Samstag, 1. November 2008

Der schöne Tag in Stuttgart

Ausflüge in unsere Metropolen sind immer aufregend, und auch, wenn mancher denken mag, die Leute aus den Randgebieten der großen Wälder fänden sich dort nicht zurecht, kann ich mich rühmen, mich in Frankfurt, Hamburg, Berlin, München, Prag, Paris, London, Lissabon, Buenos Aires, Mexico City, Budapest, Wien und anderen großen Städten bewegt zu haben, ohne die Orientierung zu verlieren, Caracas und Athen nicht zu vergessen. Doch es gibt keine Erfahrung, die nicht revidiert werden könnte. Also Stuttgart sollte es heute sein, der Rotenberg mit seiner gewaltigen Aussicht und der berühmten Grabkapelle.
Dort oben rollten uns die Autos schon rückwärts entgegen, so wie sie vorher tausendfach die Tunnels und Schnellstraßen verstopft hatten. Ehrlich, Stuttgart ist sonst eine Stadt, durch die man mit Grüner Welle problemlos durchkommt. Die Flucht in eine der schönen Weinstädte erwies sich leider ebenfalls als Flop, da inzwischen die Sonne hinter den Häuserreihen verschwunden war, dank der wieder eingeführten Winterzeit eine Stunde früher als innerlich erwartet. Meine Füße wurden immer kälter, frierend tranken wir unseren Latte Macchiato im frostigen Schatten.
Da muss doch noch was rein in den Tag, sagten wir uns, sonst hätten wir doch das teure Benzin umsonst verfahren! Ja, interessant, hier in Schorndorf sind die Anführer der Aufständischen im Bauernkrieg hingerichtet worden, ein bemoostes Kreuz an der Kirche legt Zeugnis darüber ab. Aber das wussten wir ja schon, schließlich habe ich einen Roman über den Bauernkrieg geschrieben. Inzwischen meldete sich mit Grimm der Hunger. In Stuttgart-Hedelfingen, sagte mein Begleiter, da gibt es doch diese Wirtschaft ... es sollte Stunden dauern, bis wir dort ankamen. Tausende von Bremslichtern, Hupkonzerte. Was ist denn bloß los in dieser Stadt? Ach ja, heute spielt der VfB gegen Eintracht Köln, kein Wunder, und der Cannstatter Wasen. Auf dem Wasen grasen Hasen. Letzte Rettung: gibt es nicht in Bad Cannstatt am Bahnhof diesen Kiosk mit dem besten Kiosk-Schaschlik weit und breit? Irgendjemand muss alle Schilder vertauscht haben, denn wir kommen einfach nicht in die Altstadt von Cannstatt hinein. Schließlich doch der Bahnhof. Fußballfans ziehen zu Hunderten gröhlend vorbei. Kein Parkplatz. Irgendetwas muss doch noch geschehen, es wird immer akapolyptischer. Ja, da ist ein Parkplatz, laufen wir in die Gassen hinein. Da gab es mal eine Wirtschaft, so eine richtig urige mit Einheimischen drin und preiswertem, gutem Essen. Wir stehen davor. Sitzen mit langen Schnäbeln in der überfüllten Stube, keine Bedienung kommt. Im Fernsehen läuft ein Fußballspiel. Dann kommt sie doch, wir bestellen Sauerbraten mit Teigwaren. Ein Ehepaar hat sich an unseren Tisch gesetzt, sie gucken ängstlich, weil wir solche Entenschnäbel haben. Gell, sagt die Bedienung, Sie müssen fei mindestens eine halbe Stunde warten. Eine halbe Stunde ist eine Stunde. Wir stehen auf, das Ehepaar ebenfalls. Was ist denn heute los in Stuttgart, frage ich die Bedienung, ist es wegen des Fußballs? Der ist noch das Wenigste, sagt sie, aber heut ist Allerheiligen. Ich hatte nicht gewusst, dass den Stuttgartern das Allerheiligste so wichtig ist, dass sie das mit dem Heiligen Blechle beweisen müssen.

Jetzt nur noch weg, Richtung Autobahn. Es kommt kein Autobahnschild, oder nur das nach München. Im Tunnel wieder Stau. Endlos die Lichter. Wir werden noch bis morgen früh hier herumfahren, sage ich, und dann wird sich der Magen umstülpen. Eine Akapolyse, eine Hölle, eine Fehlleitung der Schöpfung, und wir selbst sind ein Teil davon. Die Menschen sind wie die Lemminge, die sich in einem leuchtend roten Bandwurm in den Untergang stürzen. Wären wir doch nicht weggefahren, wären wir brav in unserem Großen Wald geblieben, hätte ich doch geschrieben oder hätten wir als Ziel das Kloster Allerheiligen im Schwarzwald angefahren. Aber dort wären sie auch gewesen. Jetzt müssen wir auf die Autobahn kommen, in der Raststätte eins von diesen öligen Fleischstücken in Soße oder eine fette rote Wurst zu uns nehmen. Wahrscheinlich werden sich dort die Lastwagen zu Hunderten stapeln.

Plötzlich Stille. Alles wie weggeblasen. Und für den umgestülpten Magen eine Gulaschsuppe mit viel Fleisch drin. Was lernen wir aus einem solchen Tag, den man eigentlich unter "peinliche Verluste" abhaken sollte? Besuche in unseren Großstädten und Metropolen sind immer aufregend, man muss nur wissen, auf was man sich einlässt.

1 Kommentar:

Petra hat gesagt…

Herrlich geschrieben, ich hab mich selten so gegruselt! ;-)
Da weiß ich wieder, was ich an meinem "Berg" habe, auf dem ich Stunden laufe und allenfalls mal einen Holzfäller, Rehbock oder Förster zu Gesicht bekomme.
Herzlichst - aus dem Jenseitswald,
Petra