Mittwoch, 4. Februar 2015

Grenzerfahrungen

Zur Zeit beschäftige ich mich verstärkt mit dem Thema "Grenzen", sowohl was das Berufliche als auch das Private betrifft. Dabei kommt mir ein Bild in den Sinn. Wir verbrachten einmal, vor langen Jahren, einen Tag im schönen Tal der Nagold bei Altensteig. Da waren die Tannen noch nicht umgeblasen, es gab einen klaren Fluss mit Blumenwiesen drum herum, und es gab  eine Forellenzuchtstation, in der man auch foliengebackene Forellen essen konnte. Es war Heidelbeerenzeit, soweit ich mich erinnere. Und wir hatten einen Hund, eine Mischung aus Schäferhund und Dackel, "Wuschel" genannt. Jemand aus meinem engeren Umfeld führte also diesen Schäferdackel an der langen Leine, nein, er führte ihn nicht, sondern sprang ihm hinterher, über Stock und Stein und Heidelbeerbüsche. Da nimmt es sicher nicht Wunder, dass dieser sehr geliebte Hund nicht mehr auf Befehle wie SitzPlatzPfui gehört hat, vorher schon nicht gehört hat, denn er kam aus einer Familie, die ihn wegen seiner Kapriolen nicht mehr halten konnte und wollte. Dieser Hund war einmalig! Sein Schäfer-Ich machte ihn so stark, dass er auch auf weit größere Hunde losging (und dabei nicht nur einmal Haare lassen musste). Als Dackel mit krumm gebogenem Schwanz war er treu, anhänglich und sehr eigenwillig. Und vor allem selbstbestimmt. So selbstbestimmt, dass er am Ende seines Lebens, bei einem Freund untergebracht, während ich im Krankenhaus weilte, bellend einem Reh in den Wald nachlief und niemals mehr gesehen wurde.

Also, diese Sache mit der Leine. Hätte jemand den Wuschel geführt, wäre er wohl nicht von einem Jäger erschossen worden. Da sehe ich noch ein weiteres Bild vor mir, aus einer Supervision. Als Therapeutin bin ich der Pflock, so wurde es uns verdeutlicht, um den sich der Klient an einer langen Leine dreht. Er wird also gehalten und kann sich gleichzeitig frei bewegen. Das sind die Grenzen, wie sie sein sollten, durchlässig und nicht zu starr. Es gibt Menschen, die nicht "nein" sagen können. Und es gibt Leute, die fast alles abwehren, die werden dann Egoisten genannt. Es ist für uns immer wieder erstaunlich zu sehen, wie viele angebliche Probleme und Störungen sich durch richtige Grenzziehungen beseitigen lassen. Dieses komische Gefühl im Bauch sagt uns, dass jemand zu weit gegangen ist. Wenn jemand unfähig ist, in seinen Beziehungen, bei seiner Arbeit oder sonst im Leben Genzen zu setzen und sich damit massiv schadet, muss man diese Grenzen manchmal für ihn setzen. Und alle sind erstaunt, wie leicht sich dadurch alles löst. Und wie die Grenzverletzer selbst daran wachsen können.

