Freitag, 27. Dezember 2019

Digitale Depression

Vor langer Zeit hatte ich hier mal einen Artikel geschrieben, in dem vom sogenannten digitalen Suizid die Rede war. Bei den Mitgliedern der sozialen Medien herrschte damals die Meinung vor, man begehe einen sozialen Suizid, wenn man sich den Medien entzieht oder sie wieder verlässt. Das Phänomen hat sich nicht verändert. Vor ein paar Jahren ist das Buch von Frau Prof. Sarah Diefenbach mit dem Titel "Digitale Depression" erschienen.
Digitale Depression
Es handelt davon, wie die sozialen Medien unsere Beziehungen und unser Glücksempfinden beeinflusst haben. Früher hat man nach einem Urlaub Freunden und Verwandten Fotos gezeigt oder etwas Landestypisches mitgebracht. Nicht zu vergessen diese manchmal recht langweiligen Diaabende (ein Bekannter hatte mal zirka 10 Diakästen über Bali zeigen wollen, bis alle protestierten!). Heute werden Fotos vor allem deshalb gemacht, damit sie in den sozialen Medien geliked werden. Ich werde nie vergessen, wie ich auf der Burg Hohenemmendingen mal aus der Ferne ein hübsches Foto von einer Hochzeitsgesellschaft zwischen Ruinen gemacht hatte und einer von ihnen mir nicht etwa zurief "Fotografieren von Personen verboten", sondern "Aber nicht vor uns bei Facebook einstellen!" Da war mir die Macht dieser Medien noch nicht so bewusst. Aber ich habe es am eigenen Leib erfahren. Nach sieben Jahren Facebook, einem halben Jahr 2011 bei Twitter und mit einem wenig benutzten Account bei Instagram  kann ich sagen, dass die Kommunikation und die Likes einen kurzfristigen Kick hervorrufen, der sofort wieder verrauscht und süchtig danach macht. Aus den Gründen habe ich Twitter schon lange auf Eis gelegt und melde mich bei Facebook nur noch alle zwei, drei Wochen. Denn die sozialen Medien verdrängen das reale Leben. Und meine Bücher sind dadurch vielleicht bekannt gemacht, aber kaum verkauft worden.

Nun habe ich seit ein paar Wochen (neben einem kleineren, nicht internetfähigen Handy) auch ein Smartphone. Auf der Harzreise im November tat es mir gute Dienste: Ich konnte Anschlusszüge bei Verspätungen heraussuchen, mein Autorenforum checken, Fotos machen und mit meinem Sohn austauschen. Da sind wir auch schon bei einer der wenigen positiven Funktionen: Man kann mit Menschen, die man gut kennt, in intensivem Austausch bleiben. Nachteil beim Fotografieren ist: Die Fotos meiner Digitalkamera kann ich dort nicht verwenden, muss also dafür mit dem Smartphone Bilder machen.

Die Smartphonebenutzer hatte ich oft als ziemlich unangenehm erlebt. Das laute Gequake plötzlich, dauernd dachte ich, jemand rufe nach mir oder meine mich. Dann die Geschichten mit den Unfällen und dass viele das Smartphone sogar neben dem Bett liegen haben, um erreichbar zu sein. Ich sah Fernsehberichte über Entzugsbehandlungen in der Klinik. Daneben fand und finde ich es immer als unhöflich, wenn jemand mitten im Gespräch oder während des Essens ans Handy geht. Das tue ich jetzt allerdings auch nicht, ganz bewusst nicht, meistens ist das Smartphone aus. Es ist zwar schwierig, sich heutzutage ohne Smartphone durch die Welt zu bewegen, aber es ist machbar sogar auf Reisen. Man kann immer noch normal in Hotels einchecken, wenn man rechtzeitig da ist und nicht alle schon von unterwegs gebucht haben. Und eines ist mir jetzt ganz klar geworden: Die anderen in den Medien sind auch nicht permanent glücklich und haben ein ach so tolles Leben und ständig Urlaub unter Palmen. Gespräche mit Menschen direkt und gemeinsame Erlebnisse sind wesentlich nachhaltiger und klingen dauerhafter nach.

Hier noch ein Link zum Blogbericht eines Musikers, der sich aus der digitalen Depressionsfalle befreit hat:
Digitale Depression
Reale Erlebnisse, hier: merkwürdige Figuren am Eulenturm im Kloster Hirsau/ Schwarzwald
Jagdschloss im Kloster Hirsau

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