Samstag, 4. Mai 2013

Wie man einst vom Schreiben lebte-Sophie la Roche

Nein, im Moment kommt keine Freude auf. Der Winter ist zurückgekommen, nachdem wir schon einen wunderschönen ersten Mai im sonnigen Donautal verbringen konnten. Beruflich läuft's gerade nicht rund, an die Zukunft meines Schreibens will ich jetzt gar nicht erst denken. Da fällt mir Sophie de la Roche ein, die erste deutsche Schriftstellerin, die vom Schreiben gelebt hat. Wie hat die das wohl geschafft?
 Sophie la Roche wurde 1730 in Kaufbeuren geboren. Zusammen mit ihrer Familie kam sie nach Biberach, wo sie sich häufig im literarischen Salon des Schlosses Warthausen aufhielt. Hier traf sie ihren Jugendfreund Christoph Martin Wieland wieder und verlobte sich 17jährig mit ihm. Wieland sollte später, zusammen mit Goethe und Schiller, zum Dreigestirn in Weimar aufsteigen. Sophie heiratete aber nicht ihn, sondern den kurmainzischen Hofrat von la Roche. Häufig weilte sie im Schloss von Bönningen, wo sie ihren Roman "Das Fräulein von Sternheim" beendete. Später zog die Familie nach Koblenz und Speyer. Über ihre Tochter Maximiliane avancierte sie zur Großmutter von Bettina und Clemens Brentano. Aus politischen Gründen wurde ihr Mann aus dem Dienst entlassen, wodurch schlagartig alle Salontätigkeiten endeten. Als er schließlich starb, musste Sophie, als 58jährige Witwe, sich und ihre Kinder mit dem Schreiben durchbringen. Für mich eine spannende Lebensgeschichte, die ich vielleicht noch einmal aufzeichnen werde. Und das, obwohl laut Agenten und Verlagen das 18. Jahrhundert ein absolutes No-Go ist!
Schloss Bönningen
Jetzt aber noch etwas zu der Frage, wie es Sophie la Roche geschafft hat, vom Schreiben zu leben - und das in einem Jahrhundert, in dem es eine Unmöglichkeit für eine Frau war, Bücher, dazu noch Romane zu veröffentlichen! Ihr erster Roman, "Das Fräulein von Sternheim", den sie nach eigenen Angaben aus einer Depression heraus schrieb, weil ihre Kinder nicht bei ihr waren, sondern in einem Kloster erzogen wurden, kam unter dem Namen Christoph Martin Wielands heraus-und wurde so etwas wie ein Bestseller. Das verschaffte ihr große Anerkennung bei Hofe und bei den zeitgenössischen Schriftstellern und Philosophen. Es gibt schon einen hervorragenden biografischen Roman von Renate Feyl, dessen Besprechung ich hier verlinke. Mit großen Augen las ich, dass sie ihren Mann schon zu Lebzeiten schreibend unterstützen musste, weil er keinen Neuanfang wagte. Er war nämlich wegen seiner Kirchenkritik als angeblicher Atheist entlassen worden und fürchtete einen erneuten Absturz. Nach zahlreichen Schicksalsschlägen blieb Sophie nur ihre literarische Arbeit, um den Alltagssorgen zu entkommen. Sie gründete die Frauenzeitschrift "Pomonia", die aber bald aus wirtschaftlichen Gründen wieder eingestellt werden musste. Außerdem schrieb sie offensichtlich einen Roman nach dem anderen (hier eine Liste). Besonderer Beliebtheit erfreuten sich ihre Beschreibungen der Reisen, die sie innerhalb Europas machte. Ohne die materielle Absicherung musste sich Sophie mit Verlegern herumschlagen, "denen es nur um pekuniären Erfolg und Schreiben gemäß dem - immer schneller wechselnden - Zeitgeist und nicht in erster Linie um literarische Qualität ging." (...) Sie hat sich nicht verbiegen lassen, sich in ihren Werken - auch um den Preis des literarischen Mißerfolges - nicht dem Zeitgeist angepasst, sondern sich die Freiheit genommen, nach (ihrem) Charakter zu leben".

Diese Geschichte einer Schriftstellerin aus dem 18. Jahrhundert macht wirklich Mut. Wenn eine Autorin gegen den Zeitgeist und gegen den Willen der Verleger geschrieben hat und trotzdem Erfolg hatte, ja sogar davon leben konnte, dann ist es mehr als eine Motivationsgeschichte! Und es sollte heute ebenso, wenn nicht vermehrt, möglich sein, so etwas zustande zu bringen. Ich wäre gern Sophie la Roche gewesen, hätte auf Schlössern gelebt, einen Wieland und berühmte Menschen zu Freunden gehabt. Das ist aber nur die romantische Seite der Medaille. Diese Frau hat hart gekämpft, um mit dem Schreiben zu überleben. Hat sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern das durchgesetzt, was sie schreiben wollte. Und wenn ich jetzt gerade immer mehr über das Leben von Sophie la Roche erfahre, wird mir leichter ums Herz. Ich möchte keinen biografischen Roman mehr über sie schreiben, denn den besten gibt es ja schon. Ich möchte sie als ein gewisses Vorbild ansehen, das ich immer wieder heraufholen kann, wenn ich glaube, dass es mit dem Schreiben nicht weiter geht.

