Kann man heute eigentlich noch Abenteuer erleben?. Ich meine so richtig mit Spannung, Gefahr und neuen Erlebnissen, mit allen Sinnen? Man kann sich 3D-Brillen oder noch Neueres aufsetzen und sich in spannende 3D-Erlebnisse versetzen lassen, sogar mit Schief-und Rüttellage. Oder man geht in den Supermarkt und guckt auf seinem Smartphone nach, was im Kühlschrank fehlt. Bald wird man durch die Scheibe seines Autos die Stadt, durch die man fährt, wie vor 500 Jahren sehen. Abenteuer (-Urlaub) kann man buchen, Gespenst und Mörder beim Krimi-Dinner inklusive. Jede Sonnenfinsternis, jeder sich verdunkelnde Mond, jedes außergewöhnliche Naturereignis wird zum Abenteuer-Event verklärt. Ich selbst gehöre zur Generation derer, die mit Abenteuern und Abenteuerbüchern aufgewachsen sind. Da gab es den Berg, die Insel, das Tal, die See, das Schiff, die Burg, den Zirkus und den Fluss der Abenteuer. Abenteuer waren möglich, indem man per Anhalter und mit Zelt durch Deutschland, Europa und die Welt gezogen ist. Natürlich gibt es heute noch die geistigen und ideellen Abenteuer, beim Ausüben einer künstlerischen Tätigkeit etwa, beim Erforschen und Recherchieren für die Bücher. Für mich ist das Wichtigste das Erleben einer Sache, einer Begebenheit, nicht das Konsumieren einer noch so gut gemeinten vorgefertigten Angelegenheit.
Manchmal beneide ich die Archäologen und Historiker. Sie graben vergangene Welten aus, gewinnen großartige Erkenntnisse über vergangene Zeiten und sind somit eigentlich Schatzgräber, Abenteurer der Moderne. Für das Ausgraben hätte ich natürlich keine Geduld, wohl aber dafür, mir die Ergebnisse anzuschauen. Wir kennen die Höhlen der schwäbischen Alb mit ihren sensationellen Funden, wir haben das Keltenmuseum mit der Grabstätte des Fürsten von Hochdorf erlebt, die Heuneburg und den Runden Berg bei Bad Urach. Nach Auschecken aller Museen in Baden-Württemberg entdeckte ich das Franziskanermuseum in Villingen, das ebenfalls eine keltische Ausgrabung enthält. Gestern entschlossen wir uns, einfach mal wieder dorthin zu fahren, um etwas außerhalb des üblichen Dunstkreises zu erleben. Wie durch ein Wunder sausten wir unbehelligt die Autobahn nach Singen hinunter, und wie durch ein Wunder umfuhren wir haarscharf einen Stau in Villingen und landeten stante pe auf unserem bekannten Parkplatz vor einem der vier Stadttürme. Mein Begleiter wollte sich in einem alternativen Musikladen umschauen, etwa hundert Meter entfernt steht das Franziskanermuseum. Der Eintritt ist frei, außer zu den Sonderausstellungen. Ich war die einzige Besucherin zu der Zeit. Erst einmal geriet ich in einen alten Kreuzgang des Klosters und in den Kapitelsaal mit sakralen Gegenständen und Geigen aus dem Schwarzwald.
Dabei öffnete ich eine geheimnisvolle Glastür, die zum Refektorium führen sollte. Fast völlige Dunkelheit umfing mich, ich konnte nur verschiedene Säcke auf dem Boden ausmachen. Irgendwie fühlte ich mich beobachtet. Und dann, oh Schreck, da stand jemand an der Wand!
Diese Fasnetsfigur hatten sie sicher zu diesem Zweck dahingestellt, nämlich um Leute wie mich zu erschrecken. Das Refektorium hatte eine sehr schöne Stuckdecke, alles war aber noch im Aufbau. Über eine Rampe mit skurrilen Arbeitsgeräten ging es dann zum Keltenpfad. Ende des 19. Jahrhunderts wurde auf dem Magdalenenberg bei Villingen ein Fürstengrab ausgehoben, dessen Holzverschlag original zu besichtigen ist. Dazu viele Requisiten, Knochen, Gebrauchswerkzeuge, Waffen und Schmuckstücke. Der Magdalenenberg war auch einer der berüchtigten Hexentanzplätze. So soll im Jahr 1633 (die Zeit, in der ich gerade für meinen Roman recherchiere) eine junge Frau unter Folter gestanden haben, beim Keltengrab mit dem
Teufel getanzt zu haben. Sie wurde als Hexe verbrannt.
