach Karlsruhe brachte. Hier wieder warten auf einen "Ersatzzug". Der kam dann auch, es war ein IC, der noch so richtig ratterte und bei dem man wenigstens ein einziges Fenster aufmachen konnte. Das war auch absolut nötig, denn die Klimaanlage war mal wieder ausgefallen. Jedesmal, wenn wir an einem Bahnhof hielten (und das geschah oft, denn es wurden alle Kleinstädte in Ba-Wü bedient), stöhnte der etwa 12jährige Sitznachbar so laut, dass ich dachte, die Jugend verträgt aber auch gar nichts mehr. Waren nicht schon mal Leute bei dieser Gelegenheit fast gestorben? In Frankfurt wurden alle wieder rausgescheucht und in einen anderen, überfüllten IC verfrachtet. Hier war ebenfalls die Klimaanlage und zudem auch noch der Strom ausgefallen. Quälend langsam tuckerte der Zug durch die hessischen Lande, jeder Bahnhof wurde bedient. Wie haben wir das früher nur ausgehalten? Glücklicherweise hatte ich mir zwei belegte Stullen mitgenommen, denn was sonst noch so auf dieser Fahrt geschah, wurde mir im ganzen Ausmaß erst später deutlich. Für einen Kaffee arbeitete ich mich bis zum Bistrowagen vor, den ich überfüllt anzutreffen glaubte. Er war gähnend leer. Der Strom sei ausgefallen, erklärte mir die nette Bedienung, Kaffee gebe es keinen, aber Getränke. So erhielt ich wenigstens eine warme Cola. Für die anderen armen hungrigen Bahngäste schmierte sie umsonst Marmeladebrote, die warme Cola musste ich selber zahlen. Irgendwie wie im Krieg, dachte ich. Es solle sich jemand da unten auf die Gleise gelegt haben, sagte die Bedienung, in Karlsruhe sei er eingestiegen. Himmel, dachte ich, war das vielleicht mein stöhnender Nachbar gewesen? Aber wie soll er sich auf die Gleise gelegt haben, wenn er in Frankfurt ausgestiegen ist? Ich begann an meinem Verstand zu zweifeln. Endlich, die Sonne näherte sich schon dem Horizont und es war immer noch so heiß, überquerten wir ratternd die Elbbrücken und erreichten Hamburg Dammtor, weiter mit der S-Bahn zur Sternschanze, wo mich meine Lieben mit entnervten Gesichtszügen erwarteten. Gottseidank habe ich inzwischen ein Handy für diese Zwecke, so dass ich alle über alles unterrichten konnte. Wie haben wir das eigentlich ohne Handy gemacht?

Hamburg kann nichts dafür, Hamburg ist, wie Frankfurt, eine ganz tolle Stadt. Schließlich waren alle anderen auch noch eingesammelt, und zur Belohnung gab es ein wunderbares Pfeffersteak bei "Klett". Die Reise an die Nordsee klappte gut, als wir in Cuxhaven eintrafen, kam die Sonne raus und brachte Ferienstimmung auf die Kais und die Deiche. Möwen kreischten, es roch nach Krabben und Backfisch. Der Abend im Schanzenviertel, wo meine Schwester wohnt. Hunderte von Menschen mit Gläsern in der Hand verstopften die Straßen, denn auch hier in Hamburg gilt das Biergartenverbot wie in Bayern ab 23.00. Wie war die Rückfahrt? Gleich in Dammtor mussten wir die reservierten Plätze wieder verlassen, weil die Klimaanlage in Wagen 5 ausgefallen war. Wagen 3 war überfüllt, aber wenigstens wurde die Verspätung, die in Hannover durch zu viele Fahrgäste am Bahnhof entstand, wieder aufgeholt. Und durch die IPads meiner beiden jugendlichen Nachbarn lernte ich etwas über die Führerscheinprüfung heute. Als ich zurück im Schwarzwald war, sanken die Temperaturen um mindestens 10°.Uff! Und was können wir daraus lernen? Das nächste Mal werde ich bestimmt fliegen, das kostet auch nicht mehr, wenn man rechtzeitig bucht. Ob beim Flieger irgendetwas ausfallen kann, was nicht vorhersehbar ist? Fällt man dann vielleicht vom Himmel? Wieso können die kein Essen in die Züge bringen, wenn die Leute hungern? Liegt das vielleicht daran, dass wir anderen Nationen zu viel Geld gegeben haben und man nun Notopfer von der Bevölkerung verlangt? Über mein künftiges Autorenleben konnte ich auf jeden Fall nicht nachdenken, dafür war`s zu heiß. Und ob die Bahn mir für die zwei Stunden Verspätung das Geld zurückzahlt, werden wir sehen. Gesundheitliche und psychische Qualen sind in dem Formular auf jeden Fall nicht vorgesehen.

Kommentare:

Diandra hat gesagt…

Ja, die liebe Bahn. Oder mitten in der Nacht in klirrender Dezemberkälte auf einem winzigen Bahnhof im thüringischen Nirgendwo stehen, und der Anschlusszug fällt aus... aber Flug ist auch nicht besser, habe ich mir sagen lassen. Wenn ein einstündiger Flug eine Dreiviertelstunde Verspätung hat, weil das Catering nicht da ist...

Christa S. Lotz hat gesagt…

Oje, hängt man dann in der Warteschleife? Wir fahren jetzt mit dem guten alten Auto durch den Schwarzwald, die Hühnerkeulen und die Wurst im Gepäck, weil auf der Strecke nur Hotelkästen zu erwarten sind.

Ciao, Christa