Mittwoch, 1. Juli 2020

Von Mäusen und Menschen

Während ich gestern Abend die Terrassentür zum Lüften geöffnet hatte, sah ich aus dem Augenwinkel eine kleine Hausmaus hereinhuschen. Sie verschwand unter dem Bücheregal. Irgendwie fand ich sie süß. aber es war mir auch nicht ganz wohl dabei, eine Maus im Haus zu haben. Vor ein paar Tagen war sie in der Küche an der herunterhängenden Schürze hochgeklettert und dann ebenfalls verschwunden. Erst unter dem Kühlschrank, dann hinterm Grill. Ich habe überall nachgeguckt, aber sie war und blieb verschwunden. Mit Speck fängt man Mäuse, dachte ich und legte ein Stück Käse draußen vor die halb offene Tür. Das heißt, ich gab ihr Gelegenheit zu entkommen. Der Käse war noch da, die Maus nicht mehr. Ich frage mich, was sie in meiner Wohnung sucht, wenn nicht was zum Fressen. Kühle, Sicherheit? Und was aus dieser Mäusebeziehung wird, weiß ich auch noch nicht. Ich kann meine Fenster und Türen nämlich nicht dauerhaft verschließen.

Bei geschlossenen Fenstern und Türen kann nämlich Folgendes passieren:
Neulich saß ich einige Stunden auf der heißen Terrasse und schrieb an meinem Roman. Alles idyllisch, umrahmt von grünwuchernden Pflanzen, Rosen, Feuerlilien und den Blüten des Oleanders. Ein kleiner blaugrüner Strandschirm über mir, ein kaltes Getränk neben mir. Plötzlich hörte ich ein lautes Klatschen, einen Knall, der mich hochschrecken ließ. Ein Spatz landete mit ausgestreckten Flügeln auf der Gartenbank. Da blieb er liegen, anscheinend innerlich unverletzt, aber in Schockstarre. Ich brachte ihn in den Schatten und stellte ein Schälchen Wasser neben ihn. Den ganzen Nachmittag dachte ich, der stirbt jetzt. Was sollte ich nur tun? Und ein Tierarzt war wegen des Feiertages nicht zu erreichen. Gegen Abend richtete er sich auf und stand einfach da. Stundenlang. Ich flößte ihm etwas Wasser ein und legte Brotbröckchen neben ihn. Daraufhin drehte er das Köpfchen und steckte es nach hinten ins Gefieder. Er schlief. Er schlief den ganzen Abend. Um ihn vor den Nachbarkatzen zu retten, brachte ich ihn auf einem Tuch in die Küche, er hatte gekackt, das war gut so. Am Morgen flatterte er an meinem Schlafzimmerfenster herum. Ich brachte ihn nach draußen, wo er wieder saß und schlief. Kurze Zeit später war er verschwunden. Und eine Stunde später hörte ich es in den Büschen: Tschilp, tschilp, tschilp!

Meine Wohnung ist ein Anziehungspunkt für Tiere. Vor ein paar Jahren war es eine weiße, extrem anhängliche Katze, die auf Teufel komm raus bei mir einziehen wollte. Sie trommelte Tag und Nacht ans Fenster und schaffte es auch, immer wieder hier zu wohnen und zu speisen. Sie gehörte aber nachweislich jemand anderem. Dann wieder war es eine Kröte, die nachts unter meinem Sofa hervorkroch. Immer war es die Hitze oder andere Gründe, die Tiere in meine Wohnung trieb. Die anderen - Elstern, Amseln, Meisen, Igel, Bläulinge und Zitronenfalter, Hummeln, Bienen, Nachbarkatzen - bleiben tunlichst draußen, außer sie bauen ihr Nest wie eine Zeisigfamilie im Rosenbusch. Nur die naschhaften Wespen verirren sich gern mal hinein.

Die Menschen haben sich in Coronazeiten bei mir rarer gemacht. Außer meinem Partner natürlich, den sehe ich so gut wie jeden Tag, und er führt mich, leutselig und witzig, wie er ist, auch immer wieder in die "reale" Welt zurück. Ab und zu ein Schwätzchen mit Nachbarn oder im Supermarkt, beim Wandern und in der Stadt. Der Postbote klingelt auch nicht mehr, meist ist Ruhe, kein Fußballgedonner mehr gegen die Garagentür, nur das Lachen und die Spielgeräusche von Kindern. Das ist die angenehme Seite der Zeit. Es gibt sottige und sottige Menschen. Die meisten sind angenehm und verständig. Wenn man zunehmend wieder in die sogenannte Realität zurückkehrt und in der Stadt eine Latte oder ein Holunderschorle trinkt, kann man auch Männer beobachten, die angetrunken in einem Café sitzen und lauthals alles kommentieren und über jeden lachen, der vorbeigeht oder in der Nähe sitzt. Manche gewinnen durch die Krise, anderen hat es anscheinend das Hirn vernebelt (damit meine ich jetzt durchaus auch Leute wie die durchgeknallten Jungs aus Stuttgart, von denen jetzt 13 in Haft sitzen).

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