Diesen kleinen Essay habe ich vor mehr als 20 Jahren geschrieben, zwei Jahre, nachdem ich in eine Schreibwerkstatt eingetreten war und Kurzgeschichten schrieb. Er wurde im Oktober 2003 in der Zeitschrift "Federwelt" veröffentlicht.
Die Einsamkeit des Schreibens
Der Mensch kann ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft
sein, kann Vater, kann Mutter sein, ist immer Kind irgendwelcher Väter und
Mütter, kann sich verirren, verwirren – aber er wird nur dann, wenn er sein
Eigentliches entwickelt, zur Reife kommen. Wenn nun einer zum Schreiben sich
berufen fühlt, hat er mehrere Möglichkeiten: er kann es ganz nebenher tun, just
for fun. Kleine Geschichten und Gedichte für die Familie, für die Freunde, für
die Sonntagszeitung, um auch andere damit zu beglücken, und natürlich auch für
die Leser im Internet. Das wird ihn aber nicht zufrieden stellen. Er wird sich
zurückziehen, er braucht Ruhe, um seine Ideen zu entwickeln und zu Papier zu
bringen. Die Unruhe einer Familie, eines verzehrenden Jobs hindern ihn, seine
inneren Bilder auszuformen. Das gibt Konflikte mit der Realität. Der Autor hat
neben seinem Alltag noch eine andere Welt. Er hat Bilder, hat Figuren, mit
denen er kommunizieren kann. Das füllt die innere Einsamkeit aus. Der Schreiber
fühlt keine Leere und Depression, wenn er allein ist, sondern kann sich mit den
Figuren recht gut vergnügen.
„Du bist ja völlig neben der Kapp“, sagen die anderen.
„In einem Monat ist das vorbei“, sage ich.
Wird es in einem Monat vorbei sein?
Die zweite Möglichkeit: wir umgeben uns mit einem
gleichgesinnten Freundeskreis, der es ertragen kann, dass wir uns immer wieder
zurückziehen müssen, um zu schreiben. Wir können nichts zu Papier bringen
inmitten von schwätzenden Leuten, Partygetöse, klingelnden Telefonen und
Menschen, die ständig etwas von uns wollen. Was ist aber, wenn wir nach Hause
kommen, wenn niemand da ist, kein Licht brennt, alles noch daliegt wie morgens
– wenn wir das Bedürfnis haben, dass uns einfach mal jemand in den Arm nimmt,
mit uns spricht, mit uns isst, uns liebt? Es ist nicht wirklich lösbar.
Vielleicht könnte es phasenweise stattfinden. Als ganz Junge könnten wir mit
unserem Talent einen großen Erfolg landen, dem weitere folgen. Wenn die Luft da
droben zu dünn geworden ist, können wir uns wieder der Gesellschaft zuwenden,
Wärme und Nähe erleben, die doch auch immer wieder so verletzlich und zerbrechlich
sein kann. Wir können auch alle Phasen des „normalen“ Lebens durchlaufen und
nach Abhaken des gesellschaftlichen Anspruchs das zu leben, was wir eigentlich
sind und sein wollen. Und da können wir wirklich nur Gleichgesinnte brauchen.
Wir sind verantwortlich für das, was wir tun und wie wir leben. Niemand
anderes. Niemand ist schuld an den Entscheidungen, die wir einmal fällten. Wenn
wir diese Stufe erreicht haben, können wir wechseln zwischen Einsamkeit,
Schreiben, dem Innen und dem Außen und dem erneuten Hineingehen ins Leben, uns
hineinwerfen und dem Tod eine Nase drehen. Und wir können die Grenzen, die
jeder von uns hat, niemals vollständig überwinden. Können nie, nur
augenblicksweise, eins sein mit anderen, mit einem anderen. Beim Schreiben
können wir diese Momente erleben.
Seltsam, im Nebel zu wandern,
Leben ist Einsamsein,
kein Mensch kennt den andern;
jeder ist allein.
(Hermann Hesse: Im Nebel)
Aber: Es gibt wirkliche Momente der Begegnung zwischen
Menschen, welcher Art auch immer. Und die sind wesentlich und sind der Sinn und
aus ihnen spricht Gott.
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