Sonntag, 10. August 2014

Amazons Spähauge und ich

Gestern verschlug es uns mal wieder nach Weil der Stadt. Draußen, hinter der alten Stadtmauer, war ein kleiner Tisch mit Büchern aufgebaut. Eine große, schlanke, ältere Frau im roten Kleid durchsuchte sie mit spitzen Fingern.
"Alles schon gelesen" stellte sie mit einem Seufzer fest. "Kürzlich habe ich ein Buch in den Händen gehabt, das vor den Gefahren des Internets und des Ausspähens gewarnt hat." Es folgte ein Gedankenaustausch mit meinem Begleiter, der Handy- und Internetverweigerer der ersten Stunde ist. Unwillkürlich musste ich an Amazon denken, das auf seinem Reader feststellen kann, ob ein Leser mehr als 10% eines Buches gelesen hat - und dementsprechend mir als Autorin einen Anteil aus der Leihbücherei zukommen lässt. Werden die mich eines Tages rausschmeißen aus dem KDP-Programm, wenn ich etwas Negatives über sie schreibe? Wes Brot ich ess, des Lied ich sing - das galt sicher nicht nur für die Minnesänger und ihre hohen Herrschaften, die sie besangen! Nun ist Amazon durch seine Geschäftspraktiken ja allgemein in Verruf geraten, es gibt viel Wirbel und Unterschriftenlisten in den USA und hier, auch von den Self Publishern, natürlich pro Amazon, weil sie uns Autoren gut behandeln, viel besser als die Verlage. Eine ganz dicke Lanze bricht Nika Lubitsch mit ihrem Blogbeitrag Ich bin ein Underdog der Literaturszene - ich liebe Amazon! Und meine ganz persönliche Meinung? Amazon hat mir das Vertrauen und das Selbstbewusstsein zurückgebracht, das während einer längeren Verlagskarriere doch immer mehr auf der Strecke zu bleiben drohte.

Amazon macht die kleinen Buchhandlungen kaputt, hieß es vor Jahren. Also wurde allenthalben zum Boykott aufgerufen. Dann hat es die Ketten kaputtgemacht, avancierte also plötzlich zum Robin Hood der Buchbranche. Und schließlich bot es den Autoren, die aus welchem Grund auch immer nicht mit einem Verlag verbandelt waren, die Möglichkeit, aus der Finsternis herauszutreten und im Bücherhimmel mitzumischen. Die Notwendigkeit, einen Boykottaufruf zu unterschreiben, sehe ich nicht. Als Autorin nicht und auch als seltene Kundin nicht. Ich habe meine Bücher schon immer in Buchhandlungen, großen und kleinen, gekauft, darüber hinaus in Antiquariaten, auf Flohmärkten und aus den Bücherbäumen mancher Städte herausgezogen. Ich bin ein Mensch, der gern in Bewegung ist, der lieber aus dem Haus geht, um einzukaufen und nicht statisch auf einen Bildschirm starren will, durch Klicks eine Bestellung aufgibt und dann wartet, bis das Objekt sich durch Türklingeln ankündigt. Amazons Angebot, zwei meiner Bücher wieder neu aufzulegen, habe ich gern angenommen, und auch so verdienen sie genug an mir, denke ich. Soll ich wegen der Geschäftspraktiken jetzt das Self Publishing boykottieren? Oder große Buchhandlungen meiden wie der Teufel das Weihwasser, weil die Verlage einen Haufen Kohle für Sondertische, Plätze im Regal und das "Buch des Monats" zahlen müssen? Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, das mein Verlag 50 000 Euro für mich bei Karstadt ausgegeben haben soll.

