Samstag, 27. März 2010

"Nachhaltige" Strategien gegen Burnout

Ausgelöst durch den Hype um Miriam Meckels Buch "Brief an mein Leben" habe ich mich mal nach weiterer Literatur zum Thema umgeschaut. Es gibt eine Reihe hilfreicher Bücher, bei denen man schon bei einem "Blick ins Buch" vermuten kann, dass es nicht um ein Betroffenheitsbuch geht, das in fünf Wochen in einer Klinik geschrieben wurde. Schon das erste Werk bei Amazon (Stichwort: Burnout) scheint zumindest vielversprechender als der Erfahrungsbericht einer Powerfrau, die scheinbar ach so schnell und einfach wieder rauskam aus diesem komplexen Geschehen. Wer sollte nicht in einen Weinkrampf ausbrechen, wenn er abgearbeitet ist und ihm morgens 50 zu beantwortende Mails in den Briefkasten flattern?
Gemeinsam ist der Kritik, dass Frau Meckels Bericht in die falsche Richtung führt. Wer einen wirklichen körperlichen und seelischen Burnout hat, der schreibt nicht so eben mal ein Buch, gibt Interviews und tritt im Fernsehen auf. Das heißt den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Es erinnert mich an die Musiker, die ihr von Drogen verseuchtes Blut geschwind austauschen lassen und dann weitermachen wie bisher.
Nachhaltig heißt: Man darf einem System nur so viele Ressourcen entnehmen, dass sie problemlos wieder ersetzt werden können. Der Begriff wurde offenbar schon im 18. Jahrhundert geprägt und bezog sich damals auf die Forstwirtschaft: Man kann in einem Wald nur so viele Bäume fällen, dass die anderen nachwachsen können. Diesen Ansatz scheint Frau Meckels Buch -zumindest in der persönlichen Konsequenz - nicht zu vertreten.
Ich wage nun nicht zu behaupten, dass ich es geschafft hätte, diese Nachhaltigkeit zu erreichen. Und vielleicht war ich auch nie so ausgebrannt, wie die Autorin sich zu diesem Zeitpunkt gefühlt haben mag. Aber ich habe zumindest an einem Zeitpunkt meines Lebens erkannt, dass mir die Ressourcen vollends abhanden kommen würden, wenn ich nicht die Konsequenzen ziehen würde. Jeder kennt vielleicht diesen Punkt,an dem einen alles dermaßen nervt, dass man nur noch schreien möchte. Vor Weihnachten war ich soweit, aufgrund einer histrionischen Lärmkultur an meinem Arbeitsplatz (mit anderen Worten: Gekreische und unsinnige Forderungen), dass mich das Tropfen aus der Dachrinne tierisch nervte. Selbst das "Schreien" der Blumen nach Wasser empfand ich als Zumutung. Und manchmal bin ich immer wieder an einem Punkt, an dem ich mich am liebsten mit einer Trage ins Flugzeug bringen und zu einem Strand mit Hängematte fliegen lassen würde. Aber das ist ein Wunschtraum und wäre wiederum nicht die richtige Strategie, weil es kein Problem lösen,, sondern nur verschieben würde. Nachhaltiger wurde ich, als ich erkannte, dass ich beim Schreiben dieselbe Strategie verfolgte wie bei der Arbeit: An beiden Enden zu brennen, um das zu erreichen, was ich dadurch nie erreichen würde: Inneren Frieden und Akzeptanz. So bin ich dann irgendwann kürzer getreten und habe mir nicht mehr alles abverlangt. Wenn man die Grundzüge seiner Motivation erkannt hat, warum man einem bestimmten Ziel hinterherhechelt, hat man schon den ersten Schritt zur Nachhaltigkeit getan und braucht eigentlich keine Bücher mehr darüber zu lesen. Man kann es auch das Erkennen der Dualität des Lebens nennen: Dass der Anspannung die Entspannung, dem Marathonlauf das Ausruhen, dem angetrengten Verfolgen eines Ziels die Zeit folgen muss, in der man es einfach geschehen lässt, wie es geschieht und unerreichbare Ziele aufgibt. Denn wenn du als Autor dein erstes Buch geschrieben hast, schreibst du ein weiteres, und auch nach 10, 20 Büchern hast du dein Ziel (s.o.) nicht erreicht. Frieden und Akzeptanz kann man durch das Schreiben wahrscheinlich erreichen, nicht aber, sich wirklich geliebt und akzeptiert zu fühlen.
Wer als Selbständiger oder in einem Beruf arbeitet, in dem das Ausbrennen sozusagen vorprogrammiert ist, sollte sehr bald seine persönlichen Strategien entwickeln, um die Ressourcen immer wieder zu erneuern. Bei mir ist es ein Begriff, den ich seit einigen Jahren "Urlaub im Alltag" nenne - Momente des Abschaltens, mal ein freier schöner Tag, tägliches Schwimmen, Wandern am Wochenende, Versorgung mit Essen und guter oder auch nur entspannender Lektüre. Also es geht um die Erholungsphasen und darum, sich und dem Körper und der Seele Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Zum Abschluss trotzdem noch ein Link auf ein Buch, das sich des Phänomens weniger oberflächlich annimmt (stellvertretend für die vielen anderen verdienstvollen Bücher).

Pocket Business: Wege aus dem Burnout und Strategien zur nachhaltigen Veränderung
von Hans-Peter Schröder (Arzt und Trainer)

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Feiner Beitrag, Christa! Der Vergleich mit dem Wald ist gut.
Was man von Meckels Buch zu halten hat, beschreibt eine Rezension in der SZ wunderbar: "Frau Nimmersatt und ihr Burn-out"
Auf meinen Namen klicken, kommt man zur Rezension.
Herzlichst,
Petra

Christa hat gesagt…

Guter Artikel, Petra, macht mir Frau Meckel ein bisschen sympathischer. "Burnout als Zusatzqualifikation" ist eine tolle Wortschöpfung! Und dass man, dass sie überlegungen sollte, wohin all die Anstrengungen führen sollen über das hinaus, was der eigene Narzissmus braucht, ist eine definitiv gute Frage!

Herzlichst
Christa