Mittwoch, 21. Januar 2026

Die Einsamkeit des Schreibens

Diesen kleinen Essay habe ich vor mehr als 20 Jahren geschrieben, zwei Jahre, nachdem ich in eine Schreibwerkstatt eingetreten war und Kurzgeschichten schrieb. Er wurde im Oktober 2003 in der Zeitschrift "Federwelt" veröffentlicht.


                                           Die Einsamkeit des Schreibens

 

Der Mensch kann ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft sein, kann Vater, kann Mutter sein, ist immer Kind irgendwelcher Väter und Mütter, kann sich verirren, verwirren – aber er wird nur dann, wenn er sein Eigentliches entwickelt, zur Reife kommen. Wenn nun einer zum Schreiben sich berufen fühlt, hat er mehrere Möglichkeiten: er kann es ganz nebenher tun, just for fun. Kleine Geschichten und Gedichte für die Familie, für die Freunde, für die Sonntagszeitung, um auch andere damit zu beglücken, und natürlich auch für die Leser im Internet. Das wird ihn aber nicht zufrieden stellen. Er wird sich zurückziehen, er braucht Ruhe, um seine Ideen zu entwickeln und zu Papier zu bringen. Die Unruhe einer Familie, eines verzehrenden Jobs hindern ihn, seine inneren Bilder auszuformen. Das gibt Konflikte mit der Realität. Der Autor hat neben seinem Alltag noch eine andere Welt. Er hat Bilder, hat Figuren, mit denen er kommunizieren kann. Das füllt die innere Einsamkeit aus. Der Schreiber fühlt keine Leere und Depression, wenn er allein ist, sondern kann sich mit den Figuren recht gut vergnügen.

 Ist also der Schreibende dazu verdammt, allein zu sein und sein Leben mit niemandem teilen zu können? Da gibt es wieder mehrere Möglichkeiten. Er hat einen Partner, der über genügend Stärke verfügt und seine eigenen Interessen verfolgt und bei dem es immer wieder Punkte gibt, wo sich beide begegnen und einander befruchten können. Ich denke an Thomas Mann, der jeden Tag zu einer bestimmten Zeit zwei Seiten schrieb und in dieser Zeit nicht gestört werden durfte. Oder Hesse, der in Montagnola einen separaten Trakt bewohnte und manchmal tagelang nur über Zettel mit der Umwelt verkehrte.

 Ich selbst gehöre zu denen, die sich einen Traum erfüllen wollen, doch immer mal wieder auf die Schnauze fallen. Aber immer wieder aufstehen und weiterschreiben, weil es ein innerstes Bedürfnis ist ... und die auch Einsamkeit in Kauf nehmen, um dem Traum wenigstens etappenweise näher zu kommen.

„Du bist ja völlig neben der Kapp“, sagen die anderen.
„In einem Monat ist das vorbei“, sage ich.
Wird es in einem Monat vorbei sein?

Die zweite Möglichkeit: wir umgeben uns mit einem gleichgesinnten Freundeskreis, der es ertragen kann, dass wir uns immer wieder zurückziehen müssen, um zu schreiben. Wir können nichts zu Papier bringen inmitten von schwätzenden Leuten, Partygetöse, klingelnden Telefonen und Menschen, die ständig etwas von uns wollen. Was ist aber, wenn wir nach Hause kommen, wenn niemand da ist, kein Licht brennt, alles noch daliegt wie morgens – wenn wir das Bedürfnis haben, dass uns einfach mal jemand in den Arm nimmt, mit uns spricht, mit uns isst, uns liebt? Es ist nicht wirklich lösbar. Vielleicht könnte es phasenweise stattfinden. Als ganz Junge könnten wir mit unserem Talent einen großen Erfolg landen, dem weitere folgen. Wenn die Luft da droben zu dünn geworden ist, können wir uns wieder der Gesellschaft zuwenden, Wärme und Nähe erleben, die doch auch immer wieder so verletzlich und zerbrechlich sein kann. Wir können auch alle Phasen des „normalen“ Lebens durchlaufen und nach Abhaken des gesellschaftlichen Anspruchs das zu leben, was wir eigentlich sind und sein wollen. Und da können wir wirklich nur Gleichgesinnte brauchen. Wir sind verantwortlich für das, was wir tun und wie wir leben. Niemand anderes. Niemand ist schuld an den Entscheidungen, die wir einmal fällten. Wenn wir diese Stufe erreicht haben, können wir wechseln zwischen Einsamkeit, Schreiben, dem Innen und dem Außen und dem erneuten Hineingehen ins Leben, uns hineinwerfen und dem Tod eine Nase drehen. Und wir können die Grenzen, die jeder von uns hat, niemals vollständig überwinden. Können nie, nur augenblicksweise, eins sein mit anderen, mit einem anderen. Beim Schreiben können wir diese Momente erleben.

Seltsam, im Nebel zu wandern,
Leben ist Einsamsein,
kein Mensch kennt den andern;
jeder ist allein.

(Hermann Hesse: Im Nebel)

Aber: Es gibt wirkliche Momente der Begegnung zwischen Menschen, welcher Art auch immer. Und die sind wesentlich und sind der Sinn und aus ihnen spricht Gott.

 ©Christa Schmid-Lotz, August 2002


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