Dienstag, 27. Mai 2014

Abenteuer im Kloster

Vor etwa eineinhalb Jahren verbrachte ich ein Wochenende im Kloster Heiligkreuztal und kam fast wie ein neuer Mensch zurück. Das Kloster wurde 1227 gestiftet, zunächst von Beginen, den "grauenSchwestern",  aus dem benachbarten Altheim, dann von Zisterzienserinnen über 600 Jahre lang bewohnt und bewirtschaftet. 1972 wurde es von der Stefanus-Gemeinschaft käuflich erworben und seitdem zusammen mit der Diozöse Rottenburg als Tagungsstätte betrieben. Es liegt am Rande Oberschwabens, nahe Riedlingen an der Donau, in einer hügeligen, wenig zersiedelten Landschaft. Viele der Angebote zielen darauf hin, unser körperlich-seelisch-geistiges Gleichgewicht wiederherzustellen -einschließlich Anregungen zur Burnout-Prophylaxe. Für mich persönlich ist es die Mischung aus Umsorgtwerden, keine Pflichten und keine Probleme haben und dem Gruppenprozess, der aus den Themen heraus entsteht. Das ergibt einen einmaligen Nährboden für Erholung und neue Kreativität. Ich war auch die ideale Kandidatin für solch ein Abenteuer: supergestresst vom Beruf und orientierunglos zwischen zwei Büchern, einem Verlag und dem Self Publishing hin und her lavierend, dazu noch mit einer angestauchten Rippe. Wie es dazu kam, erzähle ich vielleicht ein andern Mal. Schon die Anfahrt war Erholung pur: vorbei an den blühenden Wiesen der schwäbischen Alb, voll mit Margeriten, Lichtnelken und Salbei. Bei Ankunft alles wie gehabt, ein altes Gebäude, das Amtshaus, vollgestopft mit Büchern aller Art, oben noch eine Bibliothek und eine große Zelle für mich allein, mit Blick in den Mariengarten innerhalb des Kreuzgangs.
Beim Abendessen lernte sich die Gruppe kennen, zwölf Frauen aus der näheren und weiteren Umgebung. Thema war "Stress bewältigen durch Achtsamkeit." Es wurden dann noch einige meditative Übungen und ein Bodyscan gemacht. Ja, darauf konnte ich mich einlassen, auch wenn ich bisher, vor langer, langer Zeit lediglich mal ein Volkshochschulseminar über autogenes Training gemacht hatte. Wir beschlossen den Abend zu dritt in einem Seerestaurant. Man erzählte sich so dies und das aus seinem Leben, und es stellte sich heraus, dass sogar mein letztes Buch irgendwie bekannt war. Normalerweise bin ich eine Nachteule und gehe erst nach Mitternacht ins Bett. Hier fiel mir bald das Buch aus der Hand, und ich erwachte um halb acht mit einem behaglichen Gefühl. Auf dem Weg vom Kreuzgang zum Refektorium (unserem Essaal) vermisste ich die mönchischen Gesänge, die mich damals so begeistert hatten. Es dauerte einige Zeit, bis mir klar wurde, dass die nicht vom Band gekommen waren, sondern von einer echten Männergesangsgruppe. Eigentlich wollten wir essen, ohne zu sprechen (was manchmal sehr entlastend sein kann); das wurde jedoch durch den Lärm der hundert anderen Gäste zunichte gemacht. Der Tag verging mit vielen Übungen, auch meditativem Gehen in einem Park mit labyrinthähnlich angeordneten Ahornbäumen, was mir Schwierigkeiten bereitete, weil ich normalerweise beim Wandern mehr fliege als "krieche". Daneben wurde eine Hochzeit ausgerichtet, und so mancher blieb verwundert stehen, als er die Damen durch den Garten schweben sah wie in einem Traum oder einer Science Fiction-Szene.
Abends war ich hundemüde nach all der Konzentration, und doch folgte ich einer kleineren Gruppe in den Seegarten. Ein Gruppenmitglied führte uns über Treppen, durch dunkle Gänge und kellerartige Gewölbe. Hier entsteht der Klosterkrimi, sagte sie mit geheimnisvoller Stimme. Mord im Kloster? Wer könnte ein Interesse daran haben, zwölf unbescholtene Frauen umbringen zu wollen? Oder sind sie gar nicht so unbescholten und haben es faustdick hinter den Ohren? So asketisch wie die Nonnen, die hier früher lebten, sind sie natürlich nicht. Sie legen Wert auf gutes Essen, kritisieren dessen nachlassende Qualität und stehen zwar um sieben Uhr auf, um in aller Stille zu sitzen (was ich nicht getan habe), würden aber sicher nicht wie die Nonnen um zwei Uhr nachts auf dem kalten Kirchenboden liegen und beten. Die einzige Erinnerung daran waren das viertelstündliche Bimmeln der Dachreiterglocke und der Weihrauch, der aus dem Kapitelsaal herüberdrang. Schön auch das Spiel auf einer indianischen Flöte, das unsere Leiterin Gertrud Hermle-Magg im Teehaus mitten im Klosterweiher zelebrierte.