Selbst im Bereich des Schreibens haben wir mit diesen Grenzen zu tun. Das Schreiben an sich ist häufig eine Grenzüberschreitung, im wahrsten Sinn des Wortes. Wir überschreiten eine Grenze, indem wir uns vom eigenen Ich und vom eigenen Leben entfernen. Das wird Flow genannt oder Schreibrausch oder manche fühlen sich, als ob sie "brennen". Im Normalfall nehmen wir dadurch keinen Schaden, wenn wir währenddessen noch auf unsere Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen achten. Die Grenzen kommen ins Spiel, wenn andere Menschen auf der Bühne erscheinen. Fängt an mit dem Testleser, der eigene Vorstellungen von unserem Text hat und diese durchdrücken will. (Glücklicherweise habe ich einen, der die Grenzen kennt, meinen Text aufgreift und ihn verbessern hilft). Geht weiter mit dem Verlag, der mit unserem Text einen Markt bedienen möchte (weil der Verlag eben auch seine Grenzen hat). Und es betrifft den Lektor mit seiner eigenen Sprache. Wenn er die Stärken des Autors hervorheben kann und die Schwächen modelliert, hat er seinen Job gut gemacht. Am stärksten aber spüre ich die Grenzen beim Veröffentlichungsprozess. Wo liegen die Grenzen des Autors, was die "gängigen Themen" betrifft? Wie stark ist seine Geduld beim Warten auf Entscheidungen? Hat er Grenzen, was Sichtbarkeit, Verkäufe und Rezensionen betrifft, bzw. Unsichtbarkeit, Unverkäuflichkeit und mangelnde Leserstimmen? Welche Bedeutung hat das Veröffentlichen für ihn? Geld verdienen, gesehen werden, Lob, Anerkennung, Selbstverwirklichung? Bei welchem Anbieter kann ich mich für mich optimal in meinen Grenzen bewegen? Bei einer Agentur, einem Verlag, als Self Publisher mit oder ohne Distributoren? Meine Fähigkeit, mich abzugrenzen, sei gut ausgeprägt, so hörte ich kürzlich von einem Azubi unseres Betriebs. Und doch muss ich mich und andere immer wieder daran erinnern, dass man tagtäglich mit seinen Grenzen und denen anderer konfrontiert wird, und dass man selbst derjenige ist, der die Entscheidungen trifft.

Kommentare:

PvC hat gesagt…

Starker Text, liebe Christa!
Und bei dem Hund habe ich fast schniefen müssen ... ich sah so sehr den Gang in die Ewigen Jagdgründe vor mir.

Das Thema ist hochinteressant für mich, weil ich ja die "Grenzgängereien" als roten Faden habe ... und das ist der andere Ansatz - das Überschreiten von Grenzen, das Hinüberschauen, das Ausloten dessen, was geht. Immer wieder ein Schrittchen weiter. Was natürlich die Gefahr beinhaltet, dass man manchmal die Schutzgrenzen vernachlässigt und darauf achten muss.
Aber es ist wie beim Stabhochsprung: Wenn ich nur 70 cm schaffe (meine vermeintliche Grenze), wäre es blöde, die Latte gleich auf 1,50 m zu schrauben. Das schaffe ich dann nie und es zementiert mir diese vermeintliche Grenze. Aber ich kann trainieren, nach den 70 cm die 75 cm zu bewältigen usw. - und das motiviert.

So komme ich auf dein Beispiel mit dem Schreiben. Was du da aufzählst: Marktschubladen, Verlagsgebaren, Geld verdienen - sind das wirklich echte Grenzen? Oder sind das nur scheinbare Grenzen, die du dir selbst im Kopf machst?
Da kommen wir zum Unterschied zwischen normalem Schreiben und Kunst. Kunst überschreitet immer Grenzen, legt sich quer zu Erwartungen und Herkömmlichen und sucht darum ihren eigenen Weg. Egal, ob man dafür auch mal hungert oder auf etwas anderes verzichten muss. Man muss nur entscheiden, welche Grenzen man sprengen will und welche einem wichtig sind?

Grenzgängerische Grüße aus dem Grenzland,
Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Danke für die ausführliche Rückmeldung, Petra! Bei uns "Beziehungsarbeitern" liegen die Grenzen in der Beziehung selbst.
Wo hört man selbst auf, wo fängt der andere an? Wann ist es nötig, zeitweise herauszutreten und Gegendruck auszuüben? Dabei ist das Thema "Grenzen", wie du richtig bemerkst, ein sehr, sehr weites. Wo ist meine eigene Grenze beim Schaffen, beim Schreiben? Kann ich schon jetzt ein Stück weitergehen, die Latte höher hängen?

Es ist wohl tatsächlich so, dass die Grenzen, die einem Autor durch Verlagsbedingungen, den "Markt" und das Geldverdienen gesetzt werden, nur Scheingrenzen sind. Aus dem Grund habe ich auch geschrieben, dass die Entscheidung bei einem selbst liegt.

Herzlichst
Christa (die nie hungern oder auf etwas verzichten musste:-)