Kommentare:

PvC hat gesagt…

Liebe Christa,
jetzt hast du nur das Spannendste nicht verraten: Wie hat sie's denn geschafft, vom Schreiben leben zu können? Mit einem Schloss fängt ja nicht jede von uns an ;-)
Herzlichst,
Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Liebe Petra,

ich bin sozusagen nach dem "Anfangsdiktat verreist" und sehe, dass da noch eine Menge nachzutragen ist. Ich füge es peu à peu noch ein. Gerade habe ich noch Sachen gefunden, die haargenau dem entsprechen, was du immer gesagt hast!

Herzlichst
Christa

Herzlichst
Christa

PvC hat gesagt…

Super, danke liebe Christa!
Das liest sich ja ungeheuer spannend und ist für das 18. Jahrhundert wirklich absolut außergewöhnlich. Und ich stelle mir gerade frech vor, wie ein heutiges Buch einer Frau von der Kritik aufgenommen würde, wenn es unter einem berühmten Männernamen erschiene ....

Ja, solche Vorbilder brauchen wir, um in diesem durchgeknallten Beruf durchzuhalten.
Herzlichst,
Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Wenn heute das Buch einer Frau unter einem berühmten Männernamen erschiene: Das würde sicher einen Literaturskandal hervorrufen! Und man würde es sicher einerseits verreißen, andererseits ganz groß feiern. Aber heute hat das ja keine Frau mehr nötig. Ja, wir brauchen immer wieder Vorbilder, um durchzuhalten.
Herzlichst
Christa

PvC hat gesagt…

Liebe Christa,
hat das heute wirklich keine Frau mehr nötig? Mein Buch in Sachen Erdöl wurde durch die Reihe von Verlagen abgelehnt, nicht wegen irgendwelcher Qualitäten, sondern mit der Begründung: "Ein solches Thema verkaufen wir nie von einer Frau!" Daraufhin habe ich zum Thema Fernsehproduktionen beraten, die haben keine Angst vor Frauen.

Ich war damals so naiv-doof, mich nicht als Mann ausgeben zu wollen. Und mein Rosenbuch, das ja zum Glück erschien, bekam vier Wochen vor Vertragsabschluss mit einem Verlag die Absage eines der renommiertesten Sachbuchverlage Deutschlands. Originaltext des Programmchefs: "Von einer Frau hätten wir einen sanfteren Text erwartet, das ist zu intelligent." Kein Jux. Diese Mail an meine Agentur hebe ich als abschreckendes Beispiel auf. Nein, nein ... uns Frauen stehen ja alle Türen offen ;-)

Ganz ehrlich: Würde ich das heute nochmal machen, dann als Mann.

Herzlichst, Petra

Christa S. Lotz hat gesagt…

Liebe Petra,

unter dem Aspekt habe ich das jetzt gar nicht gesehen, ich dachte eher, so etwas wäre heute nicht mehr möglich. Aber ich erinnere mich, dass du diese Aussagen schon einmal erwähnt hast. Ja, ich könnte mir auch vorstellen, das vielleicht noch ein Psychothriller von mir akzeptiert würde, nicht aber ein international operierender Thriller, womöglich noch mit Mann als Hauptfigur. Das traut man uns Frauen nämlich auch nicht zu! Zwei Beispiele: Nachdem er den Mörike gelesen hatte, sagte mein Chef zu mir: Bewundernswert, wie gut du dich in einen Mann einfühlen kannst! Naja, es ist ja auch ein Dichter, dachte ich, in den kann ich mich sehr gut einfühlen. Ein andernmal schrieb ich eine Kurzgeschichte über einen Mann, der eine Frau sucht. Dazu schrieb mir ein Arzt, der in diesem Autorenforum war: Eine Frau könne sich in einen notgeilen Mann nicht einfühlen! :-)Ob ich ein männliches Pseudonym annehmen würde, wenn mir ein verkaufsfähiges MS nicht zugetraut wird: Ich weiß es nicht.

Herzlichst
Christa

Detlef Stapf hat gesagt…

Zum Lebensweg der Schriftstellerin ist Sophie La Roche Tour zu empfehlen unter http://kulturreise-ideen.de/literatur/autoren/Tour-sophie-la-roche.html

Detlef Stapf

Christa S. Lotz hat gesagt…

Herzlichen Dank für den Hinweis, Detlef Stapf! Ich habe ihn mir schon abgespeichert.

Herzliche Grüße
Christa