Die zweite Nacht, noch früher als sonst war mein Licht gelöscht. Die Rippe tat schon kaum noch weh. Am zweiten Morgen war ich auf dieses Leben eingestellt, alles ging leichter von der Hand. Und bald waren Äbtissinnenhaus, Beichtigerhaus, Mühle, Kirche, Pfarrgarten und die riesige Klosteranlage von Sonnenlicht übergossen. Nach dem Mittagessen zerstreute man sich wieder in alle Richtungen. Ich erhielt eine Einladung zu einer Vernissage mit Lesung. Glücklicherweise ging es nicht gleich zurück in den Stress, sondern das klösterliche Leben ohne Computer, Fernseher und Handys ging nahtlos über in eine Fahrt durchs weite Oberschwaben mit seinem unvergleichlichen Himmel. Eine Wanderung durchs Federseemoor, ein Kuckuck rief. Der Mann aus Westfalen, kernig wie Pumpernickel, der eine mürrische Miene aufgesetzt hatte, weil er nun extra von der Eifel hierher gereist war, um den Sonnentau zu finden und ihn nicht fand. Wir wollten auch schon immer den Sonnentau finden, aber jetzt war es mir nicht mehr wichtig, denn wir hatten so viel anderes gefunden. Die Rast an einem völlig unbekannten See, mit Badeplatz und Gastwirtschaft. Ein Bummel durchs sonntäglich belebte Biberach und durch Ehingen an der Donau. Bevor ich endgültig zurückkehrte in das Knattern, Klacken und Rauschen der Zivilisation, dachte ich mir: Ich sollte nicht nur die Ruhe mit in den Alltag hineinnehmen, sondern das Ganze auch mal literarisch, wie auch immer, verarbeiten. Innere und äußere Bilder sind geblieben, das von einem Baum, meiner wäre eine Hutebuche, die ihre Wurzeln tief in der Erde hat, ihre Äste schützend ausbreitet, um selbst Zweige und Blätter in die Höhe zu treiben, sich Nahrung aus Luft und Sonnenlicht zu holen. Die Zeit hatte andere Dimensionen angenommen. Während ich stundenlang in der Zelle sinnierte, waren gerade mal zwei Minuten vergangen. Beim langsamen Gehen dehnten sich die Minuten zu Stunden. Und das war auch ein Zweck der Übung: innehalten und einen Augenblick lang "ganz" werden.
Moorbirken am Federsee
Sumpfknabenkraut

Aymühlensee
Biberach

Ehingen

Kommentare:

Tinten Hexe hat gesagt…

Klingt nach einer überaus spannenden Erfahrung!!

Christa S. Lotz hat gesagt…

Das war es auch, liebe Tinten Hexe! Und es greift heute erst so richtig, nachdem ich zwei Tage lang eine Art generalisierten Muskelkater hatte. :-)

Sabine Schäfers hat gesagt…

Liebe Christa,

mir wurde beim Lesen ganz leicht, und mein Puls hat sich verlangsamt. Dieses Buch solltest du unbedingt schreiben, die besänftigende Wirkung der Umgebung hast du schon hier so wunderbar vermittelt.

Alles Liebe
Sabine

Christa S. Lotz hat gesagt…

Liebe Sabine,

deine Worte sind sehr motivierend für mich! Allerdings macht eine Schwalbe noch keinen Sommer, wie es in der schönen alten Langsamkeit noch hieß. :-) Ich könnte es einbinden in meine Sammlung"Reingeschmeckt"-so nach dem Motto "Deutschlands Süden: erfahren und erwandert." Oder mehr in Richtung Lebensratgeber gehen.
Auf jeden Fall müsste es langsam und ohne Stress vor sich gehen. Und die Frage ist, wer es lesen würde, außer hier in meinem Blog.

Lieben Dank
Christa

PvC hat gesagt…

Du denkst ja schon wieder nur ans Arbeiten, liebe Christa! ;-)
Herzlichst, Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Hast ja recht, liebe Petra. :-)Aber ich denke, wie gesagt, ans Arbeiten ohne Stress, und das ist wie Urlaub. Die letzten drei Tage waren allerdings wieder purer Arbeitsstress im Job - dafür habe ich jetzt fünf Tage frei, um den Klosterurlaub (Fortbildung) abzufeiern. Ist doch auch was, oder?

Herzlichst
Christa