In der Färbergasse vor dem Musikgeschäft trafen wir uns wieder. Mein Begleiter hatte inzwischen eine Seitenstraße erkundet und dabei nicht nur unzählige Geschäfte, Bars, Bistros und Restaurants entdeckt, sondern auch eine Tapas-Kneipe, in der wir uns draußen unter inzwischen blauestem Himmel Tapas servieren ließen, ganz kreativ zubereitet: Eine Schale mit Feigen, Serrano-Schinken, Cocktailtomaten, Rucola und gehobeltem Parmesankäse, eine andere mit großen und kleinen Muscheln, eine dritte mit Thunfischsalat. Dazu eine kühle Johannisbeerschorle. Warum sollten wir eigentlich noch nach Spanien fahren oder an einen dieser Touristenorte, in dem sie sich drängelnd aneinander vorbeischieben? Warum noch auf eines dieser kommerzialisierten Stadtfeste gehen, wo man nur noch rote Wurts mit harter Haut und gummiartigen Schaschlik bekommt? Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ging ein junger Mann vorüber. Ich dachte, er rede mit sich selbst oder mit seinem Handy. Nein, er schrie einem Passanten nach: "Ich hol gleich mein Messer und stech dich ab, dann hänge ich dich dort oben auf! Ich bring dich um!" Der Passant machte, dass er weiterkam. Der seltsame Typ schaute auch zu uns herüber und verschwand dann in einer Seitengasse. Beunruhigt holten wir den Wirt und einen Gast, aber der Kerl war schon verschwunden. Das habe sicher etwas mit Drogen zu tun, meinte der Wirt. Wir ließen es uns nicht verdrießen und gingen kurze Zeit später dieselbe Gasse hinunter. Angela Merkel grinste uns schon von einem Plakat entgegen. Aber dann gab es wieder Bücher und ein Bücher-Telefonhäuschen und eine uralte Frau in buntem Gewand, die uns bat, sie einige Schritte bis zum nächsten Geschäft an die Hand zu nehmen. Dort würde sie abgeholt. Sie war federleicht. Ach, wie bin ich früher in den Alpen herumgeklettert, meinte sie seufzend. Und letztes Jahr konnte ich auch noch gut laufen, aber jetzt, mit neunzig ...
Villingen ist eine der lebendigsten Städte des Südwestens und immer eine Reise wert, allein die vielen Brunnen mit den Fasnetsfiguren tragen zu dem unnachahmlichen Flair bei.
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Samstag, 9. September 2017
Freitag, 17. September 2010
Was soll ich heute kochen?
Immer, wenn ich mir überlege, mit welchem Projekt ich beim Schreiben weitermache oder was ich heute schreiben könnte (man merkt, dass ich in der notwendigen Ruhephase bin, gell?), fällt mir dieser Witz von der Hausfrau ein, die auf einem Marktplatz ein Schild hochhält:
Was soll ich heute kochen?
Da sie in der Nähe der Buchhandlung steht, erhält sie vielfältige Antworten. Die Luft schwirrt von Kochrezepten, die ihr aus allen Ecken zugerufen werden.
Blut ist vom Feinsten, wispert eine junge, bleiche Schöne, ist nahrhaft und gesund und vor allem unverfälscht. Wer es variieren oder etwas Festes zwischen den Zähnen haben möchte, mixe sich eine Bloody Mary oder brate ein Steak englisch.
Bloß nicht!, protestiert ein anderes Buch. Bloß keine Tiere essen! Habt ihr die Skandale schon vergessen?
Und wenn ihr seht, wie alles in Verwesung übergeht, vergeht euch sowieso der Appetit, schaltet sich ein anderes ein. Denkt an die Maden, die lederartige Haut. Denkt daran, wie es ist, neben einem Folteropfer Fleisch zu schneiden, mit Peperoni, in Ringe geschnitten, anzubraten und langsam verkohlen zu lassen, derweil du auf die Pirsch nach dem nächsten Opfer gehst!
Ipfuiteufel, meint Chamisso auf seiner Weltreise. Dazumal haben wir noch Delphine harpuniert, sie schmecken aber nicht so gut wie die Haie.
Ihr mit euren kleinkarierten Rezepten, wirft Z., ein Bestsellerautor, ein. Kocht doch mal so was richig Revolutionäres, etwas, das die ganze Nation umrührt!