Nun noch mal zum eigentlichen Thema, zum Ausspähen. Früher sind wir vom Verfassungschutz ausgespäht worden, wenn wir aktiv gegen Pershing-Raketen, gegen Atomkraftwerke und gegen Rechte vorgegangen sind, die den Hitlergeburtstag feiern wollten. Da hat man sich jedes Wort überlegt, das man am Telefon gesagt hat. Heute, in Zeiten der Kanzlerausspähung, muss man überlegen, was man im Internet von sich preisgibt, nicht nur, weil ein Patzer auf einen selbst zurückfallen kann, sondern auch, weil einem unter Umständen ein Strick daraus gedreht werden könnte. Mal unabhängig von merkwürdigen Reklameangeboten, die man dauernd per Mail oder per Telefon erhält. Für mich habe ich schon lange die Lösung gefunden. Ich bin ein zurückhaltender Mensch, schon immer gewesen, und lehne mich kaum noch weit aus dem Fenster oder nur dann, wenn es wirklich notwendig ist. Die Daten, die über mich kursieren, darf ruhig die ganze Welt wissen, wenn sie sich eben für diese Millionen Daten anderer interessieren würde.

Sehr interessanter Artikel zum Amazon-Streit von Holger Ehling in seinem Blog: Amazon als Angstbeißer, mit dazugehöriger Diskussion!

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Zum Thema Amazon gibt es hier einen SEHR lesenswerten Artikel: http://www.ehlingmedia.com/blog/?p=3741

Herzlichst, Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Danke für den Link, Petra, werde ihn auch noch unter dem Beitrag anbringen. Der Artikel von Herrn Ehling ist sehr, sehr facettenreich. Ich glaube auch, dass Amazon mit dem Rücken zur Wand steht, wenn er schon eine Support-Email an all seine Self Publisher schickt. (Ich selbst habe allerdings keine erhalten, er setzt wohl, wie in dem Artikel gesagt, lieber auf die Bestseller-Autoren). Und dass Amazon nach 20 Jahren eine andere Richtung einschlagen muss. Wobei wohl niemand den Wert der Innovation bestreitet, die da auf den Weg gebracht wurde. Mein Wissen darüber war nur marginal, dank des Artikels haben sich jetzt einige Hintergründe für mich gelichtet.
Ich persönlich werde es weiter beobachten und weder auf die eine noch auf die andere Seite blind vertrauen. Von Jeff Bezos erwarte ich nicht, dass er uns schreibt: Ich liebe euch, deshalb
lasse ich euch ein so großes Stück von dem Kuchen. Wenn er Hunger hat, wird er sicher gern wieder Scheibe um Scheibe davon abschneiden. :-)

Herzlichst
Christa

Alice Gabathuler hat gesagt…

Danke für den Link! Mir gefällt der Satz:

Amazon kennt den Preis von allem, aber den Wert von nichts.

Ich schätze als Autorin ungemein, was Amazon für uns möglich gemacht hat. Aber es gibt Grenzen. Und diese Grenzen überschreitet Amazon neuerdings mit mehreren Plänen (siehe auch der Plan, nicht lieferbare Werke gleich selber nachzudrucken). Schade.

Christa S. Lotz hat gesagt…

Davon, dass Amazon nicht lieferbare Werke selber nachdrucken will, habe ich noch gar nichts gehört! Auf jeden Fall wäre mir unwohl bei dem Gedanken, nur noch bei Amazon zu publizieren, das ja offensichtlich immer mehr Marktmacht anstrebt, und mich als Autorin damit auf Gedeih und Verderb auszuliefern

Petra hat gesagt…

Vorsicht ... derzeit ist das wie mit der Ukrainekrise: Jede Seite schießt scharf mit Propaganda und Halbwissen! Ich habe von Verlegern die Sache mit dem Nachdrucken völlig anders gehört, nämlich als Angebot. Auch Amazon kann keine bestehenden Verträge brechen!
Im Moment herrscht ein Umverteilungskampf wie in der Musikindustrie, von der wir Autoren vielleicht schneller lernen können als alle anderen Beteiligten. Ich habe jedenfalls schon aufgegeben, da noch herumzudiskutieren etwa bei FB, denn ich will zuerst Fakten, Fakten, Fakten ;-) Und die unterschlagen viele Berichte all zu oft.
Herzlichst, Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Ich will das auch erst weiterverfolgen, bevor ich zu einem abschließenden Urteil komme, Petra. Es kommen täglich neue Briefe aus allen Ecken, Erklärungen, Mutmaßungen ...

Herzlichst
Christa