Die Hausfrau guckt ratlos. Was vor ihr an den Ständen angeboten und marktbeschrien wird, besteht aus Kartoffeln, Kohl, gelben Rüben, Fleisch, Fisch, Wurst und Käse, Butter, Eiern, allenfalls noch Tee, Gewürzen und Honig.
Bleib im Lande und nähre dich redlich, heißt es weiter. Die Leute mögen Bodenständiges, Heimisches, das sie wiedererkennen.
Viel zu langweilig, kontert ein amerikanischer Bestseller. Ihr müsst serienmäßig kochen, mit Blut, Innereien, Fleisch, und das Ganze immer neu variieren.
Die Hausfrau ist bleich geworden.
Also, nach den Rezepten wollte ich eigentlich nicht kochen. Ich nehme dann mal Tomaten und grüne Bohnen von der Reichenau, einen Braten vom Halleschen Landschwein, der dann in Dunkelbiersoße geschmort wird, Zucchini aus Italien, spanische Chorizo, französischen Hartkäse und Bodenseefelchen. Vor dem Hauptgang gibt es ein Amuse Geule, zum Nachtisch ein Sorbet surprise. Oder vielleicht auch mal wieder russischen Borschtsch, nach kreativem Speialrezept gekocht, dafür bräuchte ich noch rote Bete und Diverses, oder Tapas: Gambas in Knoblauchöl, Albondigas in Tomatensoße, schwarze Oliven, Artischockenherzen in Vinaigrette, eine Tortilla mit Krabben, und danach den unvergleichlichen Flan
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Was soll ich heute kochen?
Da sie in der Nähe der Buchhandlung steht, erhält sie vielfältige Antworten. Die Luft schwirrt von Kochrezepten, die ihr aus allen Ecken zugerufen werden.
Blut ist vom Feinsten, wispert eine junge, bleiche Schöne, ist nahrhaft und gesund und vor allem unverfälscht. Wer es variieren oder etwas Festes zwischen den Zähnen haben möchte, mixe sich eine Bloody Mary oder brate ein Steak englisch.
Bloß nicht!, protestiert ein anderes Buch. Bloß keine Tiere essen! Habt ihr die Skandale schon vergessen?
Und wenn ihr seht, wie alles in Verwesung übergeht, vergeht euch sowieso der Appetit, schaltet sich ein anderes ein. Denkt an die Maden, die lederartige Haut. Denkt daran, wie es ist, neben einem Folteropfer Fleisch zu schneiden, mit Peperoni, in Ringe geschnitten, anzubraten und langsam verkohlen zu lassen, derweil du auf die Pirsch nach dem nächsten Opfer gehst!
Ipfuiteufel, meint Chamisso auf seiner Weltreise. Dazumal haben wir noch Delphine harpuniert, sie schmecken aber nicht so gut wie die Haie.
Ihr mit euren kleinkarierten Rezepten, wirft Z., ein Bestsellerautor, ein. Kocht doch mal so was richig Revolutionäres, etwas, das die ganze Nation umrührt!
Die Hausfrau guckt ratlos. Was vor ihr an den Ständen angeboten und marktbeschrien wird, besteht aus Kartoffeln, Kohl, gelben Rüben, Fleisch, Fisch, Wurst und Käse, Butter, Eiern, allenfalls noch Tee, Gewürzen und Honig.
Bleib im Lande und nähre dich redlich, heißt es weiter. Die Leute mögen Bodenständiges, Heimisches, das sie wiedererkennen.
Viel zu langweilig, kontert ein amerikanischer Bestseller. Ihr müsst serienmäßig kochen, mit Blut, Innereien, Fleisch, und das Ganze immer neu variieren.
Die Hausfrau ist bleich geworden.
Also, nach den Rezepten wollte ich eigentlich nicht kochen. Ich nehme dann mal Tomaten und grüne Bohnen von der Reichenau, einen Braten vom Halleschen Landschwein, der dann in Dunkelbiersoße geschmort wird, Zucchini aus Italien, spanische Chorizo, französischen Hartkäse und Bodenseefelchen. Vor dem Hauptgang gibt es ein Amuse Geule, zum Nachtisch ein Sorbet surprise. Oder vielleicht auch mal wieder russischen Borschtsch, nach kreativem Speialrezept gekocht, dafür bräuchte ich noch rote Bete und Diverses, oder Tapas: Gambas in Knoblauchöl, Albondigas in Tomatensoße, schwarze Oliven, Artischockenherzen in Vinaigrette, eine Tortilla mit Krabben, und danach den unvergleichlichen Flan
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